Zeitschrift

Ostmitteleuropa



Heft 3/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Erstmals ein tschechischer Nationalstaat

Tschechien

Ein neuer Staat mit alten Grenzen und neuen Lasten

Von Ferdinand Seibt


Prof. Dr. Dr. h. c. Ferdinand Seibt leitet das Collegium Carolinum, Forschungsinstitut für Kultur und Geschichte der böhmischen Länder in München. Von seinen zahlreichen Veröffentlichungen ist für unser Thema besonders folgende interessant: "Deutschland und die Tschechen" (4. Auflage, Piper, München 1997; tschechisch z. Auflage Prag 1997).

Seit Januar 1993 existiert die Tschechische Republik, in den Grenzen der historischen Länder Böhmen, Mähren und Schlesien, neuerdings ein Nationalstaat mit zahlen mäßiger Dominanz der tschechischen Bevölkerung. Nach über 40 Jahren hinter dem eisernen Vorhang kehrt das Land zurück zu Demokratie und Marktwirtschaft und zu Europa. Die Abkehr vom Kommunismus stellt nicht nur eine wirtschaftliche Herausforderung dar, auch die Bevölkerung hat die Umstellung auf die neue Ordnung zu bewältigen. Die tschechische Wirtschaft ist heute effizient und leistungsfähig, die Touristenzahlen der Hauptstadt übersteigen die anderer Metropolen. Der Heimattourismus ehemaliger deutscher Bewohner trägt dazu bei, die verhärteten Fronten und Spannungen in den deutsch-tschechischen Beziehungen zu mildern und, so bleibt zu hoffen, die Versöhnung der Nachbarn voranzutreiben.
Red.

Was ist eigentlich neu am neuen Staat?

Tschechien ist ein neuer Staat. Aber ein neuer Staat mit alten Grenzen und alten Lasten. Am besten stellt man zuerst die Frage: Was ist eigentlich neu an diesem Staatswesen, das seit dem ersten Januar 1993 besteht und doch die Würde einer tausendjährigen Geschichte in sich trägt, aber auch Anteil hat an dem gemeinsamen europäischen Elend des blutigen 20. Jahrhunderts?

Das etwa 78 000 qkm umfassende Staats gebiet besteht aus drei sogenannten "historischen Ländern", die seit tausend, bzw. seit siebenhundert Jahren zu einem gemeinsamen politischen Schicksal zusammenfanden. Es wird heute bewohnt von rund 10 Mio. Tschechen und mehr als einer Viertelmillion Slowaken, von einer nicht genau definierbaren Viertelmillion von Roma und Sintis, von mindestens 80000 Deutschen, die ihre Nationalität aber nicht immer zu sagen wagen, und von einer wohl noch kleineren Anzahl von Polen. Tschechien läßt sich also, allein nach diesen Zahlenverhältnissen, mit gutem Gewissen als Nationalstaat bezeichnen; als Staat der Tschechen. Tschechen gibt es sonst, von einer zahlenstarken Emigration in Wien, in den USA und schließlich in Deutschland abgesehen, nirgendwo als eine noch intakte ethnische Minderheit in Europa. So sind, nach innen wie nach außen gewendet, die Tschechen heute in ihrem Land aus den drei historischen Kompartimenten Böhmen, Mähren und Schlesien unter sich. Das ist neu. Bis zum Jahr 1945 war nahezu ein Drittel der Einwohner in diesen drei historischen Ländern deutsch, und bis zum Jahr 1992 war wiederum annähernd ein Drittel der seit 1945 im Staat verbliebenen Bevölkerung slowakisch und ungarisch.

Neu ist auch die Staatskonstruktion: Denn von 1918 bis 1992 bildeten jene drei "historischen Länder" mit der Slowakei einen gemeinsamen Staat, mit Unterbrechung der Kriegsjahre. Dieser Staat hieß Tschechoslowakei. Neu ist heute also auch der Staatsname: Es gab im Mittelalter ein selbständiges "Königreich Böhmen", das diese drei historischen Länder und auch noch größere Teile von Schlesien umfaßte. Es gab in den neuzeitlichen Jahrhunderten bis 1918 Böhmen, Mähren und Schlesien als Verwaltungseinheit der sogenannten Donau-Monarchie, es gab während des Krieges von 1939 bis 1945 das sogenannte "Protektorat Böhmen und Mähren" ohne die deutschbesiedelten Rand gebiete - aber eine tschechische Republik oder ein "Tschechien" gab es noch nicht. Neu ist schließlich und endlich auch die Zugehörigkeit dieses 10 Mio.-Einwohner Staates zur freien Welt mit allen ihren Schwierigkeiten und Belastungen - neu einfach deshalb, weil diese freie Weltgemeinschaft, die sich selbst in den Jahren seit dem letzten großen Krieg in Europa etablierte, seit 1989 über den "Eisernen Vorhang" hinausgriff und das östliche Mitteleuropa wieder zur "westlichen" Gemeinschaft zählt.

Das erinnert ein wenig an die sogenannte Zwischenkriegszeit, an die Zeit nach 1918, die man manchmal auch mit dem Friedensschluß von Versailles bezeichnet, das "Versailler System", die Neuordnung Europas nach dem ersten großen Weltkrieg, der die kaiserliche und königliche Staatenwelt aus den Angeln hob. Damals beendete man in klassischer Form einen großen Krieg, den hinterher sobenannten Ersten Weltkrieg. Nach 1945 ist kein Frieden geschlossen worden zwischen den Kriegführenden im formalen Sinn, bis heute nicht. Stattdessen löste den "heißen Krieg" mit rund 50 Mio. Toten an den Fronten und in Straf- und Vernichtungslagern, im Bombenkrieg und in Vertreibungen vor und nach dem Ende der Kampfhandlungen, bald ein jahrzehntelanger "kalter Krieg" ab. Das ist wohl bekannt. Aber meist wird dabei nicht über legt, daß in dieser Frontstellung des "kalten Krieges" die damalige Tschechoslowakei auf die östliche, die dem Westen feindliche Seite geriet. Letzten Endes ist also auch die Rückkehr von Böhmen, Mähren und Schlesien vom Osten nach dem Westen ein neuer Akt, nämlich eine ideologische Umkehr umfassenden gesellschaftlichen Ausmaßes, die eigentlich alle Erwachsenen in diesem Lande betraf, denn alle Einwohner von Böhmen, Mähren und Schlesien waren zuvor jahrzehntelang Objekte eines auf ideologischer Diktatur und auf staatlichen Zwangsmaßnahmen aufgebauten totalitären Staates.

Die Abkehr vom real existierenden Sozialismus

Von allen diesen Neuerungen der letzten sieben Jahre feiten sich nun auch die Lasten her, die unser Nachbarland bedrücken: Umfassend, alle ergreifend, bewußt oder unbewußt die Umwendung aller gesellschaftlichen Verhältnisse von der gesellschaftlichen Utopie einer kommunistischen Zukunftsordnung und von der gesellschaftlichen Wirklichkeit des so genannten realen Sozialismus zu Freiheit und Bindung einer demokratischen Gesellschaft westlichen Zuschnitts mit ihrer von Volkswillen und von Marktgesetzen regulierten Daseinsform. Eine solche "Transformation" ist still im Gange und führte in großen Organisationsformen zur Entstaatlichung der gesamten Wirtschaft, die gerade in der sozialistischen Tschechoslowakei bis 1989 umfassender war als in den meisten anderen ostmitteleuropäischen Staatswesen, die in den Sog der sowjetischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung gerieten. In der Tschechoslowakei gab es schließlich und endlich überhaupt kein unabhängiges Unternehmer turn, bis hin zum Friseurladen. Auch die Landwirtschaft war vollständig "sozialisiert", wie es hieß. Alle Arbeitsfähigen, Männer wie Frauen, waren erfaßt und dem Zwangssystem staatlich verwalteter Arbeit bei garantierten Mindestlöhnen eingefügt. Dazu gehörte ein möglichst umfassendes Aufsichtssystem vom Haus wart bis zu den Organen der Staatssicherheit, zusammen mit der Intention, die gesamte Bevölkerung möglichst in über schaubaren Wohnblocks anzusiedeln, beim Verfall der alten Stadtkerne und bei der- Auflösung der traditionellen Dorfgemeinschaften. Die Organisation dieser sozialistischen Gesellschaft reichte bis zu Tisch und Bett und zum Kochtopf. Das hält man sich oft nicht vor Augen, wiewohl eine solche Ordnung als Schreckensutopie zumindest in der westlichen Literatur seit Jahrzehnten kursiert. Die Tschechoslowakei von 1948 bis 1989 war vierzig Jahre lang ein lebendiges Experiment in einem solchen Sinn, mit Folgen bis zur letzten Nähnadel, allerdings auch voller menschlichem Widerstand. Neu und lehrreich für alle ist, die über gesellschaftliche Experimente in unserem Jahrhundert oft nur wenig nachgedacht haben, wie sich die tschechische Gesellschaft real mit dieser Utopie auseinandersetzte.

Vor dem Zweiten Weltkrieg ein demokratisch verfaßter westlicher Industriestaat

Sie geriet in den Strudel dieser Auseinandersetzung auf einem langen und schein bar widersprüchlichen Weg, sozusagen in historischer Dialektik. Es war zunächst ein mal das Auseinanderbrechen des demokratischen, liberalen, aber im Rahmen einer wirklichkeitsfremden nationalstaatlichen Selbstdefinition mit einer unzulänglichen Minderheitenpolitik und mit greifbaren inneren Unzulänglichkeiten belasteten Staates. Die Wirklichkeit der Tschechoslowakei von 1918 bis 1938 war bekanntermaßen einem demokratischen Erscheinungsbild zuzuordnen. Die Tschechoslowakei war also westlich, namentlich in jenen drei historischen Ländern, die heute die tschechische Republik bilden. Sie war ein Industriestaat, sie hatte eine hochmotivierte, fachlich wie politisch im westeuropäischen Sinn gebildete Bevölkerung, sie hütete europäische Kultur und ihre künstlerische Hinterlassenschaft, sie verteidigte die Werte der europäischen Demokratie, und das keineswegs nur in ihrem tschechischen Bevölkerungsanteil, sondern in allen ihren nationalen Komponenten, namentlich auch im deutschen Siedlungsgebiet mit einem Bevölkerungsdrittel innerhalb jener vielberufenen historischen Länder. Aber sie kam aus dem politischen Gleichgewicht, als die deut sehe Bevölkerung zunehmend im Lauf der 30er Jahre dem Sog der nationalsozialistischen Neuordnung im benachbarten Deutschland erlag und als sie nach dem "Anschluß" der österreichischen Republik an das deutsche Reich im März 1938 auch ihrerseits um die Loyalität ihrer dreieinhalb Millionen deutschen Einwohner fürchten mußte. Die tschechoslowakische Republik verlor bei diesem Spiel. Es bildete ein langes Kapitel zu erklären, was dabei Schuld der offiziellen tschechoslowakischen Politik gewesen ist und wieviel andererseits auf das Konto jenes deutsche Bevölkerungsdrittels ging, die sog. Sudetendeutschen, die damit ihren Staat, ihr seit Jahrhunderten angestammtes Heimatland und auch ihren seit Generationen langen Weg zur Demokratie verrieten, weil und soweit sie sich in Hitlers Arme warfen. Das geschah im September 1938 mit der überwältigenden sudetendeutschen Zustimmung zu dem von den vier europäischen Großmächten über den Kopf der tschechoslowakischen Regierung hinweg geschlossenen Münchner Abkommen.

"München" bedeutet auch heute noch eine Belastung der historischen Erinnerungen im Geschichtsbild der Tschechen gegenüber dem westlichen Europa. Jenes Abkommen wurde vom benachbarten und damals zutiefst feindseligen national sozialistischen Deutschland mit den Regierungen Italiens, Englands und Frankreichs geschlossen. Es bedeutete zumindest für die beiden westeuropäischen Staaten einen Rücktritt von Verpflichtungen, Freundschaften und Bindungen, mit denen eben diese beiden Staaten zwanzig Jahre zuvor die Entstehung der Tschechoslowakei begleitet hatten. Aber nachdem sich England und Frankreich noch während des letzten Krieges von jenem Abkommen losgesagt und während der letzten Jahre auch in Prag noch einmal entschuldigt hatten, im völkerrechtlich unerheblichen, aber für die Öffentlichkeit weithin sichtbaren Zusammenhang von Staatsbesuchen, wiegt die Last der Erinnerung an den Rücktritt Englands und Frankreichs von ihrer 1919 bekräftigten Teilnahme an der Gründung der Tschechoslowakei sehen Republik heute nur noch gering. Übrig blieb in der üblichen politischen Erblast das Verhältnis zu Deutschland.

1993: Die Slowakei schert aus

Eine ganz andere Belastung hängt zusammen mit dem Rückzug der Slowakei vom Staatsganzen am 1. Januar 1993. Sie entspringt einer alten Klage der Slowaken, sie seien vom tschechischen Brudervolk immer als die kleineren, ungeübten, uneffizienten im brüderlichen Zusammenleben eingeschätzt worden. Dieser Akzent der tschechisch-slowakischen Beziehungen hat sich merkwürdigerweise aus dem Verhältnis wirtschaftlicher wie demokratischer Errungenschaften nach dem Stand von 1918 bis in die Gegenwart gehalten. Wiewohl der große gesellschaftliche Wandel im Rahmen des Sozialismus 1948 bei den Slowaken besser vorbereitet erschien als bei den Tschechen, und wiewohl in entscheidenden Zeiten dem Staatswesen Slowaken vorstanden und nicht Tschechen: der für einige Monate 1968 weltbekannte Parteifunktionär Alexander Dubcek geradeso wie der für die folgenden zwanzig Jahre zum Hüter einer kommunistischen Reorganisation eingesetzte Staatspräsident Gustav Husák. Die Slowaken jedenfalls scherten vor fünf Jahren aus dem Staatsverband aus, aber wenn sich die Tschechen heute im Spiegel betrachten, haben sie diesen Verlust recht schnell und gut hinter sich gebracht.

Die "samtene Revolution" hin zu Demokratie und Westeuropa

Sehr schwierig ist zu beurteilen, was eigentlich nach sieben Jahren der Ab kehr vom kommunistischen Gesellschaftssystem, der Rückkehr zum Westen, auch der Rückkehr nach Europa, etwa noch an Lasten übrig blieb. Es wäre unaufrichtig zu verschweigen, daß es sich dabei handgreiflich und zu allererst um wirtschaft liehe Lasten handelt. Aber auch um politische: Das kommunistische Gesellschaftssystem hatte jeden Arbeitsfähigen, jeden Rentner, jeden Schüler und jeden Lehrling auf seine Weise erfaßt. Alle betraf die sattsam bekannte Wende; alle männlichen und weiblichen Einwohner über sechs Jahre, wenn auch auf unterschied liehe Weise, sind seit dem November 1989 von der Veränderung der gesellschaftlichen Zusammenhänge, von der Neugestaltung ihrer Lebensgrundlage betroffen. Die Art der Betroffenheit ist ohne Zweifel ganz unterschiedlich und löst die gesamte Gesellschaft auf in die Millionenschicksale aller einzelnen Menschen, ob Schüler oder Professor, Fabrikdirektor oder Hilfsarbeiter, ob Mutter oder Vater, ja selbst noch, ob es sich um die berühmte sozialistische Großmutter handelte, die als Babysitter unentbehrlich in der Familie war, oder um den verdienten Altfunktionär und kommunistischen Widerstandskämpfer. Die Betroffenheit war dementsprechend verschieden. Wenn die alte, die jetzt überwundene kommunistische Gesellschaftsordnung ausging von alles umfassenden Zielvorstellungen, selbstverständlich von optimistischen, auf den "Sieg des Sozialismus" gerichteten, so war auch die Abkehr von diesen Idealen bedingt durch die internationale Situation; zudem durch Studentendemonstrationen in der Hauptstadt unter einer Posen Sprecherschaft nicht näher definierbarer Intellektueller, durch ein "Bürgerforum" nach längerer Untergrundarbeit; schließlich durch die Drohung mit einem Generalstreik. Im Ganzen durch einen mehr oder minder demokratisch legitimierten und auf der Straße artikulierten Bevölkerungswillen, der mit Gewalt drohte - keineswegs also durch Einflüsse aus der Nachbarschaft, weder aus der unmittelbaren deutschen noch aus der fernen westlichen. Der Zer fall der politischen Ordnung geschah viel mehr durch eine innere, "samtene", oder auch "sanfte" Revolution.

Das ist wichtig in Erinnerung zu bringen. Die europäische Revolutionsgeschichte ist mit Blut geschrieben. Die samtene Revolution in Prag wie in Brünn oder Ostrau gipfelte in erfüllten Rücktrittsforderungen. Sie schuf keine Märtyrer, kein Bürger kriegspotential, sie ließ im schlimmsten Fall Ressentiments zurück, aber keine Gräber.

Man kann die Dinge drehen und wenden wie man will: Unter den Lasten der neuen Tschechoslowakei wirkt die Abwendung vom zuvor doch nominell mindestens für Jahrzehnte alles umfassenden, in seiner Zwangshierarchie fein gegliederten und ausgeklügelten sozialistischen Gesellschaftssystem relativ gering. Die Sieger und Besiegten von 1989 vertragen sich zu mindest oberflächlich recht gut. Es gibt ein wenig mehr als 10% politischen Protestpotentials seit den Wahlen von 1990 und 1996, in dem auch die unmittelbare konservative kommunistische Erinnerung eine Rolle spielt, aber auch die nicht ohne innere Veränderungen. Das Bürgerforum von 1989, dieser nur lose Zusammenschluß noch ohne das Format einer politischen Partei, das die Wende von 1989 er möglichte und trug, weil es eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich vorgab, er hielt zwar in der ersten Wahl vom Juli 1990 nur ein Drittel der Stimmen, aber es blieb danach, wenn auch gespalten, doch einflußreicher als vergleichbare Bewegungen in der DDR, in Ungarn und selbst in Polen. Dementsprechend ist auch die politische Landschaft in der tschechischen Re publik weit stärker geprägt vom Ringen um eine Wiedergewinnung demokratischer, eigentlich bei aller Unklarheit westlicher Lebensformen als eben in Ungarn oder Polen, die ehemalige DDR wegen ihrer internationalen Beziehungen zum westlichen deutschen Staats- und Volksteil einmal ausgeschlossen. Das war auch ein Grund, warum die Losung "Zurück nach Europa" nirgendwo im ehemaligen Ostblock so glaubhaft klang wie in den böhmischen Ländern, sowohl nach ihrer jahrhundertelangen Geschichte, als auch nach ihrer Vergangenheit in der Ersten Tschechoslowakischen Republik als auch, wirklich nicht zuletzt, nach den noch immerfort dauernden familiären Traditionen im gesellschaftlichen Informations- und Selbstergänzungsprozeß. Die böhmische Großmutter war noch immer erfüllt vom Stolz auf die Erste Republik, und den gab sie weiter.

Und dennoch war die Losung "Zurück nach Europa", so laut sie in den frühen 90iger Jahren erhoben wurde, einfach eine Fehlkalkulation. Schon deshalb, weil man in der Zeit nie rückwärts gehen kann. Die Losung hätte vielmehr lauten müssen: "Vorwärts nach Europa!" Und sie hätte dabei eine ganze Menge tiefgreifender ideeller und wirtschaftlicher Lernprozesse einschließen müssen. Jenes "Zurück" zählt zu den Fehlern in der neu gewonnenen Westorientierung unseres tschechischen Nachbarn, dessen Folgen heute deutlich zutage treten, wenn sie auch nach sieben Jahren noch nicht irreparabel erscheinen.

Ein tschechisches Wirtschaftswunder

Am wenigsten wirken diese Fehler vermutlich im wirtschaftlichen Bereich. Denn die Wirtschaft folgt, auch wenn das dem manchmal überheblichen Anspruch parteipolitischer Funktionäre in der gesamten Welt immer wieder einmal nicht deutlich genug vor Augen steht, in unserem Gesellschaftsmodell in betonter Unabhängigkeit ihren eigenen Wegen, und man könnte glauben, daß es die für die ganze Gesellschaft maßgeblichen Wege sind. Das ist für die tschechische Republik heute nicht anders als für die Bundesrepublik, wo in den 50iger Jahren die demokratische Neuordnung so knapp auf dem Fuße des Wirtschaftswunders folgte, daß man nicht leicht sagen kann, wer jeweils den ersten Schritt tat. Die tschechische Wirt schalt von heute ist national, aber auch europäisch und global verflochten. Die weltweite Entwicklung wird sich noch steigern, wenn demnächst die Privatisierung der Großindustrie zum Abschluß kommt. In diesem Prozeß gibt es auch am wenigsten Ressentiments oder Verständigungsprobleme im Management.

Die tschechische Wirtschaft ist effizient, sie hat in gewissen Bereichen Anschluß an den Weltmarkt, sie verkauft Autos und Porzellan, Textilien und Maschinen, sogar mit einer gewissen Überlegenheit aufgrund ihres niedrigen Kostengefüges. Ein Drittel ihrer Investitionen, der größte An teil, kommt aus Deutschland, die Arbeitslosigkeit liegt bei 3%, in den Zentren des Tourismus, vornehmlich in der Hauptstadt Prag, mangelt es an Arbeitskräften. Es herrscht hier nicht nur Vollbeschäftigung, sondern eine Attraktion für Arbeitskräfte aus Polen und der Ukraine. Es geht vornehmlich um Beseitigung der Schäden des Sozialismus an der Bausubstanz, und eben die erzwingt in Prag der Massentourismus, also der am raschesten bis nach unten vorgedrungene Beschäftigungszweig. Der nährt seine Leute, vom Hotelier bis zum Bauarbeiter.

Kunsttourismus in Prag, Heimattourismus auf dem Lande

Der tschechische Tourismus, auch im sozialistischen System schon bemerkenswert, hat relativ und anscheinend auch schon absolut einen Zahlenumfang an genommen, der zumindest die üblicher weise soziographisch zusammengefaßte westliche Welt insgesamt in den Schatten stellt. Die Besucherzahlen von Prag namentlich liegen weit über London, Paris, München oder Venedig. Auch wenn die Tourismusgruppen gerade dort im Stadt bild längst einander und vornehmlich den Einheimischen lästig geworden sind, so sind sie doch für die Hauptstadt zumindest die Haupteinnahmequelle. Sie sind das mit allen Begleiterscheinungen: Tourismus ist in unserer Welt die erste, wichtig ste, nicht nur einträglichste, sondern auch einflußreichste Begegnung zwischen den Menschen. Der tschechische Millionen Tourismus hat in Tschechien deutlich ge macht, daß der zahlende Besucher keine nennenswerten Ressentiments im Lande auslöst, vor allem keine, die man national identifizieren könnte. Die Prager verständigen sich mit Franzosen, Italienern und Amerikanern geradeso wie mit den Deut sehen, obwohl die gesellschaftliche Grunderziehung in wechselndem ideologischen Gewand gerade zwischen Tschechen und Deutschen über Generationen hin Mauern errichtete. Man kann sagen, daß auch diese vielen kleinen Mauern mit der großen Mauer von 1989 gefallen sind. Die Probe aufs Exempel bildet in diesem Fall nicht der Kunsttourismus in die Hauptstadt, sondern der Heimattourismus in die Kleinstädte und Dörfer, in die mehr als dreieinhalbtausend Gemeinden, wo einstmals die Mehrheit der Bevölkerung deutsch war. Nur ein paar Spuren gibt es da heute noch von der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung vor 1945, aber die Deutschen aus Deutsch land, die einstmals hier wohnten, besuchen ihr Elternhaus, ihren Schulweg, ihre Friedhöfe und ihre Kirchen, und nicht sel ten führen diese Besuche zu Wiederbegegnungen mit den tschechischen Nachbarn von ehedem, auch mit den tschechischen Hausbesitzern seit 1945 oder mit ihren Nachkommen. Die Politik des kleinen Mannes funktioniert dabei. Er muß keine Deklarationen abgeben, er lädt zum Kaffee ein.

Das Phänomen ist oftmals beschrieben worden, zumindest in Deutschland, aber weit weniger untersucht, obwohl es auf dieser wie auf jener Seite zu deutlichen emotionalen internationalen Bewegungen führt. Oder soll man besser sagen: zwischennationalen? Nur ist es meist kein Massenereignis, sondern es findet in der Wohnstube statt. Ganz abgesehen von den gemeinsamen Wallfahrten deut scher und tschechischer Katholiken, Kirchenneubauten, Gebetsverbrüderungen, welche die deutsche Ackermann-Gemeinde, von den deutschen Medien für gewöhnlich ignoriert, an den alten Kultstätten, Kirchen, auf den alten Wallfahrtswegen initiiert hat, oft mit mehr tausendköpfiger Beteiligung von beiden Seiten.

Die deutsch-tschechischen Beziehungen

Damit sind wir beim wunden Punkt der deutsch-tschechischen Beziehungen und bei seiner eigenartigen Gestalt: Von 80 Mio. Deutschen, die mit den 10 Mio. Tschechen buchstäblich auf jeder Seite ihre längste Grenze gemeinsam haben, sind an solchen Wiederbegegnungen heute nur mehr ein paar Hunderttausend interessiert. 3 Mio. Deutsche, mehr oder weniger, sind vor gut fünfzig Jahren, also vor fast zwei Generationen, vertrieben worden aus diesem Land, und ihre Eingliederung in Deutschland ist im Sog des deutschen Wirtschaftswunders nach der gemeinsamen deutschen Niederlage in der Bundesrepublik ebenso rasch vollzogen worden wie im östlichen Viertel unter dem Druck durch das SED-Regime. Hier wie dort stiegen bald Sudetendeutsche zu bemerkenswerten Positionen auf, freilich in unterschiedlicher Funktion. Es gab sudetendeutsche SED-Generale im Osten und sudetendeutsche Generalbevollmächtigte im Westen. Es gab und gibt dabei eine gemeinsame Erinnerung unter jenen nicht genau in ihren familiären Verästelungen erfaßbaren 5% in der Bevölkerung der heutigen Bundesrepublik Deutschland, die in irgendeiner Weise "böhmische Wurzeln" haben. Unter diesen 5% spielt der Heimattourismus sehr wohl eine Rolle. Er verläuft, hier wie dort, kaum mit Zwischenfällen. Zu solchen Begegnungen pflegen Staatsverträge und Deklarationen nicht sehr viel beizutragen. Unerheblich sind sie freilich nicht.

Die Bundesrepublik Deutschland und die damals noch tschechoslowakische föderative Republik schlossen 1992 einen Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrag. Das politische Parkett wird belastet durch die offizielle politische Erinnerung, die in den Schulen gelehrte, in Dutzenden von Geschichtsbüchern belegte und auch in den Köpfen der Politiker mehr oder minder gegenwärtige gemeinsame Vergangenheit. Freilich ist dieses gemeinsame Geschichtsbild mit einer oszillierenden Symmetrieachse in vielen Fällen gespalten in ein deut sches und ein tschechisches, und durch eine im internationalen Verkehr einmalige deutsch-tschechische (tschechoslowakische) Historikerkommission. Sie ist seit 1990 damit beauftragt und beschäftigt, dieses Geschichtsbild aus seiner Bipolarität in vielen einzelnen Aussagen über ein mehr oder minder unisono getragenes Aussagengeflecht zu verwandeln. Das geschieht nicht nur durch exakte Quellenforschung. Das geschieht auch durch den guten Willen zur versöhnlichen, nämlich zur verständnisvollen Deutung auf beiden Seiten.

Das findet aber auch auf beiden Seiten die Opposition der Unnachgiebigen, die an einseitigen Erinnerungen festhalten und sie aus dem Ereignisgefüge lösen, das in Wahrheit 1848, 1918, 1938, 1945 und 1948, mit der kommunistischen Machtübernahme, seine Volten schlug.

Das gemeinsame Leid in einem gemeinsamen Buch darstellen

So bleibt eine ungelöste stille Konfrontation bis zum heutigen Tag. Ein jeder, wie ein kluger Betrachter der jüngeren Generation formulierte, unter den Betroffenen blickt doch immer wieder nur auf das eigene Leid, das gemeinsame Leid wird nicht ausgesprochen. Der Vorsatz der deutsch-tschechischen Historikerkommis sion, eben dieses gemeinsame Leid darzustellen, das einmal die Tschechen betraf, als ihr Staat zerstört wurde und als sie sechs Jahre Fremdherrschaft hinnehmen mußten, gemeinsam mit der Verquickung in Hitlers Krieg und in Heydrichs Terror, in die Deportation und Tötung von einer Viertelmillion tschechoslowakischer Staatsbürger jüdischer Herkunft, in die brutale Verfolgung von antideutscher Konspiration und Widerstand, und als dann andererseits die Deutschen nach dem Krieg, ganz gleich, in welchem Ausmaß oder auch gar nicht sie sich an diesem Terror beteiligt hatten, Mitwisser waren, Mitläufer nur oder gar Oppositionelle, mit vielen brutalen Exzessen aus dem Land getrieben wurden, das also in einem gemeinsamen Buch darzustellen, nicht in einem tschechischen oder in einem deutschen, blieb bis heute unerfüllt.

In tschechischer Perspektive gibt es mindestens zweierlei Deutsche: Diejenigen, die mit mehr oder minder Interesse, im allgemeinen mit Sympathie ihre tschechischen Nachbarn betrachten, von denen sie aber wenig wissen, außer den Begegnungen im Tourismus und im kulturellen Leben: die Masse der Deutschen. Dann gibt es eben die ehemaligen böhmischen und mährischen Landsleute, jene oft ressentimentgeladenen ehemaligen tschechoslowakischen Staatsbürger, jene Sudeten deutschen, die 1945 vertrieben wurden. Die Konfrontation liegt so tief, daß sie sich schließlich in Schlüsselbegriffen nieder schlug. Der Ausdruck "Vertreibung", der in Deutschland selber erst im Lauf der 50er Jahre entstand, ist in tschechischen Ohren bis heute ein Tabu, aber auch ein Schlüsselwort mangelnder Vergangenheitsbewältigung, wie erst kürzlich ein tschechischer Politiker in Enttäuschung über seine Landsleute schrieb, Psychotherapeut von Beruf. Umgekehrt scheuen sich die Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft bis zum heutigen Tag, die demokratischen Chancen im Zusammenleben während der Ersten Tschechoslowakischen Republik in der Zwischenkriegszeit offen zu bekennen und dazu gleichzeitig die Sünden der Großväter wider die Demokratie einzuräumen.

Die Versöhnung fällt noch schwer

Davon sind noch die Ereignisse der letzten Jahre geprägt. Während es offene Ge spräche über Unrecht und Vertreibung gab, über versuchten Genozid und Heimatverlust zwischen Deutschen und Polen, gibt es vergleichbare offene Gespräche zwischen den Vertriebenen und den jetzigen Bürgern in den böhmischen Ländern nur in kleinen Zirkeln, sind offene Begegnungen eher unpopulär, ist die generelle Meinungsbildung noch weit entfernt von wechselweisen Schuldbekenntnissen, von Verständigung oder gar, um ein anspruchvolles und leicht mißbrauchtes Wort zu benützen, von Versöhnung. Das Ganze wurde nach 1990 sogar noch schlimmer, als Václav Havels Versöhnungsangebot, aufgenommen aus einer schon seit Jahren geführten Debatte unter tschechischen Dissidenten über das Unrecht an den Deutschen, zwar auf offene Ohren, nein offene Arme beim deutschen Bundespräsidenten stieß, aber auf trotziges Schweigen bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Die Verhärtung der Szene steigerte sich dabei in den letzten Jahren bis zur Ablehnung jener deutsch-tschechischen Deklaration von 1997 nach langen Verhandlungen. Diese Deklaration, über deren einzelne Formulierungen man nicht mäkeln sollte, hat ein Zeichen gesetzt. Dieses Zeichen heißt freilich zugleich, für beide Seiten, jetzt auch noch die Unverständigen zu gewinnen, um sie in die jeweilige nationale Gesinnungsgemeinschaft mit einer allgemein anerkannten Rückschau einzubinden; damit Deutsche wie Tschechen gemeinsam ohne stille Ressentiments zu einer neuen Nachbarschaft finden.

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