| Die Zukunft allerdings bleibt unvorhersehbar
Macht und Ohnmacht der Experten
Wissenschaftliche Politikberatung und Zukunftsforschung
Von Frank Niess
Frank Niess, M. A., war Wissenschaftlicher Assistent am Institut
für Politikwissenschaft der Universität Stuttgart. Seit 1987
ist er Redakteur der Wissenschaftsredaktion des SDR, seit Gründung
des SWR ist er Redakteur in der SWR-Wissenschaftsredaktion Hörfunk,
Baden-Baden.
Politik kommt nicht ohne wissenschaftliche Politikberatung aus. Sie
ist um so stärker darauf angewiesen, je komplexer die Entscheidungsfragen
sind. Auch bei uns in Deutschland haben sich zu diesem Zweck längst
„Think Tanks“ nach amerikanischem Vorbild etabliert. – Von fragwürdigem
Wert hat sich allerdings die Zukunftsforschung erwiesen, wo Euphoriker
wie Apokalyptiker gleichermaßen sich blamiert haben.
Red.
Deutlich steigende Nachfrage
„Die politische Führung war und ist auf gute Beratung angewiesen”
(Böhret 1995, 205). Heute in viel größerem Maße als
im 19. und 20. Jahrhundert. Und in Zukunft immer mehr. Die „neue Unübersichtlichkeit”
zwingt dazu, den politischen Entscheidungsprozessen wissenschaftliche Explorationen
vorangehen zu lassen. Die Komplexität der Systeme überfordert
die Kompetenz der Politiker immer drastischer. Erfolgreiches politisches
Handeln setzt voraus, Chancen und Risiken einer Entscheidung gegeneinander
abzuwägen. Um so markanter nimmt die Bedeutung jener Institutionen
zu, die solche Prozesse mit dem entsprechenden Know how zu beeinflussen
vermögen (Gellner 1995, 11). Symptomatisch, dass eine deutliche Mehrheit
von Befragten (56%) schon vor mehr als zwei Jahrzehnten den Wunsch geäußert
hat, in größerem Maße wissenschaftliche Erkenntnisse in
die Politik einfließen zu lassen (Bruder 1980, 69).
Dachte man noch im 19.Jahrhundert, im Zeichen der klassischen Nationalökonomie
eines Adam Smith und David Ricardo, man könne Wirtschaft und Gesellschaft
der invisible hand, mit anderen Worten, dem „freien Spiel” der Marktkräfte
überlassen, sah man sich zur Zeit der Hochindustrialisierung genötigt,
vom reinen laisser faire, vom bloßen „Nachtwächterstaat” abzukommen.
Je mehr der „Interventionsstaat” im Interesse von Handel und Wandel für
Recht und Ordnung zu sorgen hatte, desto deutlicher stieg die „Nachfrage”
nach politischer Beratung.
„Ungeschminkt die Wahrheit sagen”
„In bestimmtem Umfang hat es Politikberatung immer schon gegeben” (Lompe
1977, 493). In unterschiedlichsten Dimensionen und in vielfältigen
Formen. Spätestens seit dem Hochmittelalter. Zu den Protagonisten
gehörte zweifellos der Staufer-Kaiser Friedrich II., der im Jahre
1224 als erster mittelalterlicher Herrscher ein Bedürfnis nach persönlicher
Politikberatung bekundet hat, mit den Worten:
„Gelehrte Männer fordern wir zu unserem Dienst heraus, um ihnen
– gebildet durch den Eifer des Studiums von Recht und Gerechtigkeit – ohne
Sorge die Staatsverwaltung anvertrauen zu können”.
„Ohne seinen persönlichen Berater Petrus von Vinea und viele andere
hätte Friedrich jene ungewöhnliche Position nicht erringen können.
Aber er errang sie auch nicht nur wegen seiner Berater: zum fähigen
Fürsten erst zieht es die guten Ratgeber” (Böhret 1995, 206).
Niccolò Machiavelli bekundete kurz und bündig: „Ein Politiker,
der nicht von sich aus weise ist, kann nicht gut beraten werden” (nach
Böhret 1997, 81).
Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit hat der Hofnarr
die Funktion des Ratgebers übernommen. Eine sehr spezielle Rolle,
die auf der Fähigkeit und Funktion beruhte, ungeschminkt die Wahrheit
sagen zu können. Indem er seiner Obrigkeit den Spiegel vorgehalten
hat, hat er Informationsbarrieren leichthin übersprungen. Und es ist
ihm oftmals gelungen, die Rankünen einer Kamarilla zu durchbrechen,
die den Herrscher oder die jeweilige Herrscherin im Tal der Ahnungslosen
schmachten lassen wollte. Überdies war der Hofnarr fähig, den
Kordon der Ja-Sager um die jeweiligen Herrscher zu durchbrechen. Das heißt
aber nicht, dass nicht die „seriösen Ratgeber” die Oberhand gehabt
und behalten hätten. Ein Beispiel: Ein Berater-Ausschuss, der von
den „Katholischen Königen” Isabella von Kastilien und Ferdinand von
Aragón Mitte der 1480er-Jahre berufen wurde, um das „Projekt Kolumbus”
zu explorieren und ihm, im positiven Falle, sein Plazet zu erteilen.
Mit der Industrialisierung kam die systematische Beratung
Der persönliche Berater, der stets am Hofe zugegen war, um seinem
Dienstherren politische Entscheidungen zu erleichtern, hat in der frühen
Neuzeit nicht völlig ausgedient. Aber seine Expertise hat doch
vielfach anderen Beratungsformen weichen müssen. Dies schon deshalb,
„weil die ‚monokratischen Herrschaftsformen’ mehr und mehr pluralisiert
und parlamentarisiert wurden, weil die sozioökonomischen und wissenschaftlich-technischen
Rahmenbedingungen sich im beginnenden Industrialismus fundamental veränderten
und weil (auch deswegen) die Beratungsgegenstände vielfältiger,
komplizierter und fachbezogener wurden” (Böhret 1995, 211). Gefragt
waren statt des einen Generalisten eine Vielzahl von Spezialisten mit Fachwissen
im Detail. Der Durchbruch zur systematischen, pluralistischen wissenschaftlichen
Politikberatung fand in den Vereinigten Staaten statt. Und zwar, nicht
zufällig, in der progressive Ära, der „fortschrittlichen Ära”,
1901–1917, die von liberalen Bestrebungen geprägt war. „Sie war in
erster Linie eine Reaktion auf den Notschrei der Armen.” Schuldbewusste
Industriekapitäne, Gewerkschaftsbosse, bürgerliche Intellektuelle
und andere, die über die elenden Lebensbedingungen vieler ihrer Landsleute
hinweggesehen hatten, machten sich jetzt für soziale Reformen stark.
Ende des
19. Jahrhunderts, in den 1880er-Jahren, sprossen wissenschaftliche
Gesellschaften wie Pilze aus dem Boden, darunter der Historikerverband.
Es waren diese Berufsverbände und Forschungsinstitute, die feste Beziehungen
zur Politik und Verwaltung auf allen Ebenen installierten, darunter auch
einen Draht zum Weißen Haus.
Insbesondere fünf Think-Tanks hinterließen einen bleibenden
Eindruck vor und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg: die Russell Sage
Foundation (gegründet 1907), die Carnegie Endowment for International
Peace (1910), das Institute for Government Research (1916), die Hoover
Institution (1919) und der Council on Foreign Relations (1921), eine „erlesene
Denkfabrik”, eine „Schule für Staatsmänner”, eine „Regierung
im Exil” (Abelson 1996, 25ff). Nicht zu vergessen die Brookings Institution
(1922), ein Institute of Economics. „Als einer von Amerikas führenden
Think Tanks hat sich die Brookings Institution ausgezeichnet durch ihre
Zuversicht, die in ihrer Charta angestrebten Ziele auch wirklich zu erreichen”
(Abelson 1996, 37).
Einzigartig: die US-amerikanischen Think Tanks
Die sprichwörtlichen Think Tanks sind ein ur-amerikanisches Gewächs.
Sie sind, von ihrer Geschichte und ihrer Funktion her, „einzigartig”
(Abelson 1996, 27), auch wenn sie nicht die einzigen Institutionen sind,
die auf dem „Marktplatz der Ideen” ihr Experten-Wissen offerieren. Aber
sie laufen, was den Einfluss auf den politischen Prozess angeht, Konkurrenzunternehmen
oder einzelnen Ratgebern zweifellos den Rang ab. Dabei bereitet es Schwierigkeiten,
überhaupt zu definieren, was unter einem Think Tank zu verstehen ist.
Dieser Begriff ist im Grunde nicht übersetzbar. Mit „Denkfabrik” ist
er missverständlich übertragen, sofern mit diesem Wort die Fließbandproduktion
von Ideen und Erkenntnissen unterstellt wird. Gemeint ist damit ein sicherer
Platz, um zu denken und zu planen. Es handelt sich bei den Think Tanks
um „Forschungs-Institute oder andere, verwandte Organisationen, die Ratschläge
und Ideen zur Lösung nationaler oder kommerzieller Probleme geben,
beziehungsweise interdisziplinär zusammengesetzte Spezialistenteams”
(Gellner 1995,15).
Die dramatischen Ursachen und Folgen des „schwarzen Freitags” 1929,
der Weltwirtschaftskrise mit ihren Bankzusammenbrüchen, Pleiten, der
Massenarbeitslosigkeit und anderen sozialökonomischen Übeln haben
bekanntlich die US-Administration unter Präsident Franklin D. Roosevelt
zum New Deal herausgefordert. Zu einer Serie von Interventionen in das
wirtschaftliche Geschehen, wie sie bis dahin unvorstellbar waren. Seit
der Ära seines Vorgängers Woodrow Wilson, seit 1913, hatten zwar
Präsidentschaftskandidaten und Präsidenten, vor allem Herbert
C. Hoover, auf die Expertise von Beratern zurückgegriffen. Aber im
Zeichen der Weltwirtschaftskrise nahm dieses Beratungswesen ganz neue Dimensionen
an. Die wissenschaftliche Politikberatung etablierte sich als ständige
Einrichtung, die aus dem politischen Prozess nicht mehr wegzudenken war.
Zunächst aber beschränkt auf die Innenpolitik.
Im Zeichen von Weltkrieg und Kaltem Krieg Beratung auch für
die Außenpolitik
Kein Wunder, dass sich in den Vierziger- und Fünfzigerjahren des
20. Jahrhunderts
dieses Aktionsfeld auf die Außenpolitik ausgedehnt hat. Im Zeichen
des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs suchten die Politiker den
Rat der Experten auf dem
Felde der internationalen Politik. Wobei anzumerken ist, dass die meisten
Think Tanks auf den Kongress hin orientiert sind. Bei Anhörungen in
dessen heiligen Hallen sind sie besonders gefragt, weil sie den Abgeordneten
und Senatoren in kniffligen Fällen zur „Waffengleichheit” mit dem
„Weißen Haus” verhelfen können. Der Staatsapparat hatte sich
im Krieg explosionsartig aufgebläht. Big Government verlangte auch
in der Außenpolitik nach externer professioneller Expertise (Segbers
1999,15). „Die Kombination all dieser Faktoren hat solchen Think Tanks
wie der RAND Corporation, dem Council on Foreign Relations und der Carnegie
Endowment for International Peace die Möglichkeit eröffnet, einen
enormen Einfluss auf die US Außenpolitik auszuüben“ (Abelson
1996, 50).
Nicht wenige außenpolitische Entscheidungen gingen in den vergangenen
Jahrzehnten auf den Council on Foreign Relations, einen exzellenten brain
trust, und seine Zeitschrift Foreign Affairs zurück. Ein klassischer
Fall: Der Artikel, den der amerikanische Diplomat, Außenpolitiker
und „Sowjetologe” George F. Kennan unter dem Pseudonym „X” im Juli 1947
unter dem Titel: „The sources of soviet conduct” zur Politik der UdSSR
publiziert hat. Sein Rat, die Sowjetunion machtpolitisch „einzudämmen”
(Containment) und zugleich innerlich zu belasten, bis an den Rand der Implosion,
wurde zum Leitmotiv der offiziellen US-Außenpolitik der Truman- und
Eisenhower-Ära. Und sie hat auch Reagans Politik gegenüber dem
„Reich des Bösen” vorgeprägt.
Viele Spitzenpositionen seiner Regierung besetzte US-Präsident
Jimmy Carter mit Mitgliedern der Trilateralen Kommission. Mindestens 55
Mitglieder des Council on Foreign Affairs rückten in die Carter-Administration
ein. Und um seinen brain trust zu verstärken, „kaufte” der Präsident
bei der Brookings Institution weitere Berater ein. Der Nachfolger im Präsidentenamt,
Ronald Reagan, hatte sich schon als Kandidat mit einer stattlichen Entourage
von Ratgebern, darunter vielen wissenschaftlichen, umgeben. Noch nie zuvor
hatten in einer Wahlkampagne so viele distinguierte Intellektuelle sich
für einen Präsidentschaftskandidaten stark gemacht. 450 Berater
in 50 Gruppen sondierten das Terrain für ihn und überschütteten
ihn mit Hunderten von Empfehlungen.
Besonders tat sich dabei die Heritage Foundation hervor, gegründet
1974, deren konservative Botschaft gleichsam „Musik in den Ohren Reagans”
war (Abelson 1996, 55ff). Sie stieg quasi zum „Präsidenten-Club” auf
und beteiligte sich mit Rat und Tat an den wichtigsten Initiativen Reagans,
speziell am SDI-Projekt. Die Heritage Foundation arbeitete einen elfhundert
Seiten starken Fahrplan für die konservative Regierung aus. Eine Studie,
die zur „Bibel der Reagan-Administration” geworden ist. Im Frühjahr
1982 hat ein Insider festgestellt, dass diese Regierung 60 Prozent der
Heritage-Empfehlungen befolgt hat! (Abelson 1996,16f). Auch die derzeitige
Liste der „Akademischen Experten als Berater der US-Regierung” ist beachtlich.
Der Optimismus, mit Hilfe der wissenschaftlichen Politikberatung das Regieren
und Verwalten perfektionieren zu können, ist zwar in den USA in den
Sechzigerjahren verflogen. Der Vietnamkrieg, der sich so offenkundig der
Planbarkeit entzog, trug zur Desillusionierung genauso bei wie Präsident
Johnsons Scheitern beim Aufbau der Great Society. Das heißt aber
nicht, dass das Beratungswesen geschrumpft wäre. Immerhin bieten in
den USA zirka 1200 Think Tanks, große wie die Brookings Institution
mit 1100 Mitarbeitern und kleine wie das Institute for Policy Studies (IPS),
finanzstarke wie die Heritage Foundation mit Einnahmen von 19 Millionen
Dollar und schwache wie das Hudson Institute mit Einnahmen von nur 5,4
Millionen Dollar, konservative wie das American Enterprise Institute und
linke wie das IPS ihre Dienste an. Und ihr Einfluss ist nach wie
vor nicht zu unterschätzen.
Auch hier Deutschland als Nachzügler
In Deutschland, einem „Nachzügler” auf diesem Gebiet, hat sich
die wissenschaftliche Politikberatung während der Fünfziger-
und frühen Sechzigerjahre auf herkömmliche Formen beschränkt,
nämlich auf eine Art „Auftrags-Rat” oder „Rat-Auftrag”, der von der
Regierung erteilt und in das politische Procedere einbezogen wurde. Die
Bundesregierung zog von Fall zu Fall wissenschaftlichen „Sachverstand”
heran. Die Kooperation zwischen Wissenschaft und Politik spielte sich hauptsächlich
auf Ressort-Ebene ab, auf der Ebene der Bundesministerien (Segbers 1999,
7). Ende der 1960er-Jahre trat ein Wandel ein, der einem neuen Verständnis
von Sozialwissenschaften und ihren Funktionen zuzuschreiben war. Während
die Studentenbewegung mit ihren Utopien, gespeist aus einem gesellschaftswissenschaftlichem
„Allmachtsanspruch”, souverän über das politische Alltagsgeschäft
hinweggegangen ist, huldigte die sozialliberale Regierung der sozialen
Stückwerksreformen á la Karl Popper. Bei allem Pragmatismus,
den man als Kontrast zu den sozialistischen „Blaupausen” an den Tag gelegt
hat, war die Regierung damals einer „planungseuphorischen Machbarkeitsphilosophie”
(Gellner 1995,16) verfallen. Um sie in die Tat umzusetzen, brauchte man
„Denkfabriken” oder, mit einem anderen Wort: „Ideenagenturen”. „Mit dem
Übergang von den eher isoliert voneinander durchgeführten Planungsansätzen
erreichte auch die Politikberatung eine neue Dimension. Dies zeigte sich
beispielsweise an dem 1968 im Kanzleramt eingerichteten Planungsstab. Dadurch
wurde erstmals in der Bundesrepublik Deutschland eine institutionalisierte
wissenschaftliche Beratung des Regierungschefs ermöglicht” (Segbers
1999, 7).
Es gilt jedoch schon an dieser Stelle festzuhalten, dass sich auf diesem
Felde der wissenschaftlichen Politikberatung, vor allem der externen, eine
Kluft zwischen Deutschland und den USA auftut: „Es gibt einige politikwissenschaftliche
Forschungsinstitute, die der Regierung gemeinsam Hilfsdienste leisten.
Aber deren Einfluss auf die Regierungspolitik ist meist nur indirekt, und
es wäre schwierig, bestimmte politische Entscheidungen auf wissenschaftlichen
Rat hin zurückzuverfolgen” (Mayntz 1987, 8).
Die Wissenschaftlichen Dienste im Bundestag
Wenn schon die Exekutive Beratungsbedarf hat, die sich des in den Ministerien
geballten Sachverstands bedienen kann, um ihre Entscheidungen zu
unterfüttern: um wie viel plausibler müssen da die Informationswünsche
der Abgeordneten sein. Immerhin haben bei einer Umfrage 47% von ihnen Interesse
an schnell lesbaren, journalistisch aufbereiteten Informationen bekundet
(Gellner 1995, 232). Pro Wahlperiode werden der einzelnen/dem einzelnen
Abgeordneten zum Beispiel rund 8 500 Parlamentsdrucksachen im Umfang von
mehreren zehntausend Seiten vorgelegt. Etwa 800 Gesetzentwürfe werden
in diesem Zeitraum eingebracht. Die Parlamentarier sind folglich dringend
auf wissenschaftliche Zuarbeit angewiesen. Von ihren persönlichen
Assistenten können sie solche Unterstützung erwarten und auch
bekommen. Auch von der Ausschussassistenz und den wissenschaftlichen Referenten
der Arbeitskreise der Fraktionen. Eine wichtige Rolle als Hilfsmittel spielen
Fachliteratur, Gespräche, die Presse und Forschungsinstitute. Aber
nicht alle Informationswünsche sind auf diesem Wege zu befriedigen.
Dafür sind die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages
da, die eigens für diesen Zweck gegründet worden sind: „Die politisch
neutralen Wissenschaftlichen Dienste sollen angesichts des Informationsvorsprungs
der Exekutive und der informationellen Einflussnahme der privaten Interessenvertreter
auf den Gesetzgebungsprozess ein gewisses Gegengewicht bilden, das die
Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des Parlaments stärkt”
(Schick/Hahn 1995).
Doch mit dem „Congressional Research Service” kaum zu vergleichen
Freilich: von den Arbeitsmodalitäten ihres Pendants in den USA,
des Congressional Research Service, können die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter der „Wissenschaftlichen Dienste” nur neidvoll träumen.
Zwar hat die wissenschaftliche Beratung der Kongressmitglieder auch mit
einer Bibliothek begonnen: mit der Library of Congress, gegründet
1800. Aber dabei ist es nicht geblieben. Noch vor dem Ersten Weltkrieg
entstand ein Legislative Reference Service. Und aus diesem erst einmal
winzigen Stab von wissenschaftlichen Beratern ist 1970 dann der Congressional
Research Service (CRS) hervorgegangen, heute ein riesiger brain trust für
die Volksvertreter.
Antworten auf Informationsfragen von Wählern und Kongressmitgliedern
zu geben, ist die eine Aufgabe des CRS. Die andere ist eine Art eigener
Forschungsarbeit, in sieben Abteilungen von jeweils etwa 50 Wissenschaftlern
wahrgenommen. Dem CRS hat der Gesetzgeber
dazu noch eine wichtige prognostische Funktion zugedacht. Er soll künftige
Informationsbedürfnisse des Kongresses vorhersehen und prophylaktisch
befriedigen. Auf eigene Initiative fertigt der CRS pro Jahr etwa 1000
Studien über Themen an, die vermutlich demnächst im Kongress zur
Debatte stehen werden, sodass die Abgeordneten und
Senatoren am „Tag X” Hintergrundmaterialien als Entscheidungshilfen
zur Verfügung haben.
Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags sind mit Personal
und finanziellen Mitteln weit schlechter ausgestattet als ihr amerikanisches
Vorbild. Das Gros der Bediensteten ist im Archiv, in der Pressedokumentation
und in der Bibliothek beschäftigt, die der „Grundstein” der Wissenschaftlichen
Dienste ist, der Kern, auf den sich, anders als in den USA, der Wissenschaftsservice
fast beschränkt, zumindest konzentriert. „Mehr oder minder haben die
Hilfsdienste … den Charakter eines lediglich materialaufbereitenden Zubringerdienstes”
(Lompe 1977, 498). An diesem Fazit, gezogen 1977, hat sich kaum etwas geändert.
Die Gratwanderung zwischen Wissenschaftlichkeit und Parteilichkeit
„In der Bundesrepublik wird die Frage nach den Beziehungen zwischen
Wissenschaft und Politik vor allen Dingen in der öffentlichen Diskussion
um die Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung immer wieder von neuem aktualisiert” (Lompe 1977, 498). Ein
Gremium, dessen Expertise nicht nur, wie üblich, Parteien, Parlament
und Regierung, sondern ausdrücklich auch die Öffentlichkeit als
Adressaten hat.
Kein wissenschaftliches Beratergremium, der Wissenschaftsrat vielleicht
ausgenommen, steht so sehr im Mittelpunkt des politischen Interesses wie
diese Expertenrunde. Über das politische Gewicht dieses Rats hat der
langjährige „Weise” Olaf Sievert einmal geschrieben: „Für die
Vergangenheit ein unerbittlicher Rechnungshof, für die Wirtschaftspolitik
der Zukunft ein unentwegter Besserwisser, das sind die Rollen, die das
Gesetz dem Sachverständigenrat zuweist.” Das „Gesetz über die
Bildung eines Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung” vom 14. August 1963 verlangt den fünf Mitgliedern nicht
nur Weisheit, sondern fast schon wirtschaftswissenschaftliches und politisches
Genie ab, sollen sie doch „untersuchen, wie im Rahmen der marktwirtschaftlichen
Ordnung gleichzeitig Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsstand
und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem
Wachstum gewährleistet werden können”.
Jahrelang hat die Mehrheit der „fünf Weisen” den Tarifparteien
fast gebetsmühlenartig moderate Lohnabschlüsse abverlangt. Mit
dem vorgegebenen Ziel, die Ertragslage der Unternehmen zu verbessern und
die Investitionstätigkeit zu stimulieren. Was mit einem gewissen Automatismus,
wie die Sachverständigen immer wieder suggerierten, Arbeitsplätze
schaffen und damit die Arbeitslosigkeit vermindern sollte. Dass in Wirklichkeit
einseitig die Arbeitnehmer zu Konzessionen verpflichtet werden sollten,
war unschwer dem Tenor der Expertise zu entnehmen. Weshalb die Wirtschaftsweisen
nicht nur bei den Gewerkschaften in Misskredit geraten sind.
Selbst bei den Naturwissenschaftlern, die den Regierungen als Ratgeber
dienen, besteht oft genug der Verdacht, dass sie von vornherein Partei
sind. Etwa bei den Physikern, Chemikern und Geologen, die sich zur Frage
der Kernenergie, speziell zur Wiederaufarbeitung und Endlagerung äußern
sollen. Es entsteht der Eindruck, dass für jede beliebige politische
Entscheidung ein wissenschaftliches Gutachten zu bekommen ist. Dieser Anschein
von Parteilichkeit, vielleicht gar Käuflichkeit, gilt für andere
Disziplinen wie die Wirtschaftswissenschaften noch viel mehr. Denn die
Wirtschaftspolitiker zu beraten, das ist nicht nur eine Frage der Wissenschaft.
Es ist, so scheint es manchmal, auch Glaubenssache. Oder Ideologie.
Dass derlei offenkundige Parteilichkeit der Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher
Politikberatung nicht besonders förderlich ist, versteht sich von
selbst. Was deshalb Not tut, ist eine „Beratungsethik”, die der wissenschaftlichen
Politikberatung aus sich selbst heraus Grenzen setzt und die Modalitäten
der Beratung regelt (Böhret 1995, 205). Die vor allem darauf hinzuwirken
hat, dass die Gratwanderung zwischen wissenschaftlicher Objektivität
und Rücksichtnahme auf die Geldgeber einigermaßen gelingt.
Politikberatung für die Außen- und Sicherheitspolitik
Wer den Blick über die unterschiedlichen „Beratungslandschaften”
in den USA und Deutschland schweifen lässt, wird zunächst wohl
wie gebannt auf ein Mammut-Unternehmen wie die RAND (Research and Development)
Corporation mit ihren 1100 Mitarbeitern und Einnahmen von mehr als 100
Millionen Dollar schauen. Aber ein Vergleich anderer amerikanischer oder
gar deutscher „Beratungsunternehmen” mit diesem Koloss, der alle anderen
überragt, verbietet sich schon deshalb, weil die RAND Corporation
als Vertragsunternehmen des Pentagon einen Sonderstatus einnimmt (Gellner
1995, 78).
„Die zumeist einfach nach ihrem Standort (weit ab vom außenpolitischen
Geschehen, F.N.) im Isartal bei München als ,Ebenhausen’ bezeichnete
Stiftung (Wissenschaft und Politik, SWP, F.N.) verkörpert am ehesten
das, was man sich vor allem in den 60er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland
unter einem Think Tank vorgestellt hat. Kein Wunder, wenn man bedenkt,
dass das Modell der RAND Corporation ein maßgebliches Vorbild für
die Stiftung Wissenschaft und Politik war (Gellner 1995, 169). 1965, zu
einer Zeit, da sich die weltpolitische Konstellation im Zeichen der Entspannungspolitik
verändert hatte, auf Initiative des Politikwissenschaftlers Arnold
Bergstraesser gegründet, entwickelte sich die Stiftung zu „Westeuropas
größtem Think Tank auf dem Felde der Internationalen Politik”
(THE ECONOMIST 21.12.1991), mit 121 ständigen Mitarbeitern, darunter
40 Wissenschaftler im Forschungsbereich. Die „großen Themen” der
SWP: die europäische Integration, die transatlantischen Beziehungen,
das Verhältnis zu Russland, Rüstungskontrolle, der Nahe Osten,
Asien und Teile Afrikas. Ihr Gründer und langjähriger Direktor
Klaus Ritter hat ihr einen Standort „im freien Zwischenfeld zwischen der
Universität und den zentralen politischen Institutionen” zugedacht
(Gellner 1995,170). Dabei soll es im Prinzip auch bleiben. Aber die SWP
soll dem Zentrum der Macht quasi auf Tuchfühlung näherrücken.
Nicht nur dass sie nach Berlin umsiedelt. Auch innerhalb Berlins hat man
einen günstigeren Platz gefunden als ursprünglich vorgesehen:
ein paar Ecken vom Kurfürstendamm entfernt. Durch die Fusion mit dem
Kölner Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale
Studien (BIOsT) entsteht das größte außen- und sicherheitspolitische
Beratungsinstitut Europas.
Nach dem Motto „Konkurrenz belebt das Geschäft” und: „Regierungsnähe
ist die eigentliche Geschäftsgrundlage”, hat sich die exquisite Deutsche
Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) schon im Herbst 1999
in Berlin angesiedelt. Damit ist die außenpolitische Beratung in
der Hauptstadt konzentriert. Der heutige SWP-Direktor Christoph Bertram
verspricht sich viel von der räumlichen Nähe zu Regierung und
Parlament. Er erwartet, „dass sich in Berlin das große Debattenforum
des Landes herausbildet” (FAZ12. 1.00). Er ist sich sicher: „Berlin wird
der politische Salon der Republik.”
Nebenbei bemerkt existiert in Berlin ein sozialwissenschaftlicher „Salon”
schon seit geraumer Zeit, seit einem Vierteljahrhundert, in Gestalt des
Wissenschaftszentrums Berlin. Anfänglich bei den alteingesessenen
Hochschullehrern der Freien und der Technischen Universität als „Forschungsbankert”
madig gemacht, konnte sich das WZB eine geachtete Position auf sozialwissenschaftlichem
Terrain erkämpfen. „Der entscheidende Grund für diese Konsolidierung
war die von der sozialliberalen Regierung initiierte Förderung anwendungsnaher
Politik- und Sozialforschung” (Gellner 1995, 189). Überdies wuchs
damals das Interesse an der „Technikfolgenabschätzung” ungemein. Ein
weitläufiges Forschungsfeld für die Sozialwissenschaftler des
WZB. Ganz zu schweigen vom dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit, auf
mehr als eine halbe Million 1974, dann auf Millionen-Niveau von 1982 an.
Mit der anwendungsorientierten Analyse dieses sozialen Übels hatten
die Berliner Sozialwissenschaftler alle Hände voll zu tun. Sie lieferten
dazu fast durchweg solide und praxisnahe Studien. So kam es, dass aus dem
„Bankert” WZB ein „Parade-Think Tank” geworden ist.
Das Problem ist die politische Umsetzung
Für beide, eine auf Außenpolitik zentrierte „Ideenagentur”
wie die SWP und das sozialwissenschaftlich ausgerichtete WZB, gilt, mit
nur geringfügigen Unterschieden, dass sie gut in der Produktion und
Vermarktung ihrer Expertisen sind. Wenn es aber darum geht, sie politisch
umzusetzen, bleiben die Erfolge oftmals aus. Mitnichten sind ja diese Expertisen
als Handlungsanleitungen gedacht. Sie sollen nur Orientierungshilfen bieten.
Aber in ihrer Logik liegt doch der Anspruch, prophylaktisch auf den politischen
Entscheidungsprozess zu wirken. Also, vorteilhafte Entwicklungen zu propagieren
und vor krisenhaften Entwicklungen zu warnen. Meriten hat sich die SWP
zweifellos bei den Verhandlungen über die Nichtverbreitung nuklearer
Waffen verdient. „Als weiteres Beispiel konkreten Einflusses ließe
sich die MBFR-Politik der Bundesrepublik zwischen 1967 und 1973 nennen”
(Gellner 1995, 171). Und, nicht zu vergessen: die Rolle der Stiftung im
Kosovokonflikt. „In den verschiedenen Phasen des Konflikts wurde die Beratungsleistung
der Experten der SWP unterschiedlich stark nachgefragt. Vor der Militäraktion
gab es häufig persönliche Kontakte zwischen spezialisierten Beratern
und Politikern. Dabei spielte früher gewonnenes Vertrauen eine entscheidende
Rolle. Während der Militäraktion wurde wenig wissenschaftliche
Beratung nachgefragt. Erst zur Vorbereitung der deutschen Initiative zur
Einbindung Russlands wurden wieder Experten der SWP herangezogen” (Segbers
1999, 36).
Einen back channel, informelle Kontakte, hat auch der Direktor des
DGAP-Forschungsinstituts genutzt. Er brachte den Londoner Investmentbanker
Peter Castenfelt ins Spiel, einen Amateuraußenpolitiker mit besten
Beziehungen zu Boris Jelzin. Er war entscheidend daran beteiligt, die Wogen
zu glätten, die zwischen Russland und der NATO bedrohlich hochgeschlagen
waren, und er bereitete mit den Boden für den serbischen Rückzug
aus dem Kosovo.
Die Friedensforschung als Kind einer besonderen weltpolitischen Konstellation
Was für die wissenschaftliche Politikberatung generell gilt, trifft
auf einen speziellen Teil, die Friedensforschung, in besonderem Maße
zu: nämlich das Bestreben, nicht in I’art pour l’art-Manier zu forschen,
nicht Expertisen für den Papierkorb zu produzieren oder sich in die
dünne Luft der Utopien zu versteigen, sondern „praxisrelevant” zu
sein. Das heißt, anstehende politische Entscheidungen mit zu präformieren,
statt vollendete Tatsachen der Kritik zu unterziehen. Also möglichst
präventiv zu wirken, nach dem medizinischen Motto: „Vorbeugen ist
besser als heilen.”
Die Friedensforschung hat sich in der Bundesrepublik in einer besonderen
weltpolitischen Konstellation etabliert: im Kontext des Kalten Kriegs und
im Kontrast dazu. „Vor allem … fällt die Etablierung der HSFK (des
größten und renommiertesten der drei herausragenden deutschen
Friedensforschungsinstitute: Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung,
F. N.) wie der Friedensforschung insgesamt in die gesellschaftliche Umbruchphase
der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre, die Zeit der
Protestbewegung und des Beginns der sozialliberalen Koalition, die sich
von der Förderung der Friedensforschung zweifellos einen Legitimationsgewinn
versprach” (Gellner 1995, 202).
Diese günstige Gründungskonstellation bewahrte die institutionalisierte
Friedensforschung indessen nicht vor einem Kleinkrieg um ihre Finanzierung
und schließlich sogar um ihre Existenz. Kein Wunder, hatten sich
die Friedensforscher doch vorgenommen, mit ihrer Expertise auf die „Veränderung
politischer Praxis” hinzuwirken. Zum Beispiel, der tieferen Friedlosigkeit,
der so genannten „strukturellen Gewalt”, einem Komplex von Unterdrückung,
Arbeitslosigkeit, Armut und so weiter, beizukommen. Was gesellschaftliche
Veränderungen implizierte. Dieses Bestreben, einen strukturellen Wandel
herbeizuführen, trug den Friedensforschern den Ruf ein, als „Systemveränderer”
die marktwirtschaftlich-demokratische Ordnung untergraben zu wollen.
In Frankfurt betreibt man Friedensforschung noch immer mit dem bemerkenswerten
Anspruch einer „Veränderungswissenschaft”, „mit weltbürgerlicher
Orientierung”. Aber niemand käme heute auf die Idee, dahinter revolutionäre
Umtriebe zu vermuten. Die ideologischen Fronten haben sich mit dem Ende
des Kalten Kriegs in Wohlgefallen aufgelöst. Und zur Détente
zwischen Wissenschaft und Politik haben auch die Friedensforscher selbst
beigetragen, indem sie ihren hoch, zu hoch gesteckten Zielen abgeschworen
und zu einer pragmatischen Zuarbeit zur Politik gefunden haben.
Gründe für mangelnde Resonanz
Bleibt ein innerwissenschaftlicher Umstand, der es den potentiellen
„Abnehmern” friedensforscherischer Expertise schwer macht, diese politisch
umzusetzen: der Theorien- und Methodenpluralismus der Friedensforschung,
der ein Überangebot an praxisrelevantem Wissen hervorbringt. Eine
Überfülle, vor der die Politikerinnen und Politiker schon aus
Zeitnot kapitulieren müssen (Citron 1996, 540). Ganz abgesehen davon,
dass sie nicht sonderlich an Plänen, Vorschlägen und Empfehlungen
interessiert sein können, „deren Verwirklichung möglicherweise
gravierende Veränderungen in Politik und Institutionengefüge
nach sich ziehen könnte” (Alfs 1995, 78).
Fazit: Es mangelt den friedensforscherischen Erkenntnissen an Resonanz.
Die Friedensforschung kommt mit diesen Erkenntnissen oft genug, was in
der Natur der Sache liegt, zu spät, um nicht vom Leben, sprich: der
Politik, mit Desinteresse und Missachtung bestraft zu werden. „Die Realität
einer multilateralen Verhandlung, bei der zahllose nationale Interessen
unter einen Hut gebracht werden müssen, und die Unvorhersehbarkeit
internationaler Entwicklungen machen es in der Tat der Forschung schwer,
rechtzeitig Beiträge zu liefern, die für die Verhandlung von
Relevanz sein können” (Citron 1996, 544).
Immerhin kann sich die Friedensforschung rühmen, den Wandel in
Russland und, von dort ausgehend, den Wandel der bipolaren Weltkonstellation
indirekt zumindest mit gefördert zu haben, indem sie zum „ldeenlieferanten”
Gorbatschows geworden ist. Was jedoch weniger der übermächtigen
Stringenz dieser Ideen, sondern vielmehr den unerwartet günstigen
Verhältnissen im Politbüro der KPdSU zuzuschreiben war, die der
westeuropäischen rüstungskontrollorientierten Friedensforschung
im Innersten des Kreml Gehör verschaffte. Das Konzept der „gemeinsamen
Sicherheit” konvenierte mit der Gorbatschow’schen Entspannungspolitik.
Und die positive Antwort der deutschen Außenpolitik: Zu ihr hat auch
die Friedensforschung beigetragen (Risse-Kappen 1996, 525ff).
Zukunftsforschung zwischen Schwarzmalerei und grenzenlosem Optimismus
Voraussagen sind ein schwieriges Geschäft. Besonders, wenn es um
die Zukunft geht. Dieses chinesische Sprichwort ist heute so wahr wie vor
ein paar hundert Jahren, obwohl man doch meinen sollte, dass der wissenschaftliche
Fortschritt auch die Prognosen erleichtert hat. Stichwort: Computergestützte
Modellrechnungen. Welchen wissenschaftlichen Wert sie haben, ist am besten
zu ermessen, wenn man sich Prognosen etwa der Siebzigerjahre vergegenwärtigt,
die zu den „Klassikern” der Zukunftsforschung zählen.
Wäre damals alles nach Herman Kahn gegangen, hätte das Paradies
auf Erden schon zum Greifen nahe sein müssen. 1967 hat dieser prominenteste
unter den amerikanischen Zukunftsforschern zusammen mit Anthony Wiener
den Bestseller: The Year 2000. A Framework for Speculation publiziert.
Ein Kompendium von vollmundigen Prognosen, mit einem Touch von Science
Fiction, das von chemischen Gedächtnisstützen über Nürnberger
Trichter in Pillenform, künstliche Monde und bemannte Mondstationen
bis zu programmierten Träumen reichte. Kaum jemand hat die Zukunft
in so rosigem Licht gesehen wie der „Paradiesvogel” dieser Zunft, Herman
Kahn. Als notorischer Optimist, der mit wissenschaftlicher Unbefangenheit
seine opulenten Voraussagen aufgetischt hat, konnte er sich deftiger Seitenhiebe
auf solche pessimistischen Zukunftsprojektionen nicht enthalten, wie sie
Dennis Meadows und Ko-Autoren 1972 in ihrem Bericht an den Club of Rome
unter dem legendären Titel: „Die Grenzen des Wachstums” beschworen
haben. Und auch der nach nur einer Amtszeit unrühmlich ins Glied zurückgetretene
US-Präsident Jimmy Carter bekam für den grau in grau gehaltenen
„Präsidenten-Bericht 2000” noch sein Fett weg. „Barer Unsinn” lautete
das Urteil des „Chefvisionärs” Herman Kahn.
Im Kontrast zu derlei düsteren Szenarien hat Kahn, der vielen
Wissenschaftlern als Scharlatan für die gehobenen Kreise galt, für
das Jahr 2000 nicht gerade den Himmel auf Erden, aber doch ein unbeschwertes
Erdendasein vorhergesagt. Unter dem Titel: Vor uns die guten Jahre – Ein
realistisches Modell unserer Zukunft weissagte er 1977: Der Hunger werde
im Jahr 2000 ein unbekanntes Übel sein, und zwar schon deshalb, weil
das Wachstum der Weltbevölkerung rapide abnehmen werde.
Aber nicht nur Herman Kahn, der unter den Zukunftsforschern zur Spezies
der „Euphoriker” gehörte, hat sich gründlich getäuscht.
Auch die Schwarzseher oder Apokalyptiker aus dem anderen Lager der Futurologen
haben sich geirrt. „So hatten die Autoren des ‚Club of Rome’ ihre Prognosen
zwar mit der Einschränkung versehen, sie würden nur dann zutreffen,
wenn die Welt weitermache wie bisher. Doch obwohl die Ausbeuter der Erde
nicht
innehielten, waren um 1985 weder die Goldvorkommen noch die Lagerstätten
von Silber oder Quecksilber, wie prophezeit, erschöpft” (R. F. Müller
2000, 146). Bei genauer Betrachtung ist keine der düsteren Meadows-Prognosen
eingetreten. Die Katastrophen, die so manche Kassandrarufer angekündigt
hatten, sind ausgeblieben. Indien müsste zum Beispiel schon 1975 an
Ernährungsproblemen zugrunde gegangen sein, wenn es so gekommen wäre,
wie es die Brüder William und Paul Paddock in ihrem Buch Hunger 1975
vorausgesagt hatten. Tatsächlich aber hat sich die Nahrungsmittelproduktion
auf dem Subkontinent so stark entwickelt, dass sie das Land von Importen
unabhängiger gemacht hat als 1967, in dem Jahr, in dem das Buch der
Paddocks auf den Markt gekommen ist.
Exakte Prognosen: Fehlanzeige
Die Produkte der „Futurologie”, die übrigens der deutsche Politikwissenschaftler
Ossip K. Flechtheim 1943 im amerikanischen Exil so benannt hat, sind also
mit Vorsicht zu genießen, seien es die hyper-optimistischen oder
auch die schwarzseherischen. Die Prognosen der Einzelkämpfer genauso
wie diejenigen solcher Denkfabriken wie des 1961 von Kahn gegründeten
Hudson Institute, einer „futuristischen Organisation”, die sich großspurig
des Optimismus rühmt, „die Probleme von morgen heute” zu lösen.
Die Fehlerquote der futurologischen Voraussagen liegt bei 80 Prozent, wie
eine amerikanische Studie vor kurzem ergeben hat. Von 48 Wirtschaftsprognosen
haben sich 46 als falsch erwiesen! Das geht aus dem Bestseller The Fortune
Sellers von William Sherden (1997) hervor. Ganz zu schweigen von dem Mangel
an futurologischem „Gespür”, der die akademisch gebildeten Wahrsager
bedeutsame politische Entwicklungen einfach „verschlafen” ließ: die
islamische Revolution im Iran 1979, die Vorgänge in Afghanistan, den
Zusammenbruch des Ostblocks, die deutsche Wiedervereinigung und so weiter.
„In der technischen Machbarkeitseuphorie nach dem Zweiten Weltkrieg
hat die Welt jene vorwiegend amerikanischen Futurologen tatsächlich
ernst genommen, die behaupteten, mit genügend großen Computern
die Gleichungen lösen zu können, die angeblich die Zukunft bestimmen”
(Minx 2000, 155). Dafür, dass selbst an hochdifferenzierten kybernetischen
Weltmodellen Zweifel angebracht sind, gibt es einen triftigen Grund: „Die
Gesetze der Newtonschen Mechanik gelten nach heutiger Einsicht streng genommen
nur in einem System mit zwei Körpern. Tritt ein dritter hinzu, so
wird das System bereits so kompliziert und die unvermeidbaren Fehler sind
so groß, dass künftige Zustände nicht mehr wirklich genau
und eindeutig vorausberechnet werden können. Wenn es nun schon schwer
ist, ein System mit drei Elementen zu berechnen, dann muss es fast unmöglich
sein, dies für ein System mit praktisch unendlich vielen Elementen
zu leisten, wie das für Aussagen im sozialen und politischen Bereich
der Fall ist. Es herrscht hier ein deterministisches Chaos, und exakte
Voraussagen über zukünftige Zustände sind nicht möglich”
(Arnold 1991, 65f). Die Vorhersage sozialökonomischer Entwicklungen
gilt unter seriösen Beobachtern des Zeitgeschehens schlicht als Scharlatanerie.
Bezeichnend, dass sogar ein „Trendforscher”, der „nur” den Wandel der Lebensstile
und Märkte oder sogar nur einen „Geschmackswechsel” der Konsumenten
im Voraus wissen will, vor dieser methodologischen Konstellation kapituliert
mit dem Stoßseufzer: „Die Sache mit der Zukunft ist ein schwieriges
Problem.” Etwas rigider ausgedrückt: „Die Zukunft ist nicht vorhersagbar” (Minx
2000, 155).
Daran ändern auch aufwändige Methoden wie die modernen Delphi-Studien
nichts: „Umfrageverfahren, die das Wissen von Experten unter Nutzung psychologischer
Gruppeneffekte einsetzen, um Informationen über die Zukunft zu erhalten.”
Was dabei herauskommt (z. B. bei Delphi 98), ist zum Teil beliebig und zum
Teil trivial. Dass der Datenschutz, der elektronische Handel, Dienstleistungen,
die Telearbeit, Produktrecycling und die Vernetzung von Unternehmen in
Zukunft eine große Rolle spielen werden: wer hätte das gedacht?
Ein typischer Fall für das Manko der Zukunftsforschung, dass sie in
der Regel über die Extrapolation des Gegenwärtigen in die Zukunft
nicht hinausgelangt.
Grenzen der Wirksamkeit
Da stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit von wissenschaftlich aufgezäumten
Prognosen. Groß ist sie nicht, wenn sich die Auguren in der Beliebigkeit
von Aussagen über künftige Entwicklungen ergehen, wenn sie zum
Beispiel den Zwang zu lebenslangem Lernen oder die zunehmende Spaltung
der Gesellschaft prophezeien. Allenfalls als selffulfilling prophecy tut
die Prognose ihre Wirkung. Wenn auch oftmals eine unerwünschte. Das
gilt auch für den „Schweine- Zyklus”: Für die Reaktionen auf
günstige oder abschreckende prognostische Signale vom Arbeitsmarkt,
die im Wechsel ein Überangebot und einen Mangel an Absolventen bestimmter
Studienfächer zur Folge haben können. Siehe: Informatiker und
Ingenieure.
Dass die Zukunft die Prognosen Lügen straft: das wäre der
Idealfall für mancherlei Belange. Zumal für die Ambitionen der
Friedensforschung. Sie ist zwar auch auf die Vergangenheit bezogen, mit
dem Anspruch, aus der Geschichte zu lernen, welches Konfliktmanagement
erfolgreich, welches unwirksam gewesen ist. Aber im gleichen Maße
ist sie zukunftsorientiert, mit der Absicht, Konflikte, die sich am Horizont
abzeichnen, zu verhüten. Aber diese präventive Funktion der Friedensforschung:
„das ist die schwierigste Frage überhaupt. Es ist nicht so, dass die
Friedensforschung nicht im Grunde bei jedem dieser Konflikte, die wir in
den letzten 10 Jahren gesehen haben, vorher Warnleuchten entzündet
hätte. Das gilt ganz besonders für den Balkan, das gilt auch
für den Kosovo. Das Problem ist, dass in den Horizont der Politik
immer nur gerät, was unmittelbar geschieht und in den Medien ist.
Und das wirkt der präventiven Wirkung der Friedensforschung leider
direkt entgegen. Und wir haben noch kein Patentrezept gefunden, wie wir
den Zeithorizont der Politik so verändern können, dass das, was
wir zu sagen haben, rechtzeitig in die Aufmerksamkeit einrückt” (H.
Müller 2000).
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Know-how in den Köpfen
Rohstoffe zu besitzen ist angenehm: Ein Land kann damit reich werden.
Aber das wichtigste Kapital der Industrieländer sind heute nicht mehr
die Kohle-, Erz- und Erdölvorkommen, sondern das Know-how in den Köpfen
der Bürger. Der neueste Bildungsbericht der OECD (Organisation für
Zusammenarbeit und Entwicklung) zeigt: Mehr Menschen gehen länger
zur Schule. Im Durchschnitt wird ein heute Fünfjähriger 16 Jahre
und 4 Monate zur Schule gehen, 1990 waren es 15 Jahre. Erwachsene investieren
heute mehr als ein ganzes Arbeitsjahr in die Weiterbildung. Für die
Bildung investieren die westlichen Industrieländer einen beträchtlichen
Teil ihrer Wirtschaftskraft: In Schweden, in den USA und in Dänemark
sind es sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Deutschland gibt 5,7
Prozent der Wirtschaftskraft für Lehrer, Schulen, Universitäten
und Unterrichtsmaterial aus und liegt damit etwas unter dem OECD-Durchschnitt
von 6,1 Prozent.
Globus
Im Durchschnitt 8200 Mark pro Jahr
Im abgelaufenen Schuljahr 1998/99 ist die Schülerzahl – erstmals
seit der deutsch-deutschen Vereinigung – zurückgegangen. Rund 10,11
Millionen Mädchen und Jungen drückten die Schulbank, 40 000 weniger
als im Schuljahr 1997/98. Durchschnittlich 8200 Mark mussten die öffentlichen
Schulen in Deutschland für jeden Schüler ausgeben. 6700 Mark
davon, also mehr als vier Fünftel, waren Personalkosten. Die Ausgaben
in den einzelnen Bundesländern wichen teilweise stark von diesem Mittelwert
ab. So kostete der Unterricht an Hamburger Schulen pro Schüler 80
Prozent mehr als in Sachsen und immerhin 46 Prozent mehr als im Saarland,
das unter den alten Bundesländern die niedrigsten Aufwendungen je
Schüler hatte. Auch bei den Schularten gab es große Unterschiede.
Am teuersten war der Unterricht in Sonderschulen mit durchschnittlich 19
900 Mark für jeden Schüler mit Lernschwächen oder -behinderungen.
Am unteren Ende der Ausgabeskala standen die Berufsschulen mit 4000 Mark.
Hierbei spielt es natürlich eine Rolle, dass die Berufsschüler
im allgemeinen keinen Vollzeitunterricht absolvieren; so können mit
einer Lehrer-Stelle rein rechnerisch mehr Schüler versorgt werden
als in anderen Schularten.
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