Zeitschrift

Großstädte




Heft 2/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Byzanz - Konstantinopel - Istanbul

Istanbul: Die Stadt auf zwei Kontinenten

Von Ahmet Bayaz



Istanbul, am Goldenen Horn gelegen. Muslime, Christen und Juden leben hier traditionell nebeneinander.
Aufnahme: dpa


Ahmet Bayaz arbeitet seit 1987 als Journalist beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart.



Mit ihrer Lage am Goldenen Horn, am Übergang zwischen Asien und Europa, ist die Stadt schon in griechischer Zeit eine wichtige Handelsmetropole. Sie wird Hauptstadt des Oströmischen Reiches und nach der Eroberung 1453 des Osmanischen Reiches. Auch wenn seit 1923 die neue Hauptstadt Ankara heißt, ist Istanbul nach wie vor wirtschaftlich und kulturell die wichtigste Stadt der Türkei. In Istanbul leben die verschiedensten Religionen nebeneinander: Muslime, Christen, Juden. Die sozialen Gegensätze sind krass, nicht zuletzt durch die massenhafte Zuwanderung aus Anatolien. Wie nirgendwo sonst ist der Bruch zwischen Tradition und Moderne so sichtbar wie hier.
Red.


Die Kontrolle des Weges zwischen Asien und Europa

Istanbul ist die einzige Stadt der Welt, die auf zwei Kontinenten liegt. Obwohl erste Siedlungsspuren in die Zeit des 3. vorchristlichen Jahrtausends zurückführen, beginnt die Geschichte der Stadt erst um 660 vor Chr. Dem Mythos zufolge gründete Byzas von Megara die neue Stadt auf der europäischen Seite zwischen dem goldenen Horn und dem Bosporus. Die neu gegründete Stadt heißt somit Byzantion und wird zur bedeutendsten Handelsmetropole in dieser Region bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr. Die Kontrolle des Seewegs vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer und des Landweges von Europa nach Asien gaben der Stadt zusätzlich eine geopolitische Bedeutung, die sie bis zur Gegenwart beibehalten hat.

Mit Konstantin (306-337), dem ersten römischen Kaiser, beginnt der zweite große Abschnitt der Stadtgeschichte. Unter dem Namen Konstantinopel wird Byzantion zur Hauptstadt des Römischen Reiches. Nach dem Tod Theodosius' I. im Jahre 395 wird das Römische Reich geteilt. Ein Sohn des Kaisers, Arcadios, regiert von Konstantinopel aus den Osten, sein Bruder Honorius von Rom aus den Westen. In den nächsten Jahrhunderten erfährt Konstantinopel, das sich wie das antike Rom über sieben Hügel erstreckt, als wichtiges Handelszentrum eine wirtschaftliche Blütezeit. Die Errichtung einer Universität fördert zudem das geistige Leben am Bosporus. Bis zur Eroberung der Stadt durch die Osmanen im Jahre 1453 erlebt jedoch Konstantinopel immer wieder auch die Schattenseiten der Geschichte durch Belagerungen von umliegenden Völkerschaften, Pestepidemien, Bürgerkriege und Erdbeben.


Die Hauptstadt des Osmanischen Reiches

Nachdem die Stadt 31 Jahre lang immer wieder von den Osmanen belagert wurde, fällt sie schließlich am 29. Mai 1453 an Sultan Mehmet II. Die Eroberung Konstantinopels bedeutete gleichzeitig das Ende des Byzantinischen Reiches. Stefan Zweig schreibt in seinem bekannten Buch Sternstunden der Menschheit über die Eroberung Konstantinopels: "Etwas ganz Unwahrscheinliches hat sich begeben. Durch eine der vielen Breschen der Außenmauern sind unweit der eigentlichen Angriffsstelle ein paar Türken eingedrungen. Gegen die Innenmauer wagen sie sich nicht vor. Aber als sie so neugierig und planlos zwischen der ersten und der zweiten Stadtmauer herumirren, entdecken sie, daß eines der kleinen Tore des inneren Stadtwalls, die sogenannte Kerkaporta, durch ein unbegreifliches Versehen offen geblieben ist. Es ist an sich nur eine kleine Tür, in Friedenszeiten für die Fußgänger bestimmt, während jener Stunden, da die großen Tore noch geschlossen sind; gerade weil sie keine militärische Bedeutung besitzt, hat man in der allgemeinen Aufregung der letzten Nacht offenbar ihre Existenz vergessen. Die Janitscharen finden nun zu ihrem Erstaunen diese Tür inmitten des starrenden Bollwerks ihnen gemächlich aufgetan. Erst vermuten sie eine Kriegslist, denn zu unwahrscheinlich scheint ihnen das Absurdum, daß, während sonst vor jeder Bresche, jeder Luke, jedem Tor der Befestigung Tausende Leichen sich türmen und brennendes Öl und Wurfspieße niedersausen, hier sonntäglich friedlich die Tür die Kerkaporta, offensteht zum Herzen der Stadt. Auf jeden Fall rufen sie Verstärkung heran, und völlig widerstandslos stößt ein ganzer Trupp hinein in die Innenstadt, den ahnungslosen Verteidigern des Außenwalls unvermutet in den Rücken fallend. Ein paar Krieger gewahren die Türken hinter den eigenen Reihen, und verhängnisvoll erhebt sich jener Schrei, der in jeder Schlacht mörderischer ist als alle Kanonen, der Schrei des falschen Gerüchts. 'Die Stadt ist genommen!' Laut und lauter jubeln die Türken ihn jetzt weiter: 'Die Stadt ist genommen!' und dieser Schrei zerbricht allen Widerstand. Die Söldnergruppen, die sich verraten glauben, verlassen ihren Posten, um sich rechtzeitig in. den Hafen und auf die Schiffe zu retten. Vergeblich, daß Konstantin sich mit ein paar Getreuen den Eindringlingen entgegenwirft, er fällt, unerkannt erschlagen, mitten im Gewühl, und erst am nächsten Tage wird man in einem Leichenhaufen an den purpurnen, mit einem goldenen Adler geschmückten Schuhen feststellen können, daß ehrenvoll im römischen Sinne der letzte Kaiser Ostroms sein Leben mit seinem Reiche verloren." Die Stadt heißt fortan Istampol /Stambul / Istambul/ Istanbul. Auch wenn strenggläubige Muslime die Herkunft dieses Namens mit Islampol in Verbindung bringen, so hat sich Instanbul urspünglich aus dem griechischen Wort Istinpolis abgeleitet. Istanbul bleibt bis zur Gründung der Türkischen Republik Hauptstadt des osmanischen Reiches. 1923 erklärt Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk Ankara zur Hauptstadt.


Auch heute noch die größte und wichtigste Stadt der Türkei

Trotz der neuen Hauptstadt ist und bleibt Istanbul wirtschaftlich und kulturell die größte und wichtigste Stadt der Türkei. Die Stadt am Bosporus erfüllt alle UN-Kriterien für eine Megastadt. Natürlich mit all den Problemen, die in den meisten Megastädten der Welt wie Mexico-Stadt oder Sao Paulo vorherrschen. Dies konnte man der UN-Konferenz über Wohn- und Siedlungswesen (Habitat II), die im Sommer 1996 in Istanbul stattfand, entnehmen. 1990 noch lebten in Istanbul 7,3 Millionen Menschen. Inzwischen soll die Einwohnerzahl um das Doppelte gewachsen sein. Experten vermuten, daß z.Zt. an die 15 Millionen Menschen in der Stadt zwischen Europa und Asien leben. Dabei sind etwa 70 % der Bevölkerung Istanbuls durch Landflucht aus Anatolien zugezogen.

Durch Flucht, zumeist aus Südost- und Ostanatolien, erhoffen sich viele Türken in Istanbul eine neue Existenz. Die Flucht vor der Armut aber endet zumeist im Elend der Großstadt. Jedes Jahr entstehen neue wilde Siedlungen am Stadtrand. Die Stadtgrenzen werden immer weiter an die Peripherie gedrängt, man braucht an die zwei Stunden, bei mäßigem Verkehr übrigens (ob man in Richtung Ankara oder Edirne fährt, ist völlig egal), um aus der Stadt hinausfahren zu können.

Die Slums in und um Istanbul bestehen zumeist aus den sogenannten Gecekondus (über Nacht gebaute billige Lehmhütten, deren Abriß bis vor einigen Jahren aufgrund eines Gesetzes verboten war). Rund 4,5 Millionen Menschen hausen heute in diesen Siedlungen, die meist illegal auf öffentlichem Gelände gebaut werden. Immer dann zum richtigen Zeitpunkt, wenn Kommunalwahlen vor der Tür stehen, werden von den jeweiligen Bürgermeistern Amnestien ausgesprochen, so daß die Gecokondus weiterhin bestehen können.


Der Erfolg der Islamisten beruht auf dem krassen Gegensatz von Arm und Reich

Der Gegensatz zwischen Arm und Reich ist, wie in anderen Megapolen auch, in Istanbul sehr gravierend. Ein Fünftel der Bevölkerung von Istanbul verfügt über fast 60 % der Einkommen, ein anderes Fünftel gerade mal über 5 %. Der wachsende Unmut über den immensen Bruch zwischen Arm und Reich erklärt auch den Aufstieg und den Erfolg der islamistischen Wohlfahrtspartei von Necmettin Erbakan bei den letzten Parlamentswahlen. Dies konnte man schon bei den Kommunalwahlen zwei Jahre zuvor erahnen. Damals gelang es den Islamisten, die Oberbürgermeister von fast allen Großstädten der Türkei zu stellen. Auch Istanbul bekam mit Tayyip Erdogan einen islamistischen Oberbürgermeister. Da die bürgerlichen Parteien sich nicht auf einen Kandidaten einigen konnten, freute sich im wahrsten Sinne des Wortes "der dritte Kandidat" von der Refah-Partei. Die meisten Stimmen erhielt die Wohlfahrtspartei Refah aus den Elendvierteln von Istanbul. Im Vorfeld der Wahlen verteilten die Islamisten dort nicht nur kostenlos Lebensmittel, sondern boten der armen Bevölkerung verschiedene Dienstleistungen an. Von allen Parteien verfügt die islamistische Wohlfahrtspartei über die beste Organisation, was Telekommunikation, Transport, Informationsdienste usw. betrifft. Während der Wahlen wurden beispielsweise gesonderte Busse ausschließlich für Frauen bereitgestellt, um sie zur Wahlurne zu bringen.

Hat sich nun das politische und gesellschaftliche Leben in Istanbul durch den islamistischen Oberbürgermeister in den letzten zwei Jahren geändert? Wenn es nach dem neuen islamistischen Oberbürgermeister Tayyip Erdogan gegangen wäre, so hätte er nach seinem Amtsantritt am liebsten alle Nachtlokale geschlossen und überall Alkoholverbot angeordnet. Die Cafès und Bars seien Inbegriff westlicher Dekadenz. Da es sich aber bei diesen Lokalen um Privatbesitz handelt, war es für die Islamisten nicht möglich, sie schließen zu lassen. Auffällig, und dies muß nachdenklich stimmen, ist, daß auch viele Demokraten einräumen, die islamistische Wohlfahrtspartei habe manche der städtischen Aufgaben und Dienstleistungen in Istanbul besser bewältigen können, als es zu Zeiten der bürgerlich-etablierten Parteien geschah.


Eine enorme Belastung der Umwelt

Doch die objektiven Gegebenheiten in Istanbul, dem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Türkei, sprechen für sich. Extreme Luft- und Wasserverschmutzung, Lärmbelastung, das Müllproblem und ein Verkehrsnetz das tagtäglich in einem unendlichen Chaos zusammenbricht, sind die wichtigsten Sorgen der Einwohner von Istanbul. Über 80 % aller Wirtschafts- und und Industriezweige sind in dieser Stadt vertreten.

Die Luftverschmutzung entsteht in erster Linie durch die Fabriken, durch Autos und durch Heizen von minderwertiger Kohle. Das Umweltbewußtsein vieler Istanbuler Unternehmer läßt zu wünschen übrig. Zusätzliche Investitionen für den Umweltschutz sind bei der andauernden Wirtschaftskrise ihrer Meinung nach eine Zumutung. An eine Ahndung von Luft- und Bodenverschmutzungen nach dem Verursacherprinzip ist in Istanbul noch lange nicht zu denken. Anfang der Neunziger Jahre wurde zwischen Istanbul und dem TÜV Südwest eine Zusammenarbeit auf dem Umweltsektor vereinbart. Die deutschen Experten sollten als Berater in Umweltfragen eingesetzt werden. Eigens wurde dafür in Istanbul auch ein mobiles Meßsystem zur umfangreichen Schadstoffermittlung eingerichtet.

Aber die Diagnose ist noch nicht die Therapie, und die Beratung noch nicht die Verwirklichung umweltfreundlicher Methoden. Fehlende Finanzierungsmöglichkeiten und unausgegorene Gesetze verzögern einen wirksamen Umweltschutz. Viele der Industrieanlagen um Istanbul sind für die Luft- und Bodenverschmutzung am Bosporus mitverantwortlich. Filteranlagen nach westeuropäischem Standard z. B. haben in den Schornsteinen der Industrieanlagen von Istanbul noch Seltenheitswert. Auch die Abfallprodukte vieler Fabriken fließen in die nahegelegenen Bäche. Die Bodenverschmutzungen verderben die Trinkwasserqualität. Ganz zu schweigen von den leeren Stauseen um Istanbul. Damit sie sich wieder füllten, ließ der islamistische Oberbürgermeister noch letztes Jahr regelmäßige Regengebete verrichten.


Doch Initiativen zur Rettung der historischen Bausubstanz

Zum Stadtbild Istanbuls gehören die typischen Holzhäuser. Gebaut in osmanischer Tradition, läßt sich in ihnen die Harmonie verschiedener Kulturen wiedererkennen. Durch das rasante Bevölkerungswachstum schossen jedoch in den letzten Jahrzehnten in und um Istanbul hohe Blocksiedlungen wie Pilze aus dem Boden. Die hohen Wohnsilos verhindern heute, daß die Winde, vom Schwarzen Meer und Marmarameer kommend, die Atemluft der Bevölkerung auffrischen.

Diese wilde Verstädterung muß auch den Direktor des türkischen Automobildubs, Celik Gülersoy, erzürnt haben, als er vor Jahren beschloß, zahlreiche Holzvillen aus osmanischer Zeit zu renovieren, um somit der Stadt am Bosporus etwas von ihrer alten Pracht zurückzugeben. Er ließ in Eigeninitiative das Yesil Ev (Grünes Haus) in der Nähe der Blauen Moschee, die Häuserzeile in der Sogukcesme Sokagi zwischen Hagia Sophia und den Außenmauern des Topkapi-Serails, die Gebäude um das Chorakloster, die Pavillons im Yildiz- und im Emirgan-Park sowie das türkische Café in Camlica auf der asiatischen Seite Istanbuls renovieren. Vor allem ist die Besichtigung des Yesil Ev zu empfehlen, ganz in der Nähe der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Istanbul wie der Hagia Sophia, der Blauen Moschee, des Topkapi-Serails und des berühmten Basars.


Verkehrschaos oder sagt man besser: Verkehrsterrorismus?

Neben den umweltverschmutzenden Industrieanlagen, dem Heizen mit minderwertiger Kohle im Winter und der falschen Städtebaupolitik hat Istanbul noch ein weiteres Problem zu beklagen: den Verkehr schlechthin. Dabei weiß ich nicht, ob man von Verkehrschaos oder gar von Verkehrsterrorismus sprechen sollte. Auf den Straßen Istanbuls verunglücken jährlich an die 700 Menschen tödlich, mehr als 10 000 werden verletzt. Die Straßen aus unbefestigtem Asphalt sind meist im schlechten Zustand. Bei Hitze und Kälte entstehen Schlaglöcher, die man vorsichtig umfahren muß. Katalysatoren besitzen die wenigsten Fahrzeuge. Morgens und abends, wenn man von der asiatischen Seite zur europäischen bzw. umgekehrt fahren möchte und gezwungen ist, eine der beiden Brücken über den Bosporus zu benutzen, so muß man als Fahrer viel Geduld und Nervenstärke aufbringen. Es können Stunden vergehen, um an die Arbeitsstelle oder nach Hause zu gelangen.


Moscheen, Kirchen, Synagogen - nebeneinander

Trotz dieser massiven Probleme ist Istanbul eine faszinierende Stadt. Das Stadtbild ist geprägt von Moscheen, Basaren und Palästen wie der Topkapi-Serail, aber auch von Kirchen und Synagogen, die größtenteils immer noch gut erhalten geblieben sind. Auch wenn die Fundamentalisten danach streben, man solle die Hagia Sophia wieder als Moschee umbauen, erreichen werden sie ihr Ziel in einer laizistischen Türkei nicht, auch wenn der derzeitige Ministerpräsident Necmettin Erbakan heißt. Istanbul war und ist eine kosmopolitische Stadt geblieben. Ca. 80 % der Einwohner Istanbuls bekennen sich zum Islam. Bedeutende Minderheiten sind die griechisch-orthodoxen Christen, die armenischen Christen und die sephardischen Juden. Die letzteren leben in Istanbul seit über 500 Jahren. Sie flohen 1492 von der iberischen Halbinsel, als sie nach dem Zusammenbruch des maurischen Reiches gezwungen werden sollten, zum Christentum überzutreten. Der damalige Sultan Beyazit II. schickte einen großen Teil der osmanischen Flotte nach Spanien, um die sephardischen Juden zu retten. Über 200 000 von ihnen, die sich nicht zum Christentum bekehren lassen wollten, flüchteten zunächst nach Tanger, Algier, Genua, Marseille, Saloniki und schließlich auch nach Istanbul. Der Sultan gewährte damals über 50 000 dieser spanischen Juden Zuflucht im osmanischen Reich. Als Sultan Beyazit II. 1492 die iberischen Juden aufgenommen hatte, soll er gegenüber seinem Oberrabbiner geäußert haben: "Den König Ferdinand von Aragonien hat man mir als weise beschrieben, obwohl er sein Land ärmer machte, indem er das meine bereicherte."

Am Bosporus sind die sephardischen Juden bis heute geblieben. In einigen Stadtteilen Istanbuls, wie z. B. in Kuzguncuk, findet man gleich neben einer Moschee eine armenische Kirche, etwas weiter entfernt eine Synagoge, auf der anderen Straßenseite dann eine griechisch-orthodoxe Kirche. Zu den christlichen Gebetszeiten zweimal täglich um acht und vier Uhr nachmittags ertönen in Kuzguncuk die Glocken. An manchen Feiertagen kann es sogar sein, daß sich das Glockengeläut und der Ruf des Muezzin vom Minarett zu einem einzigartigen mystischen Klang vermischen.


Der Bruch zwischen Tradition und Moderne ist nirgendwo sonst so augenfällig

Istanbul, die Stadt zwischen Orient und Okzident, erscheint dem Außenstehenden erst einmal sehr widersprüchlich. Der Bruch zwischen der Moderne und der Tradition ist nirgendwo anders in der Türkei so auffällig zu beobachten wie in Istanbul. Mädchen mit Kopftüchern und verschleierte Frauen gehören ebenso zum Straßenbild, wie Teenager in Miniröcken und Frauen in avantgardistischem Outfit.

Eine ähnliche Situation spiegelt sich auch in der politischen Landschaft wieder. Von der Fraktion der Wohlfahrtspartei im türkischen Parlament wurde keine einzige Frau als Abgeordnete aufgestellt. Auf der anderen Seite wurde das gleiche Land in den letzten Jahren von einer Ministerpräsidentin regiert. Von diesen Widersprüchen möchte sich die bekannteste türkische Unternehmerin Leyla Alaton nicht irritieren lassen: "Widersprüche gehören mal zur Türkei, sie machen das Leben bunter und interessanter. Außerdem hat sich das politische und gesellschaftliche Leben in Istanbul durch den islamistischen Oberbürgermeister nicht geändert. Ich habe den Oberbürgermeister erst kürzlich während einer Veranstaltung kennengelernt. Wir saßen nebeneinander, er trank seinen Orangensaft, während ich ihm mit einem Glas Rotwein zuprostete. Wir dürfen den Islamisten nicht mit Vorurteilen begegnen. Demokratie schließt das Regieren Andersdenkender ein."

Auf der Fahrt zum Flughafen wird bewußt, daß in Istanbul nicht nur zwei, sondern mehrere verschiedene Welten aufeinander treffen. Das Leben in den Stadtteilen Ortaköy, Nisantasi, Suadiye, Kuzguncuk unterscheidet sich kaum vom Alltagsleben in westeuropäischen Metropolen. Auf der anderen Seite gibt es Stadtviertel in Istanbul, in denen man in einem anderen Zeitalter zu leben glaubt. Die vielen künstlich geschaffenen Siedlungen in und um Istanbul, die in erster Linie die landflüchtigen Menschen aus Anatolien beherbergen, haben das nostalgische Stadtbild Istanbuls verändert. Dieses kann man nur noch aus den vergilbten Photos erkennen oder aus Gedichten wie das von dem bekannten türkischen Lyriker Orhan Veli Kanik, der vor 50 Jahren über die Stadt am Bosporus schrieb:

"Ich höre Istanbul, meine Augen

geschlossen,

Zuerst weht ein leichter Wind,

Leicht bewegen sich

Die Blätter in den Bäumen.

In der Ferne, weit in der Ferne.

Pausenlos die Glocke der

Wasserverkäufer.

Ich höre Istanbul, meine Augen

geschlossen.

Ich höre Istanbul, meine Augen

geschlossen.

In der Höhe die Schreie der Vögel,

Die in Scharen fliegen

Die großen Fischernetze werden

eingezogen,

Die Füße einer Frau berühren das Wasser,

Ich höre Istanbul, meine Augen

geschlossen."

(Übersetzt von Yüksel Pazarkaya)