| „Das Ziel der Raumfahrt ist die Erde“
Der Griff nach den Sternen
Vom erdnahen Orbit zu fernen Welten?
Von Hermann-Michael Hahn
Dipl.-Physiker Hermann-Michael Hahn lebt als Wissenschaftsjournalist
in Köln, arbeitet für alle ARD-Anstalten, für die Frankfurter
Allgemeine Zeitung und Bild der Wissenschaft. Mehr als ein Dutzend Bücher
hat er verfaßt. „Himmlische Themen“ sind seine Spezialität.
An die Fahrt zum Mond haben wir uns längst schon gewöhnt.
Welcher Planet kommt als nächster dran? In den Blick ist hier der
Mars geraten, doch der Weg dorthin dauert unter den günstigsten Bedingungen
heute 260 Tage. Andere Sterne anzusteuern, würde eine Fahrt ohne Wiederkehr
bedeuten. Und wozu der hohe Aufwand, den bereits die Fahrt zum Mond bedeutet?
Letztlich dient die Erkundung des Weltalls durchaus irdischen Zielsetzungen,
besseren Kenntnissen über unseren Planeten, seine Entstehung und sein
Schicksal, zur Verbesserung von Materialien und Fertigungsverfahren bis
hin zu medizinischen Erkenntnissen – vom „Krieg der Sterne“ gar nicht zu
reden.
Red.
Die Gedanken sind frei, doch die Physik setzt Grenzen
Das Verlangen der Menschen, „nach den Sternen greifen“ zu können,
ist vermutlich so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst: Die Sterne,
die wegen ihrer übernatürlich erscheinenden Unveränderlichkeit
von unseren Vorfahren zur Wohnstatt der Götter erklärt wurden,
selbst zu erreichen – oder ihnen zumindest näher zu kommen – , war
der Inbegriff scheinbar überirdischer Macht. Da verwundert es kaum,
dass noch vor gut 30 Jahren der Flug zum Mond auch als Möglichkeit
zur Demonstration einer technologischen Überlegenheit angesehen und
eingesetzt wurde. Und dass die Raumfahrtstrategen den „kleinen Sprung“
Neil Armstrongs nicht als glanzvollen Höhepunkt, sondern als den bescheidenen
Anfang einer viel weiter reichenden Entwicklung ansehen wollen, kann auch
nicht wirklich überraschen1. Schließlich sind Reisen zu den
Sternen im Reich der Phantasie – als science fiction, als wissenschaftliche
Fiktion – schon lange Anregung (und in begrenztem Maße auch Vorbild)
menschlicher Ingenieurskunst. Doch längst nicht alles, was sich auf
diesem Jahrmarkt der Phantasien (oder sollte man besser den englischen
Begriff der phantasy benutzen) tummelt, über Bildschirme und Kinoleinwände
flimmert, hat Aussicht auf eine frühere oder spätere Realisierung:
Die Gedanken sind frei, doch die Gesetze der Physik (und der Biologie)
ziehen mitunter enge Grenzen.
Dies wurde schon beim Versuch deutlich, in den erdnahen Weltraum vorzudringen.
Wer in eine Umlaufbahn um die Erde gelangen will, muß eine Geschwindigkeit
von mindestens rund 8 Kilometern pro Sekunde erreichen. Mit herkömmlichen
Antrieben ist eine solche Geschwindigkeit nicht mehr zu bewerkstelligen,
die dazu erforderliche Raketentechnik musste erst mühsam entwickelt
werden. Darüber hinaus müssen Menschen ihre natürliche Umwelt
zumindest in Auszügen mit sich führen, da sie ohne Wasser und
Sauerstoff, den richtigen „Außendruck“ und die passende Temperatur
nicht überleben können. Um John Glenn im Februar 1962 auf drei
Erdumrundungen zu schicken, reichte noch eine 120 Tonnen schwere, etwa
25 Meter hohe Atlas-Mercury-Rakete. Sieben Jahre später machten sich
Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins an der Spitze einer 111
Meter hohen, fast 3000 Tonnen schweren Saturn-V-Rakete auf den Weg zum
Mond.
Der Weltraum als Labor für vielfältige Untersuchungen
Inzwischen wird die erdnahe Umlaufbahn als Labor für vielfältige
Untersuchungen genutzt. Vor allem die dort herrschende Mikrogravitation
– allgemein etwas salopp als Schwerelosigkeit bezeichnet – macht diese
Umgebung für Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen so
interessant und einmalig: Die große Vorwärtsgeschwindigkeit
läßt jedes Raumschiff im „freien Fall“ um die Erde herumfliegen
und ermöglicht so die scheinbare Aufhebung der Erdschwere. Hier suchen
Mediziner und Biologen nach dem Einfluss der Schwerkraft auf die Entwicklung
einzelner Organe und ganzer Lebewesen, studieren Materialforscher das Verhalten
bestimmter Stoffe und Stoffkombinationen, um – unbeeinflusst durch die
auf der Erde stets dominierende Schwerkraft – auch kleinere Störquellen
etwa bei Schmelz- oder Erstarrungsvorgängen zu ergründen und
modellmäßig zu verstehen. Dabei geht es weniger darum, Fertigungstechniken
für die Schwerelosigkeit zu erproben oder die Belastbarkeit des menschlichen
Organismus in der Schwerelosigkeit zu ergründen2. Auch hier gilt vielmehr
der Satz „Das Ziel der Raumfahrt ist die Erde“. So lassen sich aus der
Kenntnis möglichst aller denkbaren Störprozesse irdische Fertigungsverfahren
optimieren, kommen quantifizierbare Erfahrungen etwa über Muskelschwund,
Knochenabbau und Probleme bei der Anpassung des Herz-Kreislauf-Systems
an die Schwerelosigkeit der vorbeugenden Behandlung irdischer Langzeit-Bettlägriger
zugute. Da hier vor allem Langzeitstudien erforderlich sind, kommt dem
Bau und der Nutzung der Internationalen Raumstation eine besondere Bedeutung
zu – ganz unabhängig von dem auch politischen Wert einer solchen,
ehemaliges Blockdenken überwindenden technologischen Gemeinschaftsanstrengung.
Nächstes Ziel: der Mars?
Für die nächste Etappe der langfristigen Vorplanung ist eine
solche internationale Zusammenarbeit schon allein aus Kostengründen
zwingend erforderlich: Den Flug zum Mars wird eine Nation alleine nicht
mehr bezahlen können, und mit einem Flug allein wäre das angestrebte
Ziel – die ausgiebige Erkundung des roten Planeten – ohnehin kaum erreichbar.
Nur dort gewesen zu sein würde dagegen eine solche Anstrengung angesichts
zahlloser ungelöster Probleme auf der Erde nicht rechtfertigen. Hier
mögen die bemannten Flüge zum Mond vor rund 30 Jahren eine warnende
Mahnung sein. Die entscheidenden wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden
erst Jahre später auf der Erde gefunden – und wären fast durch
die Anwesenheit von Menschen auf dem Mond im wahren Wortsinn zertrampelt
worden3. Wichtige Informationen über den inneren Aufbau des Mondes
sollten nämlich Temperaturmessungen in verschiedenen Tiefen des Mondbodens
liefern, aus denen man über den sogenannten Wärmefluss nach außen
die Restwärme des Mondinnern und damit seine thermische – und physische
– Vergangenheit rekonstruieren zu können hoffte. Bei der Abteufung
des Bohrloches mußten sich die Astronauten jedoch immer wieder mit
viel Kraft in den Boden stemmen, um nicht von dem öfters festsitzenden
Bohrer herumgewirbelt zu werden. Dabei haben sie den an sich lockeren Mondboden
stark verdichtet und so dessen Wärmeleitfähigkeit verändert,
was zu einer Verfälschung des Messwerte führte.
Natürlich setzt der Flug von Menschen zum Mars eine umfangreiche
Vorerkundung dieser fremden Welt voraus, und so geht die – zunächst
unbemannte – Erkundung des roten Planeten ungeachtet der herben Rückschläge
für das russische und amerikanische Marsprogramm weiter. Schon in
der Vergangenheit war dieser „erdähnlichste“ Planet des Sonnensystems
Ziel zahlreicher Raumsonden: 14mal versuchten sich sowjetische und russische
Raketentechniker, 13mal ihre amerikanischen Kollegen. Doch nur sechs „rote“
Sonden (knapp 43 Prozent) kamen am Ziel an (und lieferten jedes Mal nur
wenige brauchbare Daten), während auf westlicher Seite immerhin acht
Sonden (etwa 62 Prozent) den Mars erreichten und dort jeweils äußerst
erfolgreich waren. Umso peinlicher waren die beiden letzten Misserfolge,
die auf das babylonische Durcheinander der benutzten Maßeinheiten
(Mars-Klima-Beobachter) beziehungsweise das durch ein fehlerhaftes Signal
der Landebeine vorzeitig erfolgte Abschalten des Bremstriebwerks (Mars-Polar-Lander)
zurückgehen. Die von der amerikanischen Weltraumbehörde NASA
ausgegebene Parole „besser, schneller, billiger“ hat sich zumindest im
Hinblick auf die Risikobewertung beziehungsweise –vermeidung als gefährliche
Vorgabe erwiesen.
Derzeit „zehren“ die Marsforscher noch vom Mars Global Surveyor, der
den Mars seit dem 12. September 1997 umrundet und mittlerweile mehr als
20 000 Aufnahmen übermittelt hat; sie zeigen zum Teil Einzelheiten
bis herunter zu wenigen Metern Größe. Für die nächsten
Jahre sind weitere Sonden geplant, die entweder den Planeten aus der Umlaufbahn
erkunden oder auf dem Mars landen sollen. Dabei werden die Reisedaten von
den Gesetzen der Himmelsmechanik dominiert, denn Mars und Erde kommen nur
etwa alle 26 Monate in eine günstige Position zu einander, die einen
Flug zum Mars erst möglich macht. Voraussichtlich bei der übernächsten
Startmöglichkeit im Spätfrühjahr 2003 wird sich auch Europa
in die Gilde der eigenständigen Marsforscher einreihen, nachdem Forscher,
Ingenieure und Techniker schon seit längerem an amerikanischen beziehungsweise
russischen Marsprojekten beteiligt waren. Die Sonde mit dem beziehungsreichen
Namen Mars-Express soll Anfang Juni 2003 mit einer russischen Soyuz-Fregat-Rakete
starten und bereits Ende Dezember den Mars erreichen.
Hauptziel ist die Suche nach Wasser unter der Oberfläche des
Mars
Hauptziel der Mission wird die Suche nach Wasser unter der Marsoberfläche
sein. Dazu dienen insgesamt sieben wissenschaftliche Fernerkundungs-Experimente,
die aus der Umlaufbahn betrieben werden, unter anderem eine hochauflösende
Stereo-Kamera, die am DLR-Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung
in Berlin-Adlershof entwickelt wurde, ein italienisch-amerikanisches Radarsystem
sowie Instrumente zur Untersuchung der Atmosphäre und der geologischen
Verhältnisse am Marsboden; vor allem das Radarsystem kann die Existenz
von Wasser und Eis bis in Tiefen von einigen Kilometern unter der Marsoberfläche
aufspüren. Solche Untersuchungen dienen übrigens nicht nur der
reinen Marsforschung, sondern sind auch für unser Verständnis
der Erde und ihrer zukünftigen Entwicklung von Bedeutung. Wenn klar
wird, wie und warum der Mars seine früheren Wasservorräte verloren
hat, kann man besser abschätzen, ob den Ozeanen der Erde dereinst
ein ähnliches Schicksal droht.
Außerdem wird der Mars-Express ein kleines Landegerät (Beagle
2) auf der Marsoberfläche absetzen; mit dem Schiff Beagle (1) unternahm
Charles Darwin in den 1830er Jahren seine Forschungsexpedition, die ihn
schließlich zur Aufstellung der Evolutionstheorie führte. Nach
der – hoffentlich erfolgreichen – Landung wird Beagle 2 exobiologische
und geochemische Untersuchungen vornehmen: Unter einem Mikroskop werden
Gesteins- und Bodenproben bei starker Vergrößerung betrachtet,
und mehrere Messinstrumente werden die chemische Zusammensetzung von Gesteinsproben
innerhalb der Reichweite eines kleinen Roboterarms bestimmen – und dabei
vor allem nach organischen Substanzen, Wasser und wasserhaltigen Mineralien
suchen. Darüber hinaus soll der Lander einen kleinen Rover freisetzen,
der sich mit einer Geschwindigkeit von 6 Metern pro Stunde voranbewegen
und unter größere Felsbrocken in der Nähe kriechen kann,
um dort über eine Gasanalyse nach Spuren früherer Lebensformen
zu suchen. Natürlich gehören auch Panorama-Fotos vom Landeplatz
und seiner Umgebung zum Aufgabenbereich des Landers.
Im Jahre 2003 sind die Bedingungen für einen schnellen Flug von
der Erde zum Mars besonders günstig, weil beide Planeten sich dann
sehr nahe kommen. Noch vor dem Einschwenken in die Marsumlaufbahn wird
die Landekapsel abgetrennt und selbstständig zur Marsoberfläche
absteigen. Der Mars-Orbiter hingegen wird den Planeten alle 6,7 Stunden
auf einer polaren Umlaufbahn zwischen etwa 250 km und 11600 km umrunden.
Menschen zum Mars?
Ein paar Jahre später könnte eine automatische Raumsonde die
ersten Bodenproben vom Mars zur Erde bringen, die hier einer ausgiebigen
Untersuchung unterzogen werden sollen. Doch selbst danach wäre noch
viel Vorarbeit zu leisten, um Menschen sicher zum Mars und zurück
zur Erde zu bringen. Besondere Anforderungen stellt die unabdingbare extreme
Zuverlässigkeit der Raumschiffe und all ihrer Systeme, die über
einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren keine lebensbedrohenden Ausfälle
zeigen dürfen. Besondere Anforderungen werden darüber hinaus
an die psychische Belastbarkeit der Mannschaft gestellt4: Vier oder sechs
Personen, die über diese lange Zeit auf engem Raum miteinander auskommen
müssen und dabei einem hohen Druck ausgesetzt sind, wohl wissend,
dass es im Ernstfall – anders als für Schiffbrüchige – keine
Rettungsmöglichkeit gibt. Während die Insel einem Robinson Crusoe
genügend Lebensraum mit allen notwendigen Vorräten bot, hält
der Mars außer Steinen, Staub und allenfalls den Rohstoffen für
eine – hochtechnisierte – Treibstoffproduktion für den Rückflug
nichts bereit, nicht einmal Wasser.
Grundsätzlich gibt es mehrere mögliche Flugrouten zum Mars5.
Wenn man mit möglichst wenig Treibstoff auskommen will, ist eine Anlehnung
an die schon 1923 von dem Essener Ingenieur Walter Hohmann konzipierte
Übergangsellipse angezeigt. Eine solche Bahn führt zu einer mittleren
Flugdauer von etwa 260 Tagen für eine Strecke, erzwingt aber eine
lange Aufenthaltsdauer (etwa 460 Tage) auf dem Mars, ehe beide Planeten
wieder in eine für den Rückflug günstige Position gelangen.
Ein solches Unternehmen würde die genannten zweieinhalb Jahre in Anspruch
nehmen und den Astronauten viel Zeit für die Erkundung des Mars einräumen.
Eine andere Variante verkürzt diese Erkundungsphase des roten Planeten
auf 30 Tage und erfordert dann einen Rückflug, bei dem das Raumschiff
bis auf die Höhe der Venusbahn an die Sonne herankommen muss und die
Astronauten so vorübergehend einer erhöhten Strahlungsbelastung
ausgesetzt werden. Mit 220 Tagen für den Hinflug, 290 Tagen für
die Rückreise und 30 Tagen Aufenthalt am Mars wäre eine derartige
Mission rund ein ganzes Jahr kürzer. Ob jedoch eine nur 30tägige
Erkundungsphase diesen Aufwand rechtfertigt, wird kontrovers diskutiert.
Für solche Bahnen sind schubstarke Raketen erforderlich, und das erhöhte
Strahlenrisiko könnte sie am Ende ohnehin nur für Versorgungs-Raumschiffe
tragbar erscheinen lassen.
Während die NASA den Preis für solche bemannten Missionen
derzeit zu rund
400 Milliarden Dollar veranschlagt, hat der amerikanische Raumfahrt-Ingenieur
Robert Zubrin eine wesentlich billigere Alternative konzipiert, die noch
dazu deutlich früher realisiert werden könnte6. Nach seinen Ideen
könnten Astronauten bereits 2008 mit der Erkundung des Mars beginnen.
Zubrins Marsprogramm begänne mit dem Start einer 45 Tonnen schweren
Treibstoff-Fabrik; für diesen Flug würde eine Rakete von der
Schubstärke der Saturn-V-Mondrakete ausreichen. Nach der Landung auf
dem Mars würde die vollautomatisch arbeitende Fabrik mit Hilfe eines
Kernreaktors zur Stromversorgung aus mitgebrachtem Wasserstoff und dem
in der Marsatmosphäre reichlich vorhandenen Kohlendioxid innerhalb
von 10 Monaten mehr als hundert Tonnen Methan und Sauerstoff produzieren,
die im weiteren Verlauf als Treibstoff für den Rückflug zur Erde
bereit ständen. Zwei Jahre später würden dann zwei Raketen
von der Erde starten – die eine mit einer neuen Treibstoff-Fabrik, die
andere mit vier Astronauten, Verpflegung und sonstigem „Reisebedarf“. Während
die Astronauten in der Nähe der ersten Treibstoff-Fabrik landen müßten,
könnte die zweite Fabrik etwa 300 Kilometer entfernt aufsetzen und
ihrerseits mit der Produktion von Treibstoff beginnen. Unterdessen würden
die Astronauten mit einem Marsauto die Umgebung des ersten Landeplatzes
weiträumig erkunden und schließlich nach anderthalb Erdenjahren
mit dem bereit stehenden Treibstoff die Rückreise zur Erde antreten.
Zubrins Pläne sehen eine ganze Folge solcher Teilmissionen vor, die
jeweils rund 50 Milliarden Dollar kosten würden – bis zum Erreichen
der 400-Milliarden-Dollar-Marke wären also bis zu acht Etappen möglich.
Eine Forschungsstation auf dem Mond
BILD 1: Die Oberfläche des Mars, aufgenommen während
der erfolgreichen Mars-Path-finder-Mission.
Weiterführende Pläne oder Visionen gehen davon aus, dass solche
Unternehmungen eines fernen Tages zur Einrichtung einer dauerhaft bewohnten
Kolonie auf dem Mars führen. Eine denkbare Zwischenstufe dazu wäre
der Bau einer Forschungsstation auf dem Mond, der auch schon seit längerem
„angedacht“ und untersucht wird. Eine solche Station hätte zwei recht
unterschiedliche Funktionen: Zum einen wäre sie Basislager für
eine intensivere Erforschung des Mondes, zum anderen Außenstation
für irdische Observatorien zur Beobachtung des Universums. Ohne störende
Atmosphäre fänden nicht nur Teleskope für das sichtbare
Licht optimale, stationäre Beobachtungsbedingungen, wie sie nicht
einmal das Hubble-Weltraumteleskop bieten kann – auch für andere Strahlungsbereiche
ließen sich stationäre Empfangsanlagen errichten, die störanfällige
Satellitensteuerungssysteme überflüssig machen würden. Und
Radioteleskope wären auf der Rückseite des Mondes sogar vor irdischen
Störquellen wie den Signalen der Kommunikationssatelliten und Mobiltelefone
sicher.
Die Entdeckung möglicher Wassereis-Vorkommen unter der Mondkruste
im Bereich der Polarzonen hat solchen Gedankenspielen neuen Auftrieb verliehen.
Wenn sich die Interpretation der Messdaten der amerikanischen Lunar-Prospector-Sonde
bestätigen läßt, sollten sich etliche Millionen Kubikmeter
Wasser gewinnen lassen, genug, um eine große Forschungsstation über
viele Jahrzehnte hinweg mit Wasser zu versorgen.
Jenseits von Mond und Mars kaum realistische Ziele
Jenseits von Mond und Mars gibt es für Astronauten – zumindest
mittelfristig – kaum realistische Ziele im Sonnensystem: Aufgrund der zunehmenden
Entfernung zur Sonne sind alle weiteren Planeten beziehungsweise deren
Monde viel zu kalt; darüber hinaus bietet von den Planeten lediglich
der sonnenferne Pluto eine begehbare Oberfläche, während Jupiter,
Saturn, Uranus und Neptun von sehr dichten, tiefreichenden Gashüllen
umgeben sind.
Doch auch die beiden inneren Nachbarn der Erde, Venus und Merkur, sind
alles andere als lebensfreundlich zu nennen. Auf der Venus herrscht unter
der dichten Kohlendioxid-Atmosphäre ein Luftdruck, der dem irdischen
Wasserdruck in rund 900 Metern Tiefe entspricht, und das bei einer nahezu
konstanten Umgebungstemperatur von rund 480 Grad Celsius. Und auf dem atmosphärelosen
Merkur steigt die Temperatur tagsüber ebenfalls auf über 400
Grad an, während sie in der Nacht auf minus 170 Grad sinkt; zusätzlich
wären Astronauten der dort viel höheren Intensität kosmischer
Strahlung von der Sonne schutzlos ausgesetzt.
Eine Weltraumreise über die Grenzen des Sonnensystems hinaus dagegen
wäre angesichts der gewaltigen Dimensionen für jeden Teilnehmer
eine „Reise ohne Wiederkehr“. Selbst die bereits 1972 gestartete Raumsonde
Pionier 10, die 1973 am Jupiter vorbeigeflogen ist und seither das Sonnensystem
verlässt, war nach mehr als 27 Jahren Flugzeit am
1. Januar 2000 gerade einmal rund 75mal so weit von der Sonne entfernt
wie die Erde – das entspricht nur rund einem Fünftausendstel der Strecke
bis zum nächsten Stern. Zwar verspricht die Einsteinsche Relativitätstheorie
bei Reisegeschwindigkeiten in der Nähe der Lichtgeschwindigkeit ein
langsameres Zeiterlebnis und Altern der Besatzung, so dass man mit 99 Prozent
der Lichtgeschwindigkeit die Strecke bis zum nächsten Stern in (nach
Eigenzeit) etwa einem halben Jahr schaffen könnte – nach irdischer
Zeit wären bei der Ankunft am Ziel rund 30 Jahre vergangen. Doch um
ein Raumschiff auf 99 Prozent der Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen,
sind unermesslich große Treibstoffmengen erforderlich, die anfangs
ja noch mit beschleunigt werden müssten; ein solches Unternehmen kann
daher nach heutigem Kenntnisstand unmöglich realisiert werden, und
eine denkbare Erweiterung von Physik und Technik wird die Prinzipien der
Relativitätstheorie kaum außer Kraft setzen können.
Wenigstens virtuell ein besserer Zugang zu den Tiefen des Kosmos
Mit anderen Worten werden wir wohl noch für sehr lange Zeit, wenn
nicht für immer, auf den vergleichsweise winzigen Raumbereich unseres
Sonnensystems beschränkt bleiben. Dennoch ermöglicht uns die
Technik der Raumfahrt durch den Einsatz entsprechender Forschungssatelliten
einen – zumindest virtuellen – Zugang zu den Tiefen des Kosmos: Mit Weltraumobservatorien
für das sichtbare und das unsichtbare Licht können die Astronomen
mittlerweile den Horizont des überschaubaren Universums immer weiter
nach außen drängen. Zwar verfügt das Hubble-Weltraumteleskop,
das die Erde seit inzwischen mehr als 10 Jahren umrundet, nur über
einen vergleichsweise kleinen Spiegel von
2,40 Meter Durchmesser (das größte deutsche Teleskop ist
der 3,5-Meter-Spiegel des Deutsch-Spanischen-Astronomischen Zentrums auf
dem Calar Alto in Südspanien, und die derzeit größten Einzelteleskope
der Erde, die 10-Meter-Keck-Spiegel auf dem erloschenen Hawaii-Vulkan Mauna
Kea, haben eine mehr als 16mal größere Auffangfläche),
doch sein im wahren Wortsinn „herausragender“ Standort über der Erdatmosphäre
erlaubt wesentlich schärfere Bilder als alles, was erdgebundene Teleskope
bislang erreichen können. Je besser aber das ankommende Licht gebündelt
wird, desto höher ist die „innere“ Lichtstärke; so kann eine
bessere Abbildungsqualität die Unterlegenheit eines kleineren Spiegeldurchmessers
zumindest teilweise kompensieren7. Außerdem ist der Nachthimmel am
Erdboden auch fernab störender Großstadtlaternen nie so dunkel
wie jenseits der Atmosphäre, denn bei Nacht leuchtet die Luft selbst,
wenngleich auch sehr schwach. Dieses sogenannte Nachthimmelleuchten überstrahlt
zumindest die extrem lichtschwach erscheinenden Objekte und entzieht sie
gleichsam den Blicken der irdischen Astronomen.
Ende 1995 wurde das Hubble-Weltraumteleskop zehn Tage hindurch immer
wieder auf die gleiche Stelle am Himmel gerichtet, die dann insgesamt 342
Mal belichtet wurde. Diese Aufnahmen wurden im Computer zu einem einzigen
Bild überlagert, das noch Objekte bis zur 30. Größenklasse
zeigte, 100mal lichtschwächer als solche auf Aufnahmen, die mit dem
legendären 5-Meter-Spiegelteleskop auf dem Mount Palomar gemacht wurden.
100mal lichtschwächer bedeutet, dass gleich helle Objekte über
eine zehnmal größere Distanz erfasst wurden. „Dort draußen“
versuchen die Astronomen Antworten auf ihre Fragen nach der Frühzeit
des Universums zu finden: Wann und wie entstanden die ersten Sterne und
Galaxien, wie haben sich Galaxien seither entwickelt und was läßt
sich daraus über die Zukunft des Universums ableiten.
Andere Welten?
Doch die Astronomen interessieren sich nicht nur für die Objekte
am Rande des überschaubaren Universums, sondern suchen mittlerweile
auch nach Planeten bei nahe benachbarten Sternen. Mehr als drei Dutzend
solcher planetarer Begleiter fremder Sonnen haben sie in den letzten Jahren
bereits aufgespürt, doch noch keinen davon wirklich „gesehen“; dazu
reicht die Lichtstärke ihrer Teleskope noch nicht aus, zumal die bislang
gefundenen Planeten ihren jeweiligen Zentralstern oft in nur sehr geringem
Abstand umrunden und daher von dessen Glanz überstrahlt werden8. Von
der Erforschung dieser Systeme versprechen sich die Astronomen in erster
Linie Hinweise auf die Entstehung unserer eigenen Heimat, von Erde, Sonne
und Planeten. Bislang haben sie allerdings nur sehr bizarr erscheinende
Verhältnisse vorgefunden, die noch vor wenigen Jahren kaum für
möglich gehalten worden wären.
Hinter dieser Suche steckt natürlich auch die Frage, ob sich auch
irgendwo außerhalb der Erde Leben im Kosmos entwickelt hat. Zwar
bedeutet die Existenz ferner Planeten noch lange nicht, dass es unter ihnen
auch belebte Welten gibt oder gar solche, auf denen (wirklich) intelligente
Lebensformen existieren, doch wären die ohne solche Planeten äußerst
unwahrscheinlich. Und so schließt sich der Kreis unserer Betrachtung,
denn gibt es wirklich auch anderswo vergleichbare Lebensformen wie bei
uns, so könnten auch dort Wesen zu den Sternen aufblicken und sie
wegen ihrer scheinbaren Unveränderlichkeit zur Wohnstatt ihrer Götter
erklären – und wir lebten dann in deren Himmel.
Literaturhinweise
1) Jesco von Puttkamer: Jahrtausendprojekt Mars. Langen
Müller, 1996.
2) Vergl. Ulrich Walter: In 90 Minuten um die Erde. Stürtz,
1997.
3) Vergl. Hermann-Michael Hahn: Das neue Bild vom Sonnensystem.
Kosmos, 1992.
4) Vergl. Frank Miles: Aufbruch zum Mars. Kosmos, 1988
5) Vergl. George Musser/Mark Alpert: Die Reise zum Mars
– Visionen und Konzepte. In: Spektrum der Wissenschaft, Juni 2000
6) Robert Zubrin/Richard Wagner: Unternehmen Mars. Heyne
1997
7) Vergl. Daniel Fischer/Hilmar Duerbeck: Hubble – ein
neues Fenster zum All. Birkhäuser, 1995
8) Vergl. Rüdiger Vaas: Auf der Suche nach der zweiten
Erde. In: Bild der Wissenschaft, Heft 5/2000
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