Zeitschrift 

Der Bürger im Staat

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Medizin - Naturwissenschaft - Technik
 
 
 

Heft 3/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis
 

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert 

macht in unseren Tagen die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts Schlagzeilen. Spektakulär an die Öffentlichkeit getreten sind der US-amerikanische Wissenschafts-Unternehmer Craig Venter mit seiner Firma Celera Genomics Inc. sowie die Wissenschaftler der internationalen Forschungsgemeinschaft Human Genome Organization (HUGO), einer öffentlich finanzierten Unternehmung. Auch deutsche Wissenschaftler sind am HUGO-Projekt beteiligt, unterstützt vom Bundesforschungsministerium. Zwar gelten jetzt die menschlichen Erbinformationen damit als nahezu entschlüsselt – doch deren Funktionen sind weitgehend noch unbekannt. Es gibt also noch viel zu tun, sehr viel sogar. Rund 100 000 Gene im menschlichen Körper sind in Hinblick auf ihre Funktionen noch unbekannt. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms steht auf der Liste wissenschaftlicher Erfolge nicht allein da. Viele aufregende Entwicklungen zeichnen sich ab. Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert mag es angebracht erscheinen, ein wenig in die Zukunft zu blicken und abzufragen, was an neuen Entwicklungen im Bereich von Wissenschaft und Technik sich abzeichnet. Da unsere Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ zum größten Teil von Menschen mit eher geisteswissenschaftlichem Hintergrund gelesen wird, sollten wir uns hier den Gebieten Medizin, Naturwissenschaft und Technik zuwenden. In vielen Bereichen von Medizin, Naturwissenschaft und Technik sind beträchtliche Erfolge, wenn nicht gar Durchbrüche erzielt worden. Das betrifft den Kampf gegen die Herz-Kreislauf-Krankheiten, die bislang noch Todesursache Nr. 1 bei uns sind. Die Erfolge in der Therapie sind beachtlich, von neuen Diagnose-Möglichkeiten angefangen über neue Arten des Medikamenteneinsatzes und neuen, minimal-invasiven Operationsmethoden bis hin zu den Transplantationsmöglichkeiten. Allerdings ist Krebs als Erkrankung im Vormarsch, ist dabei, Platz 1 zu übernehmen, doch auch hier sind in der Bekämpfung durchaus Fortschritte sichtbar. Die Fortschritte im Bereich der Medizin insgesamt beruhen nicht zuletzt auf den ganz neuen Möglichkeiten der „Ersatzteil-Medizin“ und der Gen-Therapie, Ersatzteile, die nicht mehr als Fremdkörper abgestoßen werden, sondern vom Körper als eigen angenommen und weiterentwickelt werden. Die Gen-Therapie versucht ihrerseits, Erbinformationen zu korrigieren. Kinder nach Wunsch sind längst Realität. Kinder nach Maß könnten Realität werden, wenn man sich die neuen Möglichkeiten der Entschlüsselung menschlicher Erbanlagen zu Nutze macht. Im Falle der Zeugung im Reagenzglas lässt sich heute schon diagnostizieren, ob das Kind später eine Erbkrankheit haben wird. Andere Informationen ließen sich ebenfalls gewinnen. Hier vor allem taucht eine Fülle von Fragen rechtlicher, aber mehr noch ethischer Natur auf. Auch stellt sich die Frage, was man mit nicht benötigten befruchteten Zellen macht – und auch machen darf – , möglicherweise sogar im Dienste der Gesundheit anderer. Doch nicht nur Erfolge gibt es auf dem Gebiet der Medizin. So ist auf dem Weg ins 21. Jahrhundert eine Rückkehr der Seuchen zu beobachten, von denen man meinte, sie seien bald ein Thema von gestern. Für die Rückkehr gibt es angebbare Gründe. Der Zusammenbruch der politischen Systeme im Bereich des ehemaligen Ostblocks hat auch deren Gesundheitssystem in Mitleidenschaft gezogen. Zunehmende Mobilität, aber auch Sorglosigkeit sind weitere Ursachen. Zudem dringt der Mensch weltweit in immer neue Gebiete ein, wo Krankheitserreger sich eingenistet haben. Übervölkerung und Armut tun das Übrige. Es gibt Menschen, die argwöhnen: Mit Seuchen versuche die Erde, sich des Parasiten Mensch zu erwehren. Seuchenerreger sind vor allem außerordentlich wandlungs- und anpassungsfähig. So müssen immer neue Impfstoffe und Arzneimittel entwickelt werden. Bei manchen, wie bei dem Grippe-Erreger, befindet sich die Medizin in einem ständigen Wettlauf, der gelegentlich an die Geschichte von Hase und Igel erinnert. Die Entwicklung neuer Werkstoffe ist auch, aber nicht nur für die Medizin interessant. Vor allem bei der Energiegewinnung und im Bereich des Verkehrs können neue Werkstoffe Beachtliches bieten, höhere Leistungen zu erzielen, Ressourcen zu sparen. Leichtere Flugzeuge und leichtere Autos z. B. können einen wesentlichen Beitrag zur Einsparung von Energie und zur Senkung des Schadstoffausstoßes sein. Neue Techniken, gerade auch auf dem Gebiet der Elektrotechnik, erlauben es, alles immer kleiner zu machen. Die Fortschritte im Bereich der Informationstechnik wären ohne diese Verkleinerungen nicht denkbar. Allerdings sind die Grenzen immer stärkerer Verkleinerung in Sicht. Neue Werkstoffe und neue Systeme sind in Erprobung: für den Computer von morgen. Am spektakulärsten war in den letzten Jahrzehnten vielleicht die Fahrt zum Mond, mit dem ersten bemannten Flug im Juli 1969. Inzwischen wird bereits der Mars angesteuert. Doch sind – wie bereits das Flugprogramm zum Mars erkennen läßt – dem Griff nach den Sternen Grenzen gesetzt. Mancher mag sich fragen: Wozu das alles, wozu auch die hohen Kosten? Letztlich sollen damit Erkenntnisse gewonnen werden, die uns hier unten auf der Erde nutzen, bei der Suche nach besseren Materialien z. B., bei der Therapie von Krankheiten, bei der Erkundung unserer Erde und ihrem möglichen Schicksal. Zu den wichtigen Aufgaben von Politik gehört es, auf dem Weg ins 21. Jahrhundert die Weichen richtig zu stellen. Forschungspolitik ist somit – neben der verwandten Bildungspolitik – eine der zentralen Aufgaben der Zukunftssicherung geworden. Im internationalen Vergleich steht Deutschland in der Standortsicherung gar nicht schlecht da. Der Beratungsbedarf von Politik wird hier besonders sichtbar, neben dem Bedarf an Politikberatung auch auf den Gebieten von Außen- und Sicherheitspolitik sowie der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Politikberatung hat sich auch bei uns institutionalisiert, wenngleich nicht im selben Umfang wie in den USA. Auch für Forschungspolitik ist es wichtig, eine Bestandsaufnahme darüber vorzunehmen, was gegenwärtig auf dem Weg ins 21. Jahrhundert sich an Möglichkeiten abzeichnet. Fortschritt auf allen Gebieten, nicht nur auf dem der Medizin, die Fülle neuer Möglichkeiten wirft auch eine Fülle neuer Probleme und Fragen auf: rechtliche Fragen, mehr noch ethische Fragen, damit letztlich auch politische Regelungsprobleme. Darf man alles machen, was man machen kann? Wenn nicht, muss die Politik Grenzen setzen, die sich in rechtlichen Normen niederschlagen. Doch über diese Grenzen, über die ethischen und rechtlichen Implikationen all dieser neuen Möglichkeiten, die bereits auf dem Weg ins 21. Jahrhundert sichtbar werden, muss ein breiter Diskurs stattfinden, nicht nur unter Fachleuten, nicht nur unter Theologen und Philosophen. Ein solcher breiter gesellschaftlicher Diskurs muss jedoch informiert geführt werden. Dafür zu sorgen, gehört zu den Aufgaben politischer Bildungsarbeit. Ein Problem besteht für die politische Bildung darin, Autorinnen und Autoren zu finden, die diese schwierigen Materien für Laien verständlich machen können. Wir haben den Weg der Zusammenarbeit mit der Wissenschaftsredaktion des SWR-Hörfunks gewählt. Die Annahme, dass Hörfunkredakteure und –redakteurinnen besonders geübt sein müssen, komplizierte wissenschaftliche Gegenstände anschaulich zu machen, kurz und ohne sie sichtbar machen zu können, hat sich als richtig erwiesen. Der Wissenschaftredaktion des Südwestrundfunks in Baden-Baden und ihrem Redaktionsleiter Dr. Markus Bohn sei herzlich für die Zusammenarbeit gedankt! 

Hans-Georg Wehling

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