Zeitschrift

Ostmitteleuropa



Heft 3/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis


 

Vorwort

Polen - Ungarn - Tschechien - Slowakei


Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der laufenden Transformation seiner Staatenwelt in Richtung westlicher Modelle von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft hat unser Bewußtsein eine neue Perspektive bekommen, nehmen wir unsere Nachbarn neu und intensiver wahr als in den Jahrzehnten zuvor.

Der ehemalige Ostblock beginnt an der deutschen Grenze, im Falle von Polen und Tschechien unmittelbar, bei Ungarn und der Slowakei in Reichweite. Das Bedürfnis steigt, Näheres, Genaueres über diese unsere "neuen" Nachbarn zu wissen. Für Handel und Industrie ist dieses Wissen von unmittelbarer praktischer Bedeutung. Doch wir alle haben hier einen Informationsbedarf.

Der Begriff "Ostmitteleuropa" kann weiter gefaßt werden, als wir es hier tun, indem wir uns auf vier Länder beschränken. Im Falle von Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei haben wir es mit alten Industrieländern zu tun, auch zu Zeiten des "real existierenden Sozialismus", im Rahmen des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW bzw. COMECON) arbeitsteilig für die Herstellung hochwertiger Industriegüter bestimmt. Nach der Auflösung des Ostblocks haben diese Staaten 1991 im ungarischen Visegrad beschlossen, eine gemeinsame Freihandelszone zu bilden. Diese ist zwar ohne große praktische Bedeutung geblieben, zeigte aber an, daß diese Staaten sich bestimmter Gemeinsamkeiten bewußt waren, die es auch für uns rechtfertigen, sie bis heute als Visegrad-Staaten zu bezeichnen: Gemeinsamkeiten in der geopolitischen Lage ("Mittelosteuropa"), in der Geschichte (Zugehörigkeit zum ehemaligen Habsburgerreich, große Teile Polens eingeschlossen), im Entwicklungsstand und im Bezug zu Deutschland, zu Österreich und zu Westeuropa. Das Streben dieser Staaten zum Beitritt zu Europäischer Union und zur NATO ist nicht zufällig hier besonders groß.

Bei dieser engen Verbindung zu und Verbundenheit mit Deutschland kann uns die Entwicklung dieser Nachbarländer nicht gleichgültig sein. Mit diesem Heft unserer Zeitschrift "Der Bürger im Staat" versuchen wir, eine Art Zwischenbilanz zu ziehen - über den Stand der Demokratisierung und den der Transformation des Wirtschaftssystems vom Plan zum Markt, aber auch über die bislang erreichte Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaften. Neben übergreifenden Beiträgen zur politischen Geographie, zur politischen Entwicklung, zur Transformation des Wirtschaftssystems sowie zur wirtschaftlichen Entwicklung stehen Einzelbeiträge zu jedem der vier Länder, ergänzt durch zusätzliche Schaubilder zum schnelleren und besseren Verständnis von deren Regierungssystemen.

Die Autorinnen und Autoren gehören verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen an: der Politikwissenschaft wie der Geographie, der Wirtschaftswissenschaft wie der Rechtswissenschaft. So ergibt sich eine Gesamtschau, die nicht durch künstliche Fächergrenzen verstellt wird, mit unterschiedlichen Perspektiven und Ergänzungen, wie das für unsere Zeitschrift "Der Bürger im Staat" üblich ist.


Hans-Georg Wehling