Zeitschrift

Auf dem Wege zur
Zivilgesellschaft

 

Martin und Sylvia Greiffenhagen
Deutschland und die Zivilgesellschaft


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Inhaltsverzeichnis


Die deutsche Vereinigung als Herausforderung an die politische Kultur-Forschung

Das Ideal einer demokratischen, diskutierenden und partizipierenden Bürgergesellschaft

Prof. em. Dr. Martin Greiffenhagen lehrte Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart, Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen lehrt Politikwissenschaft an der Ev. Fachhochschule Nürnberg. Auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist das Ehepaar Martin und Sylvia Greiffenhagen durch ihr gemeinsames Buch: "Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur im vereinigten Deutschland" (2. Auflage, Paul List Verlag München 1993).

Worauf niemand nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus zu hoffen gewagt hätte: Innerhalb weniger Jahrzehnte ist Deutschland zu einer der stabilsten Demokratien der Welt geworden. Politische-Kultur-Forschung versucht, dieses scheinbare Wunder aufzuklären helfen, nicht zuletzt auch, um daraus zu lernen für die demokratischen Transformationsprozesse in anderen Ländern. Der Politischen-Kultur-Forschung geht es dabei um die subjektive Dimension von Politik, um das Bewußtsein der Menschen, um ihre Einstellungen zur Politik, zu den Institutionen und Repräsentanten, aber auch um die Wahrnehmung der eigenen Rolle in Politik und Gesellschaft. Ein mögliches Ideal dafür stellt das Modell der Zivilgesellschaft dar.
Red.


Die Zivilgesellschaft als Ideal

Mit Zivilgesellschaft bezeichnet die Politikforschung eine spezifische Form politischer Kultur: Verschiedene Kräfte aus Staat, Markt, bürgerlicher Öffentlichkeit und bürgerlicher Privatheit agieren in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander. Diese Balance entspricht der idealen Vorstellung einer demokratischen, diskutierenden und partizipierenden Bürgergesellschaft. Dabei kann man, wie Jürgen Habermas, Zivilgesellschaft eher als ein normatives Leitbild auffassen, das heißt als eine bisher nirgends erreichte, sondern künftig erst herzustellende Ordnung; andere Politologen erkennen dagegen schon in gegenwärtigen Gesellschaften Züge einer zivilen Gesellschaft.

Nationen, Regionen und Kommunen unterscheiden sich danach, wie weit sie diesem Ideal nahekommen. Die alten Demokratien Europas (also Britannien, die Niederlande, die skandinavischen Staaten und Frankreich, außerdem die Vereinigten Staaten von Amerika) entsprechen ihm eher als Staaten mit jüngerer demokratischer Geschichte wie Italien, Deutschland oder die meisten osteuropäischen Staaten.

Die deutsche Entwicklung hin zu einer der stabilsten Demokratien

Von besonderem Interesse für die Politikwissenschaft wie für die politische Praxis ist der Fall Deutschland. Deutschland gehört zu den Ländern, deren Entwicklung nach Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg von der Politikwissenschaft mit großem Interesse beobachtet und dokumentiert wurde. Eine sozialwissenschaftliche Disziplin, die sich bei dieser Arbeit besonders bewährt hat, ist die politische Kulturforschung.

Amerikanische Politikwissenschaftler hatten in den 50er Jahren prophezeit, es werde mindestens hundert Jahre dauern, bis Deutschland eine demokratische politische Kultur entwickelt hätte, die der seiner westlichen Nachbarn entspräche. Schon dreißig Jahre später bezeichneten aber dieselben Politologen die Bundesrepublik Deutschland als eine der stabilsten Demokratien Europas. In diesem Heft werden die Bedingungen des raschen politischen Wandels in Deutschland erörtert, und dabei wird gefragt, ob die deutschen Erfahrungen für andere junge Demokratien von Nutzen sein können.

Zunächst geht es darum, in die Begrifflichkeit und das Konzept der politischen Kulturforschung einzuführen. Sie macht Demokratisierungsprozesse zum Gegenstand und erlaubt mit ihren Fragestellungen und ihren Methoden vergleichende Aussagen zum Stande der Demokratie in verschiedenen Staaten.

Es geht um das Wechselspiel von Institutionen und ihrer Verarbeitung im Bewußtsein

Politische Kultur bezieht sich auf die subjektive Dimension der Politik und bezeichnet die Orientierungen einer Bevölkerung gegenüber dem politischen System mit all seinen Institutionen. Das Regierungssystem oder politische Institutionen interessieren also nicht an sich; Gegenstand der Forschung ist vielmehr die Weise der Betroffenheit der Bevölkerung durch sie. Politische "Realität" ist somit beides: die vorfindbaren Institutionen und ihre Verarbeitung im Bewußtsein der Bürger. Das eigentlich Interessante ist das Wechselspiel zwischen beiden: Wird das politische System von der Bevölkerung bejaht, und wenn, aus welchen Gründen? Finden die Herrschaftsträger als politische Klasse Unterstützung und als Personen Vertrauen? Dienen auch gesellschaftliche Strukturen, die auf den ersten Blick als unpolitisch erscheinen (z.B. Schulformen oder Erziehungsstile) der politischen Legitimität des Staates?

Politische Orientierungen einerseits, reale Verfassung und Institutionen andererseits, müssen nicht übereinstimmen. So gibt es bedeutende Beispiele für eine Kluft zwischen politischen Institutionen und politischem Bewußtsein der Bevölkerung. Im einen Fall laufen "progressive" Institutionen buchstäblich davon. Sie werden vom konservativen Bewußtsein der Bürger nicht eingeholt. Das war der Fall in der Weimarer Republik: die Parteiendemokratie wurde verachtet. Im anderen Fall trifft ein "fortgeschrittenes" Bewußtsein auf "rückständige" Institutionen. Beispiele hierfür lieferten Kinder, die aus antiautoritären Familien in Staatsschulen kamen, welche auf die Einstellungen und Werthaltungen dieser Kinder in keiner Weise vorbereitet waren.

Politische Kulturforschung als Transitions- und Krisenforschung

Politische Kulturforschung entsteht, wie die politische Theorie überhaupt, in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche. Die Stunde des Kultur- und Systemvergleichs schlägt in Zeiten raschen sozialen Wandels. Erst wenn die Verhältnisse sich ändern, bekommt man den Blick frei für den Vergleich von heute und gestern, von hier und dort. Gesellschaftliche Krisen führen zum Streit über die Verbindlichkeit religiöser Inhalte, über die Fortgeltung ethischer Normen, überkommener Traditionen, bisher unbefragter Erziehungsstile. Politische Kulturforschung war und ist in diesem Sinne stets auch Transitions- und Krisenforschung.

Einer der wichtigsten Impulse für den Neueinsatz der politischen Kulturforschung nach dem Zweiten Weltkrieg war die Emanzipation junger Staaten von der Kolonialherrschaft. Die vielerlei Modernisierungsprozesse bedeuteten für die politische Kulturforschung eine theoretische und methodische Herausforderung hohen Ranges. Die Geschichte selbst sorgte für Experimentierfelder. Wie in einem Zeitraffer liefen Prozesse ab, die früher Jahrhunderte brauchten.

Die Erfahrung des NS-Regimes

Der zweite Impuls für die Etablierung der politischen Kulturforschung als einer sozialwissenschaftlichen Disziplin lag in der politischen Erfahrung mit dem NS-Regime. Wie war es möglich, daß ein hochzivilisiertes Land des alten Europa in eine derartige Barbarei verfiel? Wie weit sollte man zurückgehen, um Quellen für diese Fehlentwicklung zu finden? Bis zu Hitler, zum Versailler Vertrag und der Weimarer Republik? Bis zum Ersten Weltkrieg und zur Wilhelminischen Ära? Bis zu Bismarck, Friedrich dem Großen? Spielen Luther und Nietzsche eine Rolle? Stimmt die These von der "verspäteten Nation" und vom "deutschen Sonderweg"? Von der Beantwortung dieser Fragen hängen Antworten auf andere Fragen ab: Wie lange würde es dauern, bis die deutsche Bevölkerung ähnlich stabile demokratische Werthaltungen aufweisen würde wie die alten Demokratien Europas? Welche Lebensgebiete, welche Sozialisationsmechanismen muß man dafür besonders ins Auge fassen? Gibt es Verbindungen zwischen ökonomischer Prosperität und Demokratisierung? Welchen Einfluß haben die sogenannten "sekundären Tugenden" wie Gehorsam, Pflichterfüllung, Fleiß und Disziplin, für die der deutsche "Nationalcharakter" und das deutsche Schulsystem in aller Welt bekannt waren?

Osteuropa als neues Experimentierfeld

Seit 1989 gibt es in Osteuropa ein neues Experimentierfeld für die politische Kulturforschung. Wieder ist es eine Krise, wieder sind es Bedingungen raschen sozialen Wandels, die zu Fragen zwingen: Von welchen Erfahrungen wurden welche Altersgruppen und Schichten in der DDR nachhaltig geprägt? Stimmt es, daß ostdeutsche Jugendliche im Blick auf ihr politisches Bewußtsein ihren westlichen Altersgenossen näher sind als die älteren Generationen? Und was wären die Gründe dafür? Wie steht es um das politische Bewußtsein von ostdeutschen Frauen? Wie wirkt sich Arbeitslosigkeit auf das politische Bewußtsein der Ostdeutschen aus? Gibt es eine "nachgeholte Identität", verbunden mit einer gewissen Nostalgie unter Ostdeutschen, die zu einer "Mauer in den Köpfen" zwischen Ost- und Westdeutschen führen könnte? Wird sich die deutsche politische Kultur insgesamt durch die Neuvereinigung ändern? Wird es für längere Zeit zwei politische Kulturen in Deutschland geben?

Der Vergleich von früher und heute, hier und dort

Der wichtigste Impuls für die politische Kulturforschung, nämlich der Vergleich von früher und heute, hier und dort, liefert gleichzeitig eine seiner wichtigsten Methoden. Dabei wird in verschiedener Richtung verglichen. Man vergleicht verschiedene politikgeschichtliche Phasen eines Volkes, um Einsichten in Wandlungsprozesse des politischen Bewußtseins zu bekommen. Gleichzeitig vergleicht man verschiedene nationale Kulturen. Zwischen beiden Vergleichen gibt es Querverbindungen, da auch nationale Vergleiche nur möglich sind unter Berücksichtigung der politikgeschichtlichen Faktoren. Es kommt auf diese Weise zu einer doppelten Verschränkung, und erst diese ermöglicht die Beschreibung der eigenen politischen Kultur: im Blick auf die eigene Geschichte und die Entwicklung anderer nationaler Kulturen.

Die Beschäftigung mit gesellschaftlichen Entwicklungen und ihren Trends setzt die politische Kulturforschung in die Lage, der praktischen Politik mit Rat zu dienen. Solche Politikberatung wird von der Politik selbst erwartet. Das ist ein Grund dafür, daß die politische Kulturforschung häufig in die politische Arena gerät. Politiker benutzen ihre Ergebnisse, um ihre Sicht der Dinge wissenschaftlich abzustützen.

Die Verschiebung des Wortsinns von politischer Kultur ist für Deutschland bezeichnend

Leider hat sich dabei in Deutschland eine Verschiebung des Wortsinnes von politischer Kultur eingeschlichen, der ein völlig anderes Verständnis beinhaltet, in einer für die deutsche politische Kultur selbst bezeichnenden Veränderung des angelsächsischen Wortsinnes von political culture: als ob politische Kultur für sich schon etwas Positives sei, eben "Kultur", die man einander zubilligen oder absprechen könne wie politische Moral oder politischen Stil. Das ist nicht der Sinn des wissenschaftlichen Ausdrucks political culture, der von amerikanischen Sozialwissenschaftlern nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt und von der deutschen Politikwissenschaft übernommen wurde. Wir verwenden den Begriff strikt in dem wissenschaftlichen, wertfreien Sinne. Dieser Gebrauch erlaubt also, unbefangen von einer politischen Kultur des Nationalsozialismus oder des Stalinismus zu reden. Wie bei den Begriffen regionale Kultur, Unternehmenskultur, Verwaltungskultur, Schulkultur ist jeder wertende Sinn ausgeschlossen.

Der wertfreie Umgang mit der Disziplin politische Kultur erlaubt einen entsprechend pragmatischen Umgang mit ihren Ergebnissen durch die Politik. Politische Kulturforschung setzt etablierte Regime, amtierende Regierungen und herrschende politische Klassen in den Stand, Strategien der Legitimitätsbeschaffung zu entwickeln. Sie kann aber ebenso revolutionären Gegeneliten dazu dienen, politische Systeme zu stürzen.

Die USA als Maßstab?

Obwohl die politische Kulturforschung wertfrei arbeiten will, gehört sie zur politischen Kultur eines Landes selbst hinzu und arbeitet keineswegs im politisch luftleeren Raum. Wie stark zuweilen die politische Einschätzung derselben Daten unter politischen Kulturforschern differiert, dafür gibt es ein sprechendes Beispiel aus der Wahlforschung. In den Augen nordamerikanischer Politologen gilt eine Wahlbeteiligung der amerikanischen Bevölkerung von mehr als 70 % als ein Warnzeichen und wird unter "Anomiefaktoren" gebucht: Irgend etwas in der Politik muß die Bevölkerung so irritieren, daß die traditionelle Wahlbeteiligung dramatisch überschritten wird. Anders in Deutschland, wo ein hoher Prozentsatz zwischen 80 % und 90 % bei Bundestagswahlen lange Zeit als normal galt. Seine Unterschreitung in den letzten Jahren findet ganz unterschiedliche politische Beurteilungen als Krisensymptom oder als Weg zur Normalität.

Diese Beispiele zwingen zu der Frage, woher die politischen Kulturforscher ihre Maßstäbe beziehen. Als die politische Kulturforschung nach dem Zweiten Weltkrieg sich als neue politikwissenschaftliche und empirisch orientierte Disziplin etablierte, zeigte sie deutliche Spuren der nordamerikanischen politischen Kultur. Das galt besonders für den Aspekt Partizipation, der auf den Meßskalen für Demokratie (Demokratieskala) einen hohen Stellenwert einnahm. Die Gründe dafür liegen in der Geschichte der Vereinigten Staaten: Ihre politische Kultur hat sich unter starker Selbstbeteiligung der Bürger ausgebildet. Auf dem Treck nach Westen wurden alle politischen Funktionen von den Siedlern selber ausgeübt, da der "Staat" erst im nachhinein folgte. Ein guter Amerikaner war somit einer, der sich für die öffentlichen Belange interessierte und politische Verantwortung übernahm. Politische Partizipation hat ihren hohen Rang auf der Demokratieskala bis heute behalten.

Die Frage ist nun, ob Staaten mit einer ganz anderen Geschichte sich nach dem politischen Maßstab der USA messen und beurteilen lassen sollen. Die Demokratietheorie kennt eine Fülle unterschiedlicher Modelle von Demokratie und trägt damit auch unterschiedlichen politischen Traditionen Rechnung. So geht das sogenannte Elitemodell der Demokratie von einem partizipativen Minimum aus, das sich mehr oder weniger auf Wahlen beschränkt, in denen die Bevölkerung das Mandat der politischen Elite verlängert oder beendet, die im übrigen die Geschicke des Landes unangefochten bestimmt. Andere Demokratiemodelle sehen viel stärkere Einwirkungsmöglichkeiten der Bevölkerung während der Wahlperiode vor.

In dem Maße, in dem jedes Land seine eigene Geschichte hat, hat es auch seine eigene politische Identität. Wohin kämen wir, wenn alle Nationen und Bevölkerungen sich zum Beispiel nach den Kriterien der Schweizerischen politischen Kultur beurteilen und also fragen lassen müßten, ob sie bereit sind, mehrmals im Jahre über Fragen des Benzinpreises oder des Tierschutzes abzustimmen? Wo bleibt hier die Möglichkeit einer Vergleichung, mit der man für die praktische Politik etwas anfangen kann?

Europa auf dem Weg zu einer gemeinsamen politischen Sprache

Früher existierten in Europa sehr verschiedene politische Kulturen nebeneinander. Man stellte sich nicht nur in der internationalen Politik, sondern auch als Reisender auf verschiedene "Nationalcharaktere" und "Mentalitäten" ein, rechnete mit unterschiedlichen Verwaltungs- und Rechtskulturen. Im übrigen verfuhr man strikt nach dem Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes. Militärbündnisse und Handelsbeziehungen wurden von unterschiedlichen politischen Kulturen nicht betroffen.

Das ist heute anders geworden. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die Bündnispartner der NATO müssen sich für die politische Kultur ihrer Vertragspartner interessieren. Sie tun es in der Praxis auch. Wer sich allzu weit vom europäischen Mittel entfernt, stellt sich selbst ins politische Abseits. Die europäischen Staaten werden unter dem Zwang gemeinsamer politischer Willensbildung künftig zu einer gemeinsamen politischen Sprache finden müssen. Grundwerte wie soziale Gerechtigkeit gehören zu dieser politischen Kultur, und bürgerliche Freiheitsrechte sollen von keinem europäischen Land mehr verletzt werden dürfen.

Insofern ist das Bemühen um gemeinsame Kriterien für eine "demokratische politische Kultur", die einen Vergleich der Demokratiefähigkeit von Bevölkerungen, Schichten und Bildungsgruppen erlaubt, nicht völlig unsinnig und unverbindlich. Man kann erwarten, daß die Kriterien für das, was man eine "demokratische Persönlichkeit" nennen mag, jedenfalls in Europa und in Nordamerika, generelle und vergleichbare Bedeutung bekämen. Die Festlegung auf solche allgemein anerkannten Kriterien (auf einer sogenannten Demokratieskala) erlaubt schließlich auch eine Typologie verschiedener Kulturen: als Staatskultur oder Gesellschaftskultur, als parochiale Kultur, als Untertanenkultur, als Staatsbürgergesellschaft oder eben auch als Zivilgesellschaft.

Mit quantitativen Methoden sind Widersprüche nicht aufzulösen

Unter dem Einfluß des Behaviourismus und einer sich in den Sozialwissenschaften durchsetzenden empirischen Forschungs- orientierung gewann der Begriff politische Kultur die Bedeutung und den Rang eines eigenen Forschungsfeldes mit dem Anspruch theoriegeleiteter und methodisch abgesicherter Erkenntnis. Dabei reduzierte sich die Thematik politischer Kulturforschung zwangsläufig auf solche Aspekte, die empirisch-quantitativen Forschungsmethoden zugänglich sind, d.h. vor allem auf Einstellungsforschung zu eng begrenzten Fragestellungen. Den Beginn bezeichnete das bis heute als Standardwerk geltende Buch von Gabriel A. Almond und Sidney Verba: "The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations" (1965).

Gegenüber der Almond/Verba-Tradition politischer Umfrageforschung als einziger Untersuchungsmethode gibt es zunehmend Kritik von Politikwissenschaftlern, die ein breiter angelegtes Verständnis von politischer Kultur einfordern, dazu als Ergänzung des empirischen Forschungsansatzes hermeneutische, vor allem historische Forschungsmethoden.

Ein Beispiel dafür, daß die Erforschung gegenwärtiger Meinungen und Einstellungen durch Methoden der Unfrageforschung allein ohne Blick auf den geschichtlichen Weg einer Gesellschaft, unter Umständen in die Irre führt, ergab sich gleich im Anfang der empirischen Kulturforschung, nämlich in der ersten großen vergleichenden Studie von Almond/Verba. Die Forscher überraschten zwei Ergebnisse ihrer Umfragen: Während die Westdeutschen im ganzen eine autoritäre und wenig partizipative politische Kultur zeigten, lieferten sie auf zwei Feldern Ergebnisse, die aus dem Rahmen vordemokratischer politischer Kultur herausfielen und nur für den historisch Gebildeten Sinn geben konnten: Westdeutsche zeigten einen ungewöhnlich hohen politischen Kenntnisstand, dazu eine ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung. Diese Resultate wiederholten sich in ähnlicher Ausprägung auch in zahlreichen späteren Untersuchungen. Hoher Kenntnisstand und hohe Wahlbeteiligung standen im Widerspruch zu gleichzeitig in Deutschland verbreiteten Meinungen wie den folgenden: auf die Politik habe der einfache Mann keinen Einfluß, solle auch keinen nehmen; über Politik zu sprechen, führe nur zu Nachteilen im Beruf und zu Streit in der Familie; eine Partei im Staat sei besser als mehrere; die Opposition habe die Regierung zu unterstützen und nicht zu kritisieren; der starke Mann sei der wichtigste Faktor in der Politik; Kompromisse seien schwächlich.

Ohne Rückgriff auf politische Traditionen sind politische Kulturen nicht zu verstehen

Wie waren diese Widersprüche aufzuklären? Für den historisch Gebildeten sehr einfach: Eine gute Kenntnis des politischen Regimes und der politischen Prozesse hatte jedes autoritäre Regime in Deutschland stets von seinen Untertanen verlangt: damit sie den Willen von Regierung und Verwaltung kannten und ausführen konnten, denn "Unkenntnis schützt vor Strafe nicht!". Im Falle der hohen Wahlbeteiligung galt eine andere historische Einsicht: Wie der Hitlergruß im nationalsozialistischen Deutschland und Strammstehen im kaiserlichen zu den Pflichten des Bürgers gehörten, so war die neuerdings geforderte politische Aktivität in der Demokratie eben die Wahl. Obgleich es im verfassungsrechtlichen Sinne keine Wahlpflicht gab und obgleich man sich vom Wahlakt keinen wesentlichen Einfluß auf die Politik versprach, dies auch nicht wollte, nahm man an ihr teil, um der neuen Pflicht eines guten "Staatsbürgers" zu genügen.

Wenn es richtig ist, daß gegenwärtige Einstellungen und Werthaltungen nur vor dem Hintergrund historischer Codes verständlich sind, dann ist es sinnvoll, sich für die Politikgeschichte einer politischen Kultur zu interessieren. Nun hat aber kein Volk der Erde seine ganze Vergangenheit als politische Tradition präsent. Phasen und Ereignisse, die nicht "geschichtsmächtig" waren, werden vergessen. Untersucht werden deshalb politische Traditionen und kollektives Gedächtnis.

Als Tradition werden vornehmlich diejenigen Inhalte im Kollektivbewußtsein bewahrt, die für die Gegenwart nachhaltige Bedeutung haben und für die Zukunft für wegweisend gelten. Gegenwart erscheint solchermaßen als geschichtlich erarbeitete Identität, und Zukunft bekommt ihre Richtung als Verlängerung erfolgreich zurückgelegter Wegstrecken. Politische Kulturen sind nicht zu verstehen ohne den Rekurs auf Traditionen, die, (besonders in symbolisch verdichteter Form) Verbindungen von gestern, heute und morgen erlauben. So rechtfertigt sich etwa die politische Legitimität von Institutionen nicht nur im Hinweis auf ihre Brauchbarkeit, sondern im ausdrücklichen oder unausdrücklichen Bezug auf ihre erzählbare Geschichte.

Staatskulturen und Gesellschaftskulturen

Versuche zur Typenbildung politischer Kulturen sind so alt wie der Aspekt der subjektiven Seite der Politik selbst. Neben einer vergleichenden Staatslehre, die unterschiedliche politische Systeme und Regime nach ihren Institutionen und Funktionsweisen unterscheidet, wollte man auch für die politischen Orientierungen der Bevölkerung Typen entwickeln. Hier sind wir wieder beim Thema "Zivilgesellschaft" als eines spezifischen Typs politischer Kultur.

Es gibt ganz verschiedene Gesichtspunkte, nach denen man politische Kulturen einteilen kann. Wir beginnen mit dem Beispiel einer typologischen Zweiteilung, die von Karl Rohe entwickelt worden ist und entscheidende Aspekte der politischen Kulturforschung enthält: nämlich die von Staatskulturen und Gesellschaftskulturen:

Staatskulturen kennzeichnet ein hohes Maß an Interventionsstaatlichkeit. Dem Staat kommt in der Arbeitsteilung zwischen öffentlichem und privatem Sektor eine bedeutende Rolle zu. Der politische Prozeß ist bürokratisch-formalistisch geprägt und setzt kaum auf partizipative Methoden. Gesellschaftskulturen dagegen erwarten alle Initiativen von der Gesellschaft, nicht vom Staat.

Das beste Beispiel für eine Gesellschaftskultur liefern die USA: Auf dem großen Treck nach Westen mußten die Siedler alle politischen und administrativen Funktionen selber ausüben. Staatskulturen in Europa haben die politikgeschichtliche Erfahrung des absoluten Staates hinter sich. Deutschland war bis zum Zweiten Weltkrieg ein Prototyp dieser Kultur und zeigt auch heute noch Spuren von ihr.

Ein anschauliches Beispiel für den Unterschied zwischen Gesellschaftskulturen und Staatskulturen ist die Schulpolitik in den USA und in Deutschland. In den USA haben gesellschaftliche Kräfte bis heute hohen Einfluß auf die Schulpolitik. Das gilt auch da, wo Schulen nicht privat organisiert sind. Einer der mächtigsten Verbände in den Vereinigten Staaten ist die Parents-Teachers-Association (PTA). Die Kommune, aber auch Schulbuchverlage und Sponsoren haben großen Einfluß auf die Schulorganisation, auf die Auswahl der Direktoren und Lehrer. Das gesellschaftliche Interesse am Niveau und Rang der Schule, auf die man seine Kinder gibt, ist hoch: weil davon das berufliche Schicksal und die Karrierechancen der Kinder abhängen. In Deutschland ist das Schulsystem staatlich organisiert, und der Einfluß gesellschaftlicher Kräfte ist vergleichsweise gering. Der Vergleich zeigt übrigens, daß die Frage, was "besser" sei, zwischen Gesellschafts- und Staatskulturen durchaus offen ist. Paradoxerweise zeigt sich das staatlich organisierte Schulsystem in Deutschland für die Verwirklichung des amerikanischen Ideals von Chancengleichheit als besser geeignet, so daß gegenwärtige Bestrebungen, den Schulen mehr Autonomie, den Eltern mehr Einfluß und der Wirtschaft über Sponsorenschaften mehr Einfluß einzuräumen, auch die Schattenseiten eines Schulsystems in einer Gesellschaftskultur berücksichtigen muß.

Die Typologie von Almond und Verba

Die für die Entwicklung der politischen Kulturforschung nach dem Zweiten Weltkrieg folgenreichste Typologie stammt von Almond und Verba. Sie wurde zu einer Art Kern der politischen Kulturforschung und unterscheidet drei reine Typen:

- Parochiale Kultur: Ihre politische Orientierung ist schwach ausgebildet, da das politische System wenig ins Bewußtsein tritt. Die Familie, das Dorf, die Stammesgruppe und die religiöse Gemeinschaft sind näher als der Staat, der allenfalls durch Steuerbeamte oder bei Soldatenaushebungen in Erscheinung tritt.

- Untertanenkultur: Die politischen Orientierungen richten sich auf ein politisch-administratives System, das voll ausdifferenziert ist und in seinen Funktionen wahrgenommen wird, sofern sie sich auf Leistungen und Ansprüche beziehen. Der Bürger versteht sich als Objekt staatlichen Handelns.

- Partizipative Kultur: Die politische Orientierung ist voll ausdifferenziert und umfaßt auch eigene Partizipationsmöglichkeiten.

Diese Typologie dient vor allem zwei Forschungsinteressen: Einmal kann man mit ihnen kulturellen Wandel und in der Folge politische Entwicklungen sichtbar machen und vergleichen. Zum anderen ist die idealtypische Unterscheidung dreier reiner Typen weniger wichtig als ihre Verbindung zu Mischtypen, mit denen man in der Wirklichkeit vorkommende politische Kulturen beschreiben kann.

Die Zivilkultur

Ein Mischtyp verdient besonderes Interesse, weil er gegenwärtige demokratische Gesellschaften des europäisch-nordamerikanischen Typs am ehesten zu beschreiben vermag, die sogenannte civic culture, eine Bürgerkultur, die unterschiedliche Elemente aus allen drei reinen Typen enthält. Obgleich Almond/Verba und ihre Nachfolger diese Kultur inhaltlich nie genau beschrieben haben, gilt die civic culture als eine erfolgreiche Kombination von Modernität und Traditionalismus, Unterstützung administrativer Autorität und kritischer Partizipation. Dabei entspricht keine der existierenden europäischen politischen Kulturen präzis dem Ideal der civic culture. Fehlt in der einen die notwendige Parteiidentifikation, so in der anderen das Vertrauen in die Mitbürger; liefert die eine schlechte Werte im Blick auf die Beurteilung der eigenen politischen Kompetenz, so läßt es die andere an Kritikbereitschaft gegenüber der politischen Führung fehlen. Trotzdem ist das Modell der civic culture nützlich, nämlich für die Vergleichung von politischen Kulturen, die sich erheblich voneinander unterscheiden, obwohl sie nicht nur demselben politischen System, nämlich der liberalen Demokratie, angehören, sondern im großen und ganzen auch eine ähnliche politische Kultur aufweisen, zusammen mit ihren Idealen und Maßstäben.

Die Zivilgesellschaft entspricht keinem der hier gekennzeichneten Typen genau. Sie kommt aber sowohl der beschriebenen Gesellschaftskultur nach Karl Rohe sowie der partizipativen Kultur und der civic culture nach Almond/Verba sehr nahe.

Die EU-Staaten im Vergleich

Zum Schluß geben wir aus dem gegenwärtigen Forschungsstand großer Ländervergleiche aller EU-Staaten ein paar Beispiele für unterschiedliche Ausprägungen politischer Kultur in den Industriegesellschaften westlichen Musters:

Großbritannien galt in den 50er Jahren als die politische Kultur, welche dem normativen Ideal von civic culture fast völlig entsprach, während Deutschland am anderen Ende der Meßskala rangierte, mit Werten, die eher den reinen Typus der Untertanenkultur im Schema von Almond/Verba abbildeten. Heute liefert Großbritannien kein Modell mehr für eine demokratische Staatsbürgerkultur. Seit den 70er und 80er Jahren sind dagegen die für sie bezeichnenden Merkmale in der politischen Kultur Dänemarks überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Nur in zwei von insgesamt sehr vielen Punkten weichen die politischen Einstellungen der Dänen vom Idealtyp der civic culture im Sinne von Almond/Verba ab; aber selbst auf diesen beiden Feldern liegen sie noch über dem Durchschnitt der übrigen untersuchten EU- Ländern. Diese hervorgehobene Position Dänemarks als fast idealer Staatsbürgerkultur erklären die Forscher mit dem hohen sozioökonomischen Entwicklungsniveau und einer kulturell homogenen Gesellschaft.

Auf Dänemark folgt in diesen Ländervergleichen eine weitere Spitzengruppe aus Westdeutschland, den Niederlanden und Luxemburg. Auch diese Gruppe ist durch ein sehr hohes sozioökonomisches Entwicklungsniveau gekennzeichnet. Eine Schlußgruppe besteht aus Belgien, Italien, Frankreich und Spanien "In allen vier Ländern ist die Beziehung der Bevölkerung zu den sozio-politischen Eliten durch Mißtrauen geprägt, die politische Involvierung, die Unterstützung des politischen Regimes und die Identifikation mit der politischen Gemeinschaft ist allenfalls durchschnittlich entwickelt. In Italien verbindet sich eine überaus kritische Einstellung der Bürger zu ihrer politischen Umwelt mit einem im europäischen Vergleich hoch entwickelten staatsbürgerlichen Kompetenzbewußtsein. Dadurch besteht eher als in den übrigen drei Ländern die Möglichkeit, daß sich Unzufriedenheit in Protestaktivitäten umsetzt. Die kulturellen Voraussetzungen für den Bestand einer stabilen Demokratie sind in den vier zu dieser Gruppe gehörigen Ländern ungünstiger als in den übrigen EG-Staaten."1

Zwei politische Kulturen in Deutschland

Was Deutschland angeht, so ist in diesen Befunden Gesamtdeutschland nach der Wiedervereinigung nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Aber man kann schon ermessen, wie schwierig die Aufgabe sich gestalten wird, die völlig unterschiedliche politische Kultur der DDR zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung und danach in immer wiederholten Untersuchungen von Wandlungsprozessen in ein Konzept hineinzunehmen, welches für die Berücksichtigung und Neuaufnahme eines ganz anderen Typus von politischer Kultur nicht vorbereitet ist. Taugt das Dreierschema der reinen Typen von Almond/Verba überhaupt zur Diagnose einst totalitärer politischer Kulturen? Und wie steht es mit dem Mischtyp der civic-culture: Gab es bereits in der Schlußphase der DDR Zeichen einer Annäherung, vermittelt vielleicht durch West-Fernsehen, sich ändernde Erziehungsstile, einen beginnenden Hedonismus, die ostdeutsche Jugend-Pop-Kultur oder andere Faktoren, die freiheitliche Tendenzen stützten? Die deutsche Vereinigung bedeutet in jedem Falle eine große Herausforderung an die politische Kulturforschung.

Der raschen und problemlosen Homogenisierung politischer Institutionen in beiden Teilen Deutschlands entsprach keine ähnlich problemlose Angleichung des politischen Bewußtseins. So hatten sich nicht nur Politiker, sondern auch Politikwissenschaftler geirrt, als sie bald nach dem Beitritt der neuen Länder verkündeten, die beiden deutschen Bevölkerungen seien dicht beieinander: nicht nur durch ihren Willen zu einer gemeinsamen Zukunft, sondern auch durch bereits erkennbar gleiche Einstellungen und Werthaltungen. Nur wenige waren mißtrauisch: Konnte man im Blick auf die Tradition autoritär-totalitärer Politikgeschichte Ostdeutschlands im Ernst erwarten, daß sich ostdeutsche Orientierungen von westdeutschen nicht unterscheiden? Es dauerte dann nur wenige Monate, bis erste Tiefenbohrungen, die den oberflächlichen Meinungsbereich verließen, gewichtige Differenzen zu Tage förderten. Je mehr man forschte, desto unsicherer wurde man im Blick auf den anfänglichen Optimismus, desto mehr zeigte sich, daß es sich bei ostdeutschen Antworten auf westdeutsche Fragen möglicherweise eher um die Reaktion von "Fragebogendemokraten" handelte.

Die erwartete Angleichung

Für den hier in Rede stehenden Gesichtspunkt möglicher Vergleichung innerhalb eines für westlich-demokratische politische Kulturen entwickelten Modells ist die Frage entscheidend, ob die Instrumente solcher Komparatistik überhaupt taugen. Sie tun dies nur bedingt und können nur deshalb verwandt werden, weil es sich bei der Vereinigung, was die politische Kultur angeht, eben doch eher um eine Angleichung von Ost an West handelt. Was man mißt, sind somit "Fortschritte" in der Anpassung an westliche Modelle politischer Kultur, während die Forscher auf eine sensible Diagnose ostdeutscher Einstellungen und Werthaltungen vor der Vereinigung und für die Dauer des Einigungsprozesses weniger vorbereitet sind. So versagt im Einstellungsfeld sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit z.B. das westlich geprägte Analyse- und Interpretationsinstrumentarium. Ostdeutsche Einstellungen erscheinen dem westdeutschen Forscher hier auf den ersten Blick diffus, auch mit früheren westdeutschen Phasen nicht vergleichbar. Die Politikgeschichte der DDR hat im Blick auf das Feld des Sozialen offenbar eigene Profile hinterlassen, die man erforschen müßte: im Blick auf unterschiedliche Generationen, Bildungsgruppen, Berufe und Schichten. Ähnliches gilt für das Maß an sozialem Vertrauen, das innerhalb liberaldemokratischer Bevölkerungen zusammen mit Ich-Stärke und Teamgeist eine gut faßbare Kategorie abgibt, in Ostdeutschland jedoch nicht ohne weiteres anwendbar ist. Soweit man sieht, zerfiel soziales Vertrauen bei den Ostdeutschen in zwei nicht ohne weiteres vermittelte Teile: auf der einen Seite eine große gegenseitige praktische Hilfsbereitschaft, auf der anderen Seite eine große Zurückhaltung bei der Erörterung weltanschaulicher und politischer Fragen. Und was den Teamgeist angeht, so entsprach das sozialistische Kollektiv nicht dem westeuropäischnordamerikanischen Modell von Team, das eine stärker individualistische und konfliktorientierte Vorstellung von Kooperation darstellt.

Man sieht, die Schwierigkeiten theoretischer und methodischer Art sind groß. Dabei lassen wir die politischen Probleme hier noch außer acht, vor allem die Frage, ob die herrschende Annahme einer notwendigen Anpassung ostdeutscher politischer Kultur an westliche "Standards" eine allseits akzeptierte Richtschnur abgibt und es also nur darauf ankommt herauszufinden, welche ostdeutschen Einstellungen sich rasch ändern lassen, welche Werthaltungen vermutlich nachhaltiger sind und welche Verhaltensweisen zu ihrer Veränderung einen Generationswechsel voraussetzen. Das Angleichungstheorem, wennschon es in Theorie und Praxis dominant ist, trifft bei vielen Ostdeutschen auf Kritik. Man wirft ihm Zynismus, ungerechtfertigte Dominanz oder gar Kolonialmentalität vor, und es sieht so aus, als ob die Zahl derer steigt, welche die politische Kultur der DDR in günstigem Licht sehen. Hier wollten wir nur die theoretisch-methodischen Schwierigkeiten des Kulturvergleichs zur Sprache bringen.

Literaturhinweise

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Anmerkung

1 Oscar W. Gabriel in: Politische Einstellungen und politische Kultur, S. 128.


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