| „Small is beautiful“ ist die Devise der modernen Elektronik
Die Steigerung von „klein“: Mini, Mikro, Nano
Mikro-Systemtechnik als Schlüsseltechnologie für das 21. Jahrhundert
Von Markus Bohn
Mit der Erfindung des Transistors 1947 nahm die Revolution der Elektronik
ihren Lauf. Der Trend geht hin zu immer kleineren, gleichzeitig aber auch
immer leistungsfähigeren Steuerungssystemen. Dazu mussten zugleich
neue Technologien in der Chip-Herstellung, beispielsweise, aber auch stärkere
Mikroskope entwickelt werden, um den „Durchblick“ zu behalten. Vorbild
ist die Natur, wo sich alles im kleinsten Maßstab abspielt, etwa
in der Zelle. Die Anwendungsmöglichkeiten dieser Mikro-Systemtechnik
sind unendlich breit, von der Technik im Haushalt bis hin zur Medizin.
Red.
Der erste Transistor
Auf einem groben Klotz steht – mit der Spitze nach unten – ein grober
Keil, gehalten von einem Draht, der an eine verbogene Büroklammer
erinnert. Reichlich plump wirkt dieses Gebilde. Eine moderne Kleinplastik
? Keineswegs.
Tatsächlich handelt es sich um eine Versuchsanordnung, die kurz
vor Weihnachten 1947 den Spitzenmanagern der amerikanischen Bell Telephone
Laboratories vorgeführt wurde. Dass dieses merkwürdige Objekt
eine technische Sensation verhieß, war allen Beteiligten sofort klar.
Dass es die Welt radikal verändern würde, vielleicht mehr noch
als einst die Erfindung der Dampfmaschine, das konnte man damals allerdings
noch nicht voraussehen.
Der 16. Dezember 1947 gilt heute offiziell als der Geburtstag des Transistors.
Da zeigte sich im Labor zum erstenmal der gewünschte Effekt. Bei der
Demonstration vor den Bell-Managern, eine Woche später, erfüllte
dieses klobige Ding bereits fast alle Funktionen der voluminösen und
stromfressenden Verstärkerröhren mit Glühkathode, die noch
bis in die 60er Jahre in den heimischen Musiktruhen und Fernsehgeräten
nicht nur zu finden, sondern auch immer wieder zu ersetzen waren.
Die Idee, kalte Kristalle statt heißer Röhren als Strom-
und Spannungsverstärker zu verwenden, war schon etliche Jahre früher
geboren worden, jedoch immer wieder gescheitert am Schmutz. Ein ganz kleines
bisschen Schmutz ist ja durchaus erwünscht bei Kristallen und
verleiht manch blasser Erscheinung erst ihren Reiz. Spuren von Eisen und
Titan z. B. machen aus bleicher Tonerde den strahlend blauen Saphir, Chromoxide
hingegen veredeln dasselbe Mineral zum leuchtend roten Rubin. Zuviel Dreck
indes raubt dem Kristall die Schönheit. Und ganz ähnlich verhält
es sich auch mit den elektrischen Eigenschaften. Halbleiterbauelemente,
wie sie heute in jedem elektronischen Gerät stecken, bestehen aus
extrem reinen Kristallen, denen ganz gezielt winzige Spuren fremder Substanzen
zugemischt sind. Oft nur im Verhältnis 1 zu 1 000 000. Die Fremdatome
verursachen gewollte Störungen im ansonsten perfekten Kristallgitter
und verleihen dem Material erst das gewünschte, maßgeschneiderte
elektrische Verhalten. Intelligent kombiniert zu Halbleiter-Sandwiches
erhält man so schließlich alle möglichen elektronischen
Grundbausteine.
Das erste funktionierende Modell eines Transistors blieb zunächst
sechs Monate unter Verschluss. So lange dauerte es, bis die Patente abgesichert
waren. Dann freilich nahm die Revolution der Elektronik ihren Lauf. Und
keine zehn Jahre später (1956) erhielten drei Mitstreiter der Transistorgruppe
in den Bell Telephone Laboratories den Physik-Nobelpreis. Zwei von ihnen,
John Bardeen und Walter Brattain, als die eigentlichen Väter des ersten
Punkt-Transistors, und der zunächst etwas frustrierte und kaum beteiligte
Leiter der Arbeitsgruppe, William Shockley, für seine nachgeschobene
Theorie dazu und für die Erfindung des Flächentransistors.
In zwei Varianten eroberte der Transistor zunächst den Markt:
Als dreibeiniger, erbsenkleiner Winzling im schwarzen Kunststoffgewand
wird er auf Leiterplatten gelötet und dient dort als universelles
Steuerelement. Und im münzgroßen, hutförmigen Metallgehäuse
findet man ihn – auf Kühlrippen geschraubt – als Leistungsverstärker.
Bis in die 60er Jahre war „Transistor“ nicht nur der Fachbegriff für
ein elektronisches Bauteil, sondern zugleich auch Synonym fürs Taschen-
oder Kofferradio.
Doch die Unterhaltungselektronik ist nur eine Domäne dieser High-Tech-Kristalle.
Und noch nicht einmal die wichtigste.
Erst der Transistor macht die Elektronengehirne zu verlässlichen
Datenknechten
Der erste programmgesteuerte elektronische Rechner ENIAC stammt aus
dem Jahr 1946. Er ist also ein Jahr älter als der erste Transistor
und war noch mit etwa 18 000 Röhren bestückt. Rein statistisch
muss dieses Technikmonster etwa alle halbe Stunde versagt haben, weil eine
der Röhren durchgebrannt war. Erst durch den Transistor wurden die
Elektronengehirne zu einigermaßen verlässlichen Rechenknechten.
Hochleistungsmaschinen, wie die Personal-Computer, die wir heute kennen,
wären freilich auch damit nicht zu realisieren. Denn allein das Herzstück
dieser PC, der Prozessor, enthält auf einer Fläche von nur wenigen
Quadratzentimetern mehrere Millionen Transistoren. Aus einzelnen dreibeinigen
Transistormännchen aufgebaut, würde man schon dafür
eine Fläche von gut 100 Quadratmetern benötigen. Zu groß
für den Schreibtisch, und unbezahlbar obendrein.
Small is beautiful lautet die Devise in der modernen Elektronik. Den
ersten Durchbruch brachten die Integrierten Schaltkreise, die IC’s, Anfang
der 60er Jahre. Diese Daumennagel kleinen, käferförmigen Bauelemente
vereinigten in ihren Kunststoffgehäusen noch vergleichsweise simple
Schaltungen. Vom Mini-Verstärker bis zum kompletten Radio. Doch die
Chiphersteller packten immer mehr Transistoren zusammen und so wurde aus
der Mini-Elektronik die Mikro-Elektronik:
Um 1970 passten etwa 1000 Transistoren auf einen Chip, 1980 bereits
100 000 und heute sind Chips mit mehr als 100 000 000 (Einhundert Millionen!)
Transistoren auf dem Markt. Ein Ende dieser Entwicklung ist noch nicht
absehbar.
Eine der Voraussetzungen für diese atemraubende Miniaturisierung
war die sogenannte CMOS-Technologie (Complementary Metal Oxide Semiconductor):
Durch spezielle Materialien (Metalloxide) und eine trickreiche Anordnung
brauchten die einzelnen Transistoren immer weniger Strom. Und – das ist
das Entscheidende: Demzufolge entwickelten sie auch immer weniger
Wärme, die durch Kühlung abgeführt werden muss.
Fortschritte in der Chip-Produktionstechnik
Eine andere Voraussetzung waren Fortschritte in der Chip-Produktionstechnik.
Die winzigen Leiterbahnen und Funktionseinheiten werden in den Siliziumträgern
fototechnisch bzw. lithografisch erzeugt: So wie man ein Negativ auf Fotopapier
belichtet, überträgt man ein Abbild der gewünschten Schaltkreise
zunächst von einer Maske auf die Siliziumscheibe (Wafer), die mit
einer lichtempfindlichen Lackschicht überzogen ist. Mit verschiedenen
Ätztechniken erhält man dann die realen Strukturen im Silizium.
Schicht für Schicht entstehen so die Chips. Wie klein die Strukturen
sein können, hängt bei der Lithografie vor allem von dem „Medium“
ab, mit dem man „belichtet“. Je kleiner die Wellenlänge, desto feiner.
Sichtbares Licht ist längst zu „grob“.
Röntgen- und Elektronenstrahlen sind das „Licht“ im Mikrokosmos.
Sie erfordern aber einen enormen technischen Aufwand. Es ist wie in der
Mikroskopie. Je winziger die Objekte, desto größer sind die
Apparate. Ein Lichtmikroskop, das maximal 2000-fach vergrößern
kann, ist ungefähr so groß wie eine Kaffee-Maschine. Ein übliches
Elektronenmikroskop für mehr als 100 000-fache Vergrößerungen
hat schon die Ausmaße eines großen Schreibtisches.
Durchblick im Mikrokosmos mit Hilfe des Elektronenmikroskops …
Das Elektronenmikroskop wurde Ende der 20er Jahre von Ernst Ruska an
der Technischen Universität Berlin erfunden und seit Ende der 30er
Jahre – zuerst von Siemens – als kommerzielles Forschungsinstrument gebaut.
Es hat vor allem in Biologie und Medizin bahnbrechende Fortschritte ermöglicht,
ist aber bis heute auch ein wichtiges Hilfsmittel in vielen anderen Wissenschaften.
Mehr als 50 Jahre hat es jedoch gedauert, bis Ernst Ruska für diese
segensreiche Erfindung den verdienten Nobelpreis erhielt. Und er wäre
vermutlich überhaupt leer ausgegangen, hätten nicht zwei andere
Forscher zu Beginn der 80er Jahre ein ganz neuartiges Mikroskop entwickelt,
das noch wesentlich kleinere Objekte sichtbar machen kann, nämlich
einzelne Atome: das Raster-Tunnel-Mikroskop. Gerd Binnig und Heinrich Rohrer,
zwei Physiker am IBM-Forschungslabor in Rüschlikon (Schweiz), tüftelten
dieses Wunderwerk der Präzision aus. Und als man in der Königlich
Schwedischen Akademie der Wissenschaften die zweifellos richtige Entscheidung
traf, dafür einen Physik-Nobelpreis zu verleihen, besann man sich
auch der Verdienste von Ernst Ruska und teilte die Auszeichnung 1986 unter
den dreien auf.
Das Elektronenmikroskop von Ernst Ruska funktioniert im Prinzip wie
ein optisches Instrument. Anstelle von sichtbarem Licht verwendet man jedoch
– wie der Name sagt – Elektronenstrahlen. Da die Elektronen eine (negative)
elektrische Ladung tragen, lassen sie sich durch elektromagnetische Felder
beschleunigen und ablenken. Das macht man sich ja auch in Fernseh- und
Computerbildschirmen zunutze, wo Elektronenstrahlen zeilenweise die Bilder
erzeugen. Ganz analog kann man die Elektronenstrahlen auch so ablenken,
dass sie wie Licht in Glas gebrochen werden. Solche „elektromagnetische
Linsen“ hat Ernst Ruska in den 20er Jahren erstmals konstruiert.
… und des Raster-Tunnel-Mikroskops
Ganz anders hingegen arbeitet das Raster-Tunnel-Mikroskop. Hier führt
man eine unvorstellbar feine Sonde zeilenweise über die zu untersuchende
Oberfläche und tastet sie gewissermaßen ab. Die Spitze der Sonde,
die nur noch aus einem einzigen Atom besteht, darf die Oberfläche
jedoch nicht berühren. Mit einer raffinierten Steuerung sorgt man
dafür, dass der Abstand zwischen Spitze und Oberfläche stets
konstant bleibt. Die Auf- und Abbewegungen der Sonde werden registriert
und liefern pro Zeile ein Höhenprofil der Oberfläche. Und aus
vielen solcher Zeilen entsteht schließlich ein dreidimensionales
Abbild. Die Oberfläche wird also berührungslos „abgetastet“.
Das klingt simpel. Aber man muss sich die Präzision vor Augen führen,
die hier nötig ist: Der Abstand zwischen Sondenspitze und der zu untersuchenden
Oberfläche beträgt nur Millionstel Millimeter. Technisch ist
das nur möglich, weil sich die Natur in diesen winzigen Dimensionen
anders verhält als wir es im Alltag kennen. Hier gelten die Gesetze
der Quantenphysik. Und die erlauben es beispielsweise, dass zwischen Sondenspitze
und Untersuchungsobjekt ein elektrischer Strom fließt, obwohl beide
keinen Kontakt haben. „Tunnel-Effekt“ nennen das die Physiker, weil die
elektrischen Ladungsträger eine eigentlich unüberwindliche Energiebarriere
gleichsam „durchtunneln“. Da die „Tunnel-Stromstärke“ direkt
gekoppelt ist an den Abstand zwischen Sondenspitze und Oberfläche,
hat man damit eine Messgröße, die es technisch ermöglicht,
diesen Abstand konstant zu halten. Und daher hat dieses Gerät auch
seinen Namen.
Das neue Zauberwort heißt Nanotechnologie
Das Raster-Tunnel-Mikroskop (RTM) steht am Anfang einer neuerlichen
Revolution, die eben erst beginnt. Nanotechnologie heißt das Zauberwort,
das derzeit die Phantasien auch von solchen Naturwissenschaftlern und Technikern
ins Kraut schießen lässt, die sonst eher nüchtern und sachlich
denken. Denn mit dem RTM und seinem Zwillingsbruder, dem Raster-Kraft-Mikroskop
rückt nun in den Bereich des Möglichen, was anno 1959 noch bloße
Science-Fiction war. Damals, genau am 29. Dezember 1959, hielt der berühmte
Physiker und Nobelpreisträger Richard P. Feynman am ebenso berühmten
California Institute of Technology einen Vortrag, den nicht wenige als
amüsante Spinnerei abtaten. „Warum sollte es nicht möglich sein,
den Inhalt der 24 Bände der Encyclopedia Brittannica auf den Kopf
einer Stecknadel zu schreiben?“, fragte Feynman rhetorisch und rechnete
vor, dass sich tatsächlich alle „Druckpunkte“ aller Seiten dieses
umfangreichen Lexikons als 25 000-fach verkleinertes „Faksimile“ auf dieser
winzigen Fläche unterbringen lassen. Wobei jeder „Druckpunkt“ noch
immer knapp 1000 Atome der Metalloberfläche bedecken würde. Inzwischen
kann man sogar einzelne Atome mit dem Raster-Kraft-Mikroskop „aufpicken“
und punktgenau auf einer Oberfläche platzieren.
Und mit dem RTM lässt sich das fertige Punkte-Bild auch betrachten.
Das Gedanken-Experiment Feynmans ist damit – jedenfalls im Prinzip
– schon um Größenordnungen übertroffen, auch wenn die Technik
natürlich noch weit davon entfernt ist, auf diese Weise Information
in großem Umfang zu speichern und zu lesen.
Feynmans Visionen gingen aber bereits 1959 weit darüber hinaus.
Würde man die Information nicht als (analoges) Faksimile speichern,
sondern digital kodiert, und außerdem nicht nur auf einer Fläche,
sondern in einem kleinen Würfel, dann müsste der höchstens
eine Kantenlänge von 0,1 Millimetern haben, um die gesamte Information
aufzunehmen, die in allen Büchern, Zeitschriften und sonstigen Dokumenten
der amerikanischen Library of Congress zusammen enthalten ist. Das gesamte
Wissen der Menschheit ließe sich also – wenn auch vorerst nur rein
theoretisch – in einem Staubkorn konservieren. Wobei pro Bit immer noch
großzügige 100 Atome zu Verfügung stehen würden. „There
is plenty of room at the bottom. Don’t tell me about microfilm!“, scherzte
Feynman.
In der Nanowelt ist in der Tat reichlich „Spielraum“, weil alles unvorstellbar
klein ist. Nanos, das griechische Wort für „Zwerg“, steht in der Physik
für „Milliardstel“. „Nano“ ist also 1000-mal kleiner als „Mikro“ (Millionstel)
und strapaziert unsere Vorstellungskraft gewaltig.
Die Natur macht es uns vor
Könnte man einen Millimeter aus Gummi auf die Länge von einem
Kilometer dehnen, dann wäre ein Nanometer gerade mal ein Millimeter
dieses Kilometers.
Kann man mit derart winzigen Strukturen in der „normalen“ Technik und
im Alltag überhaupt etwas Sinnvolles anfangen? Und ob! Die Natur macht
es uns ja vor.
Der Stoffwechsel, der in jeder lebenden Zelle abläuft, ist im
Grunde nichts anderes als „nasse“ Nanotechnologie, meint z. B. der Nobelpreisträger
Richard Smalley. Wer die kompliziert gebauten Proteine nur als „Chemikalien“
sieht, denkt zu kurz. Schaut man sich deren Funktionsweise in Modellen
genauer an, entpuppen sie sich als regelrechte „Miniaturmaschinen“. Zusammengebaut
werden diese Maschinen wiederum von anderen Nanomaschinen. Jede lebende
Zelle ist so betrachtet, eine gigantische Nanofabrik. Warum sollte es nicht
möglich sein, nach dem Vorbild der Natur auch eine „trockene“ Nanotechnologie
zu entwickeln ?
Ernst zu nehmende Wissenschaftler träumen z. B. schon von winzigen
Robotern, die Krebszellen erkennen und vernichten können. Aber noch
hat niemand eine realistische Vorstellung davon, wie man solche komplexen
Maschinen aus Tausenden von Atomen bauen könnte. Schon Richard Feynman
hat in seinem visionären Vortrag von 1959 solche Ideen präsentiert
und kam zu dem Schluss:
„Die Prinzipien der Physik sprechen, soweit ich sehe, nicht gegen die
Möglichkeit, Dinge Atom für Atom zu manövrieren. Das verletzt
keine Gesetze. Im Prinzip kann man das tun. Dass es praktisch noch nicht
gemacht wurde, liegt daran, dass wir zu groß sind.“
Wie gesagt: Nicht nur im Prinzip, sondern real lassen sich einzelne
Atome heute mit dem Raster-Kraft-Mikroskop manipulieren. Dieses Gerät
ist dem Raster-Tunnel-Mikroskop recht ähnlich. Der wesentliche Unterschied
besteht darin, dass die Sondenspitze die Oberfläche tatsächlich
berührt und einzelne Atome aufpicken und gezielt wieder absetzen kann,
gesteuert durch den elektrischen Strom, den man durch die Spitze fließen
lässt.
IBM-Forscher haben auf diese Weise schon vor Jahren die drei Buchstaben
„IBM“ mit insgesamt 35 Xenon-Atomen auf eine Nickeloberfläche „geschrieben“.
Aber bislang ist es nicht möglich, auf diese Weise komplizierte,
dreidimensionale Moleküle zu produzieren. Und niemand kann seriös
voraussagen, wie schnell sich dieses Gebiet entwickeln wird.
Drei Wege in die Nano-Welt
Praktisch stoßen Wissenschaftler und Techniker heute aus zwei
„Richtungen“ in die Nanowelt vor. Gleichsam „von oben“ durch weitere Verkleinerung
der Mikro-Elektronik zur Nano-Elektronik. Und „von unten“ durch chemische
Synthese großer Nano-Moleküle.
Ein dritter Weg in die Nanowelt wird schon seit vielen Jahrzehnten
beschritten, ohne dass man das bislang Nano-Technologie genannt hat. Denn
der Leitstern auf diesem Weg war vorwiegend praktische Erfahrung, nicht
theoretisch fundiertes Wissen. Gemeint ist die Veredelung von Oberflächen
durch chemisch-physikalische Methoden. Beispiele dafür sind das Härten
von
Metallen und die Herstellung von speziellen Hochleistungskeramiken. In
beiden Fällen beeinflusst man z. B. durch gezielte Wärmebehandlung
das Feingefüge der Werkstoffe, wobei winzige Kristallite entstehen
im Nanometer-Bereich. Auch die magnetischen Eigenschaften bestimmter Metalle
lassen sich auf diese Weise deutlich verbessern, was mit dazu beigetragen
hat, dass die Speicherdichte von Computer-Festplatten in den letzten Jahren
enorm zugenommen hat.
Technisch und wirtschaftlich ist dieser dritte Weg sehr bedeutsam.
Und je mehr auch hier theoretisches Wissen zur Richtschnur wird, desto
rascher wird man weitere Fortschritte erzielen. Die Entwicklung verläuft
hier jedoch eher evolutionär, denn revolutionär.
Was auf den beiden anderen Wegen geschieht, kann man kaum vorhersagen.
Echte Revolutionen sind hier aber durchaus denkbar.
Von der Mikro- zur Nano-Elektronik gelangt man durch immer bessere
Lithografiemethoden bei der Fertigung der Chips. Aber es gibt eine natürliche
Grenze bei der Miniaturisierung der „klassischen“ Elektronik, die man nicht
einfach überschreiten kann. Werden z. B. die elektrisch isolierenden
Schichten in den Chips zu dünn (ca. 10 Nanometer), dann verlieren
sie ihre Funktion, d. h. sie verlieren ihren elektrischen Widerstand. Es
tritt derselbe Effekt ein, der das Raster-Tunnel-Mikroskop erst ermöglicht
hat: der „Tunnel-Effekt“. Wir befinden uns plötzlich in Dimensionen,
wo die Gesetze der klassischen Physik nicht mehr gelten, sondern nur noch
die Gesetze der Quantenphysik. Das heißt aber keineswegs, dass die
Miniaturisierung hier Halt machen müsste. Im Gegenteil. Es eröffnen
sich ganz neue Möglichkeiten für eine „Quanten-Elektronik“. Nicht
mehr „Ströme“ von mehreren hunderttausend Elektronen müssen in
diesen Bauteilen fließen, um eine Schaltfunktion auszuüben.
Vielmehr wird das einzelne Elektron, also ein einzelnes Elementarteilchen,
zur Schaltgröße und Informationseinheit. Computer mit Rechengeschwindigkeiten
und Speicherkapazitäten, die alles heutige weit in den Schatten stellen,
werden damit möglich (Vgl. Beitrag Klaus Herbst).
Das Schlüssel-Schloß-Prinzip der Nano-Chemie
Ebenso vielversprechend ist der Weg von unten nach oben, der Aufbau
von
Nano-Maschinen durch chemische Synthese. Die Entwicklung steckt hier
zwar noch in den Kinderschuhen, aber das Kind macht bereits die ersten
Gehversuche.
„Nano-Chemie“ unterscheidet sich wesentlich von der „normalen“ Chemie.
Vor allem dadurch, dass Nano-Maschinen in der Regel nicht aus einem einzigen
Molekül bestehen, sondern aus mehreren verschiedenen Molekülen,
in die z. B. auch Salze (Ionen) oder einzelne Atome „eingebaut“ sein können.
„Supra-molekulare Chemie“ heißt dieses Forschungsgebiet, das seine
Vorbilder vor allem in der belebten Natur bzw. in der Biochemie sucht und
findet. In der supra-molekularen Chemie spielen nicht einzelne „funktionelle
Gruppen“ die Hauptrolle, also bestimmte Teile der Moleküle, die zu
typischen chemischen Reaktionen fähig sind. Mindestens ebenso wichtig
ist hier die Geometrie, also die räumliche Struktur der einzelnen
Moleküle. Kurz: Die verschiedenen Bausteine, die sich zu einer Nano-Maschine
zusammenfügen sollen, müssen auch in Größe und Form
exakt zueinander passen, wie ein Schlüssel zum Schloß. Dies
ist ja ein grundlegendes Konstruktionsprinzip der Natur, mit dem sich Biochemiker
tagein tagaus beschäftigen. Nach diesem Schlüssel-Schloß-Prinzip
unterscheidet z. B. unsere Immunabwehr zwischen körpereigenen und
fremden Zellen. Und nach diesem Prinzip erkennen die Geruchssensoren in
unserer Nase bestimmte Düfte.
Für die Konstrukteure künftiger Nano-Maschinen hat das ganze
vor allem folgenden Vorteil: Die einzelnen Bauteile einer Nano-Maschine
finden sich auch in einem Meer von anderen Teilen gewissermaßen von
selbst und fügen sich auch von selbst zusammen. Man braucht keine
„Nano-Roboter“, um Nano-Maschinen zusammen zu bauen. Das funktioniert „automatisch“
und mit größter Präzision (Selektivität) auch in einer
chemischen „Eintopf-Reaktion“. Die große Kunst der Chemiker besteht
darin, solche exakt passenden Schlüssel- und Schloßmoleküle
zu entwerfen. Das ist auch mit den heute verfügbaren Computerprogrammen,
wie sie beispielsweise beim Drug-Design eingesetzt werden, also beim Austüfteln
neuer Wirkstoffe für Medikamente, keineswegs eine leichte Aufgabe.
Aber das ist der künftige Trend. Und es ist nicht erstaunlich, dass
man mögliche Anwendungen für solche künstlichen Nano-Maschinen
vor allem auch in der Medizin erwartet.
Auch die berühmten Kohlenstoff-Fußbälle und ihre zahlreichen
chemischen Verwandten aus dem großen Clan der Fullerene sind Teil
der Nano-Technologie. Diese Moleküle, die aus reinem Kohlenstoff bestehen
und kugel- oder röhrenförmige Käfigstrukturen bilden können,
wurden Mitte der 80er Jahre entdeckt, und brachten 1996 drei Chemikern
den Nobelpreis ein. Eine große Zukunft wurde und wird den Fullerenen
vorhergesagt, weil man die Größe der Käfige – zumindest
theoretisch – fast beliebig maßschneidern kann. Lagert man darin
Metallatome oder irgendwelche Moleküle ein, lassen sich – so hofft
man jedenfalls – neue Halb-, Licht- und Supraleiter für die Elektronik
herstellen, neue Katalysatoren für die Chemie, neue Farb- und Kunststoffe.
Ferner könnten die Käfige als schützende „Verpackung“ dienen
für empfindliche Arzneimittel, die man damit sicher bis zu den Stellen
im Körper transportiert, wo sie wirken sollen. Die Liste denkbarer
Anwendungen ist sehr lang. Aber das meiste liegt noch in relativ weiter
Ferne. Und von der Euphorie, die noch vor zehn Jahren unter den Wissenschaftlern
herrschte, ist kaum noch etwas zu spüren. Langwierige Grundlagenforschung
steht auf dem Programm.
Von allem etwas: Mikro-Systemtechnik
Rasante Fortschritte verzeichnet derzeit hingegen ein Gebiet, das Mikro-Elektronik,
Mikro-Mechanik und Nano-Technologie vereint: die Mikro-Systemtechnik. Man
gibt den Chips der Mikro-Elektronik sozusagen Sinnesorgane sowie einen
Bewegungsapparat, damit sie auf Umwelteinflüsse reagieren können.
So erhält man auf kleinstem Raum und relativ kostengünstig komplette
Steuer- und Regelgeräte. Künstliche Nasen etwa, die den Braten
riechen, bevor er anbrennt, und die die Temperatur im Backofen entsprechend
verringern.
Mit lithografischen Verfahren lassen sich nicht nur die Labyrinth-Strukturen
der Chips in Silizium ätzen. Man kann damit auch mikro-mechanische
Bauteile höchster Präzision herstellen. Zahnräder, die kleiner
sind als ein Ameisenkopf, ja ganze Mikromotoren für Mikropumpen beispielsweise.
Auch mit Lasern lassen sich diese winzigen Teile äußerst
genau bearbeiten.
Und was die möglichen Anwendungsgebiete der Mikro-Systemtechnik
betrifft, sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt.
Längst etabliert, aber weiter verbesserungsfähig sind z.
B. die Druckköpfe von Tintenstrahldruckern, die Schreib-/Leseköpfe
in Festplatten, endoskopische Instrumente für die Minimal-Invasive-Medizin,
Auslöser für den Airbag.
Daten- und Medizintechnik, Fahrzeug- und Verkehrstechnik, Telekommunikation
und Umwelttechnik, Energietechnik und Maschinenbau – es gibt praktisch
keinen Bereich, der nicht von der Mikro-Systemtechnik profitieren könnte.
Von der Bundesregierung wird sie deshalb schon lange als Schlüsseltechnologie
für das 21. Jahrhundert eingestuft und gefördert. Erst kürzlich
ist dieses Förderprogramm neu aufgelegt worden.
Ziel ist vor allem, die bereits vorhandenen Techniken und Anwendungsideen
möglichst rasch in Produkte umzusetzen. Denn das Marktpotenzial der
Mikro-Systemtechnik wird von Experten sehr hoch veranschlagt: 40 Milliarden
Ecu sollen damit bereits im Jahr 2002 umzusetzen sein. Und gerade in solchen
High-Tech-Bereichen gilt die Weisheit von Michail Gorbatschow: „Wer zu
spät kommt …“

Die USA,
Japan und Deutschland bilden das Spitzentrio beim weltweiten Handel mit
Hightech-Produkten. Das ist das Ergebnis einer Studie über die technologische
Leistungsfähigkeit Deutschlands, die vom Bundesforschungsministerium
vorgelegt wurde. Danach erreichten die USA bei Spitzen- und höherwertiger
Technik einen Weltmarktanteil von fast 19 Prozent; japanische Unternehmen
bestritten 15,8 Prozent des Weltexports, und 14,4 Prozent der weltweit
gehandelten Hightech-Güter stammten aus deutscher Produktion. Damit
haben die Deutschen an Boden verloren. 1995 hatten sie noch einen Anteil
von 16 Prozent. Auch Japan gehört zu den Verlierern. Nur die USA konnten
ihren Marktanteil ausbauen.
Globus
Der europäische Telekommunikationsmarkt wächst und wächst.
Bereits im nächsten Jahr wird Schätzungen zufolge ein Umsatz
von rund 300 Milliarden Euro erreicht. In Deutschland erzielt die Branche
in diesem Jahr Einnahmen von fast 60 Milliarden Euro. Ein Ende dieser Entwicklung
ist nicht in Sicht. Im Gegenteil, der neue Mobilfunk-Standard UMTS wird
nach Expertenmeinung einen neuen Wachstumsschub auslösen. Zur Zeit
versuchen die Netzbetreiber in mehreren Ländern Europas, an eine der
knappen UMTS-Lizenzen heranzukommen. In Deutschland beginnt die Versteigerung
der zukunftsträchtigen Lizenzen am 31. Juli des laufenden Jahres.
Globus
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