Zeitschrift

Ostmitteleuropa



Heft 3/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 

 


Die Logik der Himmelsrichtungen war außer Kraft gesetzt

Ostmitteleuropa

Zur Entwicklung eines Raumbegriffs

Von Adolf Karger (gest.)


Nachdem der Name "Mitteleuropa", teilweise wenigstens, desavouiert erscheint, zumindest mißverstanden werden kann, kommt der Begriff "Ostmitteleuropa" zurück, mit dem Staaten des ehemaligen Ostblocks ihren Anspruch anmelden, zum Westen gehören: Polen und Ungarn, Tschechien und die Slowakei. West und Ost bezeichnen längst keine Himmelsrichtungen mehr, vielmehr markieren sie unterschiedliche historisch-kulturelle Prägungen, nicht zuletzt vermittelt durch Deutschland und Deutsche.          
Red.


Der unsicher gewordene "Mitteleuropa"-Begriff

Man tut gut daran, sich dem Begriff Ostmitteleuropa nicht so sehr vom Begriff "Mitteleuropa1" her zu nähern. Denn dieser Begriff ist, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, unsicher geworden. Und zwar

- seitdem der "Mitteleuropa2"-Begriff durch das deutsche Streben nach Hegemonie in zwei Weltkriegen belastet wurde. Das sowohl bei den kleineren Völkern zwischen Ostsee und Adria wie bei den klassischen "Westmächten". Auch bei den Deutschen selbst3.

- überdies seit die Folgen des Zweiten Weltkrieges zur Teilung der Welt und des Kontinents führten und die Sowjetunion ihre politische Machtperipherie und wirtschaftliche Einflußsphäre so weit nach Westen zu verschieben in der Lage war, daß sie damit die Logik der Himmelsrichtungen außer Kraft setzte: Ostberlin und Prag gehörten zum "Osten" und das östlich von beiden liegende Wien zum "Westen".

Noch mehr verwirrten sich paradoxerweise die Begriffe, als dissidente Intellektuelle aus Ostmitteleuropa entweder dort, wie der ungarische Schriftsteller Györgi Konrad in Budapest, oder im westlichen Exil, wie der Tscheche Milan Kundera4 in Paris, das Wort ergriffen, um ihr geistigkulturelles Heimatrecht in Mitteleuropa zu reklamieren.

Nach den beiden genannten Wortmeldungen folgte eine Flut von Stellungnahmen5, in denen deutlich wurde, daß es den ostmitteleuropäischen und später auch den "westlichen" Diskussionspartnern nicht mehr um eine regionale Einteilung des Erdteils Europa, also um Geographie6, ging, sondern für sie "Mitteleuropa" ein historisch-kultureller Begriff war. Wie kam es zu diesem?


Historische Prozesse, die den Westen und die Mitte Europas prägten

Es ging den dissidenten Intellektuellen an der westlichen Machtperipherie der Sowjetunion damals um ihre und ihrer Länder Zugehörigkeit zu einer historisch-kulturellen Wertegemeinschaft. Diese hatte sich im Laufe der Geschichte vom Süden und atlantischen Westen Europas über die Mitte des Kontinents bis zum Übergang zu seinem kontinentalen Rumpf (also über den Westen des gesamten Kontinents) ausgebreitet. Und zwar im wesentlichen durch die Prägekraft der folgenden historischen Prozesse:

  • Die Übernahme des klassischen griechisch-römischen Erbes, was unmittelbar nur in "Alteuropa" bis zur Rhein- und Donaulinie möglich war, mittelbar aber folgenreiche Ausstrahlungen weit über diese Linie hinaus hatte.
     
  • Die Übernahme des (westlichen) Christentums von Rom und von anderen frühen Strahlzentren im Westen Europas aus; von der Elbe-Saale-Linie aus nach Osten in die Slawenländer, vorwiegend unter deutscher Vermittlung.
     
  • Das wieder war, zusammen mit dem deutschen Anteil an der hochmittelalterlichen "Ostkolonialisation", von großer Bedeutung für die spätere National- und Sozialstruktur des nachmaligen Ostmitteleuropa, auch für den Transfer von technischen Fertigkeiten und geistigen Fähigkeiten.
     
  • Reformation, Renaissance und Aufklärung;
     
  • Bürgerfreiheit in selbstverwalteten Städten, Individualismus und soziale wie regionale Autonomien, überdies eine Rechtsordnung und Rechtskultur zu deren Schutz, die sich hier entwickelten.
     
  • Ein Machtgleichgewicht von Kirche und Staat, das sich einpendelte.
     
  • Stände und Zentralgewalt, die zu einem durch Recht und Verfassung geregelten Machtausgleich fanden.

Schließlich wurde der Westen Europas zur Wiege von Nationalstaaten, die vielfach den langen Prozeß der Nationsbildung abschlossen und zum Zentrum dessen, was heute generell als "Modernisierung" bezeichnet wird. Insbesondere das wirtschaftlich-soziale Element der Modernisierung hatte um die Mitte des 19. Jahrhunderts Böhmen und Mähren im europäischen Maß erreicht. Ungarn und Polen in ihrem jeweiligen Westen sowie einigen städtischen "Inseln" stärker als im ländlichen Osten. Vor allem in den jeweiligen Hauptstädten, die Zentren der Modernisierung und deren staatliche Impulsgeber waren.7

Nicht jeder Teil des europäischen Westens wurde gleichermaßen von den genannten historischen Prozessen betroffen, auch nicht zur selben Zeit, auch nicht gleich lang und schon daher nicht mit gleicher Intensität beeinflußt. Ihre Prägekraft war daher höchst unterschiedlich. Aber wesentlich war die kombinierte Wirkung dieser Prozesse und daß diese im kontinentalen Rumpf des Erdteils jenseits eines breiten Grenzsaumes (der den wechselnden Ostgrenzen Polens oder des historischen Ungarns entspricht) aufhörten oder verblaßten, von anderen historischen Wirkungszusammenhängen überlagert wurden.

Die Folge der nach Zeit und Intensität regional sehr unterschiedlichen Wirkung der genannten historischen Prozesse ergab sich im Westen Europas (auch auf dem Hintergrund einer engeren naturräumlichen Differenzierung) eine dicht besiedelte, enggekammerte Kultur- und Wirtschaftslandschaft, wie sie in Osteuropa in dieser engräumlichen regionalen Differenzierung nicht anzutreffen ist.

Auch in einem globalen Zusammenhang war die Wertegemeinschaft, die durch die angedeuteten historischen Prozesse sich im westlichen Teil Europas entwickelt hatte und später auf Nordamerika übertragen wurde, einmalig. In der modernen Ausprägung in Form von Mehrparteiendemokratie, der Achtung von Menschenrechten und von persönlichen wie politischen Freiheitsrechten ist das Wort "westlich" heute fast ein symbolischer Ausdruck geworden - und hat in dieser Bedeutung mit der ursprünglichen Himmelsrichtung oder mit Geographie nichts mehr zu tun.


Der Osten Europas wurde gänzlich anders geprägt

Den Osten des Kontinents trafen die genannten historischen Prozesse entweder nur randlich, kurzzeitig, mit geringen Auswirkungen oder überhaupt nicht. Wesentlich waren dort die

  • Prägung durch das orthodoxe Christentum von Byzanz aus und über das Strahlungszentrum Kiew in das ostslawische Hinterland;
     
  • spätestens seit dem 16. Jahrhundert ein starker "zentralisierter Einheitsstaat" die "Moscovia" der zeitgenössischen westlichen Geschichtsquellen.

Stark waren die Moskauer Großfürsten und später die Zaren besonders

in der Auseinandersetzung mit dem rivalisierenden Hochadel, so daß sie beim "Sammeln der russischen Länder" alle Spuren eines historischen Regionalismus weitgehend niederwalzen konnten. Als Folge ist die kulturräumliche Differenzierung im ostslawischen Siedlungsgebiet geringer als im Westen. Es sei denn, sie beruhen auf naturräumlichen regionalen Unterschieden..


Räumliche Grundstrukturen im Westen und Osten im Vergleich

Man ist sich längst darüber einig, daß eine bestimmte naturräumliche Ausstattung eines Landes nicht seine Geschichte determiniert. Aber ebenso weiß man heute, daß bestimmte naturräumliche Verhältnisse historische Prozesse fördern oder einschränken können. In diesem Sinn fördert ein grober Vergleich unser Verständnis über West und Ost in Europa, und eben über die verbleibende Mitte des Kontinents.

  • Die naturräumlichen Voraussetzungen für die Landwirtschaft waren in Osteuropa mit einem kontinentaleren Klima, mit längeren und kälteren Wintern sowie kürzeren sommerlichen Vegetationsperioden im Osten ungünstiger als im Westen.
     
  • Auch daher war die Bevölkerungsdichte in vorindustrieller Zeit immer geringer als im Westen. Mit Ausnahme einiger weniger Industrieagglomerationen ist das bis in die Gegenwart so geblieben.
     
  • Die "Halbinsel-Europa" (westlich von Ostsee und Schwarzem Meer) im Westen ist dagegen durch Mittelgebirge gegliedert, die das Land naturräumlich differenzieren und deren geologischer Bau überdies oft Bunt- und Edelmetalle in geringen Tiefen bedingt. Der osteuropäische Rumpf ist vorwiegend ebenes Land in dem die naturräumliche Differenzierung sich mehr in den "großen Zonen der Natur"8 ausdrückt als in der kleinen naturräumlichen Kammerung von Hoch und Tief und Luv und Lee, die wir aus dem Westen und der Mitte Europas kennen.

Die günstigsten natürlichen Voraussetzungen für die ländliche Siedlung herrschten in Osteuropa nach Boden und Klima im Südwesten, in der Waldsteppenzone und Teilen der Steppe im Süden davon. Sie waren aber seit dem ersten Vorstoß der Mongolen-Tataren in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts für die ostslawischen Ackerbauern nur noch beschränkt nutzbar9. Im Gegenteil, die Tatarenabwehr an der langen Steppengrenze10 der "Moscovia" und Teilen der nachmaligen Ukraine erforderte einen großen volkswirtschaftlichen Aufwand. Tatareneinfälle in das Moskauer Land forderten einen hohen Blutzoll bis in das
16. Jahrhundert. Die Abwehr des Steppenfeindes legitimierte den Moskauer Zentralismus, auch als diese schon längst in russische Aggression übergegangen war.

Die reich gegliederte atlantische Front der "Europäischen Halbinsel" regte die Seefahrt an, förderte einen "maritimen" Kolonialismus mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz und großen Gewinnen an exotischen Importgütern. Der osteuropäische Rumpf war auch in dieser Beziehung benachteiligt. Der russische Kolonialismus war ein "kontinentaler", erforderte einen großen wirtschaftlichen Einsatz bei der Raumüberwindung und einen politisch-militärischen für die Sicherung von Wegen und Kolonien. Das Nördliche Eismeer ist die längste Zeit des Jahres zugefroren. Als es vom 16. Jahrhundert an für den Handel Rußlands mit dem Westen (über Archangels) genutzt werden konnte, machten die erfahreneren Engländer (später die Niederländer) das russische Geschäft. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts gelang es Peter dem Großen, sich an der Ostsee festzusetzen und mit Livland (Est- und Lettland) ein kleines Stück echten "Westens" zu erobern. Mit dem Bau St. Petersburgs und der Ostseeflotte wurde Rußland eine europäische Macht. "Westliche" Einflüsse wehten durch das "Fenster an der Ostsee", St. Petersburg wurde anfangs von ausländischen Architekten und Handwerkern gebaut. Russen lernten rasch von ihnen. Nach
St. Petersburger Plänen wurden die innerrussischen Städte umgeplant und modernisiert. Petersburger Architekten schickten die Blaupausen ihrer Schlösser, Kirchen und Krankenhäuser in die Tiefe der Provinz und sorgten so für deren "Europäisierung". Der Westen wurde Vorbild für Reformen aller Art.


Auch in Rußland wurde "Westen" zum Symbolwort

Auch im Rußland des 19. Jahrhunderts wurde die Himmelsrichtung "Westen" zum Symbolwort. Wer von der russischen Intelligenzia sich die Zukunft Rußlands nach dem Vorbild des europäischen Westens vorstellte, der nannte sich "Westler", sah in Peter dem Großen seinen und Rußlands Helden, hielt seine Bemühungen um die "Europäisierung" Rußlands für eine Großtat von weltgeschichtlicher Bedeutung. Andere, die "Slawophilen", bekannten sich leidenschaftlich zur gegenteiligen Ansicht: Rußlands Schicksal und Bestimmung sei die Orthodoxie, vom Westen komme nur verderbliche Dekadenz. Peter sei der Antichrist und seine Reformen die Wurzeln allen Übels.

Die Frage nach der russischen Identität stellte sich auch nach dem Zerfall der Sowjetunion von 1991. Unmittelbar danach schien Rußland sich eher auf dem Wege der "Westler" zu sammeln, später, etwa nach 1993, schien die Slawophilie auf dem Vormarsch.11

Die verspätete "Europäisierung" Rußlands mit ihren sozio-ökonomischen Folgen wurde im 19. Jahrhundert als einer der gravierenden Unterschiede zum Westen empfunden, auch und besonders bei der nichtdeutschen Bevölkerung Ostmitteleuropas. Zumal Rußland nach den drei polnischen Teilungen. (1772-95) seinen Weg nach Westen durch den Erwerb des "Königreichs Polen" 1815 nach dem Wiener Kongreß ("Kongreß-Polen") fortsetzte und den polnischen Freiheitswillen mehrerer Aufstände (1830/31, 1863) unterdrückte. In Ungarn war es ein russisches Heer, das 1849 endgültig den ungarischen Freiheitskampf gegen das Habsburgerreich entschied. Die Sorge vor einer weiteren Ausbreitung Rußlands nach Westen hielt die Tschechen noch bis in den Ersten Weltkrieg bei Österreich, als sie die deutsche kulturelle Bevormundung schon längst schmerzlich und als unwürdig empfanden. Kurz: gerade die kleinen Völker Ostmitteleuropas entwickelten schon damals keine Affinität zum russischen Osteuropa.


In der Mitte Europas ein Konglomerat von Völkern und Staaten

An der Wende zum 19. Jahrhundert lag, nach der dritten polnischen Teilung (1795), die russische Grenze an der kürzesten Verbindung zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, an Memel, Bug und Dnestr.

Im Westen hatte sich die Grenze Frankreichs gegen seine östlichen Nachbarn im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts am Rhein stabilisiert. Sie änderte sich nach der Französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen nur noch geringfügig und kurzzeitig. Dasselbe gilt für die Grenzen nach Italien.

Ungefähr zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt siedelte der Dichter und Germanistikprofessor August Heinrich Hoffmann, besser bekannt als Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), im "Lied der Deutschen" 1841 seinen Wunschtraum Deutschland an.

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts war die Mitte Europas zwischen den Nationalstaaten des Westens und dem Russischen Reich ein Konglomerat von kleinen und mittleren Fürstenstaaten. Im Westen waren sie deutschsprachig, im Osten war es eine Gemengelage von Deutschen, Ungarn, Polen, Tschechen, Slowaken, Rumänen, Serben, Kroaten, Slowenen. Vormächte waren abwechselnd der Habsburgerstaat und Preußen. Die mitteleuropäische (Fürsten-)Staatenwelt war damals ein sich bis zur Unkenntlichkeit auflösender Schatten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.


Die "Germanisierung" Mitteleuropas

Das Wort "Germanisierung" in der Überschrift ist vorsichtshalber in Anführungsstriche gesetzt. Muß man doch noch gegenwärtig, nach den üblen und die Deutschen moralisch immer noch belastenden Erfahrungen Hitlerscher "Neuordungs"pläne in Ostmitteleuropa, beim Gebrauch des Wortes an die gewaltsame "Umvolkung" slawischer Bevölkerung denken, etwa der "Wasserpolen" mit Hilfe von "Volkslisten"-Tricks in Oberschlesien oder dergleichen.

Das Wort ist hier in einem ganz anderen Sinn gemeint. Es soll einen Vorgang bezeichnen, an den der tschechische Historiker Jan Kren kürzlich in einem Buch12 über "Tschechen und Deutsche 1780-1918" erinnerte. Eigentlich ist es ein Buch über "Mitteleuropa, die größere Heimat der Tschechen und Deutschen"13, gleichsam über den Austragungsort der "Konfliktgemeinschaft Tschechen und Deutsche 1780-1918", so der deutsche Titel des 1995 in deutscher Übersetzung erschienenen Buches.

Kren meint damit einen Umstand, für den sich ganz besonders die Tschechen als hellhörig und aufnahmebereit erwiesen, der aber auch die anderen ostmitteleuropäischen Völker ebenso nachhaltig beeinflußte: seit dem aufgeklärten Absolutismus und etwa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts herrschten die Deutschen und das Deutsche kulturell in Mitteleuropa eindeutig vor. Im deutsch besiedelten Westen Mitteleuropas ohnehin; aber auch im Osten, wo die polnischen Teilungen eine beträchtliche polnische Minderheit nach Preußen brachte. Und wo die Habsburger seit 1526 über das Königreich Böhmen (mit einer tschechischen Bevölkerung in den Zentralgebieten von Böhmen und Mähren) herrschten und ihnen das "rollback" gegen die Türken zu Beginn des 18. Jahrhunderts und weitere Türkenkriege das Königreich Ungarn mit einer vorwiegend magyarischen Bevölkerung, aber auch bedeutenden Minderheiten an Slowaken, Kroaten, Serben, Rumänen und natürlich Deutschen einbrachte.

Im östlichen Mitteleuropa dominierten Deutsche im Handel und im städtischen Handwerk. Die wenigen größeren Städte hatten beträchtliche deutsche Minderheiten oder sie bildeten Inseln in einem nichtdeutschen agrarischen Umland. Allenthalben war es für die nichtdeutsche Bevölkerung von Vorteil, deutsch zu sprechen, so daß sich das Deutsche zur lingua franca entwickelte. Das höhere Bildungswesen war deutsch, Verwaltung, Künste und Wissenschaften waren es. Ein Blick in den Ehrenhof der neuen Wiener Universität genügt, den Sog verständlich zu machen, den die Kaiserstadt an der Donau auf die ohnehin dünne geistige Oberschicht der nichtdeutschen Völker Ostmitteleuropas ausübte. Kurz, auch die nichtdeutschen Eliten in Wirtschaft und Verwaltung, in Kunst und Wissenschaft sprachen deutsch. Zweisprachigkeit förderte nichtdeutsche Karrieren. Daher kam "schwebendes Volkstum" in den nichtdeutschen Eliten häufig vor.

Im Kleinbürgertum entsprach das etwa dem "Armeeslawischen" der Unteroffiziere in Österreich und Preußen oder dem "Kuchelböhmischen" der tschechischen Minderheit in Wien oder des Hauspersonals in großbürgerlichen deutschen Familien.


Die Werte der Aufklärung, von der deutschen Sprache transportiert

Was die deutsche Sprache damals in Mitteleuropa vom Westen nach Osten transportierte, war nicht nur wirtschaftlicher Fortschritt, die Bildung von unten bis oben, sondern auch die Werte der Aufklärung, die Deutsche aus dem Westen, aus den Niederlanden, England und Frankreich seit dem 17. und 18. Jahrhundert übernommen und weiterentwickelt hatten, damals in französischer Sprache. Es waren die "drei Kritiken" I. Kants (1724-1804), seine Gedanken zu staats- und geschichtsphilosophischen Problemen, die bis in ihre Titel hinein die "weltbürgerliche Absicht" erkennen ließen. Seine Anregungen wurden bei den nichtdeutschen Völkern Ostmitteleuropas ebenso aufgenommen wie die G.E. Lessings (1729-81) zur aufklärerischen Humanität und Toleranz. Und vollends fühlten sich die slawischen Völker angesprochen, verstanden und angeregt durch die Kultur-Anthropologie von J.G. Herder (1744-1803). Besonders galt das für die slawischen Völker die damals noch ohne eigene Staaten waren, wie Tschechen und Polen, Slowaken, Slowenen, Kroaten, um hier nur die mitteleuropäischen zu nennen. Im berühmten und ideengeschichtlich, aber auch ideologisch besonders wirkungsvollen "Slawenkapitel" der "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" erschienen die Slawen als friedvoll-musische "Verkörperung eines romantischen Humanitätsideals". Es kam den Slawen Ostmitteleuropas entgegen, daß Herder den deutschen, romantischen Volksbegriff benutzte, in dem Sprache und Volkslieder Sitten und Gebräuche als Seele der Völker eine zentrale Rolle spielten.

Hierzu konnten auch die nichtdeutschen Völker in Ostmitteleuropa ihr eigenes reiches Erbe beitragen. Ihre geistige Elite fühlte sich aufgerufen, es aus dem Unbekannten zu heben, zu erforschen, liebevoll zu pflegen und in das allgemeine mitteleuropäische Geisteserbe einzuordnen. Auf diese Weise machten es die Deutschen den kleineren nichtdeutschen Völkern leicht, an Mitteleuropa Anteil zu nehmen.


Der deutsche Sündenfall in Mitteleuropa: das Streben nach Hegemonie

Während sich die deutsche Kleinstaatenwelt in Mitteleuropa langsam zum Deutschen Reich formierte und dieses dann auch die Hegemonie im deutschen Dualismus erreichte, entwickelte sich das deutsche Nationalgefühl - zusammen mit dem italienischen verspätet gegenüber dem Westen Europas und in Preußen-Deutschland wie in Cisleithanien zum Teil mit Verständnis, zum Teil aber auch in einer Kontrastellung zu den Polen, Tschechen, Ungarn usw.

Hatte man noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Deutschen als "Multiplikatoren" im Prozeß der Aufklärung und Humanisierung verstehen können, so änderte sich mit dem Streben nach der deutschen Einheit allmählich das Bild: die Deutschen verstanden sich jetzt als "Kulturträger" und degradierten die kleinen Völker Ostmitteleuropas zu solchen, die auf die "deutsche Kultur" seit eh und je angewiesen waren. In dieser Art Nebeln des Zeitgeistes der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sah ein beträchtlicher Teil der deutschen politischen Elite in der deutschen Mittellage in Europa den "historischen Auftrag", über alle Deutschen in Mitteleuropa den nationalen Einheitsstaat, wie man ihn aus Frankreich kannte, zu wölben. Entweder wirklich nur einen, den großdeutschen, oder eben zwei, den preußisch-deutschen und den österreichisch-cisleithanischen. Auf die kleinen Völker innerhalb der preußischen wie der österreichischen Grenzen wurde keinerlei Rücksicht genommen.


Das Streben nach eigener Staatlichkeit in Polen, Ungarn und bei den Tschechen

Diese verschrieben sich aber demselben Zeitgeist, wie er aus Frankreich herüberwehte: eine Nation kann sich idealerweise nur durch einen eigenen Staat verwirklichen! So wie das Deutschland 1871 getan hatte, spät, aber erfolgreich, wie jedermann sehen konnte.

  • In Polen war die Überwindung der Ständemacht, die das Land runiert hatte, die zentrale Idee in allen Teilungsgebieten seit der ersten Teilung, 1772. Eine neue Verfassung, vor allem ein reformiertes Bildungswesen, sollte die Grundlage für das Erlangen einer neuen Staatlichkeit bilden.
     
  • In Ungarn hatte sich die politische Elite zwischen 1825 und 1848 durch eine Reihe von kulturellen und wirtschaftlichen Reformen auf die Wiederherstellung der eigenen Staatlichkeit vorbereitet, die seit dem Beginn der Türkenzeit, Mitte des 16. Jahrhunderts verlorengegangen war. Der erste Anlauf zur Wiedererlangung der Eigenstaatlichkeit blieb 1848-49 erfolglos, der zweite, der österreich-ungarische Ausgleich von 1867, brachte den Erfolg. Nicht nur staatsrechtlichen, sondern im Rahmen der Doppelmonarchie Östereich-Ungarn auch wirtschaftlichen. Allerdings bezahlten die Ungarn den zeitlichen Vorsprung in der Wiederherstellung der Eigenstaatlichkeit mit dem Umstand, daß sie zu den Verlierern des Ersten Weltkrieges gehörten - und entsprechend bestraft wurden.
     
  • Die Tschechen erinnerten sich seit 1848 immer stärker an das "historische Staatsrecht" für Böhmen und verlangten Autonomie innerhalb Österreichs. Auch sie bereiteten sich durch die "nationale Wiedergeburt" kulturell, wirtschaftlich und sozial auf dieses Ziel vor. Dieser Prozeß war so schnell und so intensiv und schließlich so erfolgreich, daß er für die deutschen Mitbewohner Böhmens und Mährens Grund für eine ernsthafte Sorge, ja für ein "Bedrohungs-Syndrom" war. Das Ende des Ersten Weltkrieges brachte die Tschechen, ziemlich unverhofft, an das Ziel ihrer Wünsche in Form einer "Tschechoslowakischen Republik", freilich mit der tödlichen Hypotehk einer eskalierenden Auseinandersetzung mit der großen deutschen Minderheit im Lande.


"Mitteleuropa" mit alldeutschem Akzent

Und wie richteten sich die Deutschen auf eine mögliche staatsrechtliche Konkurrenz mit den Polen, Tschechen und Ungarn, vielleicht auch mit einem rumänischen oder einen "südslawischen" Staat ein? Praktisch überhaupt nicht!

Hierzu ist interessant, was ein prominenter mitteldeutscher Geograph terminologisch zu "Mitteleuropa" zu sagen hatte, und zwar in einer 1905 publizierten Schrift: "Zwischen Dänemark und Italien, Frankreich im Westen, Rußland und Ungarn im Osten liegt das Herzland Europas. Man könnte diesen ungefähr quadratischen Raum noch heute Deutschland nennen, denn deutsch ist die Hauptmasse seiner Bevölkerung, aus dem Schoß des mittelalterlichen deutschen Reiches sind seine Staaten herausgewachsen, weil aber seit 1871 dem jüngsten dieser Staaten, unserem neuen Deutschen Reich, schon durch seine Verfassungsurkunde, der traulicher geographischer klingende Namen Deutschland als gleichbedeutender zweiter Namen beigelegt worden, so empfiehlt es sich wohl, jenes Herzland unseres Erdteiles nur als Mitteleuropa zu bezeichnen."

In dieser robusten all- bzw. großdeutschen Mitteleuropa-Vorstellung kommen also Polen und Tschechen überhaupt nicht vor! Österreich übrigens, außer einer schwachen Reminiszenz an das alte Deutsche Reich, auch nicht. Man könnte alles zwischen Frankreich und Rußland leicht unter der Bezeichnung "Deutschland" subsummieren, wenn dieser Terminus leider nicht schon besetzt wäre! Die nationale Arroganz eines solchen Gedankens belastet den Begriff "Mitteleuropa" bis in die Gegenwart.

Und die slawischen oder ungarischen dissidenten Intellektuellen, die in der Mitteleuropa-Diskussion der späten Sowjetzeit ihre geistige Heimat in "Mitteleuropa" reklamierten, hatten in der Regel eben nur den Kulturraum im Geist, nicht den deutschen Hegemonialraum des Jahrhundertendes oder gar der Hitlerzeit in Deutschland.

Kurz, die Zugehörigkeit zum Mitteleuropa der Postbismarckzeit und gar der Hitlerzeit konnte die nichtdeutschen Völker nicht mehr stolz machen wie das noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Fall war. Insbesondere die zweite, die Hitlersche Epoche deutscher Hegemonieversuche in Mitteleuropa zerstört diesen Begriff völlig, und auch die Mitteleuropa-Diskussion der späten Sowjetzeit ließ offen, ob die nichtdeutschen die "beiden deutschen Staaten" von damals eigentlich in Mitteleuropa willkommen hießen. Kulturell sicher, politisch kaum. Der Begriff "Ostmitteleuropa" bot die Möglichkeit, die Zugehörigkeit zu Mitteleuropa anzumelden, sich aber zugleich vom deutschen Westen Mitteleuropas zu distanzieren.

Zur Zerstörung des Begriffes Mitteleuropas trug nicht nur Deutschland durch sein erneutes Hegemoniestreben und die auf mitteleuropäischem Boden begangenen Verbrechen bei, sondern auch die nichtdeutschen Völker taten es, nach dem Zweiten Weltkrieg: durch die Eskalation in der Auseinandersetzung mit den Deutschen, durch ihre radikale Vertreibung aus ihren Siedlungsgebieten. Das aber führte in den drei bzw. vier Kernländern Ostmitteleuropas zu beachtlichen Strukturveränderungen.


Ostmitteleuropa:
Fläche und Bevölkerung

Polen:
1. Fläche: 312 685 km2
2. Bevölkerung: 38 341 000

Ungarn:
1. Fläche: 93 030 km2
2. Bevölkerung: 10 161 000

Tschechien:
1. Fläche: 78 864 km2
2. Bevölkerung: 10 295 000

Slowakei:
1. Fläche: 49 036 km2
2. Bevölkerung: 5 333 000

 

Sechs Staaten gründeten 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Daraus erwuchs die Europäische Union mit ihren heute 15 Mitgliedern. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks suchen mehr und mehr osteuropäische Staaten Anschluß an die EU. Inzwischen haben sich zehn mittel- und ost-europäische Länder um eine Mitgliedschaft beworben. Drei Staaten, nämlich Malta, Zypern und die Türkei warten seit längerem auf den Beginn von Beitrittsverhandlungen. Im Fall der Türkei hielt es die EU-Kommission für „nicht zweckmäßig", Beitrittsverhandlungen  aufzunehmen, was vor allem mit dem unzureichenden Schutz von Minderheiten und Menschenrechten in der Türkei begründet wurde. Auch die ungelöste Zypernfrage verhinderte bislang die Aufnahme der geteilten Insel in die Gemeinschaft. Malta dagegen dürfte gute Chancen haben, bei der nächsten Erweiterungsrunde dabeizusein. Bleibt der Sonderfall Schweiz: Das Land hat im Mai 1992 einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt. Doch seit dem „Nein" der Bevölkerung beim Referendum über den Beitritt im Dezember 1992 liegt dieser Antrag auf Eis. Globus


Anmerkungen

1 Über die neuen Raumstrukturen im Nach-Wende-Europa Ruppert, K. (Hrsg.): Europa. Neue Konturen eines Kontinents. (Reihe Aspekte der Geographie) München 1993. Die jüngste Geographie des Vor-Wende-Europa: Sperling, W., Karger, A. (Hrsg.): Europa (Fischer Länderkunde, Bd. 8) 2. Aufl. Frankfurt/M. 1989.

2 Sinnhuber, K.: Central Europe - Mitteleuropa - Europe Central. An Analysis of a geographical term. (The Institut of British geographers, Transactions and papers, Bd. 1954).

3 Mölzer, A.: Bausteine Mitteleuropas. Graz, 1989, Schlögel, K.: Die Mitte liegt ostwärts. Die Deutschen, der verlorene Osten und Mitteleuropa. Berlin 1989

4 Die Literatur zu diesem frühen Stadium der Diskussion bei Schlögel3.

5 Mit Titeln, die oft die Unsicherheit des Begriffs ausdrücken, Steger, H.-G. u.a. (Hrsg.): Ein Gespenst geht um ... Mitteleuropa. München 1987. Burmeister, H.-P. u.a. (Hrsg.): Mitteleuropa, Traum oder Trauma. Überlegungen zum Selbstbild einer Nation. Bremen 1988. Papcke, S., u.a. (Hrsg.): Traumlande Mitteleuropa? Beiträge zu einer aktuellen Kontroverse. Darmstadt 1988.

6 Zu dieser Ruppert, K.: Der Mitteleuropa-Begriff. Raumstrukturelle Annäherung. In: Südosteuropa-Mitteilungen, 35. Jg. 1955, H. 1, S. 18-29

7 In den Hauptstädten drücken die Völker oft und mit großem Einsatz ihr politisches Wollen aus. Beispiele für Ostmitteleuropa Karger, A.: Das Hauptstadt-Syndrom in Ostmitteleuropa. Prag und die nationale Identität. Der Bürger im Staat, Jg. 47, 1997. H.2, S. 90 bis 96. Ders.: Warschau, vom Geist einer Stadt. In: Geogr. Rundschau, Jg. 30. 1978, S. 464-469.

8 Komprimiert in Karger, A.: Rußlands naturräumliche Potentiale, Die Naturzonen, ihre Ressourcen und Nutzungsmöglichkeiten. In: Bürger im Staat, Jg. 46, 1996, H. 2 (Ruußland-Heft), S. 108-126.

9 Vergl. Anm. 8, S. 11

10 Rostankowski, P.: Siedlungsentwicklung und Siedlungsformen in den Ländern der Kosakenheere. Berliner Geogr. Abhandlungen, H. 6, 1969, Karte im Anhang.

11 Mangott, G.: Autoritäre Demokratie und instabile Identitäten. Rußland auf der Suche nach Stabilität sowie innerer und äußerer Sicherheit. In: Osteuropa, 46. Jg., 1996, H. 6, S. 582-596.

12 Kren, J.: Die Konfliktgemeinschaft. Deutsche und Tschechen 1780-1918, München 1996.

13 Vergl. Anm. 12, S. 11.

14 Stökl, G.: Osteuropa und die Deutschen. Geschichte und Gegenwart einer spannungsreichen Nachbarschaft. 2. Aufl. München 1970, S. 21.

13 Boesler, K.A.: Mitteleuropa in: Sperling, W. (Anm. 1) S. 387.