Zeitschrift Deutschland Ost - Die deutsche Vereinigung: |
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Eine Bilanz des Vereinigungsprozesses Von Gerhard Lehmbruch Prof. Dr. Gerhard Lehmbruch ist emeritierter Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz. Die deutsche Vereinigung war improvisiert: Niemand
hatte sie überhaupt noch für möglich gehalten.
Entsprechend gering war das Wissen über die DDR und
ihre politischen, wirtschaftlichen und verwaltungsmäßigen
Strukturen. Die Bereitschaft, für die Vereinigung auch
finanzielle Opfer zu bringen, hielt sich ebenfalls in Grenzen.
Eventualplanungen gab es nicht. Doch es mangelte nicht nur
an Wissen, sondern auch an Zeit: um den Kollaps der DDR
aufzufangen, vor allem auch, um sie - angesichts der labilen
Machtverhältnisse in der Sowjetunion - außenpolitisch
möglich zu machen. Zudem fiel die deutsche Vereinigung
in eine Zeit des Vorwahlkampfes. Das alles gilt es zu berücksichtigen,
wenn man den Prozess der deutschen Vereinigung würdigen
will. Die Beurteilung des Vereinigungsprozesses bleibt kontrovers Die Entscheidungsprozesse im Zuge der
deutschen Vereinigung werden später
einmal zu den wichtigen Themen der Geschichtswissenschaft
gehören, und es bedarf
keiner Fantasie, um vorherzusagen,
dass die Bilanz der Vereinigungspolitik
kontrovers bleiben wird. Eine der zentralen
Streitfragen wird sein, inwieweit der
Übergang vom "real existierenden Sozialismus"
zur Marktwirtschaft als "Kaltstart"
(Sinn/Sinn 1991) oder gar "Fehlstart"
(Hickel/Priewe 1994) zu charakterisieren
war und inwiefern diese frühen
Weichenstellungen für Fehlentwicklungen
wie die weitgehende Deindustrialisierung
der ehemaligen DDR
verantwortlich sind. Weit mehr als die
Hälfte der früheren Arbeitsplätze ist ja
verloren gegangen, und dieser Verlust
wurde durch die Entstehung neuer Arbeitsplätze
bei weitem nicht kompensiert.
Das steht in starkem Kontrast zu den optimistischen
Ankündigungen der Politik
im Jahre 1990, die man leicht nachlesen
kann, wenn man in den Zeitungen jenes
Jahres blättert.
Die deutsche Vereinigung war zunächst durch ein hohes Maß an Improvisation charakterisiert, weil der Zusammenbruch der DDR die alte Bundesrepublik ganz unerwartet traf.4 Man vergisst heute gern, dass weder die Politik noch die öffentliche Meinung einen Zusammenbruch der DDR in ihr Kalkül zogen, bevor die Mauer fiel. Die deutsche Politik hatte seit langem nicht mehr ernsthaft mit einer deutschen Vereinigung gerechnet und auch nichts aktiv unternommen, um sie herbeizuführen. Dafür gab es natürlich gute Grunde. Seit dem Bau der Mauer im Jahr 1961 waren die Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung, wie sie das erste Nachkriegsjahrzehnt stark bestimmt hatten, zunehmend verflogen. Man sah die deutsche Teilung immer deutlicher als ein integrales Moment des Ost-West-Konflikts, und war allgemein zu der Überzeugung gelangt, dass die Sowjetunion ihre vorgeschobene Bastion in Deutschland aus strategischem Interesse nicht aufgeben werde. Da aber die Sicherung des Friedens durch Stabilisierung der Beziehungen zwischen den Blöcken die unbedingte politische Priorität genoss, richteten sich Politik und Gesellschaft Westdeutschlands in der Teilung ein. Das Thema Wiedervereinigung wurde über die Jahre hinweg allenfalls als symbolischer Merkposten beibehaltenEs trifft natürlich zu, dass der Westen die Stabilität der Sowjetunion überschätzt hat, wenn er davon ausging, es werde bei der Zweiteilung Europas in zwei Blöcke bleiben. Aber für diese Annahme gab es manche guten Gründe, und weder die Politik noch ihre wissenschaftlichen Berater sind mit der Gabe historischer Prophetie ausgestattet. Die vorherrschende Einschätzung der Stabilität des Ostblocks hatte jedenfalls wichtige Konsequenzen für den Umgang der Bundesrepublik Deutschland mit der DDR. Hier dominierte eine Staatsräson, die zu gebieten schien, die innerdeutschen Machtverhältnisse zu stabilisieren - auch bei denen, die nicht der verführerischen Hoffnung auf einen "Wandel durch Annäherung" unterlagen. Dafür gaben insbesondere außenpolitische Besorgnisse den Ausschlag, die nur vor dem Hintergrund des atomaren Gleichgewichts zu verstehen sind: Es musste auch im Interesse des Westens liegen, dass es nicht zu einem neuen 17. Juni käme, denn das hätte eine höchst explosive, politisch nur schwer beherrschbare Situation schaffen können, bis hin zu einem Waffengang zwischen den Supermächten. Die Wendung zu dieser Politik hatte zwar zuerst die sozial-liberale Koalition vollzogen, aber die Regierung Kohl trat deren Erbe mit ausgeprägtem Kontinuitätssinn an. Differenzen zwischen den Parteien gab es allenfalls in der Frage, inwieweit das traditionelle Postulat der Wiedervereinigung als symbolischer Merkposten beibehalten werden müsse. Volksparteien brauchen mitunter solche Proklamationen, um das Vertrauen der Parteibasis in die Kontinuität der Parteiführung zu stabilisieren. Aber kein urteilsfähiger Beobachter konnte dies als operative Handlungsanweisungen missverstehen.
Unter diesen Umständen gab es natürlich
auch keinerlei konkrete, alsbald umsetzbare
Planung für den Vereinigungsfall.
Das war ein markanter Kontrast zu den
Fünfzigerjahren. Damals war die Wiedervereinigung
nicht nur ein zentrales Postulat
in den Programmen aller politischen
Parteien gewesen, sondern dieses Postulat
enthielt durchaus auch ein operatives
Element. Man wusste zwar, dass es um die absehbaren Realisierungschancen
einstweilen
nicht gut stand, aber man hielt sich
offen für einen Tag X. Insbesondere im
Hinblick auf die wirtschaftspolitischen
Fragen einer Wiedervereinigung hat es
damals relativ detaillierte Eventualplanungen
gegeben. Es gab einen Forschungsbeirat
für Fragen der Wiedervereinigung,
der beim Bundesminister für
Gesamtdeutsche Fragen angesiedelt war.
Aufgabe dieses Beirats war es, die Veränderungsprozesse
in der DDR zu beobachten
und Überlegungen darüber anzustellen,
welche Anpassungsschritte im Fall einer
Wiedervereinigung nötig seien. In
seinem 1961 veröffentlichten Bericht für
den Zeitraum seit 1957 finden sich z.B.
"Richtlinien für Übergangsmaßnahmen
im Bereich der Industrie der Steine
und Erden", "Leitsätze für die Umstellung
des Rechnungswesens der ,volkseigenen'
Industrie in der SBZ bei der Wiedervereinigung",
oder eine "Vorläufige Empfehlung
für den gewerblichen Kredit in
Mitteldeutschland nach der Wiedervereinigung".
Diese Bewusstseinsveränderungen hatten nun zur Folge, dass man das, was sich seit 1961 als Wandel in der DDR abspielte, nur noch oberflächlich zur Kenntnis nahm. Es gab zwar eine offizielle Beobachtung dieser Vorgänge. Die Bundesregierung legte ja in Abständen von mehreren Jahren die Berichte und Materialien zur Lage der Nation vor. In dieser Veröffentlichung wurden die Wirtschaftsentwicklung, das Rechtssystem und die zentralen Herrschaftsmechanismen dargestellt. Die Sozialwissenschaft, hier speziell die Politikwissenschaft, hat sich in diesem Zusammenhang insbesondere mit den Lenkungsgremien beschäftigt: mit der Struktur der SED, dem Politbüro usw., und außerdem mit dem Komplex, den man die politische Kultur nennt: Da hat man etwa die DDR-Literatur und die Schulbücher genommen und hat versucht, daraus Schlüsse auf Bewusstseinsveränderungen zu ziehen. Aber man hatte wenig oder gar keine Kenntnisse über die mittlere institutionelle Ebene, und das wurde offenbar auch nicht als gravierendes Defizit empfunden. Man hatte nur oberflächliche Kenntnisse von der ostdeutschen Verwaltung, und nach dem Zusammenbruch der DDR wurde deutlich, dass Kenntnisse über die Entwicklung des Wissenschaftssystems der DDR weitgehend fehlten. Beispielsweise hat der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz (KMK) eingeräumt, dass die KMK über die Entwicklung der Universitäten in der DDR im Augenblick der Vereinigung keinerlei Informationen gehabt habe. Wie sich das Verhältnis von universitärer und außeruniversitärer Forschung entwickelt hatte, darüber gab es bloß vage Mutmaßungen. Kein Herzensanliegen, manchmal sogar ÄngsteEin Weiteres kam hinzu: Es wäre unredlich zu behaupten, dass nach vierzig Jahren deutscher Teilung die Wiedervereinigung noch ein tief gefühltes Herzensanliegen der Westdeutschen gewesen sei. In den 50er und frühen 60er-Jahren hatte es in der Öffentlichkeit immer wieder spekulative Diskussionen darüber gegeben, ob man nicht "die Zone freikaufen" könne. Könnte man nicht, so diese Vorstellung, der Sowjetunion irgendwelche goldenen Berge versprechen und sie damit bewegen, die DDR freizugeben, weil sie ihr wirtschaftlich ja doch nicht so viel bringe? Später hat man dann zwar Häftlinge freigekauft, aber die Idee eines großen wirtschaftlichen Kraftakts zur Wiedervereinigung verblasste. Und parallel vollzog sich eine zunehmende mentale Entfremdung. Die DDR wurde zu einem "fernen Land" (so, schon drei Jahre nach dem Bau der Mauer, der kritisch gemeinte Titel von Dönhoff/Leonhardt/Sommer 1964). Man konnte dann etwa - vor allem in der jüngeren Generation - hören, dass es doch sehr viel mehr Gemeinsamkeiten des Lebensgefühls mit den Österreichern und Franzosen gäbe als mit den Ostdeutschen. Mehr noch, man wird nicht um die Feststellung herumkommen, dass der Zusammenbruch der DDR und die Perspektive, damit werde jetzt die Bundesrepublik gewissermaßen in die Pflicht genommen - auch und gerade finanziell -, manche Sorgen vor der Gefährdung dessen geweckt haben, was man nun in den Jahrzehnten in Westdeutschland aufgebaut hatte. Diese Besorgnis, die relativen Verteilungspositionen der Westdeutschen könnten durch die Vereinigung in Mitleidenschaft gezogen werden, kam sehr deutlich zum Ausdruck, als im Sommer 1990 ein ehemaliger Spitzenbeamter aus dem Bundesministerium für Finanzen an meiner Universität (Konstanz) einen Vortrag hielt und in der Diskussion aus dem Publikum gefragt wurde, ob das alles nicht schrecklich teuer werde. Die ebenso bezeichnende Antwort lautete, darum brauche man sich keine Sorge zu haben, denn die Anpassungskosten würden ausschließlich im Osten getragen. Finanzhilfen großen Stils an eine noch selbstständige DDR wären im Westen kaum hingenommen wordenDies war neben dem außerordentlichen Informationsdefizit
nun die zweite Rationalitätsschranke,
an der die westdeutsche Politik
auflief: Sie konnte weder bei der
Wirtschaft noch bei den Beschäftigten und
der Wählerschaft eine ausgeprägte Bereitschaft
voraussetzen, die "Anpassungskosten"
einer Wiedervereinigung auf sich zu
nehmen. Es gab, anders ausgedrückt, ein
Konsensdefizit. Erst recht hätte man mit
erheblichen Widerständen gegen eine
Strategie der graduellen Annäherung der
zwei deutschen Staaten rechnen müssen.
Denn eine längere Übergangsperiode,
während der eine autonome DDR einen
Anpassungsprozess an marktwirtschaftliche
Bedingungen durchlaufen hätte, wäre nur mit großen Finanzhilfen
der Bundesrepublik
vorstellbar gewesen - andernfalls
hätte die DDR-Bevölkerung ihrer Regierung
die Loyalität entzogen. Als die Regierung
Modrow im Januar 1990 ihren ersten
und letzten Staatsbesuch in Bonn machte,
erwartete sie eben solche Finanzhilfen, die
ihr den Anpassungsprozess erleichtert hätten.
Dass die Bundesregierung ihr die kalte
Schulter zeigte, konnte zumal unter den
Bedingungen von Parteienkonkurrenz
nicht überraschend kommen: Es musste ja
sehr fraglich sein, ob man der westdeutschen
Wählerschaft und der öffentlichen
Meinung die massive Subventionierung eines
immer noch sozialistisch orientierten
zweiten deutschen Staates längerfristig
hätte zumuten können. Auch eine Regierung
de Maizière wäre, wenn eine demokratisierte
DDR für längere Zeit weiterbestanden
hätte, immer wieder dem Vorwurf
"sozialistischer Experimente" ausgesetzt
gewesen, und unter solchen Bedingungen
hätte die westdeutsche Öffentlichkeit vermutlich
wenig Toleranz für einen nennenswerten
Ressourcentransfer nach
Osten aufgebracht.
Wie sahen nun die strategischen Kalküle
aus, die eine mit solchen Restriktionen konfrontierte Politik nach dem Zusammenbruch
des DDR-Regimes anstellte?
Dieser Zusammenbruch hatte die alte
Bundesrepublik ja nicht nur ganz unerwartet
und schlecht informiert getroffen,
sondern auch in einer Situation des Vorwahlkampfes
für die Bundestagswahl
1990. Diejenigen, die zuerst zu reagieren
hatten, waren in dieser Situation vorab
politische Akteure im Parteiensystem.
Hier war daher die Reaktion ganz stark
geprägt von den Entscheidungskriterien
des Parteienwettbewerbs: Es geht dabei
um Machterwerb und um Machtbehauptung.
Das bedeutet keinen moralischen
Vorwurf, denn im demokratischen Parteienstaat
sind dies notwendige Nahziele
für den, der strategische Fernziele verfolgen
will. Die Gefahr freilich ist dann immer
die, dass die Nahziele sich verselbstständigen
und dass Handlungsoptionen
ausgeschlossen werden, die mit dem Nahziel
nicht vereinbar sind. Vor allem können
unpopuläre Alternativen, die der parteipolitische
Gegner angreifen könnte,
dann nur schwer in Erwägung gezogen
werden. Der Parteienwettbewerb potenziert,
mit anderen Worten, das Konsensdefizit:
Man kann seinen Wählern
nicht "Blut, Schweiß und Tränen" in Aussicht
stellen, wie dies Winston Churchill in
seiner berühmten Unterhausrede von
1940 getan hatte.
Der Optionsspielraum der westdeutschen
Politik wurde dann noch zusätzlich durch
den außerordentlichen Zeitdruck eingeengt,
der damals die Situationsdeutungen
der westdeutschen Politik bestimmte.
Schon Anfang 1990 gewann sie den Eindruck,
dass die Autorität der Regierung
Modrow zerfiel. Auch die Bildung der Regierung
de Maizière konnte die Machtstrukturen
der DDR nicht dauerhaft konsolidieren,
sodass das Gefühl überhand
nahm, es müsse jetzt schnell etwas geschehen.
Hinzu kam der diplomatische Kalkül,
dass man die Zukunft der DDR nur mit der
Sowjetunion regeln könne, und die Unsicherheit
über das, was dort nach Gorbatschow
kommen könne, den man als
äußerst gefährdet ansah, war sehr groß.
Solange die sowjetische Politik noch berechenbar
sei, müsse man agieren. Mit solchen
Problemwahrnehmungen schuf sich
die Politik ein enormes Zeitdefizit: Es mangelte
nicht nur in außergewöhnlichem
Maße an Wissen, sondern auch an Zeit für
Reflexion, für Rückkopplungsprozesse
und für Interessenausgleich.
Erleichtert wurde diese "weiche" Vereinigungsstrategie
durch die Illusionen, die
man sich über den Zustand der DDR-Wirtschaft und über ihre Chancen
auf den internationalen
Märkten machte. Die
Schutzbehauptung, diese Illusionen seien
unvermeidbar gewesen, ist unhaltbar.
Vielmehr wurden kritische Informationen
nicht aufgenommen, weil sie die
Orientierung der Politik am erstrebten
Wahlerfolg behindert hätten. Zu den weit
verbreiteten Illusionen gehörte zum Beispiel
die Vorstellung, die Widergesundung
der ostdeutschen Wirtschaft sei in
ganz erheblichem Maße ein Managementproblem,
und die Privatisierungsstrategie
der Treuhandanstalt könne geeignet
sein, enorme Produktivitätsreserven
freizusetzen. Illusionäre Erwartungen
richteten sich auch auf die führende Position
der ostdeutschen Wirtschaft auf den
osteuropäischen Märkten - nüchterne Reflexion
konnte damals schon zu dem
Schluss kommen, dass die DDR-Wirtschaft
sich auf die Märkte des Westens umorientieren
müsste, um bestehen zu können.
Aber das hätte wiederum die deutsche Politik
erheblich belastet, denn es hätte für
die Zukunft einen intensiven Wettbewerb
zwischen den ostdeutschen und den westdeutschen
Produktionsstandorten bedeutet.
Da die Märkte im Westen im wesentlichen
besetzt waren, brauchte man im
Grunde die DDR-Produkte nicht. Als die
Treuhand später gelegentlich versuchte,
in Westdeutschland ein aggressives Marketing
für die ostdeutsche Wirtschaft zu
betreiben, haben ihr die westdeutschen
Verbände sehr schnell auf die Finger geklopft.
Was ich hier zur restringierten Rationalität
der westdeutsche Politik ausgeführt
habe, gilt nicht nur für die Frühphase der
Vereinigung bis zur Wirtschafts- und
Währungsunion, sondern charakterisiert
auch noch die Verhandlungen über den
Einigungsvertrag. Der westdeutsche Verhandlungsführer
Wolfgang Schäuble hat
daraus in seinem Rückblick - einer Fundgrube
an Beobachtungen zu unserem
Thema - kein Geheimnis gemacht
(Schäuble 1991). Was diesen Prozess charakterisierte, war zum einen
die Asymmetrie
der Verhandlungsressourcen der
östlichen im Verhältnis zur westlichen
Seite, sodass die Rationalitätsdefizite der
Vereinigung auch noch durch asymmetrische
Interessenberücksichtigung verstärkt
wurden. Die westliche Seite war eindeutig
überlegen, und zwar nicht nur durch ihre
finanziellen Ressourcen, sondern auch
durch ihr Know-how im Verhandlungsprozess;
dem ostdeutschen Partner fehlte
vielfach schon die schlichte Verhandlungstechnologie.
Welche Auswirkungen das in einer sowohl
fachlich als auch föderativ aufgegliederten
Regierungsorganisation haben
konnte, dafür ist die Wissenschaftspolitik
ein besonders markantes Beispiel. Für die
Forschungspolitik waren das Bundesministerium
für Forschung und Technologie
und auf der Seite der DDR das Ostberliner
Forschungsministerium zuständig. Das
Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft
(BMBW) war nicht zuständig für
die Universitäten im westdeutschen System,
denn die waren Ländersache, und
kümmerte sich nur um die Anerkennung
der Hochschulabschlüsse, die auch in
Westdeutschland traditionell eine Koordinierungsfunktion
des BMBW war. Die ostdeutschen
Universitäten blieben schon
deshalb ausgeklammert, weil es auf der
Ostseite dafür anfangs gar keinen Verhandlungspartner
gab, denn die neuen
Länder waren zwar theoretisch gegründet
und damit für die Universitäten zuständig,
aber in der Praxis waren sie noch
gar nicht da. Und da - wie schon gesagt -
die Kultusministerkonferenz keinerlei
Kenntnisse über die ostdeutschen Universitäten
hatte, war auch sie nicht als Verhandlungspartner
verfügbar. Das Bundesministerium
für Forschung und Technologie
hielt sich seinerseits in diesem Prozess stark zurück und delegierte
die Verantwortung
für die Verhandlungen weitgehend
an den Wissenschaftsrat. Der Wissenschaftsrat
aber ist, obwohl die Verwaltungen
von Bund und Ländern darin
vertreten sind, insgesamt doch eher sozusagen
das versammelte Eigeninteresse der
westdeutschen Forschung. Dass unter diesen
Umständen die Auflösung der Akademie
der Wissenschaften der DDR beschlossen
wurde, sollte sich in mancher Hinsicht
als fatal erweisen, denn es erwies sich als
ungemein schwierig, vertretbare Lösungen
für die als erhaltenswert betrachteten
Forschungskapazitäten zu finden. Die Krisensituation der Sozialpartner drängte auf eine Hochlohnpolitik Ein letztes Beispiel für die Rationalitätsschranken
im Vereinigungsprozess ist die
Politik der westdeutschen Spitzenverbände
des Arbeitsmarktes, als die Vereinigung
in die erste Krise kam. Deren Auslöser
war der Verfall der Illusionen über die
Lebensfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft,
der mit den großen Arbeitsplatzverlusten
seit Ende 1990/Anfang 1991
einsetzte. Die Sorge vor dem möglichen
sozialen Sprengstoff leitete einen Lernprozess
ein, in dem die Verbände zunächst
mit dem Rückgriff auf eine aus Westdeutschland
vertraute Strategie reagierten.
Es kam damals zu einer Krisenkoalition
der Sozialpartner, und ein Element
dieser Koalition war die Hochlohnpolitik
der Stufentarifverträge vor allem in der
Metallindustrie, die damals auch von der
Spitze der Arbeitgeberverbände ebenso
wie von namhaften Wirtschaftsjournalisten
gerechtfertigt wurde und auffallend
an das sozialdemokratische Schweden der
Siebzigerjahre erinnerte (vgl. dazu Lehmbruch
1996). Man glaubte damals erklärtermaßen,
dass eine Niedriglohnzone in
Ostdeutschland keine Zukunft haben
könne, ein wirtschaftlicher Aufschwung
in den neuen Ländern vielmehr nur bei einem
Strukturwandel hin zu Produktions- und
Dienstleistungszweigen mit hoher
Wertschöpfung denkbar sei, und dass für
die Übergangs- und Anpassungsperiode
den qualifizierten Arbeitskräften ein Anreiz
zum Bleiben gegeben werden müsse.
Da dies andererseits die Liquidierung
nicht wettbewerbsfähiger Kapazitäten
bedeutete, ergab sich ein deutlicher Zusammenhang
mit den Sozialplanvereinbarungen
der Treuhandanstalt und der
aktiven Arbeitsmarktpolitik, die von der
Bundesanstalt für Arbeit jetzt eingeleitet
wurde. Das Aktivitätsniveau der Arbeitsmarktpolitik
während dieser Jahre war
beispiellos und übertraf bei weitem den
arbeitsmarktpolitischen Aktivismus auch
der Schweden, die hier in der Vergangenheit
Pioniere waren. Dem lag eine konsistente
strategische Überlegung zugrunde, die aus westdeutschen und westeuropäischen
Erfahrungen übertragen
worden war. Wenn man davon ausging,
dass die neuen Länder nur über einen beschleunigten
wirtschaftlichen Strukturwandel
überleben würden, konnten hohe
Löhne, weil sie den Strukturwandel erzwingen,
als eine durchaus rationale Strategie
erscheinen. Natürlich war allen
Beteiligten völlig klar, dass das zu erheblichen
Arbeitsplatzverlusten führen musste.
Das sollte dann die aktive Arbeitsmarktpolitik
flankieren.8
Berlin hängt am Tropf der Republik. 1567 Mark für jeden der 3,4 Millionen Einwohner zahlten die anderen Bundesländer im vergangenen Jahr - Berlin erhielt pro Kopf mehr Geld als alle anderen. Der Länderfinanzausgleich soll für Gerechtigkeit zwischen den Ländern sorgen und die unterschiedliche Ertragskraft ausgleichen. Fünf Bundesländer zahlen in den Ausgleichstopf ein: Ihre Steuereinnahmen liegen über dem Durchschnitt, daher müssen sie den ärmeren Ländern davon abgeben. Die Hessen zahlen 785 Mark je Einwohner, Baden-Württemberger und Hamburger 328 und 391 Mark; aus Nordrhein-Westfalen kommen 143 Mark und aus Bayern 263 Mark, jeweils pro Kopf gerechnet. Die anderen elf Bundesländer sind Empfänger-Länder. Globus Literaturhinweise:Berger, Ulrike, 1995: Engagement und Interessen der Wirtschaftsverbände in der Transformation der ostdeutschen Wirtschaft: Interessenverbände im Spannungsfeld von Mitgliederinteressen und Gemeinwohl. In: Helmut Wiesenthal (Hrsg.), Einheit als Interessenpolitik: Studien zur sektoralen Transformation Ostdeutschlands. Frankfurt /M.: Campus, 95-125. Botz, Gerhard/Gerald Sprengnagel (Hrsg.), 1994: Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte: verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker. Frankfurt am Main: Campus Verlag. Dönhoff, Marion Gräfin/Rudolf Walter Leonhardt/Theo Sommer, 1964: Reise in ein fernes Land: Bericht über Kultur, Wirtschaft und Politik in der DDR. Hamburg: Nannen. Hickel, Rudolf/Jan Priewe, 1994: Nach dem Fehlstart: Ökonomische Perspektiven der deutschen Einigung. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag. Lehmbruch, Gerhard, 1990: Die improvisierte Vereinigung: die Dritte deutsche Republik. In: Leviathan 18, 462-486. Lehmbruch, Gerhard, 1994: The process of regime change in East Germany: an institutionalist scenario for German unification. In: Journal of European Public Policy 1 (1), 115-141. Lehmbruch, Gerhard, 1996: Die Rolle der Spitzenverbände im Transformationsprozess: eine neoinstitutionalistische Perspektive. In: Raj Kollmorgen/Rolf Reißig/Johannes Weiß (Hrsg.), Sozialer Wandel und Akteure in Ostdeutschland. Opladen: Leske + Budrich, 117-146. March, James G./Herbert Simon, 1958: Organizations. New York: Wiley. Pickel, Andreas/Helmut Wiesenthal, 1997: The grand experiment: Debating shock therapy, transition theory, and the East German experience. Boulder, Colorado: Westview Press. Schäuble, Wolfgang, 1991: Der Vertrag: wie ich über die deutsche Einheit verhandelte. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt. Seibel, Wolfgang, 1992: Necessary illusions: The transformation of governance structures in the new Germany. In: The Tocqueville Review - 13 (1), 177-197. Sinn, Gerlinde/HansWerner Sinn, 1991: Kaltstart: volkswirtschaftliche Aspekte der deutschen Vereinigung. Tübingen: Mohr/Siebeck. Teltschik, Horst, 1991: 329 Tage: Innenansichten der Einigung. Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag.
1 Die These von der "holistischen" (allumfassenden) Reformintention findet sich insbesondere bei Pickel/Wiesenthal . 2 Diese Einsicht verdanken wir vor allem den Arbeiten von Herbert Simon (Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft 1978) und seiner Schule (vgl. Marck/Simon 1985). 3 Dass sich die Entwicklung nicht habe vorhersehen lassen, ist eine erstaunliche Schutzbehauptung. Vor allem aus der Wirtschaftswissenschaft gab es seit dem Mauerfall mannigfache Warnungen, und mir sei hier der Hinweis erlaubt, dass auch ich im Frühjahr 1990 in Vorträgen an den Universitäten Princeton und Wisconsin-Madison sowie an der New School of Social Research (New York) diese Entwicklung im wesentlichen zutreffend vorhergesagt habe (unveränderter Abdruck in: Lehmbruch 1994). 4 Auf diesen Aspekt habe ich - in Analogie zu Theodor Eschenburgs These vom improvisierten Charakter der Weimarer Demokratie - schon in einer frühen Analyse der Vereinigungspolitik hingewiesen (Lehmbruch 1990). 5 Die Renaissance des nationalen Gedankens in Deutschland wird vor diesem Hintergrund verständlich: Wie sollte man wohl den Westdeutschen die Vereinigungskosten zumuten, wenn nicht im Namen einer nationalen Schicksalsgemeinschaft? 6 Natürlich wurden sie in erheblichen Maße auch von den ausländischen Kapitalmärkten getragen, wir haben also die Kosten der Vereinigung über die Kreditfinanzierung des Aufbaus Ost mit den daraus resultierenden Zinsauftriebstendenzen in den kreditgewährenden Ländern auch ins Ausland exportiert. 7 Die schon erwähnte These von der "holistischen" Reformstrategie lässt sich für einige osteuropäische Länder vertreten, die sich stark an den Empfehlungen westlicher Berater orientierten. Es gibt aber wenig empirische Belege dafür, dass die Vereinigungspolitik von solchen Überlegungen entscheidend bestimmt worden wäre. 8 Eine ganz andere Interpretation sah in den Stufentarifverträgen ein Bündnis der westdeutschen Unternehmer und der westdeutschen Gewerkschaften, die verhindern wollten, dass westdeutsche Produktionskapazitäten und Arbeitsplätze durch ein Niedriglohngebiet Ostdeutschland verloren gehen (Sinn/Sinn 1991). Diese These ist aber nicht quellenmäßig belegt und ganz spekulativ - Quellenstudien haben vielmehr gezeigt, dass etwa im Maschinenbau auch die westdeutschen Metallarbeitgeber bis Ende 1991 durchaus noch an die Aufnahmefähigkeit der osteuropäischen Märkte glaubten und sich deshalb zunächst keine Sorgen vor einer ostdeutschen Konkurrenz machten (Berger 1995).
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