Zeitschrift

Auf dem Wege zur
Zivilgesellschaft

 

Theodor Eschenburg zum Gedächtnis
Politikwissenschaft aus dem Geist der politischen Bildung


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Inhaltsverzeichnis


Zum Tode von Theodor Eschenburg

Die Situation war typisch: Kurz vor seinem Tod, bei meinem letzten Besuch bei ihm im Krankenhaus, saß er, körperlich längst ein Schatten seiner selbst, umgeben von Zeitungen, eine angebrochene Rotweinflasche vor sich, und diskutierte mit mir über die Sparpläne von Bundesfinanzminister Eichel, ganz so, als ob nichts wäre.

Zur Politikwissenschaft war Theodor Eschenburg von der politischen Praxis- und von der politischen Bildung hergekommen. Beides hat seine Art, Politikwissenschaft zu betreiben, bestimmt.

Eschenburg, ein Hanseat aus großbürgerlichem Hause - der Großvater Bürgermeister von Lübeck und als solcher im Kaiserreich "Landsherr", der Vater Admiral der kaiserlichen Kriegsmarine - wies, zumal angesichts seiner Begabung, allerbeste Voraussetzungen für eine Spitzenposition in der deutschen Gesellschaft auf. Nach seiner Promotion zur Zeitgeschichte war er Mitarbeiter von Gustav Stresemann, hat dann, kurz vor dem Zusammenbruch der Weimarer Republik, selbst auch einmal zum Deutschen Reichstag kandidiert, für die Deutsche Staatspartei, dem letzten Aufgebot der verfassungstreuen Liberalen, ohne Erfolg. Ansonsten hielt sich Eschenburg eher im Hintergrund, als Vordenker, Planer, Ratgeber, Beobachter. Von da zur Wissenschaft ist es eigentlich nur ein Schritt.

Das Dritte Reich überstand er als Verbandsgeschäftsführer. Bei seinem Buch Die Herrschaft der Verbände (1957) wußte er, worüber er schrieb - wie sonst auch immer. Aus dem zerbombten Berlin war er in die schwäbische Heimat seiner Frau gezogen. In Tübingen hatte er zudem studiert. Carlo Schmid holte ihn nach Kriegsende in seine Regierung, zunächst als Flüchtlingskommissar, dann als Stellvertreter des Innenministers im neu entstandenen Land Württemberg-Hohenzollern, mit der Hauptstadt Tübingen und dem Parlamentssitz im Kloster Bebenhausen. Carlo Schmid war neben Gustav Stresemann die Persönlichkeit, die ihn am stärksten beeindruckt und geprägt hat. In Tübingen war Eschenburg mit der Bildung des Südweststaates Baden-Württemberg befaßt. Artikel 118 des Grundgesetzes, der die Gründung von Baden-Württemberg unter erleichterten Bedingungen möglich machte, ist von ihm formuliert.

Eschenburg wußte sehr wohl: Eine Demokratie lebt davon, daß sie gut funktionierende Institutionen aufweist, daß die politisch Handelnden sich institutionengerecht verhalten: Von daher sind seine kritischen Kommentare über den Umgang der Politiker mit den Institutionen zu verstehen, die er jahrzehntelang insbesondere für die Wochenzeitung DIE ZEIT geschrieben hat. Vor allem aber wußte er, daß eine Demokratie von ihren Bürgern getragen sein muß, um auf Dauer bestehen zu können. Dazu müssen sie aber die Institutionen kennen und ihren Sinn begreifen. Mit diesem Ziel hat Eschenburg sehr früh schon an der Universität Tübingen Politik gelehrt, längst bevor es dieses Fach gab, quasi für Hörer aller Fakultäten. Sein Standardwerk "Staat und Gesellschaft in Deutschland" (1955 erstmals erschienen) ist die Frucht dieser Lehrtätigkeit, die von Eschenburg bewußt als politische Bildung begriffen worden ist. 1949 wurde er Honorarprofessor an der Universität Tübingen, nach der Gründung des Südweststaates dann erster Ordinarius für Politikwissenschaft dort - dank (das Wort ist bewußt gewählt) der Unverträglichkeit mit Reinhold Maier, dem ersten Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, der ihn nicht als Spitzenbeamten haben wollte.

Daß politische Bildung unverzichtbar ist für eine Demokratie, kann man als den eigentlichen Antrieb seiner Lehre und schriftstellerischen Tätigkeit ansehen. Wer ihm den Ehrentitel Praeceptor Germaniae gab, hatte das verstanden. Aber auch im engeren Sinne war er für die politische Bildung tätig. Als oberster Beamter des Tübinger Innenministeriums gründete er den Heimatdienst Württemberg-Hohenzollern als staatliche Einrichtung der politischen Bildung. Sie ging nach der Gründung des Südweststaats als Außenstelle für den Regierungsbezirk Tübingen in der "Arbeitsgemeinschaft Der Bürger im Staat" auf, der Vorläuferorganisation der heutigen Landeszentrale für politische Bildung. Mit Vorträgen und Aufsätzen blieb er ständig der Landeszentrale verbunden. Wenn man ihn brauchte, war er zur Stelle. Von ihm stammt der Aufsatz in Heft 3, 1986 der Zeitschrift "Der Bürger im Staat": "Der mündige Bürger fällt nicht vom Himmel. Die Anfänge der Politikwissenschaft und des Faches Gemeinschaftskunde in Deutschland nach 1945." Und sein Name ziert den ersten Band der Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, der als "Bausinger/Eschenburg u.a." 1975 erstmalig erschien und inzwischen seine vierte Auflage erlebt hat; eine englischsprachige Ausgabe kam hinzu.

Eschenburg hat stets lebendigen Anteil am Politikunterricht in unseren Schulen genommen. Der erste Lehrplan für Gymnasien ist von ihm gemeinsam mit Arnold Bergstraesser, dem anderen Gründervater von Politikwissenschaft und politischer Bildung, die Landeszentrale eingeschlossen, in unserem Land, entworfen worden.

Einfluß auf die politische Bildung hat Eschenburg nicht zuletzt dadurch gehabt, daß Generationen von Gemeinschaftskundelehrern bei ihm studiert haben. In der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg gehören der Direktor und zwei der Abteilungsleiter zu seinen Schülern: Siegfried Schiele, Hans-Joachim Mann und Hans-Georg Wehling. Was man bei ihm gelernt hat: Politikwissenschaft und politische Bildung haben das aufzugreifen, was die Menschen bewegt und was politisch strittig ist: Informiertheit, Urteilsfähigkeit, Handlungsorientierung als Leitlinie. Hermann Gieseckes aktualitäts-, konflikt- und fallbezogener didaktischer Ansatz ist eigentlich bereits bei Eschenburg angelegt.

Schließlich sind ein möglichst hohes Maß an Anschaulichkeit und Verständlichkeit kennzeichnend dafür, wie Eschenburg Politikwissenschaft aus dem Geist der politischen Bildung heraus betrieben hat. Das wird uns über seinen Tod hinaus Verpflichtung sein.

Hans-Georg Wehling


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