Zeitschrift 

Der Bürger im Staat

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Medizin - Naturwissenschaft - Technik
 
 
 

Heft 3/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis

 
Ein Überbleibsel des Leib-Seele-Problems

Bewusstsein: eine harte Nuss

Hirnfunktionen, Bewusstseinszustände, Manipulationsgefahren

Von Gábor Paál

Gábor Paál ist freier Mitarbeiter im Hörfunk des SWR, Baden-Baden.

Wie der Mensch Reize verarbeitet, ist inzwischen bekannt. Doch wie entsteht daraus Bewusstsein – und wofür ist es gut? Bewusstsein ist nichts Statisches, es gibt unterschiedliche Bewusstseinszustände, die wir – je nachdem – positiv oder negativ empfinden und die sich zum Teil auch beeinflussen lassen, durch Drogen beispielsweise. Je mehr wir über das Hirn Bescheid wissen, desto leichter lässt sich das Bewusstsein auch beeinflussen. Den richtigen Umgang mit den Bewusstseinszuständen zu lernen, ist auch eine pädagogische Aufgabe.
Red.


Der Unterschied zum Zombie

Die Frage des Bewusstseins hat mit Zombies zu tun. In der Wissenschaft werden Zombies so definiert: Der Zombie ist ein menschenähnliches Wesen. Er reagiert wie ein Mensch, bewegt sich wie ein Mensch, redet wie ein Mensch. Öffnet man seinen Schädel, findet sich ein voll funktionsfähiges Gehirn. Doch der Zombie hat kein Bewusstsein. Alles, was er tut und macht, geht maschinenhaft vor sich. Er erlebt nichts. Der „Zombie“ ist ein Fachbegriff: Ein Gedankenkonstrukt ,das für all die Probleme steht, mit denen sich die Bewusstseinsforscher herumschlagen. Können wir sicher sein, dass es keine Zombies gibt? Diese Frage ist nur eine andere Umschreibung für das Problem, das die Düsseldorfer Neuropsychologin Petra Stoerig folgendermaßen beschreibt: „Das einzige, was ich sicher weiß, ist, dass ich selbst bei Bewusstsein bin. Und dann kann ich natürlich vermuten, mein Gegenüber hat das wahrscheinlich auch. Aber nachweisen kann ich das letztlich nicht. “Ihr Interesse konzentriere sich im Grunde auf drei Fragen, sagt Stoerig: Welche Vorgänge im Gehirn erzeugen Bewusstsein? Wozu ist es gut? Und wer hat es überhaupt?

Warum empfinden wir Lichtwellen als Farben und Schallwellen als Töne?

Die Frage nach dem Bewusstsein ist ein Überbleibsel des alten Leib-Seele-Problems. Ein Überbleibsel deshalb, weil viele Zusammenhänge zwischen Körper und Seele inzwischen geklärt sind. Wie der Mensch Reize verarbeitet, wie er lernt, wie psychische Störungen entstehen – zumindest im Prinzip sind die verantwortlichen Mechanismen bekannt. Doch warum der Mensch bei all diese Vorgängen überhaupt etwas erlebt, darauf gibt es bislang keine Antwort. Warum empfinden wir Lichtwellen als Farben und Schallwellen als Töne? Warum sehen wir langwelliges Licht als „rot“ und kurzwelliges als „violett“? Der Berliner Philosoph Peter Bieri macht das anhand eines Gedankenspiels deutlich: Selbst wenn wir einen genauen Einblick in das Gehirn hätten, genau beobachten könnten, wie die Neuronen auf welche Reize reagieren, bringt uns das keinen Schritt weiter. Alle Vorgänge im Gehirn könnten im Prinzip auch ablaufen, ohne dass wir dabei auch nur die Spur eines Erlebnisses hätten. „Qualia-Problem“ nennen das die Philosophen, im angelsächsischen Raum spricht man auch ganz pragmatisch vom„hard problem“, frei übersetzt: der harten Nuss.

Bewusstsein: das sinnvolle Zusammenbinden einzelner Reize

Auf den ersten Blick scheint das Qualia-Problem – wie viele philosophische Fragen – ziemlich abgehoben. Tatsächlich aber begegnet es den Wissenschaftlern in einigen konkreten und sehr merkwürdigen Phänomenen, die sie lange nicht beachtet hatten und von denen sie erst in den letzten Jahren erkannt haben, dass sie ihnen beim Verständnis des Bewusstseins weiterhelfen könnten. Die Bewusstseinsforscher begegneten zum Beispiel Synästhetikern. Menschen, bei denen verschiedene Sinneskanäle miteinander verknüpft sind. Synästhetiker sehen Klänge, hören Gerüche oder fühlen Farben. Hinderk Emrich, Leiter der psychiatrischen Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover, hat im Laufe der letzten Jahre viele Synästhetiker interviewt. In der Synästhesie sieht Emrich nicht zuletzt ein Phänomen, das wie kaum ein anderes den eigentlichen Kern der Bewusstseinsproblematik verdeutlicht: Die Frage nach dem konkreten Erleben. „Bewusstsein haben heißt ja, bestimmte Phänomene im mentalen Raum miteinander zu verbinden sagt Emrich. „Wenn ich zum Beispiel eine Tasse nehme, die hat einen bestimmten Schimmer, es kommt vielleicht etwas Dampf heraus, es fühlt sich warm an. Alle diese verschiedenen Sinneseindrücke werden so miteinander verknüpft, dass die Tasse als Einheit wahrgenommen wird. Es wird also vom Bewusstsein immer eine Einheit erzeugt.“ Bewusstseinsforscher bezeichnen diesen Vorgang als Binding – das sinnvolle Zusammenbinden einzelner Reize. Die Synästhetiker, sagt Hinderk Emrich, seien deswegen so spannend, weil sie an einer Stelle, wo sie normalerweise nicht vorgesehen ist, eine Bindung herstellen, etwa zwischen einem visuellen Reiz und einer akustischen Wahrnehmung. Emrich spricht von „Hyperbinding“. Synästhetiker, so könnte man sagen, verfügen demnach über zusätzliche Bewusstseinsebenen. In ihrem bewussten Erleben spielen sich Dinge ab, die anderen Menschen fremd sind. 

„Blindseher“

Bei anderen Menschen dagegen ist das Bewusstsein reduziert. Petra Stoerig hat beispielsweise so genannte „Blindseher“ untersucht. Dabei handelt es sich um Menschen, die glaubhaft versichern, sie könnten nichts sehen, die sich aber dennoch genau so verhalten, als ob sie es doch könnten. Sie fangen einen Ball, weichen Hindernissen aus und können mit hoher Trefferrate Gegenstände benennen, die sich in ihrem Gesichtsfeld befinden. Die Interpretation dieses Phänomens liegt auf der Hand: Blindseher sehen unbewusst. Neurologisch lässt sich dieses unbewusste Sehen erklären. Sehen ist nicht nur eine lineare Weiterleitung eines äußeren Reizes über das Auge ins Gehirn. Vielmehr verzweigt sich der Informationsstrom im Gehirn. Das Bewusstsein, also das bewusste Gewahrwerden, dass man etwas sieht, entsteht offenbar in der Hirnrinde, im visuellen Cortex. Doch die Bildinformation gelangt gleichzeitig auch in andere Hirnbereiche, wo sie ebenfalls weiterverarbeitet wird, nur eben unbewusst. Ist der visuelle Cortex verletzt, fallen bestimmte Teile des bewussten Sehens ganz – oder teilweise – aus. Es gibt auch das Phänomen der selektiven Blindheit: Je nachdem, wie weit die Nervenschädigung vom Auge entfernt ist, sind unterschiedliche Aspekte des Sehens betroffen. So gibt es Menschen, die nur schwarzweiß sehen. Sie haben keine bewusste Farbwahrnehmung. Andere wiederum können keine Bewegungen verfolgen. Manchen Patienten ist es nicht einmal mehr möglich, die Reize ihrer Umgebung zu einem einheitlichen Eindruck zu integrieren. Das, was sie erleben, sagt Petra Stoerig, lässt sich am ehesten beschreiben als ein Film, der nur aus unzusammenhängenden Flecken besteht. Ein abstraktes Gemälde in Bewegung.

Neglect-Patienten sehen nur einen Teil der Welt

Eine weitere Stufe des Bewusstseinsausfalls zeigt sich bei den so genannten Neglect-Patienten. Ihr Krankheitsbild ist noch seltsamer. Sie nehmen nicht nur bestimmte Dinge in ihrem Gesichtsfeld nicht mehr bewusst wahr, im Weltbild eines Neglect-Patienten kommt ein Teil der Welt gar nicht mehr vor. Alles, was auf ihrer linken Seite ist, entzieht sich ihrer Vorstellung, erklärt Stoerig. „Zum Beispiel rasieren sie nur die Hälfte ihres Gesichtes. Ein Neglect-Patient muss auch ganz mühsam lernen, dass er auf der linken Seite seines Tellers auch Essen hat. Und nicht nur auf der rechten. Er kriegt also ein normales Klinikessen hingestellt, isst die rechte Hälfte auf dem Teller auf, und dann ist er nicht satt geworden und sagt, er hätte gerne noch was, aber die ganze andere Hälfte liegt da. Manchmal kompensieren diese Patienten dies dann, indem sie sich um sich selber drehen, sodass es dann auf die andere Seite kommt, damit sie das aufessen können. Einen bemerkenswerten Fall schildert auch der italienische Psychologe Edoardo Bisiach: Er bat eine Neglect-Patientin, ihm den Weg vom Mailänder Dom zur Universitätsklinik zu beschreiben. Ihre Wegbeschreibung führte ans Ziel, allerdings über einen großen Umweg: Die Route enthielt ausschließlich Abzweigungen nach rechts. 

Bewusstsein als abgestimmte Aktivität von Neuronen?

All diese Fälle: Blindsehen, selektives Blindsehen und die Neglect-Patienten sind für Petra Stoerig ein eindeutiges Zeichen, dass es im Gehirn kein abgegrenztes Bewusstseinszentrum gibt. Das Bewusstsein werde vielmehr jeweils einzelnen Komponenten der Wahrnehmung und des Denkens zugeschaltet. Die Wahrscheinlichkeit, dass man im Gehirn ein Areal findet, das für Bewusstsein zuständig ist, hält sie für „praktisch null“. Tatsächlich haben die meisten Forscher die Hoffnung, irgendwo im Gehirn den Bewusstseinsschalter zu lokalisieren, inzwischen aufgegeben. Doch die Anstrengungen, überhaupt neuronale Korrelate für das Bewusstsein zu finden, gehen weiter. Dabei lassen sich im Wesentlichen zwei Schulen ausmachen. Zur einen gehört der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer. Er konzentriert sich auf das Binding-Phänomen. Singer geht davon aus, dass die bewusste Wahrnehmung eines Reizes auf neuronaler Ebene einem gemeinsamen Feuern von Neuronen entspricht. Die Neuronen, über die etwa die Farbe eines Gegenstandes verarbeitet wird, können woanders liegen als die, die für die Konturen zuständig sind. Aber wenn wir etwas als eine Einheit wahrnehmen, dann stimmen sich die Nerven der betroffenenen Gruppen ab und feuern im Gleichtakt, und zwar zwischen 30 und 80 Mal in der Sekunde. Singer spricht von „Synchronisation“. Dem Binding, dem in sich stimmigen bewussten Erleben entspricht also eine abgestimmte Aktivität der Neuronen.

Die Fähigkeit, das eigene Routine-Verhalten zu reflektieren und zu korrigieren

Dem Bremer Neurobiologen Hans Flohr reicht diese Erklärung jedoch nicht aus. Zwar könnte die Synchronisation erklären, wie das Gehirn Dinge als „Einheiten“ repräsentiert. Doch damit sei noch nichts darüber gesagt, warum das bewusst geschieht. Flohr hat eine andere Theorie: Seiner Ansicht nach sind so genannte NMDA-Synapsen für bewusstes Erleben verantwortlich. Synapsen sind Kontaktstellen zwischen Nervenzellen. An ihnen wird das Signal einer Zelle mit Hilfe von chemischen Botenstoffen an die nächste Zelle weitergeleitet. Die NMDA-Synapsen, die vor allem in der Hirnrinde verbreitet sind, haben einige besondere Eigenschaften, die mit dem Bewusstsein zusammenhängen könnten. Da ist zum einen der Faktor Zeit: Auch wenn es uns nicht so vorkommt, handeln wir in der Regel viel schneller als wir uns dessen bewusst sind. Wir ziehen die heiße Hand sofort von der Herdplatte – den Schmerz spüren wir aber erst im Nachhinein. Wir drücken einen Knopf – aber erst eine knappe halbe Sekunde später werden wir uns dieser „Entscheidung“ bewusst. Das alles weiß man seit den 70er-Jahren. Doch Flohr konnte nun zeigen, dass die Vorgänge an den NMDA-Synapsen ebenfalls relativ langsam vonstatten gehen. Und er konnte zeigen, dass immer dann, wenn wir kein Bewusstsein haben – nämlich unter Narkose – die NMDA-Synapsen nicht aktiv sind. Flohr scheut sich davor zu behaupten, er habe nun das jahrtausende alte Rätsel „Bewusstsein“ gelöst. Er spricht bescheidener von einer „Theorie der Anästhesie“. Doch wenn er recht hat, hätte er zwei der drei Fragen von Petra Stoerig beantwortet: Wie entsteht bewusstes Erleben? Durch die Aktivität von NMDA-Synapsen. Wer hat es? Jeder Organismus, der NMDA-Synapsen hat – und das sind bei weitem nicht nur Menschen. Und auch auf die dritte Frage – wozu ist das Bewusstsein gut? – hat Flohr eine Antwort parat. Bewusstsein, sagt Flohr, heiße letztlich Metarepräsentation: Wenn wir bewusst etwas wahrnehmen, verfüge unser Gehirn nicht nur über eine Repräsention des eigentlichen Objekts, sondern auch über eine Repräsentation unseres eigenen Gehirnzustands. Damit verbunden wären zusätzliche Fähigkeiten, die auch evolutionär von Vorteil wären. Wenn schnelle Entscheidungen gefragt sind, bringe das Bewusstsein nichts, betont Flohr. Dazu sei es zu langsam, wir greifen in diesen Fällen lieber auf Routine-Reaktionen zurück. Doch die Fähigkeit zur Metakognition erlaube es den Organismen, die über Bewusstsein verfügen, im Nachhinein ihr Routine-Verhalten zu reflektieren und gegebenenfalls zu korrigieren.Wenn diese Theorie stimmt, dann bedeutet das auch: Zombies hätten kein Bewusstsein und könnten ihr Verhalten somit auch nicht reflektieren. Und das bedeutet: Entweder es kann keine Zombies geben, oder sie sind so dumm, das wir es merken würden.

Bewusstsein lässt sich manipulieren

Während die Frage nach der Natur des Bewusstseins eher philosophischer Natur ist, haben die Forschungen, die sich mit Bewusstseinsveränderungen beschäftigen, sehr praktische Auswirkungen. So bescheren die Fortschritte in Chemie und Pharmazie der Welt nicht nur immer bessere Medikamente, sondern auch immer wirksamere Drogen. Zu den jüngsten und gefährlichsten gehören Crystal-Speed und Yaba. Beides sind Amphetaminderivate. Chrystal-Speed steigert die Aggressivität, und das für einen Zeitraum von bis zu drei Tagen. Die Designer-Droge Yaba wiederum ist ein extrem starkes Aufputschmittel, das bereits bei der ersten Einnahme süchtig macht. Aber auch die Erkenntnisse der Neurobiologie werden neue Einsichten über das Gehirn bringen, und damit aber auch neue Ansätze, um Vorgänge im Gehirn zu manipulieren. Der Bremer Philosoph Thomas Metzinger bringt es auf den Punkt: „Es wird immer bessere Methoden geben, bewusstes Erleben zu verändern. Es wird nicht nur Neurotechnologien geben, wie sie jetzt schon in der Medizin angewandt werden, sondern echte Bewusstseinstechnologien: Methoden, das Gehirn zu beeinflussen, um Bewusstseinszustände zu erzeugen.“

Drogen gehören zu den ältesten Möglichkeiten

Drogen gehören zu den ältesten Möglichkeiten, das Bewusstsein zu manipulieren. Darauf weisen Untersuchungen der Malereien in der französischen Höhle „Pech Merle“ hin. Es sind Bilder von Pferden und menschlichen Händen, wobei die Hände als Negativ abgebildet sind – wie bei einem Siebdruck. Der Umriss ist schwarz, die Hand selbst ist weiß. Die Künstler haben vor 25 000 Jahren die Farbe offenbar auf die Wände der Höhle geblasen, und zwar direkt mit dem Mund. Als die Archäologen die Technik der Steinzeitmenschen nachvollziehen wollten, rieten ihnen Mediziner nachdrücklich davon ab: Die schwarze Farbe der Bilder enthalte Manganoxyd. Manganoxyd könne starke Nervenschädigungen hervorrufen. Außerdem löse es Halluzinationen aus. Dies weckte jedoch nur umso mehr das Interesse der Forscher: Sollten die Steinzeitmenschen ihre Höhlenbilder im Rausch auf die Wände geblasen haben? Sind vielleicht die gepunkten Pferdebilder Ausdruck der Halluzinationen, die die Künstler erlebt haben, als sie den Farbstoff im Mund hatten? Noch sind einige Fragen offen, doch die Vermutung hat einiges für sich: In fast allen Kulturen gibt es Hinweise auf den Gebrauch von Psychedelica. Opium hatten schon die Sumerer vor 6000 Jahren unters Volk gebracht. Die Inkas im hoch gelegenen Machu Picchu halfen sich gelegentlich mit Kokain, wenn sie in der dünnen Luft der Anden schwere Arbeiten zu verrichten hatten. Die sibirischen Schamanen versetzen sich mit Hilfe des hochgiftigen Fliegenpilzes in Trance, die Azteken holten sich ihre Illusionen vom mescalinhaltigen Peyote-Kaktus, der heute fester Bestandteil der Native American Church ist. Selbst viele unserer Gewürze wie Muskat oder Pfeffer enthalten drogenwirksame Stoffe. Allerdings ist darüber noch recht wenig bekannt, meint Udo Pollmer vom Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. „Würde man das intensiver untersuchen, dann könnte man diese Gewürze bei uns nicht mehr kaufen, weil sie dann unter das Betäubungsmittelgesetz fielen.“ Tatsächlich genügen scheinbar harmlose Substanzen, um unser Bewusstsein zu verändern. Schon eine Tasse Tee oder ein Stück Schokolade versetzen unser Erleben mit einem Schuss Euphorie.

Drei Dimensionen unseres Bewusstseins

Der Begriff „veränderte Bewusstseinszustände“ ist somit tückisch. Er suggeriert, es gäbe auch „normale“ Bewusstseinszustände. Doch auch sportliche Aktivität, meditative Musik, ein feuchtkaltes Wetter oder auch ein freundliches Lächeln beeinflussen unseren Bewusstseinszustand. Die Vorstellung, wir könnten uns jemals in einem unbeeinflussten Bewusstseinszustand befinden, ist daher falsch. Unser Bewusstsein ist, wenn man so will, immer verändert. Letztlich lässt sich unser Erleben in drei Kategorien beschreiben, erklärt der Psychiater Hinderk Emrich von der Medizinischen Hochschule Hannover. Da ist zunächst die quantitative Dimension, die zwischen „mehr“ und „weniger“ Bewusstsein differenziert. Bei totaler Aufmerksamkeit haben wir einen hohen Grad an Bewusstsein. Im Tiefschlaf oder unter Narkose dagegen haben wir nur wenig oder gar kein Bewusstsein. Auch hier kann man mit Drogen eingreifen: Nikotin, Coffein und stärkere Amphetamine können den Wachheitsgrad vorübergehend leicht erhöhen. Ein Narkoticum wie Lachgas dagegen kann den Organismus in wenigen Sekunden in die Bewusstlosigkeit befördern. Die zweite Dimension der Bewusstseinsveränderung, fährt Emrich fort, sei die qualitative. Das sind die Prozesse, die durch Psychedelica ausgelöst werden. Die Wahrnehmung wird verzerrt. Gegenstände verändern ihre Gestalt, verschwimmen, lösen sich in einzelne Farbflecken auf. Sogar das Ich-Bewusstsein kann dann zerfallen in viele kleine Ichs – oder in ein großes Nichts.

Am problematischsten ist die emotionale Dimension

Die dritte Dimension schließlich ist die Emotion. Totale Euphorie auf der einen, tiefe Depression auf der anderen Seite – das sind die Pole, zwischen denen sich das Stimmungsbarometer bewegen kann. Wer hier chemisch etwas nachhelfen will, greift zu Morphinen oder Antidepressiva. Diese emotionale Dimension der Bewusstseinsveränderung ist die problematischste. Denn sie ist es, die süchtig macht. Der Drogenabhängige, sagt Hinderk Emrich, sei nicht süchtig auf die Verzerrung seiner Erlebniswelt oder die Steigerung seines Bewusstheitsgrades. Er sei süchtig auf das damit verbundene gute Gefühl, das die Droge ihm beschert – solange bis die Wirkstoffe im Gehirn wieder abgebaut werden und sich der Gemütszustand umkehrt – wie bei Marihuana, beim Heroin oder beim Kokain. Drogen simulieren natürliche Mechanismen. Sie setzen Substanzen frei, die so oder ähnlich auch ohne Drogeneinnahme im Gehirn freigesetzt werden können. Den eindrucksvollsten Beleg dafür bilden die Endorphine, morphiumähnliche Substanzen, die der Körper insbesondere bei extremen Belastungen freisetzt. In ihren Genuss kommen hier zu Lande insbesondere Marathonläufer. Meistens irgendwo bei Kilometer 30 beginnt der Körper mit der Ausschüttung der selbsterzeugten Aufputschmittel. Sie verschaffen dem Jogger ein rauschartiges Hochgefühl, das ihn erneut in Fahrt bringt. Doch auch in anderen Kulturen haben die Menschen Techniken gefunden, um sich mithilfe von Endorphinen in Trance und Ekstase zu bringen und selbst extreme Schmerzen zu unterdrücken. Tanzen im lauten Wirbel schneller Trommeln kann die körpereigene Drogenfabrik ebenso in Gang setzen wie totale Askese: Fasten, starke Dehydrierung oder auch vollkommene soziale Abschottung. Neben den Endorphinen wurden vor einigen Jahren auch körpereigene Cannabinoide entdeckt, Wirkstoffe, die vergleichbar mit Haschisch sind.

Drogen hätten keinen Effekt, wäre das Gehirn nicht darauf vorbereitet

Drogen hätten keinen Effekt, wäre das Gehirn nicht darauf vorbereitet, auf die Inhaltsstoffe zu reagieren. Drogen verändern die Kommunikation zwischen den Neuronen. Den Schlüssel dazu bilden die Neurotransmitter, die Botenstoffe, über die eine Nervenzelle Informationen an die nächste Nervenzelle weitergibt. Einige Drogen sorgen dafür, dass bestimmte Nervenzellen verstärkt Neurotransmitter ausschütten. Daneben gibt es noch andere Substanzen, die gewissermaßen für die Feineinstellung zuständig sind, so genannte Neuromodulatoren. Sie können beispielsweise den Abbau eines Transmitters unterbinden. Der Transmitter reichert sich dann im Gehirn an. „Wahrscheinlich gibt es 500 bis 1000 Neuromodulatoren, und im Moment sind aber nur zehn bis zwanzig biochemisch erfasst. Bis man das überschaut, wie das bewusste Erleben im einzelnen funktioniert und wie man dieses Wissen pharmazeutisch nutzen kann, wird man wohl noch bis zu hundert Jahren brauchen“, vermutet Hinderk Emrich.

Je besser man das Gehirn versteht, desto leichter ist es zu manipulieren

Doch auch wenn es noch eine Weile dauern wird, die Wissenschaft ist auf dem besten Weg, das menschliche Erleben zu entschlüsseln. Dies wird nicht ohne Folgen bleiben. Je besser man das Gehirn versteht, desto präziser kann man es auch manipulieren. Thomas Metzinger: „Das kann durch radikalisierte neue Formen von Unterhaltungselektronik geschehen, durch neue Medikamente, auch durch neue illegale Drogen. Das bedeutet aber, wir müssen uns rechtzeitig, bevor wir von der Entwicklung überrollt werden, Gedanken darüber machen, was überhaupt gute und wünschenswerte Bewusstseinszustände sind.“ Und schließlich kann man nicht nur das eigene Erleben verändern, sondern auch das Bewusstsein von anderen. Die Werbeindustrie etwa, meint Metzinger habe natürlich ein Interesse daran, uns mit Hilfe von Bewusstseinsmanipulationen Kaufwünsche einzupflanzen.

Eine große politische und pädagogische Herausforderung

All diese Möglichkeiten stellen für unsere Kultur eine große Herausforderung dar. Metzinger listet die Probleme in einem Katalog von Fragen auf:„Welche Bewusstseinszustände wollen wir in unserer Gesellschaft fördern, welche Bewusstseinszustände wollen wir verbieten? Was ist psychologische Gesundheit, was ist pathologisch, was muss man therapieren?“ Und ein ganz heißes Eisen: „Welche Bewusstseinszustände wollen wir unseren Kindern zeigen, den RTL- Bewusstseinszustand oder den Meditations-Bewusstseinszustand? Welche Arten von bewusstseinsverändernden Drogen wollen wir unseren Kindern zeigen – den Alkohol-Bewusstseinszustand oder den LSD-Bewusstseinszustand?“ Metzinger hält es durchaus für überlegenswert, mit Jugendlichen in der Schule Meditationsübungen oder Klartraumtraining zu praktizieren, um sie an einen selbstbestimmten, verantwortlichen Umgang mit ihrem eigenen Erleben heranzuführen.„ ln allen Kulturen haben junge Menschen nach diesen Grenzerfahrungen gesucht. Die Frage ist, wie kann sowas auf eine ungefährliche und produktive Weise kanalisieren?“ Er sei allerdings nicht optimistisch, dass diese Vision Wirklichkeit wird. Ihm gehe es um eine „rationale Bewusstseinskultur“. Doch weder die Wissenschaft noch die Philosophie sei derzeit in der Lage, auf all diese Probleme verbindliche Antworten zu geben.
 


Copyright ©   2000  LpB Baden-Württemberg HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de