Zeitschrift

Städtepolitik und
Stadtentwicklung


 

Heft 3 2007

Hrsg: LpB



 
 

  Inhaltsverzeichnis

 


Städtepolitik und Stadtentwicklung

In die Schlagzeilen geraten Städte und Gemeinden zumeist dann, wenn von der kommunalen Finanzkrise die Rede ist. Bröckelnde Fassaden, undichte Dächer von Schulgebäuden und Schließungen von öffentlichen Einrichtungen sind ein Beleg für stagnierende Einnahmen und den Zuwachs neuer Aufgaben. Städte werden aber nicht nur von der Finanzkrise geplagt, sondern seit geraumer Zeit mit den Folgen des demographischen und sozialen Wandels konfrontiert. Kritische Stimmen merken an, dass weder die kommunale Entwicklungsplanung noch Regional- und Landesplanungen ausreichend auf demographische Schrumpfungsprozesse vorbereitet sind, konstatieren gar einen „blinden Fleck“ der Stadtpolitik. Dramatisierende Stimmen mehren sich und Prognosen lassen Gemeinwesen „kollabieren“. Dabei wird außer Acht gelassen, dass schrumpfende Städte kein neuartiges Phänomen sind. Städteplaner und Kommunalexperten sehen darin durchaus die Chance einer neuen Urbanität und fordern handlungsfähige Städte und Regionen, um die Schrumpfung steuern zu können. Gefragt sind neue Wege des Stadtumbaus, innovative Formen der Stadtentwicklung und gemeinwesenorientierte Strategien als angemessene Reaktionen auf die fiskalische Knappheit und den demographischen Wandel.

Auch Stadtforscher sind zuweilen etwas voreilig bei der Diagnose einer Krise der Stadt. Und bei Politikern wie Stadtforschern ist nicht immer zu unterscheiden, was ernsthafte Analyse ist, was dramatisierendes Marketing. Walter Siebel gibt im einleitenden Beitrag einen Überblick über die verschiedenen Ausprägungen einer „Krise der Städte“ in den letzten 150 Jahren. Wurde die Stadt im Zuge der Urbanisierung im 19. Jahrhundert noch als Höhepunkt des Kulturverfalls betrachtet, erfüllten – nach den Brüchen von 1918, 1933 und 1945 – die erneut wachsenden Städte in Zeiten des wirtschaftlichen Wohlstands ihre klassischen Funktionen. Mit der Suburbanisierung, d.h. der Ausdehnung der Siedlungsflächen über die Stadtgrenzen hinweg, gingen Prozesse der sozialen Segregation und des kommunalpolitischen Bedeutungsverlustes einher. Die innere Struktur der Städte wurde vom Wandel der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, von Globalisierung und demographischen Veränderungen betroffen. Walter Siebel diskutiert die heutigen Krisensymptome unter dem Stichwort der doppelten Spaltung der Städte.

Die „Bilder“ von Stadt und Land, wie es sie auf Postkarten oder als Idylle in den Köpfen der Menschen gegeben haben mag, gibt es nicht mehr. Die alten Stadt-Land-Unterschiede stellen sich angesichts der Verstädterung heute ganz anders dar. Metropolen und Stadtregionen sind die eigentlichen Gewinner der räumlichen Entwicklung Deutschlands. Dieser Trend zur hohen Verstädterung ist im Übrigen weltweit zu beobachten: der Homo sapiens ist zum Homo urbanus geworden! Wendelin Strubelt zeichnet in seinem Beitrag den Prozess der räumlichen Entwicklung und den Wandel der Siedlungsstrukturen für die Bundesrepublik nach und berücksichtigt in seiner Analyse auch die frühere DDR. So zeichnet sich im Rückblick die Siedlungsentwicklung der alten Bundesrepublik, gemessen am relativ verlässlichen Indikator der Bevölkerungsentwicklung, durch eine große Dynamik aus. Der Beseitigung der Kriegsfolgen und dem Wiederaufbau folgte eine intensive Siedlungsentwicklung, die im Grunde eine zunehmende Verstädterung war. Die peripher gelegenen ländlichen Räume, die sich durch eine geringere Verdichtung auszeichnen, sind inzwischen „Resträume“, deren Existenz in erheblichem Maße von den Transferleistungen aus den Städten abhängt. Das gleichzeitige Wachsen und Schrumpfen städtischer wie ländlicher Räume verlangt neue Leitbilder in der Raumordnungspolitik.

Im Jahr 2006 ist das Steueraufkommen der Kommunen gewachsen. Die Einnahmen haben erstmals seit fünf Jahren die Ausgaben überstiegen. Die Gesamtrechnung, in welche die Daten aller Kommunen einfließen, verdeckt jedoch die Unterschiede zwischen strukturstarken Städten und strukturschwachen Kommunen. Ein Blick auf die Kassenkredite zeigt, dass die Kreditschuld der Städte und Gemeinden seit Jahren stetig ansteigt. Zudem können viele Kommunen ihre Tilgungsverpflichtungen nicht mehr aus den laufenden Einnahmen decken. Trotz Sparmaßnahmen, Personalabbau und einem drastischen Investitionsrückgang konnten die kommunalen Haushalte durch den Anstieg der gesetzlich festgeschriebenen Sozialausgaben nicht saniert werden. Dies führt in letzter Konsequenz oftmals zur Veräußerung gemeinde- oder stadteigener Vermögenswerte. Klaus Jungfer konstatiert deshalb ein Strukturproblem, das sich durch Konjunkturaufschwung und höhere Steuereinnahmen nicht beheben lässt. Ansatzpunkte zur Lösung sind vielmehr eine Stärkung der Gemeinden im Grundgesetz, die Sicherung der Finanzautonomie und bessere Steuer- sowie Finanzverteilungsgesetze.

Der demographische Wandel hat die Einsicht befördert, dass die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland ohne Zuwanderung nicht auskommen wird. Aufgrund der Interdependenz von wirtschaftlichem Wohlstand, demographischen Veränderungen, Erwerbsquote, Migration und Integration kann die Bevölkerungsentwicklung ein Indikator für die Attraktivität und Prosperität von Städten, Gemeinden und Regionen sein. Richard Reschl und Walter Rogg analysieren diese wechselseitige Verflochtenheit am Beispiel der Region Stuttgart, die zu den wirtschaftsstärksten Regionen Europas zählt und – dem bundesweiten Trend folgend – ebenfalls von einer Schrumpfung der Bevölkerung betroffen ist. Angesichts dieser Entwicklung werden Prognosen vorgestellt, die in einer Variante von einer wirtschaftlichen Stagnation, in der anderen von einer weiterhin dynamischen Wirtschaftsentwicklung ausgehen. Unterstellt man das positive Szenario weiteren Wachstums, dann wird der Arbeitskräftebedarf die Zuwanderung von ausländischen Arbeitnehmern weiterhin fordern und fördern. In erster Linie kann die Region – wie im Übrigen die gesamte Volkswirtschaft – am stärksten von der Zuwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte profitieren. Daraus ergeben sich jedoch Konsequenzen: Neben einer besseren Integration der Migranten muss die Region ihre Attraktivität für hoch qualifizierte Zuwanderer erhöhen, d. h. ihre urbanen Qualitäten bewahren und sich als weltoffener Standort präsentieren.

Der demographische Wandel hat unter Städten und Gemeinden einen sich verschärfenden Wettbewerb ausgelöst. Kommunen konkurrieren um Einwohner, um attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen sowie um Standortqualitäten. Mit Blick auf die kommenden Jahre stellen sich mehrere Fragen: Welche Städte und Gemeinden sind vom demographischen Wandel besonders betroffen? Gibt es Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Räumen? Welche Veränderungen werden in den Kommunen spürbar sein? Welche
konkreten Handlungsstrategien und -felder haben Priorität und sollten verfolgt werden? Hier setzt der von Carsten Große Starmann und Kerstin Schmidt erörterte „Wegweiser Demographischer Wandel 2020“ der Bertelsmann Stiftung an: Alle bundesdeutschen Städte und Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern wurden auf der Grundlage einer Bevölkerungsprognose bis zum Jahr 2020 sowie mit ökonomischen und soziodemographischen Indikatoren typisiert. Aus dieser Typisierung lassen sich wichtige kommunale Handlungsstrategien ableiten, um die Auswirkungen des demographischen Wandels positiv gestalten zu können.
Stadtentwicklung wurde lange Zeit mit Wachstum gleichgesetzt. Schrumpfung hingegen galt als ein negatives und unerwünschtes Szenario. Wenngleich die gegenwärtige Schrumpfung erst langsam akzeptiert wird, rückt das Paradigma vom Wandel der Stadt ohne Wachstum ins Zentrum von Stadtforschung und Stadtpolitik. Dies hat Folgen für die gebaute Stadt, die den Veränderungen angepasst werden muss. Diese Entwicklungsoption meint der Begriff Stadtumbau. Stephanie Bock und Bettina Reimann erörtern, wie durch städtebauliche Anpassungsprozesse das Erscheinungsbild der Stadt positiv verändert und die Lebensqualität für die Einwohner verbessert werden kann. Bundespolitische Stadtumbauprogramme zeigen, wie auf schrumpfende und perforierte Städte reagiert werden kann. Ausgewählte Beispiele belegen die mit dem Stadtumbau verbundenen Chancen einer attraktiven Umgestaltung städtischer Um- und Lebenswelten, die ein Mehr an Wohn- und Lebensqualität mit sich bringen.

Soziale Segregation wird befördert, weil wichtige Integrationsmechanismen (Erwerbsarbeit, Wohlfahrtsstaat, Wohnungspolitik) zunehmend versagen. Stadtteile (mit besonderem Entwicklungsbedarf) sind davon bedroht, ins soziale Abseits zu rutschen. Eine unzureichende materielle Ausstattung, benachteiligte soziale Milieus und eine geringe politische Repräsentanz kennzeichnen diese Stadtteile. Hier setzt das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ mit dem Ziel an, der sich verschärfenden sozialen und räumlichen Spaltung entgegenzusteuern. Geeignete Handlungskonzepte entwickeln zusammen mit der Quartiersbevölkerung Projekte und Maßnahmen, die zum Abbau der benachteiligenden Effekte der Stadtteile beitragen und das Zusammenleben im Quartier befördern. Dass Verbesserungen sowohl bei den materiellen wie den nicht-materiellen Lebenslagen erreicht wurden, zeigt die dritte bundesweite Umfrage zum Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen aber auch – so eine der zentralen Aussagen von Ulla-Kristina Schuleri-Hartje –, dass neben den nach wie vor notwendigen investiven Maßnahmen und Projekten zur Verbesserung der physischen Lebensbedingungen verstärkt Maßnahmen vor allem in den zwei Schwerpunkten „Verbesserung der individuellen Lebenschancen“ und „Integration und Vernetzung“ gefördert und umgesetzt werden sollten.

Seit geraumer Zeit ist der Begriff bürgerschaftliches Engagement zu einem Lieblingskind der politischen Publizistik und der Politik avanciert. Bürgerschaftliches Engagement meint das gesamte Spektrum ehrenamtlicher, freiwilliger und auf Selbsthilfe zielender Aktivitäten ebenso wie die vielfältigen Formen des politischen Engagements in Bürgerinitiativen und sozialen Bewegungen. Es sind eben nicht mehr nur die traditionellen Organisationen, die man als Vehikel für Partizipation benutzt, sondern soziale und gesellschaftliche Gruppierungen, in denen sich Bürgerinnen und Bürger aktiv engagieren. Politisch gefragt ist deshalb – so eine der Hauptthesen von Peter Guggemos – der Spagat zwischen der behutsamen Fortentwicklung und Öffnung des alten Ehrenamtes und der Konzeption und Förderung neuer, milieuübergreifend offener und inklusiver Projekte. Aus kommunalpolitischer Sicht geht es um Ermöglichen, um Zusammenführen von Ressourcen wie Zeit, Geld und Ideen, aber auch um Gehör, öffentliche Präsenz, positive Selbstwahrnehmung und Inklusion. Der Beitrag zeigt an konkreten Beispielen Motive, Voraussetzungen, förderliche Rahmenbedingungen und Auswirkungen bürgerschaftlichen Engagements im städtischen Raum auf.

Die Zahl der Megastädte ist in den letzten Jahrzehnten angewachsen. Schon heute lebt die Hälfte der Menschheit in Städten, davon eine Milliarde im Norden und zwei im Süden. Gegenwärtig erleben wir eine städtische Revolution, die eine ganze Reihe neuer Stadttypen, Bau- und Siedlungsformen hervorbringt: Mega- und Gigastädte, futuristische Global Cities, aber auch improvisierte Hüttenmetropolen und so genannte No-Tech-Städte, die eher riesigen Flüchtlingslagern gleichen. Diese Urbanisierungswelle erfasst nicht nur große und bevölkerungsreiche, sondern auch peripher gelegene und kleine Länder. Während die Zahl der im Norden gelegenen Städte stagniert, steigt die Verstädterungskurve im Süden steil an. Es hat den Anschein, dass sich die Stadtentwicklung in großen Teilen der Welt von Europa, das lange Zeit ein Vorbild der Stadtplanung und -entwicklung war, abgekoppelt hat. Eckart Ribbeck unternimmt in seinem Beitrag einen Streifzug durch Asien, Afrika und Lateinamerika und stellt die Frage, wie sich Stadtplanung, Bauen, Wohnen und das Zusammenleben in Städten angesichts dieser Umwälzungen verändert haben. Die globale Verstädterung in nachhaltige und zukunftsfähige Bahnen zu lenken, ist – so das Fazit des Beitrags – eine der größten Herausforderungen des 21.Jahrhunderts.

Befinden sich unsere Städte wirklich in der Krise? Oder erleben wir gegenwärtig eine Renaissance der Städte, eine Wiederbelebung des Urbanen? Jens S. Dangschat analysiert den gegenwärtig zu beobachtenden Trend der Reurbanisierung. Ausgehend vom Prozess der Suburbanisierung, der unter Städten und Stadtregionen nicht nur „Modernisierungsverlierer“, sondern im Zuge wirtschaftlicher Umstrukturierungen „Modernisierungsgewinner“ entstehen ließ, werden diejenigen Ursachen untersucht, die gegenwärtig zu einer Revitalisierung der Innenstädte führen: Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und das immense Anwachsen wissensbasierter Dienstleistungen, postmoderne Werthaltungen und Lebensstile gehen mit der Bereitschaft einher, wieder in die Innenstädte zu ziehen. Profitieren werden von diesem Prozess der Reurbanisierung wirtschaftlich attraktive Städte, die gleichzeitig offen sind für unterschiedliche Lebensstile, sich mit der lokalen bzw. regionalen Wirtschaft arrangieren und auf eine Stadtentwicklung setzen, die neue Muster städtischen Zusammenlebens ermöglicht und soziale Segregation wenn nicht vermeidet, so doch eindämmt.

Wird es angesichts einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung überhaupt noch attraktive Städte geben? Der Zukunftswissenschaftler Horst W. Opaschowski analysiert die Chancen und Möglichkeiten zukünftiger Stadtentwicklung in sozialer, demographischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Städte als Kristallisationspunkte urbanen Lebens werden sich verändern: Singles und Senioren, Baugemeinschaften und Mehrgenerationenhäuser, Tausch- und Helferbörsen in jedem Stadtteil sowie Nachbarschaftstreffs in jedem Kiez werden das Gesicht der Stadt der Zukunft prägen. Die Trennung von Arbeiten, Wohnen und Erholen wird tendenziell wieder aufgehoben. Pendler kehren in die Stadt und Tante-Emma-Läden in die Wohnquartiere zurück, weil sich das Einkaufsverhalten in der älter werdenden Stadtgesellschaft verändert und die Menschen mehr in Wohnungsnähe als auf der grünen Wiese einkaufen wollen.

Alle Autorinnen und Autoren wollen mit ihren Beiträgen detaillierte Informationen vermitteln, zur Versachlichung der Diskussion beitragen und Fakten bereitstellen, die für das Verständnis des komplexen Themas wichtig sind. Allen Autorinnen und Autoren sowie Herrn Prof. Dr. Richard Reschl, der mit fachlichem Rat wesentlich zum Entstehen dieses Heftes beigetragen hat, sei an dieser Stelle gedankt. Dank gebührt auch dem Schwabenverlag für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech

 


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