Das politische Buch
Jetzt auch ein „Schwarzbuch des Kapitalismus“
Robert Kurz
Schwarzbuch des Kapitalismus:
Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 1999
816 Seiten, 68,– DM
Seit der Veröffentlichung des „Schwarzbuchs des Kommunismus“, welches
dessen Verbrechen anprangerte, jagt ein Schwarzbuch das andere. Inzwischen
gibt es nicht nur Anti-Schwarzbücher, auch ein Anti-Anti-Schwarzbuch
liegt vor. Darüber hinaus sind Schwarzbücher zu den unterschiedlichsten
Bereichen erschienen: von der Anthroposophie über die Esoterik bis
zu den Rolling Stones, um nur eine kleine Auswahl zu treffen. Auf diesen
Zug ist auch der Publizist Robert Koch gesprungen.
Es war bloß eine Frage der Zeit, wann jemand – unschwer als Retourkutsche
erkennbar – einen Abgesang auf den Kapitalismus anstimmen würde. Der
Bezug zum „Schwarzbuch des Kommunismus“ offenbart sich nicht zuletzt in
dem Komplex über das „System der totalitären Weltmarkt-Demokratien“.
Hier ist wie selbstverständlich von der „totalen Mobilmachung“ des
Kapitalismus, vom „totalitären Markt“, „sozialökonomischen Totalitarismus“
wie vom „totalitären Freizeitkapitalismus“ die Rede, als gehe es darum,
eine Wirtschaftsordnung mittels einer entlarvenden Terminologie zu stigmatisieren,
um ihr dann das Handwerk zu legen. Genau das ist das Ziel des Bandes.
Den Totalitarismus nur im staatlich-politischen Bereich aufzuspüren,
erscheint Kurz unzureichend. Für den marxistisch geschulten Autor
ist der politische Totalitarismus lediglich eine Spielart des sozio-ökönomischen.
Im Vergleich zum totalitären Staat sei der „freie“ Markt sogar viel
„totalitärer“, weil er tiefer in das menschliche Bewusstsein eindringe.
Demnach überwindet die „liberale Weltmarkt-Demokratie“ nicht den Totalitarismus,
sondern führt zu dessen Vollendung. Zu solchen abstrusen Schlussfolgerungen
kann der Verfasser nur kommen, weil er alles in eine Topf wirft, statt
die fundamentalen Unterschiede zwischen Demokratie und Totalitarismus herauszuarbeiten.
Denn wer der ständigen medialen Berieselung im öffentlichen Raum
„terroristischen Charakter“ unterstellt und die These vertritt, „das geht
weit über die militärischen Anfänge im ,totalen Krieg’ hinaus“,
der weiß weder um die Wirklichkeit in einer Diktatur noch in einer
Demokratie.
„Entsetzt sehen wir, dass der Kapitalismus, seitdem sein Bruder, der
Sozialismus, für tot erklärt wurde, vom Größenwahn
bewegt ist und sich ungehemmt auszutoben begonnen hat“. Dies sagt nicht
etwa Robert Kurz, der dem aber gewiss beipflichten würde, vielmehr
stammt die Äußerung von Günter Grass. Sie ist dessen Nobelpreisrede
entnommen und offenbart die Bedeutung antikapitalistischer Positionen,
die – zehn Jahre nach der Implosion des Kommunismus – längst wieder
gesellschaftsfähig geworden sind. Deshalb darf ein Buch wie das von
Kurz nicht schulterzuckend abgetan werden, sondern es muss eine sachliche
Auseinandersetzung erfolgen, die zu einem begründeten Urteil kommt.
Im Mittelpunkt der Studie steht die Geschichte der ersten, zweiten
und der dritten industriellen Revolution. Der Autor möchte die Aporien
des Kapitalismus aufzeigen. Wie ein roter Faden zieht sich die „Erkenntnis“
durch das Buch, die Marktwirtschaft mache wenige reich, die Masse hingegen
arm. Kurz betrachtet dies nicht nur als aktuelle Schlussfolgerung, auch
die historische Entwicklung bestätige seine Analyse. Mit dem Auftreten
der Marktwirtschaft hätten sich die menschlichen Lebensbedingungen,
von wenigen prosperierenden Phasen abgesehen, kontinuierlich verschlechtert.
Der Kapitalismus wird dabei gleichsam für alle Probleme der Welt
verantwortlich gemacht. Die Schwierigkeiten in Afrika schiebt der Verfasser
einzig der Marktwirtschaft in die Schuhe. Andere Faktoren – historische,
kulturelle oder geografische – bleiben ausgeblendet. Der Kapitalismus,
„ein brutales Gewinner-Verlierer-Spiel“, gilt Kurz als „antihumane Gesellschaftsform“.
Wer von dessen Alternativlosigkeit spreche, sei ein „zynischer Rechtfertigungs-Ideologe“.
Jene, ob Wissenschaftler oder Politiker, die die Kurzschen Positionen nicht
teilen, stellt dieser ins Abseits. So werden die Arbeiten von Milton Friedman
und Friedrich August von Hayek unter „Angebots-Extremismus“ subsumiert,
oder es ist vom „mikroökonomischen Extremismus“ die Rede. Otto Graf
Lambsdorff firmiert als „die wirtschaftsextremistische ,graue Eminenz’
der deutschen Liberalen“.
Wie es um das Rechtsbewusstsein des Verfassers bestellt ist, verdeutlicht
Folgendes, ebenfalls nicht zu kommentierendes Beispiel: „Auch der Asylbewerber,
der illegal die Sozialämter der halben BRD abklappert und sich nach
seiner Abzockerei idiotischerweise eine Rolex zulegt, nimmt sich nur einen
Anteil dieses Reichtums, der ihm als Mensch nach dem Stand der Produktivkräfte
in einer vernünftigeren Form hundertfach und tausendfach zustehen
würde.“
Weder Umverteilung noch Verzicht könnten helfen, da sie sich innerhalb
der Logik des kapitalistischen Systems bewegten. Die Marktwirtschaft selbst
sei das Problem. Nun bedeutet der Kapitalismus nicht das Paradies auf Erden;
Defizite sind schwerlich von der Hand zu weisen. Doch Kurz schüttet
das Kind mit dem Bade aus. Denn welches Wirtschaftssystem schafft so viele
Arbeitsplätze, die sich am Markt behaupten können, ohne dass
es sich um verdeckte Arbeitslosigkeit handelt? Die Freiheit des Marktes,
von Kurz grundsätzlich in Anführungszeichen gesetzt, ist alles
andere, als ein Trugschluss. Sie ermöglicht eine Dynamik, die letztlich
allen zugute kommt. Der Autor weigert sich beharrlich, solche Positiva
zur Kenntnis zu nehmen. Fällt schon die Diagnose wenig überzeugend
aus, gilt das erst recht für die Therapie. Diese macht das Buch endgültig
zum Skandal: „Ist das nicht besser, erhobenen Hauptes und mit der Waffe
in der Hand im Kampf gegen die Polizei des demokratischen Orwell-Staates
zu sterben“, schreibt der Autor mit Blick auf die Sozialhilfeempfänger,
als sich „zum Idioten der ,Besserverdienenden’ machen zu müssen?“
Der Epilog bekräftigt diese unmissverständliche Haltung, nun
freilich ohne Begrenzung des Personenkreises: Kurz ruft offen zu einer
„sozialen Rebellion gegen die unverschämten Zumutungen von ,Marktwirtschaft
und Demokratie’“. Damit erweist sich der Verfasser als Antikapitalist wie
als Antidemokrat. Man stelle sich einmal vor, kein „Linker“, sondern ein
„Rechter“ spräche sich unverblümt für den bewaffneten Kampf
aus . . .
Angesichts der bombastischen Kritik am Kapitalismus könnte der
Gegensatz zu der banalen Alternative – sogenannte „Räte“ sollten das
„System von ,Demokratie und Marktwirtschaft’“ ablösen – gar nicht
größer sein. Denn was Kurz für das 21. Jahrhundert feilbietet,
ist ein Ladenhüter des 19. Jahrhunderts. Das Rätesystem impliziert
einen einheitlichen Volkswillen – wie soll der in einer modernen, ausdifferenzierten
Gesellschaft eigentlich zustande kommen? – und führt zwangsläufig
zur Aufgabe der Gewaltenteilung. Mit ihm geht eine Totalpolitisierung zugunsten
weniger einher; gleichzeitig besteht die Gefahr der Verselbständigung
der Mehrheit. Zeiterfordernis und Effizienz stehen in einem Rätesystem
in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis. Schließlich stellt
sich die Frage, wer an einem solchen Experiment überhaupt teilhaben
möchte. Der Verfasser weiß, dass die „Massenbewegung“, die ihm
vorschwebt, Wunschdenken bleiben wird. Und das ist ihm letztendlich das
größte Ärgernis.
Ginge es nach Kurz, wären „alle destruktiven und unsinnigen Produktionen
ersatzlos stillzulegen, die nur der Aufrechterhaltung des kapitalistischen
Systems dienen (von der Geldverwaltung bis zur nervtötenden medialen
Glocke der ,Werbung’)“. Was den letztgenannten Punkt betrifft, legt der
Autor – in eigener Sache, versteht sich – eine gewisse Flexibilität
an den Tag. Er steht schon seit Anfang November für Anfragen der Presse
zur Verfügung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Hinsichtlich
des Zieles, „alle destruktiven und unsinnigen Produktionen ersatzlos stillzulegen“,
kann Kurz froh sein, dass seine Kriterien beim „Schwarzbuch Kapitalismus“
keine Anwendung finden.
Ralf Altenhof
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