Zeitschrift 

Der Bürger im Staat

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Medizin - Naturwissenschaft - Technik
 
 
 

Heft 3/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis
 

Ein Wettlauf zwischen Hase und Igel?

Die Rückkehr der Seuchen

Neben den „Zivilisationskrankheiten“ bedrohen Seuchen nach wie vor die Menschheit
Von Susanne Irmen
Susanne Irmen ist Mitarbeiterin der SWR-Wissenschaftredaktion Hörfunk, Baden-Baden.

Die Hoffnung trog, die Infektionskrankheiten seien weitgehend besiegt. Spektakulär in Erscheinung getreten sind AIDS, Ebola und Lassa-Fieber. Doch auch Tuberkulose und Diphterie treten vermehrt wieder auf, Folge von erhöhter Mobilität, aber auch von Armut und schlechteren Gesundheitssystemen beispielsweise in Folge der Umbrüche im ehemaligen Ostblock. Nach wie vor macht überall auf der Welt die Grippe gefährlich zu schaffen, auch bei uns in Deutschland. – Sind Seuchen etwa eine Immunreaktion der Erde gegenüber uns Menschen als Parasiten?
Red.


Ein Wettlauf zwischen zwei starken, evolutionär erfolgreichen Gegnern

Mikroben leben überall. Menschen auch. Unsere spezifische Anpassungsfähigkeit, unsere Neugier, unser Eroberungs- und Wissensdrang ermöglichen es uns, in immer neue Gegenden vorzustoßen und uns dort zu behaupten. Dabei begegnen wir allerdings auch immer wieder neuen Bakterien, Viren, Pilzen und Parasiten, die uns befallen und umbringen können. Häufig nehmen wir sie auch erst einmal für eine Weile ins Schlepptau, bis sie uns krankmachen. In der Zwischenzeit haben wir sie in großer Zahl weitergegeben, haben Mitmenschen damit angesteckt. Haben wir sie einmal dingfest gemacht und identifiziert, kennen wir die Feinde, dann bekämpfen wir sie und schützen uns. Doch diese Winzlinge sind ihrerseits äußerst anpassungsfähig, ja, so scheint es, „intelligent“ in der Erfindung von Abwehrstrategien. Oft genug bleiben sie freilich selbst nach langer Erforschung letztlich undurchschaubar und folglich unkontrollierbar. Das ist die Geschichte der Seuchen. Sie läßt sich als ein Wettkampf zwischen zwei äußerst starken, evolutionär erfolgreichen Gegnerparteien darstellen. Mal liegt der Mensch vorn – wenn er einen Erreger im Griff hat, womöglich ganz ausrottet, wie die Pocken. Mal ist es der Erreger – wie bei AIDS. Mit alten Bekannten, wie den Grippeviren, befindet sich der Mensch in einem Dauerwettlauf, der an das Märchen vom Hasen und Igel erinnert. Seltsamerweise neigt die breite Öffentlichkeit dazu, ihren Blick vornehmlich auf die neuen, rätselhaften, exotischen Seuchenerreger zu richten, während die Grippewellen, denen bisweilen Millionen zum Opfer fielen, weitestgehend aus dem kollektiven Gedächtnis entschwunden sind. Wer erinnert sich daran, daß im Jahr 1918 weltweit mehr Menschen an der Influenza starben als im Mittelalter an der Pest? Grippeerreger werden in ihrer Gefährlichkeit verkannt.

Vergessen und verharmlost

Der Weltgesundheitstag am 7. April 1997, den die WHO unter das Motto „Neue und wiederauftretende Infektionskrankheiten“ stellte, sollte auf die vergessenen und bei uns oft verharmlosten Gefahren aufmerksam machen: Auf die Verbreitung bzw. Rückkehr von mehr oder minder schwer krankmachenden Mikroben, die uns Rheuma ebenso bringen wie Tuberkulose, Hirnhautentzündungen ebenso wie Hepatitis, Typhus ebenso wie Malaria. Gefürchtet werden am meisten die HI-Viren, die zu AIDS führen können und gegen die die Medizin noch keine durchschlagenden Waffen entwickelt hat. Bei anderen Infektionskrankheiten glaubte man, ganz im Gegenteil, mit Impfung und Gegenmitteln auf der sicheren Seite zu sein. Das war leider ein Irrtum. In etlichen Fällen versagen Vorbeugung und Therapie. Diese Tatsache ist auch zu wenig bekannt.

Eine Vielfalt von Ursachen

Jedenfalls registrieren die Gesundheitsbehörden ein neues Aufflackern von Seuchen überall in der Welt. Dank des regen Reise- und Handelsverkehrs zwischen den Kontinenten wandern die neuen und alten Seuchenerreger ziemlich rasch um den gesamten Erdball. Waren es im Mittelalter hauptsächlich die intensiven wirtschaftlichen Beziehungen, die zur Ausbreitung lebensgefährlicher Krankheitserreger führten – ebenso das mangelhafte medizinische Wissen – so sind die Ursachen heute wohl vielschichtiger, oft sogar undurchsichtig. Für das Wiederauftreten alter Seuchen, die man jahrzehntelang unter Kontrolle zu haben glaubte, lassen sich in der Gegenwart gleich mehrere Umstände verantwortlich machen: Bevölkerungsdichte, Verschlechterung politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse in vielen Ländern, mangelnde Hygiene, Migrationsbewegungen, Kriege. Vor 40 Jahren hatte die WHO optimistisch festgestellt, daß die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg einen dramatischen Rückgang der sog. quarantänepflichtigen Krankheiten – Cholera, Pest, Flecktyphus, Pocken und Gelbfieber – erlebt habe. Noch im Jahr 1968 verkündete der amerikanische Generalstabsarzt William Stewart im Weißen Haus, man könne nun das Kapitel der Infektionskrankheiten abschließen. Tatsächlich schienen die vormals heiklen mikrobischen Geißeln der Menschheit – von den Tuberkulosebakterien bis zu den Malariaparasiten – in den 5oer und 6oer Jahren weitgehend unter Kontrolle zu sein. Seit den Verlautbarungen der WHO hatte man sich daran gewöhnt, unter den „Volkskrankheiten“ nicht mehr die epidemischen, vor allem meldepflichtigen, gemeingefährlichen Krankheiten zu verstehen, sondern Zivilisationskrankheiten, wie Herz- und Kreislaufleiden, Krebs, Rheuma und chronische Schmerzen. Zumindest in Europa und Nordamerika begann man, sich recht sorglos zu verhalten.

Tuberkulose und Diphtherie

Durch die Umbrüche in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion haben sich neuerdings schon fast vergessene Erreger rapide wieder ausbreiten können. Mit dem Zerfall des kommunistischen Systems ist ja auch die einst staatlich finanzierte und organisierte Gesundheitsfürsorge zusammengebrochen. So meldete ein Forschungsinstitut in Georgien alsbald Tausende von Tuberkulosekranken; Diphtherieerkrankungen nahmen ebenfalls sprunghaft zu. Seuchenexperten sehen in solchen Verhältnissen eine ernste Gefahr für Europa und andere Kontinente. Sowohl Diphtherie als auch vor allem Tuberkulose sind seither bei uns eingeschleppt worden. Jährlich erkranken einige tausend Bundesbürger neu; man rechnet hierzulande mit einer Inzidenz von 15 auf 100 000 Einwohner. Die WHO erschreckte die Weltöffentlichkeit mit der Nachricht, daß allein in einem Jahrzehnt 3o Millionen Menschen an Tuberkulose sterben. Sie sei weltweit unter den tödlichen Infektionskrankheiten bei Jugendlichen und Erwachsenen die Nummer 1. Am meisten betroffen sind freilich nach wie vor die Länder der Dritten Welt. Der Erreger wird durch die Atemluft, durch Tröpfcheninfektion, übertragen. Bis die Krankheit ausbricht, vergehen manchmal Jahre. In den Industrienationen war sie fast in Vergessenheit geraten. Die gute Ernährungslage, die verbesserten Hygienemaßnahmen und vor allem die durchschlagende Antibioticabehandlung konnten die Erreger abwehren. Diesen günstigen Faktoren treten in neuerer Zeit ungünstige gegenüber: Die vermehrte Zuwanderung von Menschen aus Gebieten, in denen Tuberkulose noch nicht so gut unter Kontrolle ist, die Zunahme von immungeschwächten Personen (z.B. AIDS-Kranke) und die Entwicklung von Antibioticaresistenzen bei den Erregern. Der gebräuchliche Impfstoff BCG, der nach den Entdeckern Bacille Calmette Guerin genannt wurde, greift leider auch nicht mehr selbstverständlich und überall. Seuchen wie die Tuberkulose haben nach wie vor in erster Linie dort eine Chance, wo Armut herrscht und die Menschen eng zusammenleben. Städtische Slums bieten insofern reichlich Voraussetzungen für den Ausbruch von Infektionskrankheiten. Versagt auch noch die staatliche Gesundheitsfürsorge, so trifft es zunächst die Ärmsten der Armen, nämlich Menschen, deren Abwehrkräfte nicht nur durch Hunger, sondern dazu noch durch andere Krankheiten bereits geschwächt sind. 

Pocken seien allerdings ausgestorben

Die Medizin der Infektionskrankheiten hat allerdings – zumal im vergangenen Jahrhundert – auch viele und wesentliche Erfolge zu verbuchen, denen Millionen von Menschen ihr Leben verdanken. Einer dürfte endgültig sein, nämlich der Sieg über die Pocken. Am 8. Mai 1980 konnte die WHO erklären, die Erde sei frei von endemischen Pocken; für eine künftige Rückkehr gebe es keinerlei Hinweise. Sie äußerte damit eine Gewißheit, die allerdings nicht von sämtlichen Virologen vorbehaltlos geteilt wird: Irgendwo, so fürchten sie, könnte doch vielleicht noch ein Stamm überleben … Der hoffentlich andauernde Sieg über die Pocken war durch konsequente weltweite Impfaktionen möglich. Allgemein unterscheiden die Seuchenexperten zwischen Verhältnissen in den Industrieländern und denen in Entwicklungsländern. Hygiene, vorbeugende Impfungen, kontrollierte Behandlungsstrategien und vor allem deren Organisation lassen in den ärmeren Ländern zu wünschen übrig. Es fehlt an Geld, Einrichtungen und Ärzten. Wo z. B. nicht einmal das Trinkwasser saubergehalten wird, können Typhus, Gelbsucht und Cholera immer wieder ausbrechen und Tausenden von Menschen das Leben kosten – wie vor einigen Jahren in Südamerika. Solche Epidemien in fernen Ländern machen freilich auch hierzulande reichlich Schlagzeilen. Alsbald erhebt sich dann nämlich die Frage, ob so etwas auch bei uns wieder einmal passieren kann. Die Antwort darauf lautet nicht mehr eindeutig: nein!

Ebola und Aids: die Seuchen aus dem Urwald

Noch mehr Aufsehen als Typhus und Cholera erregen neuerdings ganz und gar ungewöhnliche Krankheiten, gegen die kein Kraut gewachsen zu sein scheint. Für Schreckensmeldungen sorgte in dieser Hinsicht während der letzten Jahre vor allem das Ebola-Virus in Zentralafrika. Es demonstriert vielleicht besonders gut, wie lange Zeit unbekannte Erreger plötzlich gleichsam aus dem Nichts auftauchen und den Menschen bedrohen. Manche Wissenschaftler vermuteten schon bei dem ersten Ebola-Ausbruch in den 7oer Jahren, daß dieses Virus ursprünglich in den tropischen Regenwäldern zuhause gewesen sein muß, und dort hauptsächlich in den Baumwipfeln. Tiere, die in diesem Ökosystem leben, seien durch Mückenstiche infiziert. Menschen erkrankten erst daran, wenn sie in diesen Lebensraum vorgedrungen seien. Oder aber, wenn sie mit Affen experimentierten. Man kennt die Zusammenhänge bei Ebola allerdings bis heute nicht so genau. Zu diesen neu auftauchenden Seuchen tragen jedenfalls Erreger bei, die an sich wohl gar nicht so neu sind, sondern womöglich schon Jahrmillionen im Urwald leben. Das muß man auch von den HIV-Stämmen annehmen. Seit kurzem weiß man, daß solche Viren durch Schimpansen aus den zentralafrikanischen Wäldern auf irgendwelchen Wegen in die menschliche Bevölkerung gelangt sind , sich dort breitmachten und für den menschlichen Organismus katastrophale Eigenschaften entwickelten. Ebola gehört nun zu den hämorrhagischen Viren, d. h. Viren, die Blutungen hervorrufen, Fieberanfälle auslösen und Nierenversagen. Von dieser Gruppe entdeckt man ständig neue Vertreter. Der erste Kandidat dürfte das Marburg-Virus gewesen sein, das 1967 in den Labors der Behringwerke identifiziert wurde, nachdem es mehrere Personen, die dort an einem Impfstoff arbeiteten, befallen hatte. Vermutlich war es durch Affen eingeschleppt worden. 

Die virale Horrorfamilie und ihre Mitglieder

Die amerikanische Seuchenkontrollbehörde (Centers of Disease Control and Prevention,CDC) stieß im Lauf der letzten Jahrzehnte auf Hantaviren, auf die Erreger von Dengue-, Lassa- und Gelbfieber – sämtlich Mitglieder der viralen Horrorfamilie, die bei einer Vielzahl von Menschen tödliche Infektionen verursachen. Sie benutzen teilweise Zwischenwirte in der Tierwelt, sehr oft Nagetiere, denen die tödliche Fracht selbst aber nichts ausmacht. Sie erkranken nicht. Mäuse, Ratten, Fledermäuse scheiden die Viren dann mit Kot und Urin aus, verbreiten sie in Böden, auch in alten Gebäuden. Den Menschen werden die Erreger dann zum Verhängnis, wenn sie die unsichtbar verseuchten Böden bearbeiten, wenn sie alte Häuser und Scheunen ausfegen oder renovieren, Wälder roden und Land urbar machen. Sie wirbeln sie bei der Arbeit mit dem Staub auf, atmen sie ein und zahlen diese Begegnung eben oft genug mit dem Leben. Die Hälfte der an hämorrhagischen Viren erkrankten Personen stirbt. Menschen infizierten sich bisher erfahrungsgemäß besonders oft in Gegenden, wo neue Siedlungen, Straßen und Felder angelegt wurden – überall dort, also, wo sie in bisher unberührte Ökosysteme vordrangen. Schwerwiegende Folgen haben auch noch ganz andere Eingriffe des Menschen in die Natur, nämlich die Flutung von Stauseen, die Erweiterung bewässerter Flächen. Verfügbares Wasser zieht nicht nur die Menschen an, sondern auch Stechfliegen, die als Überträger von manchen Mikroben fungieren.

BSE: Folge “perfiden Kannibalismus in der Fleischproduktion“

Hautnah und voller Ekel erlebten auch Europäer Mitte der 80er Jahre eine neue Seuche: Den Rinderwahnsinn, die Bovine Spongiforme Encephalopathie (BSE).Das ist eine tödliche Erkrankung des Gehirns, ausgelöst wahrscheinlich durch infektiöse Proteine, sog. Prionen. Nach den Haustieren, so der naheliegende Verdacht, erkrankt auch der Mensch daran, wenn er infiziertes Tierfleisch ißt. Die Verbreitung dieser Seuche war nur möglich, weil natürliche Barrieren durch menschliche Eingriffe überwunden worden sind. Als Ansteckungsquelle entdeckte man nämlich Fleisch- und Knochenmehl aus Schafskadavern, das dem Kraftfutter von Rindern beigemengt worden war. Bei der Aufbereitung waren Erreger dieser Hirnkrankheit in das Futter gelangt. Die ganze Katastrophe begann , so erklärte Hans Jochen Diesfeld vom Heidelberger Hygiene-Institut, „mit dem perfiden Kannibalismus in der Fleischproduktion. Warum müssen denn Kühe anderes essen als Gras oder Getreide? Warum müssen sie Kadaver zu fressen kriegen? Warum müssen sie tierisches Protein bekommen? Das ist die Perfidie der Raffgier, der Märkte, der Agrarmärkte, der Landwirtschaftslobbies; das ist das, was uns die Probleme bringt.“ (S. 2 FORUM, 5. 4. 97).

Die Malaria konnte sich behaupten, und wird ständig aus den Tropen neu eingeschleppt

Unter den eher altbekannten Seuchenerregern lehren uns heute gerade diejenigen das Fürchten, die es im Laufe der Jahrzehnte verstanden haben, sich gegen alle Bekämpfungsmaßnahmen zu behaupten. Dazu gehört neben der Tuberkulose die Malaria, die man auch schon besiegt zu haben glaubte , und die uns reiselustigen Deutschen zur echten Gefahr geworden ist. Erreger, die es geschafft haben, den Beschuß mit den verschiedensten Pharmazeutica zu überdauern, vererben ihre Robustheit an die Nachkommen, während die Schwachen durch die Medikamente ausgerottet werden. Die Zahl der Robusten, d. h. der Therapieresistenten, steigt und steigt. Augenblicklich verhält es sich so, daß man ständig nach neuen Malariamitteln greifen muß, ständig neue entwickeln muß, weil sie alle über kurz oder lang immer wieder von den Malariaparasiten abgewehrt werden. Es bilden sich laufend neue Resistenzen. Das erste wirksame Malariamittel, das Choloroquin, konnte sich immerhin gut 4o Jahre lang behaupten. Die nachfolgenden Präparate hatten schon weniger Durchschlagskraft. Verantwortlich dafür sind nicht nur die raffinierten Tarnungsmanöver und Abwehrstrategien der Erreger, sondern auch die mangelhaften Bekämpfungsmaßnahmen durch den Menschen. Mit einer systematischen Prophylaxe auf breiter Basis kann man viel erreichen. Werden die Mittel aber immer wieder unterdosiert, dann haben die Erreger es leichter, Resistenzen auszubilden. Damit ist das Ziel dann verfehlt. Dasselbe gilt für eine schlechte Therapie mit Malariamedikamenten. In vielen Ländern Asiens werden alle Medikamente zu lax gehandhabt. Man findet sie beispielsweise in Drugstores, und keiner sagt dem Käufer genau, wie er damit umzugehen hat. Für die gegenwärtige Verbreitung sind aber noch andere Faktoren verantwortlich: wiederum ökologische Veränderungen, mehr Feuchtgebiete, Klimaerwärmung, Verschiebung von großen Bevölkerungsmassen von einem Gebiet ins andere. Malaria wird durch die Anophelesmücke übertragen. Bekämpfungsmaßnahmen bestanden darum in früherer Zeit oft darin, den Mücken den Garaus zu machen: einmal mit Insektiziden, dann aber auch durch Trockenlegung von Sümpfen. Viele Gegenden in Europa, z.B. in Ostfriesland und entlang des Rheins, waren noch bis zum Ersten Weltkrieg malariaverseucht, was dann mit der Trockenlegung endete. Die Mückenart, die dem Erreger als Vehikel dient, lebt bei uns noch. Es bedarf nur ausreichender Reimporte von solchen Erregern aus den Tropen, um auch bei uns die Seuche erneut ausbrechen zu lassen, meint die Wuppertaler Virologin Helga Rübsamen-Waigmann (S 2 FORUM, s. o.). Zur Zeit bringen jährlich an die Tausend Deutsche nach einer Reise in die Tropen eine Malariainfektion mit nachhause. Man schätzt, daß weltweit jedes Jahr 1,5 bis 2, 7 Millionen Menschen an dieser Seuche sterben.

Fast schon exotisch für uns: die Pest

Während uns die Malaria allein wegen unserer Reisefreudigkeit ständig präsent bleibt, mutet uns eine andere klassische Seuche inzwischen geradezu fremdartig an, obgleich sie auch in unserer Geschichte eine gewaltige Rolle gespielt hat: die Pest. Vor sechs Jahren brach sie in Indien aus, tötete aber erfreulicherweise nur wenige Opfer. In Europa hat sie vor 65o Jahren 2o Millionen Menschen dahingerafft. Das war ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung. Als Vergleich dazu: Im Zweiten Weltkrieg betrugen die Bevölkerungsverluste durch Krieg und Massenvernichtung in Westeuropa ein Zwanzigstel der Gesamtbevölkerung. Die Erreger der Pest leben zunächst einmal im Organismus verschiedener Nagetiere. Hierzulande waren es in erster Linie Ratten, die den Bakterien als Wirtstiere dienten. Flöhe, die von der Ratte auf den Menschen übergehen, schleppen den potentiell tödlichen Erreger mit. Wenn ihr Wirtstier selbst erkrankt und dahinsiecht, verlassen die Blutsauger den sterbenden Organismus und suchen sich unter den Menschen ihre Opfer. Für den jüngsten Pestausbruch in Indien macht man Massenwanderbewegungen infizierter Nager in die Städte verantwortlich, die vielleicht durch ein Erdbeben in dieser Gegend ausgelöst wurden. Theoretisch kann die Pest überall ausbrechen, wo immer Nagetiere zuhauf leben, denn sie bilden die natürlichen Bakterienreservoire. Beispielsweise in den Vereinigten Staaten sind Erdhörnchen solche Pestwirte, weshalb auch dort immer wieder vereinzelt Pestfälle gemeldet werden. Durch Antibiotica läßt sich das Pestbakterium allerdings heute hervorragend beherrschen, weshalb es bisher nie mehr zu einer Epidemie gekommen ist. Daß Flöhe Unheil bringen, wußte man übrigens wohl schon vor Jahrhunderten bzw. man ahnte es, denn auf etlichen Bildern aus dieser Zeit gehen die Menschen auf Stelzen, also in sicherem Abstand vom Boden, wo ihnen die Tierchen auflauerten. Schriftsteller, wie Daniel Defoe und Albert Camus, haben nicht nur detailliert über Ausbruch und Verlauf der verschiedenen Pestseuchen in Europa und Nordafrika geschrieben, sondern auch über die moralischen Krisen in den Familien, unter Ehepartnern, unter Heilern und Kranken, die alle überlieferten Werte erschütterten. Denn vielfach flohen die Gesunden vor den Kranken: Eltern verließen ihre Kinder, und Ehepartner vergaßen das Gebot der Nächstenliebe aus Furcht, sich anzustecken. Die Pest hat vielerorts zum gesellschaftlichen Zusammenbruch geführt. Verantwortlich dafür war nicht zuletzt das Erklärungsmodell für diese tödliche Krankheit. Wer am Schwarzen Tod starb, so die damalige Vorstellung, hatte sich etwas zuschulden kommen lassen; er hatte sich eine Strafe Gottes zugezogen. Die Krankheit wurde also einmal als verdient empfunden und zum anderen mit Vorliebe dort angesiedelt, wo man Außenseiter und regelrechte Feinde erkannte, nämlich in den Randgruppen der Gesellschaft. Parallelen zur Gegenwart – im Umgang mit AIDS-Kranken – lassen sich erkennen, obgleich der Erreger keineswegs so leicht übertragen wird wie bei der Pest. Soziale Isolation, Schuldzuweisungen wegen eines moralischen Fehlverhaltens, wegen einer zügellosen Lebensweise, Rückzug selbst von Familienagehörigen erleben auch AIDS-Patienten. Es scheint so, als ob gegen alle Aufklärung und alle christliche Erziehung im Untergrund Ängste fortdauern, die sich von denen im Mittelalter nicht unterscheiden .

Die Zecken als gefährliche Krankheitsüberträger

Viele Infektionskrankheiten, das hat das Beispiel Pest noch einmal gezeigt, werden von Insekten übertragen. Von Mücken zumeist, Flöhen und auch Zecken. So kennt man etwa 8oo Zeckenarten auf der Welt, und viele von ihnen sind Vektoren, Überträger von Viren und Bakterien. In Europa sind es in erster Linie zwei mitunter recht komplizierte Krankheiten, nämlich die rheumaähnliche Lyme-Borreliose (benannt nach dem nordamerikanischen Ort Lyme) und die Frühsommer-Meningoencephalitis (FSME). Als potentielle Überträger gelten in unserer Gegend Schildzecken, hauptsächlich der Gemeine Holzbock, und die etwas seltenere Schafzecke. In Nordamerika, wo sich zumal die Borreliose merklich ausbreitet und erstmals als eigenständiges rheumaähnliches Krankheitsbild erkannt wurde, ist als Hauptverantwortliche eine Hirschzecke identifiziert worden. Die Lyme-Borreliose hat ein recht schillerndes Erscheinungsbild und wurde darum lange Zeit verkannt, während man heute wahrscheinlich viel zu oft von ihr spricht und viel zu viele Menschen mit irgendwelchen Gelenkbeschwerden vermuten, an dieser neuen Seuche zu leiden. Sie wird inzwischen immerhin derart oft diagnostiziert, daß eine Schutzimpfung zumindest in bestimmten Bevölkerungskreisen sinnvoll wäre. Doch es ist bzw. war gar nicht so leicht, einen entsprechenden Impfstoff einzusetzen. In Deutschland arbeiteten jahrelang mehrere Wissenschaftler daran. Gemeinsam haben sie einen Stoff entwickelt, der sich bereits in zeckenverseuchten Gebieten in den USA bewährt hat. Die amerikanischen Centers of Disease Control and Prevention haben übrigens eine eigene Erklärung für das Auftreten der Lyme-Seuche. Danach ist sie wohl doch eine ziemlich neue Erscheinung, die sich aus ganz bestimmten Umweltveränderungen ableiten läßt: Auch in den Staaten sind Menschen mit ihren Siedlungen und Freizeitaktivitäten während der letzten Jahrzehnte mehr und mehr in Waldgebiete vorgedrungen, die zecken- und zugleich borrelienverseucht sind. Auch dort sind sich Mensch und Tierwelt in einer vorher nie dagewesenen Weise nahegekommen, sodaß eine massenhafte Ausbreitung der Bakterien, der Borrelien, möglich wurde. Bei uns vermutet man eher, daß sich Menschen seit jeher infiziert haben, doch keine Ahnung hatten, daß ihre Krankheitsbeschwerden auf einen Zeckenbiß zurückgingen. Leider muß man in Europa noch etwas warten, bis es auch hier entsprechende Impfstoffe gibt. Das hat besondere Gründe: Die Borrelientypen sind bei uns variantenreicher als in Amerika, erfordern also einen komplexeren Impfstoff. Dessen Herstellung verzögert sich nicht zuletzt deshalb, weil interessierte Pharmaunternehmen erst noch genaue Daten über die Häufigkeit der Krankheit und mithin über Absatzmärkte gewinnen wollen. Grundsätzlich weniger kompliziert ist die Vorbeugung der anderen von Zecken übertragenen Krankheit, der Hirn- und Hirnhautentzündung, der sog. FSME, die allerdings viel seltener vorkommt als die Borreliose. Es gibt nämlich seit längerem einen gut wirksamen Impfstoff dagegen. Der Erreger ist kein Bakterium, sondern ein Virus und scheint hauptsächlich in Süddeutschland, im Elsaß, in Osteuropa und Finnland verbreitet zu sein.

Verwandlungskünstler Grippeviren

Nicht nur neuentdeckte Seuchenerreger stellen die Medizin vor oft jahrelange, schwierige Forschungsaufgaben, sondern ebenso ältere, wie die Influenzaviren. Sie sind altbekannte Begleiter kalter Jahreszeiten, wobei man erstaunlicherweise bis heute nicht weiß, warum sie uns gerade bei kühlen Außentemperaturen so zu schaffen machen. Ganze Forscherteams haben sich die Mühe gemacht, den katastrophalen Erreger der Influenzapandemie von 1918 zu rekonstruieren. Geduldig hat man einzelne Bruchstücke mehrerer Virusgene aus dem Gewebe damals verstorbener Menschen isoliert, um sich ein Bild von dem Erreger zu machen, der damals mehr Opfer forderte als der Weltkrieg. Es handelte sich um ein Virus, das bestimmten, heute in Schweinen vorkommenden Viren zum Verwechseln ähnlich sieht. Das heißt: Grippeviren nisten sich grundsätzlich auch und gerade bei Haustieren ein, vor allem bei Vögeln. Im Organismus der Tiere bilden sich ständig neue Virustypen. Sie wechseln den Wirt, verbinden sich immer wieder auch mit menschlichen Grippeviren, tauschen untereinander Gene aus, kreieren neue Varianten, die – wenn sie erfolgreich sind – um den ganzen Globus wandern. Zumal in Asien, wo Menschen und Tiere oft sehr eng beieinander leben, scheinen sich Gene unterschiedlicher Virenstämme von Mensch und Tier laufend auszutauschen. Die Erreger der Honkong-Grippe 1968 und der Asiatischen Grippe 1957 gingen wahrscheinlich aus solchen Verschmelzungsprozessen hervor.

Ein weltweites Beobachtungssystem

Diese Möglichkeiten machen Grippeviren zu Verwandlungskünstlern, die einer ständigen Beobachtung bedürfen, will man sie einigermaßen in Schach halten. Inzwischen sind immerhin die Hauptkandidaten bekannt, die nach dem großen Seuchenzug vor über 8o Jahren immer wieder weltweite Epidemien auslösten. Man unterscheidet heute drei Typen mit einer Vielzahl von Untertypen, die sich immer wieder neue Eigenschaften zulegen. Die WHO beobachtet die Lage bzw. die jeweils virulenten Stämme in allen Ländern der Erde und bestimmt von Jahr zu Jahr aufs Neue, welche Virustypen gerade unterwegs sind und bei der Anfertigung eines Impfstoffs berücksichtigt werden sollen. In der Bundesrepublik sind das Niedersächsische Landesgesundheitsamt, die Arbeitsgruppe „Influenza“ an der Universität Marburg und das Berliner Robert-Koch-Institut „Referenzzentren“ der WHO. Alle zehn Jahre scheint es zu größeren Influenzazügen zu kommen. Seit der letzten Epidemie, der sog. Russischen Grippe von 1977, sind bereits über 2o Jahre vergangen; rein statistisch müßte also bald wieder eine schwere Grippewelle anrollen. Mittlerweile hat man Grippemittel entwickelt, die die Bedrohung ein wenig abwenden könnten. Es handelt sich um Stoffe, die sich auf bestimmte Angriffspunkte an der Oberfläche der Viren stürzen und so ihre Vermehrung hemmen.

Multiresistente Erreger findet man gerade in Krankenhäusern

Nicht nur der Austausch von Genen macht manche Mikroorganismen zu schillernden Verwandlungskünstlern und raffinierten Feinden, sondern auch die spontane Veränderung ihrer Erbmerkmale, die Mutation. Etliche Krankheitserreger vermehren sich in Windeseile, etwa alle halbe Stunde. Bei ihrer Fortpflanzung entstehen immer wieder Mutanten, von denen einige besonders gefährlich werden können, insofern sie das menschliche Immunsystem unterlaufen oder überfordern und gegen Medikamente Resistenzen entwickeln. Selbst an den Orten, an denen sich der Mensch besonders sicher fühlen sollte, bedrohen ihn heutzutage hochpotente Krankheitserreger, und zwar solche, die sich unter dem Dauerbeschuß von Medikamenten und anderen Chemikalien sozusagen ein „dickes Fell“ zugelegt haben. Multiresistente Mikroben findet man gerade in Krankenhäusern! In Deutschland fallen schätzungsweise jährlich einige tausend Patienten Bakterien- und Pilzinfektionen zum Opfer, die sie sich bei einem Krankenhausaufenthalt zugezogen haben.

Mikroskopische Killerarmeen als Waffe?

„Hot Zone -Tödliche Viren aus dem Regenwald“ war der Titel eines Katastrophenbestsellers, in dem der Autor, der Wissenschaftsjournalist Richard Preston, die neue Virulenz der Seuchen als Immunreaktion der Erde gegen die „menschlichen Parasiten“ darstellt. Die zahlreichen Krankheitserreger erscheinen hier als gewitzte Gegner, die sich der destruktiven Spezies Mensch bemächtigen könnten. Der Nobelpreisträger und Virologe Joshua Lederberg meinte seinerseits, nur Viren hätten sich in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen auf dieser Erde so erfolgreich behauptet wie der Mensch, und nur sie könnten unserer Spezies die Beherrschung der Natur streitig machen. Am Menschen läge es nun, zu verhindern, daß Viren zu erfolgreich werden. Am Menschen liegt es auch, daß sich die Büchse der Pandora, die er in der Hand hält, nie öffnet: daß er keine mikroskopischen Killerarmeen als „biologische“ Waffen in kriegerischen Auseinandersetzungen und bei Terrorakten einsetzt
 


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