Zeitschrift

Aufrechter Gang:

Zivilcourage im Alltag

 

Heft 3/2011

Hrsg: LpB



 

 
Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Aufrechter Gang: Zivilcourage im Alltag


Das Wort Zivilcourage hat Konjunktur. Allenthalben wird gefordert, hinzusehen und einzugreifen, sich mutig für andere einzusetzen, auch wenn man dabei etwas riskiert. Die meisten Menschen assoziieren mit Zivilcourage gewalthaltige Situationen, besonders jene dramatischen und bedrückenden Vorfälle, in denen Menschen angegriffen und geschlagen werden, ohne dass jemand hilft – empörende Situationen, die nach Taten rufen. Nicht zu Unrecht stehen daher Gewaltsituationen im öffentlichen Raum und in Schulen im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion. Meist geht es dabei um die Frage, wie man mit Tätern und Opfern umgeht, wie man effektiv eingreifen kann, oder auch um die Möglichkeiten präventiven Handelns.

Deshalb steht am Beginn dieses Heftes ein Beitrag von Heribert Prantl, der den Umgang mit Gewalt, den Risiken und Perspektiven praktizierter Zivilcourage zum Thema macht. Der tragische Tod von Dominik Brunner im S-Bahnhof Solln bei München im September 2009 hat eine kontroverse Debatte entfacht: die einen fordern, vermeintlich kritisch, mehr Besonnenheit und Zurückhaltung, andere hingegen beklagen einen eklatanten Mangel an sozialem Mut im Alltag. Moralische Appelle, bloße Empörung oder eine Verschärfung des Jugendstrafrechts, so Heribert Prantl, helfen jedoch nicht weiter. Brutale Gewalttaten erfordern vielmehr zunächst eine komplexe Ursachenanalyse, die vor allem begünstigende strukturelle Bedingungen (z.B. Jugendarbeitslosigkeit, soziale und mediale Verwahrlosung junger Menschen) nicht außer Acht lässt. Prantl sieht hier die Zivilgesellschaft, die große Zahl der Gleichgültigen und nicht zuletzt die Schule in der Pflicht, präventiv tätig zu werden und Abhilfe zu schaffen. Die Schule sollte zu einem Ort werden, an dem junge Menschen Anerkennung erfahren und soziale Kompetenzen erwerben können.

Wenn man jedoch nach Bedingungen und Chancen für mehr Zivilcourage in unserer Gesellschaft fragt, sollte sich der Blick nicht auf physische Gewalt, auf Not- und Bedrohungssituationen verengen. Zivilcourage ist vielmehr in allen Lebensbereichen erforderlich, wenn es darum geht, mutig und mit Bereitschaft zum begrenzten Risiko für Gerechtigkeit und fairen Konfliktaustrag, für Meinungsfreiheit und die Wahrung der Menschenwürde einzutreten. Zivilcouragiertes Verhalten als sozialer Mut im Alltag ist besonders am Arbeits- und Ausbildungsplatz gefragt, in Betrieben und öffentlichen Verwaltungen, in Kirchen wie in Vereinen und Parteien. Nicht zuletzt ist sie im privaten Bereich von Familie und Freundeskreis zu lernen und einzuüben. Diese Dimension, die vielen Facetten von Zivilcourage jenseits von Gewalt, werden in den meisten Aufrufen und Analysen vernachlässigt. Ihnen soll hier deshalb besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Zivilcourage ist mehr als individuelle Hilfe, verlangt aber auch nicht heldenhaften Altruismus. Zivilcourage ist eine unbequeme Bürgertugend und Element einer sozial verantwortlichen Zivilgesellschaft. Sie ist notwendig, um humane und demokratische Werte und persönliche Integrität als Grundlagen unseres Zusammenlebens zu bewahren.

Drei Beiträge behandeln zunächst die analytischen, menschenrechtlichen und ethischen Grundlagen zivilcouragierten Handelns. Der einführende Beitrag von Gerd Meyer geht drei Leitfragen nach:

  1. Was versteht man überhaupt unter Zivilcourage oder sozialem Mut?
  2. Was kennzeichnet Situationen, Motive und Verhaltensweisen, die für zivilcouragiertes Handeln charakteristisch sind?
  3. Wovon hängt es ab, ob jemand Zivilcourage zeigt oder nicht? Was fördert, was hindert sozial mutiges Verhalten?

Systematisch werden zentrale Begriffe geklärt, das Verständnis für die Komplexität zivilcouragierten Handelns geweckt und die wichtigsten Befunde der Forschung resümiert.

Menschenrechte sind eine wichtige Basis und Legitimation für alle, die sich gegen deren Verletzung wehren und als Demokraten zivilcouragiert handeln wollen. Menschenrechte sind – so die These von K. Peter Fritzsche – „Mutmacher“: Das Wissen um universell anerkannte, individuelle und kollektive Rechte kann sozialen Mut freisetzen und Menschen befähigen, ungerechte Verhältnisse zu kritisieren und zu verändern. Soll Zivilcourage gute Chancen haben, so müssen die Menschenrechte gelten und eingehalten werden. Bürgermut war und ist eine wesentliche Triebkraft im Prozess der Entwicklung und Realisierung der Menschenrechte.

Es mag manche Leser überraschen, dass Jesus Christus als Beispiel für praktizierte Zivilcourage vorgestellt wird. Jesus fordert – so Gotthold Hasenhüttl – zum Umdenken auf. Das bedeutet, mutig gegen Unrecht und Ausgrenzung anzugehen und neue Freiheit durch Glauben zu erlangen. Jesus trat konsequent für jene ein, die am Rande der Gesellschaft standen oder von ihr ausgeschlossen waren. Jesus protestierte dagegen, dass Menschen unterdrückt und in ihren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt werden. Hilfe und Heilung für den Einzelnen waren ihm wichtiger als allgemeine Gesetze oder Einflussnahme auf staatliche Autoritäten. Nicht Gehorsam gegenüber den Mächtigen, sondern ethisch verantwortete Zivilcourage ist die Botschaft Jesu, die den unangepassten Menschen will. Zivilcourage, die gegen den Strom schwimmt, ist unbequem und anspruchsvoll, für „die da oben“ wie für „die da unten“. Die Gesellschaft ist sich einig in der Forderung nach mehr Zivilcourage.

Aber will unsere Gesellschaft tatsächlich eine neue Praxis zivilcouragierten Handelns nicht nur in der S-Bahn, sondern auf breiter Basis, an vielen sozialen Orten? Wollen die Mächtigen wirklich Widerspruch und aufrechten Gang, Kritik und Solidarität bei denen, die unter ihnen stehen oder sich unterlegen fühlen? Wie steht es um die Praxis zivilcouragierten Handelns etwa am Arbeitsplatz, in den vielen Gruppen und Organisationshierarchien, in denen wir leben? Wie geht man dort und anderswo um mit Aufmüpfigen, mit „radikalen“ Meinungen und kritischen Minderheiten? Warum haben es „Abweichler“ in Parteien und Parlamenten so schwer? Eine Reihe von Beiträgen beschäftigt sich mit der Praxis, den Schwierigkeiten und Erfolgschancen zivilcouragierten Handelns in Betrieben und Verwaltungen, in den Parlamenten und den Medien. Ermutigung zum aufrechten Gang ist dabei das Leitmotiv.

Das geltende Recht setzt zunächst den Rahmen für zivilcouragiertes Handeln: Wieweit darf die Meinungsfreiheit am Arbeitsplatz, in Betrieben, Verwaltungen und in der Schule gehen? Koalitions- und Meinungsfreiheit, Kritik an Vorgesetzten und Arbeitgeber dürfen arbeitsvertragliche Pflichten oder das Verbot der Beleidigung und übler Nachrede nicht verletzen. Der Gedanke des Betriebsfriedens hingegen – so Wolfgang Däubler – stellt keine eindeutig zu definierende Grenze dar; die Rechtsprechung dazu ist uneinheitlich. Obwohl Arbeitnehmer den Betriebsfrieden zu respektieren haben, sind mutige „Schritte in die Öffentlichkeit“ dann legitim, wenn es um die Aufdeckung schwerer Missstände geht und keine andere Abhilfe möglich ist. (Gerade erst hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte jene gestärkt, die dies als Hinweisgeber oder „Whistleblower“ getan haben.) Und schließlich: Welche Besonderheiten gelten für den öffentlichen Dienst? Von Lehrerinnen und Lehrern wird erwartet, dass sie bei der politischen Betätigung Mäßigung und Zurückhaltung an den Tag legen. Ist dieses Gebot angesichts neuer Medien – die Schülern neue Wege der (sanktions-)freien Meinungsäußerung bieten – nicht ein Relikt?

Zivilcourage am Arbeitsplatz meint ein sozial mutiges Verhalten, das aneckt und gegen den Mainstream gerichtet ist, aber vielfältig produktiv sein kann. Dieter Frey und Albrecht Schnabel gehen von der These aus, dass ein Mehr an Zivilcourage mittel- und langfristig zum betrieblichen Erfolg beiträgt. Die Wertschätzung kritischer Mitarbeiter setzt jedoch ein Firmenethos voraus, das auf Achtung der Menschenwürde, Kundenorientierung, Offenheit und Transparenz, Anerkennung und Respekt fußt. Sozialer Mut am Arbeitsplatz kann so nicht nur innovative Veränderungen und positive wirtschaftliche Effekte zeitigen, sondern verhindert auch Frustration und Demotivation bei den Mitarbeitern. Wer Kritik und konstruktive Zivilcourage unterdrückt, gefährdet letztlich den Bestand eines Unternehmens oder einer sozialen Organisation.

Ausgehend von persönlichen Erfahrungen analysiert der Unternehmensberater Johannes Czwalina sehr kritisch und engagiert, wie sich die strukturellen Mechanismen der Wirtschaftswelt auf die Psyche der Menschen auswirken: sie verhindern zivilcouragiertes Verhalten. Ökonomisches Denken strebt nach dem günstigsten Verhältnis von Kosten und Ertrag, Leitwert ist die Steigerung von Produktivität und Gewinn. Diese instrumentelle Vernunft fordert die Anpassung des Einzelnen an die Strukturen der kapitalistischen Arbeitswelt, in denen Machtstreben und Opportunismus dominieren. Die Grenze zum Macht-missbrauch ist oftmals hauchdünn. Als Gegenbild entwickelt Johannes Czwalina das „Mut-Stärke-Dreieck“, dessen Kraftquelle persönliche Authentizität, also Wahrhaftigkeit im Reden und Handeln ist. Gefragt sind in Betrieben authentische Menschen als Vorbilder und ein an demokratischen Werten orientiertes Handeln, das persönliches Wachstum und moralische Integrität fördert.

Am Beispiel der Untersuchung „Lebensführung und solidarisches Handeln in der Krise – U35“ erörtern Lucie Billmann und Josef Held hemmende und fördernde Faktoren für couragiertes und widerständiges Verhalten. In Protestdemonstrationen verbinden sich couragiertes und solidarisches Handeln. Am Arbeitsplatz wehren sich Menschen – oft eher weniger offensiv – u. a. gegen Missachtung, Geringschätzung, Ungerechtigkeiten und Demütigungen. Oft sind es mutige Einzelne, die solche Missstände benennen und mit ihrem Handeln anderen Mut machen, widerständig zu werden. Effekte der Solidarisierung sind stark an Anteilnahme und wechselseitige Anerkennung gebunden. Autoritarismus und Ich-Orientierung, Resignation und Rückzug hindern Menschen an widerständigem couragiertem Handeln. Erfahrungen von Empowerment, Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung hingegen können couragiertes Handeln begünstigen. Solidarität – so das Fazit– wächst durch Praxis und bedarf eines minimalen Gefühls sozialer Zusammengehörigkeit.

Journalisten sollen über aktuelle Ereignisse informieren, Missstände kritisieren, eine Wächter- und Kontrollfunktion wahrnehmen, den Sprachlosen unserer Gesellschaft eine Stimme geben. Gemessen an dieser hohen Norm ist die aktuelle Entwicklung des Journalismus – so der Journalist Josef-Otto Freudenreich – allerdings besorgniserregend. Sein pointiertes Urteil: Die meisten Medien sind uniformiert, von ihren Anzeigenkunden abhängig und orientieren sich unkritisch an den Denkweisen des gesellschaftlichen Mainstreams. Engagierter bzw. investigativer Journalismus, der Zivilcourage voraussetzt, wird immer seltener. Die Medien müssen sich auf ihre Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit besinnen. Das bedeutet: die journalistische Arbeit muss sich einem ethischen Kodex verpflichtet fühlen und mehr Zivilcourage zeigen, um auch unbequeme Wahrheiten offen auszusprechen.

Im parlamentarischen Betrieb müssen Abgeordnete oftmals eine Gratwanderung zwischen Fraktionsdisziplin und Gewissensfreiheit vollziehen. Das bequeme „Abnicken“ parteiinterner Vorgaben führt zur schleichenden Entmachtung gewählter Politikerinnen und Politiker. Dies hat letztlich – so die These des Bundestagsabgeordneten Marco Bülow – zur Folge, dass das Parlament nicht mehr das eigentliche politische Entscheidungszentrum ist. Ausschlaggebend für diesen Macht- und Bedeutungsverlust der Abgeordneten wie der Parlamente insgesamt sind u. a. das autoritäre Gebaren von Fraktions- und Parteispitzen, die Kritik und parteiinterne Debatten immer weniger zulassen, eine übersteigerte Fraktionsdisziplin sowie der Wunsch vieler Abgeordneter, ihre Karriere nicht zu gefährden. Mehr Zivilcourage von Politikerinnen und Politiker ist nötig, wenn der Einflussverlust des Parlaments gestoppt, der Lobbyismus eingedämmt, die Entfremdung zwischen Bürger und Parteien abgebaut und eine neue Diskussionskultur in den Fraktionen entstehen soll.

Aktionen zivilen Ungehorsams sehen kritische Minderheiten oft als letztes Mittel, um auf politische und soziale Missstände hinzuweisen und deren Beseitigung anzumahnen bzw. durchzusetzen. Ziviler Ungehorsam vollzieht sich im Spannungsfeld von Rechtsnormen des Staates und dem Gerechtigkeitsempfinden von Individuen bzw. Gruppen. Ziviler Ungehorsam ist öffentlich, gewaltlos und aus Sicht der Akteure politisch-moralisch höher legitimiert als die Einhaltung bestimmter Regeln in einer bestimmten, für die Gesellschaft bedrohlichen Situation. Bei diesen bewussten Regelverletzungen handelt es sich um symbolische Aktionen, die jedoch das Gemeinwesen und die Autorität des Rechtsstaates nicht grundsätzlich in Frage stellen. Trotzdem verlangt ziviler Ungehorsam die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen solcher Normverletzungen einzustehen. Ausgehend von diesem Verständnis erörtert Günther Gugel zehn Merkmale zivilen Ungehorsams. Sie betonen u. a. die Verpflichtung der Akteure gegenüber der Gesellschaft und den Mitmenschen. So verstandener ziviler Ungehorsam ist ein vitales Element moderner Demokratien.

Wie aber kann man Menschen motivieren und persönlich stärken, sich couragiert gegen Unzumutbares zu wehren und sich für andere, für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen? Es gibt objektive und subjektive Hindernisse, aber auch erprobte Strategien und positive Beispiele für zivilcouragiertes Handeln. Man kann lernen, sozial mutiger zu werden – das zeigen Projekte, Programme und Trainings, die sich in der schulischen und/oder außerschulischen Bildungsarbeit bewährt haben. Drei Beiträge entwickeln abschließend praktische Handlungsperspektiven für (zivil-) couragiertes Handeln. Es geht nicht um Heldentaten, sondern um die Courage im Alltäglichen, um eine nachhaltige Förderung von zivilcouragiertem Handeln als Ausdruck sozialer Verantwortung und legitimer Selbstbehauptung. Zivilcourage ist keine persönliche Eigenschaft oder einfach Temperamentssache, sondern grundsätzlich erlernbar. Zivilcouragiertes Verhalten kann auf dem unsystematischen – eher seltenen – Wege des Erfahrungslernens in günstigen biographischen Kontexten erworben werden. Der weitaus häufigere Lernweg ist die auf Eigenmotivation beruhende, pädagogisch angeleitete Verhaltensmodifikation im Rahmen von Trainings.
Theoretisch fundierte und erprobte Zivilcourage-Trainings geben Antworten auf zwei Kernfragen:

  1. Wann und in welchen Kontexten ist zivilcouragiertes Handeln notwendig?
  2. Wie soll angemessen eingegriffen werden?

Kai J. Jonas erörtert zunächst die Ziele solcher Trainings, bilanziert deren Wirksamkeit und widmet sich abschließend der Trainingsrealität. Gleichzeitig werden Missverständnisse korrigiert: Mit einem einmaligen Training ist es zumeist nicht getan und ohne die entsprechende Einbettung in flankierende Maßnahmen (z.B. ein schulisches Präventionskonzept) verpufft das „Gelernte“ sehr schnell. Zivilcourage zu erlernen muss als Prozess verstanden werden, der mit einem Training beginnt und sich in der Folge – fast lebenslang – in der eigenen Erfahrung und Auseinandersetzung mit seiner Umgebung weiterentwickelt.

Schule ist mehr als ein Ort bloßer Wissensvermittlung. Sie ist als Lern- und Lebensraum mit verantwortlich für die gelingende Persönlichkeitsentwicklung der ihr anvertrauten Kinder und Jugendlichen. Die Individualisierung der Lebenswelt und der zunehmende Funktionsverlust der Familie, die soziale Kompetenzen oftmals nicht mehr in ausreichendem Maße vermittelt, verlangen die planvolle Vermittlung sozialer und wertorientierter Verhaltensweisen. Kinder und Jugendliche müssen Wertvorstellungen und entsprechende Einstellungen entwickeln, indem sie durch Erfahrung praxisnah lernen und nicht zuletzt sozialen Mut im Alltag einüben. Voraussetzung dafür sind demokratische und sozialintegrative Beziehungen und Strukturen in Schule und Unterricht. Anne Frey und Sabine Weiß erörtern Konzepte und Möglichkeiten der Entwicklung und Vermittlung von zivilcouragiertem Verhalten auf allen schulischen Ebenen, vom Schulentwicklungsprozess bis hin zu konkreten praktischen Übungsmethoden.„Das Wichtigste, was Menschen miteinander anstellen sollten, ist, sich gegenseitig zu fördern und zu ermutigen. Und genau dies geschieht nicht – oder zu wenig.” (Christa Wolf, Die Zeit v. 29.9.2005, S. 20).

Wie aber kann man andere wirkungsvoll ermutigen, mehr Zivilcourage im Alltag zu zeigen? Zunächst geht es darum, Menschen dafür zu sensibilisieren, wo der Einzelne gefragt ist, mutig für andere einzutreten, wo die eigene Mit-Verantwortung beginnt und wie man ihr gerecht werden kann. Sozialen Mut wird dann eher jemand zeigen, der sich stark genug fühlt, Herausforderungen anzunehmen, der Einflusschancen und Handlungsmöglichkeiten sieht, der Beispiele vor Augen hat und praktische Förderung erfährt. So können Ohnmacht und Angst überwunden werden. Perspektiven dafür wollen die abschließenden Überlegungen von Gerd Meyer zu Mut und Zivilcourage im Alltag eröffnen. Der Beitrag bündelt Erkenntnisse aus den Beiträgen des Heftes, fragt nach den Quellen persönlichen Mutes und benennt Ansatzpunkte zur Förderung von zivilcouragiertem Verhalten in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Forschungen zum Thema Zivilcourage, vor allem auch in den gewaltfreien Konflikten des Alltags, stecken eher noch in den Anfängen. Seit mehr als zehn Jahren hat sich ein fruchtbarer interdisziplinärer Diskurs entwickelt. Wünschenswert wäre aber, dass Forschungsergebnisse noch besser als bisher für die pädagogische Praxis in der schulischen und außerschulischen (politischen) Bildung aufbereitet werden. Anja Klützke stellt mehrere aktuelle Bücher zum Thema (auch zum Umgang mit physischer und psychischer Gewalt in der Schule und am Arbeitsplatz sowie Trainingshandbücher) vor, die diesem Anspruch gerecht werden. Die besprochenen Bücher decken die Interessen verschiedener Adressatengruppen ab: Sie eignen sich für die wissenschaftliche Beschäftigung wie für (sozial-) pädagogisch interessierte Multiplikatoren und Praktiker.

In allen Beiträgen geht es am Ende darum, Perspektiven für couragiertes Handeln, für aufrechten Gang im Alltag aufzuzeigen. Das Titelbild soll dies anschaulich symbolisieren. Aufrechter Gang, das heißt: Rückgrat zeigen, geradlinig seinen Weg gehen, eigenständig und selbstbewusst im Auftreten, Würde bewahren und sich nicht verbiegen, zu sich und seiner Wahrheit stehen. Wer aufrecht geht, setzt ein Zeichen und ermutigt andere es gleichzutun. Dank gebührt allen Autorinnen und Autoren, die in ihren Beiträgen aufschlussreiche Informationen, Einsichten und Argumente vermitteln, die wichtig sind für ein besseres Verständnis der Komplexität zivilcouragierten Handelns und so den sozialwissenschaftlichen Diskurs zu dieser Thematik intensivieren. Es liegt in der Natur der Sache und ist der individuellen Auseinandersetzung mit Zivilcourage geschuldet, dass dieses Heft essayistische und akademische, sachliche und eher persönlich gehaltene Beiträge vereint. Bilder und Textkästen sollen ebenso Denkanstöße vermitteln, zu Reflexion und Widerspruch anregen.
Ein besonderer Dank gebührt vor allem Prof. Dr. Gerd Meyer, der mit wichtigen Impulsen und fachlichem Rat wesentlich zum Entstehen des Heftes beigetragen hat. Dank gebührt nicht zuletzt dem Schwabenverlag für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech

 

 


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