Zeitschrift

Der Vordere Orient an der Schwelle zum 21. Jahrhundert


Heft 3/98

Hrsg.: LpB


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Inhaltsverzeichnis


Das politische Buch


Politische Bildung - nicht nur für Fachhochschulen

 

Georg Fabritius / Wolfgang Geierhos / Christoph E. Palmer

Politische Bildung

Kommentierte Materialsammlung für die Fachhochschule

Richard Boorberg Verlag Stuttgart u.a. 1997, 400 Seiten, DM 49,-

Der vorliegende Band ist, wie es im Vorwort heißt, das erste Lehr- und Lernbuch für das Fach Politische Bildung in der Fachhochschulausbildung für Polizeibeamte. Es ist entstanden aus der Lehrpraxis an den Fachhochschulen der Polizei in Villingen/Schwenningen und Rothenburg/Oberlausitz (Sachsen) und richtet sich an die Studierenden für den gehobenen Polizeidienst an den vergleichbaren Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland.

Der Band will an Hand exemplarischer Dokumente und wichtiger Texte Denkanregungen geben, unterrichtliche und außerunterrichtliche Diskussionen ermöglichen und zu eigenständiger politischer Urteilsbildung führen. Dies geschieht in sieben grundlegenden Kapiteln, die die nahezu unendliche Themen- und Problemfülle politischen Wissens und politischer Bildung einfangen und strukturieren: Grundlagen der Politik; Demokratische Willensbildung; Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik als gemeinsame Deutsche Nachkriegsgeschichte; Die politischen Systeme der USA, Frankreichs und Deutschlands im Vergleich; Die Polizei in Konfliktfeldern; Die gesellschaftliche Entwicklung; Internationale Politik. In diesen Kapiteln werden dann die Themen weiter ausgefächert, etwa in Kapitel 1 in Politikbegriffe, Politische Verhaltenslehre (Mitwirkungs- und Einflußmöglichkeiten), Grundwerte der Demokratie und das Verhältnis von Politik und Moral (Ethik). Kapitel 2 wird gegliedert in Parteien, Interessengruppen und Massenmedien oder Kapitel 5 in Innere Sicherheit, Ausländer- und Asylpolitik, Multikulturelle Gesellschaft und Jugendprotest. Die Materialien, Dokumente und Texte sind mit erkennbarer politischer Erfahrung und didaktischem Fingerspitzengefühl ausgewählt. Und bei den jeweils einleitenden Problemaufrissen sowie den Fragen und Aufgaben zum Verständnis der Texte spürt man, daß sie aus langjähriger Lehrerfahrung der Verfasser erwuchsen. Auch das Bemühen um politische Ausgewogenheit und Unparteilichkeit ist heutzutage nicht in allen Werken zur politischen Bildung zu finden. Neben klassischen Texten wie die von Max Weber, Ralf Dahrendorf, John Rawls, Niklas Luhmann und anderen finden sich auch solche, die selbst dem politisch Bewanderten entweder unbekannt oder hochwillkommen sind. Das Bemühen um Abgewogenheit führt zum Beispiel dazu, daß im Abschnitt über die Parteien der zunehmenden Kritik am Parteienstaat mit der Wiedergabe von Texten von Richard von Weizsäcker, Renate Köcher, Warnfried Dettling, Erwin und Ute Scheuch, von Peter Glotz oder Hans Herbert von Arnim nicht ausgewichen wird, wenn auch wiederum ausgewogen mit Texten etwa von Norbert Blüm oder Wolfgang Jäger. Ähnlich werden etwa Maastricht-Befürwortung und Maastricht-Skepsis (mit Auszügen aus Texten von Karl v. Wogau, MdEP, und Renate Ohr, Hohenheim) nebeneinander gestellt. Die Absicht der Verfasser ist jedenfalls deutlich und wohltuend: politische Bildung nicht als "demokratische Märchenerzählung" zu praktizieren (wie das einer der Väter der politischen Bildung, Felix Messerschmid (der frühere Direktor der Akademie für politische Bildung in Tutzing einmal nannte), vielmehr durch die Vielfalt der Urteils-Perspektiven zur Einsicht in die Komplexität der politischen Problemlagen und in die Streitbefangenheit des Politischen schlechthin zu führen.

Demgegenüber will ich auch nicht in die Unsitte mancher Rezensenten verfallen und herausstellen, was das Buch alles "vergessen" hat, was man hätte anders und besser machen können. Es überwiegt bei mir jedenfalls der Eindruck, daß der Band seine Güte der Tatsache verdankt, daß sich in ihm eine von den drei Autoren geteilte Konzeption politischer Bildung sowie praktische Lehrerfahrung widerspiegelt. Hier liegt jedenfalls ein Lehr- und Unterrichtsbuch für den Politikunterricht vor, das sich vorteilhaft von manchen anderen seiner Spezies unterscheidet, nicht zuletzt, weil es nichts von der verbreiteten System- und Methodenwut politischer Didaktik an sich hat, sondern Politik dem "Mann in der Straße" auf natürliche, jedenfalls nicht didaktisch prätentiöse Weise nahezubringen versucht. Es scheint mir deshalb auch für andere Schul- und Hochschularten und bis hin zur gymnasialen Oberstufe empfehlenswert.

Klaus Hornung


 

Die Revolution von 1848/49

 

Thomas Kärcher

Bibliographie zur Revolution von 1848/49 mit besonderer Berücksichtigung Südwestdeutschlands.

Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 1998, DM 55,-

Das Buch mit seinen knapp 700 Seiten ist entstanden aus den wissenschaftlichen Vorarbeiten zu den verschiedenen Projekten des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg zum 150. Jahrestag der Revolution von 1848/49. Zum einen kamen in den letzten Jahren immer mehr Bücher zum Thema auf den Markt, zum anderen immer häufiger Anfragen nach Literaturhinweisen. Neben dem Erinnern an ein zentrales historisches Ereignis der südwestdeutschen Landesgeschichte geht es auch darum, ein demokratisches Traditionsbewußtsein im Land zu wecken und zu fördern. Deshalb soll die Bibliographie die Grundlage dafür sein, daß auch nach dem Ende der Gedenkveranstaltungen die Revolution von 1848/49 in der wissenschaftlichen Arbeit und in Museen, aber auch in den Schulen die ihr zustehende Bedeutung behält.

Obwohl sie mehr als 5700 Titel enthält, erhebt die Bibliographie keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll bescheiden "einen schnellen Zugang zu den meisten Veröffentlichungen" in Baden, Württemberg und Hohenzollern ermöglichen. Selbst Detailuntersuchungen eines Schülers für einen Wettbewerb sind aufgelistet. Darüber hinaus sind die wichtigsten Veröffentlichungen zur allgemeinen Entwicklung in Deutschland und Europa berücksichtigt. Von den beiden jüngsten Bänden der "Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs" der Landeszentrale für politische Bildung ist der Band von Hans-Georg Wehling und Angelika Hauser-Hauswirth: "Die großen Revolutionen im deutschen Südwesten" bereits aufgenommen, nicht jedoch der im Mai 1998 erschienene Band von Wolfgang von Hippel: "Revolution im deutschen Südwesten; Das Großherzogtum Baden 1848/49." Die einzelnen Aufsätze und Bücher sind durchnumeriert - aufgeteilt in die Untergruppen Europa, Deutscher Bund und Südwestdeutschland und hierbei jeweils in Literatur vor 1900 und nach 1900. Zwei ausführliche Register nach "Verfasser, Urheber und sonstigen Beteiligten" sowie nach "Personen-, Orts- und Sachregister" machen die Suche einfach. So kann auch für die praktische Arbeit in der Schule die jeweilige Literatur zur lokalen Geschichte einfach herausgefunden werden.

 

1848/49. Revolution der deutschen Demokraten in Baden

Herausgegeben vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Baden-Baden 1998.

DM 39,00. 538 Seiten, reich bebildert.

Der schwergewichtige Band wurde vom Badischen Landesmuseum als Katalog zu der dort 1998 stattfindenden Großen Landesausstellung herausgegeben. Den größten Teil des Buches nehmen 728 Ausstellungsobjekte mit Beschreibung und größtenteils auch Fotographie ein. Diese sind eingeteilt in acht Kapitel mit ca. 80 Unterkapiteln, denen jeweils ein etwa einseitiger, von prominenter Feder geschriebener Aufsatz als Einführung vorangestellt ist. Der Bogen reicht von der Französischen Revolution als Vorgeschichte bis zu den Folgen der Revolution und zum sehr wechselhaften Gedenken in den letzten 150 Jahren. Damit ist das Buch auch interessant, wenn man die Ausstellung nicht besucht hat. Der Inhalt stellt den vielen wissenschaftlichen Werken zur Revolution von 1848/49 eine informative und sehr umfassende bildliche Darstellung ergänzend zur Seite. Für die Vermittlung im Unterricht wird er somit eine wichtige Hilfe sein. Andererseits ist der Katalog mit seiner eher klassischen Aufmachung natürlich nicht in der Lage, die Lebendigkeit der bildlich und teilweise auch mit Schauspielern szenisch inszenierten Ausstellung vorzustellen.

Neben den die Kapitel einleitenden Kurzaufsätzen gibt das Buch in einer 15seitigen Einleitung einen umfangreichen Überblick über die Revolution vor allem in Baden. Die beiden Autoren Irmtraud Götz von Olenhusen und Alfred Georg Frei legen dabei das Hauptgewicht auf biographische Aspekte. Ein Nachwort von Hermann Glaser untersucht am Beispiel von Friedrich Daniel Bassermann die Bedeutung des Bürgertums in jener Zeit. Ein umfangreiches, mit Kurzangaben versehenes Literaturverzeichnis erlaubt es den Autoren, Fußnoten äußerst knapp zu halten. Ein ausführliches Personen- sowie Ortsregister erleichtern die Arbeit mit dem umfangreichen Werk.

 

"Der Traum von der Freiheit" -

Die deutsche Revolution von 1848/49 in Augenzeugenberichten.

Film von Jürgen Stumpfhaus, 90 Minuten.

Gefördert durch den SWF und die

Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg.

Video (DM 49,80) und Bildband

(schwarz-weiß, 39,80) zu beziehen bei Projektagentur Schwarzer,

Stechertweg 29, 79104 Freiburg.

Die szenische Dokumentation verknüpft ein Ateliergespräch mit den Erinnerungen von Teilnehmern und Beobachtern des Revolutionsgeschehens der Jahre 1848/49.

Das Pariser Atelier des Seemalers Melbye war im Jahre 1851 der Treffpunkt des deutschen Emigranten Carl Schurz und dessen Freund Strodtmann. Otto Sander spielt den Marinemaler Melbye, der sich der Suche nach einem völlig neuen Blau verschrieben hat. Peter Schell spielt Carl Schurz und Felix von Manteuffel den Literaten Strodtmann aus Schleswig. In ihren Gesprächen über Schiffbruch und Rettung fließen die Jahre 1848/49 mit ein. Sie skizzieren dabei nicht nur die deutsche, sondern auch eine gesamteuropäische Perspektive.

Carl Schurz ist wie sein Freund Strodtmann einer unter Tausenden von politischen Flüchtlingen, die sich nach Paris gerettet haben. Carl Schurz, der ehemalige Sprecher der deutschen Studentenschaft und spätere Offizier der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee, ist im Quartier Latin eine kleine Berühmtheit, hat er doch in einer spektakulären Aktion seinen Professor Gottfried Kinkel aus einem preußischen Gefängnis befreit.

In diese Rahmenhandlung sind Augenzeugenberichte der deutschen Revolution von 1848/49 eingebettet, die wie die Splitter eines Kaleidoskops ineinandergreifen. Sie zeichnen in szenischen Episoden erlebte Geschichte nach. Es sind Erinnerungen von Demokraten und Royalisten, Akteuren und Zauderern, Erinnerungen von Frauen, Männern und Kindern an ein Geschehen, als eine deutsche Republik noch als "Traum von der Freiheit" galt.

Der Film bezieht die nationalen und internationalen Ereignisse mit ein. Ereignisse, die auch Karl Schurz und seinen Freund Strodtmann ins Exil nach Paris und weiter in die Auswanderung nach Amerika führten.

 

Mit Zorn und Eifer

Karikaturen aus der Revolution 1848/49.

Mit Beiträgen von Grit Arnscheidt, Peter Blastenbrei, Wolfgang Klötzer, Dieter Langewiesche, Michael Stolleis.

Katalog zur Ausstellung im Reiss-Museum,

Mannheim.

Buchhandelsausgabe, geb. Schutzumschlag, 216 Seiten, 182 Abbildungen, DM 78,00.

Jede Phase des Revolutionsgeschehens zwischen März 1848 und Mai 1949 wurde in satirischen Bildkommentaren festgehalten. Alle Schwankungen der öffentlichen Meinung, alle Widersprüche und Gegensätze im Verlauf der Revolution fanden ihren Ausdruck in Karrikaturen. Mit knapp 200 davon spiegelt das Buch die Geschichte, die außerdem von namhaften Historikern erläutert wird.

Noch vor der Aufhebung der Zensur durch den Bundestag in Frankfurt verbreitet die Presse eine Fülle und Vielfalt von Karrikaturen. Mit Biß und ätzender Ironie bringen die Blätter die Ereignisse auf den Punkt. Sie charakterisieren Aufbruchstimmung und Hoffnung des erwachenden deutschen Michel wie auch die Enttäuschung über das Scheitern der Revolution. Selbst die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung haben sich als Karrikaturisten betätigt, ihre parlamentarischen Gegner und das gesamte Parlament in satirischen Porträts kommentiert.

Das Buch eignet sich mit seiner Vielfalt von Materialien ausgezeichnet zur Unterrichtsgestaltung und sollte in keiner Lehrerbibliothek fehlen.

 

Frank Engehausen

Heinrich von Feder. Der politische

Werdegang eines badischen Demokraten im 19. Jahrhundert.

Mannheim 1997.

(Kleine Schriften des Stadtarchivs

Mannheim. Nr. 7.)

DM 18,-

Mit dieser Schrift würdigt der Mannheimer Anwaltsverein als "Sponsor" das Werk des Politikers und Anwalts Heinrich von Feder, der zwar nicht aus Mannheim stammte, aber einen Großteil seines Lebens in dieser Stadt verbrachte, wenngleich dies nicht freiwillig, sondern als Folge seiner politischen Tätigkeit geschah. 1822 in Wertheim geboren, studierte von Feder Rechtswissenschaft, später außerdem Philosophie, Physik und Philologie in Bonn, wechselte nach zwei Jahren nach Heidelberg und besuchte auch Vorlesungen in Geschichte. In seiner Mannheimer Zeit gehörte Heinrich von Feder dem Landtag an, ebenso dem Mannheimer Bürgerausschuß und kandidierte, allerdings nicht erfolgreich, für einen Sitz im Reichstag. Als Politiker gehörte Heinrich von Feder zur demokratischen Opposition. In seinen Schriften befaßte er sich mit der Justizreform, insbesondere mit der Gerichtsverfassung, wo er das Laienelement steigern wollte. Zu erwähnen ist auch seine Schrift zur Verfassungsreform, wo es ihm um die Ministerverantwortlichkeit und die Wahlrechtsreform - Abschaffung des Wahlmännerprinzips - ging. Interessant ist dabei, daß in der Darstellung der Wandel in den Auffassungen Heinrich von Feders dargestellt wird und die möglichen Gründe hierfür aufgezeigt werden.

 

Ulrike Rödling/Heinz Siebold:

Der Münstergeneral. Menschen und

Ereignisse in der Badischen Revolution 1848/49.

Verlag Moritz Schauenburg, Lahr 1998.

DM 25,-

Die Autoren beschreiben mit bislang unbekannten Texten und Bildern die Ereignisse in Freiburg an Ostern 1848 sowie im Frühjahr 1849. Außerdem porträtieren sie den "Münstergeneral" Georg von Langsdorff, der - selbst Student - die Aufständischen vom Freiburger Münster aus befehligte, sowie den Parlamentarier und Seidenfabrikanten Carl Mez und Karl von Rotteck junior ausführlich. Daneben gehen sie auch ein auf die auf dem Freiburger Wiehre-Friedhof standrechtlich erschossenen Freiheitskämpfer Max Dortu, Friedrich Neff und Gebhard Kromer. Ein 16-seitiger Anhang gibt einen Überblick über die Erinnerungs- und Gedenkstätten der Badischen Revolution in der Umgebung. Ein kleiner Fehler ist dabei unterlaufen bei den Freischarzügen des Jahres 1848 auf Seite 191: Beim Hecker-Zug und beim Sigel-Zug sind die Unterschriften unter den Überblickskarten vertauscht worden. Ansonsten gibt das Buch mit seinen knapp über 200 Seiten interessante Informationen für jeden, der sich mit der Revolution im Raum Freiburg befassen will. Angelika Hauser-Hauswirth

 


Heinz Pfefferle

Politische Identitätsbildung in Württemberg-Hohenzollern (1945-1952).

Die Renaissance oberschwäbischen

Regionalbewußtseins.

Schriften zur Geschichtsdidaktik. Band 5.

Deutscher Studienverlag, Weinheim 1997.

Einen wichtigen Beitrag zur Geschichte von Württemberg-Hohenzollern leistet das Buch "Politische Identitätsbildung in Württemberg-Hohenzollern (1945-1952). Die Renaissance oberschwäbischen Regionalbewußtseins" von Heinz Pfefferle in einem Bereich, dem bisher wenig Beachtung geschenkt wurde. Zum ersten Mal steht die Identitätsbildung im Mittelpunkt einer Untersuchung. Pfefferles Anliegen ist es, zu zeigen, daß der "Südweststaatgedanke nicht nur in Stuttgart, sondern entscheidend in Oberschwaben auf den Weg gebracht wurde". Daß die CDU eine tragende Rolle dabei spielte und somit zugleich "Instrument und Motor" dieser Bewegung war, soll ebenfalls nachgewiesen werden.

Während sich die landesgeschichtliche Literatur bis dahin auf Quellen der politischen Leistungsträger beschränkt, bezieht Pfefferle noch weitere Quellen in seine Untersuchungen mit ein. Zu diesen Quellen gehören beispielsweise die Monatsberichte der Landratsämter mit ihrer Einschätzung der Stimmung der Bevölkerung, Meinungsumfragen der französischen Besatzungsmacht und Umfragen der Landesregierung im Zusammenhang mit Südweststaatsplänen.

Zunächst geht Pfefferle auf die Schwierigkeiten bei der Untersuchung der Identitätsbildung ein. Er stellt die Ergebnisse der bisherigen Forschungsarbeiten, die sich mit der Geschichte Württemberg-Hohenzollerns beschäftigt haben, dar und stößt dabei auf gravierende Defizite. Beispielsweise untersuchte Konstanzer in seinem Buch "Entstehung des Südweststaats" die Südweststaatbildung nur auf Ebene der Regierungen und ließ alle anderen Institutionen außer acht. Pfefferle wirft Konstanzer vor, er übernehme den "Wortschatz und die Vorstellungswelt Carlo Schmids" unreflektiert und messe dem Regionalismus keinerlei Bedeutung bei. Er selbst dagegen vertritt die Meinung, daß der Regionalismus für die Bildung des Südweststaats eine notwendige Voraussetzung gewesen ist.

Pfefferle sieht außerdem einen Zusammenhang zwischen der Identitätsbildung, eine zentrale Aufgabe der politischen Bildung, und der Didaktik.

In einem weiteren Schritt setzt er sich mit den beiden Begriffen "Identität" und "Region" auseinander, denen in dieser Untersuchung eine zentrale Rolle zukommt.

"Die Geschichte Württemberg-Hohenzollerns zwischen Provisorium und Südweststaatbildung" lautete der Titel des zweiten Teils der Untersuchung. Mit seinen beinahe 200 Seiten ist dieser zugleich Kern der Arbeit. In einem einführenden Kapitel gibt Pfefferle zunächst einen Überblick über die "Südwestdeutsche Identitätsbildung in der Krise der Nachkriegszeit". Daß es auch einige Neugliederungskonzepte gab, wird deutlich. Pfefferle geht auf zwei konträre Modelle genauer ein. Er stellt das Konzept einer "Schwäbisch-Alemannischen Demokratie" von Otto Feger dem Konzept "Rheinschwaben" von Friedrich Metz gegenüber.

In chronologischer Reihenfolge wird eine Übersicht der Regierungen von Württemberg-Hohenzollern und deren Politik gegeben, die maßgeblich durch die Personen von Carlo Schmid, Lorenz Bock und Gebhard Müller bestimmt wurde. Vor allem die persönlichen Ziele der Politiker stehen hierbei im Vordergrund der Untersuchung.

Den Schwerpunkt dieses zweiten Teils aber bildet das Kapitel "Felder der Identitätsgewinnung". In einer äußerst detaillierten Weise geht Pfefferle auf die einzelnen Ereignisse ein, die identitätsstiftend wirkten. Die Diskussionen über die Verfassungsgebung - CDU und SPD vertraten konträre Meinungen - gehört ebenso dazu wie die Politik Gebhard Müllers, mit der sich große Teile der Bevölkerung identifizieren konnten. Aber auch die Schul- und Kulturpolitik nahm bei diesem Prozeß einen zentralen Stellenwert ein; die Gründung einer Bekenntnisschule kann als ein Beleg dafür gesehen werden. In der Verbandsbildung sieht Pfefferle "geradezu ein Lehrstück für die Entstehung von Landesidentität", auch wenn die Verbandsstrukturen von der französischen Besatzungsmacht bestimmt wurden. Daß neben der politischen Kultur Württemberg-Hohenzollerns auch Parteien, allen voran die CDU, die "Identitätsbildung" beeinflußten, bringt der Autor deutlich zum Ausdruck.

Unter dem Titel "Zusammenfassungen, Wertungen und Überlegungen zum geschichtsdidaktischen Aspekt", dem dritten Teil der Untersuchung, stellt Pfefferle zunächst neun "Thesen zur Entstehung von Identität in Württemberg-Hohenzollern nach 1945" auf. Die "Identitätsbildung" und die zunehmende Demokratisierung bedingen sich wechselseitig.

Er macht in diesem letzten Teil seiner Untersuchung deutlich, daß es sich bei der Bildung einer südwürttembergischen "Landesidentität" um eine Teilidentität handelt, die neben der gesamtwürttembergischen Identität besteht.

Die vorliegende Arbeit, die als Dissertation konzipiert war, ist sehr detailliert und übersichtlich gegliedert und enthält im Anhang ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis. Pfefferle bezieht Bevölkerungsumfragen in seine Untersuchungen mit ein und untersucht Felder der Identitätsbildung, denen bis dato in der Literatur keinerlei Beachtung geschenkt wurde. Er gewinnt dadurch völlig neue Erkenntnisse, die er nicht nur Wissenschaftlern, sondern auch landesgeschichtlich Interessierten zugänglich macht. Susanne Lipp

 


Lebensweg und Leistung Scharnhorsts

Klaus Hornung

Scharnhorst. Soldat - Reformer - Staatsmann

Bechtle Verlag Esslingen 1997, 344 S.,

DM 44,-

Unsere Bundeswehr wurde am 12. November 1955 gegründet. Dieses Datum wurde bewußt ausgewählt: Es war der 200. Geburtstag des großen Heeresreformers Gerhard von Scharnhorst, dessen Reformwille in Preußen zwischen 1806 und 1813 - auf einen einfachen Nenner gebracht - aus Untertanen Staatsbürgern, aus Söldnern politisch bewußte Soldaten und gebildete Offiziere zum Ziel hatte. Er wurde daher als Pate der neuen deutschen Streitkräfte erwählt, nach der ungeheuren Zäsur von 1945. Fragt man aber, wer Scharnhorst war, erhält man selten eine klare Antwort.

Der bekannte Politikwissenschaftler Professor Klaus Hornung, durch eine große Zahl historischer und politikwissenschaftlicher Werke ausgewiesen, hat nun eine instruktive Biographie des Generals veröffentlicht, die Lebensweg und Leistung des Reformers auf dem Hintergrund der weltgeschichtlichen Umwälzungen zwischen 1750 und 1850 in Europa und Deutschland in bestechender Form darstellt. Das Buch ist so verständlich geschrieben, daß es sich über weite Strecken wie ein Roman liest, aber mit gründlichem wissenschaftlichen Fundus. Wenigstens für Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehr, aber auch für Politiker und Journalisten sowie Lehrkräfte aller Schularten sollte klar sein, daß der vielberufene "mündige Bürger", auf den auch unsere Streitkräfte setzen, ohne ein Mindestmaß an geschichtlichen Kenntnissen, an historischem Bewußtsein kaum den Anspruch erheben kann, mündig zu sein. Oberst Bernhard Gertz, der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, fordert daher mit Recht verstärkten geschichtlichen Unterricht in und außerhalb der Truppe.

Klaus Hornung hat in seinem instruktiven Buch Scharnhorst wieder ins Gedächtnis gerufen, ein Rückruf in die Geschichte, der gerade auch unsere Offiziere und Unteroffiziere auf Quellen des "Staatsbürgers in Uniform" in der Vergangenheit verweisen kann. Das Buch zieht aus der Epoche der Freiheitskriege auch treffende Linien zu unserer Demokratie und weist fesselnd nach, wie der große Heeresreformer die Grundlagen für das moderne Wehrwesen der Deutschen legte. Daß in der folgenden Ära der Restauration manche dieser Ansätze wieder verspielt wurden, gehört zu den schmerzlichen Erkenntnissen unserer Geschichte. Heinz Karst

 


Weibliche Identität

Susanne Maurer

Zwischen Zuschreibung und Selbst-Gestaltung. Feministische Identitätspolitiken im Kräftefeld von Kritik, Norm und Utopie.

edition diskord. Reihe Perspektiven.

Tübingen 1996

Der Text von Susanne Maurer gleicht einem Labyrinth: das Durchwandern dieses Labyrinths enthält lustvolle, spannende und aufregende, aber auch ermüdende und sich wiederholende Elemente. Aber am Ende steht doch die Erkenntnis: es hat Spaß gemacht und zum Weiterdenken angeregt.

Maurer spürt der Frage nach dem prekären Prozeß weiblicher Identitätsbildung im Kontext der Frauenbewegung nach. Übergeordnetes Ziel ist eine "Annäherung an verschiedene ,WirklichkeitsschichtenÕ des Feminismus" (421). Sie entwickelt anhand der Rezeption zahlreicher theoretischer Texte ihren eigenen Bezugsrahmen: die Trias von Kritik, Norm und Utopie, die das Kräftefeld markieren, innerhalb dessen weibliche Identität sich entwickelt.

Zu Beginn werden verschiedene Stufen des Fragens entwickelt. Sie bilden die - ständig neu zu reflektierenden - Arbeitshypothesen. Ziel dieser Stufen des Fragens, die zugleich Erkenntnisstufen sind, ist es, Orientierungen zur Rekonstruktion der verschiedenen Interviewschichten herauszuschälen. Im Anschluß kreist Maurer ihren theoretischen Bezugsrahmen ein. Auch hier befindet sich der Text im ständigen Fluß. Der kategoriale Bezugsrahmen entzieht sich ebenso wie der Forschungsansatz definitorischen Eindeutigkeiten und Positionierungen. Die Autorin scheint als eigenes Motto ständig ein Zitat von Adrienne Rich vor Augen zu haben: "Wahrheit ist ständig zunehmende Komplexität. (É) Lügen sind gewöhnlich der Versuch, alles einfacher zu machen (É), als es in Wirklichkeit ist oder sein sollte" (444). Maurer arbeitet - fast möchte ich sagen: "spielt" - mit verschiedenen Ansätzen, um sich dem Feminismus (oder besser: den Feminismen), der Kategorie Identitätspolitik und einem Subjektbegriff zu nähern.

Dabei entwickelt Maurer einen offenen und vielschichtigen Identitätsbegriff. "Die Suche nach möglichen Orten für sich in der Welt - nach ,IdentitätÕ oder Zugehörigkeit in einem sehr allgemeinen Sinne - bezieht sich auf materielle und gesellschaftliche, soziale Wirklichkeiten ebenso wie auf den Bereich des Imaginären" (317).

Ihr methodisches Verfahren ist selbst wiederum ein Prozeß des Suchens: ein tastendes Verfahren, das sich immer wieder öffnet und selbst reflektiert. Obgleich vom Verfahren her so nicht angelegt, ist der Text dennoch geteilt in einen sekundäranalytischen Teil theoretischer Reflexion und einen empirischen Teil, in dem die Interviewmaterialien im Vordergrund stehen.

Susanne Maurer hat mit Frauen unterschiedlicher Generationen, die alle eine biographische Verbindung zur Frauenbewegung haben, intensive und sehr persönliche Interviews geführt. Die Qualität und Dichte der Interviews zeigen, wie wichtig Selbstpositionierung und Selbstreflexion der Autorin sind. Ich denke, daß ein solches Maß an Authentizität nur da möglich ist, wo subjektorientierte Sozialforschung ernst genommen wird. Die Interviews werden in drei Durchgängen, entsprechend der drei Dimensionen des Individuellen, des Kollektiven und des Erkenntnistheoretischen, analysiert.

Die dialogischen Gespräche sind selbst Entwicklungsprozesse, in denen es um Aufbrüche, Enttäuschungen, um Euphorie und Utopie - kurz um die vielfältigen Ambivalenzerfahrungen weiblicher Existenz geht.

In diesem Teil wird Frauenbewegung und damit der schwierige Prozeß der Subjektwerdung lebendig. Maurer gelingt es, die Authentizität nicht der Analyse und der Systematik zu opfern. Individuelle wie kollektive Momente des Erlebens und Erinnerns geraten in den Blick. Hier werden Zeugnisse abgelegt, die dem Text von Maurer eine ganz besondere Qualität verleihen: die Verknüpfung von Geschichten und Geschichte wird auf spannende Weise dargelegt. Dies gilt besonders für die als "Lesebiographien" angelegten Auswertungspassagen der Interviews. Welche Texte welche Rolle in der Entwicklung der jeweiligen Frau gespielt haben - jede Leserin, die diese Passagen liest, wird unweigerlich zurückgreifen auf die eigenen Klassikerinnen der Frauenbewegung und sich erinnern.

Im Text werden immer wieder die eigenen Forschungszugänge und Forschungsweisen der Autorin reflektiert. Das ursprüngliche Vorhaben, einen "sich verdoppelnden" Text, der auf einer Seite den eher wissenschaftlich-theoretischen Fließtext, auf der anderen Seite Kommentare, Lieder, Gedichte, Assoziationen enthalten sollte, ist im vorliegenden Band spürbar - wie eine Zerreißung markiert den Text die Ambivalenz zwischen unterschiedlichen Wissenschaftsstilen: traditionellen Zugängen im Rahmen einer Qualifikationsarbeit Genüge zu leisten und gleichzeitig experimentelle, eher prozeßorientiert-reflexive Zugänge zu erproben, erweist sich als schwieriger Balanceakt.

Wichtig jedoch ist aus meiner Sicht, daß der Versuch, des - wie die Autorin es nennt - "Hin- und Herwandern(s)" (198) oder die Verschränkung von Perspektiven und Zugängen zwischen unterschiedlichen Methoden der Theoriebildung und damit auch der Forschungspraxen, in gleichem Maße andere Lesarten notwendig macht: den Mut zum Hin- und Herwandern im Text anstelle des traditionellen "ordentlichen" d.h. linearen Lesens.

Susanne Maurer präsentiert ein umfang- und materialreiches Geschichten- und Geschichtsbuch. Dies macht den Reiz des Textes aus. Zuweilen jedoch kreist die Argumentation um sich selbst. Allzu detailliert führt sie uns mittels ausführlicher field-notes durch ihre Gedanken und Assoziationen und erschwert damit den Zugang zum Text. Allzu häufig weist sie die Leserin/den Leser mit Anführungszeichen, Bindestrichen und Klammerkonstruktionen darauf hin, daß Sprache mehrdeutig, Begriffe komplex, Formulierungen vieldeutig sind - fast als fürchte sie, in ihren Aussagen festgelegt zu werden. Wäre es nicht auch ein möglicher Zugang, den Lesenden einfach zuzutrauen, eine differenzierte Lesehaltung einnehmen zu können, ohne dies ständig mit Hilfe pädagogischer Stolperfallen einzufordern?

Doch gerade auch wegen der hier angeführten Fragen: der Text von Susanne Maurer provoziert in positiver Weise. Er evoziert Selbstreflexion und Diskussion, er zeigt unterschiedliche Wege, biographisch und wissenschaftlich, die doch auf einem gemeinsamen Fundament bauen: Dem Wunsch nach Erkenntnis und Erkennen. Susanne Maurer legt damit selbst einen wichtigen Baustein für die Geschichte der Frauenbewegung, von und für Frauen im Aufbruch vor. Insgesamt ist der Text ein Suchtext, für den Maurers zentrale Denkfigur, die der selbstreflexiven Kritik, programmatisch ist und der in anschaulicher Weise zeigt, daß Wissenschaft und Entdeckungslust sich gegenseitig bedingen.

Susanne Diemer