Zeitschrift 

Der Bürger im Staat

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Medizin - Naturwissenschaft - Technik
 
 
 

Heft 3/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis


 
Das politische Buch
Jetzt auch ein „Schwarzbuch des Kapitalismus“

Robert Kurz
Schwarzbuch des Kapitalismus: 
Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 1999 
816 Seiten, 68,– DM

Seit der Veröffentlichung des „Schwarzbuchs des Kommunismus“, welches dessen Verbrechen anprangerte, jagt ein Schwarzbuch das andere. Inzwischen gibt es nicht nur Anti-Schwarzbücher, auch ein Anti-Anti-Schwarzbuch liegt vor. Darüber hinaus sind Schwarzbücher zu den unterschiedlichsten Bereichen erschienen: von der Anthroposophie über die Esoterik bis zu den Rolling Stones, um nur eine kleine Auswahl zu treffen. Auf diesen Zug ist auch der Publizist Robert Koch gesprungen.
Es war bloß eine Frage der Zeit, wann jemand – unschwer als Retourkutsche erkennbar – einen Abgesang auf den Kapitalismus anstimmen würde. Der Bezug zum „Schwarzbuch des Kommunismus“ offenbart sich nicht zuletzt in dem Komplex über das „System der totalitären Weltmarkt-Demokratien“. Hier ist wie selbstverständlich von der „totalen Mobilmachung“ des Kapitalismus, vom „totalitären Markt“, „sozialökonomischen Totalitarismus“ wie vom „totalitären Freizeitkapitalismus“ die Rede, als gehe es darum, eine Wirtschaftsordnung mittels einer entlarvenden Terminologie zu stigmatisieren, um ihr dann das Handwerk zu legen. Genau das ist das Ziel des Bandes.
Den Totalitarismus nur im staatlich-politischen Bereich aufzuspüren, erscheint Kurz unzureichend. Für den marxistisch geschulten Autor ist der politische Totalitarismus lediglich eine Spielart des sozio-ökönomischen. Im Vergleich zum totalitären Staat sei der „freie“ Markt sogar viel „totalitärer“, weil er tiefer in das menschliche Bewusstsein eindringe. Demnach überwindet die „liberale Weltmarkt-Demokratie“ nicht den Totalitarismus, sondern führt zu dessen Vollendung. Zu solchen abstrusen Schlussfolgerungen kann der Verfasser nur kommen, weil er alles in eine Topf wirft, statt die fundamentalen Unterschiede zwischen Demokratie und Totalitarismus herauszuarbeiten. Denn wer der ständigen medialen Berieselung im öffentlichen Raum „terroristischen Charakter“ unterstellt und die These vertritt, „das geht weit über die militärischen Anfänge im ,totalen Krieg’ hinaus“, der weiß weder um die Wirklichkeit in einer Diktatur noch in einer Demokratie.
„Entsetzt sehen wir, dass der Kapitalismus, seitdem sein Bruder, der Sozialismus, für tot erklärt wurde, vom Größenwahn bewegt ist und sich ungehemmt auszutoben begonnen hat“. Dies sagt nicht etwa Robert Kurz, der dem aber gewiss beipflichten würde, vielmehr stammt die Äußerung von Günter Grass. Sie ist dessen Nobelpreisrede entnommen und offenbart die Bedeutung antikapitalistischer Positionen, die – zehn Jahre nach der Implosion des Kommunismus – längst wieder gesellschaftsfähig geworden sind. Deshalb darf ein Buch wie das von Kurz nicht schulterzuckend abgetan werden, sondern es muss eine sachliche Auseinandersetzung erfolgen, die zu einem begründeten Urteil kommt.
Im Mittelpunkt der Studie steht die Geschichte der ersten, zweiten und der dritten industriellen Revolution. Der Autor möchte die Aporien des Kapitalismus aufzeigen. Wie ein roter Faden zieht sich die „Erkenntnis“ durch das Buch, die Marktwirtschaft mache wenige reich, die Masse hingegen arm. Kurz betrachtet dies nicht nur als aktuelle Schlussfolgerung, auch die historische Entwicklung bestätige seine Analyse. Mit dem Auftreten der Marktwirtschaft hätten sich die menschlichen Lebensbedingungen, von wenigen prosperierenden Phasen abgesehen, kontinuierlich verschlechtert.
Der Kapitalismus wird dabei gleichsam für alle Probleme der Welt verantwortlich gemacht. Die Schwierigkeiten in Afrika schiebt der Verfasser einzig der Marktwirtschaft in die Schuhe. Andere Faktoren – historische, kulturelle oder geografische – bleiben ausgeblendet. Der Kapitalismus, „ein brutales Gewinner-Verlierer-Spiel“, gilt Kurz als „antihumane Gesellschaftsform“. Wer von dessen Alternativlosigkeit spreche, sei ein „zynischer Rechtfertigungs-Ideologe“. Jene, ob Wissenschaftler oder Politiker, die die Kurzschen Positionen nicht teilen, stellt dieser ins Abseits. So werden die Arbeiten von Milton Friedman und Friedrich August von Hayek unter „Angebots-Extremismus“ subsumiert, oder es ist vom „mikroökonomischen Extremismus“ die Rede. Otto Graf Lambsdorff firmiert als „die wirtschaftsextremistische ,graue Eminenz’ der deutschen Liberalen“.
Wie es um das Rechtsbewusstsein des Verfassers bestellt ist, verdeutlicht Folgendes, ebenfalls nicht zu kommentierendes Beispiel: „Auch der Asylbewerber, der illegal die Sozialämter der halben BRD abklappert und sich nach seiner Abzockerei idiotischerweise eine Rolex zulegt, nimmt sich nur einen Anteil dieses Reichtums, der ihm als Mensch nach dem Stand der Produktivkräfte in einer vernünftigeren Form hundertfach und tausendfach zustehen würde.“
Weder Umverteilung noch Verzicht könnten helfen, da sie sich innerhalb der Logik des kapitalistischen Systems bewegten. Die Marktwirtschaft selbst sei das Problem. Nun bedeutet der Kapitalismus nicht das Paradies auf Erden; Defizite sind schwerlich von der Hand zu weisen. Doch Kurz schüttet das Kind mit dem Bade aus. Denn welches Wirtschaftssystem schafft so viele Arbeitsplätze, die sich am Markt behaupten können, ohne dass es sich um verdeckte Arbeitslosigkeit handelt? Die Freiheit des Marktes, von Kurz grundsätzlich in Anführungszeichen gesetzt, ist alles andere, als ein Trugschluss. Sie ermöglicht eine Dynamik, die letztlich allen zugute kommt. Der Autor weigert sich beharrlich, solche Positiva zur Kenntnis zu nehmen. Fällt schon die Diagnose wenig überzeugend aus, gilt das erst recht für die Therapie. Diese macht das Buch endgültig zum Skandal: „Ist das nicht besser, erhobenen Hauptes und mit der Waffe in der Hand im Kampf gegen die Polizei des demokratischen Orwell-Staates zu sterben“, schreibt der Autor mit Blick auf die Sozialhilfeempfänger, als sich „zum Idioten der ,Besserverdienenden’ machen zu müssen?“ Der Epilog bekräftigt diese unmissverständliche Haltung, nun freilich ohne Begrenzung des Personenkreises: Kurz ruft offen zu einer „sozialen Rebellion gegen die unverschämten Zumutungen von ,Marktwirtschaft und Demokratie’“. Damit erweist sich der Verfasser als Antikapitalist wie als Antidemokrat. Man stelle sich einmal vor, kein „Linker“, sondern ein „Rechter“ spräche sich unverblümt für den bewaffneten Kampf aus . . .
Angesichts der bombastischen Kritik am Kapitalismus könnte der Gegensatz zu der banalen Alternative – sogenannte „Räte“ sollten das „System von ,Demokratie und Marktwirtschaft’“ ablösen – gar nicht größer sein. Denn was Kurz für das 21. Jahrhundert feilbietet, ist ein Ladenhüter des 19. Jahrhunderts. Das Rätesystem impliziert einen einheitlichen Volkswillen – wie soll der in einer modernen, ausdifferenzierten Gesellschaft eigentlich zustande kommen? – und führt zwangsläufig zur Aufgabe der Gewaltenteilung. Mit ihm geht eine Totalpolitisierung zugunsten weniger einher; gleichzeitig besteht die Gefahr der Verselbständigung der Mehrheit. Zeiterfordernis und Effizienz stehen in einem Rätesystem in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis. Schließlich stellt sich die Frage, wer an einem solchen Experiment überhaupt teilhaben möchte. Der Verfasser weiß, dass die „Massenbewegung“, die ihm vorschwebt, Wunschdenken bleiben wird. Und das ist ihm letztendlich das größte Ärgernis.
Ginge es nach Kurz, wären „alle destruktiven und unsinnigen Produktionen ersatzlos stillzulegen, die nur der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems dienen (von der Geldverwaltung bis zur nervtötenden medialen Glocke der ,Werbung’)“. Was den letztgenannten Punkt betrifft, legt der Autor – in eigener Sache, versteht sich – eine gewisse Flexibilität an den Tag. Er steht schon seit Anfang November für Anfragen der Presse zur Verfügung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Hinsichtlich des Zieles, „alle destruktiven und unsinnigen Produktionen ersatzlos stillzulegen“, kann Kurz froh sein, dass seine Kriterien beim „Schwarzbuch Kapitalismus“ keine Anwendung finden.

 Ralf Altenhof

 

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