Zeitschrift

Großstädte




Heft 2/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Zu heilig für den Frieden ?

Jerusalem: Brennpunkt konfliktreicher Geschichte

Von Wolfgang Böge und Jörg Bohn



Die Altstadt von Jerusalem
Aufnahme: Wehling


Dr. Wolfgang Böge ist Fachleiter für Geschichte am Studienseminar Hamburg und Lehrbeauftragter an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Jörg Bohn ist Gymnasiallehrer für Religion und Ethik in Hamburg. Beide Autoren sind in Projekten zum Thema Israel tätig.



Anders als andere Städte auf dieser Welt ist Jerusalem eine Stadt, die ganz aus der Geschichte lebt: Ihrer Bedeutung als heilige Stadt dreier Weltreligionen, ihre gegenwärtige Situation mit unsicherem Status und nach wie vor zwar unsichtbarer aber unübersehbarer Grenze, ihre Konflikte, die um jeden Quadratmeter geführt werden, sind ein Produkt der Geschichte. Und die Geschichte erweist sich auch als Belastung für ihre Zukunft, für einen dauerhaften Ausgleich, für den Frieden.
Red.


Die eine Stadt dreier Religionen und zweier Nationen

Über welche Stadt wurde in den letzten Jahren am meisten in unseren Zeitungen berichtet? Jerusalem! Welche Stadt beherbergt die meisten Journalisten pro Kopf der Bevölkerung? Jerusalem! Im Mittelalter galt die Stadt als der Mittelpunkt der Welt. Kaum eine Stadt wurde so oft erobert, zerstört, entvölkert wie Jerusalem, die Stadt des Friedens. Der Besucher schreitet über die Schichten von ca. 4000 Jahren durchgehender Besiedlung, genauso lange ist Jerusalem Zentrum konfliktreicher Geschichte. Manche Städte kann man besser verstehen, wenn man von ihrer Gegenwart ausgeht und ihre Geschichte vernachlässigt. Bei Jerusalem ist es umgekehrt. Niemand kann die Gegenwart dieser Stadt verstehen, der nicht zuerst und ausführlich nach ihrer Geschichte fragt. Alles in dieser Stadt ist Geschichte, und die Geschichte mit ihren lang nachwirkenden Verletzungen und Traumata erklärt hier fast alles. Jerusalem ist heute eine Stadt zweier Nationen, dreier Religionen, faszinierend in ihrer Historizität, erschütternd in ihrer inneren Zerrissenheit: Zion, das Zentrum jüdischer Religiosität, Al Quds, die Heilige, für die Muslime und die Stadt der Passion Jesu für die Christen. Unverzichtbarer Mittelpunkt für jeden religiös-national denkenden Israeli, unverzichtbare Hauptstadt staatlicher Zukunft für jeden Palästinenser ist Jerusalem heute der Ort eines täglichen erbitterten Ringens um jedes Haus, um jeden Quadratmeter Boden.

Alles begann weit bevor David als König der Israeliten die kanaanitische Jebusiterstadt an diesem Ort eroberte und zur neuen Hauptstadt der israelitischen Stämme machte. Aber aus der Zeit Davids stammen die Wurzeln unseres Interesses an dem abseits der großen Handelswege im Bergland 800 m hoch liegenden, schwierig mit dem lebensnotwendigen Wasser zu versorgenden Ort am Rande der judäischen Wüste. Ob das Wort Jerusalem etwas mit der semitischen Wurzel für Frieden, wie z.B. im heutigen hebräischen Shalom oder arabischen Salam, zu tun hat, ist mehr als fraglich, wie das meiste aus jener Zeit. Vermutlich stammt der Name von Salim, dem Schützenden, dem Stadtgott der kanaanäischen Jebusiter, der in der Frühzeit, wie einige Forscher sagen, auf dem Felsen, der seither das Zentrum aller Heiligkeit war, mit Tier-, wahrscheinlich auch mit Menschenopfern, geehrt wurde. Die Volksethymologie machte daraus Jerusalem, Stadt des Friedens. Unsere Kenntnisse jener Zeit sind sehr begrenzt. Selbst bezüglich des Königs David, den wir aus der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament, so gut kennen, versagen archäologische Nachweise. Der Kult um David die Überhöhung des Namens, alles an dieser Stadt ist für die Betroffenen mythengeladen, voll tiefster Bedeutung. Der größte Teil der Publikationen über Jerusalem hat offen oder versteckt Kampfschriftcharakter bis hin zu auf den ersten Blick unschuldigen Fotobänden und Reiseführern. Selbst der Text von Pilgerurkunden muß dazu herhalten, einen Alleinanspruch, den eigenen Herrschaftsanspruch zu untermauern.

Geschichtsfälschung, zumindest aber höchst eigenwillige Perspektivität sind das Normale. Es wird ein ständiger Kampf um das Bewußtsein der ungewarnten Betrachter und Besucher geführt: Jerusalem ist unser. Die Stadt war immer viel zu heilig, als daß ihre Bewohner jemals lange in Frieden hätten leben können.


Der Fels Moria: mehrfach "besetzt"

Die erste Erwähnung Jerusalems in der hebräischen Bibel steht im Zusammenhang mit den Wanderungen Abrahams. Hierbei ist die Erzählung von der geplanten Opferung Isaaks besonders wichtig. Der Ort, der Felsen Moria, der kanaanitische Opferplatz, ist nämlich der Überlieferung nach mit dem Allerheiligsten des späteren jüdischen Tempels identisch. Und derselbe Fels ist wiederum nach muslimischer Tradition der Ausgangspunkt der Himmelfahrt Mohammeds. Über ihn wölbt sich heute die Kuppel des islamischen Felsendoms. Stätten, die einmal "heilig" waren, bleiben heilig, und bedeutende Traditionen, die mit Jerusalem verknüpft sind, werden - wie die heiligen Stätten - mehrfach "besetzt", mit jeweils unterschiedlicher Deutung. Abraham jedenfalls ist allen drei monotheistischen Religionen, die in Jerusalem versammelt sind, heilig. Sari Nusseibeh, der Präsident der Al-Quds-Universität, sagte bei einem Treffen in Jerusalem im Frühjahr 1996 auf die Frage, ob er sich eine friedensstiftende Rolle der drei monotheistischen Religionen für Jerusalem vorstellen könne: Sicherlich, denn wir sind alle Töchter und Söhne Abrahams: Abraham verkörpert so etwas wie einen Teil des religiösen Gründungsmythos Jerusalems.


Die historisch greifbare Geschichte beginnt erst mit David

Die historisch einigermaßen greifbare Geschichte beginnt aber mit König David also vor rund dreitausend Jahren. Nach ihrer Eroberung durch den Feldherrn Davids wird die Jebusiterstadt Urusalim königlicher Besitz und damit gleichsam neutraler Boden für die israelitischen Stämme. David erhebt dieses Jerusalem zur Hauptstadt des ersten jüdischen Staates und eint damit die Stämme Israels. Keiner der Stämme war durch die Gründung sichtbar bevorzugt. Ein zweiter entscheidender Schritt in der jüdischen Geschichte Jerusalems war die Überführung der Bundeslade nach Jerusalem, der Truhe, in der die Gesetzestafeln mit den Geboten, welche Moses der Überlieferung nach am Berg Sinai von Gott erhalten hatte, aufbewahrt wurden. Damit wurde Jerusalem nicht nur das politische, sondern gleichzeitig auch das religiöse Zentrum des neuen jüdischen Staates. Davids Sohn und Nachfolger Salomo vollendete die Zentralisierung durch den Bau des ersten Tempels, in dem die Gesetzestafeln ihren bleibenden Ort bekamen. Nicht nur Abraham, sondern auch die Gestalt Davids, prägt bis heute politisches Bewußtsein in Israel und Jerusalem. Der jetzige Bürgermeister Olmert machte David im Zuge der umstrittenen 3000-Jahr-Feier der Stadt gegen das Wissen der Geschichtswissenschaft zum Kronzeugen einer mehr oder weniger ausschließlich jüdischen Geschichte Jerusalems. Die hebräische Bibel, die schließlich die einzige greifbare Quelle dieser Geschehnisse ist, denkt da ungleich großzügiger und "fremdenfreundlicher". Sie unterschlägt ausdrücklich nicht die Existenz von Fremden und macht deutlich, daß auch das Jerusalem der Davidsstadt nie eine rein jüdische Stadt gewesen ist. So lag die Bauleitung bei der Errichtung des 1. Tempels in den Händen phönizischer Bauleute; indogermische Söldner die sogenannten "Krethi" und "Plethi", retteten David bei einem Staatsstreich seines Sohnes Absalom das Leben, und die Jebusiter blieben auch nach der Eroberung in der Stadt.


Die Zerstörung des Tempels: eine metaphysische Katastrophe

Tempelbau und Staatsgründung unter David und Salomo fallen in eine Art historische Atempause oder Ausnahmesituation. In der Folgezeit machen die altorientalischen Großmächte Ägypten, Assyrien und Babylonien nach einer vorübergehenden Schwächeposition wieder ihren Einfluß auf die "Pufferzone" Israel - Phönizien - Syrien geltend. Damit beginnt im 9. Jahrhundert v. Chr. der andauernde Kampf um politische und religiöse Eigenständigkeit. Im Jahr 587 v. Chr. wird Jerusalem von babylonischen Truppen erobert. Stadt und Tempel werden zerstört. Um jeden weiteren Widerstand zu brechen, wird die Oberschicht ins Zweistromland deportiert. Rund 50 Jahre später erlaubt ein Toleranzedikt des persischen Großkönigs Kyros die Rückkehr. Die von den Babyloniern geraubten Kultgeräte werden zurückgegeben, und Mittel aus dem persischen Reichsschatz ermöglichen den Bau des zweiten Tempels, der allerdings wesentlich bescheidener ausfällt als das salomonische Bauwerk. Die folgenden Jahrhunderte der Stadtgeschichte sind eine Zeit der Fremdherrschaft, in die sich Perser, griechische Seleukiden und schließlich die Römer abwechseln. Jerusalem ist kein politisches Zentrum mehr. Der Tempel wird zum ausschließlichen Mittelpunkt der Stadt, die jetzt zu einer zentralen Pilgerstätte für die Juden Israels und der umliegenden Länder (Diaspora) wird.

Um die Zeitenwende veranlaßt der unter römischer Oberherrschaft regierende Herodes eine großzügige Restauration und Erweiterung des zweiten Tempels, der damit einer der größten Sakralbauten der damaligen Zeit wird. Etwa 300 000 Menschen konnte das Tempelgelände während der großen Wallfahrtsfeste fassen, wobei ein immer größerer Teil der Pilger aus der Diaspora kommt. Jerusalem wird so immer mehr eine kosmopolitische Stadt, was z.B. die Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte im Neuen Testament wiederspiegelt. Um so einschneidender war die Zerstörung dieses zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 n.Chr. Sie vollzog sich im Zuge einer erfolglosen Aufstandsbewegung der jüdischen Bevölkerung gegen die römische Besatzungsmacht. Wieder - wie unter den Babyloniern - wurde Jerusalem weitgehend zerstört, die Bevölkerung getötet oder versklavt. Vom Tempelgelände blieb lediglich die westliche Stützmauer erhalten, die spätere Klagemauer.

Diese Zerstörung war allerdings viel durchgreifender als die Zerstörung im Jahr 587 v.Chr., weil sie unwiderruflich war - das galt jedenfalls für den Tempel, an den von jetzt an nur noch die Klagemauer erinnerte. Begleitet wurde diese Zerstörung von der endgültigen Zerstreuung, der Diaspora des jüdischen Volkes in die Länder rings um das Mittelmeer.

Im Bewußtsein des Judentums handelte es sich bei dieser Zerstörung um eine Art metaphysische Katastrophe. Zur Bezeichnung dieses Ereignisses wurde ein neues hebräisches Wort geprägt, das Wort churban. Gemeint ist damit eine vollständige und irgendwie unwiderrufliche Vernichtung von einzigartiger Bedeutung. Um so erstaunlicher ist, daß das Judentum diese Katastrophe überhaupt überleben konnte.


Vom Tempelkult zu einer Religion des Buches

Ein wichtiger Grund hierfür war der Einfluß der bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. einsetzenden prophetischen Bewegung. Diese lehnte den Tempelkult zwar nicht ab, setzte aber der jüdischen Religion einen neuen Schwerpunkt: die Erziehung des Volkes im Geist des ethischen Monotheismus, d.h. dem Respekt vor der Einzigkeit Gottes und der ethischen Verpflichtung der Menschen. Wichtiger als der Kult am Tempel war für die prophetische Bewegung die Einhaltung der Gesetze und Gebote der hebräischen Bibel. Und damit wurde das Judentum mehr und mehr eine Religion des Gesetzes und des Buches. Es gibt eine Schlüsselerzählung, die diese Entwicklung vom Tempelkult hin zu einer "Religion des Buches", die die Zerstörung des Tempels verschmerzen konnte, gleichsam symbolisch beleuchtet. Der Pharisäer und Schriftgelehrte Jochanan ben Zakkai läßt sich kurz vor der Eroberung Jerusalems durch die Römer heimlich aus der Stadt bringen, weil er jeden weiteren Widerstand für sinnlos hält. Während sich die damaligen "national-religiösen" Kräfte, die Zeloten, an Jerusalem, am Tempel "festkrallen" und auf ein Wunder in letzter Minute hoffen, erbittet Jochanan ben Zakkai vom späteren römischen Kaiser Vespasian die Erlaubnis, eine Schule, ein jüdisches Lehrhaus, gründen zu dürfen. Dieses Lehrhaus in Jammnia wird die Keimzelle des rabbinischen Judentums, weil hier unter anderen die Vorarbeiten für den späteren Talmud geleistet werden. Das heute existierende Judentum hat hier seine religiösen Wurzeln.


Die Klagemauer als Symbol der Zionssehnsucht

In den Jahren 132-135 n. Chr. kommt es zu einem zweiten großen Aufstand gegen die Römer unter Bar Kochba, der von seinen Anhängern als Messias, als politische und religiöse Befreiergestalt, verehrt wird. Die Römer schlagen auch diesen zweiten Aufstand blutig nieder. Jerusalem wird zu einer rein römischen Stadt gemacht und darf zunächst von keinem Juden mehr betreten werden. Später wird dieses Verbot gelockert. Einmal im Jahr, zum Jahrestag der Zerstörung, dürfen Juden an der Westmauer beten und ihre Klagelieder rezitieren. So entsteht der erste der drei großen heutigen Symbolorte Jerusalems, die Klagemauer. Sie symbolisiert das jüdische Bewußtsein, überall anders im "Exil" zu sein und etwas Unwiderrufliches, den Tempel, verloren zu haben. Gleichzeitig symbolisiert sie aber auch den unbedingten Wunsch, an "Zion", an Jerusalem, festzuhalten. Drittens findet im religiösen Bewußtsein des Judentums eine weitgehende Identifizierung der Stadt, "Zions", mit dem Land Israel und dem jüdischen Volk statt, so daß sich mit der Sehnsucht nach Rückkehr auch die Hoffnung auf eine Neubesiedlung des Landes und eine Neuerrichtung eines jüdischen Staates verband. Immer wieder kommt es zwischen dem Ende des Bar Kochba-Aufstandes und dem beginnenden 20. Jahrhundert zu kleineren Einwanderungsbewegungen. Diese "Zionssehnsucht" und eine mehr oder weniger dauerhafte jüdische Präsenz in Israel und Jerusalem sind auch die beiden Wurzeln der zionistischen Bewegung des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit der Eroberung der Altstadt im Jahre 1967 hat die Epoche des Exils und des Exilbewußtseins im Grunde erst ihr Ende gefunden.


Die neue Rolle als spirituelles Zentrum des Christentums

Am Anfang der christlich bestimmten Epoche Jerusalems steht eine Geschichte, die sich lange vor der eigentlichen christlichen Herrschaft in Jerusalem abspielte: der Prozeß, der Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Historisch wahrscheinlich ist, daß Prozeß und Tod auf das Jahr 30 n.Chr. fallen. Kernpunkt der Anklage im Prozeß Jesu ist der Vorwurf des Hochverrats, der Verdacht, sich zu einem politisch-religiösen Befreier (jüdisch: Messias) gemacht zu haben. Den Anstoß zum Prozeß lieferte die jüdische Tempelpriesterschaft. Der juristisch Verantwortliche für seinen Tod war Pontius Pilatus. Mit der Hinrichtung endet die Geschichte des Wanderpredigers und Heilers Jesus, die tief im Judentum seiner Zeit verwurzelt ist. Die Berichte seiner Anhänger über seine Auferstehung konstituieren das Christentum, das schon kurz nach dem Toleranzedikt des Kaisers Konstantin zu Beginn des 4. Jahrhunderts n.Chr. zur bestimmenden Macht in Jerusalem wird. In dem Maß, wie das Christentum an Einfluß im Römischen Reich gewinnt, wird Jerusalem spirituelles Zentrum des Christentums und des christlich gewordenen Imperium Romanum. Ausdruck dieses neuen Status der Stadt ist ein repräsentatives Bauwerk, die Grabes- bzw. Auferstehungskirche.

Der Bau wird von Kaiser Konstantin finanziert und verkörpert sichtbar die Einheit von römischer Staatsmacht und Christentum. Bauelemente sind eine Rotunde und eine mit ihr verbundene Basilika. Die Rotunde wird über dem "heiligen Felsen" errichtet, wo sich der Überlieferung nach die Grablegung und die spätere Auferstehung Jesu vollzogen. Die 335 n.Chr. errichtete Kirche war der bedeutendste Sakralbau der Zeit und wurde als solcher erst rund 200 Jahre später von der Hagia Sophia in Konstantinopel übertroffen. Die jetzige Kirche ist ein Bauwerk der Kreuzfahrerzeit und läßt die ursprüngliche Pracht des konstantinischen Baus nur in Ansätzen erahnen. Wie die Klagemauer hat auch dieser zentrale Symbolort des christlichen Jerusalem eine geistige Botschaft, ist also auch architecture parlante. Er verkörpert die Absicht, an die Stelle des ehemaligen jüdischen Tempels, dessen Platz Ruinenfeld blieb, ein neues geistiges Zentrum zu setzen. Jerusalem wird jetzt in christlicher Sicht als Ort der Passion und Auferstehung Jesu der "Nabel" der Welt. Die neue Rolle der Stadt als spirituelles Zentrum des Christentums löste einen kontinuierlichen christlichen Pilgerstrom aus allen Teilen des Römischen Reiches aus. Dies zog auch einen entsprechenden kulturellen Aufschwung nach sich. Die byzantinisch-christliche Zeit kann als eine Blütezeit Jerusalems gelten. Die Stadt war jetzt mehrheitlich christlich, die Lebensbedingungen der jüdischen Minderheit waren aber durchaus erträglich. Trotzdem war auch das byzantinische Reich in den Augen der Juden Repräsentant des Imperium Romanum, das immerhin für die bis dahin größte Katastrophe in der jüdischen Geschichte verantwortlich war. Und das Christentum war mit der römischen Staatsmacht auf das engste verbunden.

Als die Gelegenheit zur Revanche kam, wurde diese mit großer Härte ausgenutzt. Im Jahre 614 eroberten die Perser Jerusalem mit jüdischer Waffenhilfe aus Galiläa. Die Perser übertrugen die Herrschaft in der Stadt für einige Jahre einer jüdischen Besatzung. Für die Perser war das Imperium Romanum der "Erbfeind", und das Christentum war für sie als Anhänger der alten zoroastrischen Religion etwas Fremdes und Fernes. Die persisch-jüdischen Sieger zerstörten somit als eine ihrer ersten Maßnahmen nach der Eroberung die Grabeskirche. Unter der christlichen Bevölkerung wurde ein Massaker angerichtet. Nach vorsichtigen Schätzungen kamen über 30 000 Menschen um. Die Bevölkerungsmehrheit blieb zwar noch für längere Zeit christlich, und die Grabeskirche wurde in Teilen wieder aufgebaut. Das endgültige Ende der byzantinisch-christlichen Herrschaft in Jerusalem stand aber bevor.


Das Jerusalem des Islam in bewußter Absetzung zu Judentum und Christentum

Jerusalem gilt im Islam nach Mekka und Medina als drittheiligste Stadt. Dies hängt nicht in erster Linie mit der Eroberung der Stadt durch den Kalifen Omar im Jahre 638 n.Chr. zusammen. Die "Heiligkeit" Jerusalems auch für den Islam ist vielmehr - wie schon im Judentum und Christentum - das Ergebnis von Geschichten, die dann irgendwann Geschichte gemacht haben. Quelle dieser Überlieferung ist ein einziger Vers der 17. Koransure:

"Lob und Preis sei Allah, der seinen Diener bei Nacht vom nahen Ort der Anbetung zum weit entfernten Ort der Anbetung geführt hat. Diese Reise haben wir gesegnet, damit wir ihm unsere Zeichen zeigen. Allah hört und sieht alles".

Die rasch einsetzende Deutung dieses Verses identifziert den "nahen Ort" mit Mekka und den "entfernten Ort" mit dem Tempelberg, genauer gesagt mit dem Felsen auf dem Tempelberg, der wahrscheinlich der Mittelpunkt des Allerheiligsten des jüdischen Tempels gewesen war. Von dort wurde Mohammed der Legende nach in den Himmel entrückt, wo er mit Jesu und Moses zusammen vor Gott betete, wobei Mohammed die Rolle des Vorbeters einnahm. Unmittelbar nach der Eroberung Jerusalems ließ sich der Kalif Omar genau diesen Ort zeigen, und er ordnete sofort an, daß der Platz gereinigt und von Trümmerresten befreit würde. Nur wenige Jahrzehnte später wurde unter dem Omaiyaden-Kalif Abd el Malik über dem Felsen der heutige Felsendom in unmittelbarer Nähe der Al-Aqsa-Moschee errichtet.

Zunächst fällt von der Topographie her die Rückkehr zum Ursprungsort der "Heiligkeit" Jerusalems auf. Bewußt wird der Felsen des jüdischen Allerheiligsten durch eine muslimische Verehrungs- (nicht: Gebets-)stätte "besetzt". Dies entspricht dem Selbstverständnis des Islam als einer Religion des ethischen Monotheismus, die bewußt auf den Traditionen des Judentums und Christentums aufbaut. Da Jerusalem der Ursprungsort des ethischen Monotheismus war, ist die "Besetzung" dieses Ortes durch den Islam folgerichtig. In diesem Sinne ist auch zu verstehen, daß die ursprünglich von Mohammed bestimmte Gebetsrichtung Jerusalem und nicht - wie später - Mekka war. Auffällig ist weiter, daß die muslimischen Heiligtümer die gleichen architektonischen Grundelemente aufweisen, die auch bei der Grabeskirche vorliegen. Die Kuppel über dem Platz der Himmelfahrt Mohammeds, am Ort des ehemaligen Allerheiligsten des jüdischen Tempels, entspricht der Rotunde über dem Heiligen Grab und dem Ort der Auferstehung Jesu. Der Basilika-Bau der Al-Aqsa-Moschee wiederum korrespondiert mit der konstantinischen Basilika über der Kreuzigungsstätte. Auch hierin liegt eine ganz bestimmte Botschaft: das christliche Bauwerk - zur Bauzeit der muslimischen Heiligtümer trotz der Zerstörungen immer noch imposant genug - sollte überboten werden. Der Felsendom, so schrieb der islamische Historiker Mukadasi um 985 n.Chr., sei gebaut worden, damit die Sinne der Gläubigen nicht verwirrt würden. Beide in dem baulichen Symbol enthaltene Grundelemente - die Tendenz der Kontinuität, aber auch die Tendenz der Diskontinuität und Abgrenzung - finden sich auch in der politischen Geschichte der Stadt immer wieder.

Die Omayaden-Zeit ist eine Epoche des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs und der Toleranz. Juden und Christen haben den rechtlich abgesicherten Status einer anerkannten - allerdings nicht gleichberechtigten - religiösen Minderheit; dies schließt die Kultfreiheit und die ungehinderte Unterhaltung und Benutzung ihrer Heiligtümer und Kultorte ein. Andererseits führte die Regierungszeit des Kalifen Hakim, der ab 1004 die Macht übernahm, zu einer erbarmungslosen Verfolgung der Christen. Höhepunkt war die Verwüstung der Grabeskirche und die restlose Zerstörung des Grabes Jesu, sogar der Grabesfelsen wurde abgetragen. Gerade dies war in den Augen der orientalischen Christen, aber eigentlich auch der gesamten Christenheit, ein traumatisches Ereignis. Ein Ereignis, das bei den Christen damals von fast gleichem Gewicht war wie für die Juden die Zerstörung und Entweihung des zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70, die Ereignisse hatten für die Kreuzzugszeit lang andauernde psychologische Folgen.

Die Nachfolger al-Hakims kehrten zu einer gemäßigten Haltung zurück. Der byzantinische Kaiser erhielt eine Schutzbefugnis über die Christen Jerusalems und durfte die Grabeskirche in Teilen erneut errichten. Pilgerreisen nach Jerusalem waren wieder möglich. Aber die Region verlor weiter an Stabilität. Der Besitz der Stadt wechselte ständig. Islamisierte türkische Seldschuken besetzten 1078 Jerusalem, bis die ägyptische Fatimiden-Dynastie sie zurückerobern konnte. Chroniken des 12. Jahrhunderts betonen die Bedeutung des religiösen Fanatismus der Seldschuken, der Pilgerreisen unmöglich machte, für die folgende Kreuzzugszeit, und auch die Berichte über Hakims Schreckensherrschaft wirkten nach.


Die Zeit der Kreuzzüge

In mehreren Wellen machten sich aus Europa sowohl marodierende Haufen wie auch wohlorganisierte Ritterheere ins Heilige Land auf, um es zu erobern und von der muslimischen Herrschaft abzulösen. Zum dritten Mal und im Gegensatz zu der arabischen Inbesitznahme durch Omar wurde nun wie zuvor 70 n. Chr. und 614 die Eroberung Jerusalems 1099 durch das Kreuzfahrerheer zur Katastrophe für die Stadt. Die Kreuzfahrer plünderten und verheerten die Stadt und töteten einen großen Teil der muslimischen und jüdischen Bewohner. Das Erschrecken über die Gnadenlosigkeit des Massakers hallte lange in der islamischen Literatur nach. Jerusalem wurde Sitz eines abendländisch-feudalistisch organisierten Königreichs der Eroberer. Das muslimische Heiligtum auf dem Tempelberg, der Felsendom, wurde zur christlichen Kirche und die Al Aksa Moschee zum Palast. Die von Hakim zerstörte Grabeskirche wurde insgesamt wiederaufgebaut und erhielt ungefähr ihre heutige Gestalt. Als besonders schöne romanische Kirche aus der Kreuzfahrerzeit ist die St. Annenkirche erhalten. Die Stadt wurde zum Ziel einer Vielzahl von Pilgern, vom norwegischen König Sigurd, der dänischen Königin Bodetha, dem armenischen König Thoros bis zu russischen Äbten und spanischen Rabbinern. Die christliche Herrschaft währte aber nur kurz. 1187 besiegte der Sultan Saladin (Salah ad-Din), ein kurdischer Söldnerführer aus Aleppo, der die Fatimiden-Herrschaft in Ägypten und Syrien gestürzt hatte, das Kreuzfahrerheer bei Hattin. Jerusalem wurde kampflos übergeben.

Saladins Herrschaft war besonnen und tolerant. Die Heiligtümer auf dem Tempelberg wurden wieder muslimisch. Die christlichen Stätten blieben aber unbehelligt. Christliche und jüdische Pilger hatten freien Zutritt zu den Heiligen Stätten. Der christliche Anspruch blieb akzeptiert. 1228 gelang Kaiser Friedrich II. durch einen Vertrag mit Sultan El Kamil von Ägypten noch einmal für einige Jahre der friedliche Erwerb von Jerusalem, Bethlehem und Nazareth. 1244 besetzten die Mamelucken, eine türkische Söldnerschicht, welche nach Saladins Tod die Herrschaft in Ägypten übernommen hatte, die Stadt. Nur kurz geriet sie noch einmal in andere Hände, als der Mongolen-Khan Hülagü 1260 die Stadt besetzte. Für fundamentalistische Muslime wurde Jerusalem mit der Mamelucken-Herrschaft endgültig zu einem Teil des Dar al Islam, zu einer nun auch im Sinne des Islam unwiderruflich heiligen Stadt.

Mehr als drei Jahrhunderte blieb Jerusalem unter mameluckischer Herrschaft. In dieser Zeit wurde die Stadt zu einem Zentrum muslimischer Gelehrsamkeit ausgebaut, ein deutliches Zeichen der erreichten Heiligkeit der Stadt. Eine Reihe kunstvoll im mameluckischen Stil verzierter, heute noch erhaltener Medresen (Koranschulen) zeugen von dieser Zeit. Jerusalem hatte aber weniger als 10 000 Einwohner und keine politische Bedeutung. Vollgültige Bürger waren nur die Muslime. Christen und Juden mußten sich durch ihre Kleidung kenntlich machen. Sie durften ihre Religion als Anhänger einer Buch-Religion zwar im allgemeinen ausüben, waren aber rechtlich in fast allen Lebensbereichen diskriminiert und ausgebeutet. Dennoch gab es immer ein christliches und ein jüdisches Viertel in der Stadt und einen ständigen, wenn auch kleinen Strom von christlichen und jüdischen Besuchern und Pilgern.


Provinznest in osmanischer Zeit

1516 besiegten die osmanischen Türken die Mamelucken in Syrien. Sultan Selim I. gewann Syrien, Arabien und Ägypten. Jerusalem wurde Verwaltungssitz eines türkischen Sandschaks (Regierungsbezirk). Die ersten Jahrzehnte der osmanischen Herrschaft brachten Jerusalem einen deutlichen Aufschwung. Sultan Suleiman der Prächtige ließ nach 1535 sogar die Befestigungen der Stadt in z.T. veränderter Linie erneut errichten, so wie sie heute zu sehen sind. Durch diese Mauern erhielt die Altstadt ihre gegenwärtige Struktur. Für ein Provinznest war der Mauerbau völlig überzogen. Der türkische Sultan fühlte sich aber eben auch als Kalif, als Schirmherr der islamischen Gläubigen. Die überdimensionierten neuen Mauern um den heiligen Symbolort sollten für die neue Herrschaft ein Zeichen setzen. Die Stadt gewann dennoch in der Folgezeit nicht an Bedeutung. Die korrupte osmanische Verwaltung lokaler Herrschaft schwankte in ihre Haltung gegenüber der geringen Zahl an Christen und Juden zwischen Gewaltherrschaft wie unter Ibn Faruk (1622-26) und erkaufter Toleranz. Reiseberichte zeichnen das Bild einer völlig heruntergekommenen Stadt. Die verarmten Christen und Juden lebten hauptsächlich vom Pilgergewerbe. Der Besitz der Heiligtümer war wegen der damit verbundenen Almosen eine lebenswichtige Einnahmequelle. Dies erklärt auch die z.T. erbitterten, manchmal sogar gewaltsamen Auseinandersetzungen unter den christlichen Kirchen um einzelne Besitzrechte.


Im Konkurrenzfieber der europäischen Mächte

Die Diskriminierung der Christen änderte sich erst entscheidend, als Mitte des 19. Jahrhunderts die europäischen Mächte ihre geopolitischen Interessen in diesem Raum entdeckten, die Schutzherrschaft über ihnen verbundene Bevölkerungsgruppen in Jerusalem beanspruchten und dauerhaft Konsulate einrichteten. Von nun an veränderte die Stadt ihr Gesicht. Um die Altstadt herum legte sich ein Ring monumentaler Bauten: Kirchen und Hospize der europäischen Mächte "besetzten" nicht nur heilige Stätten, sondern verkündeten auch einen politischen Machtanspruch. Sultan Abdul Meschid schrieb 1852 den status quo für die christlichen Heiligen Stätten unwiderruflich fest. Alles sollte zukünftig genauso bleiben, wie es festgelegt war. Von der Schwierigkeit, irgendetwas zu verändern, zeugt heute eine rostige Leiter an der Mauer der Grabeskirche, übriggeblieben von einer Baumaßnahme längst vergangener Zeit, deren Entsorgung der status quo verhindert.

Die jüdischen Einwohner blieben weiter den Schikanen der Verwaltung ausgesetzt, besonders was ihr Bemühen anbelangte, an der Westmauer des alten Herodianischen Tempels, der Klagemauer, würdig zu beten. Die Stadt verdoppelte bis 1890 ihre Einwohnerzahl auf ca. 50 000. Auch deutsche Kirchen und Gruppen suchten verstärkt Präsenz. 1867 wurde ein deutsches Leprahospital gegründet, 1866/68 Talita Kumi, eine auch heute sehr angesehene deutsche Mädchenschule, und 1872 eine evangelische Kapelle. 1873 ließen sich württembergische Templer im Süden der Stadt nieder und bauten eine bis in die Gegenwart noch ein wenig europäisch anmutende landwirtschaftliche Siedlung. Nach der Reichsgründung übernahm das Deutsche Reich diese Bemühungen. 1886 wurde ein katholisches Pilgerhospiz errichtet, 1893 die protestantische Erlöserkirche.

Es kam fast zu einem Wettrennen der europäischen Mächte um die größte und eindrucksvollste Präsenz mit symbolischem Wert. Ein Höhepunkt dieses Konkurrenzkampfes war der pompöse, auch in Deutschland viel bespöttelte Besuch Kaiser Wilhelms II. 1898 in Jerusalem. Auf dem Zionsberg im Süden der Stadt ließ er die burgartige katholische Dormitiokirche und auf der beherrschenden Höhe im Osten, zwischen Ölberg und Scopusberg, wie eine Festung mit hohem Turm das Kaiserin Auguste-Victoria Hospiz errichten. Sogar innerhalb der alten Mauern, bezeichnenderweise genau dort, wo schon Karl der Große Kirche und Hospiz hatte bauen lassen, ließ Kaiser Wilhelm II. die Erlöserkirche und das Alexander-Hospiz errichten, symbolhafte Zeichen deutschen imperialen Kaisertums in der Heiligen Stadt.


Jerusalem wird verstärkt Ziel jüdischer Einwanderung

Schon 1850 stellten die Juden die größte Bevölkerungsgruppe in der Stadt. Durch die Pogrome in Rußland ausgelöst und durch die zionistische Idee motiviert, sah Jerusalem nach 1882 eine ständig anwachsende Einwanderung von Juden. 1892 hatte die Osmanische Regierung die Erlaubnis zum Bau einer Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem gegeben. Jerusalem war damit direkt an den Weltverkehr angeschlossen. Die Viertel außerhalb der Mauern dehnten sich schnell aus: 1911 verzeichnete der Baedecker eine Gesamtbevölkerung von 70 000, mehr als die Hälfte davon Juden, die im gesamten Land aber nur eine kleine Minderheit neben der arabischen Mehrheit bildeten. Der Zionismus, die jüdische Nationalbewegung, war nicht immer auf Jerusalem und Palästina als Ziel jüdischer Staatlichkeitsbestrebungen festgelegt, andere Gebiete der Erde wurden diskutiert. Doch die Anhänger der traditionellen Bindungen an Zion, Jerusalem, den Fokus jüdischer Religiosität, siegten. Neben dem Zionismus und durch ihn stimuliert, begann sich Anfang des 20. Jahrhunderts auch ein arabischer Nationalismus herauszubilden.


In der englischen Mandatszeit entflammt der israelisch-arabische Konflikt

Die Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg verschob die Machtverhältnisse in der Region völlig. Jerusalem sah am 11. 12. 1917 den Einmarsch britischer Truppen unter General Allenby. In der Balfour-Declaration versprach die Britische Regierung 1917 den Juden eine Heimstatt in Palästina, wenn auch keinen Staat. Jerusalem (Zion) wurde zum Zentralpunkt der jüdischen Einwanderung und zum Fokus des entflammenden arabisch-jüdischen Konflikts. Schon 1920 kam es zu den ersten antijüdischen Unruhen der Araber in der Stadt. Die Briten versuchten, zwischen Juden und Arabern zu lavieren. Sie ließen dabei eine jüdische Einwanderung mit mehr als 10 000 Zuwanderern pro Jahr zu. Die Vororte Romema, Talpiot, Beit Ha-Kerem und Rehavia werden Anfang der 20er Jahre in schneller Folge gegründet.

Landwirtschaftliche Siedlungen wie Ramat Rachel und Neve Yakov wurden in der unmittelbaren Nachbarschaft der Stadt angelegt.1925 wurde die hebräische Universität auf dem Scopus von Lord Balfour eröffnet. Die Eingangsvorlesung hielt Albert Einstein. Der Yishuv, die jüdische Gemeinschaft in Palästina, baute sich in dieser Zeit eine moderne Infrastruktur auf, wobei das Prinzip, nur jüdische Arbeitnehmer in jüdischen Betrieben zu beschäftigen, den Gegensatz zu den Arabern noch weiter verschärfte.

Ausgehend von Streitigkeiten um Besitzansprüche an der Klagemauer kam es 1929 erneut zu landesweiten blutigen Unruhen der Araber gegen die Juden. Der wachsende Antisemitismus in Europa ließ in den 30er Jahren den Einwanderungsstrom besonders aus Polen, nun aber auch aus Deutschland, weiter anschwellen. 1936 versammelte sich in Jerusalem ein Arab Higher Committee unter dem Mufti al-Husseini als Interessenvertretung der arabischen Seite. Die Araber führten den Kampf gegen die Mandatsmacht anfangs durch Streiks und Steuerverweigerung. 1936-39 brach ein gewaltsamer Aufstand los, den die Araber zwar militärisch verloren, der die Briten aber letztlich wegen des drohenden Zweiten Weltkriegs eine araberfreundlichere Position einnehmen ließ, zumal al Husseini die Unterstützung von Hitler-Deutschland suchte. Innerhalb der jüdischen Bevölkerung begannen extremistische Gruppen nun ihrerseits gewaltsam gegen die britische Mandatsmacht vorzugehen. 1946 sprengte ein Terroristenkommando unter dem späteren israelischen Ministerpräsidenten Menachim Begin einen Flügel des King David Hotels, des Sitzes der britischen Verwaltung.

Der propagandistische Druck in Europa und besonders aus den USA außerhalb und die chaotisch werdende Lage innerhalb Palästinas veranlassen die Briten zum Rückzug. Großbritannien gab das Mandat an die UNO, die ihrerseits einen auf früheren Plänen basierenden Teilungsplan ausarbeiten ließ. Neben einem arabischen und einem jüdischen sollte es einem internationalisierten Teil um Jerusalem und Bethlehem geben. Dieser Teil hätte bei ca. 300 qkm Größe 210 000 Einwohner gehabt, je zur Hälfte Juden und Araber. Bis heute ist er Grundlage des internationalen Rechtsstatus der Stadt. Die jüdische Seite nahm den Plan an, die arabische lehnte kategorisch ab. Der Teilungsplan löste erneut schwere Unruhen in der Stadt und im ganzen Land aus. 55 Menschen wurden in Jerusalem allein im Dezember 1947 von arabischen und jüdischen Terroristen bei Angriffen oder von Angegriffenen in Notwehr getötet. Ein heftiger Kleinkrieg tobte um die Zugangswege nach Jerusalem von Westen. Die jüdischen Teile Jerusalems wurden abgeschnitten und die Wasserzufuhr zerstört. Die Briten griffen kaum noch in die Kämpfe ein.


Jerusalem - geteilte Stadt

Sogleich als das Mandat der Briten am 14. 5. 1948 erlosch, rief David ben Gurion in West-Jerusalem den Staat Israel aus. Der Staatsgründung folgte unmittelbar der Angriff von Soldaten der arabischen Nachbarstaaten auf die jüdischen Siedlungen. Die israelischen Streitkräfte, die im Verlauf der Kämpfe immer besser durch Waffen aus den USA und Europa ausgerüstet wurden, erwiesen sich schnell den unzusammenhängend operierenden Gegnern als militärisch überlegen. Jerusalem war ein Brennpunkt der Kämpfe, die jordanische Armee konnte zwar das jüdische Viertel der Altstadt, den Norden und Osten Jerusalems erobern oder halten und den Westteil unter Artilleriebeschluß nehmen. Der größte Teil der Stadt im Süden und Westen gelangte in die Hand der israelischen Truppen. Jerusalem wurde sofort von der neuen israelischen Regierung zur Hauptstadt Israels ausgerufen. Ben Gurion erkannte die Gunst der Stunde. Die militärische Überlegenheit im Unabhängigkeitskrieg erlaubte, weit größere Gebiete als im Teilungsplan vorgesehen, zu erobern und durch Flucht oder Vertreibung der arabischen Bevölkerung für jüdische Siedler freizubekommen. Im September 1948 wurde der UNO-Vermittler Graf Folke Bernadotte, der sich gegen die beiderseitigen Vertreibungsaktionen und für eine Rückkehr der Flüchtlinge ausgesprochen hatte, von jüdischen Terroristen ermordet. Nach dem arabisch-israelischen Waffenstillstand 1949 annektierte König Abdallah von Jordanien mit dem Westjordanland auch den Ostteil Jerusalems. Das jüdische Viertel der Altstadt wurde mit den Zeugnissen seiner Vergangenheit völlig zerstört. Wegen der völkerrechtlich ungeklärten Lage wurden weder die israelischen noch die jordanischen Annexionen in Jerusalem de jure von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt. Jerusalem war danach eine geteilte Stadt, durchschnitten von Mauern und Stacheldraht, mit einem arabischen Ostteil mit der Altstadt und einem jüdischen Westteil.


Nach dem Sechs-Tage-Krieg

1965 wurde Teddy Kollek Bürgermeister Westjerusalems. Wenig später veränderte der israelische Sieg im Sechs-Tage-Krieg seine Aufgabe von Grund auf. Plötzlich hatte er die ganze Stadt zu verwalten. In Jerusalem dauerte der Krieg nur drei Tage, wobei die Eroberung der Altstadt und des Tempelberges mit der Westmauer psychologisch-religiös von besonderer Bedeutung waren. Ost-Jerusalem wurde mit angrenzenden Gebieten unverzüglich annektiert und mit dem Westteil zu Groß-Jerusalem vereinigt. Dies stellt einen Wendepunkt in der Geschichte Israels dar. Aus jüdischer Sicht war es die Rückkehr nach Jerusalem, für die fast 1900 Jahre gebetet worden war. Der säkular-zionistische Staat wurde von einer auf Jerusalem zentrierten Welle religiöser Spiritualisierung erfaßt, die bis heute anhält. Das heilige Jerusalem als ungeteilte Stadt im eigenen, alleinigen Besitz wurde zum weitverbreiteten Fixpunkt israelischen Denkens. Jerusalem wurde als Spiegelstadt dadurch aber auch immer mehr zum Symbol arabisch-palästinensischer Identität und arabisch-palästinensischen Selbstverständnisses. Der Konflikt spitzte sich damit auf Jerusalem und besonders den Symbolort Felsendom zu. Die neuen Schulbücher der autonomen palästinensischen Schulverwaltung zeigen 1995 in allen Fächern auf der ersten Innenseite ein Bild des Felsendoms in Jerusalem. Hat die neue Briefmarke der palästinensischen Postverwaltung mit dem Motiv der Grabeskirche den Wert 50 Fils, so hat die Marke mit dem Felsendom den Wert 1000 Fils. Zwischen Marokko und Brunei zeigen Briefmarken islamischer Staaten den Felsendom in Jerusalem als Zeichen islamischer Ansprüche.


Bis heute eine unsichtbare Grenze

Der Jom Kippur-Krieg 1983 und der Golf Krieg 1990 hatten keine besonderen Auswirkungen in Jerusalem. Die Stadt ist inzwischen auf über 600 000 Einwohner angewachsen. Besonders für orthodoxe Juden ist Jerusalem ein Ziel. Die 20köpfige rechtsgerichtete Mehrheitskoalition im Stadtrat wurde 1996 bereits durch eine Mehrheit besonders religiöser Abgeordneter beherrscht, obwohl diese im Landesdurchschnitt nur ca.10 % der Wähler stellen. Die politische Stadtverwaltung wird von den Arabern boykottiert, die Institutionen bis hin zu den Blutbanken und Krankenwagen sind weiterhin geteilt. Jeder Besucher ist sogleich betroffen von der Deutlichkeit der unsichtbaren Grenze, die die Stadt durchschneidet.

Ist das junge Tel Aviv Israels Zentrum von Lebendigkeit, Kunst, Kultur und des wirtschaftlichen Lebens, so ist Jerusalem, sieht man einmal vom Tourismus ab, eher das Zentrum der Spiritualität, der Gelehrsamkeit, der religiösen Schulen. Immer war Jerusalem im jüdischen Leben, in Traditionen und Brauchtum zu tief verankert, um eine normale Stadt zu sein. Bei einer Trauung wird ein Glas zerbrochen, um an die Zerstörung des Tempels zu erinnern. Religiöse Frauen lassen ein Teilchen ihrer Kleidung unfertig, Bauherren ein Eckchen eines Neubaus unvollendet, Freude darf nicht vollkommen sein, da der Tempel zerstört ist. Feste und immer wiederkehrende Gebete erinnern ständig an das vor fast 2000 Jahren untergegangene Jerusalem. In der Kunst und sogar auf Gebrauchsgegenständen ist Jerusalem bevorzugtes Motiv. Daher ist die Eroberung des Ostteils der Stadt 1967 so bedeutsam, und die Abwendung vom säkularen Zionismus und Hinwendung zur Religiosität gerade hier so deutlich. Am Shabat, dem jüdischen Feiertag in der Woche, erstirbt das Leben in der Stadt außerhalb der arabischen Viertel.

Die Altstadt in den osmanischen Mauern Suleimans des Prächtigen umfaßt kaum mehr als einen Quadratkilometer Fläche. Nach der israelischen Inbesitznahme 1967 wurde ein neues jüdisches Viertel an der Stelle des alten, nach 1948 zerstörten errichtet und das arabische Viertel vor der Klagemauer sogleich geschleift. Heute steht das arabisch-christliche Viertel unter starkem Expansionsdruck der Muslime; und offene oder verdeckte, immer aber heftig umstrittene jüdische Landnahme, oft auch staatlich gestützt und forciert, gibt es in allen anderen Vierteln. Nationalistische jüdische Stadtpläne zeigen voll Stolz, wieweit der Prozeß schon fortgeschritten ist. Jeder Quadratmeter ist heftig umkämpft, wie wiederkehrende Presseberichte von der gewaltsamen Zerstörung arabischer Wohnhäuser, von verdeckten Kaufversuchen oder trickreichen Besetzungen unterstreichen.


Um die Altstadt ein fast geschlossener Ring jüdischer Viertel

Um die Altstadt wie auch das arabische Ostjerusalem liegt inzwischen ein fast geschlossener Ring jüdischer Stadtviertel. Fast jeder jüdische Gesprächspartner betont die Unverzichtbarkeit und die einzigartige Bedeutung des Besitzes von ganz Jerusalem für die Juden, fast jeder arabische Gesprächspartner die Unmöglichkeit eines Friedens ohne arabischen Anteil an der Stadt. Im ehemals arabischen Ostteil bzw. Umland liegen die neuen jüdischen Siedlungen Maale Adumim und East Talpiot im Osten, im Norden Atarot, Neve Yakov, French Hill und Ramot, im Süden Gilo. Sehr breite Straßen begrenzen und kontrollieren die arabischen Viertel und verhindern zusammen mit Bau- und Modernisierungsrestriktionen den Ausbau des arabischen Wohnraums in der Stadt. Die Gesamtbevölkerung stieg nach 1967 bis heute auf über 600 000 Einwohner an. Im ehemals arabischen Ostteil leben heute schon neben 150 000 zur Minderheit gewordenen Arabern 165 000 jüdische Bewohner. Bei einer Geburtenrate von ca. 40/Tsd. der orthodox-jüdischen Einwohner, gegenüber ca. 24/Tsd. der Araber und 18/Tsd. der säkularen Israelis und einen ständigen starken Zuzug der ersteren und Abwanderung der anderen Gruppen verschiebt sich das Gewicht zugunsten der orthodox-religiösen Gruppen ständig in der Stadt. Religiöse Vorschriften werden daher immer mehr auch zu staatlich durchgesetzten Regeln für alle. Heftige Auseinandersetzungen um Werbeplakate oder Veranstaltungen und Fahrverbote am Shabat waren in der Vergangenheit die Folge.


Nach wie vor ist der Status ungeklärt

Zu Recht ist Israel stolz auf hervorragende Museen wie das Israel-Museum und das Rockefeller-Museum und die Bildungseinrichtungen der Stadt, besonders die Hebräische Universität. Vieles davon ist durch Unterstützung aus aller Welt errichtet, wie die Fülle der Hinweistafeln auf die Spender zeigt. Die Stadt ist aus eigener Kraft nicht so entwicklungsfähig. Industrie gibt es wenig, Schwerindustrie ist gar nicht zugelassen. Diamantschleiferei, Zigaretten- und Elektroindustrie, Pharmazie- und Glasprodukte und natürlich der Tourismus sind die wichtigsten Wirtschaftszweige in der Stadt, neben der staatlichen Verwaltung. Die internationale Staatengemeinschaft hielt zwar immer an der UNO-Fiktion eines Sonderstatus der Stadt fest. Fast alle Botschaften blieben in Tel Aviv oder siedelten sich dort an. Faktisch aber ist Israels Hauptstadt in Jerusalem. Staatspräsident, Parlament und Regierung haben hier ihren Sitz. Die UNO-Vollversammlung forderte 1980 den Rückzug aus den besetzten Gebieten und aus Ost-Jerusalem, woraufhin das israelische Parlament ausdrücklich Gesamt-Jerusalem, einschließlich des Ostteils, zur Hauptstadt Israels erklärte. Der Status blieb aber bis heute international ungeklärt. Das Programm von Staatsbesuchen in Israel und Kontakte zu palästinensischen Einrichtungen in Jerusalem sorgen immer wieder für protokollarische Verstimmungen. Auch kleinere Enteignungen arabischer Landbesitzer haben sofort internationale Spannungen und Reaktionen der arabischen Staaten zur Folge, wie im Mai 1995.

Nur wenige Araber geben bei den Stadtratswahlen ihre Stimme ab, die meisten erkennen die Wahlen nicht an und boykottieren sie, um die Ablehnung der Annexion zu verdeutlichen. Die arabischen Stadtviertel haben dementsprechend weitgehend eigene Strukturen. In den Vereinbarungen von Oslo zwischen Israel und der Führung der palästinensischen Araber sollte die Jerusalem-Frage erst zu einem späteren Zeitpunkt in Verhandlungen geklärt werden. Der israelische Ministerpräsident Rabin und Palästinenserführer Arafat sollen einer Einigung nahe gewesen sein, als Rabin von einem rechtsextremistischen jüdischen Terroristen ermordet wurde. Nach den Selbstmordattentaten palästinensischer Terroristen gegen die Einwohner von Jerusalem und Tel Aviv im Frühjahr 1996 wurde die Stadt aus Sicherheitsgründen und als Kollektivstrafe von seinem arabischen Umland abgeschnitten. Arabern war das Betreten verboten, wie vorher schon oft und für viele Palästinenser schon sehr lange. Der Konfrontationskurs der neuen nationalistischen Regierung Netanjahu nach dem knappen Wahlsieg der rechten Parteien im Frühjahr 1996 führte im Herbst des Jahres nicht nur zu gewaltsamen Unruhen in den palästinensischen Städten, sondern sogar auf dem Tempelberg selbst.


Bei so viel Vergangenheit hat es die Zukunft schwer

Die enge Verschränkung von Mythos und Geschichte und die Herrschaft der Vergangenheit über die Gegenwart erschwert zukunftsorientiertes Handeln in der Stadt. Auf jüdischer wie auf arabischer Seite wird die Einstellung zum Thema "Jerusalem" vielfach geprägt nicht nur von Gegenwartsanalysen und Zukunftsvisionen, sondern eben vor allem auch von Mythologisierung und traumatisierenden Erfahrungen der Vergangenheit. Bei den Juden sind es der religiös begründete Anspruch auf Großisrael und die Übertragung der Geschichte der Verfolgung, der Shoa auf das Gefühl einer allgegenwärtigen Bedrohung durch den palästinensisch-arabischen Konfliktpartner. Das führt zu Verständnis- und Verständigungsunfähigkeit und der Neigung, das Heil in einer Politik augenblicksbezogener militärischer Stärke und Kompromißlosigkeit zu sehen. Das arabische Gegenstück setzt bei dem traumatischen Ereignis von 1099, der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer an und der Erfahrung fehlender Souveränität bis in die Gegenwart. Danach ist das Streben nach Souveränität Heiliger Krieg; ein nicht-muslimischer Staat darf nicht in einem Gebiet existieren, das Kerngebiet des Hauses des Islam ist, und dies gilt besonders für die Heilige Stadt Jerusalem. So wie Saladin seinerzeit die Rückeroberung Jerusalems gelang, so muß dies auch für seine heutigen Erben die Verpflichtung für die Zukunft sein.

Sicherlich denkt weder die Mehrheit der jüdischen noch die Mehrheit der palästinensischen Bewohner Jerusalems in solch fanatisch-fundamentalistischen Kategorien, das Lager des Friedens ist nicht klein, wenn es auch in Tel Aviv größer ist als in Jerusalem. Daß diese "psychologische Komponente" auf beiden Seiten aber über großen Einfluß verfügt, wird jedem aufmerksam kundigen Besucher Jerusalems an einer Vielzahl jüdischer und arabischer Symbole in der Stadt, einer Vielzahl von Äußerungen und Handlungen im Alltag unmittelbar deutlich.

Eine zweite Besonderheit Jerusalems liegt in der herausragenden Bedeutung der heiligen Stätten. Es gibt eine ganze Reihe
"heiliger Städte" auf der Welt. Benares oder Rom wären typische Beispiele. Keine andere ist aber gleich drei Religionen heilig, und dieser Aspekt einer "dreifachen Heiligkeit" scheint mit dem wachsenden Gewicht des Faktors Religion in der Region zumindest auf jüdischer und muslimischer Seite an Bedeutung zuzunehmen. In keiner anderen Stadt wurde und wird so erbittert um "heiligen Boden" gekämpft. Und man kann sicherlich ohne Übertreibung sagen: Am künftigen politischen Status von ein paar Quadratkilometern Jerusalemer Altstadt kann sich der nahöstliche Friedensprozeß entscheiden. Die Frage ist, ob es gelingt, einen Kompromiß zu erreichen über die Verwaltung der arabischen Viertel und über die palästinensische politische Repräsentanz in der Stadt, und sei es in einigen Teilen, oder ob eine arabisch-islamische Frontstellung gegenüber Israel weiterbesteht mit der Möglichkeit, erneut zu Konflikten zu führen. Mehr als 80 Pläne zur Zukunft Jerusalems sind entwickelt und veröffentlicht. Über keinen wird zur Zeit verhandelt.


Immer schon eine multikulturelle Stadt

Drittens zeigt Jerusalem wie in einem Brennspiegel positive Möglichkeiten und Gefährdungen multikultureller Gesellschaften auf. Allen wie auch immer formulierten "Alleinvertretungsansprüchen" zum Trotz: die Stadt Jerusalem ist in ihrer ganzen langen Geschichte immer eine multikulturelle Stadt gewesen. Allerdings bringen multikulturelle Gesellschaften neben der Bereitschaft zum inklusiven Ausgleich verschiedener Kulturen, der den anderen einschließt, meistens auch ihr Gegenteil hervor; die Neigung zur Ausgrenzung anderer zu exklusivem Denken und Handeln. In der Geschichte Jerusalems überwiegt bei nüchterner Betrachtung die exklusive Tendenz, obwohl der Historiker immer wieder Beispiele für inklusives Denken schon seit der Zeit der Propheten der hebräischen Bibel aufzeigen kann. Immer auch wechselten Perioden der Unduldsamkeit mit jenen der Verständigung. Inklusives, tolerantes Handeln und Denken hat sich dabei nicht nur als das moralisch edlere, sondern auch als das politisch klügere Verhalten erwiesen. Langfristig kann nur ein Ausgleich das Überleben aller sichern. Ob amerikanischer Druck, eine amerikanische Vermittlung in der noch viel schwierigeren Jerusalem-Frage wie in Hebron Anfang 1997 einen Kompromiß erreichen kann und ob gegebenenfalls ein so gearteter Vertrag überhaupt als Kompromiß von den beiden Völkern akzeptiert würde, ist völlig offen. Für zu viele ist dieser Frieden zu wenig friedlich. Das Zentralproblem Jerusalem bleibt zur Zeit ausgeklammert, und so ist die vereinigte Stadt zugleich geteilt und die Stadt des Friedens auch weiterhin eine Stadt des Hasses und des gegenseitigen Mißtrauens. Darum sei am Ende hier ein uralter biblischer Satz zitiert: Wir wünschen Jerusalem Frieden!