Zeitschrift

 

 

Gewalt
 

 

 

Heft 3/2018

Hrsg: LpB



 

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Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Gewalt


Gewalt ist ein komplexes Phänomen, das nicht eindeutig und zweifelsfrei zu definieren ist. Vielfältige Erscheinungsformen und normativ aufgeladene Definitionen machen Gewalt zu einem schwer fassbaren Phänomen. Dies spiegelt sich in den sich unterscheidenden Definitionen und Erklärungsversuchen wider. Die Frage nach der Gewalt ist womöglich die „Urfrage des Menschen“. Unterschiedliche Formen von Gewalt scheinen zu Menschen und Gesellschaften aller Epochen zu gehören. Erkenntnisse der Gewaltforschung legen nahe, dass es eine gewaltfreie Gesellschaft bisher nicht gegeben hat. Nüchtern betrachtet ist Gewalt ein sozialer Tatbestand, der zum menschlichen Handlungspotenzial gehört.

Gewalt umfasst unterschiedliche Phänomene und Praktiken. Der Korpus dessen, womit sich die Gewaltforschung auseinandersetzt, wächst beständig. Diese Ausdifferenzierung hat Gründe: Je intensiver zu einem Gegenstand geforscht wird, umso mehr fächert er sich auf. Das erklärt aber noch nicht, weshalb bestimmte Phänomene stärker fokussiert und andere weniger beachtet werden. Schwerpunktsetzungen und Auslassungen sind stets gesellschaftlichen Umständen geschuldet. Forschung folgt aktuellen Gewaltpraxen und gesellschaftlichen sowie wissenschaftlichen Diskursen. Michaela Christ skizziert die Schwerpunkte und Facetten der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Gewalt in der jüngeren Vergangenheit.

Gewalt und Aggression sind komplexe Begriffe. Die Komplexität beider Begriffe spiegelt sich in vielfältigen Definitionen und Erklärungen wider. Es mangelt bis heute an einer breit akzeptierten begrifflichen Übereinkunft. In der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte kursieren unterschiedliche Erklärungsmodelle für die Ursachen von Aggression und Gewalt. Günther Gugel diskutiert verschiedene Gewaltbegriffe und Erklärungsmodelle sowie Zusammenhänge von Gewalt und Aggression. Die Skizzierung der wissenschaftlichen Erklärungsansätze macht die unterschiedliche Reichweite der Modelle deutlich. Gewalt und Aggression lassen sich letztlich nur als ein Zusammenspiel vielfältiger Faktoren erklären.

Dem von Pierre Bourdieu entwickelten Konzept der symbolischen Gewalt liegt ein erweiterter Gewaltbegriff zugrunde. Mit dem Begriff der symbolischen Gewalt soll erklärt werden, warum unter sozialer Ungleichheit leidende Menschen nicht gegen gesellschaftliche Strukturen protestieren. Im Laufe der Sozialisation werden laut Bourdieu Denk- und Einstellungsmuster vermittelt, die soziale Ungleichheiten als selbstverständlich gegeben erscheinen lassen. Mittels „symbolischer Kämpfe“ wird definiert, welche Regeln in einem bestimmten gesellschaftlichen Feld gelten. Diese Regeln bleiben zumeist im Unbewussten verhaftet, strukturieren als „sanfte Gewalt“ die soziale Welt und sorgen für eine „verdächtige Ruhe“. Stephan Moebius und Frithjof Nungesser erörtern die Folgen symbolischer Gewalt anhand von zwei gesellschaftlich relevanten Aspekten: Geschlecht und Bildung.

Frauen werden verhältnismäßig oft mit zwei Formen von Gewalt konfrontiert: Es handelt sich dabei um Gewalt in nahen Beziehungen („häusliche Gewalt“) sowie um sexuelle Gewalt innerhalb von Beziehungen, aber auch im öffentlichen Raum und in der Arbeitswelt. Untersucht man Gewalterfahrungen nach Geschlechtern getrennt, gibt es mit Blick auf den Kontext der Gewalt und den Schweregrad Unterschiede: Frauen erleben einen ungleich stärkeren Grad an Viktimisierung. Bei den Ursachen von Gewalt gegen Frauen spielen lebensgeschichtliche, gesellschaftliche, politische und kulturelle Rahmenbedingungen eine Rolle. Der angemessene Umgang mit sexueller und häuslicher Gewalt ist deshalb so schwierig, weil diese Gewaltphänomene gemeinhin der Privatsphäre zugeschrieben werden. Wirksame Interventions- und Präventionsmaßnahmen müssen sich – so Carol Hagemann-White – daran messen lassen, inwieweit sie den Anspruch auf Gerechtigkeit und auf Hilfe zu einem gewaltfreien Leben einlösen.

Jugendgewalt sorgt in den Medien stets für Schlagzeilen, macht bestürzt und weckt Ängste. Allerdings lassen die Medienberichte nicht erkennen, wie häufig die Vorkommnisse und wie verbreitet schwere Formen von Jugendgewalt sind. Wolfgang Heinz erörtert auf einer umfangreichen Datenbasis die im Zentrum der medialen und kriminalpolitischen Diskussion stehenden schweren Formen der physischen Gewalt gegen Personen, die von jungen Menschen verübt werden. Die Daten belegen, dass Jugendkriminalität episodenhaft ist. Nur ein geringer Teil junger Menschen wird wiederholt auffällig. Ein weiterer Aspekt kommt in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz: Junge Menschen sind nicht nur Täter, sondern auch überproportional Opfer. Für die Annahme, Jugendgewalt werde „brutaler“, lassen sich keine Belege finden.

Zwischen realer und medialer Gewalt ist grundsätzlich zu unterscheiden. Reale Gewalt ist ein spezifischer Modus der Interaktion und in der sozialen Realität eine Handlungsoption unter anderen. Gerade dadurch bekommt sie ihren beunruhigenden Charakter. Mediale Gewalt hingegen ist eine bestimmte Form der symbolischen Darstellung von Gewalt in den Medien. Mediale Gewalt begegnet uns in drei Formen: als abgebildete reale, inszenierte reale und als inszenierte fiktionale Gewalt. Lothar Mikos analysiert die verschiedenen Formen und Mittel der Gewalt sowie deren ästhetische, akustische und visuelle Inszenierung. In einem weiteren Schritt werden differenzierte Wirkungstheorien in den Blick genommen, die keinen schlichten bzw. monokausalen Zusammenhang von Mediengewalt und gewalttätigem Handeln behaupten.

Es gibt gute böse Filme. Es gibt schlechte böse Filme. Soweit d’accord. Aber ein Kind sterben zu lassen, grenzt schon an Missbrauch des Kinos, sagte François Truffaut. Ein lange vergessener Satz. Der Mörder ist nicht der Gärtner, der Mörder ist der Drehbuchschreiber. Drehbuchautoren töten im „Tatort“ regelmäßig widerspruchslos Kinder. Man möchte aufstehen und den Drehbuchautor ohrfeigen! – Darum geht es in Jo Berliens Essay. Der Text ist streckenweise Polemik und Pamphlet, weil, wie der Autor schreibt, auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Weil sich die Intellektuellen im Abstrakten verlieren, während es um Kindsmord geht, weil Cineasten den Tod des Kindes aus dramaturgischer Sicht für erforderlich halten. Weil man all das nicht mehr bereit ist hinzunehmen, sobald man selbst Kinder hat.

Zwischen Menschen und Tieren besteht ein ambivalentes Verhältnis: Tierliebe auf der einen, Zwang und Gewalt auf der anderen Seite. Frithjof Nungesser analysiert Praktiken im Umgang mit Tieren, die dem gewalttätigen Spektrum zuzurechnen sind. Er nimmt dabei unterschiedliche Funktionen in den Blick, die mit den Gewaltpraktiken an Tieren verbunden sind: die Nahrungs-, Material- und Wissensgewinnung. Des Weiteren werden Praktiken skizziert, in denen Gewalt primär Selbstzweck ist (z. B. Tierquälerei). Allein für Nahrungszwecke wurden im Jahr 2016 weltweit über 70 Milliarden Landwirbeltiere getötet – eine Zahl, die in der Öffentlichkeit kaum registriert wird. Der Beitrag diskutiert die Frage, warum wir von der hochgradig rationalisierten und technisierten Massengewalt an Tieren so gut wie nichts mitbekommen. Zudem werden die ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen erörtert, die mitsamt der Gewalt aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt werden.

Gewaltbereitschaft ist ein konstitutiver Bestandteil der Autonomen-Szene. Gewalt ist ein akzeptierter und aus Sicht der Szene legitimer Handlungsstil. Armin Pfahl-Traughber erörtert die Ideologie und Praxis der Autonomen und skizziert des Weiteren deren Organisationsstruktur, Entwicklung und Zusammensetzung. Die Diskussion des Gewaltverständnisses, der Formen der Gewaltanwendung und schließlich ein Blick in die Statistik erlauben, trotz einem begrenzten Aussagewert der Daten, Rückschlüsse auf das Gefahrenpotential der Autonomen-Szene. Abschließend erörtert Armin Pfahl-Traughber noch einen weniger beachteten Aspekt: Die von Autonomen bei Großereignissen praktizierte Gewalt, wie unlängst auf dem G 20-Treffen in Hamburg, diskreditiert das politische Anliegen friedlicher Demonstranten.

Die erst 2011 bekannt gewordene Gewalt des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) – zehn Morde zwischen 2000 und 2007 – war ein Schock für die deutsche Gesellschaft. „So etwas“ – eine neue Dimension rechts-extremer Gewalt – hielt niemand für möglich. Den Mammutprozess gegen Beate Zschäpe und weitere Angeklagte verfolgte die Öffentlichkeit mehr als fünf Jahre. Dabei kursier(t)en viele Verschwörungstheorien. Der Beitrag von Eckhard Jesse präsentiert nach Klärung einschlägiger -Begriffe einen Überblick zur organisierten und unorganisierten rechtsextremen Gewalt vor und nach der Wiedervereinigung. An diese Übersicht knüpft ein knapper Vergleich der beiden Phasen an. Um die Größenordnung der rechtsextremen Gewalt besser beurteilen zu können, folgt ein kurzer Vergleich mit der linksextremen Gewalt. Den Abschluss bilden einige Thesen zu einer Thematik, bei der Kritiker den Eindruck erwecken, als bekämpfe die deutsche Demokratie die rechtsextreme Gewalt nur halbherzig.

„Radikalisierung“ ist – ebenso wie der Begriff „Extremismus“ – ein kontrovers diskutierter Terminus. Trotzdem sind beide Begriffe aus Debatten und Diskursen nicht mehr wegzudenken. Wie lässt sich das Phänomen „Radikalisierung“ angemessen erklären? Stefan Winter erörtert die Herausbildung einer „radikalen“, d. h. autoritären, identitäts- und gemeinschaftsverehrenden Haltung, in der sich Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit widerspiegeln. Sozialpsychologische Erklärungsparadigmen bieten für die Entstehung autoritärer Haltungen unterschiedliche Erklärungen an. Autoritäre Sinnstiftungsmuster – so das Fazit – sind nicht nur an den Rändern der Gesellschaft anzutreffen, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft. Wirksame Gegenstrategien müssen sich daher dort mit jenem Substrat politisch auseinandersetzen, auf dem autoritäre Haltungen gedeihen.

Terrorismus ist eine Form politischer Gewalt. Terrorismus ist in Politik und Gesellschaft sowie bei Sicherheitsbehörden zu einem Dauerthema geworden. Zentraler Bestandteil der Debatte ist dabei die Frage der effektiven und angemessenen Bekämpfung von Terrorismus. Will man rationale Antworten auf terroristische Bedrohungen finden, ist eine sachliche Auseinandersetzung mit terroristischer Gewalt geboten. Peter Imbusch geht zunächst der Frage nach, was Terrorismus eigentlich ist. Anschließend erörtert er unterschiedliche Arten und Typen terroristischer Gewalt. In einem weiteren Schritt werden historische Konjunkturen und Dynamiken skizziert. Nimmt man Radikalisierungsprozesse und mögliche Legitimationsstrategien von Terroristen in den Blick, zeigt sich, dass die Wege hin zum Terrorismus vielgestaltig und keineswegs eindimensional sind. Nur über die genaue Analyse dieser Wege lassen sich adäquate Bekämpfungs- und Gegenstrategien entwerfen.

Wer gilt wann und warum als Opfer von Krieg und Gewalt? „Opfer“ ist eine historisch gewordene Figur. Vor gut zweihundert Jahren wurden trotz Krieg, vielfacher Gewalt, Katastrophen und sozialer Notlagen Menschen, die Gewalt, Not und Grausamkeiten erlitten, nicht als Opfer bezeichnet. Die Zuschreibung, ein Opfer zu sein, hat eine Geschichte. Svenja Goltermann zeigt, wie sich seit der Wende zum 19. Jahrhundert die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt veränderte und sukzessiv die Figur des Opfers entstand. Neue Erkenntnisse in der Medizin und im Recht veränderten die Wahrnehmung von Leiden und Tod, von legitimer und illegitimer Gewalt. Im 20. Jahrhundert erfasste die Figur des Opfers immer mehr auch Leidende und Geschädigte, vor allem seit das psychische Trauma als Verletzung anerkannt wurde.

Sind moderne Gesellschaften gewaltavers und gewaltärmer geworden? Debatten und Veröffentlichungen, die dergestalt argumentieren, übersehen die Fähigkeit des Menschen zu Gewalt. Sozial verträgliches Zusammenleben lässt sich nur bewerkstelligen, wenn Gewalt normativ bearbeitet und institutionell kontrolliert wird. Dabei wird eine Paradoxie deutlich: Will man Gewalt eindämmen, kommt man ohne Androhung und gelegentliche Ausübung von Gewalt nicht aus. Daraus resultiert ein weiteres Problem: Ordnungsstörende muss von ordnungsstiftender Gewalt unterschieden und normativ legitimiert werden. Moderne Gesellschaften müssen die Verflechtung von Gewaltausübung, -kontrolle und -legitimation vor dem Hintergrund ihrer Wertvorstellungen und Weltbilder bearbeiten. Dies führt dazu, dass sich die Vorstellung verfestigt hat, in einer gewaltarmen sozialen Ordnung zu leben. Somit ist die Moderne – so Teresa Koloma Beck – in normativer Hinsicht zwar gewaltavers, aber empirisch alles andere als gewaltarm.

Allen Autorinnen und Autoren, die mit ihren Beiträgen aufschlussreiche Informationen und Einsichten vermitteln, sei an dieser Stelle gedankt. Dank gebührt auch dem Schwabenverlag und der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.
 

Siegfried Frech

 

 


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