Zeitschrift 

Der Bürger im Staat

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Medizin - Naturwissenschaft - Technik
 
 
 

Heft 3/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis
 

„Das Ziel der Raumfahrt ist die Erde“

Der Griff nach den Sternen

Vom erdnahen Orbit zu fernen Welten?
Von Hermann-Michael Hahn
Dipl.-Physiker Hermann-Michael Hahn lebt als Wissenschaftsjournalist in Köln, arbeitet für alle ARD-Anstalten, für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Bild der Wissenschaft. Mehr als ein Dutzend Bücher hat er verfaßt. „Himmlische Themen“ sind seine Spezialität. 

An die Fahrt zum Mond haben wir uns längst schon gewöhnt. Welcher Planet kommt als nächster dran? In den Blick ist hier der Mars geraten, doch der Weg dorthin dauert unter den günstigsten Bedingungen heute 260 Tage. Andere Sterne anzusteuern, würde eine Fahrt ohne Wiederkehr bedeuten. Und wozu der hohe Aufwand, den bereits die Fahrt zum Mond bedeutet? Letztlich dient die Erkundung des Weltalls durchaus irdischen Zielsetzungen, besseren Kenntnissen über unseren Planeten, seine Entstehung und sein Schicksal, zur Verbesserung von Materialien und Fertigungsverfahren bis hin zu medizinischen Erkenntnissen – vom „Krieg der Sterne“ gar nicht zu reden. 
Red.


Die Gedanken sind frei, doch die Physik setzt Grenzen

Das Verlangen der Menschen, „nach den Sternen greifen“ zu können, ist vermutlich so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst: Die Sterne, die wegen ihrer übernatürlich erscheinenden Unveränderlichkeit von unseren Vorfahren zur Wohnstatt der Götter erklärt wurden, selbst zu erreichen – oder ihnen zumindest näher zu kommen – , war der Inbegriff scheinbar überirdischer Macht. Da verwundert es kaum, dass noch vor gut 30 Jahren der Flug zum Mond auch als Möglichkeit zur Demonstration einer technologischen Überlegenheit angesehen und eingesetzt wurde. Und dass die Raumfahrtstrategen den „kleinen Sprung“ Neil Armstrongs nicht als glanzvollen Höhepunkt, sondern als den bescheidenen Anfang einer viel weiter reichenden Entwicklung ansehen wollen, kann auch nicht wirklich überraschen1. Schließlich sind Reisen zu den Sternen im Reich der Phantasie – als science fiction, als wissenschaftliche Fiktion – schon lange Anregung (und in begrenztem Maße auch Vorbild) menschlicher Ingenieurskunst. Doch längst nicht alles, was sich auf diesem Jahrmarkt der Phantasien (oder sollte man besser den englischen Begriff der phantasy benutzen) tummelt, über Bildschirme und Kinoleinwände flimmert, hat Aussicht auf eine frühere oder spätere Realisierung: Die Gedanken sind frei, doch die Gesetze der Physik (und der Biologie) ziehen mitunter enge Grenzen.
Dies wurde schon beim Versuch deutlich, in den erdnahen Weltraum vorzudringen. Wer in eine Umlaufbahn um die Erde gelangen will, muß eine Geschwindigkeit von mindestens rund 8 Kilometern pro Sekunde erreichen. Mit herkömmlichen Antrieben ist eine solche Geschwindigkeit nicht mehr zu bewerkstelligen, die dazu erforderliche Raketentechnik musste erst mühsam entwickelt werden. Darüber hinaus müssen Menschen ihre natürliche Umwelt zumindest in Auszügen mit sich führen, da sie ohne Wasser und Sauerstoff, den richtigen „Außendruck“ und die passende Temperatur nicht überleben können. Um John Glenn im Februar 1962 auf drei Erdumrundungen zu schicken, reichte noch eine 120 Tonnen schwere, etwa 25 Meter hohe Atlas-Mercury-Rakete. Sieben Jahre später machten sich Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins an der Spitze einer 111 Meter hohen, fast 3000 Tonnen schweren Saturn-V-Rakete auf den Weg zum Mond.

Der Weltraum als Labor für vielfältige Untersuchungen

Inzwischen wird die erdnahe Umlaufbahn als Labor für vielfältige Untersuchungen genutzt. Vor allem die dort herrschende Mikrogravitation – allgemein etwas salopp als Schwerelosigkeit bezeichnet – macht diese Umgebung für Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen so interessant und einmalig: Die große Vorwärtsgeschwindigkeit läßt jedes Raumschiff im „freien Fall“ um die Erde herumfliegen und ermöglicht so die scheinbare Aufhebung der Erdschwere. Hier suchen Mediziner und Biologen nach dem Einfluss der Schwerkraft auf die Entwicklung einzelner Organe und ganzer Lebewesen, studieren Materialforscher das Verhalten bestimmter Stoffe und Stoffkombinationen, um – unbeeinflusst durch die auf der Erde stets dominierende Schwerkraft – auch kleinere Störquellen etwa bei Schmelz- oder Erstarrungsvorgängen zu ergründen und modellmäßig zu verstehen. Dabei geht es weniger darum, Fertigungstechniken für die Schwerelosigkeit zu erproben oder die Belastbarkeit des menschlichen Organismus in der Schwerelosigkeit zu ergründen2. Auch hier gilt vielmehr der Satz „Das Ziel der Raumfahrt ist die Erde“. So lassen sich aus der Kenntnis möglichst aller denkbaren Störprozesse irdische Fertigungsverfahren optimieren, kommen quantifizierbare Erfahrungen etwa über Muskelschwund, Knochenabbau und Probleme bei der Anpassung des Herz-Kreislauf-Systems an die Schwerelosigkeit der vorbeugenden Behandlung irdischer Langzeit-Bettlägriger zugute. Da hier vor allem Langzeitstudien erforderlich sind, kommt dem Bau und der Nutzung der Internationalen Raumstation eine besondere Bedeutung zu – ganz unabhängig von dem auch politischen Wert einer solchen, ehemaliges Blockdenken überwindenden technologischen Gemeinschaftsanstrengung.

Nächstes Ziel: der Mars?

Für die nächste Etappe der langfristigen Vorplanung ist eine solche internationale Zusammenarbeit schon allein aus Kostengründen zwingend erforderlich: Den Flug zum Mars wird eine Nation alleine nicht mehr bezahlen können, und mit einem Flug allein wäre das angestrebte Ziel – die ausgiebige Erkundung des roten Planeten – ohnehin kaum erreichbar. Nur dort gewesen zu sein würde dagegen eine solche Anstrengung angesichts zahlloser ungelöster Probleme auf der Erde nicht rechtfertigen. Hier mögen die bemannten Flüge zum Mond vor rund 30 Jahren eine warnende Mahnung sein. Die entscheidenden wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden erst Jahre später auf der Erde gefunden – und wären fast durch die Anwesenheit von Menschen auf dem Mond im wahren Wortsinn zertrampelt worden3. Wichtige Informationen über den inneren Aufbau des Mondes sollten nämlich Temperaturmessungen in verschiedenen Tiefen des Mondbodens liefern, aus denen man über den sogenannten Wärmefluss nach außen die Restwärme des Mondinnern und damit seine thermische – und physische – Vergangenheit rekonstruieren zu können hoffte. Bei der Abteufung des Bohrloches mußten sich die Astronauten jedoch immer wieder mit viel Kraft in den Boden stemmen, um nicht von dem öfters festsitzenden Bohrer herumgewirbelt zu werden. Dabei haben sie den an sich lockeren Mondboden stark verdichtet und so dessen Wärmeleitfähigkeit verändert, was zu einer Verfälschung des Messwerte führte.
Natürlich setzt der Flug von Menschen zum Mars eine umfangreiche Vorerkundung dieser fremden Welt voraus, und so geht die – zunächst unbemannte – Erkundung des roten Planeten ungeachtet der herben Rückschläge für das russische und amerikanische Marsprogramm weiter. Schon in der Vergangenheit war dieser „erdähnlichste“ Planet des Sonnensystems Ziel zahlreicher Raumsonden: 14mal versuchten sich sowjetische und russische Raketentechniker, 13mal ihre amerikanischen Kollegen. Doch nur sechs „rote“ Sonden (knapp 43 Prozent) kamen am Ziel an (und lieferten jedes Mal nur wenige brauchbare Daten), während auf westlicher Seite immerhin acht Sonden (etwa 62 Prozent) den Mars erreichten und dort jeweils äußerst erfolgreich waren. Umso peinlicher waren die beiden letzten Misserfolge, die auf das babylonische Durcheinander der benutzten Maßeinheiten (Mars-Klima-Beobachter) beziehungsweise das durch ein fehlerhaftes Signal der Landebeine vorzeitig erfolgte Abschalten des Bremstriebwerks (Mars-Polar-Lander) zurückgehen. Die von der amerikanischen Weltraumbehörde NASA ausgegebene Parole „besser, schneller, billiger“ hat sich zumindest im Hinblick auf die Risikobewertung beziehungsweise –vermeidung als gefährliche Vorgabe erwiesen.
Derzeit „zehren“ die Marsforscher noch vom Mars Global Surveyor, der den Mars seit dem 12. September 1997 umrundet und mittlerweile mehr als 20 000 Aufnahmen übermittelt hat; sie zeigen zum Teil Einzelheiten bis herunter zu wenigen Metern Größe. Für die nächsten Jahre sind weitere Sonden geplant, die entweder den Planeten aus der Umlaufbahn erkunden oder auf dem Mars landen sollen. Dabei werden die Reisedaten von den Gesetzen der Himmelsmechanik dominiert, denn Mars und Erde kommen nur etwa alle 26 Monate in eine günstige Position zu einander, die einen Flug zum Mars erst möglich macht. Voraussichtlich bei der übernächsten Startmöglichkeit im Spätfrühjahr 2003 wird sich auch Europa in die Gilde der eigenständigen Marsforscher einreihen, nachdem Forscher, Ingenieure und Techniker schon seit längerem an amerikanischen beziehungsweise russischen Marsprojekten beteiligt waren. Die Sonde mit dem beziehungsreichen Namen Mars-Express soll Anfang Juni 2003 mit einer russischen Soyuz-Fregat-Rakete starten und bereits Ende Dezember den Mars erreichen.

Hauptziel ist die Suche nach Wasser unter der Oberfläche des Mars

Hauptziel der Mission wird die Suche nach Wasser unter der Marsoberfläche sein. Dazu dienen insgesamt sieben wissenschaftliche Fernerkundungs-Experimente, die aus der Umlaufbahn betrieben werden, unter anderem eine hochauflösende Stereo-Kamera, die am DLR-Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung in Berlin-Adlershof entwickelt wurde, ein italienisch-amerikanisches Radarsystem sowie Instrumente zur Untersuchung der Atmosphäre und der geologischen Verhältnisse am Marsboden; vor allem das Radarsystem kann die Existenz von Wasser und Eis bis in Tiefen von einigen Kilometern unter der Marsoberfläche aufspüren. Solche Untersuchungen dienen übrigens nicht nur der reinen Marsforschung, sondern sind auch für unser Verständnis der Erde und ihrer zukünftigen Entwicklung von Bedeutung. Wenn klar wird, wie und warum der Mars seine früheren Wasservorräte verloren hat, kann man besser abschätzen, ob den Ozeanen der Erde dereinst ein ähnliches Schicksal droht.
Außerdem wird der Mars-Express ein kleines Landegerät (Beagle 2) auf der Marsoberfläche absetzen; mit dem Schiff Beagle (1) unternahm Charles Darwin in den 1830er Jahren seine Forschungsexpedition, die ihn schließlich zur Aufstellung der Evolutionstheorie führte. Nach der – hoffentlich erfolgreichen – Landung wird Beagle 2 exobiologische und geochemische Untersuchungen vornehmen: Unter einem Mikroskop werden Gesteins- und Bodenproben bei starker Vergrößerung betrachtet, und mehrere Messinstrumente werden die chemische Zusammensetzung von Gesteinsproben innerhalb der Reichweite eines kleinen Roboterarms bestimmen – und dabei vor allem nach organischen Substanzen, Wasser und wasserhaltigen Mineralien suchen. Darüber hinaus soll der Lander einen kleinen Rover freisetzen, der sich mit einer Geschwindigkeit von 6 Metern pro Stunde voranbewegen und unter größere Felsbrocken in der Nähe kriechen kann, um dort über eine Gasanalyse nach Spuren früherer Lebensformen zu suchen. Natürlich gehören auch Panorama-Fotos vom Landeplatz und seiner Umgebung zum Aufgabenbereich des Landers.
Im Jahre 2003 sind die Bedingungen für einen schnellen Flug von der Erde zum Mars besonders günstig, weil beide Planeten sich dann sehr nahe kommen. Noch vor dem Einschwenken in die Marsumlaufbahn wird die Landekapsel abgetrennt und selbstständig zur Marsoberfläche absteigen. Der Mars-Orbiter hingegen wird den Planeten alle 6,7 Stunden auf einer polaren Umlaufbahn zwischen etwa 250 km und 11600 km umrunden.


Menschen zum Mars?

Ein paar Jahre später könnte eine automatische Raumsonde die ersten Bodenproben vom Mars zur Erde bringen, die hier einer ausgiebigen Untersuchung unterzogen werden sollen. Doch selbst danach wäre noch viel Vorarbeit zu leisten, um Menschen sicher zum Mars und zurück zur Erde zu bringen. Besondere Anforderungen stellt die unabdingbare extreme Zuverlässigkeit der Raumschiffe und all ihrer Systeme, die über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren keine lebensbedrohenden Ausfälle zeigen dürfen. Besondere Anforderungen werden darüber hinaus an die psychische Belastbarkeit der Mannschaft gestellt4: Vier oder sechs Personen, die über diese lange Zeit auf engem Raum miteinander auskommen müssen und dabei einem hohen Druck ausgesetzt sind, wohl wissend, dass es im Ernstfall – anders als für Schiffbrüchige – keine Rettungsmöglichkeit gibt. Während die Insel einem Robinson Crusoe genügend Lebensraum mit allen notwendigen Vorräten bot, hält der Mars außer Steinen, Staub und allenfalls den Rohstoffen für eine – hochtechnisierte – Treibstoffproduktion für den Rückflug nichts bereit, nicht einmal Wasser.
Grundsätzlich gibt es mehrere mögliche Flugrouten zum Mars5. Wenn man mit möglichst wenig Treibstoff auskommen will, ist eine Anlehnung an die schon 1923 von dem Essener Ingenieur Walter Hohmann konzipierte Übergangsellipse angezeigt. Eine solche Bahn führt zu einer mittleren Flugdauer von etwa 260 Tagen für eine Strecke, erzwingt aber eine lange Aufenthaltsdauer (etwa 460 Tage) auf dem Mars, ehe beide Planeten wieder in eine für den Rückflug günstige Position gelangen. Ein solches Unternehmen würde die genannten zweieinhalb Jahre in Anspruch nehmen und den Astronauten viel Zeit für die Erkundung des Mars einräumen. Eine andere Variante verkürzt diese Erkundungsphase des roten Planeten auf 30 Tage und erfordert dann einen Rückflug, bei dem das Raumschiff bis auf die Höhe der Venusbahn an die Sonne herankommen muss und die Astronauten so vorübergehend einer erhöhten Strahlungsbelastung ausgesetzt werden. Mit 220 Tagen für den Hinflug, 290 Tagen für die Rückreise und 30 Tagen Aufenthalt am Mars wäre eine derartige Mission rund ein ganzes Jahr kürzer. Ob jedoch eine nur 30tägige Erkundungsphase diesen Aufwand rechtfertigt, wird kontrovers diskutiert. Für solche Bahnen sind schubstarke Raketen erforderlich, und das erhöhte Strahlenrisiko könnte sie am Ende ohnehin nur für Versorgungs-Raumschiffe tragbar erscheinen lassen. 
Während die NASA den Preis für solche bemannten Missionen derzeit zu rund 
400 Milliarden Dollar veranschlagt, hat der amerikanische Raumfahrt-Ingenieur Robert Zubrin eine wesentlich billigere Alternative konzipiert, die noch dazu deutlich früher realisiert werden könnte6. Nach seinen Ideen könnten Astronauten bereits 2008 mit der Erkundung des Mars beginnen. Zubrins Marsprogramm begänne mit dem Start einer 45 Tonnen schweren Treibstoff-Fabrik; für diesen Flug würde eine Rakete von der Schubstärke der Saturn-V-Mondrakete ausreichen. Nach der Landung auf dem Mars würde die vollautomatisch arbeitende Fabrik mit Hilfe eines Kernreaktors zur Stromversorgung aus mitgebrachtem Wasserstoff und dem in der Marsatmosphäre reichlich vorhandenen Kohlendioxid innerhalb von 10 Monaten mehr als hundert Tonnen Methan und Sauerstoff produzieren, die im weiteren Verlauf als Treibstoff für den Rückflug zur Erde bereit ständen. Zwei Jahre später würden dann zwei Raketen von der Erde starten – die eine mit einer neuen Treibstoff-Fabrik, die andere mit vier Astronauten, Verpflegung und sonstigem „Reisebedarf“. Während die Astronauten in der Nähe der ersten Treibstoff-Fabrik landen müßten, könnte die zweite Fabrik etwa 300 Kilometer entfernt aufsetzen und ihrerseits mit der Produktion von Treibstoff beginnen. Unterdessen würden die Astronauten mit einem Marsauto die Umgebung des ersten Landeplatzes weiträumig erkunden und schließlich nach anderthalb Erdenjahren mit dem bereit stehenden Treibstoff die Rückreise zur Erde antreten. Zubrins Pläne sehen eine ganze Folge solcher Teilmissionen vor, die jeweils rund 50 Milliarden Dollar kosten würden – bis zum Erreichen der 400-Milliarden-Dollar-Marke wären also bis zu acht Etappen möglich.

Eine Forschungsstation auf dem Mond


BILD 1: Die Oberfläche des Mars, aufgenommen während der erfolgreichen Mars-Path-finder-Mission.

Weiterführende Pläne oder Visionen gehen davon aus, dass solche Unternehmungen eines fernen Tages zur Einrichtung einer dauerhaft bewohnten Kolonie auf dem Mars führen. Eine denkbare Zwischenstufe dazu wäre der Bau einer Forschungsstation auf dem Mond, der auch schon seit längerem „angedacht“ und untersucht wird. Eine solche Station hätte zwei recht unterschiedliche Funktionen: Zum einen wäre sie Basislager für eine intensivere Erforschung des Mondes, zum anderen Außenstation für irdische Observatorien zur Beobachtung des Universums. Ohne störende Atmosphäre fänden nicht nur Teleskope für das sichtbare Licht optimale, stationäre Beobachtungsbedingungen, wie sie nicht einmal das Hubble-Weltraumteleskop bieten kann – auch für andere Strahlungsbereiche ließen sich stationäre Empfangsanlagen errichten, die störanfällige Satellitensteuerungssysteme überflüssig machen würden. Und Radioteleskope wären auf der Rückseite des Mondes sogar vor irdischen Störquellen wie den Signalen der Kommunikationssatelliten und Mobiltelefone sicher.
Die Entdeckung möglicher Wassereis-Vorkommen unter der Mondkruste im Bereich der Polarzonen hat solchen Gedankenspielen neuen Auftrieb verliehen. Wenn sich die Interpretation der Messdaten der amerikanischen Lunar-Prospector-Sonde bestätigen läßt, sollten sich etliche Millionen Kubikmeter Wasser gewinnen lassen, genug, um eine große Forschungsstation über viele Jahrzehnte hinweg mit Wasser zu versorgen.

Jenseits von Mond und Mars kaum realistische Ziele

Jenseits von Mond und Mars gibt es für Astronauten – zumindest mittelfristig – kaum realistische Ziele im Sonnensystem: Aufgrund der zunehmenden Entfernung zur Sonne sind alle weiteren Planeten beziehungsweise deren Monde viel zu kalt; darüber hinaus bietet von den Planeten lediglich der sonnenferne Pluto eine begehbare Oberfläche, während Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun von sehr dichten, tiefreichenden Gashüllen umgeben sind. 
Doch auch die beiden inneren Nachbarn der Erde, Venus und Merkur, sind alles andere als lebensfreundlich zu nennen. Auf der Venus herrscht unter der dichten Kohlendioxid-Atmosphäre ein Luftdruck, der dem irdischen Wasserdruck in rund 900 Metern Tiefe entspricht, und das bei einer nahezu konstanten Umgebungstemperatur von rund 480 Grad Celsius. Und auf dem atmosphärelosen Merkur steigt die Temperatur tagsüber ebenfalls auf über 400 Grad an, während sie in der Nacht auf minus 170 Grad sinkt; zusätzlich wären Astronauten der dort viel höheren Intensität kosmischer Strahlung von der Sonne schutzlos ausgesetzt.
Eine Weltraumreise über die Grenzen des Sonnensystems hinaus dagegen wäre angesichts der gewaltigen Dimensionen für jeden Teilnehmer eine „Reise ohne Wiederkehr“. Selbst die bereits 1972 gestartete Raumsonde Pionier 10, die 1973 am Jupiter vorbeigeflogen ist und seither das Sonnensystem verlässt, war nach mehr als 27 Jahren Flugzeit am 
1. Januar 2000 gerade einmal rund 75mal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde – das entspricht nur rund einem Fünftausendstel der Strecke bis zum nächsten Stern. Zwar verspricht die Einsteinsche Relativitätstheorie bei Reisegeschwindigkeiten in der Nähe der Lichtgeschwindigkeit ein langsameres Zeiterlebnis und Altern der Besatzung, so dass man mit 99 Prozent der Lichtgeschwindigkeit die Strecke bis zum nächsten Stern in (nach Eigenzeit) etwa einem halben Jahr schaffen könnte – nach irdischer Zeit wären bei der Ankunft am Ziel rund 30 Jahre vergangen. Doch um ein Raumschiff auf 99 Prozent der Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, sind unermesslich große Treibstoffmengen erforderlich, die anfangs ja noch mit beschleunigt werden müssten; ein solches Unternehmen kann daher nach heutigem Kenntnisstand unmöglich realisiert werden, und eine denkbare Erweiterung von Physik und Technik wird die Prinzipien der Relativitätstheorie kaum außer Kraft setzen können.

Wenigstens virtuell ein besserer Zugang zu den Tiefen des Kosmos

Mit anderen Worten werden wir wohl noch für sehr lange Zeit, wenn nicht für immer, auf den vergleichsweise winzigen Raumbereich unseres Sonnensystems beschränkt bleiben. Dennoch ermöglicht uns die Technik der Raumfahrt durch den Einsatz entsprechender Forschungssatelliten einen – zumindest virtuellen – Zugang zu den Tiefen des Kosmos: Mit Weltraumobservatorien für das sichtbare und das unsichtbare Licht können die Astronomen mittlerweile den Horizont des überschaubaren Universums immer weiter nach außen drängen. Zwar verfügt das Hubble-Weltraumteleskop, das die Erde seit inzwischen mehr als 10 Jahren umrundet, nur über einen vergleichsweise kleinen Spiegel von 
2,40 Meter Durchmesser (das größte deutsche Teleskop ist der 3,5-Meter-Spiegel des Deutsch-Spanischen-Astronomischen Zentrums auf dem Calar Alto in Südspanien, und die derzeit größten Einzelteleskope der Erde, die 10-Meter-Keck-Spiegel auf dem erloschenen Hawaii-Vulkan Mauna Kea, haben eine mehr als 16mal größere Auffangfläche), doch sein im wahren Wortsinn „herausragender“ Standort über der Erdatmosphäre erlaubt wesentlich schärfere Bilder als alles, was erdgebundene Teleskope bislang erreichen können. Je besser aber das ankommende Licht gebündelt wird, desto höher ist die „innere“ Lichtstärke; so kann eine bessere Abbildungsqualität die Unterlegenheit eines kleineren Spiegeldurchmessers zumindest teilweise kompensieren7. Außerdem ist der Nachthimmel am Erdboden auch fernab störender Großstadtlaternen nie so dunkel wie jenseits der Atmosphäre, denn bei Nacht leuchtet die Luft selbst, wenngleich auch sehr schwach. Dieses sogenannte Nachthimmelleuchten überstrahlt zumindest die extrem lichtschwach erscheinenden Objekte und entzieht sie gleichsam den Blicken der irdischen Astronomen. 
Ende 1995 wurde das Hubble-Weltraumteleskop zehn Tage hindurch immer wieder auf die gleiche Stelle am Himmel gerichtet, die dann insgesamt 342 Mal belichtet wurde. Diese Aufnahmen wurden im Computer zu einem einzigen Bild überlagert, das noch Objekte bis zur 30. Größenklasse zeigte, 100mal lichtschwächer als solche auf Aufnahmen, die mit dem legendären 5-Meter-Spiegelteleskop auf dem Mount Palomar gemacht wurden. 100mal lichtschwächer bedeutet, dass gleich helle Objekte über eine zehnmal größere Distanz erfasst wurden. „Dort draußen“ versuchen die Astronomen Antworten auf ihre Fragen nach der Frühzeit des Universums zu finden: Wann und wie entstanden die ersten Sterne und Galaxien, wie haben sich Galaxien seither entwickelt und was läßt sich daraus über die Zukunft des Universums ableiten.

Andere Welten?

Doch die Astronomen interessieren sich nicht nur für die Objekte am Rande des überschaubaren Universums, sondern suchen mittlerweile auch nach Planeten bei nahe benachbarten Sternen. Mehr als drei Dutzend solcher planetarer Begleiter fremder Sonnen haben sie in den letzten Jahren bereits aufgespürt, doch noch keinen davon wirklich „gesehen“; dazu reicht die Lichtstärke ihrer Teleskope noch nicht aus, zumal die bislang gefundenen Planeten ihren jeweiligen Zentralstern oft in nur sehr geringem Abstand umrunden und daher von dessen Glanz überstrahlt werden8. Von der Erforschung dieser Systeme versprechen sich die Astronomen in erster Linie Hinweise auf die Entstehung unserer eigenen Heimat, von Erde, Sonne und Planeten. Bislang haben sie allerdings nur sehr bizarr erscheinende Verhältnisse vorgefunden, die noch vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten worden wären. 
Hinter dieser Suche steckt natürlich auch die Frage, ob sich auch irgendwo außerhalb der Erde Leben im Kosmos entwickelt hat. Zwar bedeutet die Existenz ferner Planeten noch lange nicht, dass es unter ihnen auch belebte Welten gibt oder gar solche, auf denen (wirklich) intelligente Lebensformen existieren, doch wären die ohne solche Planeten äußerst unwahrscheinlich. Und so schließt sich der Kreis unserer Betrachtung, denn gibt es wirklich auch anderswo vergleichbare Lebensformen wie bei uns, so könnten auch dort Wesen zu den Sternen aufblicken und sie wegen ihrer scheinbaren Unveränderlichkeit zur Wohnstatt ihrer Götter erklären – und wir lebten dann in deren Himmel. 

Literaturhinweise
1) Jesco von Puttkamer: Jahrtausendprojekt Mars. Langen Müller, 1996.
2) Vergl. Ulrich Walter: In 90 Minuten um die Erde. Stürtz, 1997.
3) Vergl. Hermann-Michael Hahn: Das neue Bild vom Sonnensystem. Kosmos, 1992.
4) Vergl. Frank Miles: Aufbruch zum Mars. Kosmos, 1988
5) Vergl. George Musser/Mark Alpert: Die Reise zum Mars – Visionen und Konzepte. In: Spektrum der Wissenschaft, Juni 2000
6) Robert Zubrin/Richard Wagner: Unternehmen Mars. Heyne 1997
7) Vergl. Daniel Fischer/Hilmar Duerbeck: Hubble – ein neues Fenster zum All. Birkhäuser, 1995
8) Vergl. Rüdiger Vaas: Auf der Suche nach der zweiten Erde. In: Bild der Wissenschaft, Heft 5/2000
 


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