Zeitschrift

Der Vordere Orient an der Schwelle zum 21. Jahrhundert


Heft 3/98

Hrsg.: LpB


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Inhaltsverzeichnis


"Der Islam ist die Lösung"

Das Verhältnis der Geschlechter und seine Instrumentalisierung

Frauen zwischen alten Beschränkungen und neuen Horizonten

Von Renate Kreile


Dr. Renate Kreile ist Privatdozentin an der Universität Tübingen.

Der Eintritt der Frauen in die Öffentlichkeit hat viele Menschen in den islamischen Gesellschaften zutiefst verunsichert, und das um so mehr, als die nachlassenden Renten aus dem Ölgeschäft viele Staaten in die Krise stürzten. Auf der einen Seite sieht man im Islam die Lösung, auch in der Rückkehr zu den alten Geschlechterverhältnissen. Dabei versuchen die islamistischen Gemeinschaften die Rolle der Supra- und Super-Familie einzunehmen, mit einem breiten sozialen Sicherungssystem. Die herrschenden Regime auf der anderen Seite versuchen ihrer bedrängten Lage dadurch buchstäblich "Herr" zu werden, indem sie islamistischen Forderungen entgegenkommen. Doch die Frauen wehren sich, wobei die islamistischen Frauenrechtlerinnen erfolgreicher sind als die laizistischen Feministinnen.
Red.

 

Im Zentrum der Auseinandersetzungen

Der Aufstieg islamistischer Bewegungen in den Gesellschaften des Vorderen Orients im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts hat die "Geschlechterfrage" unübersehbar ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit und Auseinandersetzungen gerückt. Von Algier bis Teheran, von Kairo bis Kabul prägen heute Kontroversen über Stellung und "Moral" der Frauen gesellschaftliche Diskurse, definieren und legitimieren politische Zugehörigkeiten und Ansprüche und markieren ideologische Grenzlinien nach innen wie nach außen.

Die besondere Bedeutung und Reichweite der sog. "Frauenfrage", die im Kontext der krisenhaften soziopolitischen Entwicklungen seit Ende der siebziger Jahre virulent geworden ist, hat auch in der wissenschaftlichen Literatur ihren Niederschlag in einer Fülle von Studien über die Lebensbedingungen von Frauen und ihre Stellung in der sozialen, politischen, rechtlichen, kulturellen, religiösen Sphäre gefunden. Zwar sind die meisten der vorliegenden Untersuchungen theoretisch eher unterbelichtet, gehen deskriptiv und häufig ahistorisch vor oder machen "den Islam" aus kulturalistischer Perspektive in je unterschiedlicher Bewertung für die geschlechterpolitische Dynamik und die Stellung der Frau in der Region verantwortlich. Zunehmend wurden jedoch in jüngster Zeit auch Arbeiten vorgelegt, die versuchen, die theoretischen Erkenntnisse der Geschlechterforschung mit den Ergebnissen bisheriger sozialwissenschaftlicher Regionalstudien konzeptuell zu integrieren und so die analytische Kategorie des "sozialen Geschlechts" (gender) umfassend für die Analyse der soziopolitischen Entwicklungsdynamiken in der Region fruchtbar zu machen und die "männliche Betrachtungsweise", den male bias, auch der neueren theoriegeleiteten Orient-Forschung zu überwinden (vgl. etwa Knauss 1987; Sharabi 1988; Riesebrodt 1990; Keddie/Baron 1991; Kandiyoti 1991 und 1996; Moghadam 1993; Göle 1995; Kreile, R. 1997a und 1997b).

In den folgenden, hieran anknüpfenden Überlegungen möchte ich die herausragende Bedeutung der Geschlechterpolitik in ihrer komplexen Interdependenz und Interaktion mit den derzeitigen strukturell krisenhaften gesellschaftlichen Transformationsprozessen näher beleuchten und die Interessenlagen der staatlichen und antistaatlichen Akteure skizzieren. Darüberhinaus versuche ich zu zeigen, wie die Frauen selbst sich mittels vielfältiger Strategien darum bemühen, im Kontext dramatischer sozialer Umbrüche und Verwerfungen ihre Rechte und Handlungsspielräume zu wahren oder zu erweitern.

Zwischen modernem Staat und überkommenen Solidargemeinschaften

Die besondere Bedeutung der Geschlechterpolitik enthüllt sich wesentlich im Kontext der spezifischen historischen und strukturellen Entwicklungsdynamik von Staat und Gesellschaft im Vorderen Orient (vgl. ausführlich Kreile 1997a, 136ff). Insbesondere seit dem Anbruch der Moderne kommt dem "Kampf um die Frauen" hierbei eine Schlüsselfunktion zu. In den Prozessen von Kolonialisierung, nation-building und Modernisierung machte sich die jeweilige Staatsmacht daran, ihre Hegemonie über die Gesellschaft und deren primäre familiäre, tribale und religiöse Solidareinheiten durchzusetzen, die weithin als soziopolitische Konkurrenzorganisationen zum Staat fungierten. Mit der einheitlichen Reglementierung der Geschlechterverhältnisse suchte der Staat in Bereiche einzugreifen, die zuvor der ausschließlichen Kontrolle durch die primären Gemeinschaften unterworfen waren, und deren Autonomie zu brechen. Für die primären Solidareinheiten hingegen vermochte die Kontrolle über "ihre" Frauen, die Identität und Integrität der Gemeinschaften symbolisieren, zum zentralen Ausdruck des Widerstandes gegenüber einer als "fremd" und autoritär wahrgenommenen Zentralmacht zu werden.

Ungleiche staatliche Machtressourcen und Modernisierungspotentiale führten in den verschiedenen Gesellschaften der Region je unterschiedlich und ungleichzeitig zur Erosion, Transformierung oder Resistenz der lokalen, religiösen und familiären Gemeinschaften mit je uneinheitlichen und ambivalenten Konsequenzen für die Frauen. Einerseits wurden ihre traditionellen Aktionsradien oftmals beschränkt und ihre bisherigen informellen Einflußmöglichkeiten teilweise entwertet, andererseits wurden insbesondere für Frauen aus den sich entfaltenden Mittelschichten durch den staatlich geförderten Zugang zu Bildung und Beruf neue Handlungsspielräume eröffnet. So erhielten die Frauen seitens reformorientierter Entwicklungsregime größere soziale und politische Rechte, wie etwa in Ägypten unter Nasser das Recht, außerhalb des Hauses zu arbeiten und an Wahlen teilzunehmen.1 Jedoch ließen auch die progressiveren Modernisierungseliten die familienrechtliche Unterordnung der Frauen unangetastet und verzichteten darauf, diese letzte Bastion der familiären und religiösen Patriarchen zu attackieren (vgl. Badran 1991, 211).

Einbeziehung in den Arbeitsmarkt in der Boomphase, Ausschluß in der Krise

Seit den siebziger Jahren führten die tiefgreifenden sozioökonomischen Transformationprozesse in der Region, die Herausbildung eines Systems von Rentier- und Semi-Rentierstaaten und die Entfaltung eines regionalen Arbeitsmarktes zu einer von Land zu Land unterschiedlich akzentuierten, folgenreichen Dynamisierung der Geschlechterverhältnisse. Die Arbeitsmigration der Männer bewirkte teilweise eine stärkere Einbeziehung von Frauen in die weniger profitablen nationalen Arbeitsmärkte und bisweilen auch einen Autonomiezuwachs für Frauen. Nicht selten brachte die neue geschlechtsspezifische Regulierung der regionalen und nationalen Arbeitsmärkte somit die tradierten patriarchalischen Geschlechterarrangements und die Autorität der Männer ins Wanken, was nicht zuletzt sozialpsychologisch den Nährboden für geschlechterpolitische "Backlash"-Bewegungen schuf.

Seit den achtziger Jahren erfolgte eine deutliche arbeitsmarkt- und geschlechterpolitische Trendwende. Im Zuge der Krisenentwicklung, die wesentlich durch den Verfall der Ölpreise und das Sinken der staatlichen Renteneinkünfte bedingt war, kam es zu wachsenden sozialpolitischen Auseinandersetzungen und Verdrängungswettbewerben auf dem Arbeitsmarkt. Die Rentier- und Semi-Rentierstaaten waren weniger als bisher in der Lage, durch ihre Allokationspolitik breite Schichten der Bevölkerung materiell einzubinden. In Ägypten z.B. verloren insbesondere die modernen Mittelschichten die Rolle einer bevorzugten Klientelgruppe des Regimes. So wurde etwa die staatliche Arbeitsplatzgarantie für Absolventinnen und Absolventen der höheren Bildungsinstitutionen gestrichen. Hauptleidtragende der "sozialen Schließung" (vgl. Pawelka 1993, 166), der neuen arbeitsmarktpolitischen Orientierung und des Verdrängungswettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt wurden die Frauen, die gerade erst die Eintrittskarte erhalten oder erkämpft hatten. Unter dem Deckmantel staatlich-patriarchalischer Fürsorglichkeit ergriff z.B. die ägyptische Regierung Maßnahmen, die Feminisierung des städtischen und ländlichen Arbeitsmarktes rückgängig zu machen, um die männlichen Arbeitsmigranten, die infolge der Krise aus den Golfstaaten zurückkehrten, beschäftigungspolitisch zu reintegrieren. So bemühte sich der Industrieminister 1987 darum, die Einstellung von Frauen in der Textilindustrie mit dem Argument zu beenden, die Gesundheit der Frauen sei gefährdet. Heftige Proteste zahlreicher Frauengruppen zwangen das Ministerium, auf diese Reglementierung zu verzichten (vgl. Hatem 1992, 237).

Der nachhaltige Wandel der staatlichen Politik von der Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsmarkt im Interesse des Staatsaufbaus und während der Boom-Phase zu ihrem Ausschluß in der Krise wurde durch eine an die neue Situation angepaßte Re-Formulierung traditioneller Geschlechterdiskurse ideologisch flankiert und im Zuge des Anwachsens der islamistischen Bewegungen zunehmend religiös legitimiert. Da gerade auch in den höheren Bildungsinstitutionen vieler arabischer Länder der Stellenanteil qualifizierter Frauen, etwa im Verhältnis zur Situation in Westeuropa, relativ groß ist2, verschärft sich in der Krise insbesondere auch die Konkurrenzangst unter den gebildeten, in ihren Aufstiegshoffnungen enttäuschten Männern der Mittelschichten und macht sie anfällig für konservative und islamistische Forderungen, die die Frau vorrangig auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter festlegen wollen. Gleichzeitig sind zunehmend weniger Familien auch aus den sich ausdifferenzierenden und teilweise abstiegsbedrohten Mittelschichten in der Lage, für ihr Auskommen auf die außerhäusliche Arbeit der weiblichen Mitglieder zu verzichten. Um so wichtiger mag es unter solchen Umständen für viele Männer erscheinen, die gefährdete patriarchalische Kontrolle über die Frauen, angepaßt an die neuen Verhältnisse, zu restrukturieren und zu rekonstituieren (vgl. MacLeod 1991, 70ff).

Die "gottgewollte Ordnung" und die Politisierung des Geschlechterverhältnisses

Die mit dem Öl-Boom einhergehenden sozioökonomischen Transformationsprozesse haben zu tiefgreifenden sozialen Umbrüchen und Verwerfungen geführt. Die Krisendynamik seit den achtziger Jahren hat die soziale Polarisierung und Desintegration wie auch die staatliche Repression weiter verschärft. Die Hoffnungen vieler Menschen richten sich jetzt auf die islamistischen Bewegungen, die einen einfachen Ausweg aus der bedrängenden Gesellschaftskrise mit Symptomen wie Marginalisierung und Verelendung, Arbeitslosigkeit und katastrophaler Wohnungsnot versprechen unter der Parole: "Der Islam ist die Lösung!" Durch die Schaffung eines "islamischen Staates" und die für alle verbindliche Einführung der Scharia, des islamischen Rechts, soll eine gerechte Ordnung im Interesse der "Entrechteten und Enterbten" herbeigeführt werden. Von zentraler Bedeutung für die Wiederherstellung der gottgewollten Ordnung ist die Ordnung der Geschlechter (vgl. Senghaas-Knobloch/Rumpf 1991, 125), die in den Augen der Islamisten offenkundig aus den Fugen geraten ist, gleichsam als Symbol und Indikator der als chaotisch erlebten Gesellschafts- und Weltordnung.

Der "heidnische" Zustand der Gesellschaft erweist sich aus der Perspektive der Islamisten wie der Traditionalisten darin, daß die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die sich auf die angeblich natürliche und gottgewollte Komplementarität der Geschlechter gründet, durch die Berufstätigkeit vieler Frauen infrage gestellt und die als grundlegend erachtete Aufgabe der Frau, die neue Generation großzuziehen, vernachlässigt wird (vgl. Qutb 1981, 180). Beklagt wird darüberhinaus eine Lockerung bzw. ein Niedergang der traditionellen Sexualmoral: Unzucht, Laster und Verderbtheit hätten überhandgenommen. So erklärte einer der politischen Führer der Islamischen Heilsfront Algeriens, FIS, Abbasi Madani:

"Die Verderbtheit hat sich ausgebreitet, und wir sehen, daß die Frauen sich nicht mehr verschleiern und vor allen Augen ihren geschminkten und nackten Körper darbieten, im Hause und in der Öffentlichkeit. Wo ist die Würde der Algerier, nachdem seine Ehre öffentlich geohrfeigt wurde...." (zit. nach Mernissi 1992, 216f).

Die Politisierung des traditionellen Geschlechterverständnisses und der "Moral" der Frauen durch die Islamisten vermag an Erfahrungen, Konflikte und Ängste anzuknüpfen, die durch den rapiden sozialen Wandel und die damit einhergehende Desintegration der traditionellen Lebenswelten ausgelöst worden sind. Der Aufstieg der Islamisten spiegelt somit nicht nur eine Legitimationskrise des Staates wider, der die sozialpolitischen Erwartungen seiner Bürgerinnen und Bürger nicht erfüllen kann oder will, sondern auch eine strukturelle Krise der Familien- und Verwandtschaftsverbände. Der "Rentensegen", der wesentlich in den städtischen Zentren hängen blieb, forcierte die Landflucht ungemein. Die regionalen- und Binnen-Migrationsprozesse haben den lokalen Zusammenhalt der Großfamilien weithin zerrissen. Zwar sind die sozialen Netze der familiären Solidargemeinschaften für die in die Mega-Städte zugewanderten Massen, von denen der Staat wohlfahrtspolitisch keine Notiz nimmt, existenziell notwendiger denn je; gleichzeitig können sie ihre traditionelle Funktion, Schutz, Unterstützung und sozialmoralische Orientierung ihrer Mitglieder zu gewährleisten, immer weniger erfüllen (vgl. Rugh 1993, 159).

Der soziale Wandel hat auch die Binnenstruktur der Familie berührt

Der soziale Wandel berührt darüberhinaus nicht nur die Funktion, sondern auch die Binnenstruktur der Familie. Die traditionellen impliziten oder expliziten Geschlechter- und Generationenverträge, die den Zusammenhalt der Familien durch wechselseitige funktionale Abhängigkeit gestärkt und Konflikte durch klare Hierarchien zwischen den Geschlechtern und Generationen reduziert haben, werden zunehmend außer Kraft gesetzt. In der Folge fühlen sich alle betrogen. Die Älteren vermissen die traditionell selbstverständliche Ehrerbietung, die Jüngeren die existenzielle Absicherung. Der traditionelle patriarchalische Geschlechtervertrag versprach der Frau für ihre Unterwerfung unter die Autorität des Mannes und seine Kontrolle über ihre Sexualität materielle Sicherheit, Schutz und Ansehen. Zu dieser "Gegenleistung" sind viele Männer heute nicht mehr in der Lage. Die materielle Grundlage patriarchalischer Kontrolle wird zersetzt, umso mehr, wenn Frauen Zugang zu Bildung und Beruf haben. Die unübersehbare massenhafte Präsenz von Frauen im öffentlichen, traditionell als "männlich" definierten Raum signalisiert die Auflösung der traditionellen patriarchalischen Ordnung und wird zum augenfälligsten Ausdruck des rasanten, viele fundamental desorientierenden gesellschaftlichen Wandels. Die Islamisten knüpfen hier an die verbreitete moralische Verunsicherung insbesondere auch junger Menschen an, die - häufig mit ländlichem Hintergrund nach traditionellen Wertvorstellungen sozialisiert - nun im städtischen Kontext mit solch verwirrenden Phänomenen und Verhaltensmustern konfrontiert sind wie etwa der sozialen Vermischung der Geschlechter in den Universitäten, dem überfüllten Transportsystem und der Arbeitswelt. Die Ratgeberspalten der ägyptischen Zeitungen sind nicht umsonst voll von Anfragen über die moralisch und religiös angemessene Ausgestaltung der Geschlechterbeziehungen. Themen wie die mögliche Berufstätigkeit der Frauen, ihre Rolle im Haushalt und ihr Potential zu sexuellem "Fehlverhalten" werden vorrangig behandelt und erweisen sich somit als konflikthaft (vgl. Rugh 1993, 168ff).

Traditionellen islamischen Vorstellungen entsprechend wird das Verhalten der Frau, die unverschleiert den öffentlichen "männlichen" Raum betritt, als sexuelle Versuchung und Aufforderung interpretiert, durch die die Selbstbeherrschung der Männer und die Sozialordnung in Gefahr gerät und Chaos verursacht wird. Um den Zusammenbruch der sozialen Ordnung zu verhindern, muß die potentiell als sozial zerstörerisch gedachte weibliche Sexualität streng kontrolliert und durch Geschlechtertrennung und Verschleierung der Frau auf den privaten Bereich beschränkt und somit "domestiziert" werden. (vgl. Mernissi 1987, 26ff; Werner 1996, 15).

Die psychosoziale und moralische Irritation durch die neu erlebten sozialen Verkehrsformen wird für die traditionell erzogenen jungen Männer und Frauen dadurch verschärft, daß die einzige gesellschaftlich akzeptierte und sozial enorm geschätzte Form sexueller Beziehungen, die Ehe, aufgrund der sozialen Umbrüche erst viel später als traditionell üblich möglich wird. Längere Ausbildungszeiten, miserable Beschäftigungsmöglichkeiten und die katastrophale Wohnungsnot haben das Heiratsalter für die meisten jungen Leute in den großstädtischen Zentren in die späten zwanziger Jahre oder darüberhinaus verschoben (vgl. Ayubi 1993, 39).

Delegitimierung der herrschenden Regime und konkrete Alternativen: die Doppelstrategie der Islamisten

Die islamistischen Oppositionsgruppen begegnen nun der Krise der Familien, der sozialmoralischen Desorientierung und der sexuellen Krise mit einer Doppelstrategie. Zum einen werden die vielschichtigen Krisensymptome thematisiert und zur De-Legitimierung der herrschenden Regime verwendet. Zum anderen präsentieren die Islamisten konkrete Alternativen, schaffen Strukturen gesellschaftlicher Gegenmacht und entwickeln Selbsthilfenetzwerke. Angesichts der Erosion der auf Verwandtschaft basierenden gemeinschaftlichen Bindungen und des zunehmenden Funktionsverlustes der Familie bieten die islamistischen Bewegungen sich als "Supra"- und "Super"-Familien an und fördern eine Re-Organisation und Re-Integration der Gesellschaft jenseits traditioneller familiärer Bindungsmuster. Die Transformation von den verwandtschaftlich hin zu den politisch-religiös begründeten islamistischen Gemeinschaften stellt somit eine Anpassung an krisenhafte moderne soziale Verhältnisse dar, in denen der Staat wohlfahrtspolitisch abwesend ist.3 Die islamistischen Organisationen bieten soziale Dienstleistungen wie etwa kostenlose ärztliche Versorgung für die Armen, Hilfe für Studierende, vermitteln klare moralische Orientierung und versprechen nicht zuletzt, die durch die soziokulturellen Erosionsprozesse gefährdete patriarchalische Autorität von Vätern, Ehemännern, Brüdern und anderen männlichen Verwandten auf einer neuen Ebene zu reformulieren und zu reformieren, indem die Kontrolle über die Frauen nun durch alle Männer der umma, der "Über-Familie" der Gläubigen, garantiert wird. Durch die Geschlechtertrennung und die Verschleierung der Frauen im öffentlichen Raum vermag zudem auch bereits unter einem "heidnischen Regime" die Hinwendung zur angestrebten "wahrhaft islamischen Ordnung" augenfällig demonstriert werden.

Auch die herrschenden Regime instrumentalisieren die Frauenfrage

Angesichts der dramatischen De-Legitimierung der herrschenden Eliten kann es wenig verwundern, daß die geschlechterpolitische Re-Orientierung in die staatlichen Versuche des Krisenmanagements ebenfalls Eingang gefunden hat, sind doch seit der massiven Schwächung linker Oppositionsgruppen die islamistischen Bewegungen zur Hauptzielscheibe der staatlichen Strategien von Kooptation und Ausschluß geworden (vgl. Krämer 1994, 202). Durch die Übernahme von Positionen in einem Bereich, in dem gesamtgesellschaftlich wenig Widerstand zu erwarten ist, versuchen die Regierungen, der islamistischen Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen und die gemäßigteren, sich religiös artikulierenden Kräfte einzubinden. Die "Frauenfrage" eignet sich zu diesem Zweck nicht zuletzt deshalb besonders, weil hier am ehesten strömungsübergreifend Gemeinsamkeiten zwischen Traditionalisten und Islamisten vorhanden sind (vgl. Stowasser 1993, 20f). Die neopatriarchalische Geschlechterpolitik (vgl. Sharabi 1988) läßt sich seitens des Staates multi-funktional als "Krisen-Joker" ausspielen, mit dem die wachsenden marginalisierten oder von Marginalisierung bedrohten Segmente der Mittel- und Unterschichten von den eigentlichen sozioökonomischen Krisenursachen und dem Versagen des Staates abgelenkt, sozialpsychologisch stabilisiert und ideologisch reintegriert werden sollen. Nicht zuletzt die Auseinandersetzungen um das Familien- und Personenstandsrecht in Algerien und Ägypten haben gezeigt, wie der Staat im Interesse der "Integration der Integristen" (Krämer 1994, 200) versucht hat, die bescheidenen frauenrechtlichen Errungenschaften früherer Phasen rückgängig zu machen und seine umfassende Legitimationskrise auf dem Rücken der Frauen zu bewältigen. In der Neufassung des algerischen Personenstandsrechts von 1984 z.B. wird die Frau entgegen dem verfassungsrechtlichen Grundsatz staatsbürgerlicher Gleichheit von 1976 klar benachteiligt und zeitlebens der Vormundschaft der männlichen Verwandten unterstellt. Ausdrücklich wird festgehalten, daß die Frau dem Ehemanne Gehorsam schulde. Das Scheidungsrecht begünstigt deutlich den Mann; grundsätzlich wird die Ehescheidung zum Vorrecht des Mannes erklärt, seitens der Frau kann sie nur in ganz bestimmten begrenzten Fällen verlangt werden. Im Scheidungsfalle wird die eheliche Wohnung dem Mann auch dann zugesprochen, wenn die Frau als an der Scheidung "unschuldig" betrachtet wird (vgl. Knauss, 126ff).

Auch der ägyptische Staat verabschiedete sich angesichts der soziopolitischen Krisendynamik zügig von den staatsfeministischen Konzepten der Nasser-Ära. So heißt es in der Verfassung von 1971, als sich das Sadat-Regime darum bemühte, die Islamisten als Bündnispartner gegen die Linke zu gewinnen: "Der Staat garantiert eine Balance und Übereinstimmung zwischen den Pflichten der Frau gegenüber ihrer Familie einerseits und gegenüber ihrer Arbeit in der Gesellschaft und ihrer Gleichheit mit dem Mann in den politischen, sozialen und kulturellen Bereichen andererseits, unter der Bedingung, daß die Gesetze der islamischen Scharia nicht verletzt werden." (zit. nach Badran 1991, 223). Dieser neue Verfassungsartikel bedeutete nicht nur eine deutliche politische Abkehr von den säkularen Tendenzen der sechziger Jahre. Er erklärte auch die bürgerlichen Rechte der Frauen zum Spielball männlicher Kontrollbefugnisse. Die Revision des Personenstandsrechts 1985, die die Rechtsstellung der Frau bezüglich Polygamie und Scheidung gegenüber früheren Regelungen verschlechtert, schreibt ebenfalls die rechtliche Ungleichheit der Geschlechter im Interesse der Einbindung der konservativen und gemäßigt islamistischen Kräfte fort (vgl. Hatem 1992, 245).

Die geschlechterpolitische Strategie, die der Legitimationskrise auf Kosten der Frauen buchstäblich "Herr" zu werden versucht, hat für die staatlichen Eliten den Vorteil, daß weiteste Teile der Gesellschaft, insbesondere viele Männer, applaudieren oder zumindest keinen Widerstand leisten. Zudem ist sie rascher und risikoloser durchzusetzen als grundlegende strukturelle Reformen und eine Umorientierung der Entwicklungsstrategie im Interesse der armen Bevölkerungsschichten.

Im Kampf um die Rechte der Frauen: laizistische Feministinnen ...

Der Aufstieg des politischen Islam spiegelt also eine umfassende Gesellschaftskrise wider, die sich nicht nur in eine Legitimationskrise des Staates übersetzt hat, sondern sich insbesondere auch in der Erosion der traditionellen Familienstrukturen und -funktionen manifestiert, die nicht zuletzt eine Dynamisierung der Geschlechterverhältnisse befördert.

Heute haben die Frauen im Vorderen Orient massenhaft Zugang zu Bildung und Beruf und mit oder ohne Schleier einen Platz im öffentlichen Raum errungen, der traditionell den Männern vorbehalten war. Während einerseits die herrschenden Eliten wie auch die islamistischen Gegeneliten im Interesse von Machterhalt bzw. Machterwerb versuchen, bisherige frauenrechtliche Errungenschaften einzuschränken und durch die Politisierung der Frauenfrage zugunsten männlicher Dominanz aus der Krise politisches Kapital zu schlagen, kämpfen zahlreiche Frauen auf der Grundlage unterschiedlicher, teilweise kontroverser Legitimationsstrategien und Weiblichkeitsvorstellungen darum, ihre Rechte und Handlungsspielräume zu erhalten und auszuweiten.

Säkular bzw. laizistisch orientierte Feministinnen, die vor allem gebildete und qualifizierte Segmente der gehobenen Mittelschichten repräsentieren, stellen die Rechte des Individuums in den Vordergrund und argumentieren auf der Grundlage des Gleichheitsgrundsatzes. Ihre Emanzipationskonzepte bieten am ehesten einer kleinen privilegierten Minderheit von Frauen eine Perspektive, die über die materiellen und sozialen Ressourcen verfügen, um gegebenenfalls auf die sozialen Sicherungssysteme der familiären oder religiösen Gemeinschaften zugunsten ihrer individuellen Selbstbestimmung verzichten zu können. Wissenschaftlerinnen wie Fatima Mernissi in Marokko, Schriftstellerinnen wie Nawal el-Saadawi in Ägypten und politische Aktivistinnen wie Khalida Messaoudi in Algerien gehören zu dieser Strömung, die zwar im Westen wahrgenommen, aber in den eigenen Gesellschaften deutlich an den Rand gedrängt wird. Angesichts breitester gesellschaftlicher und politischer Widerstände, bedroht von staatlicher Zensur und Repression, scheinen Frauen, die auf gleichen Rechten beharren, ohne Schleier den öffentlichen Raum betreten wollen und darüberhinaus das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung einfordern, weithin auf verlorenem Posten zu stehen. Ihre Situation wird dadurch erschwert, daß sie als "verwestlicht" und angebliche "Verräterinnen" an der "authentischen" Kultur diskreditiert werden, die durch die Definitionsmacht des dominanten Patriarchats bestimmt wird.

... und islamistische Frauenrechtlerinnen

Erheblich einflußreicher ist die breite, in sich vielstimmige Strömung islamischer und islamistischer Frauenrechtlerinnen4, die auf der Basis einer Re-Interpretation der islamischen Tradition im Sinne einer "feministischen Theologie" (vgl. Hassan 1997, 232; Mir-Hosseini 1996, 285) versuchen, den traditionellen religiös legitimierten sozialen und rechtlichen Handlungsrahmen auszuweiten. Die Angehörigen dieser Frauenbewegungen propagieren selbstbewußte, eigenwillige Frauen aus der islamischen Frühgeschichte wie etwa Khadija oder ´A´ischa (vgl. Spellberg 1994; Ahmed 1992, 42) als Rollenvorbilder und verabschieden sich vom Leitbild der gehorsamen, unterwürfigen Frau (vgl. Rahnavard zit. nach Haeri 1993, 195). In Ägypten und Jordanien z.B. schicken viele Eltern ihre Töchter inzwischen auf islamische Privatschulen, in denen sie nicht nur nach dem allgemeinen Lehrplan und im Sinne islamischer Werte unterrichtet werden, sondern in denen sie auch mit bedeutenden Frauen aus der Geschichte des Islam, unter ihnen herausragende religiöse Autoritäten, vertraut gemacht werden (vgl. Azzam 1996, 221). Anders als die Laizistinnen sind die Islamistinnen mit ihren Konzepten und in ihrer Vielstimmigkeit augenscheinlich in der Lage, ein breites soziales Spektrum zu bedienen und so politisch Einfluß zu gewinnen. Die "alte" Rolle der Hausfrau und Mutter wird ideologisch aufgewertet, neue Rollen, die mit dem Betreten des öffentlichen Raumes verbunden sind, etwa als Berufstätige, Studentin, Wissenschaftlerin etc. werden eröffnet und durch das Tragen des Schleiers sozialmoralisch abgesichert. Mit der "islamischen Bedeckung" können Frauen traditionelle Grenzen überschreiten und den öffentlichen Raum betreten, ohne die gängigen Normen "tugendhafter Weiblichkeit" zu durchbrechen und ihr soziales Ansehen zu verlieren (vgl. Najmabadi 1991, 66). Die islamistischen Frauenrechtlerinnen grenzen sich bewußt von westlichen Leitbildern und Rollenmodellen ab; der Schleier symbolisiert für sie nicht Unterdrückung, sondern Befreiung, etwa von dem Diktat der Modeindustrie, den Anforderungen des Schönheitsmythos, den Zwängen der Konsumideologie, den Unannehmlichkeiten und Risiken sexueller Belästigung (vgl. Afshar 1996, 201; vgl. Göle 1997, 45f). Für etliche junge Frauen fungiert der Schleier auch als Mittel zur generationellen Rebellion; sie können dadurch eine moralisch-religiöse Überlegenheit demonstrieren, die sie legitimiert, die Eltern zu belehren und zu einer strikteren religiösen Lebensführung anzuhalten, und so die herkömmlichen Senioritäts- und Autoritätsverhältnisse umkehren (vgl. Werner 1996, 13f). Die Suche der islamistischen Frauenrechtlerinnen nach eigenen "authentischen" Emanzipationskonzepten wird durch die Allgegenwart der Bilder und Zerrbilder westlicher Geschlechterverhältnisse, die durch die Vorherrschaft der westlichen Medien bis in die ärmsten Viertel der Großstädte und bis in das abgelegenste Dorf transportiert werden, eher noch verstärkt. Die tausendfach aus Europa oder den USA importierten TV-Serien und Seifenopern präsentieren nicht nur Frauenbilder, die von der Alltagswelt der Frauen aus den unteren Schichten Lichtjahre entfernt sind; mit ihrer Dominanz von Sexualität und Gewalt, als deren Objekte die Frauen zumeist dargestellt werden, können sie auch keine ansprechenden Rollenvorbilder bieten, die Frauen in ihrem Bemühen um Empowerment symbolisch unterstützen könnten (vgl. Davis, H. 1989, 14ff).

Auf eindrucksvolle Weise zeigen die relativen Erfolge der islamistischen Frauenrechtlerinnen in der Islamischen Republik Iran, wie Frauen auch im Rahmen islamistischer Vorstellungen durch zähen und beharrlichen Druck auf die politisch Verantwortlichen Handlungsspielräume erweitern können (vgl. Kian 1997, 75ff). Zunächst hatte der Aufstieg der Islamisten zur Staatsklasse im Iran zu massiven Rückschlägen für die Frauen im rechtlichen und sozialen Bereich geführt, so etwa zu einer massiven Verschlechterung ihres zivil- und strafrechtlichen Status (vgl. Pakzad 1994, 169ff), ihrem Ausschluß aus bestimmten Berufen wie etwa dem Richteramt (vgl. Afkhami 1994, 12) aufgrund ihrer angeblichen essentiellen Verschiedenheit und emotionalen Sensibilität, sowie zum Zwang, den Schleier zu tragen. Zwei Jahrzehnte später haben die iranischen Frauen nicht nur das offiziell propagierte traditionelle Leitbild von der Rolle der Geschlechter durch ihre enormen Erfolge im Bildungsbereich und ihren massenhaften Eintritt in den Arbeitsmarkt vielfach praktisch unterlaufen, sondern auch das orthodoxe Konzept von Weiblichkeit mittels einer Re-Interpretation der religiösen Texte nachdrücklich theoretisch herausgefordert und infragegestellt. So kritisieren neuerdings Frauenrechtlerinnen und bemerkenswerterweise auch einzelne höhere Geistliche, wie etwa der in Qom lehrende Mohsen Sa 'idzadeh, in der Frauenzeitschrift Zanan das orthodoxe Konzept von der Komplementarität der Geschlechter, das Männern und Frauen unterschiedliche Rechte zuspricht, als "Vorwand, um Frauen ihre islamischen Rechte zu verweigern" (zit. nach Mir-Hosseini 1996, 305). Es wird betont, daß der Islam den Frauen gleiche Rechte in allen Bereichen garantiere, einschließlich des Rechts auf religiöse und politische Führungsämter, sowie das Recht, Richterinnen zu werden. Auf der Grundlage des Prinzips des ijtihad, der selbständigen Rechtsfindung aufgrund rationaler Erwägungen (vgl. Halm 115ff; 133), wird dem herrschenden orthodoxen Geschlechterkonzept ein feministisches Verständnis entgegengesetzt, das sich auf eine Re-Interpretation der Scharia beruft (vgl. Mir-Hosseini 1996, 309ff).

Widersprüchliche Tendenzen

Unter den Bedingungen einer sozialstrukturell ausdifferenzierten Gesellschaft mit einer breiten gebildeten Mittelschicht, einer sich entfaltenden Zivilgesellschaft (vgl. Schirazi 1995, 135) und einer traditionsreichen Frauenbewegung (vgl. Paidar 1996, 53ff) scheint die ideologische Auseinandersetzung im Iran zum Terrain höchst kontroverser geschlechterpolitischer Auseinandersetzungen zu werden, vergleichbar mit den Auseinandersetzungen über Differenz und Gleichheit anderswo (vgl. Büttner 1991, 160).

Im Hinblick auf die Perspektiven der geschlechterpolitischen Dynamik im Vorderen Orient zeichnen sich widersprüchliche, in sich gegenläufige und sozial unterschiedlich akzentuierte Tendenzen ab. Solange sich die Krisenentwicklungen vertiefen und die sozialen und politischen Polarisierungen einschließlich der damit verbundenen kulturellen Brüche weiter zunehmen, dürfte auch die Nachfrage in den ärmeren sozialen Schichten nach Schutz, Absicherung und sozialmoralischer Orientierung durch die familiären und religiösen Gemeinschaften ungebrochen bleiben. Mangels Alternativen und angesichts eines repressiven, sozialpolitisch abwesenden Staates bleiben sie existenziell notwendige Zufluchtsbastionen, deren Zusammenhalt durch die traditionellen patriarchalischen Verhältnisse aufrechterhalten und den Autonomieansprüchen der Individuen übergeordnet wird. Gleichzeitig müssen immer mehr Frauen aus den Unter- und Mittelschichten zum Lebensunterhalt der Familien beitragen, was die patriarchalischen Geschlechterarrangements in ihrer materiellen Grundlage zunehmend unterspült. Die wachsende Präsenz der Frauen im öffentlichen Raum, ihr breiter Zugang zu Bildung und Beruf, läßt sich sicherlich nicht rückgängig machen, dürfte aber weiterhin von sozialmoralischen Kontrollversuchen und neopatriarchalischen Gegenbewegungen begleitet und behindert werden. Die mit den gesellschaftlichen Transformationsprozessen einhergehende Heterogenisierung der Mittelschichten bringt eine Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Lebensformen mit sich und schafft in den privilegierten Segmenten das Potential für Individualisierungsschübe. Damit werden auch für eine Minderheit von Frauen autonomere Gestaltungsspielräume und alternative Rollenkonzepte eröffnet. Die säkular oder religiös legitimierte Forderung vieler Frauenrechtlerinnen nach gleichen Rechten, auch im "privaten" Bereich und im Personenstandsrecht, mag diesen Prozeß widerspiegeln. Die Kritik an einem Leitbild, das unter Verweis auf die vermeintlich gottgegebene Komplementarität der Geschlechter gleiche Rechte für die Frauen ablehnt, zielt darauf ab, eine der ideologischen Grundfesten der patriarchalischen Geschlechterordnung in den Gesellschaften des Vorderen Orients zu Fall zu bringen.

Bemerkenswerterweise zeigen sich in den Debatten der orientalischen und westlichen Frauenbewegungen interessante Berührungspunkte und Konvergenzen (vgl. Kreile 1997a, 352ff; Benhabib 1995, 159ff). Problematisiert wird etwa das Verhältnis von Gleichheit und Differenz, von Individuum und Gemeinschaft, Autonomie und Fürsorge. Dabei scheinen die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede eher quer zu den kulturellen Zugehörigkeiten zu liegen und vorrangig sozialen und klassenspezifischen Unterscheidungslinien zu folgen. Während in den orientalischen oder westlichen Villen-Vierteln der "globalen Dörfer" die sozioökonomischen Ressourcen für privilegierte Frauen vorhanden sein mögen, die eigene "Bastel-Biographie" (Beck-Gernsheim) jenseits von familiärer und gemeinschaftlicher Absicherung relativ autonom zu gestalten und die Reproduktionstätigkeiten zu delegieren, dürfte für die Marginalisierten der orientalischen wie der westlichen "Risikogesellschaften" die Familie oder ein kommunalistisches Funktionsäquivalent eine fortdauernde bzw. mit dem Abbau sozialstaatlicher Strukturen restaurationsbedürftig erscheinende existenzielle Überlebensressource darstellen. Hier könnte sich, interkulturell vergleichend, eine weiterführende Forschungsperspektive eröffnen, die kulturalistischen Zuschreibungen und Deutungsmustern den Boden entzieht und die gemeinsamen Bemühungen der internationalen Frauenbewegung um geschlechterdemokratische Transformationsstrategien (vgl. Rössler 1995, 285 ff.; vgl. Sauer 1998, 41) weltweit befördern hilft.

Anmerkungen

1) Eine weitergehende Binnendifferenzierung zwischen den einzelnen Ländern der Region, die die unterschiedlichen Staatsbildungskonzepte und Legitimationsideologien der jeweiligen Staatsklassen stärker einbeziehen müßte, kann in diesem Rahmen nicht geleistet werden. (vgl. hierzu ausführlicher Kreile 1997a, 256ff.; 282ff)

2) Bspw. waren 1981 25% des Lehrpersonals an ägyptischen Universitäten Frauen. (vgl. Mernissi 1988, 11)

3) Vergleichbare moderne kommunalistische Vergemeinschaftungsprozesse unter religiösen oder ethnischen Vorzeichen sind auch anderswo als Krisenantworten zu beobachten. (vgl. Kößler/ Schiel [Hg.], 2. Aufl. 1995; Wichterich 1992, 47ff)

4) Wenngleich sich die Weiblichkeitsvorstellungen und frauenrechtlichen Forderungen islamischer und islamistischer Frauenrechtlerinnen teilweise überschneiden, gibt es doch auch Unterschiede in der jeweiligen

politischen Orientierung. Islamische Frauenrechtlerinnen bzw. Feminististinnen legitimieren ihre Konzepte und Forderungen auf dem Boden des Islam, ohne damit zwangsläufig eine bestimmte Staatskonzeption zu verbinden. Islamistische Frauenrechtlerinnen streben als politisches Projekt einen "islamischen Staat" an, was immer das bedeuten mag.

 

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