Zeitschrift

Auf dem Wege zur
Zivilgesellschaft

 

Roland Haug
Der informierte Bürger


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Inhaltsverzeichnis


Nicht alles, was als Nachricht daherkommt, hat Nachrichtenwert

Das Problem der "Objektivität" in den Hörfunknachrichten

Roland Haug ist Nachrichtenchef im Hörfunk des Südwestrundfunks (SWR) in Stuttgart. Zuvor war er Korrespondent für den ARD-Hörfunk in Johannesburg und Moskau.

Eine funktionierende Demokratie, eine wohletablierte Zivilgesellschaft als ihre Grundlage, setzen den informierten Bürger voraus, auch wenn die Informiertheit allein nicht ausreicht, eine Demokratie erfolgreich zu erhalten und zu gestalten. Von daher kommt den Nachrichten ein besonders hoher Stellenwert zu: in der Presse, im Fernsehen und vor allem - das Ausmaß der Nutzung belegt es - im Hörfunk. Den Bürgerinnen und Bürgern Nachrichten zu liefern, setzt eine hohe Auswahlleistung voraus, angesichts der Überfülle von Nachrichten, die bei den Medien eingehen. Damit sind zugleich hohe ethische Anforderungen an diejenigen gestellt, die Nachrichtensendungen produzieren und verantworten. Sie müssen ständig Rechenschaft darüber ablegen, unter welchen Gesichtspunkten sie die wenigen Nachrichten auswählen, die dann auch tatsächlich gebracht werden können; anhand welcher Kriterien sie versuchen, so etwas wie Objektivität herzustellen; in welcher Form sie Nachrichten präsentieren, damit sie auch ankommen. Sie müssen ständig darauf achten, von interessierter Seite nicht überrumpelt zu werden, sei es von Politikern oder von Verbandsvertretern, die nur allzu gerne auch Medienereignisse inszenieren, um in die Nachrichten zu kommen. Formal droht mit dem Hang zum "Infotainment" eine gewisse "Boulevardisierung" von Nachrichten, der es gegenzusteuern gilt. Denn Nachrichten haben ihre eigene Würde.
Red.


Der Rundfunk ist längst Bestandteil der politischen Kultur

Nachrichten im Rundfunk nehmen in der Bürgergesellschaft eine ganz besondere Stellung ein. Sie gelten als etwas Selbstverständliches. Radio-Nachrichten sind stets präsent und damit zu einem wichtigen Bestandteil unserer Alltags-Kultur geworden. Man schaltet den Empfänger ein und stellt fest, daß zu jeder Tages- und Nachtzeit Programm angeboten wird. Die öffentlich-rechtlichen Programme sind nämlich zu Teilen der Infrastruktur des täglichen Lebens geworden.

Das Rundfunkwesen hat sich aber auch zu einem wichtigen Bestandteil unserer politischen Kultur entwickelt. Im Rahmen des öffentlich-rechtlichen und des privaten Rundfunks operieren (im Idealfall) verschiedene Kräfte aus Staat, Markt, bürgerlicher Öffentlichkeit und bürgerlicher Privatheit in einem ausbalancierten Verhältnis zueinander. Dadurch unterscheidet sich die Zivilgesellschaft von der alten Staats- und Untertanen-Kultur.

Nach der deutschen Katastrophe des Jahres 1945 wollten deutsche Nachkriegspolitiker im Rundfunk eine Einrichtung des Staates sehen. Man stand noch immer in der Tradition der Weimarer Republik. Zwischen den beiden Weltkriegen war der Rundfunk (mit einigen Einschränkungen) noch ein offizielles Organ der Reichs-Regierung.

Vorgabe war ein dezentral organisierter Rundfunk, der unabhängig von Regierungseinfluß ist

Auf Initiative der westlichen Besatzungsmächte war in der Bundesrepublik Deutschland ein Rundfunksystem entstanden, das zwei wesentliche Voraussetzungen zu erfüllen hatte: Staatsferne und föderalistische Struktur. Vorgabe in allen Besatzungszonen war ein dezentral organisierter Rundfunk, der unabhängig von jeglichem Regierungseinfluß zu sein hatte. Man schuf ein öffentlich-rechtliches System nach dem Vorbild der BBC. Entscheidend war die öffentliche, die gesellschaftliche Kontrolle. Man befand sich auf dem Weg zur Staatsbürgergesellschaft oder eben auch zur Zivil-Gesellschaft als eines spezifischen Typs der politischen Kultur.

Politische Kultur bezieht sich auf die "subjektive Dimension der Politik". Man versteht darunter die Orientierung einer Hörerschaft gegenüber den Bekundungen der Handlungsträger eines politischen Systems. Bis jetzt ist nicht allzuviel über die Wirkung von Medienprodukten aus dem politischen Bereich bekannt. Sicher ist aber, daß die Wirkungen der Massenmedien immer im Zusammenhang mit anderen Sozialbindungen und Gesellschaftsfaktoren gesehen werden müssen.

Die meisten Hörer äußern sich zufrieden über die Nachrichten in den von ihnen gehörten Programmen. Nachrichten werden zumeist aufmerksam genutzt. Bei so gut wie allen Befragungen über Begleitprogramme bezeichnen die Hörer die Nachrichten als den (oder einen der) wichtigsten Programmbestandteile. Unter den am wenigsten verzichtbaren Angeboten des Radios stehen Nachrichten deutlich an erster Stelle.

Radio-Nachrichten strukturieren den Tages- und auch den Nachtverlauf. Sie vermitteln das Gefühl, daß das Leben seinen Gang geht. Der Hörer kann in der Gewißheit leben, von jedem unvorhersehbaren oder wichtigen Ereignis umgehend informiert zu werden.

Die Nachricht ist sozusagen die Urmaterie der journalistischen Arbeit. Wir alle messen unser Verständnis von Wirklichkeit an den tagesaktuellen Informationen der Medien. Nachrichten liefern die aktuelle politische Grundinformation.

Nachrichten: Wie das Wichtige vom Unwichtigen scheiden?

Die Hörer wollen wissen, ob die Welt noch in Ordnung ist, ob "Alarm" oder "Entwarnung" gegeben werden kann. Und sie wollen auch erfahren, ob sie ihre Uhr vor- oder nachzustellen haben oder ob es heute regnen wird. Schließlich wollen sie noch erfahren: Was kommt auf mich heute noch zu?

Der Rundfunk ist schneller, beweglicher, flotter, technisch aufwendiger geworden. Es setzt eine Informations-Explosion ein - was wegen begrenzter Aufnahme- und Einordnungsfähigkeit des Hörers die Gefahr einer Über- und damit Desinformation heraufbeschwört. Es ist die wachsende Nachrichtenflut, die uns schier um den Verstand bringt. Sie macht Politikvermittlung immer unübersichtlicher. Die enorme Entwicklung der Übermittlungswege hat keineswegs dazu geführt, daß das Senden von Nachrichten schneller und aktueller wird. Schrankenlose Markt-Mechanismen und krudes Konkurrenzdenken produzieren eine Überinformation. Die meisten Hörer haben nur das subjektive Gefühl, "bestens informiert" zu sein. Der gewaltige Wissens-Overload macht es aber immer schwieriger, die wichtige Information mit den sinnvollen und behaltenswerten Inhalten zu finden. Außer den Profis, den gatekeepern, den Schleusenwärtern der Information oder aber den wissenschaftlich Gebildeten, sieht sich niemand in der Lage, den ausufernden Nachrichtenstoff quellenkritisch zu durchdringen und angemessen zu gewichten. Ohne Frage besteht deshalb auch in der Zukunft ein Bedarf an Fachleuten, die Informationen sichten und bewerten, das Wichtige vom Unwichtigen, PR-Meldungen von der harten Information unterscheiden.

Ein Impuls zur politischen Beteiligung?

Der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Paul Lazarsfeld weist darauf hin, daß eine übermäßige Nachrichtenversorgung zu einer oberflächlichen Beschäftigung mit den Problemen der Gesellschaft führt. Es sei deshalb durchaus denkbar, daß der Medien-Konsument von der Flut der Informationen, der er sich aussetzt, eher betäubt als zur Aktivität angeregt werde. So können Hörer durchaus zu der persönlichen Ansicht gelangen, sie seien nicht nur interessierte Zeitgenossen, sondern auch rundum bestens informiert. Unter dem Aspekt "Partizipation" der auf den Meß-Skalen der Demokratie einen hohen Wert einnimmt, ergibt sich aber ein völlig anderes Bild. Nur ganz wenigen Bürgern ist wirklich bewußt, daß sie sich vor politischen Entscheidungen und Handlungen gedrückt haben. Ihr Kontakt mit der politischen Wirklichkeit, ihr Hören in einem Nebenbei-Medium wie dem modernen Radio und ein eventuelles Nachdenken über das Gehörte sind bloße Ersatzhandlungen. Es sind von dem Medienprodukt keine Signale ausgegangen, die sie dazu veranlaßt, politische Verantwortung zu übernehmen. In einer wenig partizipativen politischen Kultur verliert dann auch die Nachricht den Charakter einer "Mitteilung zum Darnach-Richten", wie die Brüder Grimm in ihrem Deutschen Wörterbuch so treffend formuliert haben.

Wie objektiv können Nachrichten sein?

Wer in einer Nachrichtenzentrale arbeitet, tut gut daran, immer wieder einmal innezuhalten und sich zu fragen: Wo stehe ich? Was sind meine journalistischen Ansprüche? Wo liegt meine publizistische Zielsetzung? Fair, unparteiisch, distanziert, sachkompetent - so wünschen wir uns den Nachrichtenredakteur. Er soll wachsam sein gegen jede Form des Meinungs- und Tendenz-Journalismus.

Ein Nachrichten-Journalist ist gehalten, Nachrichten und Kommentar strikt voneinander zu trennen. Das verlangen unsere Rundfunkgesetze aufgrund leidvoller historischer Erfahrungen. Hinter der Forderung, beschreibende und wertende Aussagen zu trennen, steht die Vorstellung vom mündigen Staatsbürger. Der Radio-Hörer soll sich sein Urteil selber bilden können. Die Nachrichtensendungen dürfen nicht von einem Journalisten bevormundet werden.

Vergleicht man verschiedene politikgeschichtliche Phasen unseres Volkes, so wird man feststellen, daß in Deutschland die Medien Nachricht und Kommentar nicht immer auseinandergehalten haben. So gab es in der deutschen Presse des 19. Jahrhunderts Phasen, in denen - wie heute in der russischen Presse - mehr das Räsonnement, also das Argumentieren, gepflegt worden ist. Dann gab es wieder Zeitabschnitte, in denen das Referat, der kommentarfreie Bericht, im Vordergrund stand. Schlimme Erfahrungen mit eingefärbten, kommentierten Nachrichten machte man in der Zeit der Diktatur. Die Nationalsozialisten und im Anschluß daran die kommunistische Einheitspartei mißbrauchten den Rundfunk als Propaganda- Instrument. Seit 1945 gelten in Westdeutschland liberale Nachrichten- Prinzipien. Diese gehen auf englische und amerikanische Traditionen zurück. Ihr wichtigstes Leitmotiv: Comments are free, but facts are sacred.

Der verhängnisvolle Zwang zur Kürze

Nachrichten sind journalistische Texte, die mehr als andere Darstellungen dem Ziel der Objektivität verpflichtet sind. Von Nachrichten erwartet der Adressat nichts anderes als Fakten und das in kompromißloser Sachlichkeit. Bei den Orientierungsversuchen der Öffentlichkeit gegenüber dem politischen System mit allen seinen politischen Institutionen erweist sich der im Radio übliche Zwang zur Kürze mitunter als besonders verhängnisvoll. Eine Nachrichtensendung, die nur noch aus Ortsangaben, Namen und Schlagzeilen besteht, ist einfach nicht mehr informativ. Journalisten werfen Politikern häufig vor, sie seien "zu oberflächlich" und argumentierten "zu grobschlächtig". Doch dieser Vorwurf ist unfair, wenn man bedenkt, daß die Politiker zur Erläuterung eines komplexen Sachverhaltes in der Regel nur 30, 40 oder im Höchstfall 60 Sekunden beanspruchen dürfen. Jede Information und die Auseinandersetzung über politische Themen benötigen eben ein Mindestmaß an Zeit. Wenn das nicht gewährleistet ist, werden Vorurteile weitertransportiert oder im besten Falle eben anders akzentuiert.

Will der Nachrichten-Redakteur Politik vermitteln, so muß er wertneutrale sachliche Wörter benutzen. Er soll Distanz halten zum Mitgeteilten, sich nicht identifizieren mit dem, was er zu berichten hat. Wer zum Beispiel Arbeitsplätze "freisetzt" oder einen "Entsorgungspark" plant, steht unter Ideologie-Verdacht. Denn in Wirklichkeit entläßt er arbeitende Menschen oder er plant eine Anlage zur Müllverbrennung. Das hört sich freilich sehr viel weniger gut an.

Niemand soll aber den Verdacht hegen können, ein Nachrichten-Redakteur ergreife Partei für eine bestimmte Sache. Unzulässig sind deshalb auch Euphemismen, also schönfärberische und verbrämende Ausdrücke.

Hilfestellung für die eigene Meinungsbildung

Wie verläuft nun im öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Politikvermittlung? Der Rundfunk als solcher vertritt keine bestimmte Meinung. Er stellt vielmehr einen ganzen Chor, ein ganzes Forum von Meinungen dar. Dieser Forums-Charakter muß gerade in der Nachrichtengebung deutlich werden. Die Politiker sollen ausreichend zu Wort kommen. Das geschieht nicht in politischen Verkündigungssendungen, sondern in einer die unterschiedlichen Positionen darstellenden und deshalb auch abwechslungsreichen politischen Berichterstattung. Der Nachrichten-Redakteur ist gehalten, alle relevanten Meinungen zu einem politischen oder gesellschaftlichen Vorgang wiederzugeben. Das hat überhaupt nichts mit Proporz-Denken zu tun, sondern mit einer Grundregel, die typisch ist für den öffentlichrechtlichen Rundfunk. Die Anstalten der ARD und des ZDF werden gesellschaftlich kontrolliert; sie gehören damit allen. Die Darbietung von Politiker- und Experten-Meinungen in den Nachrichten soll eine Hilfestellung für die eigene Meinungsbildung der Hörer sein. Sie vermitteln gesellschaftliche Vielfalt, dienen aber auch der Integration. Nachrichten-Redakteure verwalten das Medium treuhänderisch für die Allgemeinheit.

In einer leicht entzündlichen Medienszene soll der Nachrichten-Redakteur die Welt nüchtern, ohne Schwärmereien und Ideologien betrachten. Gerade in Zeiten einer zunehmenden Boulevardisierung, Dramatisierung, Skandalisierung und Katastrophisierung der Politik hat er ein Objektivitäts-Fanatiker zu sein. Sachlichkeit, Nüchternheit und Gelassenheit, aber auch Veranwortungsbewußtsein und Vertrauenswürdigkeit sind gefragte Tugenden. Eine liberale Haltung, Toleranz und Respekt vor der anderen, der fremden Meinung, gehören zum unentbehrlichen Rüstzeug des Nachrichten-Journalisten. Aufgrund seines nüchternen Menschenbildes hält er sich bei der Berichterstattung strikt an den Satz:

l never believe in a high motive if there is a low motive beside.

Früher hatte man den Schriftsteller Fontane bemüht, der formuliert hatte:

"Sie reden vom lieben Gott und meinen Kattun." Auf der anderen Seite ist permanente

Politikerberschimpfung längst zum Topos der "maulenden Mehrheit" (Enzensberger) geworden. Journalisten tragen deshalb gegenüber der Bürgergesellschaft ein hohes Maß an Verantwortung. Das politische System kann von der Bevölkerung nicht bejaht werden, wenn (außerhalb von Nachrichtensendungen) nur noch mit permanenter Häme über Politik berichtet wird. Herrschaftsträger können kein Vertrauen finden, wenn sie zu bloßen Clowns und Witzfiguren stilisiert werden.

Richtigkeit vor Schnelligkeit

Zum Bemühen um Objektivität gehört auch, daß der Nachrichten-Redakteur die Hörer mit der jeweiligen Gegenposition vertraut macht. Im Zweifel muß nachrecherchiert werden. Richtigkeit geht immer vor Schnelligkeit. Eine eilig über den Äther verbreitete Falschmeldung hat man immer exklusiv. Bei widersprüchlicher Nachrichtenlage müssen aber die unterschiedlichen Informationen (mit Quellenangabe) offengelegt werden. "Jede

Nachricht ist falsch", befand schon der Preußen-General Carl von Clausewitz. Eine durchaus bedenkenswerte Sentenz, wenn man bedenkt, daß eine Nachricht immer irgendwie unvollständig ist. Aus Zeit-, Raum- oder anderen Gründen kann sie niemals sämtliche Fakten und Verknüpfungen vermitteln. Eine Nachricht kann nur so umfassend sein wie Journalisten in der Lage sind, ungehindert zu recherchieren. Länder, in denen strenge Zensurbestimmungen bestehen, verhindern eine umfassende Nachrichtengebung. Aber auch in demokratisch-strukturierten Gesellschaften sind die Nachrichtenbeschaffer in der Regel auf offizielle Informationen oder auf kurze, nicht sehr tiefgegehende Recherchegespräche angewiesen. Allenfalls punktuell können sie eigene Beobachtungen machen. Auch wenn man im Hinterkopf behält, daß subjektive Elemente in jede journalistische Arbeit einfließen, muß man als Nachrichtenmann dennoch strikt an der Objektivitätsforderung im Sinne einer "gnadenlosen Versachlichung" (Peter Voß) festhalten. Beliebig ist die Wahrheit aber keineswegs; man kann sie durchaus treffen. Da eine Rundfunkanstalt mehrere Agenturen abonniert hat und auch eigene Korrespondenten beschäftigt, kann ein Quellenvergleich und auch Quellenkritik stattfinden. So gesehen stehen die Chancen für eine umfassende Berichterstattung gar nicht so schlecht. Politische Eunuchen zählen im politischen Tagesgeschäft allerdings zu den journalistischen Ausnahmen.

"Objektivität" kann nur die Zielrichtung angeben

Wer jemals Nachrichten-Redakteur gewesen ist, wird nicht behaupten, die "Objektivität" gepachtet zu haben. Diese Bezeichnung ist ohnehin einer der mißverständlichsten und am häufigsten mißbrauchten Begriffe im aktuellen Journalismus. Man sollte deshalb besser nicht von "Objektivität" sondern von handwerklicher Redlichkeit sprechen. Dasselbe gilt auch für die Erwartungen an eine "ausgewogene Berichterstattung". Gemeint ist häufig das Gegenteil. Es sind mehr Erwartungen in die "Gewogenheit" der Sachbeiträge. Ein besonders eklatantes und entlarvendes Beispiel hat gegen Ende der Weimarer Republik die Reichsleitung der NSDAP geliefert. Ihre "Rundfunkabteilung" untersuchte die Vormittagsprogramme der preußischen Rundfunk-Gesellschaften. Dabei kam sie zu dem folgenden Ergebnis: 22 Prozent der Programme seien kommunistisch und 40 Prozent sozialdemokratisch. 25 Prozent aller Programme enthielten sonstige "gefärbte" Stoffe. 12,5 Prozent der Programme vermittelten nach dieser Darstellung deutsch-nationale Anliegen und lediglich 0,5 Prozent national-sozialistische Positionen. Die Folgerung aus diesem "Befund" lautete: Die endgültige Reform des Rundfunks müsse Sache einer kommenden Hitler-Regierung sein.

Jede Art von Nachrichten-Weitergabe und damit von Politik-Vermittlung ist eine Kette von subjektiven Entscheidungen. Auswahlentscheidungen - die Nachrichtenauswahl, die Gewichtung und die Formulierung von Nachrichten - werden niemals "objektiv" sein können. Lediglich die Zielrichtung ist "Objektivität". Jede Erkenntnis ist abhängig von den Bedingungen des erkennenden Subjekts. Abgesehen davon, daß der Nachrichten-Journalist die Uhr stets antreibend im Genick hat und auch menschliche Konzentrationsschwächen auftreten können, spielen natürlich die persönliche Herkunft, Schichtzugehörigkeit, der Bildungsstand, das Alter, die Nationalität und persönliche Interesse eine gewisse Rolle.

Nachrichten konstruieren Realität. Es handelt sich allenfalls um Wirklichkeitsentwürfe, die das Sein nicht getreu widerspiegeln können. So gesehen ist ein gewisses Mißtrauen gegenüber veröffentlichten Meinungen Bürgerpflicht. Wo unter Konkurrenz und Zeitdruck gearbeitet werden muß, kommt es natürlich auch zu Fehlern und Pannen. Es gehört zu den berufsspezifischen Gefährdungen, daß Journalisten auch einmal Unvollendetes, Halbgares, veröffentlichen. Auch verspürt so mancher Agentur-Journalist und Korrespondent in sich den Hang zum Dramatischen. Unterdrückte Nachrichten sind aber zumeist gefährlicher als voreilige. Nicht ganz stimmende Meldungen kann man korrigieren, nicht veröffentlichte aber sind verloren. Der Nachrichten-Journalist muß sich um eine möglichst wertfreie Diagnose bemühen. Sein wichtigster Leitspruch lautet: "Achte auf Präzision im Rahmen der Zeit, die dir zur Verfügung steht". Konflikte müssen so genau und so wirklichkeitsgetreu wie möglich geschildert werden. Objektivität im demokratischen Rundfunk besteht aber auch im Streben nach größtmöglicher Vollständigkeit, Vorurteilslosigkeit und Neutralität. Auch muß die Nachricht jederzeit überprüfbar sein. Zwar haben Oberflächlichkeit und Schlampigkeit bei Journalisten nicht die verhängnisvollen Konsequenzen wie sie etwa bei Ärzten, Piloten, Lokführern oder Omnibusfahrern eintreten könnten. Aber gerade beim Transport von geistigem Gut sind äußerste Zuverlässigkeit und Sorgfalt unabdingbar. Jeder Bürger hat Anspruch auf verläßliche und qualitativ hochwertige Informationen. Ideal und Wirklichkeit: Die Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens durch die Medien ist notwendig. Doch der Adler sollte auch nicht zu hoch fliegen, sonst könnte er in dünner Luft die Orientierung verlieren. "Wo immer etwas faul ist" so der Presserechtler Martin Löffler, "soll die Presse Laut geben und so nach dem Willen der Verfassung das Amt eines öffentlichen Wächters ausüben". Ich habe den Eindruck, daß der Einfluß der Schleusenwärter des Informationsstroms schwindet. Rollenverständnisse wie: "Der Journalist hat Hüter gesellschaftlicher Werte zu sein" oder: "Der Publizist ist auch Erzieher" sind längst überholt. Wenn es um Politikvermittlung in den Nachrichten geht, sind Schmalspur-ldeologen, fanatische System-Kritiker, Polit-Missionare und politisch genormte Gesinnungsseilschaften nicht gefragt. Betroffen sein sollen die Hörer und nicht die Redakteure. Erwünscht ist der sachlich vorgehende, sorgfältig selektierende Vermittler. Aus der Fülle der in der Redaktion einlaufenden Informationen wählt er für die Sendung aus, was nach seiner Einschätzung für die Hörer neu, wichtig und interessant ist, was die Hörer betrifft oder betroffen macht (emotionales Publikumsinteresse). Seine ideologische Fixierung, seine persönlichen Überzeugungen, muß er dabei vernachlässigen.

Täglich 2000 Agenturmeldungen, doch nur 150 gehen ins Programm

Wie werden nun die Themen gemanagt? Wie verlaufen die Entscheidungsstränge auf dem Weg ins Programm?

Zunächst einmal muß die Spreu vom Weizen getrennt werden. Die Nachrichtenagenturen überschwemmen Tag für Tag mit etwa 2000 Meldungen den Schreibtisch des Chefs vom Dienst. Doch gerade einmal 150 Meldungen laufen im Programm eines 24-Stunden-Senders. Was nach scharfer Selektion aussieht, ist aber nur zum Teil das Ergebnis einer wirklich journalistischen Auswahl. Schaut man dann etwas genauer hin, dann bleiben nur zwei bis drei Dutzend tatsächlicher Kernmeldungen übrig.

Wie kommt es zu dieser Nachrichtenflut?

Sie ist das Ergebnis von Dubletten. Über die meisten Themen wird von mehreren Agenturen berichtet. Das heißt: Zu ein und demselben Ereignis liegen mehrere Meldungen vor. Es gibt Mehrfachmeldungen. Große Themen schlagen sich in einer Vielzahl von Einzelmeldungen nieder. Es gibt

- Vorausmeldungen

- Auftakt- oder Anlaufmeldungen - Einzelmeldungen über den Gang des Geschehens

- Überblicke und Zusammenfassungen

- Gesamtzusammenfassung

Bei jeder Meldung, die on air geht, müssen folgende Fragen beantwortet werden:

- Betrifft das die Hörer?

- Macht es sie betroffen?

- Nützt ihnen das?

- Interessiert sie das?

Auswahlkriterien

Ohne Zweifel gibt es ein professionelles Grundverständnis über Nachrichtenwerte. So muß der Nachrichten-Redakteur Auswahlkriterien wie Personalisierung von Ereignissen, Eindeutigkeit des Geschehens (das heißt einfache Sachverhalte werden bei der Auswahl komplexen Sachverhalten vorgezogen oder aber komplexe Sachverhalte werden vereinfacht). Doch wie soll man Politik verständlich machen, wenn auf der einen Seite Sachverhalte immer komplexer werden. Auf der anderen Seite wird die Zeit immer kürzer, in der man über diese Sachverhalte informieren soll. In der Demokratie ist Kompliziertheit oft ein Herrschaftsmittel. Doch keine Angst: Eine intelligent vermittelte Komplexität stößt bei den Hörern sehr wohl auf Interesse - und das nicht nur im Kulturprogramm. Wer vor der Kompliziertheit der Dinge zurückschreckt, spielt einer bloß noch "symbolischen Politik" in die Hände. Er schafft erst die Politik-Verdrossenheit, die er in seinem Vorurteil selbst voraussetzt.

Eine weitere Nachrichtenkategorie sind Überraschung und Sensationalismus (das heißt das Extra-Ordinäre, nicht aber die Normalität ist spannend). Es geht auch um das Regelwidrige, das Thema, das Gesprächswert hat. So gesehen ist der sogenannte Negativismus eine wichtige Nachrichtenkategorie. Dieser Negativismus wird den Journalisten oft vorgehalten. Mich erinnert dieser Vorwurf an den alten jiddischen Witz, der in der Frage gipfelt: Wovon wird denn nun der Kaffee süß? Vom Zucker, oder vom Umrühren? Den Zucker werfen andere hinein. Journalisten "rühren nur um". Auf jeden Fall interessieren Ereignisse, die dramatisch verlaufen und mit offenem Ausgang sind. Das können Verbrechen sein, Entführungen, Geiselnahmen, Unglücksfälle. Was interessiert, das sind Ereignisse, die mit Konflikten zu tun haben. Daß es eine mediale Neigung gibt, Konflikte überzubetonen, sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt. Was bewegt? Es sind Schicksale von Menschen, auch von Völkern (z. B. Kurden), Erfolge, Mißerfolge. Ein Unglück und die möglicherweise glückliche Rettung.

Was nützt dem Bürger? Trägt eine Meldung dazu bei, daß er den Alltag besser meistert? Hat die Nachricht einen Gebrauchswert? Setzt Dich eine Meldung in die Lage, politisch verantwortungsbewußt zu handeln? Es handelt sich also um news to use. Etwa: Wissenschaftliche Entdeckungen (Krebsbekämpfung, Mittel gegen Aids, Rückrufaktionen bei Autos). Von Bedeutung auch: Sozialpolitisches (Rentenentwicklung), Verbrauchernachrichten, Wettermeldungen, Verkehr.

Nachrichtenkategorien, welche die Auswahl durch die Redakteure bestimmen, sind außerdem:

Die Nähe - geographisch, sozial, auch kulturell.

Die Tragweite - z. B. schrumpfende Ozonschicht.

Die Reichweite - folgenschwere Wichtigkeit. Je größer die Zahl der Betroffenen, desto größer der Nachrichtenwert. (z.B. alle Autofahrer).

Das Agenturmaterial hat Prioritäten von 1 bis 4, unterscheiden kann man aber auch zwischen

A-Themen (Was muß unbedingt mit): Das sind etwa Katastrophen, Gewaltverbrechen, wichtige Parlamentsdebatten, Bundestagswahlen, Tod eines Präsidenten. Diese Themen müssen den ganzen Tag über fortgeschrieben werden.

B-Themen (Was sollte mit?): Der monatliche Arbeitsmarktbericht. B-Themen sollten mehrfach vor allem zu den Schwerpunktzeiten gesendet werden. Durchgängig ist das aber nicht notwendig.

C-Themen: Was kann mit? (Womit ist die Sendung rund zu machen?): Es kann der Start einer Raumfähre sein oder irgendeine Prominentenmeldung. Solche Themen können, müssen aber nicht in den Nachrichten laufen. Sie runden aber den Meldungsblock ab. Es liegt auf der Hand, daß ein Thema, das schon lange in den Nachrichten vorkommt, größere Chancen hat, in den News zu erscheinen, als kurzfristige Ereignisse. Auch dramatische Entwicklungen sollten so objektiv und emotionslos wie möglich nachgezeichnet werden.

PR-Agenten versuchen, den Journalisten die Nachrichten "pfannenfertig" zu liefern

Nachrichten-Redakteure müssen Pressionen widerstehen, unabhängig davon, ob sie von politischen Kommandohöhen oder von öffentlichen bzw. privaten Institutionen ausgehen. Zum Glück lassen sich Redakteure heute kaum noch parteipolitisch vereinnahmen. In unserem alten Bonner Büro hat man vor Jahren versucht, die der Regierung nahestehenden Korrespondenten mit der Berichterstattung über eine Oppositionspartei zu betreuen und umgekehrt. Man wollte damit die Berichterstattung versachlichen, objektivieren. Gelungen ist das nur zum Teil. In manchen Milieus - allen voran bei der SPD - ist der Widerstand gegen parteifremde Journalisten groß. Wer zum Beispiel zu Hintergrundgesprächen im kleinen Kreis eingeladen werden möchte, sollte ein SPD-Parteibuch haben, zumindest aber der Partei nahestehen. Man könnte daraus schließen, daß der eine oder andere Politiker journalistische Arbeit nur dann für gelungen hält, wenn sie den eigenen Ansichten entspricht. Auf der anderen Seite gibt es direkte Einfluß-Versuche der Parteien oder einzelner Politiker immer seltener. Jene Politiker, die bei jedem kritischen Beitrag am liebsten die "eigenen Truppen" in den Rundfunkgremien in Marsch setzen wollen, werden weniger. Immer mehr werden aber jene, die für ein relativ unverkrampftes Verhältnis zu den Medien eintreten. Das mag einmal damit zusammenhängen, daß bei der Vielzahl der Rundfunk-Programme die Politiker schlicht die Übersicht verloren haben. Auf der anderen Seite stärkt das (im Vergleich zu früheren Jahren) höhere Maß an Professionalität die Position der Nachrichtenredaktion.

Bei der Wirtschaft wird schon Anstoß erregt, wenn Öffentlichkeit hergestellt wird

Zwischen Wirtschaftsführern und Politikern auf der einen und Journalisten auf der anderen Seite besteht seit jeher ein natürliches Spannungsverhältnis. Am meisten erregen Journalisten damit Anstoß, daß sie Öffentlichkeit herstellen, die so nicht erwünscht ist. Sie lassen ihre Zuschauer oder Hörer an Vorgängen teilhaben, die diesen sonst verborgen bleiben, die für eine Meinungsbildung aber wichtig sind. Inzwischen sind freilich auch PR-Leute professionell geschult. Daraus erwächst auch eine ganze andere Gefahr. Unzählig sind die Versuche, durch rührige PR-Aktivitäten in die Medien zu kommen. (Außensteuerung von Informationen) Hier zeigt sich die schiere Ohnmacht journalistischer Arbeit gegenüber einer generalstabsmäßig geplanten PR. Auf einen journalistisch Tätigen kommen im Schnitt schon vier Öffentlichkeitsarbeiter. So residierten in Bonn mehr als 17000 Vertreter von Interessenverbänden, die die Korrespondenten der Sender und der Tageszeitungen mit Informationen und Stellungnahmen regelmäßig zuschütten. Hinzu kommt eine Flut von Meldungen aus den Parteizentralen und den Ministerien. Sie alle bemühen sich, den zumeist überbeschäftigten Journalisten Informationen sozusagen "pfannenfertig" zu präsentieren.

Produzierte Nachrichten, die keine sind

Wir leben in einer vermittelten Welt. Sie wird nicht real und unmittelbar wahrgenommen, sondern indirekt über Informationen, Chiffren zum Geschehen. Und so kommt es, daß mediengerecht aufbereitetes Material sehr viel mehr Resonanz findet als das nackte Ereignis. Journalismus ist ein soziales System, das selbstorganisierend und selbst-bezogen arbeitet. Der Mechanismus ist bekannt: Pressestellen und PR-Agenturen produzieren Nachrichten, die eigentlich gar keine sind, weil sie interessengebunden argumentieren. Sie provozieren aber wiederum Reaktionen, Dementis und Bestätigungen.

Auch die BILD-Zeitung , der SPIEGEL und das Fernsehen können hier eine Art Meinungsführerschaft übernehmen. Sie spielen dann beim Thematisierungsprozeß eine entscheidende Rolle. In Bonn spricht man bereits von einer "medialen Inzucht". Es findet nämlich eine Selbstvervielfältigung, eine wundersame Vermehrung von Schein-Nachrichten statt, der man eigentlich Einhalt gebieten sollte, weil sie zur Nachrichtenverdrossenheit des Publikums beiträgt. Das Werk der Journalisten besteht oft nur noch darin, Übertreibungen und Euphemismen des PR-Materials abzumildern oder auszumerzen. Die beiden amerikanischen Medienforscher Jeff und Marie Blyskal haben bereits 1985 herausgefunden, daß in den Vereinigten Staaten vierzig bis fünfzig Prozent aller News auf PR-Aktivitäten zurückgehen. Bei lokalen Radio- und Fernseh-Stationen ist dieser Anteil sogar noch höher. Nach Ansicht des Schweizer Medienwissenschaftlers René Grossenbacher haben im deutschsprachigen Raum zwei Drittel aller Beiträge in PR-Maßnahmen ihren Ursprung. Und so kommt es denn, daß die Grenzen zwischen PR und Journalismus immer mehr verwischen.

Der Vorwurf ist hart: Die International Herald Tribune hat vor Jahren den deutschen Journalisten vorgeworfen, daß sie - im Verhältnis zu den politischen und wirtschaftlichen Eliten - die Rolle des natürlichen Verbündeten spielten. Man ermutige nicht zum investigativen Journalismus, sondern begnüge sich damit, die vorbereiteten Erklärungen von Politikern und PR-Abteilungen wiederzugeben. So gesehen wird der Anspruch mancher Journalisten, im Staate die "vierte Gewalt" zu verkörpern, immerfragwürdiger. Die Öffentlichkeit möglichst objektiv zu informieren und die Mächtigen zu kontrollieren - das ist ein hehres Ziel. In der Realität ist es kaum noch einzuhalten. Es wird immer seltener, daß Journalisten als Filter und Erklärer gegenüber der Öffentlichkeit auftreten und auf die Politik einen kompetenten Begründungsdruck aufrechterhalten. Sicher tragen einige Journalisten selbst zur Verwirrung und zum Medienverdruß bei. Die Gier nach Schlagzeilen und Exklusivität verführt zur Sensationslust. Reporter werden zu Voyeuren (zum Beispiel bei der Flugzeugkatastrophe in Ramstein). Nervenkitzel geht über Pietät. Sie brechen bisweilen auch hemmungslos Tabus (Geiselgangster-lnterview in Bremen). Eines steht freilich fest: Journalisten sind mitnichten Repräsentanten jener dämonischen Kraft, zu der sie von Politikern oft gemacht werden. Ganz im Gegenteil.

Die Beziehungen von Politikern und Journalisten

Politiker und Journalisten unterhalten Beziehungen der ganz besonderen Art. Der berühmte BBC-Mann Hugh Green hat sich wie folgt dazu geäußert:

"Nennen sie mir ein Land, in dem Politiker und Journalisten sich vertragen, und ich sage ihnen, da ist keine Demokratie."

Aber bei aller Unterschiedlichkeit der Aufgaben und Interessen gibt es auch ein paar Gemeinsamkeiten. Eine besteht darin, daß beide höchst komplizierte Dinge, für die sie selbst keineswegs Spezialisten sind, möglichst verständlich erklären. Wie macht man das? Wie gelangt man an diese Informationen? Manche sind stolz darauf, zum "Kanzler-Tee" eingeladen zu werden. Andere tun so, als berühre sie das alles nicht. Die Nähe zu den Politikern ist sicher nötig. Stimmungen und Entwicklungen im Bonner Regierungsbetrieb kann man nämlich nur dann erfahren, wenn man an Hintergrundgesprächen teilnimmt und auch Abendveranstaltungen besucht. Dennoch sind die besten Korrespondenten nicht jene, die im innersten Zirkel einer Partei verkehren. Es sind nicht jene, die mit den Politikern ein "Bierchen" trinken. Am seriösesten sind die kontinuierlich-gründlichen Beobachter und klugen Analytiker. Sie machen die beste Figur. Die Nähe zu den Politikern kann sehr wohl auch korrumpieren. Vertrauensvolle Kontakte sind für den Informationsfluß zwar unabdingbar. Doch die Grenze zur Kumpanei darf niemals überschritten werden. Ein Journalist darf sich nicht instrumentalisieren, nicht benutzen lassen. Er muß Distanz wahren, getreu dem Berufsmotto des Fernseh-Journalisten Hajo Friedrichs:

"Ein Journalist muß immer dabei sein. Er darf aber nicht dazugehören".

Politiker empfehlen und gewähren Interviews, auch wenn sie gar nichts Neues zu sagen haben. Sie laden ein zu inszenierten Ereignissen, zu Pressekonferenzen oder Sonderparteitagen. Diese gleichen dann Feldgottesdiensten. Man veranstaltet sie eigentlich nur deshalb, weil man als Partei im Fernsehen präsent sein will. Ihre Substanzlosigkeit ist offensichtlich. Weit weniger wichtig ist, daß man auch im Radio gehört oder in den Zeitungen erwähnt wird. Auch Journalisten sind schwache Menschen. Soll heißen: Sie sind sehr wohl korrumpierbar. Die Palette der Anfechtungen ist variantenreich. Die Nähe zu Politikern kann durchaus zu einer unkritischen Haltung verführen.

Die Inszenierung von Pseudo-Ereignissen

Politiker sind besessen von der Vorstellung, Themen zu besetzen. Sie werden getrieben von einer PR, die in der Kommunikationswissenschaft unter dem Begriff des spin-doctoring diskutiert wird. To spin bedeutet im Englischen soviel wie "Seemannsgarn spinnen." To doctor something hat nichts, aber auch gar nichts mit ärztlicher Kunst zu tun. Im amerikanischen Sprachgebrauch versteht man darunter das Fälschen eines Dokuments. Was einem in den Machtzentralen dieser Welt immer wieder auffällt, das ist eine gewisse Ratlosigkeit, eine irritierende Konzeptionslosigkeit der politisch Handelnden. Der tagesaktuelle Terminjournalismus ist häufig von Pseudo-Ereignissen geprägt. Anders ausgedrückt: Nicht alles, was Politiker sagen, hat Nachrichtenwert. Eine ganze Industrie ist auf dem Felde der Ereignis-lnszenierung für Wirtschaft und Politik tätig. Man spricht mitunter bereits von eine symbolischen Politik; sie tritt als Ersatz für politische Problem-Lösungen auf. Aber auch nicht alles, was Firmen mitzuteilen haben, kann man als simple Produktwerbung abtun.

In seinem 1932 erschienenen Roman Schöne neue Welt beschreibt der britische Schriftsteller Aldous Huxley die Gesellschaft einer fernen Zukunft. In dieser ertrinkt die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten. Huxley warnt vor jenen, die uns mit einem Wust von Einzelinformationen vollstopfen wollen. Die Menschen, mit Nachrichten überfüttert, schalteten sich aus den öffentlichen Angelegenheiten aus, so meint der Autor. In der Folge flüchteten sie sich in die totale Passivität. Längst hat uns die Wirklichkeit eingeholt. Es gibt eine Inflation von eher belanglosen Politiker-Äußerungen. Das kommt daher, daß die meisten Berufspolitiker eine Art Dauerwahlkampf führen oder aber bei inszenierten PR-Auftritten Fensterreden halten. So wird die Flut der Information größer und größer. Leider steigt die Zahl der wirklich wichtigen und nützlichen News nicht in gleichem Maße. Es fällt auf, daß die Ereignis- Berichterstattung immer geringer wird. Anders als in den englisch-sprachigen Ländern wird immer weniger über das berichtet, was wirklich stattfindet. Ein großer Anteil der medialen Informationen bezieht sich auf verbale Berichte und Meinungen. Die Nachrichten entfernen sich zunehmend von den facts; es entsteht eine verselbständigte Medienrealität. Dafür nehmen Meinungsäußerungen, die manchmal doch nur "Meinungs-Rülpser" sind, zu. Eher positiv zu bewerten ist eine gewisse Abkehr vom Primat der Politik. Daß immer mehr Nachrichten mit Gebrauchswert produziert werden, hat dem Radio und seinem Publikum sicher gut getan.

Einfache Botschaften: Anforderungen an Sprache und Struktur von Nachrichten

Politikvermittlung im Hörfunk: Über das Radio lassen sich nur einfache Botschaften vermitteln. Die Leistungsfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses ist - wie man weiß beschränkt. Es verträgt keine Informations-Ballung. Das heißt: Eine Einzelbotschaft sollte in zwei bis drei Sekunden übermittelt sein. Mit der gängigen Politikersprache dürfen wir unsere Adressaten also nicht überfordern. Größtmögliche Verständlichkeit und Objektivität sind deshalb die wichtigsten Grundsätze der Nachrichtensprache. Voraussetzung für eine hohe Akzeptanz sind eine überschaubare Struktur der Nachrichten und eine verständliche Sprache mit klaren Sinn-Einheiten. Der Radiohörer muß einen Satz sofort verstehen, denn in diesem Medium kann man bekanntlich "nicht nachhören". Die Satzstrukturen müssen aus logischen durchhörbaren Einheiten bestehen. Wir müssen in allen Programmen/Wellen die gleiche Sprache sprechen. Das Deutsch der Radionachrichten ist einfach, aber nicht salopp und auch kein Slang. In der Alltagssprache kann vielleicht jemand aus einem Lokal "rausgeschmissen" werden. Im Radiotext würde er "hinausgeworfen". Verwerflich ist auch der allgemeine Hang zur geschwollenen Rede. Das Politiker-Deutsch und natürlich auch das Manager-Englisch besteht häufig aus Stereotypen und Musterphrasen. Es handelt sich um austauschbare Allzweckwörter, die mehr verschleiern als enthüllen. Ihr Sinn ist dunkel und nebulös. Jede Form der Stereotypie steht im Gegensatz zur verlangten Fakten-Genauigkeit. Deshalb muß sich der Redakteur bei der Politikvermittlung bemühen, die Dinge konkret und sachlich zu benennen.

Authentische Wortaufnahmen als Salz in der Suppe

Bei der Suche nach nicht unbedingt neuen, aber anderen Präsentations-Formen ist die Vorläuferin der heutigen SWR-Nachrichtenzentrale innerhalb der ARD einmal zum Pionier geworden. Bereits 1977 hatte man in Stuttgart damit angefangen, der formalen Eintönigkeit von Nachrichtensendungen durch flexible, auflockernde Sendeformen vorzubeugen. Im Lauf der Jahre hat sich die Zahl der O-Ton-Nachrichten auf acht erhöht. Eckpunkte sind 6.00, 7.00 und 8.00 Uhr, 13.00, 16.00 und 18.00 Uhr in SWR 1 und 12.00 und 16.00 Uhr auf SWR 4. Seit dem Golfkrieg sieht unser Nachrichtenkonzept vor, daß wir darüber hinaus zu jeder Zeit, wenn immer es die aktuelle Situation erfordert, O-Töne einspielen. Es gibt zwei Arten von Nachrichten-O-Tönen: den "echten" und den "unechten"-O-Ton. Der "echte" O-Ton ist die Äußerung eines Akteurs des gesellschaftlichen Lebens (eines Politikers, Managers, Wirtschaftsführers, eines Künstlers oder Sportlers). "Unechte" O-Töne sind journalistische

O-Töne, Statements von Reportern oder Korrespondenten. Agenturen liefern oft den Hinweis auf Themen, die dann weiter recherchiert, weiter gedreht werden. Das völlig neue, eigenständige Thema, bei dem sich aufgrund gründlicher Recherche "Neues" ergibt, ist dann eher die Ausnahme.

Authentische Wortaufnahmen können das Salz in der Suppe einer Nachrichtensendung sein. Die Einblendung kurzer O-Töne macht eine Sendung "schnell". Der Ablauf erfolgt in einem anderen Rhythmus. Die News werden dadurch lebendiger. Sie können die Aufmerksamkeit der Hörerschaft erhöhen. Auf jeden Fall sind O-Töne eine Art Gegengift zum schalen Verkündigungsstil alten Typs. Sie machen politische Berichterstattung ein Stück farbiger, interessanter, verständlicher.

Nachrichten haben ihre eigene Würde

Es gibt - wohl aufgrund der Informationsüberflutung - ein wachsendes Bedürfnis nach Unterhaltung. Journalisten gehen diesem Bedürfnis häufig nach. Sie bewerten Informationen dann nur noch nach ihrem Unterhaltungswert. Dazu schreibt der Intendant des SWR, Peter Voß, in einem medien-politischen Aufsatz:

"Herauskommen É Hörfunk- und Fernseh-Magazine, die nicht das Neue, das Unbekannte und das Wichtige zeigen, sondern die immer gleichen Themen neu aufbereiten, sie neu verpacken und dabei doch nur auf den Erfolg des Wiedererkennens setzen."

Dieser Fehlentwicklung in Richtung Infotainment und Boulevardisierung gilt es gegenzusteuern. Es wäre absurd, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verlangen, er müsse eine puritanische Veranstaltung sein. Unterhaltung gehört nun einmal zum menschlichen Leben. Doch hat sie einen Platz in den Nachrichten?

Im ewigen Spannungsfeld zwischen Qualität und Quote haben wir nicht die Absicht uns als ernstzunehmende Anbieter von Informationen zu verabschieden. Nachrichten haben ihre eigene Würde. Sie sind keine Unterhaltungsware. Sie dürfen nicht vertingelt werden, also keine Halli-Galli-News, keine müden Mätzchen, keine

Holzattrappen, keine Geisterbahn, kein Firlefanz. Man kann nicht über den Ansehensverlust der politischen Klasse klagen, wenn man durch albernen Umgang mit ihr die Seriosität der politisch Handelnden aushöhlt. Ob wir in einem jugendspezifischen Programm mit einem Pop-Konzert aufmachen und die Pflegeversicherung dafür hintanstellen oder ganz weglassen, wäre bei dem einen oder anderen Sender dieser Republik schon möglich. Bei uns in den beiden Landesprogrammen wäre eine derartige Gewichtung aber doch recht fragwürdig.

Wenn Entertainment zunehmend als einziger Maßstab des Erfolgs gilt, dann verwandelt sich auch das Bild vom Menschen. Es wandelt sich unter der Hand zum Bild des Affen, der seinen Zucker kriegt.

Das amerikanische Vorbild des Infotainment, also jene vielbeschworene Mischung aus Information und Unterhaltung, kommt für uns nicht in Frage. Was allzu schnell und allzu locker zubereitet worden ist, das wird auch schnell vergessen. Das Radio trägt eine Verantwortung dafür, seinen Konsumenten das Hören nicht abzugewöhnen. Er muß ihnen zumuten, dem informierenden und auch dem analysierenden, kommentierenden Wort zuzuhören. Studien belegen übrigens, daß Attraktivität und Konkurrenzfähigkeit der Nachrichtensendungen weit weniger von der akustischen Verpackung abhängen als von der Themenauswahl und einer verständlichen Präsentation. Es ist die ganz persönliche Ansprache, die das Verhältnis zwischen Sprecher und Hörer ausmacht. Boulevardisierungen ohne gesellschaftlichen Hintergrund produzieren politische Leere. Sie entpolitisieren und reduzieren die Welt auf Anekdoten und Klatsch. Mit Blick auf die wachsende Dominanz des Seichten, der Banalitäten aber auch des Bizarren, und angesichts der Realitäts- und Nährstoffmängel eines plappernden und dudelnden Entertainments könnte vielleicht ein Wort Arnold Schönbergs von Nutzen sein: "Man muß auch die notwendigen Dinge verbreiten können, nicht nur die überflüssigen."


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