Zeitschrift

Mobilität

 

Heft 3/ 2002

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis


Mobilität

Foto: dpa-Fotoreport

ist ein menschliches Grundbedürfnis: Der Mensch will sich dorthin bewegen können, wo es ihm besser gefällt, wo er sich bessere Lebensbedingungen verspricht. Dass der Mensch auch zur Mobilität fähig ist, dass er seine Mobilitätswünsche planen, realisieren, ja seine Möglichkeiten zur Mobilität ständig verbessern kann, hat sich als entscheidender Evolutionsvorteil in Konkurrenz zu anderen Lebewesen erwiesen. Somit ist die menschliche Entwicklung eng mit der Mobilität verknüpft. Dabei ist davon auszugehen, dass der Wunsch nach Mobilität nahezu unbegrenzt, das Streben nach deren Realisierung unendlich sind - sowohl nach Zielen als auch nach den Mitteln dazu. Seine Umwelt hat der Mensch nach diesen Wünschen und Möglichkeiten planend gestaltet. Verkehr ist sowohl Ausgangspunkt wie Folge des Mobilitätswunsches. Sesshaft werden konnte der Mensch unter Beibehaltung seiner Mobilität. Auch die Gründung und Entwicklung von Städten war mobilitätsbezogen, zumeist an Schnittpunkten des Verkehrs und angewiesen auf den Verkehr mit dem Umland wie der Ferne. Neben der räumlichen Mobilität erlaubte die Stadt die soziale Mobilität; die Mobilität der Wirtschaftsfaktoren zielte auf eine optimale Allokation als Voraussetzung wirtschaftlichen Wachstums.

Bei aller Planung, bei aller Ebnung der Verkehrswege, bei der besseren Organisation von Mobilität - man denke nur an die Einrichtung regelmäßigen Postverkehrs, sei es im Römischen Reich, sei es durch die Thurn-und-Taxis'sche-Post - blieb Mobilität über Jahrtausende hinweg angekettet an den menschlichen Schritt und die Leistungsfähigkeit von Transportieren, seien es Pferd, Esel oder Maultier, Kamel, Elefant. Erst das Industriezeitalter brachte mit der Erfindung der Dampfmaschine neue Möglichkeiten, in sich ständig fortentwickelnder Weise. Vor allem brachte das neue Zeitalter eine neue Dimension von Mobilität: die Geschwindigkeit. Mit Eisenbahn und Dampfschiff konnte nunmehr ein Vielfaches von Schritt- und Laufgeschwindigkeit erreicht werden. Die Erfindung des Benzinmotors und der "Benzinkutsche" erlaubte zudem eine enorme Steigerung der individuellen Mobilität, nach dem Zweiten Weltkrieg bei uns geradezu massenhaft.

Unsere Landschaften, der Lebensraum gerade auch in Deutschland wurden durch diese neuen Verkehrsmöglichkeiten grundlegend umgestaltet, teilweise ungeplant und so chaotisch, dass planende Politik massiv ordnend eingreifen musste - oder zumindest müsste.

Das Flugzeug bahnte schließlich den Weg in die Lüfte und erfüllte damit den uralten Menschheitstraum vom Fliegen. Möglich wurde so die Überwindung großer Entfernungen in immer kürzerer Zeit für Lasten, für Geschäftsleute, aber auch für Urlauber, die nunmehr es sich leisten können, überall auf der Welt ihre Ziele zu finden, ihr Fernweh zu stillen. Inzwischen erlauben die Möglichkeiten der elektronischen Datenübermittlung die Überwindung von Entfernungen in Lichtgeschwindigkeit. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen sind enorm, in ihrem ganzen Umfang beileibe noch nicht absehbar. Der Prozess der Globalisierung ist dadurch erst möglich geworden - wie auch die Reduzierung eines als lästig empfundenen Ausmaßes an Pendeln zum Arbeitsplatz, durch Telearbeit.

Zur Überwindung von Entfernungen, zur Realisierung von Mobilität benötigt man Energie, vom Hafer angefangen bis hin zu Treibstoffen und Elektrizität, und zwar der Tendenz nach umso mehr, je höher die Geschwindigkeit und je komplizierter die Systeme. Wollten etwa die Entwicklungsländer und Schwellenländer in gleichem Umfang an der Mobilität teilhaben wie die Industrieländer, würde dort jeder ein Auto fahren wollen, würde das zu einem Kollaps unseres Planeten führen: Nicht nur dass die vorhandenen Energievorräte bald erschöpft wären - die zu erwartenden Emissionen in unsere Umwelt würden das menschliche Leben auf unserer Erde, und nicht nur dieses, ersticken, wortwörtlich.

Es kommt also darauf an, intelligentere, ressourcenschonendere Mobilitätssysteme zu entwickeln, die der für unsere Zukunft unabweislichen Forderung nach Nachhaltigkeit entsprechen. Mobilität ist nicht identisch mit Auto-Mobilität noch zwangsläufig mit einem der heute gegebenen Mobilitäts- Medien verbunden. Der Wunsch nach Mobilität denkt immer über die aktuell gegebenen Möglichkeiten hinaus, ist visionär. So sind denn technische Innovationen gefragt, Visionen müssen nicht nur erdacht, sondern vor allem auch realisiert werden, gegen alle Widerstände bestehender Strukturen und etablierter Interessen. Visionen zeigen sich dabei nicht nur in den ganz großen (Ent-) Würfen, sondern auch in der kleinen und schrittweisen Verbesserung, im Detail, mag es auf den ersten Blick auch eher unscheinbar wirken.

Ein falscher Ansatz scheint es demgegenüber zu sein, Mobilität begrenzen zu wollen. Dem steht die menschliche Psyche, das Grundbedürfnis nach unbegrenzter Mobilität entgegen. Der wirtschaftliche, soziale, politische und auch der geistige Entwicklungsstand der Menschheit sind aufs Engste damit verknüpft: mit Mobilität.

Geplant und realisiert worden ist dieses Heft unserer Zeitschrift "Der Bürger im Staat" in enger Kooperation mit der Akademie für Technikfolgenabschätzung des Landes Baden-Württemberg. Ihr und insbesondere Dr.-Ing. Marcus Steierwald sei an dieser Stelle dafür herzlich Dank gesagt!

 Hans-Georg Wehling

 

 

 

 


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