Zeitschrift

Großstädte




Heft 2/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Ersticken die Megalopolen an sich selbst ?

Sao Paulo: Größter industrieller Ballungsraum Lateinamerikas

Von Gerd Kohlhepp


Gegensätze in São Paulo: Prachtstraße Avenida Paulista, Elendsviertel am Stadtrand
Aufnahmen: G. Kohlhepp


Prof. Dr. Gerd Kohlhepp lehrt Wirtschafts- und Sozialgeographie mit regionalem Schwerpunkt Lateinamerika an der Universität Tübingen.



São Paulo stellt nach Mexico-Stadt und Tokio den drittgrößten Ballungsraum der Erde dar In Groß-São Paulo leben so viel Menschen wie in Nordrhein-Westfalen, in der Kernstadt immerhin noch so viel wie in ganz Baden-Württemberg. Die Stadt verdankt ihren Aufstieg dem Kaffeeanbau und der dadurch bedingten Kapitalakkumulation, die die Industrialisierung ermöglichte. Der Zuzug entwickelte sich dramatisch und hält - vermindert - weiter an - mit ihm all die Probleme, die damit verbunden sind. Elendsviertel (favelas) entwickelten sich ungeplant (65% des Wohnraums sind ungenehmigt erstellt), die Wohlhabenden zogen sich in gut bewachte innerstadtnahe Ghettos zurück. Die Umweltbelastung ist gefährlich hoch. Gewalt und Gegengewalt haben zugenommen. Ermutigende Zeichen sind andererseits zahlreiche Selbsthilfeeinrichtungen, Nachbarschaftsvereine, Einwohner- Vereinigungen.

Red.


Mit São Paulo und Rio de Janeiro besitzt Brasilien zwei Megalopolen

Brasilien, dessen Bevölkerungszahl im Jahr 1900 nur etwas mehr als 17 Mio. betrug, wird im Jahr 2000 über 170 Mio. Einwohner haben. Zu den umwälzendsten Strukturveränderungen, die sich in den letzten fünf Jahrzehnten in Brasilien vollzogen haben, gehört die Verstädterung. Der Verstädterungsgrad, d.h. der Anteil der in Städten lebenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung des Landes, hat sich von 31,2% im Jahr 1940 auf 75,5% im Jahr 1991 erhöht, wobei große regionale Unterschiede zu verzeichnen sind (1991: Norden:57,8%, Südosten: 88,0%). Brasilien gehört zu den Ländern mit dem höchsten Grad der Verstädterung in Lateinamerika, das sich im Vergleich zu anderen Großregionen der sogenannten Dritten Welt hinsichtlich der Verstädterung (1990: 72%) sehr stark von Afrika (34%) und Asien (33%) unterscheidet (Kohlhepp 1982,1994).

Zwischen 1940 und heute hat die Stadtbevölkerung in Brasilien um etwa 110 Mio. zugenommen. Dieser außerordentlich dynamische Verstädterungsprozeß wurde bis Ende der 1970er Jahre vornehmlich von hohen Wanderungsgewinnen bestimmt, während seit den 8Oer Jahren die natürlichen Zuwachsraten der Bevölkerung gegenüber der Zuwanderung in weiten Teilen des Landes überwiegen. Wenn auch ein allgemeiner Prozeß der Verstädterung zu beobachten ist, so sind es doch die Großstädte ("Vergroßstädterung") und vor allem die Metropolen ("Metropolisierung"), die am Zuwachs der städtischen Bevölkerung am stärksten beteiligt sind. Allerdings haben sich die Zuwachsraten in den überfüllten Metropolitanregionen seit Anfang der 8Oer Jahre deutlich vermindert, und die Mittelstädte haben bei der Verstädterung erheblich an Bedeutung gewonnen (Kaiser 1995).

Brasilien unterscheidet sich - wie Ecuador - von den übrigen lateinamerikanischen Ländern dadurch, daß nicht die Hauptstadt bzw. der Regierungssitz (wie in Bolivien) die Rolle der alles überragenden Metropole einnimmt. Mit São Paulo und Rio de Janeiro besitzt Brasilien zwei Metropolen, die - nur 400 km voneinander entfernt im Südosten des Landes gelegen - als Megastädte (> 8 Mio. Einwohner) zu den größten Agglomerationen der Erde gehören. Außerdem besitzt Brasilien, in dessen Millionenstädten sich 47% der Stadtbevölkerung konzentrieren, weitere zehn Metropolitanregionen mit über 1 Mio. Einwohner, die aufgrund der Flächengröße des Landes, der raumzeitlichen Erschließung und wirtschaftlichen Regionalentwicklung eine relativ eigenständige Stellung als Regionalmetropolen erlangen konnten.

São Paulo ist mit 16,33 Mio. Einwohner (1994) nach Mexico-Stadt und Tokio die drittgrößte Metropolitanregion der Erde.


Der Aufstieg begann mit dem Kaffeeanbau

São Paulo ist bereits 1554 als kleine Siedlung um ein Jesuiten-Kloster entstanden. Die Jesuiten hatten von dem an der mittelbrasilianischen Küste auf dem südlichen Wendekreis gelegenen portugiesischen Stützpunkt São Vicente aus - beim heutigen Santos - den von tropischen Regenwäldern überzogenen, zum Teil über 1000 m hohen Steilabfall des Küstengebirges (Serra do Mar) überwunden und in einem Hochbecken in etwa 800 m über NN. die erste europäische Siedlungsgründung auf dem Hochland vorgenommen. Die strategisch günstige Lage in der Nähe eines Passes über die Serra do Mar führte 1711 zur Stadtgründung.

Obwohl die portugiesischen Einwanderer z.T. vermischt mit der indianischen Hochlandbevölkerung, im 17. und 18. Jahrhundert von São Paulo aus als Bandeirantes ("Bannerträger") weite Teile Zentralbrasiliens durchstreiften und als Sklavenjäger die berüchtigten Raubzüge zum Indianerfang unternahmen, die den Plantagenbesitzern im Küstentiefland die beim Zuckerrohranbau benötigten Arbeitssklaven beschafften, blieb die Stadt São Paulo bis in die 1870er Jahre (Munzip Sao Paulo 1870: 28 000 Einwohner) relativ unbedeutend.

Dies änderte sich schlagartig, als der Kaffeeanbau, der um 1850 über das Rio Paraiba-Tal die Stadt São Paulo erreichte, sich im Hochland von São Paulo unter günstigen Klima- und Bodenbedingungen und steigender Kaufkraft in Europa ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts flächenhaft nach Norden und Nordwesten ausdehnte. Die systematische Verkehrserschließung des Binnenlandes im Staate São Paulo durch strahlenförmige, von São Paulo auf den Hochebenen zwischen den Rio Paraná-Zuflüssen vorgetriebene Eisenbahnlinien und die günstige Verkehrslage zum nahen Exporthafen Santos schufen hervorragende infrastrukturelle Voraussetzungen für den Kaffee-"boom". Eine gezielte Einwanderungspolitik, die vor allem Italiener ins Land brachte, trug dazu bei, daß trotz der Sklavenbefreiung (1888) die auf den Kaffeeplantagen benötigten Arbeitskräfte vorhanden waren. Zwischen 1886 und 1905 wanderten mehr als 1 Mio. Italiener ein, die sich großenteils auf den Paulistaner Kaffeeplantagen verdingten. Die jährlichen Bevölkerungszuwachsraten betrugen in dieser Phase in São Paulo bis zu 14%.


Vom Kaffee-Boom zur Industrialisierung

Der vom Kaffee-Export getragene wirtschaftliche Aufschwung sorgte vor allem in der Stadt São Paulo für eine enorm starke Kapitalakkumulation, die für die beginnende Industrialisierung eine sehr solide finanzielle Basis bot. Die Bevölkerungszahl von São Paulo stieg über 65 000 (1890) auf 250 000 im Jahr 1900. Auch das durch Überproduktion und nachfolgenden Preisverfall bedingte Ende der Kaffee-Hochkonjunktur zu Ausgang der 1920er Jahre konnte den Aufstieg São Paulos - nach einem gewissen Anpassungsschock - nicht bremsen. Die Konsumgüterindustrie blühte auf, und die industriellen Zuwachsraten in São Paulo erreichten in den 20er Jahren 6,6%/Jahr (Souza 1995). Die Stadtbevölkerung überschritt bereits 1934 die Millionengrenze und verdoppelte sich bis 1950.

Der sich Mitte der 50er Jahre durch umfangreiche ausländische, vor allem auch deutsche Investitionen verstärkende industrielle Aufschwung führte bis 1970 bei jährlichen Zuwachsraten von durchschnittlich 5,5% zu einer Verdreifachung der Bevölkerung im Munizip São Paulo und in der Metropolitanregion, die 1970 bereits auf über 8 Mio. Einwohner angewachsen war (siehe Tab. 1). São Paulo hatte in den 60er Jahren bereits Rio de Janeiro an Bevölkerung übertroffen und nahm als nunmehr größte brasilianische Metropole nach Mexico-Stadt und Buenos Aires den dritten Rang in Lateinamerika ein.

Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung der größten Metropolitanregionen Brasiliens 1960 - 1994

Metropolitan-
region

Einwoh-ner (Mio.)

1960

Einwoh-ner
(Mio.)

1970

Einwoh-ner
(Mio.)

1980

Einwoh-ner
(Mio.)

19941

jährliche
Zuwachs-rate
(%)

60-70

jährliche
Zuwachs-rate
(%)

70-80

jährliche
Zuwachs-rate
(%)

80-941

SãoPaulo

 4,79

 8,14

 12,59

 16,33

5,4

4,5

1,9

Rio de Janeiro

 4,99

 7,08

  9.01

 10,12

3,5

2,5

1,0

Belo Horizonte

 0,89

 1,61

  2,61

  3,70

6,1

5,0

2,5

Porto Alegre

 1,11

 1,53

  2,23

  3,27

3,3

3,5

2,6

Recife

 1,24

 1,79

  2,35

  3,04

3,7

2,7

1,9

Salvador

 0,73

 1,15

  1,77

  2,74

4,6

4,4

3,2

Fortaleza

 0,66

 1,04

  1,58

  2,56

4,7

4,3

3,5

Curitiba

 0,51

 0,82

  1,44

  2,19

4,8

5,8

3,0

Belém

 0,42

 0,66

  1,00

  1,44

4,5

4,3

2,7

Brasilien
städt. Bevölkerung

31,30

 52,09

 80,44

110,882

5,2

4,4

3,02

Brasilien
Total

70,07

 93,14

119,00

155,48

2,9

2,5

1,9

Quelle: IGBE: Censos Demográficos 1960-1991.
1 Schätzwert der EMPLASA; 2 1991

Während in den 50er und 60er Jahren die hohen Wanderungsgewinne, die die natürliche Bevölkerungszunahmerate weit übertrafen, den Anstieg der Bevölkerung entscheidend beeinflußten (1950-70: 60%), verlor dieser Faktor in den 70er Jahren an Bedeutung (1970-80: 51 %). Immerhin bedeutet dies aber, daß die Zuwanderung in den 70er Jahren noch knapp über die Hälfte der Bevölkerungszunahme stellte, d.h. daß 2,3 Mio. Menschen zwischen 1970 und 1980 in den Ballungsraum São Paulo zuwanderten.


Begehrtes Ziel der Zuwanderung

São Paulo war vor allem das Ziel von Zuwanderern aus dem Nordosten Brasiliens, wo sowohl der trockenheitsgeplagte Sertão des ländlichen Landesinneren als auch - in einer späteren Phase - die überfüllten und wenig Arbeitsmöglichkeiten bietenden Küstenstädte die Abwanderungsgebiete waren. Ziel der Binnenwanderung war zunächst der Kaffeeanbau im südostbrasilianischen Nachbarstaat Paraná, von wo nach Ende des dortigen Kaffeebooms seit Ausgang der 60er Jahre eine Abwanderung vor allem auch in die Metropole São Paulo erfolgte. Wunschziel der Migranten aus dem Nordosten, sowie später verstärkt der aus dem Südosten, war es jedoch, bei der schnell expandierenden Industrieentwicklung oder in der blühenden Baubranche einen Arbeitsplatz zu finden. Seit den 80er Jahren trägt das natürliche Wachstum deutlich mehr zum Bevölkerungszuwachs bei als die Zuwanderung. Diese Entwicklung ist trotz abnehmender Geburtenraten durch den hohen Anteil jüngerer Stadtbevölkerung bedingt, den die jetzt zurückgehende Zuwanderung mit sich gebracht hatte.

In den 90er Jahren ist die jährliche Zuwachsrate der Bevölkerung der Metropolitanregion São Paulo, die seit 1973 als Grande São Paulo institutionell verankert ist, sprunghaft zurückgegangen (siehe Tab. 1). Dies gilt insbesondere für das Munizip São Paulo, dessen Bevölkerungszahl zwischen 1980 und 1994 nur um 1,16 % / Jahr zugenommen hat (siehe Tab. 2).

Tabelle 2: Bevölkerungsentwicklung von São Paulo 1960-1994

 

Einwoh-ner
(Mio.)

1960

Einwoh-ner
(Mio.)

1970

Einwoh-ner
(Mio.)

1980

Einwoh-ner
(Mio.)

1994

jährliche
Zuwachs-rate (%)

60-70

jährliche
Zuwachs-rate (%)

70-80

jährliche
Zuwachs-rate (%)

80-94

Grande São Paulo

 4,79

 8,14

12,59

16,33

5,44

4,46

1,88

Munzip São Paulo

 3,71

 5,92

 8,49

 9,99

4,79

3,67

1,16

Grande São Paulo ohne Munizip S.P.

 1,08

 2,22

 4,10

 6,34

7,43

6,37

3,15

Staat São Paulo

12,81

17,77

25,04

33,66

3,33

3,49

2,13

Quelle: IGBE: Censos Demográficos 1960-1980; EMPLASA 1995.

Der Bevölkerungsanteil in den Munizipien São Paulo und Osasco, der Subregion "Zentrum" von Grande São Paulo, hat von 76,3% im Jahr 1970 bis 1991 auf 61,1% der gesamten Metropolitanregion abgenommen. Der Anteil aller anderen - peripheren - Subregionen hat dagegen zugenommen (siehe Tab. 3).

Tabelle 3: Bevölkerungsentwicklung der Subregionen von Grande São Paulo

Subregion

Einwohner
(Mio.)

1970

Einwohner
(Mio.)

1980

Einwohner
(Mio.)

1991

Anteil
(%)

1970

Anteil
(%)

1980

Anteil
(%)

1991

Zentrum1

6,21

 8,97

10,21

 76,3  71,2  66,1
Nordwesten

0,11

 0,30

 0,49

  1,4   2,4   3,2
Westen

0,07

 0,15

 0,29

  0,9   1,2   1,9
Südwesten

0,10

 0,29

 0,47

  1,3   2,3   3,0
Südosten

0,99

 1,65

 2,05

 12,1  13,1  13,3
Osten

0,31

 0,52

 0,82

  3,8   4,1   5,3
Nordosten

0,26

 0,58

 0,86

  3,2   4,6   5,6
Norden

0,08

 0,13

 0,25

  1,0   1,0   1,6
Grande São Paulo

8,14

12,59

15,44

100,0 100,0 100,0

1 Munizipien São Paulo und Osasco
Quelle: IGBE: Censos Demográficos 1970-1991; EMPLASA 1995

Dies bedeutet, daß die Kernstadt (= Munizip São Paulo) hohe Wanderungsverluste (1980-91: 0,76 Mio.) erlitten hat, die auch durch geringe Wanderungsgewinne der peripheren Munizipien von Grande São Paulo nicht ausgeglichen werden konnten, so daß auch für die Metropolitanregion insgesamt eine negative Wanderungsbilanz (0,28 Mio.) festgestellt werden kann (Bähr/Wehrhahn 1995).

Ab den 80er Jahren zeichnet sich im Staat São Paulo eine Umkehr der Polarisation (polarisation reversal) ab. Die Großstädte, die durch diesen Prozeß begünstigt werden, liegen zum einen in der näheren Umgebung von Grande São Paulo, wo die Verstädterung bereits bestehender Entwicklungsachsen in Richtung Osten (Paraiba-Tal mit São José dos Campos und Taubaté) und Norden (Jundiaí, Metropolitanregion von Campinas) erfolgt ist. Zum anderen betrifft dies weiter im Inneren des Bundesstaates gelegene Zentren, wie Ribeirão Preto oder Piracicaba.

Die Metropolitanregion Grande São Paulo umfaßt heute außer dem Munizip São Paulo als Kernzone 38 weitere Munizipien mit einer Gesamtfläche von 8051 km2. Das überbaute Stadtgebiet mit 1747 km2 hat zwischen 1983 und 1993 um 372 km2 zugenommen. Grande São Paulo beherbergte 1994 mit 16,3 Mio. Menschen, von denen 10 Mio. (= 61 %) im Munizip São Paulo leben, aber auch Munizipien wie Guarulhos, São Bernardo do Campo, Santo André und Osasco mehr als 0,5 Mio. Einwohner haben, eine größere Bevölkerung als die Niederlande (15,1 Mio.) oder Chile (13,4 Mio.).

Da die Agglomeration Grande São Paulo bald über Jundiaí nach Norden mit der Metropolitanregion Campinas zusammenwächst, aber auch die Industriestadt Sorocaba, der durch Luft- und Raumfahrtindustrien militärisch-technologisch bedeutende Standort São José dos Campos, sowie das Küstengebiet um die Hafenstadt Santos und die Industriekonzentration um Cubatão (Gutberlet 1991) in einem Umkreis von weniger als 150 km um Grande São Paulo liegen, wird heute schon von einer erweiterten Metropolitanregion (Complexo Metropolitano Expandido, CME) gesprochen (EMPLASA 1995), der die Funktion einer Makro-Metropole zukommt. Unter diesem Gesichtspunkt relativiert sich dann durch den neuen Maßstabsrahmen ein Großteil der Polarisations-Umkehr, da im Rahmen der Dezentralisierung die Entlastungspole und deren Umland mit hohen Zuwachsraten noch innerhalb des CME liegen.

Der Ballungsraum Grande São Paulo ist flächenmäßig um etwa 60% größer als die Stadtregion Rhein-Ruhr, übertrifft deren Bevölkerungszahl aber um mehr als das Dreifache. Während die durchschnittliche Bevölkerungsdichte im Ruhrgebiet bei 1080 Ew./km2 liegt, beträgt sie in der Metropolitanregion von São Paulo 2415 Ew./km2, erreicht im Munizip São Paulo 6448 und im Munizip Diadema den Höchstwert von 12 771 Ew./km2.


Ein geschlossener Siedlungskomplex von rund 50 km Ausdehnung

Die Metropolitanregion São Paulo besteht heute aus einem geschlossenen Siedlungskomplex von fast 50 km West-Ost-Erstreckung. Die Beckenlage der Stadt São Paulo begrenzt ihre Ausdehnung vor allem nach Norden, wo die Serra da Cantareira der weiteren städtischen Expansion Einhalt gebietet. Im Süden begrenzen die Stauseen und Ausläufer des Küstengebirges die weitere Stadtentwicklung, die sich aber entlang der Autobahnen in Richtung Santos und der Bahnlinien keilförmig bis an die Ränder des Hochbeckens vorschiebt (s. Karte 1).

Der alte Stadtkern auf dem Terrassensporn zwischen den Bächen Anhangabaú und Tamanduateí, die in den Rio Tietê münden, ist längst verschwunden. Das Gebiet zwischen der Praça da Sé mit der Kathedrale und dem Largo São Bento wurde bereits seit den 1920er Jahren völlig von großen öffentlichen und privaten Gebäuden überformt, von denen das Martinelli-Hochhaus - beim Bau 1929 mit 30 Stockwerken das höchste Gebäude Lateinamerikas - und das ehemalige Gebäude der Staatsbank von São Paulo lange Zeit die durch die Hügellage betonte City dominierten (Wilhelmy/Borsdorf 1985). Die Stadt, die sich bis 1881 kaum über diesen alten Stadtkern mit seinen unregelmäßig angelegten, engen Straßen hinaus entwickelt hatte, hat sich seither in gewaltigen Schüben vom Stadtkern nach außen nahezu ringförmig entwickelt (bis Ende der 40er Jahre) und dann bis Mitte der 60er Jahre eine enorme Flächenexpansion erlebt, mit Stoßkeilen nach Westen, Osten und Südosten, wo sich in Nachbarschaft des Munizips São Paulo hochindustrialisierte Städte schnell entwickelten (Santo André, São Bernardo do Campo, São Caetano do Sul: "ABC-Städte"). Die Ausdehnung der überbauten Fläche erfolgte in den letzten 30 Jahren dann vor allem entlang der Verkehrsachsen sowie stark zerfasert in Restflächen und räumlichen Nischen.


Das Schicksal der City

Die City von São Paulo hat sich seit den 60er Jahren gewaltig ausgedehnt und zeigt heute die imposanteste Hochhauskulisse Lateinamerikas. Längst haben sich im City-Bereich jüngere, äußerst dynamische Zonen entwickelt, während das alte Zentrum seit Anfang der 70er Jahre viele seiner zentralen Funktionen verloren hat, die an den Cityrand oder in nahe neue Subzentren abgewandert sind.

Das alte Zentrum um die Praça da Sé zeigt starke Degradierungserscheinungen. Verfall der Bausubstanz durch geringe Investitionen, Immobilienspekulation und viele nur teilweise genutzte oder leerstehende Gebäude, Lärm, Schmutz, Kriminalität, starke Konzentration sozial marginalisierter Bevölkerungsgruppen haben zusammen mit fehlender Präsenz staatlicher Organisation zur Abwertung dieses Innenstadtbereichs geführt.

Seit 1993 haben sowohl die Präfektur als auch Einwohner-Vereinigungen Initiativen ins Leben gerufen, die die infrastrukturelle Übernutzung des Zentrums durch die riesigen Verkehrsachsen, die zur Fragmentierung der Stadt beitragen, abbauen und die Wohnfunktion sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen fördern wollen. Immerhin sind heute in den Disktrikten Sé und República im Zentrum auf 4,4 km2 trotz der Abwanderungstendenzen noch 430 000 Arbeitsplätze (=11 % des Munizips São Paulo) sowie 47 % der Finanzaktivitäten São Paulos (Av. Paulista: 33 %) konzentriert. In diesem Bereich leben auch noch 200 000 Einwohner (EMPLASA 1994). Besucher meiden allerdings abends in zunehmendem Maße die zentralen Gebiete um die Avenidas São João und Ipiranga sowie die Praça da República, zahlreiche Hotels sind degradiert, die neueren Luxushotels entstanden außerhalb des Zentrums.

Die privaten und öffentlichen Investitionen konzentrieren sich auf neue Standorte und Entwicklungsachsen im City-Randbereich. Die Avenida Paulista, die älteste Prachstraße São Paulos, an der sich der Paulistaner Geldadel, die Kaffeebarone und Großindustriellen ihre Paläste erbauen ließen, hat sich seit den 70er Jahren zu einer Hochhaus-Schlucht entwickelt, entlang der Banken, Versicherungen, Industrie- und Handels-Konzerne mit Bürotürmen die Appartement-Hochhäuser in die umliegenden hochrangigen Wohnviertel abgedrängt haben. An der Avenida Faria Lima sind gehobene Dienstleistungen den Hochhäusern mit Luxus-Appartements der angrenzenden Viertel (Itaím, Brooklin u.a.) gefolgt. An der am Rio Pinheiros im Westen der City entlangführenden Avenida das Nações Unidas ist ein neues Bürozentrum entstanden.

Nachdem letzte innerstädtische und innenstadtnahe Baulücken geschlossen wurden, ist São Paulo heute im Umkreis von mehr als 15 km um das Zentrum durch Wohnviertel, Gewerbeflächen und Verkehrswege versiegelt (vgl. Wehrhahn 1994), so daß nur noch wenige innerstädtische Erholungsmöglichkeiten bestehen, die - wie z.B. der Ibirapuera-Park - an Wochenenden intensiv genutzt werden.


Die Ghettos der Oberschicht

Wohnviertel der Oberschicht, wie die südwestlich der Avenida Paulista gelegenen Jardins, werden in zunehmendem Maße Standorte von Einrichtungen des tertiären Sektors, die sich vor allem an den sehr stark befahrenen Durchgangsstraßen etablieren. Diese funktionale Umstrukturierung beschleunigt zusammen mit der Umweltbelastung und Sicherheitsproblemen die Abwanderung aus den privilegierten Wohngebieten.

In São Paulo ist bei der Oberschicht-Suburbanisierung seit Mitte der 80er Jahre eine verstärkte Aufgabe der Villen und Bungalows zugunsten eines Rückzugs in Hochhaus-Luxusappartements (häufig über 500 m2) mit verstärkten Sicherheitseinrichtungen zu beobachten (so z.B. im Viertel Morumbi westlich des Rio Pinheiros). Diese schichtenspezifische Ghettobildung kulminiert in den sogenannten condominios fechados, d.h. durch Mauern und bewaffnete Sicherheitsdienste abgeschirmte und nur durch kodierten Zugang erreichbare Wohngebiete mit zumeist mehreren luxuriösen Hochhäusern, hochrangigen Dienstleistungseinrichtungen sowie einem nahen Shopping Center. Die Akteure dieser Entwicklung sind Immobiliengesellschaften, die als Bauträger auch die Gesamtplanung durchführen und für eine parkähnliche Ausstattung der Innenanlagen sorgen.


Dem stehen die Elendsviertel der "Bienenkörbe" und "favelas" gegenüber

In ehemaligen Wohngebäuden der Ober- und Mittelschicht entstanden in Innenstadt-Nähe vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogenannte cortiços, wörtlich übersetzt Bienenkörbe, für die Lohnarbeiter. In diesen Schlafstätten, unterteilten ehemaligen großen Wohnräumen, sind zahlreiche Menschen auf sehr engem Raum zusammengepfercht (Füchtner 1991). Mit zunehmender Industrialisierung entwickelte sich eine räumlich-soziale Trennung in von unterschiedlichen sozialen Gruppen geprägte, in sich relativ homogene Wohnviertel bzw. Stadtteile.

In den 1940er Jahren entstanden während der starken Zuwanderungsphase in Zentrumsnähe, im Osten und Süden von São Paulo die ersten Elendsviertel (favelas). Seit den 60er Jahren stieg die Zahl dieser Marginalsiedlungen rasch an. Heute sind die favelas über weite Teile der Stadtregion verstreut, konzentrieren sich aber insbesondere im Süden (48 % der favela-Bewohner) bzw. Südosten in Diadema und São Bernardo do Campo. Anfang der 90er Jahre zählte São Paulo
800 000 favela-Bewohner; 3 Mio. Menschen lebten in cortiços und weitere 2,4 Mio. lebten unter prekären Wohnbedingungen (Fechio/Maricato 1992), 65 000 waren obdachlos (Emplasa 1994). Während in São Paulo - im Gegensatz zu Rio de Janeiro - die favelas im Vergleich zu den cortiços traditionell eine untergeordnete Rolle spielten, nahm die Zahl der favela-Bewohner seit den 8Oer Jahren rascher zu als die der cortiços. Die größte favela, Heliópolis, zählt
35 000 Bewohner und 8000 Hütten. Im Jahr 1994 lebten etwa 19% der Paulistas in favelas oder cortios (Jacobi/Teixeira 1996). Die hygienischen Bedingungen dieser Quartiere sind aufgrund fehlender oder mangelhafter Abwasser- und Müllentsorgung und prekärer sanitärer Einrichtungen oft extrem schlecht, die Säuglingssterblichkeit ist hoch, Infektionskrankheiten sind häufig.

Durch spontane oder gut geplante Inbesitznahme öffentlicher oder privater Grundstücke entstanden illegale Wohnsiedlungen. Heute wird die Okkupation von ungenutzten öffentlichen Grundstücken, von Parkgelände, an Flußuferhängen, unter Brücken und Hochstraßen, im Umfeld von Flughäfen und Müllhalden aus Mangel an Alternativen und zur Vermeidung gewaltsamer Reaktionen der Betroffenen zumeist geduldet. In São Paulo sind 65 % des städtischen Wohnraums auf illegale Weise entstanden (Mautner, 1992).

Der staatliche Wohnungsbau konnte mit den steigenden Zahlen Bedürftiger nicht Schritt halten. Ab Mitte der 60er Jahre sollten die Nationale Bank für Wohnungsbau (BNH) und öffentlich geförderte Wohnungsbaugesellschaften auf bundesstaatlicher Ebene, so die COHAB in São Paulo als ausführendes Organ der BNH, den sozialen Wohnungsbau ankurbeln und damit das alarmierende Wohnungsdefizit vermindern. Zielsetzung waren der Bau von Niedrigkosten-Wohnungen in Einfamilien- und Einfachst-Reihenhäusern sowie in São Paulo vor allem Großprojekte mit mehrgeschossigen, eng aneinandergereihten Hochhaus-Wohnblocks. Trotz großer Anstrengungen konnte nur ein Bruchteil der Wohnraumsuchenden erreicht werden, in São Paulo Mitte der 80er Jahre nicht einmal 1 % pro Jahr. Aufgrund der im Stadt-Umland niedrigeren Bodenpreise und der beschränkten Verfügbarkeit von Bauland liegen die Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus oft weit außerhalb. Hohe Transportkosten und hoher Zeitaufwand für die Fahrt zum Arbeitsplatz sowie mangelhafte Infrastruktureinrichtungen erwiesen sich als nachteilig. Zudem erreichte der soziale Wohnungsbau nicht die Zielgruppe der sozialen Unterschicht, da fast nur die untere Mittelschicht die Abzahlungen leisten konnte. In São Paulo lagen aufgrund zahlreicher Unregelmäßigkeiten bei der Zuteilung z.T. über 40 % der Inhaber von Sozialwohnungen über der Einkommensgrenze (bis fünf Mindestlöhne) (Wehrhahn 1988).


Selbsthilfe und Wohnungsbau in Eigenarbeit

Für die städtische Arbeiterklasse ist Selbsthilfe und Wohnungsbau in Eigenarbeit die wichtigste Alternative. Mehr als die Hälfte des gesamten Wohnraums in São Paulo entstand durch Eigenarbeit. Seit Ende der 80er Jahre verfolgt die in den 70er Jahren in der Südzone von São Paulo entstandene Wohnraum-"Bewegung" partizipative Ansätze. Die staatliche Seite ist inzwischen flexibler geworden, arbeitet mit den Einwohnervereinigungen zusammen und gibt finanzielle Unterstützung.

Nach der Auflösung der BNH 1986 fehlte zunächst jegliche städtische Wohnraumpolitik. Heute versuchen staatliche Programme, die Selbsthilfe-Initiativen zu inkorporieren und in offizielle Initiativen umzuwandeln.

Bei der sozialräumlichen Gliederung São Paulos kann man heute immer noch eine ringförmige Strukturierung feststellen. Das Zentrum wird von einem halbkreisförmigen Ring von Wohnvierteln nach Westen umschlossen, in denen mehr als 70 % der Erwerbspersonen über ein Einkommen von mehr als 12 Mindestlöhnen verfügen. Um diese Zone schließt sich ein breiter Ring mit von Einwohnern der mittleren und unteren Mittelschicht geprägten Wohnvierteln an. Die Peripherie der Metropolitanregion wird vor allem im gesamten Osten, im Westen und Südwesten von Mitgliedern der unteren sozialen Schicht bewohnt, die zu über 80 % weniger als fünf Mindestlöhne, größtenteils - falls überhaupt formal erwerbstätig - zwischen einem und drei, verdienen (s. Karte 2).


Die wichtigste Industriemetropole der Dritten Welt...

Die Metropolitanregion São Paulo ist nicht nur das führende Wirtschaftszentrum Brasiliens, sondern auch der größte industrielle Ballungsraum Lateinamerikas und der bedeutendste Industriestandort der Dritten Welt. In Grande São Paulo werden 17,4% des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet, der Anteil am BIP des Staates São Paulo, der ein Drittel des gesamten brasilianischen BIP produziert, beträgt 53,4 % (EMPLASA 1995). Der Großraum São Paulo stellt 30 % des industriellen Produktionswerts Brasiliens und etwa ein Drittel aller Industriebeschäftigten des Landes. São Paulo, das bereits seit den 20er Jahren die führende Industrieagglomeration Brasiliens war, hatte diese Position aufgrund seiner industriellen Standortgunst und im Rahmen der importsubstituierenden Industrialisierung bis Anfang der 60er Jahre enorm ausgebaut, als 74 % der nationalen industriellen Wertschöpfung in der Metropole São Paulo erfolgten und der Fahrzeugbau dort sogar mit 82 % eine hypertrophe Konzentration erlebte. In den 70er Jahren brachte das sogenannte brasilianische "Wirtschaftswunder" mit dem wachstumsorientierten wirtschaftlichen Entwicklungsmodell einen Verstärkungs- und Konsolidierungseffekt.

Inzwischen sind diese hohen Anteile durch die seit den 70er Jahren erfolgte industrielle Dezentralisierung in São Paulo, durch die Entwicklung anderer Industriestandorte und die allgemeine Verbesserung der Infrastruktur in Südost- und Südbrasilien zwar deutlich abgesunken, Grande São Paulo ist aber weiterhin mit weitem Abstand die wichtigste Industriemetropole.

Die Zahl der Industriebeschäftigten, die 1970 915 000 betrug, war bis 1986 auf 1,74 Mio. gestiegen und hat sich Anfang der 90er Jahre dramatisch auf 1,17 Mio. (1992) verringert. Gründe waren die allgemeine Wirtschaftskrise mit der verschlechterten internationalen Wettbewerbsposition der brasilianischen Industrie, die konjunkturellen Schwankungen in einzelnen Industriebranchen, aber auch die Dezentralisierung. Der Anteil von Grande São Paulo an der Zahl der Industriebeschäftigten des Staates hat sich von 70,6 % (1970) auf 53,3 % (1992) verringert, bei der industriellen Wertschöpfung von 75 % auf 58 %. Gründe für die industrielle Dezentralisierung sind die geringe Verfügbarkeit von Industrieflächen und sehr hohe Bodenpreise in der Metropolitanregion, sowohl für Neugründungen als auch für die Expansion bestehender Betriebe. Außerdem sind negative Investitionsanreize durch erhöhte Besteuerung und weitere - z.T. aber zu umgehende - gesetzliche Restriktionen, vor allem im Umweltbereich, zu nennen, fast unlösbare innerstädtische Verkehrsprobleme, Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, ein für Brasilien hohes Lohnniveau, starke Aktivitäten der Gewerkschaften, Sicherheitsprobleme etc.

Bei genauer Analyse der industriellen Dezentralisierung zeigt sich aber, daß in den 80er Jahren 77 % der dezentralisierenden Firmen sich in einem Umkreis von 50 km, 14 % zwischen 50 und 150 km und nur 9 % sich mehr als 150 km von der Stadt São Paulo entfernt etabliert haben (EMPLASA 1994). Dies bedeutet, daß sich hier eher eine räumliche Vergrößerung des industriellen Ballungsraumes abzeichnet, in der Art einer industriellen "Suburbanisierung", die die sogenannten Entlastungspole im Sog der Expansion der Metropolitanregion inkorporiert.


...und "die größte deutsche Industriestadt"

In São Paulo sind zahlreiche multinationale Großunternehmen vertreten. Nahezu alle bedeutenden deutschen Konzerne haben eine brasilianische Niederlassung in São Paulo. Aufgrund der Präsenz von mehreren Hundert deutschen Firmen wird São Paulo nach der Beschäftigungszahl dieser Betriebe gern als die "größte deutsche Industriestadt" bezeichnet. VW do Brasil ist der größte industrielle Arbeitgeber im Lande. Metallverarbeitung (12,8% der Industriebeschäftigten), Fahrzeugbau (12,1 %), Elektroindustrie (10,0%), Bekleidung und Schuhe (8,8 %) und Maschinenbau (8,5%) sind die führenden Industriebranchen. Bei der räumlichen Verteilung der Industrien im Großraum São Paulo hebt sich der Südosten mit den ABCD-Städten (incl. Diadema) besonders hervor, wobei São Bernardo do Campo als Standort für die Automobilindustrie und deren Zulieferer, São Caetano do Sul für Maschinenbau und Metallverarbeitung und Santo André für die chemische Industrie und Maschinenbau herausragen. In Osasco an der westlichen Peripherie und in Guarulhos im Osten an der Verkehrsachse nach Rio de Janeiro befinden sich bedeutende Standortkonzentrationen. Der neue internationale Flughafen Guarulhos hat dieser Stadt neue Entwicklungsimpulse gegeben.

São Paulo ist jedoch nicht nur ein sehr bedeutender industrieller Ballungsraum, sondern auch ein Handels- und Bankenzentrum, der Sitz zahlreicher wissenschaftlicher und kultureller Institutionen, mehrerer Universitäten und das führende Zentrum für Technologie, Informations-und Kommunikationswesen.

Von den 8,16 Mio. Beschäftigten in der Metropolitanregion waren 1994 25,3% (1985: 32,8%) im sekundären Sektor tätig, 54,1% (1985: 48,9%) im Dienstleistungsbereich, 16,9% (1985: 14,1%) im Handel, 3% im Baugewerbe. 12,6% waren arbeitslos (1989: 6,7%), vor allem in den peripheren Munizipien. Nach Schätzungen der EMPLASA (1995) sind 800 000 Menschen im informellen Sektor tätig, wo jährlich 3 Mrd. US-$ (=2% des BIP des Staates São Paulo) erwirtschaftet werden.

61,2% der Erwerbstätigen verdienen weniger als 5 Mindestlöhne (mtl. Mindestlohn März 1997;110 US-$), davon ein Drittel weniger als 220 US-$ / Monat. Bei den hohen Lebenshaltungskosten in São Paulo reichen diese Einkommen allein kaum zur Überlebenssicherung aus.

Der Beitrag des Zentralmunizips São Paulo zum Haushalt der Metropolitanregion ist mit 69,9% erdrückend, São Bernardo do Campo folgt mit nur 4,8%.


Umweltprobleme oder wo täglich 2,5 Mio. Autos zirkulieren

Städtisches Wachstum, hohe Industriedichte und höchste Verkehrskonzentration führen in São Paulo zu einer Vielzahl von Umweltproblemen. Flächenversiegelung behindert nicht nur den Abfluß der Niederschläge, sondern engt auch die Erholungsmöglichkeiten auf wenige gut erreichbare städtische Parks stark ein. Luftverschmutzung, Gewässerbelastung, Lärmbelästigung und Emissionen durch den Verkehr sowie Entsorgungsprobleme bei Müll und Abwasser sind die gravierendsten Probleme.

Ver- und Entsorgung variieren sehr stark je nach dem sozialen Status eines Stadtviertels. Vom Zentrum und den innenstadtnahen gehobenen Wohngebieten des Übergangsgebiets nimmt die Qualität dieser Dienstleistungen und infrastrukturellen Einrichtungen zur Peripherie hin schnell ab. Luft- und Wasserqualität sind im metropolitanen Kerngebiet allerdings schlechter als in vielen randstädtischen Bezirken (Jacobi 1994).

Die Schadstoffbelastung der Luft hat trotz leichten Rückgangs bei einzelnen Stoffen immer noch alarmierende Ausmaße, die durch Industrie (v.a. Schwebstäube, Stickstoffdioxid, Schwefeldioxid) und Verkehr (Kohlenmonoxid) verursacht werden. 90% der schlechten Luftqualität wird durch den Verkehr bewirkt (Wilheim 1991). Aufgrund der Beckenlage der Stadt mit fehlendem Luftaustausch und häufigen thermischen Inversionen in den Wintermonaten (Juni bis August) sind Atemwegserkrankungen sehr häufig.

Die Verkehrssituation stellt São Paulo vor schwierigste Probleme. Trotz einer Ringstraße um den alten Stadtkern, großen Straßendurchbrüchen, Straßentunnels und dem Ausbau der großen Ausfallstraßen sind Staus und chaotische Verkehrsverhältnisse, die bei Starkregen zum völligen Zusammenbruch des Straßenverkehrs führen können, an der Tagesordnung. Seit 1975 hat sich der Kfz-Bestand auf 4,5 Mio. mehr als verdreifacht. In der Metropolitanregion verkehren
21 % aller in Brasilien und 57% der im Staat São Paulo zugelassenen Fahrzeuge. 2,5 Mio. Pkw zirkulieren täglich in diesem Bereich, darunter 33 000 Taxis. Dazu kommen 15 000 Busse mit hohem Schadstoffausstoß, die 73% der Passagiere im ÖPNV befördern. Die Metro (drei Linien mit einer Gesamtstreckenlänge von nur 42 km) kann nur 22%, die Vorortbahnen gar nur 5% transportieren (EMPLASA 1994). Die durchschnittliche Wegezeit der Beschäftigten in Grande São Paulo beträgt im Normalfall täglich 2,5 Std. Die Fahrt vom internationalen Flughafen in Guarulhos zum Stadtzentrum kann in der rush-hour über 2 Std. betragen. Auch die Einrichtung großer Ring- und Umgehungsstraßen entlang des Rio Tietê im Norden und des Rio Pinheiros im Westen mit der völligen Versiegelung der überschwemmungsgefährdeten Uferbereiche bringt bei der heutigen Verkehrsdichte und einem hohen Anteil von Schwerlastverkehr keine spürbare Entlastung mehr.

Die Wasserverschmutzung durch industrielle und häusliche Abwässer hat dazu geführt, daß die beiden Hauptflüsse Tietê und Pinheiros im Stadtgebiet biologisch tot und zu reinen Abwasserkanälen mit hohen Schwermetallkonzentrationen verkommen sind. Nur ein Drittel des Tietê-Wassers ist natürlichen Ursprungs (Wehrhahn 1994), und auch die für die Wasserversorgung wichtigen Stauseen im Süden der Stadtregion sind durch die Einleitung nicht geklärter Abwässer ungeplanter Wohnsiedlungen und favelas bald nicht mehr für die Trinkwassergewinnung nutzbar. Geruchsbelästigung der Anwohner, Eutrophierung, unzumutbarer Geschmack des Leitungswassers und hohe Kosten für das Erreichen von Trinkwasserqualität sind die Folgen.

Nur die Hälfte der Stadt São Paulo ist mit einem Abwassersystem versehen und nur 7,5% der Abwässer werden geklärt. Für die Sanierung des Rio Tietê und des Billings-Stausees sind 2,6 Mrd. US-$ eingeplant. Die Arbeiten sind im Gange, aber die Dimension der Probleme ist erdrückend.

Die Müllentsorgung der täglich anfallenden 17 000 t Hausmüll der Metropolitanregion funktioniert bei der Müllsammlung nur im Munizip São Paulo gut. In den übrigen Bezirken der Region kommt es aufgrund des Fehlens ausreichender Deponieflächen durch die ca. 350 wilden Müllkippen (Jacobi/Teixeira 1996) zu einer Belastung von Böden, Grundwasser und Luft. 92% des Mülls werden deponiert, Wiederverwertung und Kompostierung sind nur in Ansätzen vorhanden.

Die Umweltbehörde CETESB sieht sich trotz guter Ausstattung und zahlreicher Projekte einem äußerst schwierigen und umfangreichen Problemkomplex gegenüber, der politische Lösungen erfordert, aber leider keine schnellen Lösungen erwarten läßt.


Stadtplanung und soziale Bewegungen

Die Stadtplanung in São Paulo ist eng mit den einzelnen Phasen der Stadtentwicklung und der Institutionalisierung von Bürgermitbestimmung verknüpft.

In der Modernisierungsphase (1888-1930) erforderte der Übergang von einer Klein- zur Großstadt eine sozialräumliche Neuordnung der Stadt. Der rasante Verstädterungsprozeß führte zu starken sozialen Disparitäten und zu einer Politik der Marginalisierung der unteren sozialen Schichten. Die soziale Segregation in bürgerliche Wohnviertel, Arbeiter- und Migrantenviertel und Mietskasernenviertel (cortiços) im zentrumsnahen Raum ließ reiche, moderne Wohnviertel mit der von der Stadtverwaltung bereitgestellten städtischen Infrastruktur sowie arme Viertel mit Wohnungsnot und Versorgungsdefizit entstehen. Die Nachbarschaftsvereine konnten Verdrängungsprozesse nicht verhindern und scheiterten nicht nur an fehlenden materiellen Ressourcen, sondern auch an ihrer Radikalität, die sie zunehmend in die gesellschaftliche Isolation führte (Novy 1995).

In einer zweiten Phase (1930-1964) gewannen demokratische Entscheidungsprozesse bei der Planung und Umsetzung von Infrastrukturmaßnahmen in Form des Klientelismus deutlich an Bedeutung. Es kam zur Entstehung von Wohnviertelvereinen, die der armen Bevölkerungsmehrheit Erfahrungen in der politischen Mitbestimmung bei der Stadtplanung brachten. Während der Militärdiktatur (1964-1985) wurde die den politischen Rahmenbedingungen untergeordnete Stadtplanung zunehmend von den Militärs nahestehenden wirtschaftlichen Gruppen bestimmt. Große Projekte der Verkehrsinfrastruktur (Metro, Durchgangsstraßen) standen im Vordergrund des Interesses. Die Kluft zwischen den sozialen Schichten vergrößerte sich während des Wirtschafts-"booms". Die Nachbarschaftvereine lösten sich auf, und die Bewohner der Armenviertel suchten bei den reformorientierten kirchlichen Basisgemeinden Zuflucht und eine Artikulationsebene für eine Partizipation an der Planung in lokalem Maßstab.

Die vierte Phase der Demokratisierung (ab 1985) auf der Basis der neuen Verfassung von 1988 führte zu Modellen der Bürgermitbestimmung bei der Planung und Gestaltung der Stadt und schuf Grundlagen für eine Überwindung des rein technokratischen Planungsverständnisses. Der Wahlerfolg der Arbeiterpartei (PT) in São Paulo 1988 brachte Maßnahmen zur Legalisierung und Verbesserung des Wohnens. Die Dezentralisierung der Verwaltung sollte ein differenzierteres Handeln auf lokaler Ebene ermöglichen (Novy 1995).

Die Stadtteil- und die favela-Bewegungen, soziale Organisationen mit einem territorial geprägten Bewußtsein, haben auch in São Paulo einen wesentlichen Beitrag zur Erlangung der vollen Bürgerrechte durch kollektives Handeln geleistet (vgl. Souza 1993). Dies nicht nur bei der Verbesserung der Grundbedürfnisse, sondern vor allem bei der Bewußtseinsbildung und der politischen Erkenntnis der Stadtproblematik als soziales Problem und den Bemühungen um eine Humanisierung des städtischen Lebens (Kohlhepp 1994).


Mit armutsorientierter Stadtentwicklungspolitik die Unregierbarkeit vermeiden

Die Stadtentwicklung der letzten Jahrzehnte hat als Teil der gesellschaftlichen und politischen Realität Brasiliens in der Metropolitanregion São Paulo wie in anderen Metropolen und Großstädten des Landes zu einem enormen sozialen Konfliktpotential und zu gravierenden infrastrukturellen Überlastungserscheinungen geführt. Die Globalisierung der Wirtschaft mit neuen Formen der internationalen Arbeitsteilung hat der Metropole São Paulo die Rolle einer bedeutenden Global City der Dritten Welt zuteil werden lassen, gleichzeitig aber auch die externen und internen Abhängigkeiten verdeutlicht.

Die vehemente Verschlechterung des sozialen Klimas mit ungeheuren Ungleichheiten zwischen den sozialen Schichten hat zu einer "Militarisierung des Alltags" geführt, mit gewaltsamen Versuchen der "Partizipation" am Reichtum der oberen Schichten, brutalen Gegenreaktionen der privaten Sicherungsdienste der Betroffenen und vielfältigen Repressionsmechanismen der staatlichen Gewalt. Privat finanzierte "Todesschwadrone" üben Selbstjustiz an Kriminellen, polizeiliche Gewalt in Marginalsiedlungen gerät zeitweilig völlig außer Kontrolle, "Strafaktionen" staatlicher Ordnungskräfte gegen Straßenkinder oder Bettler enden oft tödlich, und die gewaltsame Vertreibung ambulanter Händler aus den Hauptgeschäftsstraßen wird zum Normalfall. All dies zeigt die Eskalation im Kampf zwischen Überlebenssicherung und Verteidigung der Eigeninteressen und des eigenen städtischen Lebensraumes. Durch den Drogenhandel und dessen Umfeld erfährt die Kriminalität eine neue Dimension.

Eine Reorganisation der städtischen Lebenswelt zur Vermeidung der Unregierbarkeit kann nur mit einschneidenden Maßnahmen einer armutsorientierten Stadtentwicklungspolitik, der Partizipation von Einwohner-Vereinigungen an den Planungen und deren Umsetzung erfolgen. Eine weitgehende Demokratisierung der Stadtplanung unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Gruppen muß mit sozial verträglichen und ökologisch angepaßten Entwicklungsstrategien einhergehen, die in entsprechende Rahmenbedingungen auf nationaler Ebene eingebunden sind. Es ist von entscheidender Bedeutung, das Prinzip der "Nachhaltigkeit" in der Stadtentwicklungspolitik zu verwirklichen.

Solange dies nicht der Fall ist, gilt für São Paulo - wie für andere Städteregionen der Neuen Welt mit einem schnellen Entwicklungszyklus - was der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss, der in den 30er Jahren in São Paulo lebte, von den Städten des amerikanischen Kontinents sagte: Sie zeigen Anzeichen von Dekadenz, ohne den Höhepunkt erlebt zu haben.


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Den studentischen Hilfskräften Simone Bandle, Jens Nagel und Mirjam Roller danke ich für ihre Mitarbeit bei der Vorbereitung dieses Beitrags.