Zeitschrift

Großstädte




Heft 2/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Die US-Amerikanischen Großstädte im Übergang

Atlanta: "The city too busy to hate"

Von Robert C. Rickards


Eine typische amerikanische Skyline: Atlanta (Georgia)
Aufnahme: Rickards


Prof. Dr. Robert C. Rickards lehrt Controlling und betriebliches Rechnungswesen an der Fachhochschule Harz in Wernigerode.


Im Vergleich zu anderen Metropolen der Welt sind die amerikanischen ziemlich jung. So ist Atlanta erst 1842 gegründet worden, an einem Eisenbahnknotenpunkt. Der Aufstieg der Stadt erfolgte rasend schnell, dank ihrer günstigen klimatischen Lage und vor allem dank ihrer Zugehörigkeit zum heute prosperierenden Süden. Inzwischen ist Atlanta die Hauptstadt von Georgia und ein Handels-, Industrie- und Kongreßzentrum von internationaler Bedeutung. Viele Probleme hat Atlanta mit den anderen Großstädten der USA gemein, so die Abwanderung von Industriebetrieben, zunehmende Arbeitslosigkeit, Wegzug der weißen Bevölkerung in die Vorstädte, wachsende Abhängigkeit von den Zuweisungen des Bundes und des Landes. Doch die ethnischen Konflikte halten sich in Grenzen, denn diese Stadt ist zu beschäftigt, als daß sie Zeit zum Hassen fände. Eine wichtige Rolle ist dabei den schwarzen Mayors zugewachsen: Die Mehrheit der 13 hier verglichenen amerikanischen Großstädte wird inzwischen von Oberbürgermeistern afro-amerikanischer Herkunft regiert, zwei von hispanischen und eine von einem asiatischen Mayor.
Red.


Erst 1842 gegründet, 1868 Landeshauptstadt Georgias1

Die jüngste der in diesem Heft präsentierten Städte wurde erst 1842 an der Stelle gegründet, von der die von der Landesregierung Georgias finanzierte Eisenbahn nach Chattanooga im benachbarten Bundesland Tennessee führen sollte. Nach zwei früheren, provinziell klingenden Namen ("Terminus" und "Marthasville"), erhielt sie 1847 ihren heutigen Namen: Atlanta.

Danach kann man die Entwicklung Atlantas in vier Phasen aufteilen. Zuerst wollten ihre Befürworter, daß sie die reiche Hafenstadt Savannah als die führende Stadt des Landes ersetzte. Obwohl der Unionsgeneral William T. Sherman im Bürgerkrieg sowohl Atlanta als auch Savannah in Schutt und Asche legte, beeinträchtigte das Atlantas Aufstieg nur kurz. 1868 wurde sie Landeshauptstadt und vor der Jahrhundertwende die größte Stadt Georgias. Seither kann man mit einigem Recht ganz Georgia als Hinterland Atlantas und Savannah als ihren Hafen betrachten.2

In der zweiten Phase wollten Atlantas Stadtväter sie zur Metropole der Südstaaten machen. Mit inzwischen 75 000 Einwohnern feierte Atlanta Fortschritte in diese Richtung mit der großen Cotton States und International Exposition von 1895. Während der 1920er Jahre führte die Chamber of Commerce eine Kampagne Forward Atlanta durch, um die regionale Bedeutung der Stadt zu konsolidieren und befördern. Die wesentlichsten Impulse aber gingen von den Vorbereitungen auf den Zweiten Weltkrieg und den kriegsbedingten Maßnahmen aus. Das Militär errichtete enorme Lagerstätten, aufwendige Rangierplätze, zwei Flughäfen und ein Lazarett. Für die Kriegsproduktion erweiterten General Motors und Ford ihre Anlagen, während die Firma Bell über 700 B29er Bomber und Coca-Cola fünf Mrd. Flaschen Coke fabrizierte. In den ersten Nachkriegsjahren übernahm die Lockheed Corporation die alte Bell-Fabrik und setzte die Produktion von militärischen Flugzeugen fort. Die industrielle Entwicklung verhalf Atlanta zu ihrer führenden Rolle in der Finanzwelt, beim Großhandel und beim Verkehrswesen des gesamten amerikanischen Südens. Atlanta hatte sogar auf eigene Initiative bereits mit dem Bau eines Autobahnnetzes für ihre Umgebung begonnen, und dies einige Jahre, bevor die Bundesregierung in den späten 1950er Jahren mit zweckgebundenen Mitteln winkte. Gerade weil ihr Wirtschaftswachstum auch den umliegenden Landkreisen zugute kam, führte Atlanta bis in die 1950er Jahre hinein eine konsequente Politik der Annektierung angrenzender Gebiete durch. Vom Anfang des Zweiten Weltkriegs bis Ende 1959 verdoppelte Atlanta die Bevölkerungszahl in der Region auf 1 Million und lockte mehr als 2800 neue Firmen, sich dort niederzulassen. Die Anlage des 15 000 ha großen Lake Lanier durch den U.S. Army Corps of Engineers sicherte der Stadt ausreichend Wasser für die Fortsetzung dieses raschen Wachstums.


In den sechziger Jahren zur Stadt von nationaler Bedeutung herangewachsen

Die 1960er Jahre bildeten die dritte Phase in Atlantas Entwicklung, in der sie zu einer Stadt von nationaler Bedeutung wuchs. Auf gut amerikanisch symbolisierten Sportmannschaften in diversen Bundesligen und Wolkenkratzer diese Phase. Die Stadt baute ein Stadion und zog innerhalb von drei Jahren Profi-Baseball, -Football, -Basketball und -Eishockey an, die bis zum Ende des Jahrzehnts zusätzliche 60 Millionen Dollar in den regionalen Wirtschaftskreislauf pumpten. Im gleichen Zeitraum wurden im Central Business District dreißig Bürogebäude mit zwischen fünfzehn und neunundzwanzig Geschossen, sowie vier mit mehr als dreißig Stockwerken errichtet. Dazu kamen das enorm erfolgreiche Einkaufszentrum Peachtree Center (siehe Karte 1) und vor dem Ende des Jahrzehnts die zahlreichen Gastwirtschaften, Restaurants und Läden des Underground Atlanta. Gleichzeitig schossen an bisher peripheren Stellen neue Geschäftszentren wie Executive Park und Perimeter Center aus dem Boden. Auch außerhalb der Sport- und Bauwirtschaft gab es andere nennenswerte Fortschritte. Zum Beispiel konzentrierte die Bundesregierung über 40 000 ihrer Beamten und Angestellten auf Militärstützpunkten und in der Verwaltung der Bundesgefängnisse der Region sowie im Center for Disease Control in Atlanta. Der Flughafen mit dem Hauptquartier der Delta Airlines wurde der drittgrößte der USA. 350 Lkw-Spediteure und ihre Lagerstätten trugen zum Wachstum im Verkehrswesen bei. 1965 eröffnete in der Stadtmitte ein Marriott Hotel, dem ein Kulturzentrum, eine Ausstellungshalle und das Hyatt Regency Hotel im Peachtree Center folgte. Atlanta begann eine interessante Stadt für Kongresse und Messen zu werden.

Der Bauboom der 1960er setzte sich während der 1970er und 1980er Jahre fort. Marriott, Hilton und Sheraton errichteten große neue Hotels. Das Peachtree Plaza Hotel und zahlreiche andere Projekte im Peachtree Center wurden verwirklicht, während in der Innenstadt Omni International (ein Komplex von Büros, Läden, Bistros und ein Hotel) entstand.

Das Omni Coliseum, ein kleines Stadion mit Platz für 18 000 Zuschauer wurde 1992 vom Georgia Dome mit einer Sitzkapazität von 70 000 ergänzt. Im Georgia Dome fand 1994 der Super Bowl der amerikanischen Profi-Football-Liga statt. Das symbolisierte die Bedeutung, die die Freizeit- und Unterhaltungsindustrie für Atlanta gewonnen hatte. Das Kultur- und Sportangebot für diese Zwecke wurde zusätzlich bereichert von der World of Coca-Cola, vom nahegelegenen Vergnügungspark Six Flags over Georgia und vom Stone Mountain Park, sowie durch den Atlanta Botanical Garden, das Margaret Mitchell Haus (Autorin des "Vom Winde verweht") und die Martin Luther King, Jr., National Historical Site. Um Besuchern und Einwohnern der Stadt und der Region eine Alternative zum Auto zu bieten, wurde ein integriertes ÖPNV-Netz mit U-Bahn (die Metropolitan Atlanta Rapid Transit Authority, oder MARTA) 1971 erstellt und bis in die 1990er Jahre ausgebaut. Auch die Entstehung neuer Bürokomplexe, z.B. Corporate Square und Technology Park, hielt an. Doch die Geschäftsentwicklung hatte inzwischen eine andere Qualität angenommen. Während 1965 keine der Fortune 500 (größte Unternehmen der USA) ihr Geschäftsbüro in Atlanta hatte, hatten bis 1990 einundzwanzig von ihnen (darunter Coca-Cola, Georgia-Pacific, Georgia Power und Southern Bell) ihre Hauptquartiere dort aufgeschlagen.


Heute unterhalten 40 Staaten der Welt bereits Konsulate in Georgia

Um die Stadt in dieser vierten Entwicklungsphase zu fördern, begann Anfang der 1970er Jahre die Chamber of Commerce die Zeitschrift Atlanta herauszugeben. Darin warb sie zum ersten Mal 1973 für Atlanta mit der Parole "die nächste Großstadt der Welt". Schon 1974 tagte dann die Organization of American States in Atlanta - das erste Mal, daß ihre Mitglieder in den Vereinigten Staaten außerhalb der Hauptstadt Washington, D. C. zusammentrafen. Um diese Zeit gründete Ted Turner in Atlanta sein internationales Turner Broadcasting mit den mittlerweile weltweit bekannten Cable News Network (CNN) und der TBS SuperStation. In den 1970er und 1980er Jahren erwarben Europäer und Araber solche bekannten Wahrzeichen der Stadt wie das First National Bank Building, den Life of Georgia Tower und den Hilton-Atlanta-Zentrum Büro- und Hotel-Komplex. Der World Trade Club blühte auf, und internationale Geschäfte konnten ab 1988 die Simultandolmetscher-Einrichtungen des Georgia World Congress Center benutzen. Im GWCC fand 1988 die Democratic National Convention statt. Jedes Jahr seit seiner Eröffnung hat der Center über eine Million Besucher gehabt. Erweitert und in Zusammenarbeit mit dem Georgia Dome, dem Bobby Dodd Stadium, des Georgia Institute of Technology, dem Atlanta-Fulton County Stadium und dem Lake Lanier, hatte der GWCC 1996 zentrale Bedeutung für Atlanta in ihrer Rolle als Gastgeber für die Olympiade. Heute kann man mit Delta Airlines direkt von Atlanta nach Amsterdam, Brüssel, Frankfurt, London oder Mexiko Stadt fliegen. Über 40 Länder unterhalten Konsulate in Atlanta, wo es auch australische, deutsch-amerikanische und japanische Handelskammern und über 1200 ausländische Unternehmen3 gibt. Kanada, Japan, das Vereinigte Königreich und die Niederlande haben jeweils mehr als zwei Milliarden $ in Atlanta investiert. Man kann sagen, daß Atlanta sein Ziel erreicht hat, eine große Weltstadt zu werden. Kein Wunder daß die Zeitschrift Fortune Atlanta als eine der zwei besten Geschäftsstädte der Vereinigten Staaten bezeichnete.


Das Erfolgsrezept oder Atlantas Profil heute

Atlantas beeindruckender Aufstieg seit dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere seit 1960 ist gewiß auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Erstens ist die volkswirtschaftliche Entwicklung ausgewogen. Weder der öffentliche Bereich noch Transport noch der Großhandel noch produzierende Gewerbe noch ein anderer Sektor dominiert. Diese Diversifikation der ökonomischen Grundlage dient als eine Art Versicherung gegen einen Rückgang oder Verzögerung in einem beliebigen Wirtschaftsbereich. Atlantas gesamte Wirtschaft profitiert weiter von der bereits oben beschriebenen dichten Verkehrsinfrastruktur (Autobahn-, Eisenbahn- und Flugverbindungen sowie ÖPNV).

Zweitens liegt Atlanta höher (300 Meter ü.M.) als alle anderen größeren Städte der USA östlich des Mississippi. So ist das milde Klima kühler und weniger feucht als die der meisten Städte der Südstaaten. Die rollende Hügellandschaft mit ihren Mischwäldern bietet einen schönen Hintergrund für einige der angenehmsten Wohngegenden der Nation.

Drittens bietet Atlanta auch eine reiche kulturelle Infrastruktur. Das Memorial Arts Center umfaßt das Symphonieorchester, das Alliance Theater, das Atlanta College of Art und das High Museum of Art (das stark von Coca-Cola unterstützt wird). Es gibt auch das Jimmy Carter Library and Museum und das Science and Technology Museum of Atlanta. Geschäftsleute halten alle dieser Einrichtungen für einen großen Vorteil ihres Standorts. Darüber hinaus hat Atlanta vier große Hochschulen: das Georgia Institute of Technology, die Georgia State University, Emory University (auch stark von Coca-Cola unterstützt) und das Atlanta University Center. Die Unternehmen der Region decken nicht nur einen großen Teil ihres Bedarfs an qualifiziertem technischen und wirtschaftswissenschaftlichen Personal über die vier Hochschulen, sondern lassen auch einen beachtlichen Anteil ihrer Forschungsprojekte von den Hochschulen durchführen und sich von Mitgliedern ihrer Fakultäten beraten.

Ein vierter Vorteil ist die allgemein günstige Entwicklung des amerikanischen Südens. Während der 1950er Jahre hatte Atlanta seine regionale Führerschaft so stark ausgebaut, daß die Stadtväter sich nicht mehr um die Konkurrenz von Birmingham, Jacksonville, Memphis, Nashville, New Orleans oder Tampa zu kümmern brauchten. Im Gegenteil, als eine von wenigen wirklich nationalen Städten ist es für Atlanta sinnvoll, andere Städte des Südens zu unterstützen. Als die regionale Stadt für Hauptquartiere von Versicherungsgesellschaften, Handelsverbänden, Großhändlern und der Bundesregierung wächst Atlanta automatisch mit, wenn der Süden floriert.

Fünftens gelang zunächst die Beteiligung schwarzer Bürger an der Politik und später ihre Übernahme der Verantwortung für die Politik in Atlanta besser als in manchen anderen amerikanischen Großstädten, obwohl die alteingesessene weiße Wirtschaftselite bis etwa 1970 die Politik bestimmte. Schon 1973 wurde der erste schwarze "Mayor" (Maynard Jackson) gewählt. Seitdem hat die Stadt nur schwarze "Mayors" (Andrew Young, der frühere UNO-Botschafter, wieder Maynard Jackson und jetzt Bill Campbell). Der Präsident des City Council ist seit 1977 ein Afroamerikaner gewesen, und seit 1978 halten schwarze Bürger die Mehrheit (seit 1990 sogar eine Zweidrittelmehrheit) der 18im City Council. Der allmähliche, weitgehend gewaltlose Transfer der politischen Macht von der weißen Wirtschaftselite an die Führer der mittlerweile schwarzen Mehrheit war ein enormer öffentlichkeitswirksamer Erfolg für die Stadt. Es war das Arbeitsergebnis vieler Organisationen und Individuen, unter anderen der weißen "Mayors" William B. Hartsfield, Jr., Ivan Allen, Jr. und Sam Massell, der Atlanta Negro Voters League, der Urban League des Freedom Train, der National Association for the Advancement of Colored People, des Student Nonviolent Coordinating Committee, der Southern Christian Leadership Conference und selbstverständlich des Nobel Peace-Prize Trägers Dr. Martin Luther King, Jr. So konnte Atlanta sich als The city too busy to hate rühmen.


Atlantas politische Struktur

Atlantas politische Institutionen sind die der dominanten Regierungsform lokaler politischer Systeme der USA, nämlich die
des councillstrong mayor government (siehe Abb. 2). In dieser Regierungsform richtet die lokale Verfassung einen gewählten Council (Rat) ein, um die legislativen Funktionen der Regierung wahrzunehmen. Dagegen steht an der Spitze der Exekutive ein Mayor (Oberbürgermeister), der, wie auch bei der Süddeutschen Ratsverfassung in Bayern und Baden-Württemberg, vom Volk direkt gewählt wird. In solchen Strong-Mayor-Regierungen unterstehen die städtischen Bediensteten normalerweise dem Amt des Oberbürgermeisters. Seinerseits trägt der Oberbürgermeister die Verantwortung für die Handlungen der städtischen Verwaltung gegenüber dem Rat und letztendlich den Wählern.

Die neueste lokale Verfassung Atlantas wurde 1973 nach einem Gerichtsurteil vom Landtag Georgias verabschiedet. Danach umfaßt der Rat 18 Mitglieder von denen 12 in Wahlbezirken und 6 stadtweit gewählt werden. Die Verfassung sorgt für Wahlen alle vier Jahre, wobei nicht zwischen Parteien, sondern nur zwischen Kandidaten (ohne Angaben der Parteisympathien) gewählt wird. Sie sieht auch einen Ratspräsidenten vor, der die Ratssitzungen leitet und großen Einfluß auf die Zusammensetzung von Ausschüssen hat. Die Verfassung richtete zudem ein School Board ein, der das Schulwesen überwacht und dessen Mitglieder ebenfalls vom Volk direkt gewählt werden. Darüber hinaus bestimmt die lokale Verfassung, daß es eine Rechts- und eine Finanzabteilung geben muß. Ansonsten hat jeder Mayor während seiner Amtszeit freie Hand bei der organisatorischen Gestaltung der städtischen Verwaltung.

Aber es gibt auch weniger sichtbare Regierungsstrukturen in Form von independent authorities, die oft im Zusammenhang mit amerikanischen Städten vorkommen. Typischerweise werden solche unabhängige Instanzen vom Landtag ins Leben gerufen, um bestimmte Funktionen auszuüben. Im Falle Atlantas ist die bereits oben beschriebene MARTA eine solche Instanz. Sie hat ein eigenes Board und einen garantierten Anteil am regionalen Aufkommen der Umsatzsteuer. Der Landtag hat weiter die Georgia World Congress Center Authority gegründet. Ihr gehören das oben beschriebene Kongreßzentrum und das neue überwölbte Stadion in Atlanta. Weiterhin gibt es die Downtown Development Authority, die öffentliche und private Projekte finanziert, und die Metroplitan Atlanta Olympic Games Authority, die eine Fülle fiskalischer und anderer Befugnisse zur Durchführung der olympischen Sommerspiele 1996 hatte.


Bevölkerungsrückgang und Anstieg des Anteils von Afroamerikanern

Selbstverständlich könnte man ganze Bücher über die Politik einer einzelnen Stadt wie Atlanta schreiben. Hier müssen einige wenige Seiten ausreichen, um diverse Entwicklungen nicht nur dort, sondern auch in einer sehr großen, sehr vielfältigen Gruppe von amerikanischen Städten zu beschreiben. Dennoch gibt es sechs wichtige Gemeinsamkeiten, die eine Wandlung ihrer Politik einleiteten.

Die erste Gemeinsamkeit bei den amerikanischen Großstädten ist ihre bemerkenswerte demografische Entwicklung. Von den 13 Großstädten in Tabelle 1 haben zehn zwischen 1960 und 1990 zum Teil beachtliche Bevölkerungsverluste hinnehmen müssen. Die einzigen Ausnahmen (Houston, Los Angeles und Miami) befinden sich im besonders wachstumsstarken Sunbelt.

Tabelle 1: Bevölkerungsveränderungen in 13 amerikanischen Großstädten, 1960 - 1990 (in Tausenden)

Stadt 1960 1990 Zu-/Abnahme in %
Atlanta     487     394

- 19,1

Boston     697     574

- 17,7

Chicago  3.550  2.784

- 21,6

Denver    494     468

-  5,3

Detroit  1.670  1.028

- 38,4

Houston     938  1.631

   73,9

Los Angeles  2.479  3.485

   40,6

Miami     292     359   

   22,9

New Orleans     628     497

- 20,9

Philadelphia  2.003  1.586

- 20,8

St. Louis     750     397

- 47,1

San Francisco     740     724

-  2,2

Seattle     557     516

-  7,4

Gesamt 15.285 14.443

-  5,5

Quelle: U.S. Bureau of the Census (1962). Statistical Abstract of the United States: 1962, Tabelle 14, S. 22f., Washington D.C.: U.S. Government Printing Office;
U.S. Bureau of the Census (1990). Statistical Abstract of the United States: 1990, Tabelle 40, S. 34 ff., Washington D.C.: U.S. Government Printing Office.

Weiterhin zeigt Tabelle 2, daß die Zusammensetzung der in diesen Großstädten verbliebenen Bevölkerung sich auch stark zugunsten von Minoritäten (insbesonders Afroamerikaner und Hispanier) veränderte.

Tabelle 2: Minoritäten als Anteil der Gesamtbevölkerung in 13 amerikanischen Großstädten, 1960 - 1990 (in % der Gesamtbevölkerung)

Stadt % Afroamerikaner

1960

% Afroamerikaner

1990

% Hispanier

1970

% Hispanier

1990

Atlanta

38,3

67,1

 1,0

 1,9

Boston

 9,1

25,6

 2,8

10,8

Chicago

22,9

39,1

 7,4

19,6

Denver

 6,1

12,8

16,8

23,0

Detroit

28,9

75,7

 1,8

 2,8

Houston

22,9

28,1

12,1

27,6

Los Angeles

13,5

14,0

18,4

39,9

Miami

22,4

27,4

45,3

62,5

New Orleans

37,2

61,9

 4,4

 3,5

Philadelphia

26,4

39,9

 1,4

 5,6

St. Louis

28,6

47,5

 1,0

 1,3

San Francisco

10,0

10,9

14,2

13,9

Seattle

 4,8

10,1

 2,0

 3,6

Quelle: U.S. Bureau of the Census (1977). County and City Data Book, Tabelle 4, Washington D.C.: U.S. Government Printing Office;
U.S. Bureau of the Census (1979). County and City Data Book, Tabelle C, Washington D.C.: U.S. Government Printing Office;
U.S. Bureau of the Census, Telefoninterview vom 28. März 1991

Mit einem Rückgang der Bevölkerung um 19,1% von 487 000 auf 394 000 zwischen 1960 und 1990 und einem Anstieg der schwarzen Bevölkerung von 38,3% auf 67,1% ist Atlanta ein typisches Beispiel beider Entwicklungen.

Zusammengenommen deuten beide Tabellen ferner auf eine Flucht der Weißen aus den Großstädten hin, was natürlich nicht ohne politische Konsequenzen blieb. Man kann das gleiche Muster um Atlanta erkennen, wo gewaltige Bürokomplexe und kommerzielle Projekte mit Tausenden von Arbeitsplätzen in umliegenden, reichen und weitgehend weißen Landkreisen nördlich der Stadt angesiedelt werden. Im Süden von Atlanta dagegen bleiben die unter- und unbeschäftigten Schwarzen zurück.4 Das führte u.a. zur Wahl von Atlantas schwarzen Mayors und Mehrheiten im City Council.


Verluste an industriellen Arbeitsplätzen

Wie aus Tabelle 3 ersichtlich, ist die zweite Gemeinsamkeit eine industrielle Evakuierung, die mit der Flucht der Weißen in die Vorstädte einherging.

Tabelle 3: Beschäftigung in 13 amerikanischen Großstädten, 1960 - 1992 (in Tausenden und %)

Stadt Beschäftigung

1960

Beschäftigung

1986

Veränderung

1960-86

Arbeitslosigkeit

1960

Arbeitslosigkeit

1986

Arbeitslosigkeit

1993

Atlanta

 197

 210

    6,6

3,6

 7,5

5,2

Boston

 288

 278

-  3,5

5,0

 4,4

6,0

Chicago

1502

1264

- 15,9

5,4

 9,3

7,1

Denver

 196

 261

   33,2

3,6

 7,2

4,7

Detroit

 612

 407

- 33,5

9,9

11,8

7,1

Houston

 364

 862

 136,8

4,3

10,9

7,2

Los Angeles

1014

1535

   51,4

6,5

 7,5

9,7

Miami

 126

 179

   42,1

7,3

 8,3

7,7

New Orleans

 224

 214

-   4,5

5,6

11,2

6,8

Philadelphia

 789

 679

- 13,9

6,5

 6,9

6,8

St. Louis

 294

 179

- 39,1

5,4

 9,4

6,5

San Francisco

 331

 378

  14,2

6,2

 5,5

6,1

Seattle

 230

 280

  21,7

6,1

 6,8

6,4

Quelle: U.S. Bureau of the Census (1962). County and City Data Book 1962, Tabelle 6, Washington D.C.: Government Printing Office;
U.S. Bureau of the Census (1988). County and City Data Book 1988, Tabelle C, Washington D.C.: Government Printing Office;
U.S. Bureau of the Census (1994). Statistical Abstract of the United States: 1994, 114. Ausgabe, Tabelle 620, Washington D.C.: U.S. Government Printing Office.

Aber nur ein Teil der abgezogenen Arbeitsplätze wurde in die Vorstädte verlegt. Aufgrund der Globalisierung der Wirtschaft verließ ein großer Teil der industriellen Arbeitsplätze die Vereinigten Staaten überhaupt. Diese Evakuierung verursachte bis Mitte der 1980er Jahre für amerikanische Verhältnisse hohe Arbeitslosenraten, die in 11 der untersuchten 13 Großstädten am Anfang der 1990er Jahre immer noch über dem Niveau von 1960 lag. Darüber hinaus schwächte sie die alte Geschäftselite, die die Politik der amerikanischen Großstädte lange mitgeprägt hatte. Dank des starken Wirtschaftswachstums hatte Atlanta 1986 6,6% mehr Arbeitsplätze als 1960. Trotzdem lag die Arbeitslosigkeit dort mit 5,2% 1993 immer noch deutlich über den 3,6% von 1960.


Auch in den amerikanischen Städten spielen staatliche Zuweisungen inzwischen eine große Rolle

Das verursachte die dritte Entwicklung, nämlich eine zunehmende finanzielle und politische Abhängigkeit der Städte von der Bundesregierung. Ihre Zuweisungen (die block grants von Nixons New Federalism und Carters Urban Development Action Grants (UDAGs) ersetzten zwar vorübergehend einen Teil der Steuerausfälle der abgezogenen Industrie und ermöglichten die Ansiedlung von Dienstleistungsunternehmen (mit allgemein niedrigeren Löhnen) in den Stadtkernen. Unter Reagan aber verloren dann die Bundesmittel relativ an Bedeutung.5 Als Konsequenz fanden sich alle Großstädte mehr oder weniger unter Druck, ihre Dienstleistungen zu begrenzen oder zu privatisieren und Steueranreize zu geben, in der Hoffnung, ihre ökonomische Entwicklung wieder anzukurbeln. Zum Teil wegen dieser zunehmenden Finanzschwäche konnten die Großstädte nur schlecht den Bedürfnissen ihrer Bürger nachkommen.6 Wie in Tabelle 4 ersichtlich, hat Atlanta in dieser Hinsicht weniger zu beklagen als manche anderen amerikanischen Städte. Der Anteil von Bundesmitteln an ihrem Haushalt wuchs zwar von weniger als 1 % (1960) auf mehr als 12% (1984), aber der Rückgang war danach im allgemeinen weniger stark als anderswo. So konnte Atlanta 1992 immer noch fast 8% der Gesamtausgaben durch Bundesmittel decken.

Tabelle 4: Bundesmittel an die Großstädte in % der gesamten Haushaltsmittel 1960 - 1992

Stadt 1960 1968 1976 1984 1988 1992
Atlanta 0,79  2,34 11,13 12,84  7,04  7,91
Boston 0,00  5,14 18,18  9,58  2,59  1,44
Chicago 3,01 13,47 13,65 21,05 10,94  7,76
Denver 0,69  0,67 14,24  7,00  4,01  2,58
Detroit 1,52  8,95 27,46 12,47  5,90  8,30
Houston 0,63  3,50 15,78  7,52 10,54  2,89
Los Angeles 0,68  0,68 14,25 11,18  2,94  3,52
Miami 0,00  0,24  8,73 11,11  8,87  4,58
New Orleans 3,33  2,26 27,23 18,40 11,88 11,85
Philadelphia 4,16 11,28 23,16  9,96  4,06  5,57
St. Louis 0,73  1,76 16,85 17,11  9,63  6,48
San Francisco 2,65  6,21 17,57  7,82  4,66  4,62
Seattle 0,21  1,19 12,79  6,23  3,21  2,95

Quelle: U.S. Bureau of the Census (1960). Compendium of City Government Finances in 1960 (G-CF60-No. 2), Tabelle 5; Für die Zahlen für 1968, 1976, 1984 und 1988: Washington D.C.: Government Printing Office. U.S. Bureau for the Census (Year). City Government Finances in (Year), (GF, No. 4), Tabelle 5, Washington D.C.: Government Printing Office;
U.S. Bureau of the Census (1994). Statistical Abstract of the United States: 1994, 114. Ausgabe, Tabelle 491, Washington D.C.: U.S. Government Printing Office.

Im Kontrast zeigt Tabelle 5 die vierte Gemeinsamkeit, eine zunehmende relative Bedeutung der Landesmittel für die Großstädte in den späten 1980er und 1990er Jahren.7 Diese Entwicklung fing teilweise den eben beschriebenen Rückgang der relativen Bedeutung von Bundeszuweisungen auf. 1992 erhielt Atlanta sogar relativ mehr Landesmittel denn je. Sie brauchte deswegen die Dienstleistungen für ihre Bürger insgesamt weniger zurückzuschrauben als andere Großstädte, die stärker vom Rückgang der Bundesmittel betroffen und weniger vom jeweiligen Land unterstützt wurden.

Tabelle 5: Landesmittel an die Großstädte in % der gesamten allgemeinen Haushaltsmittel, 1960 - 1992

Stadt 1960 1968 1976 1984 1988 1992
Atlanta  7,89  8,44 11,42  4,04  1,81 11,80
Boston 23,71 35,33 23,96 41,82 44,00 39,75
Chicago 12,75  8,36 11,65 12,83 15,62 17,13
Denver 32,08 28,25 18,48 13,11 17,87 21,12
Detroit 20,27 13,80 15,12 23,30 32,14 36,76
Houston  0,00  0,39  1,30  2,01  0,82  1,62
Los Angeles  9,28 14,62 11,21  6,10  9,09  9,90
Miami  0,00  0,24 17,45 12,07  9,85 11,44
New Orleans 18,10 13,01 15,12 10,51  5,26  6,84
Philadelphia  6,39  7,16 14,81 12,98 16,96 25,44
St. Louis  2,93  6,64 11,57  8,03  6,07  8,30
San Francisco 22,65 25,56 25,72 25,57 25,34 29,47
Seattle 16,04 16,55 11,35 15,68 11,16 10,66

Quelle: Für die Zahlen für 1960: U.S. Bureau of the Census (1960). Compendium of City Government Finances in 1960 (G-CF60-No. 2), Tabelle 5;
Für die Zahlen für 1968, 1976, 1984 und 1988: Washington D.C.: Government Printing Office.
U.S. Bureau of the Census (Year). City Government Finances in (Year), (GF, No. 4), Tabelle 5. Washington D.C.: Government Printing Office; U.S. Bureau of the Census (1994). Statistical Abstract of the United States: 1994, 114. Ausgabe, Tabelle 491, Washington D.C: U.S. Government Printing Office.

Egal wie die Dynamik der finanziellen Unterstützung des Bundes und der Länder auf sie auswirkte, führte das aber keineswegs zu einem Rückgang des Einflusses der höheren Regierungsebenen auf die amerikanischen Großstädte. Z.B. führten die Steueranreize des Bundes zu der gentrification (Veredelung) von gewissen Nachbarschaften und zum displacement (Verschiebung) der Armen irgendwohin in Boston und Philadelphia, während Bundes- und Landesgerichte die Segregierung der Schulen in Boston und St. Louis und die Tradition der Anstellung nach Parteibuch in der Stadtverwaltung Chicagos beendeten. Wie in Atlanta beeinflußte bzw. kontrollierte die Landespolitik stark das Wirtschaftswachstum auch in Seattle, San Francisco und Los Angeles.8


Änderungen im Wahlsystem kamen den Minoritäten entgegen

Die fünfte Gemeinsamkeit waren Veränderungen im Wahlrecht, die wichtige Konsequenzen für die Interessenvermittlung und die politische Partizipation hatten. In mehreren Großstädten veranlaßten die Gerichte, wie z.B. in Atlanta, daß mindestens ein Teil der Ratsmitglieder in Wahlbezirken anstatt wie bisher stadtweit gewählt wurden. Da Minoritäten oft geschlossen in einer Gegend wohnen, erhöhte diese Veränderung des Wahlsystems die Zahl der Stadtratsmitglieder aus Minoritätengruppen. Im Vergleich mit westeuropäischen Stadträten sind die meisten amerikanischen Stadträte klein. Oft haben Städte mit 500 000 oder einer Million Einwohnern Räte mit nicht einmal Atlantas achtzehn Mitgliedern, sondern nur sechs bis acht gewählte Volksvertreter. Deswegen ist die gewachsene Zahl der Stadtratsmitglieder aus Minoritätengruppen für die Artikulierung ihrer Interessen im politischen Prozeß potentiell sehr bedeutsam.


Der Machtzuwachs der Bürgermeister

Die sechste Gemeinsamkeit ist, daß gleichzeitig die großstädtischen Mayors einen Machtzuwachs erlebten, der aus verschiedenen Quellen genährt wird. Die wachsende Bedeutung der Massenmedien zusammen mit der zurückgehenden Rolle der politischen Parteien scheint Persönlichkeiten und Individuen den politischen Programmen und Teams vorzuziehen. Die erhöhte, ethnische Diversität der Großstädte mag auch eine zentralisierte politische Führung erfordern, um Konflikte zu lösen oder ihnen mindestens gegenzusteuern. Dem Anschein nach läßt sich eine hochpolarisierte Umwelt von der politischen Führungsspitze gerade noch leiten. Ebenso hat die Schlüsselrolle, die die Mayors bezüglich des Erhalts von Bundesmitteln oder der Anlockung privater Investoren in eine Stadt oft spielen, das Amt gestärkt. Durch ihren Beitrag zum Transfer der politischen Macht an die schwarze Mehrheit, die geschäftliche Internationalisierung und dem Beibehalt finanzieller Unterstützung der Bundes- und Landesregierungen sind Atlantas schwarze Mayors Jackson, Young und Campbell fast klassische Beispiele dieses Machtzuwachses.


Interessengruppen und ihre kurzlebigen Koalitionen

Wie in Atlanta dominierten bis in die 1960er Jahre lokale Geschäftsinteressen die Politik der amerikanischen Großstädte. Dann schwächten sowohl die großen Bundeszuweisungsprogramme der 1960er und 1970er Jahre als auch die Abwanderung der Industrie den Einfluß dieser Geschäftsgruppen. Das heißt noch lange nicht, daß Geschäftsinteressen in der lokalen Politik unwesentlich wurden. Z.B. sind in Atlanta heute fast alle schwarzen und weißen Ratsmitglieder Freiberufler
(Rechtsanwälte, Unternehmer und Immobilienmakler). Fast alle unterhalten enge Verbindungen zu der Geschäftselite, mindestens in bezug auf die Finanzierung ihrer Wahlkampagnen. Immer noch führt kein politischer Weg ganz an Central Atlanta Progress (die koordinierende Struktur der mächtigsten Geschäftsleute der Stadt) vorbei.9 Unter solchen Bedingungen und dem davon ausgehenden Druck, das Wirtschaftswachstum zu fördern, mündet schwarze Kontrolle der politischen Institutionen nicht automatisch in eine Umverteilungspolitik auf Kosten bestehender Interessen.

Doch wegen der Schwächung der Geschäftselite entstanden neben ihr neue Interessengruppen, hauptsächlich die der Minoritäten, der Nachbarschaften der verbliebenen Weißen, der besitzstandswahrenden Gewerkschaften der öffentlich Bediensteten und der Gruppen, die entweder für oder gegen weitere wirtschaftliche Entwicklung waren. Obwohl die letzte Gruppe sehr heterogen ist, kann man sie mit der Parole Not in My Backyard! (NIMBY) gut beschreiben. "NIMBY" drückt die gemeinsame Attitüde wechselnder Koalitionen gegen Flughäfen, Autobahnen, Wolkenkratzer, Müllverbrennungsanlagen, Kliniken zur Behandlung von Rauschgiftsüchtigen usw. aus.


Die Vororte plündern die Großstädte aus

Pessimistische Beobachter meinen, daß wegen solcher kurzlebigen Koalitionen die amerikanischen Großstädte unregierbar geworden sind. Vielleicht haben sie recht. Heutzutage sind diese Städte das Produkt von Einflüssen, die außerhalb ihrer Grenzen liegen: der globalisierten Wirtschaft, der Bundesregierung, der Länder und der Vorstädte. Die Entwicklung der globalen Wirtschaft hat die Städte entindustrialisiert, aber nicht entleert. Die Städte faßten nach und fanden manchmal neue Zentralen internationaler Unternehmen, bauten internationale Flughäfen, Kongreßzentren, Hotels und versuchten, sich als Nervenzentren der postindustriellen Gesellschaft zu entwickeln. Sofern sie wie Atlanta Erfolg hatten, entwickelten sie neue Muster der Beschäftigung (d.h. von Dienstleistungsunternehmen geprägte Wirtschaftsstrukturen), neue Bevölkerungen, neue Stadtprofile (d.h. Bauten) und sogar eine neue, kosmopolitischere Kultur.

Für ihren Teil plünderten die Vororte die Großstädte weiter aus, egal ob es um Firmen, wohlhabene Einwohner, Profi-Sportmannschaften oder politischen Einfluß ging. Gegenüber ihren Vororten wurden die Großstädte immer verwundbarer; sie konnten immer weniger unternehmen, um sich erfolgreich gegen die Vororte zu wehren. Wenige Regionen folgten dem Beispiel von Atlanta, das unter Federführung der Atlanta Regional Commission und des Metro Business Forum, ein Regional Leadership Institute ins Leben rief. Diese Institution sollte die Zusammenarbeit der öffentlichen und privaten Sektoren in den Regierungen und der Wirtschaft zur Verbesserung der Lebensqualität in der ganzen Region fördern.10 Doch selbst wenn die Firmen wie in Atlanta in den Großstädten blieben, zogen ihre Mitarbeiter in die Vororte um. Ihr Pendeln veränderte den sozialen und politischen Charakter der Großstädte. Leute, die in den Großstädten arbeiteten, aber nicht in ihnen wohnten, interessierten sich weniger für sie. Verbrechen, schlechte Wohnungen und Korruption wurden erträglicher, weil man sie in den Großstädten nach der Arbeit hinter sich lassen konnte.


Explosives Problemgemisch

So kamen zu den ungelösten Problemen der amerikanischen Großstädte während der 1950er Jahre Armut, Segregierung, Zerfall der Familie und zurückgehende Leistungen des Bildungssystems während der 1960er Jahre die Abhängigkeit von der Sozialhilfe und die Langzeitarbeitslosigkeit, während der 1970er Jahre der Anstieg des Verbrechens, (wo Atlanta der Spitzenreiter ist, siehe Tabelle 6) und die fiskalische Krise, während der 1980er die Drogensucht, Teenagerschwangerschaften, Verweiblichung der Armut und AIDS. Als Resultat sehen sich die amerikanischen Großstädte in den 1990er Jahren nicht einer einzigen Krise, sondern einer Vielfalt verwandter Krisen gegenüber, die jederzeit zu explodieren drohen. Die Lage ist nicht in allen Großstädten gleich verzweifelt. Im Nordosten und im Mittelwesten ist sie am schwierigsten, aber die Großstädte des Südens, des Westens und am Rande des Pazifiks kennen diese Probleme auch.

Tabelle 6: Schwerverbrechen gegen Personen in 13 amerikanischen Großstädten (pro 1.000 Einwohner)

Stadt

1992

Mord

1992

Vergewaltigung

1992

Raub

1992

Überfall

1992

Insgesamt

1960-1992

Zunahme in %

Atlanta

0,48

1,52

14,18

22,41

38,59

2.031

Boston

0,12

0,92

 8,32

10,99

20,37

   926

Chicago

0,33

NA

13,57

14,50

28,40*

   338*

Denver

0,19

0,89

 3,66

 6,02

10,76

   203

Detroit

0,57

1,17

11,68

11,91

25,33

   342

Houston

0,27

0,69

 6,57

 7,12

14,65

   419

Los Angeles

0,30

0,52

10,93

12,85

24,60

   300

Miami

0,34

0,73

18,90

17,34

37,31

   478

New Orleans

0,55

0,57

10,58

 8,12

19,82

   619

Philadelphia

0,27

0,49

 7,28

 3,85

11,89

   342

St. Louis

0,57

0,87

12,26

19,20

32,90

   427

San Francisco

0,16

0,53

11,02

 6,51

18,22

   314

Seattle

0,11

0,65

 4,73

 7,96

13,45

   961

* Ohne Berücksichtigung von Vergewaltigungen

Quelle: Bureau of the Census, Statistical Abstract of the United States; 1994, 114. Ausgabe (Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office; 1994) Tabelle 304;
U.S. Department of Justice, Office of Justice Programs, Bureau of Justice Statistics, Sourcebook of Criminal Justice Statistics (Washington D.C.: U.S. Government Printing Office; 1990), Tabelle 3, 119

Die Rassenproblematik blieb bestehen und gefährlich. Der Umzug der Weißen in die Vororte hinterließ eine schwarze Unterklasse in den Großstädten. Obwohl das Durchschnittseinkommen der Schwarzen gestiegen ist, ist die Kluft zwischen schwarzen und weißen Haushalten gewachsen. In den Großstädten leben heute ungefähr dreimal so viele Schwarze wie Weiße in Armut.11 Darüber hinaus hat die psychologische Polarisierung zwischen den Rassen weiter zugenommen. Schwarze glauben, daß die rassistischen Vorurteile und die Diskriminierung gewachsen sind, während Weiße weitere Maßnahmen seitens der Regierung, die die Auswirkungen der Diskriminierung abbauen sollen, ablehnen und schwarze Armut auf die Kultur der Unterklasse zurückführen.12 In den späten 1980er und früheren 1990er Jahre führten solche Kontraste zu großen Unruhen in Miami und Los Angeles.


Der Aufstieg des schwarzen Mayors

Doch das Bild ist nicht vollkommen trüb. Während der letzten 35 Jahre hat eine bedeutende Anzahl schwarzer Amerikaner den Sprung in die Mittelklasse geschafft und ist danach oft selbst in die Vororte umgezogen. Schwarze Amerikaner haben ihre Wahlvertretung nicht nur in den Stadträten, sondern auch in den Landtagen sowie im Kongreß und Senat ständig vergrößert. Aber am beeindruckendsten ist, wie in Atlanta, der Aufstieg der schwarzen Mayors gewesen. Vor 35 Jahren hatten keine der 13 verglichenen Großstädte einen schwarzen Oberbürgermeister. Heute wird die Mehrzahl der Großstädte von schwarzen Mayors geführt, während Denver und Miami hispanische Mayors und Los Angeles einen asiatischen Mayor haben. Wegen der o.e. Probleme scheinen diese Veränderungen leider eher symbolische als substantielle Signifikanz zu haben.

Den Minoritäten im Oberbürgermeisteramt ist es dennoch hin und wieder gelungen, einige der fragmentierten Interessengruppen vorübergehend zusammenzuschweißen. Dabei sind oft die Stärke der politischen Führung des Mayors und der Zusammenhalt der Wirtschaftsinteressen ausschlaggebend gewesen. So liefern die 13 Großstädte viele Beispiele von Koalitionen, die um den Oberbürgermeister zentriert sind. Die Mayors scheinen die Fähigkeit zu besitzen, verstreute Kräfte zu bündeln, um ein begrenztes Unterfangen zu realisieren. Aber die Abhängigkeit von der Persönlichkeit eines Mayors bedeutet, daß, wenn er sein Amt verläßt oder das Vertrauen der Öffentlichkeit verliert, die Koalitionen auseinanderbrechen. Manche der 13 Großstädte haben schon erleben müssen, wie schwierig es ist, die zerspaltenen Gruppen wieder unter einer zentralen Autorität zu vereinen.13


Es gibt viel zu tun...

Die Tendenzen im Großstadtleben und der Großstadtpolitik der Vereinigten Staaten mögen die Aufgabe der Herstellung bzw. der Wiederherstellung effektiver regierender Koalitionen in der vorhersehbaren Zukunft nur komplizierter zu machen. Gezeichnet durch ihre Finanzschwäche und die Abwanderung ihrer Industrien sowie durch rassische und ethnische Konflikte, scheinen die amerikanischen Städte immer tiefer in eine unlösbare Krise hineinzurutschen. Die Wahl von Mayors aus schwarzen und anderen Minoritätengruppen bietet einen Hoffnungschimmer für eine effektive Vermittlung und Integration der Interessen der meisten Stadtbürger. Obwohl in diesen und manchen anderen Hinsichten Atlanta besser dasteht als die Mehrzahl der amerikanischen Großstädte, ringt es immer noch mit denselben Problemen. So werden alle amerikanischen Großstädte allerhand zu tun haben, um wirksam im 21. Jahrhundert regieren zu können.


Literaturhinweise

1) Diesem Aufsatz liegen zwei Artikel zugrunde: Bradley R. Rice, Atlanta: If Dixie Were Atlanta, in Bradley R. Rice and Richard M. Bernard, Sunbelt Cities (Austin, TX: University of Texas Press; 1983); und Arnold Fleischmann, Atlanta: Urban Coalitions in a Suburban Sea, in H. V. Savitch und John Clayton Thomas (eds.), Big City Politics in Transition (Newbury Park, London, New Dehli: Sage Publications; 1991). Beide Artikel beinhalten u.a. umfangreiche primäre Literaturangaben.

2) Neal R. Peirce, Citistates: How Urban America Can Prosper in a Competitive World (Washington, D. C.: Seven Locks Press; 1993), S. 5.

3) Rice, op. cit., S.16.

4) Rice, op. cit., S. 29.

5) John Shannon, "The Return to Fend-for-Yourself Federalism: The Reagan Mark", International Perspective 13 (Summer/Fall 1987): S. 34-37; and Robert W. Burchell et al:, The New Reality of Municipal Finance: The Rise and Fall of the Intergovernmental City (New Brunswick, NJ: Center for Urban Policy Research, 1984).

6) Siehe z.B. Norman Fainstein und Susan A. Feinstein, Participation in New York and London: Community and Market under Capitalism, in Robert Fischer und Joseph Kling (eds.), Mobilizing the Community: Local Politics in the Era of the Global City (Newbury Park, London, New Dehli: Sage Publications; 1993), Kapitel 3.

7) Ann O'M, Bowman und Richard C. Kearney, The Resurgence of the States (Englewood Cliffs, NJ: Prentice-Hall,1986), insbesonders Kapitel 5-6; and Charles Bowsher, Federal Cutbacks Strengthen State Role, State Government News (February 1986), S.18.

8) Siehe die jeweiligen, stadtspezifischen Kapitel, Savitch und Thomas, op. cit.

9) Clarence N. Stone, Regime Politics: Governing Atlanta, 1946-1988 (Lawrence, KS: University of Kansas Press; 1989), S.133.

10) Rice, op. cit., S. 324.

11) R. Bernstein, 20 Years after the Kerner Report: Three Societies, All Separate, New York Times, 29. Februar 1988, S. B8.

12) F. R. Harris und R. W. Wilkins, Quiet Riots: Race and Poverty in the United States (New York: Pantheon; 1988).

13) Dies gilt für Philadelphia, Miami, New Orleans, Chicago, Denver (wo es eine Wahlkoalition gibt, die sich aber als regierungsunfähig erwiesen hat), und St. Louis. Siehe Savitch und Thomas, op. cit., Kapitel 15.