Zeitschrift

Deutschland Ost -
Deutschland West

Vorwort

 

 



 

Inhaltsverzeichnis


Zehn Jahre ist es her, dass am 3. Oktober 1990 die deutsche Vereinigung staatsrechtlich vollzogen worden ist: durch den Beitritt von fünf neuen Ländern, die sich auf dem Boden der bisherigen DDR gebildet hatten, zur Bundesrepublik Deutschland nach Art. 23 Grundgesetz. In den ersten Minuten dieses denkwürdigen Tages verkündete Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Hunderttausenden von Menschen, die sich vor dem Reichstag in Berlin versammelt hatten, unter Zitierung der Präambel des Grundgesetzes:
"Die Deutschen haben in freier Selbstbestimmung die Einheit vollendet."
Am 2. Dezember 1990 wurde der neue Bundestag gewählt. Es waren die ersten freien Wahlen in ganz Deutschland seit dem Ende der Weimarer Republik, seit beinahe sechzig Jahren also. Mit der deutschen Vereinigung, international abgesichert, akzeptiert auch von den ehemaligen Kriegsgegnern Deutschlands, einschließlich der Sowjetunion, ist die neue Bundesrepublik Deutschland staatsrechtlich Realität geworden, bestehend aus zehn "alten" und fünf "neuen" Bundesländern plus Berlin, das auch als Stadt und Land wiedervereinigt wurde. Doch konnte diese Vereinigung im staatsrechtlichen Sinne nicht auch schon automatisch die innere Einheit schaffen. Diese schwere Aufgabe galt es jetzt erst anzupacken. Allzu stark hatten sich in mehr als vierzig Jahren beide Teile Deutschlands auseinandergelebt, allzu groß war auch in wirtschaftlicher Hinsicht das Gefälle. Schon vor Jahrzehnten herrschte - zumindest in der Wissenschaft - Klarheit darüber, dass es mit einer "Wiedervereinigung" im Sinne der Beseitigung von Grenzen allein nicht getan sein kann, dass es statt um Vereinigung um Re-Integration gehen werde: um eine Zusammenfügung verschiedenartiger politischer, wirtschaftlicher und sozialer Einheiten. Von Einheiten, die nicht nur von sehr unterschiedlicher Art, sondern auch von unterschiedlichem Gewicht sind. Die Aufgabe, um die es seit dem 3. Oktober 1990 geht, lautet somit - im allgemeinen Sprachgebrauch - die "Herstellung der inneren Einheit."
Diese Aufgabe hat sich als äußerst schwierig herausgestellt, schwieriger als zuvor geglaubt worden ist. Sie wird die deutsche Politik auch noch lange beschäftigen. Wolfgang Thierse, der Politiker aus den neuen Bundesländern und gegenwärtige Bundestagspräsident, hat bereits 1994 die Besonderheit dieser Aufgabe, auch in  Absetzung zu den Transformationsproblemen in den Staaten des ehemaligen Ostblocks, nach Erleichterungen und Erschwernissen auf den Punkt gebracht:
"Das Paradoxe ist, daß die deutsche Einigung ökonomisch und materiell gelingen kann wegen dieser westlichen Dominanz und daß sie zugleich deswegen im psychologischen und menschlichen Bereich erschwert wird. Das Ossi-Wessi-Syndrom, die gegenseitigen Vorbehalte nehmen eher zu als ab. Wir haben es leichter als die Polen, die Tschechen, die Slowaken und Ungarn, weil wir Teil eines bis dato politisch und ökonomisch erfolgreichen Landes geworden sind. Wir haben es leichter, aber psychologisch und menschlich erscheint das zugleich als eine Beschwernis wegen des Gefälles, von dem immer die Rede ist, nicht des materiellen Gefälles, sondern des Gefälles an Wertigkeit und Selbstbewußtsein, an Darstellungsvermögen und Durchsetzungsfähigkeit, an Zuhörbereitschaft, an Aussagekraft und so weiter."
Der zehnte Jahrestag ist uns Anlass, eine vorläufige Bilanz der deutschen Vereinigung zu ziehen. Wie steht es mit der deutschen Einheit heute? Wie unterscheiden sich Deutschland Ost und Deutschland West? Was hat sich angeglichen, was sich durchgesetzt, aus welchen Gründen? Welche Unterschiede sind geblieben, haben sich möglicherweise gar noch verstärkt, ebenfalls aus welchen Gründen? Wie sind die Unterschiede und die neuen Gemeinsamkeiten zu bewerten? Welche Prognosen ergeben sich für die Zukunft?
Insbesondere interessieren natürlich die Zufriedenheit der Deutschen Ost und West mit der Demokratie, sowohl als Herrschaftsform ganz allgemein als auch mit ihrer konkreten Gestalt in Deutschland; die Akzeptanz von wesentlichen Werten und Elementen einer demokratischen Staatsform; das Ausmaß der Ablehnung von Diktatur, von Rechts- wie Linksextremismus wie auch spezifischen antiliberalen Einstellungen und Verhaltensweisen wie beispielsweise Fremdenfeindlichkeit.
Sicherlich müssen nicht alle Unterschiede zwischen Deutschland Ost und Deutschland West eingeebnet werden, warum auch? Auch die deutsche Einheit von 1871 im Zeichen der Monarchie hat die Unterschiede zwischen den deutschen Ländern nicht beseitigt, sie bestehen bis heute fort: in wirtschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen, nach Konfession und Wahlverhalten, nach Mentalität und überhaupt den Besonderheiten der politischen Kultur. Ein Bayer ist mit einem Hamburger nicht zu verwechseln, und das ist gut so. Denn gerade diese Unterschiedlichkeiten machen den Reichtum Deutschlands aus. Nur das Gefälle an Lebenschancen darf nicht zu groß sein, deswegen schreibt das Grundgesetz die "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" vor, erklärt den Ausgleich zum Staatsziel, geht von einer gesamtdeutschen Solidarität aus. In Hinblick auf die Unterschiedlichkeiten der politischen Kultur ist allenfalls zu fordern, dass sie miteinander kompatibel bleiben. Ansonsten aber gilt, dass - wie immer in der politischen Kultur - frühere Grenzen in den Mentalitätsstrukturen erhalten bleiben. Für Sachsen beispielsweise genau so wie für die ehemalige DDR als Ganzes, die von der Landkarte der politischen Kultur auch weiterhin nicht zu streichen sein wird.
Bei all den Analysen des Ist-Standes, bei der Bewertung des deutschen Vereinigungsprozesses und der großen Schwierigkeiten, die sich in den Weg stellten, darf nicht die enorme Herausforderung dieser Aufgabe übersehen werden.
Schon von ihrem Umfang her: Man denke zum Beispiel nur daran, dass es nicht nur um die Beseitigung des Wohlstandsgefälles ging und die Modernisierung einzelner Betriebe oder Branchen: Die gesamte Volkswirtschaft eines Landes, der DDR nämlich, war in den Jahrzehnten zuvor zum Sanierungsfall geworden. Ein Fall für die "Treuhand", die sich allerdings mit dieser Aufgabe keinesfalls nur Freunde erworben hatte.
Zudem traf die deutsche Vereinigung die Bundesrepublik unvorbereitet: Niemand hatte mehr damit gerechnet, weder Bevölkerung noch Politik. Eventualplanungen existierten nicht, nicht einmal das erforderliche Wissen über den anderen Teil Deutschlands stand in ausreichendem Maße zur Verfügung. Zudem drängte die Zeit: wegen des Ausblutens und dem absehbaren Kollaps der DDR sowie wegen der außenpolitischen Absicherung. Es war eine "improvisierte Vereinigung", wie der Politikwissenschaftler Gerhard Lehmbruch es formuliert hat. Und dafür ist sie eigentlich - alles in allem - ganz gut gelungen. 

Hans-Georg Wehling

 

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