Zeitschrift

Ostmitteleuropa



Heft 3/97

Hrsg.: LpB

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Inhaltsverzeichnis

 


Neal Ascherson: 

Schwarzes Meer

Berlin Verlag, Berlin 1996, 462 Seiten, DM 49,80


Meere haben in der Geschichte Landschaften geprägt, wirtschaftliche Entwicklungen beeinflußt und ihren Anwohnern auf vielerlei Weise den Lebensunterhalt gesichert oder auch genommen. Sie waren aber ebenfalls immer Gegenstand religiöser Verehrung, Sinnbild für das Lebensprinzip ganzer Völkerschaften, konfliktträchtige Grenze zwischen verschiedenen Kulturen und Hilfsmittel zur politischen Identitätsstiftung.

So auch das Schwarze Meer. Vielen gilt dieses Meer, das die Griechen wegen der vielen hellenischen Pflanzstädte an seinen Ufern "Gastliches Meer" (Pontos Euxeinos) nannten, lediglich als Anhängsel des Mittelmeers, mit dem es ja durch Dardanellen, Marmara-Meer und Bosporus verbunden ist. Dieses Fehlurteil zu korrigieren und das Schwarze Meer gegenüber dem Mittelmeer aufzuwerten, ist das Verdienst eines der schönsten und originellsten Geschichtsbücher, die in den letzten Jahren auf den deutschen Buchmarkt kamen: Neal Aschersons Studie "Schwarzes Meer".

Aschersons Buch ist keine Geschichtsstudie im herkömmlichen Sinne, sondern - halb Geschichtsbuch, halb Reisebericht - eine gelungene Mischung aus Literatur und Geschichtsschreibung. Das zeigt die Darstellungsweise, die Ascherson für dieses Buch gewählt hat: Der Brite pendelt ständig zwischen Gegenwart und Geschichte; bereichert die große Geschichte um viele kleine, persönliche Geschichten, verknüpft Gelesenes und Erlebtes, Gesehenes und Gehörtes. Ascherson erzählt also nicht chronologisch die Geschichte des Schwarzes Meeres, sondern springt zwischen den Epochen hin und her, weil er immer wieder Exkurse in seine Darstellung einflicht, in denen er einen Rückblick auf Früheres oder eine Vorausschau auf Späteres unternimmt.

Dieser Aufbau scheint dem Gegenstand der Darstellung angemessen: der verwirrenden Fülle an Völkerschaften und Kulturen, die im Laufe der Jahrhunderte an den Ufern des Schwarzen Meeres heimisch wurden. Denn vor allem dies ist das Schwarze Meer: ein Mosaik aus unzähligen Ethnien, eine komplexe und empfindliche humane Geologie, ein Schmelztiegel der Kulturen, ein geographischer Raum, dessen Bewohner sich immerfort arrangieren mußten mit Neuankömmlingen; mit Besuchern, Eroberern, Plünderern.

Wer Aschersons Buch zur Hand nimmt, erfährt Wissenswertes über Völkerschaften, von denen er wohl nur in den seltensten Fällen Genaueres weiß. Etwa über das Reitervolk der Skythen, dessen Lebensweise der griechische Historiker Herodot in seinen "Historien" detailreich beschrieb und das athenische Intellektuelle des fünften vorchristlichen Jahrhunderts zu den ersten "Barbaren" der abendländischen Geistesgeschichte stilisierten, über Samaten, Chasaren, Kumanen und Tartaren, die in späteren Jahrhunderten die südrussischen Steppen beherrschten, über die Goten der Krim, auf die sich NS-Ideologen beriefen, welche die Krim in ein von Deutschen besiedeltes "Gotenland" verwandeln wollten, und die jüdische Sekte der Karäer, die nicht nur auf der Krim verbreitet war sondern auch in Polen und Litauen. Oder über die pontischen Griechen, die seit der Antike im nördlichen Kleinasien lebten, nach dem Ersten Weltkrieg von den Türken vertrieben wurden und heute in Nordgriechenland leben.

Aschersons Aufmerksamkeit gilt also vor allem dem Schwarzmeergebiet als einem von der Geschichte geprägten - und deswegen nur von der Geschichte her zu verstehenden - Kulturraum. Zwar wird - insbesondere in der Einleitung - auch das Meer selbst beschrieben, seine Form, seine Zuflüsse, seine ökologischen Bedingungen. Außerdem schlägt der Autor durch eine Wortwahl, die Natur und Kultur etwa durch die Verwendung von Meeresmetaphern wiederholt in eins setzt, eine Brücke zwischen dem Meer und seinen Ufern. Doch bildet nicht das Schwarze Meer als Naturraum das Herzstück dieser Studie, denn die Gedanken ihres Autors kreisen um ein anderes: die Probleme, die aus dem Nebeneinander verschiedener Völker, Religionen und Kulturen erwachsen.

Ascherson zeichnet in "Schwarzes Meer" kein idyllisches Bild dieses Zusammenlebens. Sicherlich lebten Griechen und Türken, Russen, Ukrainer und Tartaren, Georgier und Abchasen über Jahrhunderte hinweg friedlich nebeneinander. Sie lebten aber nur in vereinzelten Fällen miteinander. Und es bedurfte nur eines von außen kommenden Funken, um dieses friedliche Nebeneinander zu beenden und Gleichgültigkeit und wechselseitiges Ignorieren in Ablehnung und Haß umschlagen zu lassen.

Bei diesem Funken handelte es sich um den Nationalismus, der in Westeuropa im Gefolge der Französischen Revolution und der deutschen Romantik aufgekommen war. Er erfaßte seit dem 19. Jahrhundert die Menschen des Schwarzmeergebiets und brachte Griechen und Türken, Russen und Ukrainer, Georgier und Abchasen gegeneinander auf. Das Medium, dessen sich der Nationalismus dabei bediente: Erzählungen, die den eigenen Stamm und dessen Geschichte verherrlichten und die Angehörigen anderer Völker verunglimpfen. Wie Ascherson am Beispiel der pontischen Griechen anschaulich zeigt, fiel die Aufgabe, diese Erzählungen unters Volk zu bringen, den Bildungseliten zu. Das Ergebnis: Menschen wie die pontischen Griechen, deren Vorfahren seit mehr als zweitausend Jahren am Südufer des Schwarzen Meeres gelebt hatten und deren Sitten und Gebräuche sich kaum von jenen ihrer türkischen oder armenischen Nachbarn unterschieden, begannen sich mit einem fernen "Mutterland" zu identifizieren, das ihnen eigentlich fremd war.

Ascherson begnügt sich nicht damit, die nationalen Erzählungen von Griechen und Russen, Türken und Abchasen zu referieren. Immer wieder kommt er einer der vornehmsten Aufgaben einer kritisch-aufgeklärten Geschichtsschreibung nach: die Mysterien von Nationalismus und Identität mit all ihren schamlosen Spiegelfechtereien zu erhellen und das Element des Mythos in der Konstruktion von Nationen und Ethnien zu entlarven. Das ermöglicht ihm, sich der eigentlichen Wahrheit der Landschaften am Schwarzen Meer anzunähern: daß sie jedem und niemandem gehören. Oder wie Ascherson selbst schreibt: "Alle menschlichen Populationen sind in gewissem Sinne Einwanderer. Jeder Feindseligkeit zwischen unterschiedlichen Kulturen am selben Ort eignet ein Moment des klassischen Widerwillens von Einwanderern gegenüber der nächsten Bootsladung, die sich der Küste nähert. Die eigene Heimstatt und eigenen Felder und die Gräber der Vorfahren gegen Eindringlinge zu verteidigen, erscheint als gutes Recht. Der Anspruch auf alleinigen Besitz jedoch - die Vermischung der Tatsache der Ansiedlung mit der Gestalt einer Landschaft zum Abstraktum eines ewigen und unabänderlichen Eigentums - ist absurd." (S. 46)

Neal Aschersons Buch ist eine Pflichtlektüre für jeden, der sich für die Geschichte eines Gebietes interessiert, das - nicht zuletzt wegen der verfahrenen Situation im Kaukasus und in Südrußland - in den nächsten Jahren wohl verstärkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen wird. Die Übersetzung, gelungen und gefällig, trägt dazu bei, daß sich der Leser von der Geschichte eines Meeres fesseln läßt, von dem der Autor schreibt: "Das Schwarze Meer hat eine Persönlichkeit, die sich mit einem Adjektiv wie 'Unberechenbar' oder einem Ausdruck wie 'freundlich gegenüber Fremden' nicht fassen läßt und die - weil sie nicht aus Charakterzügen oder Epitheta, sondern aus dem Zusammenspiel von Gegebenheiten besteht - im Detail unbeschreibbar bleibt. Diese Gegebenheiten, die sich zu einer Identität zusammenfügen, schließen Fische und Wasser ein, Winde und Gräser, Klippen und Wälder, ziehende Vögel und wandernde Menschen. Es ist nicht einfach ein Ort, sondern ein Geflecht aus Beziehungen, das an keinem anderen Ort der Erde wiederholbar wäre. Und deshalb ist die Geschichte der Länder um das Schwarze Meer in erster Linie die Geschichte des Schwarzen Meeres."


(Gunther Verheyen)