Zeitschrift

Auf dem Wege zur
Zivilgesellschaft

 

Herbert Schneider
Bürgerkultur und politische Bildung


titzivi.gif (11122 Byte)

Inhaltsverzeichnis


Abschied vom Untertanen

Siegfried Schiele zum 60. Geburtstag

Prof. Dr. Herbert Schneider lehrt Politikwissenschaft und Didaktik der politischen Bildung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und am Institut für politische Wissenschaften der Universität Heidelberg. Er war von 1966 bis 1973 Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft "Der Bürger im Staat" bzw. Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich ein erheblicher Wandel der politischen Kultur in der Bundesrepublik ergeben, den man als Weg vom Untertanen zum partizipationsbereiten Bürger charakterisieren könnte. Einen erheblichen Anteil daran hatte die intentionale politische Bildung, wie sie nicht zuletzt in den Schulen, und da wiederum im Fach "Gemeinschaftskunde", stattfindet. Eine wichtige Rolle haben von Anbeginn an auch die Zentralen für politische Bildung gespielt, auf Bundes- wie auf Landesebene. Gescheitert ist allerdings der typisch baden-württembergische Versuch, hier bürgerschaftliches Engagement und staatliche Finanzierung miteinander zu koppeln. Doch das Erbe dieser "Arbeitsgemeinschaft Der Bürger im Staat e.V." kann sich bis heute sehen lassen. Angesichts der deutschen Traditionen ist auch in Zukunft auf die Rolle des Staates in der politischen Bildung nicht zu verzichten.

Red.

Dem Anforderungsprofil gerecht werdend

Zum Anforderungsprofil eines hauptamtlich in der politischen Bildung Tätigen gehören politisch-wirtschaftliche Kenntnisse, Einfallsreichtum, Organisationstalent, pädagogisches Geschick und Zivilität. Das alles besitzt der Jubilar in einem reichen Maße. Vor allem sollte, wer in der politischen Bildung tätig ist, von der Notwendigkeit und Wirksamkeit seiner Aufgabe überzeugt sein. Obwohl Siegfried Schiele an Lebensjahren älter geworden ist, hat er sich trotz aller sich im Berufsleben einstellenden unvermeidlichen Enttäuschungen nicht nur die Freude am Spielerischen, sondern auch den Glauben an den Stellenwert der politischen Bildung bewahrt. Er hält diese nach wie vor für unsere Demokratie und ihre politische Kultur für unverzichtbar. Deshalb soll sein Geburtstag zum Anlaß genommen werden, um auf die Zusammenhänge zwischen Bürgerkultur und politische Bildung einzugehen.

Die angelsächsische Bürgerkultur als Leitbild?

In seinem satirischen Roman Der Untertan porträtiert Heinrich Mann mit der Hauptperson Dieterich Heszling einen staatsvergötzenden, kaiserbesessenen und katzbuckelnden Zeitgenossen.1 Hat er damit nur eine überzogene Preußenkarikatur geliefert oder tatsächlich Elemente einer über Vorbild, Sozialisation und Erfahrung bis in die Anfangsjahre der Bundesrepublik hineinwirkenden Untertanenkultur beschrieben? Der Begriff "Untertanenkultur" sollte sogar noch nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, dem Scheitern der Weimarer Republik und dem Untergang des Dritten Reiches zur Charakterisierung der in Deutschland vorherrschenden politischen Kultur dienen. In einer Ende der 50er Jahre vorgenommenen empirischen Untersuchung kamen die amerikanischen Sozialwissenschaftler Gabriel Almond und Sidney Verba zu dem Schluß, daß die deutsche, politische Kultur im Vergleich zu der der USA, Großbritanniens, Italiens und Mexikos folgende Auffälligkeiten aufweise:2 Gute politische Kenntnisse, erhebliches Vertrauen in die Verwaltung, hohe Wahlbeteiligung, keine aktive Teilnahme an der Politik, geringe Kooperationsbereitschaft der Bürger untereinander, emotionale Distanz zum Gemeinwesen. Die beiden Autoren gelangten daher zu dem Urteil, daß die Bundesdeutschen weniger die Einstellungen von Bürgern als vielmehr die von Untertanen an den Tag legen.

Keine geradlinige Entwicklung von der Untertanenkultur zur Bürgerkultur

Dieser in der Tradition des Etatismus, der Innerlichkeit, der Konfliktscheue und des Formalismus stehenden "Untertanenkultur"3 - in der deutschen politischen Kulturforschung wird seitdem der weniger emotional besetzte Begriff "Staatskultur" bevorzugt4 - stellen sie das aus einer etwas einäugigen, die politische Stabilität überbewertenden Analyse der politischen Kultur der angelsächsischen Demokratien, vor allem aber Großbritanniens, gewonnene Leitbild einer Bürgerkultur (Civic Culture) gegenüber. In diesem nach dem Zweiten Weltkrieg ob seiner Stabilität und Anpassungsfähigkeit vielgerühmten Land ist durch die Verbindung der von den aristokratischen Whigs vertretenen Werte mit der Civic Culture des aufstrebenden Bürgertums eine politische Kultur der Kommunikation und Überzeugung, des Konsens und der Vielfalt, des Wandels und der Mäßigung entstanden.5 Diesen geschichtlichen Vorgang verknüpften die beiden Autoren mit dem Modell einer input-orientierten, rational motivierten politischen Partizipation. In ihren Augen stellt die Civic Culture eine geglückte Mischung von Beteiligung, Apathie und Vertrauen dar.6 Auf diesem Nährboden kann, aber muß nicht eine Bürgergesellschaft heranwachsen.

Inzwischen hat sich eine durch den Sozialstaat und die Partizipation transformierte deutsche politische Kultur in manchen Aspekten einer Bürgerkultur genähert. Darauf weisen die Ergebnisse verschiedener Befragungen hin. Danach haben unkonventionelle Protestformen ebenso zugenommen wie die Zahl der Selbsthilfeorganisationen.7 Diese Umfragen bestätigen auch, daß im Unterschied zu dem die Anfangsjahre der Bundesrepublik bestimmenden universellen Legitimationsnormen heutzutage eine die politische Kultur und die politischen Strukturen miteinander verbindende "empirische Legitimität" getreten ist. Politische Kulturen besitzen in der Regel eine Mischform. Dies gilt auch für die heute Deutschland kennzeichnende politische Kultur, die neben den Zügen einer Civic Culture und Ansätzen einer Bürgergesellschaft nach wie vor einen vor allem in den neuen Bundesländern zum Ausdruck kommenden Etatismus und damit auch regionale Sonderformen aufweist. Diese sind aber nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch - aus davon abweichenden Gründen - mehr oder minder deutlich ausgeprägt u.a. in Bayern, Baden-Württemberg oder den Hansestädten zu finden.8 Der Hinweis auf die neuen Bundesländer ist insofern nicht ganz widerspruchsfrei, als hier neben einer nach wie vor spürbaren Wirkungskraft der Staatskultur die Erinnerung an eine von bürgerschaftlichen Kräften 1989 in Gang gebrachte "friedliche Revolution" lebendig ist und zur Selbstachtung ihrer Bürger beiträgt.

"Aus Zuschauern wurden Teilnehmer"

Die Entwicklung von einer "Untertanenkultur" zu einer "Bürgerkultur" verlief nicht geradlinig.9 Die eben noch einmal davongekommenen Deutschen akzeptierten mit der Gründung der Bundesrepublik eine etatistisch-pluralistische Demokratie, die nicht nach einer lebendigen individuellen Partizipation, sondern nach gemeinsamen Spielregeln verlangte. Was sich daher zunächst entwickelte, war nicht eine Bürgerkultur, sondern eine Überwindung der noch die Weimarer Republik kennzeichnenden Elitenfragmentierung durch eine Kooperationskultur der Funktionseliten.10 Die breiten Bevölkerungsschichten stimmten mit der neuen Demokratie zunächst vor allem deshalb überein, weil diese nicht nur Schutz gegenüber einem drohenden sowjetischen Kommunismus, sondern vor allem wirtschaftlichen Wohlstand versprach. So geriet die Bundesrepublik damals in den Ruf einer "Schönwetterdemokratie". Mit nachlassenden Wirtschaftsleistungen wurde daher ein Wiederaufleben des Nationalsozialismus befürchtet. Doch die "Gefahr von rechts" erwies sich für die noch nicht festgefügte deutsche Demokratie als geringer als die Gefährdung durch linksextreme, die Grenzen zum Terrorismus überschreitenden Kräfte. Ein davor nicht zurückschreckender Staat, die Kanalisierung von Protest und der Ausbau des Partizipationsangebots stellten eine auch in die politische Kultur eingegangene Antwort auf diese Herausforderung dar. Sie fiel zeitlich gesehen mit einer "Kulturrevolution" in Form des auch andere westliche Länder verändernden Wertewandels zusammen. Dieser bereitete in einer widerspruchsvollen Weise nicht nur einem hedonistischen Individualismus den Weg, sondern kräftigte auch die schon bestehenden Ansätze einer weniger vom Vertrauen und der Apathie als vielmehr von der Partizipation bestimmten Bürgerkultur in Form von Bürgerinitiativen, Umweltaktionen und Selbsthilfegruppen.11 Ein amerikanischer Beobachter der deutschen politischen Kultur stellte daher fest: "Aus Zuschauern wurden Teilnehmer."12

Der Wirtschafts-Patriotismus der frühen Jahre

Bis in die 60er Jahre hinein diente vor allem die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zur Legitimation der Demokratie in der Bundesrepublik. Es herrschte anstelle eines schwarz-rot-goldenen Verfassungspatriotismus ein output-orientierter Wirtschaftspatriotismus vor. Das Streben nach Wohlstand absorbierte damals die Kräfte der Bundesdeutschen und ließ ihnen wenig Zeit für bürgerschaftliche Aktivitäten. Statt dessen begünstigte er Eigenschaften, die sich in der Person des Wirtschaftsbürgers, des Bourgeois, vereinen: Leistungswillen, Konkurrenzverhalten, Gewinnstreben. Bei einem drastischen Rückgang der Selbständigen und einer beachtlichen Zunahme der Arbeitnehmer verbanden sich diese auf die unternehmerische Marktwirtschaft abgestimmten Eigenschaften mit einem vergleichsweise hohen sozialen Sicherheitsdenken und Anspruchsniveau. Das Ergebnis war eine schrittweise Transformation der überkommenen deutschen Staatskultur, die die traditionellen Ideen vom Wohlfahrts- und Rechtsstaat durch Verschmelzung mit Elementen einer vor allem sozialpolitisch bestimmten Partizipation zu einer demokratischen Variante der Staatskultur führte. Die Westdeutschen beteiligten sich außerhalb von Wahlen vorrangig deshalb am politischen Prozeß, um einen "gerechten" Anteil am Sozial-, Kultur- und Rechtsstaat zu erringen.13

Mit dem Generationenwechsel erfolgte der Ruf nach mehr Mitbestimmung

Der von Heinrich Mann in den Mittelpunkt seines Romans gestellte Heszling tat sich u.a. dadurch hervor, daß er die Liberalen in seiner Heimatstadt zugrunde richtete. Der Hinweis auf diese erinnert daran, daß im vergangenen Jahrhundert die deutsche politische Kultur auch schon beachtliche Elemente der Bürgerkultur kannte. Sie äußerten sich u.a. in einer überaus leistungsfähigen kommunalen Selbstverwaltung. Daran knüpften die Bürgervereine nach dem Zweiten Weltkrieg an, die, von der damaligen Arbeitsgemeinschaft "Bürger im Staat" unterstützt, deren Wiederbelebung zum Ziele hatten. Zwar verloren sie als Folge des sich auch in den Gemeinden durchsetzenden Parteiensystems an Bedeutung, doch haben sie und andere ähnliche Initiativen den Boden für eine sich langsam entwickelnde Bürgerkultur vorbereiten helfen. Diese erhielt einen kräftigen Wachstumsschub in Richtung auf die Bürgergesellschaft mit einem Generationenwechsel. Die bereits in der Bundesrepublik Geborenen, schon gewöhnt an die Stabilität demokratischer Institutionen, aber auch empfindlich für deren Schwächen, riefen nicht zuletzt aufgrund ihres im Vergleich zu ihren Eltern erhöhten Ausbildungsniveaus nach mehr Mitbestimmung. Ihr Partizipationsverlangen wurde vor allem in den 70er Jahren lautstark artikuliert und führte zu nicht immer praktikablen Mitbestimmungsformen in verschiedenen Bereichen.

Politische Kultur als Ergebnis organisierter Lernprozesse

Die politische Kultur kann auch das Ergebnis von Lernprozessen sein. Es stellt sich daher die Frage, welchen Einfluß die intentionale politische Bildung auf die Herausbildung der deutschen Bürgerkultur in den letzten fünfzig Jahren hatte.

Das Erziehungs- und Bildungssystem wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem von der US-Besatzungsmacht als ein Hebel zur Demokratisierung der politischen Kultur betrachtet: Reeducation war angesagt. Zwar gelang es damals den Amerikanern nicht, das traditionelle deutsche Bildungssystem umzumodeln, doch ihre Unterstützung der politischen Bildung trug Früchte. Das zeigte sich in zweierlei Hinsicht: Zum ersten wurde die politische Bildung unter wechselnden Bezeichnungen als Schulfach etabliert. In Baden-Württemberg heißt dieses noch immer etwas mißverständlich Gemeinschaftskunde, was an den Einfluß der durch den amerikanischen Pädagogen John Dewey inspirierten Partnerschaftspädagogik erinnert;14 als "Wendepunkt der politischen Erziehung" wollte diese "elementare Verhaltensweisen als feste Gewohnheiten in möglichst viele Bürger einpflanzen", die das friedliche Miteinanderleben fördern, so u.a. Kompromißbereitschaft, Toleranz, Fairplay, Initiative und Dialogbereitschaft;15 zum zweiten kam es zur Gründung von Zentralen für politische Bildung in Bund und Ländern, deren Aufgabe darin gesehen wurde, die in Schulen, bei der Polizei (später in der Bundeswehr) und in den gesellschaftlichen Organisationen vorhandenen Ansätze politischer Bildung durch Modellversuche, Publikationen, Eigenveranstaltungen und Zuschüsse zu unterstützen.

Was heißt "Wirksamkeit"?

Das Vorhandensein von Schulfächern und Bildungseinrichtungen sagt aber noch wenig über deren pädagogische Wirksamkeit aus. Eine der seltenen Wirkungsuntersuchungen zur politischen Bildung stammt noch aus den 60er Jahren und hat damals unter dem Titel "Erziehung zur Anpassung" gleichermaßen Bestürzung und Aufmerksamkeit erregt. Deren Autoren schlußfolgern aufgrund von einer in verschiedenen Schulen und Ländern durchgeführten Erhebung, daß der Sozialkundeunterricht eher zu einer Entpolitisierung und blinden Anpassung an die bestehenden Verhältnisse geführt habe.16 Sie gaben damit all jenen Munition in die Hand, die unter dem Einfluß der Frankfurter Schule der politischen Bildung die Aufgabe zudachten, die überkommenen Herrschaftsstrukturen nicht nur in Frage zu stellen, sondern darüber hinausgehend auch zu bekämpfen.

Die öffentliche Schule als Speerspitze einer radikaldemokratischen Emanzipation? Über diese Zielvorstellungen kam es zum Streit unter Politikern und Didaktikern. Diese konfliktorientierte Phase in der politischen Bildung wurde in den folgenden Jahren abgelöst durch eine Vielzahl unterschiedlicher, vor allem sich mit der subjektiven Lebenswelt der Schüler befassender Schwerpunkte wie Kultivierung des eigenen Ichs und handlungsbezogene Thematik. Deren praktische Reichweite läßt sich allerdings schwer abschätzen. Wer jedoch Jugenduntersuchungen zu Rate zieht,17 könnte daraus den Schluß ziehen, daß die schulische politische Bildung nach wie vor in erster Linie Wissen zum Verständnis des Funktionierens des Gemeinwesens mit seinen Institutionen und Spielregeln vermittelt, ohne daß dies, wie oft unterstellt wird, schon zu einem bürgerschaftlichen Engagement führt. Eine nicht allein auf dieses Fach begrenzte, den lehrerzentrierten Unterricht ablösende Vielfalt von Unterrichtsformen könnte aber durch die Förderung von Eigenarbeit und Zusammenarbeit dazu beigetragen haben, über die Schule hinauswirkende Impulse für bürgerschaftliches Verhalten zu geben.

Das Erbe der "Arbeitsgemeinschaft Der Bürger im Staat"

Die schulische politische Bildung wird durch die Landeszentralen für politische Bildung unterstützt.18 Diese wenden sich in der Erwachsenenbildung aus finanziellen und pädagogischen Gründen vor allem den Multiplikatoren (u.a. Lehrern, Beamten, Funktionären) zu, wobei die baden-württembergische Landeszentrale aufgrund ihrer von der "Arbeitsgemeinschaft Der Bürger im Staat" ererbten dezentralen Gliederung und der eigenen Tagungsarbeit unter ihnen noch die größte Breitenwirkung mit einer umfänglichen Themenpalette erzielt.19 Diese Landeszentrale ging aus der "Arbeitsgemeinschaft Der Bürger im Staat" hervor, die Elemente der Bürgerbeteiligung mit staatlicher Vollfinanzierung zu verbinden versuchte.20 Doch das begrenzte Engagement der Bürger reichte in diesem Falle nicht aus, um auf Dauer gesehen eine wirkungsvolle und beständige Arbeit zu gewährleisten.21 Von der 1972 von der Landeszentrale abgelösten Arbeitsgemeinschaft ist aber mehr zurückgeblieben als nur der Name der renommierten Zeitschrift "Der Bürger im Staat". Zwar gelang es ihr nicht, individuellen Bürgern Sitz und Stimme im Kuratorium der Landeszentrale zu sichern, doch sind in diesem neben den Landtagsfraktionen auch gesellschaftliche Organisationen vertreten.

Die Kernaufgabe von Bundeszentrale und Landeszentralen

Ob Baden-Württemberg oder Thüringen, die Zentralen stehen vor einer Kernaufgabe: die Erziehung zur Demokratie in einer sich wandelnden Welt. Das schlägt sich auch in ihrem Programmangebot mit Themen wie "Festigung und Verbreitung des Gedankens der freiheitlich-demokratischen Ordnung" oder "Auseinandersetzung mit extremistischen Bestrebungen" nieder. Zu ihrem Angebot zählen aber auch die Bürgerkultur unmittelbar ansprechenden Themen wie "Erziehung zum mündigen Bürger", "Ermutigung des Partizipationswillens des Bürgers" oder "Förderung des Verhältnisses des Bürgers zum föderalen System". Dabei muß jedoch aufgrund der begrenzten Zeitdauer dieser Veranstaltungen vermutet werden, daß ihre Wirkung auf die Bürgerkultur mehr im Kognitiven und weniger im Bereich der Einstellungen und Verhaltensweisen zu suchen ist. Das gilt vor allem auch für die bereits von Almond und Verba in den 50er Jahren festgestellte emotionale Distanz der Deutschen zum Gemeinwesen. Selbst eine kognitive Bearbeitung derselben ließ in den Bundesländern auf sich warten.22 Der Landeszentrale Baden-Württemberg ist jedoch zu bescheinigen, daß sie fern von einer parochialen Mythenbildung mit ihren "Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs" wissenschaftlich überzeugende Beiträge zur Klärung und Verstärkung der Landesidentität geleistet hat.

Siegfried Schiele setzte mit dem von ihm initiierten Beutelsbacher Gespräch: "Verfassungspatriotismus als Ziel politischer Bildung?" eine Diskussion und einen Denkprozeß unter Didaktikern und Bildnern in Gang.23 Dabei stand u.a. die Frage zur Diskussion, inwieweit die universellen Werte der Demokratie und ihre nationalen Besonderheiten eine identitätsstiftende Verbindung eingehen können und sollen. Welche Auswirkungen diese Diskussion auf die Bürgerkultur haben wird, bleibt jedoch nicht nur angesichts des schwierigen Zusammenwachsens der beiden Deutschlands, sondern auch wegen einer alle Lebensbereiche durchdringenden und den deutschen Nationalstaat aushöhlenden europäischen Integration abzuwarten.

Der Einfluß des Kommunitarismus

Eine besondere Ausprägung der Bürgerkultur stellt die Bürgergesellschaft dar, auf die sich gegenwärtig das wissenschaftliche, politische und pädagogische Interesse richtet.24 Dabei ist zweierlei bemerkenswert: Zum einen, daß der Begriff Bürgergesellschaft heute kaum mehr wie noch vor wenigen Jahren in Verbindung gebracht wird mit der von der Frankfurter Schule vertretenen Vorstellung von einer Überwindung des "starren Staatsapparates" durch aufgeklärte Kräfte der sozialen Selbstorganisation; er wird vielmehr ausgefüllt von den Ideen des aus den USA stammenden und hierzulande auf eine beachtliche Resonanz stoßenden Kommunitarismus. Dieser will - trotz aller Unterschiede im einzelnen - eine von Egoismus, Vereinzelung und Gewaltbereitschaft heimgesuchte amerikanische Gegenwartsgesellschaft durch die Belebung der republikanischen Tugendideale und die Pflege der bürgergesellschaftlichen Gemeinschaftsbeziehungen korrigieren.25 Dies stellt insofern einen Rückgriff dar, als bereits Alexis de Toqueville (1805-1859) beobachtet hatte:

"In den Vereinigten Staaten vereinigt man sich zu Zwecken der öffentlichen Sicherheit, des Handels und des Gewerbes, der Sittlichkeit und der Religion. Es gibt nichts, das der menschliche Wille nicht durch freies Handeln der vereinigten Macht einzelner zu erreichen hoffte."26

Zum anderen fällt auf, daß die deutschen Parteien (SPD, Grüne, F.D.P., CDU und CSU) in einer ungewohnten Einmütigkeit auf die Segnungen der Bürgergesellschaft bauen, ohne allzu viel nach deren unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in den USA zu fragen. Glauben sie damit reinen Gewissens finanzielle Lasten vom überschuldeten Staat auf freiwillige Bürgervereinigungen abwälzen zu können? Oder geht es ihnen vielmehr als heute dem Staat zugerechnete Organisationen darum, wieder Terrain in der (Bürger-) Gesellschaft zurückzugewinnen?

Ein erweiterte Bürgerrolle

Wie auch immer die Antworten ausfallen werden, eines ist sicher: Die Bürgergesellschaft setzt eine erweiterte Bürgerrolle voraus. Dabei geht es nicht um den die Didaktik gelegentlich beschäftigenden Gegensatz zwischen dem Passiv- und Aktivbürger oder den als Kompromiß angebotenen interventionsfähigen Bürger, sondern um den die Grenzen zwischen Politik und Sozialem überschreitenden Bürger. Von diesem werden u.a. folgende Verhaltensweisen erwartet: Fähigkeit zur sozialen Selbstorganisation, bürgerschaftliche Kompetenz, Gemeinsinn, Dialogkultur, Staatsfreundschaft. Dieser erweiterte Bürgerbegriff bedeutet für die politische Bildung Chance und Problem zugleich: Ihre Chance sehe ich darin,27 daß

- Menschen unterschiedlicher Begabung und Interessenrichtung nicht länger an der Hürde des homo politicus scheitern, sondern ihnen gemäße Zugänge zum Gemeinwesen finden können;

- die von den Kommunitaristen in den USA beklagten, aber auch in Deutschland Besorgnis erregenden Mängelzustände wie Egoismus, Vereinzelung und Ellbogenmentalität durch Vermittlung und Erprobung von republikanischen und sozialen Tugenden wie Gemeinsinn und Selbsthilfe eingedämmt werden können.

Das Problem bei diesem erweiterten Bürgerbegriff besteht m.E. für die politische Bildung darin, daß er die Flucht aus einem immer komplexer werdenden politischen Geschehen in einigermaßen noch überschaubare Räume fördern kann. Damit ist die Gefahr verbunden, daß der bereits im vergangenen Jahrhundert bestehende Dualismus zwischen dem Staat und der Gesellschaft, einschließlich der kommunalen Selbstverwaltung, in etwas veränderter Form zurückkehrt: Auf der einen Seite ein von Experten, Bossen und Lobbyisten beherrschtes Regelungs- und Zuteilungssystem; auf der anderen ein der Bürgergesellschaft überlassenes Feld zur Bestellung der unmittelbaren sozialen Hilfe und alltagskulturellen Geselligkeit.

Dem muß auch die Schule Rechnung tragen

Um die gegebene Chance zu wahren und gleichzeitig auch das aufgezeigte Problem zu verringern, kommt die politische Bildung nicht umhin, Kenntnisse und Hilfen für Problemlösung in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen. Im stofflich bereits überladenen und durch den Stundentakt zerrissenen Unterricht der Schulen z.B. bleibt daher kaum Zeit für die Einübung von bürgerschaftlichen Verhaltensweisen. Dazu bedarf es des um Ganztagesprogramme erweiterten Raumes der Schule, die sich auch für ihr Umfeld im Sinne der Community Education öffnen sollte. Das bedeutet: Der erweiterte Bürgerbegriff setzt eine andere Schule voraus. Und die politische Bildung sollte sich wieder der ganzen Schule als Vermittlungsagentur von politisch relevantem Wissen und Erprobungsstätte bürgerschaftlichen Verhaltens zuwenden. Damit kann sie auch einen ihr gemäßen Beitrag zu einer lebendigen Bürgergesellschaft leisten.

Nach wie vor wird der Staat in der politischen Bildung gebraucht

Braucht die politische Bildung auch den Staat? Diese Frage stellt sich deshalb, weil in der zum Vorbild erkorenen US-Bürgergesellschaft kein Platz für staatliche Zentralen für politische Bildung vorhanden ist; deren Aufgaben sind neben den Schulen, Hochschulen und Großorganisationen freiwilligen Vereinigungen wie dem Center for Civic Education überlassen. Sollten daher die Zentralen in Deutschland "privatisiert" werden? Im Unterschied zu den USA blicken wir hierzulande auf andere Erfahrungen, Gewohnheiten und Bedingungen. Bei der oft erfahrungsarmen und deshalb auch ideologisch anfälligen Diskussion über die Bürgergesellschaft sollte man sich daher nicht allein am US-Beispiel orientieren, sondern auch die davon unterschiedlichen deutschen Ausgangsbedingungen sehen und eher einen Ausgleich zwischen einem verschlankten Staat und einer gekräftigten Bürgergesellschaft suchen. Dieser könnte bei den öffentlich-rechtlichen Zentralen für politische Bildung dadurch gefunden werden, daß sich ihre nach wie vor von den Parteien beherrschten Kuratorien stärker den Kräften und Anliegen der Bürgergesellschaft öffnen.

Literaturhinweise

1 Heinrich Mann: Der Untertan, Frankfurt 1914

2 Gabriel A. Almond/Sidney Verba: The Civic Culture, Princeton 1963

3 Kurt Sontheimer: Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 36-40

4 Martin und Sylvia Greiffenhagen sehen als deren Merkmale u.a.: die Trennung von Staat und Gesellschaft, eine Metaphysik des Staates, die Propagierung von Untertanentugenden, in dies.: Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur im vereinigten Deutschland, München 1993

5 Peter Reichel: Politische Kultur in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1981, S. 31

6 Gabriel, A. Almond: The Intellectual History of the Civic Culture Concept, in G. A. Almond/S. Verba (ed.): the civic culture revisited, Boston 1980, p. 16

7 Siehe auch: David P. Conradt: Changing German Political Culture, in G. A. Almond/S. Verba (ed.): the civic culture revisited, Boston 1980, p. 212-273. Russel J. Dalton: Politics in Germany, in G. A. Almond/G. B. Power Jr. (ed.): Comparative Politics Today, New York 1996. Dirk Berg-Schlosser/Ralf Rytlewski (ed.): Political culture in Germany, London 1993

8 Hans-Georg Wehling (Red.): Schwerpunktnummer "Regionale politische Kultur" des "Der Bürger im Staat", 3/1984

9 Dirk Berg-Schlosser: Entwicklung der Politischen Kultur in der Bundesrepublik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 7/90, S. 30-46

10 Karl Rohe: The State Tradition in Germany: Continuities and Changes, in D. Berg-Schlosser/R. Rytlewski (ed.): Political Culture in Germany, London 1993, p. 226

11 Gerd Hepp: Wertewandel. Politikwissenschaftliche Grundfragen, München 1994, S. 106-144

12 Russel L. Dalton: Politics in Germany, in G.A. Almond/G. B. Powell Jr. (ed.): Comparative Politics Today, New York, 1996, p. 293

13 wie Anm. 10, S. 230

14 John Dewey: Democracy and Education, 1916, dtsch. Ausgabe: Demokratie und Erziehung, Weinheim/Basel 1993

15 Friedrich Oetinger: Wendepunkt der politischen Erziehung - Partnerschaft als pädagogische Aufgabe, Stuttgart 1951, S. 248

16 Egon Becker/Sebastian Herkommer/Joachim Bergmann: Erziehung zur Anpassung? Politische Bildung in den Schulen - eine soziologische Untersuchung, Schwalbach 1968

17 s.u.a.: Ursula Hoffmann-Lange (Hrsg.): Jugend und Demokratie in Deutschland, DJI-Survey 1, Opladen 1995. Jugendwerk der Deutschen Shell (Hrsg.): Jugend 97: Zukunftsperspektiven, gesellschaftliches Engagement, politische Orientierungen, Opladen 1997;

18 s. Will Cremer (Hrsg.): Zur Theorie und Praxis der politischen Bildung, Bonn 1990, S. 133-136

19 Aus Anlaß des 25jährigen Bestehens dieser Landeszentrale haben deren Mitarbeiter ihre Arbeit in folgendem Sammelband dargestellt: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Praktische politische Bildung, Schwalbach 1997

20 Fritz H. Betz: Die Anfänge von "Der Bürger im Staat", in S. Schiele (Red.): Politische Bildung im öffentlichen Auftrag, Stuttgart 1982, S. 273-279

21 Theodor Pfizer: Von der Arbeitsgemeinschaft "Der Bürger im Staat" zur Landeszentrale für politische Bildung, s. Anm. 20, S. 279-293

22 Arno Mohr: Landeszentralen für politische Bildung und Landesidentität, in: Westfälische Forschungen, 46/1996, S. 383-405

23 Günter C. Behrmann/Siegfried Schiele (Hrsg.): Verfassungspatriotismus als Ziel politischer Bildung?, Schwalbach 1993

24 s.u.a.: Walter Reese-Schäfer: Was ist Kommunitarismus?, Frankfurt/Main 1994, Politische Studien - Schwerpunktthema: Neue Bürger- und Sozialkultur, Jan./Febr. 1999. Gerd Hepp/Herbert Schneider (Hrsg.) Schule in der Bürgergesellschaft, Schwalbach 1999

25 Siehe das von amerikanischen Sozialwissenschaftlern 1991 vorgelegte Thesenpapier: "The Responsive Communitarian Platform-Rights and Responsibilities."

26 Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, Stuttgart 1959, Bd. 1, S. 216

27 Herbert Schneider: Konturen des Bürgerbegriff, in W. W. Mickel (Hrsg.): Handbuch der politischen Bildung, Schwalbach 1999, S. 41/42


    Copyright ©   1999  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de