Zeitschrift Deutschland Ost - Ein Anstoß zur Reform Politisch zweigeteilt?
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Wählerverhalten und Parteiensystem zehn Jahre nach der Einheit Von Ulrich Eith Dr. Ulrich Eith ist Wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg i. B. Auch zehn Jahre nach der deutschen Einigung fällt
ein unterschiedliches Parteiensystem in Deutschland Ost
und Deutschland West ins Auge. Auch das Wählerverhalten
erscheint im Osten Deutschlands weniger stabil, stärker
an Sachfragen und Kandidaten orientiert. Die Erwartungen
an den Staat unterscheiden sich, insbesondere was soziale
Sicherheit und Gerechtigkeit angeht. Auf der anderen Seite
sind die politischen Beteiligungsmodelle aus dem Westen
voll akzeptiert. Erklärungsbedürftig sind das Ausmaß,
die Ursachen sowie die Folgen unterschiedlicher politischer
Einstellungen und Verhaltensweisen in Deutschland Ost und
Deutschland West. Dauerhaft eigenständige politische Muster bedürfen der sozialen Fundierung Die Ergebnisse der Volkskammerwahl 1990, der ersten freien
Wahl der DDR, stellten die aus Westdeutschland vertrauten
Muster auf den Kopf. Die von der CDU angeführte Allianz
für Deutschland erzielte in den einstigen Hochburgen
linker Parteien einen überragenden Wahlsieg und überflügelte
zudem die Sozialdemokraten selbst in der Arbeiterschaft,
deren bislang verlässlichster Wählerklientel.
Hinzu kamen neue Frontstellungen. CDU und PDS bildeten die
entgegengesetzten Pole des politischen Wettbewerbs, während
sich die Sozialdemokraten in einer bislang ungewohnten Mittellage
wieder fanden. Die regionalen und überregionalen Wahlen
Mitte der 90er-Jahre bestätigten diese ostdeutschen
Besonderheiten. Die ersten Wahlen nach der Wende signalisierten einen völligen Umbruch der politischen Landschaft Die in den Wahlen des Jahres 1990 zutage tretenden Mehrheitsverhältnisse in Ostdeutschland widersprachen den längerfristigen Erwartungen professioneller Beobachter und Kommentatoren. Zu Zeiten der Weimarer Republik galt insbesondere der Süden der späteren DDR als Kernland der Arbeiterbewegung. Bei der Reichstagswahl 1928 erzielten SPD und KPD im Gebiet der späteren DDR gemeinsam 49 % der Stimmen gegenüber 35 % im Gebiet der späteren Bundesrepublik.2 Und auch bei den halbwegs freien Landtagswahlen in der Sowjetischen Besatzungszone 1946 erreichte die SED mit 47.6 % einen vergleichbaren Stimmenanteil. Entsprechende Übereinstimmungen finden sich bei den liberalen und bürgerlichen Parteien. Zudem lässt sich zwischen beiden Wahlen eine hohe Kontinuität der territorialen Verteilungsstrukturen nachweisen. Demgegenüber signalisierten die Ergebnisse der Volkskammerwahl 1990 einen völligen Umbruch der politischen Landschaft. Die von der CDU gegründete Allianz für Deutschland gewann mit großem Abstand vor den linken Parteien, und die regionale Stimmenverteilung der Parteien wies überdies keine strukturellen Ähnlichkeiten mit dem Wählerverhalten von 1946 und 1928 auf. Vierzig Jahre real existierender Sozialismus haben im Osten Deutschlands die traditionellen Milieus nachhaltig verändert und alte Parteibindungen weitgehend aufgelöst. Ein Drei-Parteien-System aus CDU, SPD und PDS hat sich etabliert Der Protest gegen den Staatssozialismus der DDR hatte sich im Verlaufe des Jahres 1989 durch die Aktivitäten der Bürgerbewegungen, die massenhaften Fluchtbewegungen in den Westen sowie die einsetzenden wöchentlichen Großdemonstrationen mehr und mehr verstärkt. Im Herbst 1989 kollabierte die SED-Herrschaft und gab den Weg frei für die Herausbildung eines pluralistischen Parteiensystems. Dessen Etappen und Rahmenbedingungen sowie insbesondere auch die Bedeutung westdeutscher Kooperationspartner nach der Jahreswende 89/90 sind in der Literatur inzwischen detailliert untersucht worden.3 In den Wahlen der frühen 90er-Jahre verfestigte sich zunächst ein eigenständiges ostdeutsches Wählerverhalten und Parteiensystem. Während sich der politische Wettbewerb im Westen auch weiterhin auf die gewohnten Auseinandersetzungen zwischen den vier Berliner Parteien konzentrierte, konnte sich im Osten - mit gewisser Ausnahme der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg - in kurzer Zeit ein bis heute Bestand haben - des Dreiparteiensystem aus CDU, SPD und PDS etablieren (Tabelle 1).4 In Sachsen-Anhalt gelangten 1994 Bündnis 90/Grüne mit 5,1 % und 1998 die rechtsextreme Deutsche Volksunion (DVU) mit überraschenden 12,9 % in den Magdeburger Landtag, in Brandenburg erzielte die DVU bei der Landtagswahl 1999 einen Stimmenanteil von 5,3 %. Die Stabilität dieser für westdeutsche Verhältnisse ungewöhnlichen Dreiparteienkonstellation liegt in der besonderen Situation Ostdeutschlands begründet. Empirische Studien belegen, dass die dort maßgebliche politisch-ideologische Konfliktline zwischen CDU und PDS von Beginn an eine sozialstrukturelle Fundierung aufweist,5 die sich im Verlauf der 90er-Jahre allerdings in einigen Punkten verschoben hat.
Themenwahl, aber als Ausdruck eines Zentrum-Peripherie-Konflikts Ein theoretisch adäquates Erklärungsmodell muss an den politischen Strukturen der DDR und den damit verbundenen gesellschaftlichen Konfliktlagen anknüpfen. Unbestritten waren die Wahlen von 1990 letztlich vor allem Referenden über die umfassende und zentralistisch organisierte Herrschaft der SED. Die alles entscheidende politische Sachfrage war die nach der zukünftigen gesellschaftlichen und staatlichen Organisationsform. So gesehen kann die Volkskammerwahl 1990 als reine Themenwahl im Sinne des Modells rationaler Wählerentscheidung angesehen werden,6 wobei CDU und PDS die entgegengesetzten Optionen einer schnellstmöglichen Einheit oder aber einer fortwährenden Eigenständigkeit repräsentierten. Die Sozialdemokraten befanden sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt aufgrund ihrer zögerlichen Haltung in der Frage der deutschen Einheit in einer eher indifferenten, mittleren Position zwischen den beiden Alternativen CDU und PDS. Allerdings suggeriert die These von der rationalen Themenwahl eine "Stunde Null" im Jahr 1990 und vernachlässigt die Auswirkungen der gesellschaftlichen Struktur der DDR. Die Unterschiede im Wählerverhalten zwischen Stadt und Land, verschiedenen Berufsgruppen sowie Christen und Nichtchristen legen es nahe, die Wahlen von 1990 und insbesondere die Volkskammerwahl im März aus soziologischer Perspektive als Ausdruck eines mehrdimensionalen Zentrum-Peripherie-Konflikts anzusehen: Die unterschiedlichen Einstellungen der Wählerinnen und Wähler zur deutschen Einheit resultierten aus ihren individuellen und gruppenspezifischen Erfahrungen mit der DDR, in erster Linie aus dem Ausmaß ihrer politischen und ökonomischen Frustrationen mit dem sozialistischen System.7 Mit zunehmender Distanz zum Zentrum der Herrschaftsausübung in der DDR oder auch zur sozialistischen Ideologie stieg bei den jeweiligen Bevölkerungsgruppen der Anteil derer, die dem westlichen Gesellschaftsmodell den Vorzug gaben und umgekehrt. Entsprechend erfolgten dann die Wahlentscheidungen. Die überragende Vormachtstellung der Union in Ostdeutschland in den frühen 90er-Jahren gründete zunächst auf einer stabilen Verankerung in ländlich-klein-städtischen Kontexten und christlich orientierten Bevölkerungsgruppen. Katholiken und Protestanten hatten sich selbst in der sozialistischen DDR eine gewisse Sonderrolle mit weitgehend autonomen Milieustrukturen bewahren können, deren Organisationen in der Endphase der DDR zum Sammelbecken der Systemopposition wurden. Darüber hinaus erfuhren die Christdemokraten zunächst einen enormen Zuspruch durch die ostdeutsche Arbeiterschaft. Politisch trotz gegenteiliger Staatsrhetorik eher machtlos und unzufrieden mit dem wirtschaftlichen Lebensstandard in der DDR, versprachen sie sich von Helmut Kohl eine rasche Einheit und Angleichung der Lebensverhältnisse.
Mit ihrer zunehmenden Desillusionierung schmolz die Unterstützung der CDU durch die ostdeutsche Arbeiterschaft Allerdings ist es der CDU im Osten letztlich nicht gelungen,
diese Wählergruppe durch eine entsprechend erfolgreiche
Vertretung ihrer politischen Interessen dauerhaft an sich
zu binden. Mit zunehmender Desillusionierung durch die Probleme
und Härten des Einigungsprozesses schmolz die Unterstützung
durch die Arbeiterschaft im Verlaufe der 90er-Jahre kontinuierlich
ab (Tabelle 2). Stabil hingegen blieb die starke Position
der CDU in ländlichen Gebieten und unter christlich
orientierten Bevölkerungsgruppen.
Die Handikaps der SPD im Osten Deutschlands Die unentschlossene deutschlandpolitische Haltung der SPD im Jahr 1990 verhinderte für sie zunächst ein besseres Wahlergebnis. Als Neugründung befanden sich die Sozialdemokraten zudem aber auch organisatorisch von Beginn an im Nachteil. Anders als CDU und PDS, die zur flächendeckenden Repräsentanz auf die trotz etlicher Parteiaustritte weitgehend intakten Strukturen der alten DDR-Parteien CDU und SED zurückgreifen konnten, stehen die Sozialdemokraten wie auch die Liberalen und Bündnis 90/Grüne bis heute vor weitaus größeren Problemen, wenn es um personelle Ressourcen für kommunale politische Mandate und Ämter, für eine leistungsfähige Infrastruktur der eigenen Partei oder auch für Mobilisierungsaktionen im Wahlkampf geht. Zu Beginn der 90er-Jahre hatte die CDU etwa viermal so viel, die PDS sogar über sechsmal soviel Mitglieder wie die SPD.9 Bis heute haben sich entsprechende Ungleichheiten in allerdings abgemilderter Form erhalten. An den Wahlurnen konnte die SPD dann bei den überregionalen Wahlen der 90er-Jahre kontinuierlich zulegen, als die Modalitäten des Einigungsprozesses und vor allem die damit verbundenen Probleme in den öffentlichen Diskussionen einen zunehmend breiteren Raum einnahmen. 1998 gelang es erstmals, die CDU im östlichen Wahlgebiet zu überflügeln und auch in der dortigen Arbeiterschaft als stärkste Partei abzuschneiden. Dennoch lässt sich im Osten bis heute eine sozialstrukturell identifizierbare Kernwählerschaft der SPD nur in Ansätzen ausmachen. Quer durch die unterschiedlichen sozialen Gruppen und Milieus erzielt die SPD im Vergleich zu CDU und PDS die ausgeglichensten Wahlergebnisse. Zudem beruht ihre derzeitige starke Position bei der ostdeutschen Arbeiterschaft kaum auf gewachsenen, längerfristigen Parteibindungen. Ungünstige Rahmenbedingungen für FDP und "Grüne" Lediglich geringe Unterstützung erfahren bislang
FDP und Bündnis 90/Grüne, die sich in Westdeutschland
vor allem auf Teile der gehobenen Mittelschichten stützen.
Für beide Parteien stellten nicht zuletzt die großen
ökonomischen Probleme des Transformationsprozesses
ungünstige Rahmenbedingungen für den Aufbau einer
stabilen Stammwählerschaft dar. Angesichts der hohen
Arbeitslosigkeit finden die wirtschaftsliberalen Positionen
der FDP wie auch die ökologischen Politikangebote von
Bündnis 90/Grüne im Osten derzeit nur geringe
Resonanz. Zudem liegt der Anteil der Selbstständigen
- der traditionellen FDP-Wählerklientel - noch deutlich
unter dem westdeutschen Wert von etwa 10%. Die hohen Wahlergebnisse
der Liberalen bei der Bundestagswahl 1990 müssen als
Ausnahme angesehen werden und verdankten sich zum größten
Teil dem hohen Ansehen des in Halle geborenen damaligen
Außenministers Hans-Dietrich Genscher. Ostdeutsche stärker an Sachfragen und Kandidaten orientiert Neben der spezifisch ostdeutschen Parteienkonkurrenz von CDU, SPD und PDS sowie der im Vergleich zum Westen zeitweilig unterschiedlichen Zusammensetzung der Parteiwählerschaften kennzeichnet eine weitere Besonderheit den ostdeutschen politischen Wettbewerb: Die Wählerinnen und Wähler weisen im Durchschnitt eine geringere Bindung an die Parteien und eine größere Skepsis gegenüber dem politischen System der Bundesrepublik auf. Im Westen wurden die Parteiidentifikationen über mehrere Jahrzehnte durch Sozialisationsprozesse erworben und regelmäßig aktualisiert. Im Osten liegen sowohl der Anteil der Personen mit einer Parteiidentifikation als auch die Stärke der Bindungen schon aufgrund der erst zehn Jahre andauernden demokratischen Entwicklung unter dem westdeutschen Niveau.13 Viele ostdeutsche Wähler orientieren sich bei ihrer Wahlentscheidung bislang stärker an Sachfragen und Kandidaten als an Parteibindungen. Hinzu kommen im Vergleich zum Westen ein insgesamt geringeres Vertrauen in rechtsstaatliche und demokratische Institutionen sowie eine größere Unzufriedenheit mit dem Erscheinungsbild der deutschen Demokratie. Verschiedene Untersuchungen zeigen, das diese Unzufriedenheit vor allem mit einer negativen Bewertung der Wirtschaftslage und einer kritischen Einstellung zur Gerechtigkeit der deutschen Gesellschaft einhergeht.14 Eine vergleichsweise ähnliche Einschätzung der Partizipationsmöglichkeiten Dennoch stellt die Beteiligung an Wahlen in beiden Landesteilen heute mit Abstand die häufigste politische Partizipationsform dar. Trotz völlig unterschiedlicher Erfahrungen mit politischer Teilhabe in der Vergangenheit bestehen 1998 hinsichtlich der Akzeptanz verschiedener Formen politischer Partizipation generell nur geringe Unterschiede zwischen Ost und West (Tabelle 3). Den Umfragedaten nach diskutieren jeweils etwa 70 % der Wahlberechtigten im Bekanntenkreis oder an der Arbeitsstelle über Politik, jeweils 40 % haben sich bereits an Unterschriftenaktionen beteiligt. Zudem zeigen weitere Analysen, dass Wahlen von jeweils etwa 45 % der Wahlberechtigten als sehr effektive Möglichkeit angesehen werden, persönlich Einfluss auf die Politik nehmen zu können. Als weit weniger effektiv werden hingegen die Partizipationsformen Beteiligung an einer Unterschriftenaktion, Mitarbeit in Parteien oder Bürgerinitiativen oder auch Teilnahme an Demonstrationen angesehen. Ganz grundsätzlich stehen die Ostdeutschen jedoch plebiszitären Entscheidungsstrukturen etwas positiver gegenüber, was allerdings in erster Linie die Unzufriedenheit über die westlich geprägten Strukturen der politischen Interessenvermittlung widerspiegelt.15
Unzufriedenheit führt im Osten schnell zu Wechselwahl oder extremeren Protesten Die insgesamt distanziertere Haltung gegenüber den
politischen Parteien hat Konsequenzen für die Parteienkonkurrenz
in den ostdeutschen Ländern. Zunächst kommt bei
Wahlen aufgrund der schwächeren Parteibindungen den
kurzfristigen politischen Stimmungen und Kandidatenimages
eine größere Bedeutung zu. Entsprechend fallen
auch die Ausschläge bei den Gewinnen und Verlusten
der Parteien im Osten regelmäßig höher aus,
die Stabilität der Wahlentscheidungen von einer Wahl
zur nächsten ist deutlich geringer. Die erkennbaren
regionalspezifischen Ausdifferenzierungen zeigen, dass hierbei
den Ländern eine zunehmende Bedeutung als eigenständiger
politischer Handlungsrahmen zuwächst.16 Sodann
sind die Parteien gezwungen, die fehlenden traditionellen
Loyalitäten durch eine strikte Ausrichtung ihrer Arbeit
an den Interessen ihrer Wählerschaft auszugleichen.
Die gerade bei Christ- und Sozialdemokraten jedoch immer
wieder aufbrechenden innerparteilichen Konflikte verdeutlichen
die Schwierigkeiten, den unterschiedlichen Anforderungen
in Ost und West trotz intensiver demoskopischer Unterstützung
und perfektionierter medialer Selbstdarstellung gleichermaßen
gerecht zu werden. Zu starken Diskussionen führten
und führen insbesondere das Ausmaß sozialstaatlicher
Absicherung, die Haltung gegenüber der PDS, der Umgang
mit den Stasi-Akten, oder auch der im Osten mehrheitlich
abgelehnte militärische Einsatz im Kosovo. Übersteigt
schließlich der Unmut über die häufig als
"West"-Parteien angesehenen Sozial- und Christdemokraten
ein gewisses Maß, so stehen den Wählern im Osten
mit den rechtsextremen Parteien und der PDS gleich zwei
Optionen zur Artikulation ihres Protests zur Verfügung.
Bei der Bundestagswahl 1998 hat sich die soziale Frage in neuer Form zu Wort gemeldet Erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde
bei der Bundestagswahl 1998 eine amtierende Bundesregierung
abgewählt. Mit großem Vorsprung entschied Gerhard
Schröder das Duell der Spitzenkandidaten für
sich. Verkörperte er hierbei in seiner Person den programmatischen
Wandel der SPD und eine gewisse Offenheit für neoliberale
Politikelemente, so garantierte der Parteivorsitzende Oskar
Lafontaine in den Augen vieler traditioneller SPD-Wähler
weiterhin die Gültigkeit der sozialdemokratischen Tugenden
Solidarität und Gerechtigkeit. Dennoch greift eine
Interpretation der Wahlentscheidung als Personalplebiszit
zu kurz.
Im Osten deutlich höhere Ansprüche an soziale Gerechtigkeit und Arbeitsmarktpolitik Ausgeprägte wohlfahrtsstaatliche Einstellungen und
eine sensible Wahrnehmung sozialer Ungleichheiten haben
in Deutschland eine lange Tradition. Weder die deutsche
Einheit noch die in den letzten Jahren sprunghaft angewachsene
Zahl neoliberaler Kritiker des Wohlfahrtsstaats haben hieran
bislang Entscheidendes geändert. Gerade die deutsche
Einheit verstärkte die in der westdeutschen Gesellschaft
eher zwischen "oben" und "unten" verlaufende Konfliktlinie
um eine territoriale Komponente. Im Osten finden sich als
Erbe des Sozialismus deutlich höhere Ansprüche
an Sozialpolitik und soziale Gerechtigkeit als im Westen.
Anders als die Westdeutschen betrachten die meisten Ostdeutschen
einen umfassender Wohlfahrtsstaat als essentiellen Bestandteil
der Demokratie. Die Schwierigkeiten der wirtschaftlichen
Transformation haben diese Unterschiede bis heute konserviert.19
Entsprechend größer ist im Osten auch die Unzufriedenheit
über nicht erfüllte Erwartungen. So ist etwa jeder
zweite Ostdeutsche "völlig unzufrieden" mit der staatlichen
Arbeitsmarktpolitik, während dies in Westdeutschland
nur auf jeden Vierten zutrifft (Tabelle 5).
Die Zweiteilung des politischen Wettbewerbs ist bis heute geblieben Zehn Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR
unterscheidet sich das politische Verhalten in Ost- und
Westdeutschland geringer, als es die unterschiedliche Sozialisierung
hätte vermuten lassen. Weitaus schneller als seinerzeit
die Westdeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich
die Ostdeutschen mit dem gesamten Repertoire politischer
Partizipationsmöglichkeiten in demokratischen Systemen
vertraut gemacht. Die zunächst ungewöhnlichen,
aber durch die spezifische Situation der Ostdeutschen zu
erklärenden Zuordnungen von Sozialstruktur und Wählerverhalten
haben sich inzwischen angenähert, den Gravitationskräften
des westdeutschen Systems konnten sie auf Dauer nicht standhalten.
Geblieben ist mit Blick auf das Parteiensystem vor allem
die Zweiteilung des politischen Wettbewerbs aufgrund der
Existenz dreier Regionalparteien, der PDS im Osten sowie
Bündnis 90/Grüne und FDP im Westen.
Eine ernst zu nehmende Skepsis gegenüber der Leistungsfähigkeit der repräsentativen Demokratie Die rasche Übernahme und erfolgreiche Handhabung der demokratischen Spielregeln in Ostdeutschland verdeckt jedoch die Tatsache, das das politische System der Bundesrepublik Deutschland im Osten nach wie vor mit großer Distanz betrachtet wird. Als bedeutendes Erbe des DDR-Sozialismus haben Ostdeutsche weitaus höhere Ansprüche an den Sozialstaat entwickelt als Westdeutsche, und die schlechtere ökonomische Situation in den ostdeutschen Ländern stabilisiert fortwährend diese Unterschiede zwischen Ost und West. Der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung muss es gelingen, die Arbeitslosigkeit und die empfundenen Benachteiligungen spürbar abzubauen. Mit einem weiteren Anstieg der Unzufriedenheit über die Ergebnisse staatlichen Handels steigt in den ostdeutschen Ländern angesichts der schwachen Parteibindungen auch die Wahrscheinlichkeit ernsthafter Legitimationsprobleme. Es ist nun keineswegs auszuschließen, das ein länger anhaltender Wirtschaftsaufschwung in den nächsten Jahren ein weiteres Mal maßgeblich zur Stabilisierung und Legitimierung des bundesdeutschen politischen Systems beiträgt. Dennoch erscheint eine grundsätzliche Klärung der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen moderner Sozialstaatlichkeit notwendig.
Von Ostdeutschland könnte der Anstoß zur Modernisierung der Parteien ausgehen Die Anforderungen an die Integrationskapazitäten
der beiden großen Parteien CDU und SPD sind mit der
Einheit nochmals gewachsen. Gerade das bislang geringe Ausmaß
stabiler Parteibindungen in Ostdeutschland muss ein Anstoß
für eine weitere Reformierung überholter Parteistrukturen
sein. Die in den letzten Jahren zu beobachtende verstärkte
Konzentration der Parteien auf die Spitzenkandidaten und
eine konsequente Ausrichtung an den Grundsätzen der
Stimmenmaximierung waren erste notwendige Modernisierungsschritte
im Zeitalter medialer Politikvermittlung. Eine zukünftig
immer wichtigere Aufgabe besteht nun darin, durch die Bereitstellung
vielfältiger Beteiligungsmöglichkeiten
Anreize für politisches Engagement zu schaffen und
die gesellschaftliche Verwurzelung zu vertiefen. Zu denken
ist hierbei etwa an projektbezogene Mitgliedschaften, an
überparteiliche Diskussionsforen oder auch an die derzeit
von den Parteien erprobten Vorwahlen zur Rekrutierung des
Führungspersonals.
Literaturhinweise 1 Jürgen W. Falter, Siegfried Schumann, Jürgen Winkler (1990): Erklärungsmodelle von Wählerverhalten, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 40. Jg. B 37-38, S. 3-13; Rainer-Olaf Schultze (1991): Wählerverhalten und Parteiensystem, in: Hans-Georg Wehling (Hg.): Wahlverhalten, Stuttgart, S. 11-43; Wilhelm Bürklin, Markus Klein (1998): Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung, Opladen; Karl-Rudolf Korte (1999): Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland, 2. Aufl., Bonn; Ulrich Eith, Gerd Mielke (2000): Wahlforschung: Zur Bedeutung und Methodik empirischer Sozialforschung in der Politikwissenschaft, in: Manfred Mols u.a. (Hg.): Politikwissenschaft: Eine Einführung, 3. Aufl., Paderborn, S. 278-306. 2 Karl Schmitt (1993): Politische Landschaften im Umbruch: Das Gebiet der ehemaligen DDR 1928-1990, in: Oscar W. Gabriel, Klaus W. Troitzsch (Hg.): Wahlen in Zeiten des Umbruchs, Frankfurt/M., S. 403-441. 3 Wolfgang Jäger in Zusammenarbeit mit Michael Walter (1998): Die Überwindung der Teilung. Der innerdeutsche Prozess der Vereinigung 1989/90, Stuttgart; Oskar Niedermayer, Richard Stöss (1994) (Hg.): Parteien und Wähler im Umbruch. Parteiensystem und Wählerverhalten in der ehemaligen DDR und in den neuen Bundesländern, Opladen; Carola Wuttke, Berndt Musiolek (1991) (Hg.): Parteien und politische Bewegungen im letzten Jahr der DDR, Berlin. 4 Dieter Oberndörfer, Gerd Mielke, Ulrich Eith (1994): In den Siegesbechern der Parteien finden sich Wermutstropfen. Abschleifungen der Wählerhochburgen im Westen und Verfestigung von Gegensätzen im Osten, in: Frankfurter Rundschau Nr. 245 v. 21.10.1994, S. 16; Russel J. Dalton, Wilhelm Bürklin (1995): The Two German Electorates, in: Russel J. Dalton (Hg.): Germans Divided. The 1994 Bundestag Elections and the Evolution of the German Party System, Oxford, S. 183-207. 5 Karl Schmitt (Anm. 2) S. 433-438; Rainer-Olaf Schultze (Anm. 1), S. 32-41; Ulrich Eith (1997): Wählerverhalten in Sachsen-Anhalt. Zur Bedeutung sozialstruktureller Einflussfaktoren auf die Wahlentscheidungen 1990 und 1994, Berlin, S. 138-145. 6 Dieter Roth (1990): Die Wahlen zur Volkskammer in der DDR. Der Versuch einer Erklärung, in: Politische Vierteljahresschrift, 31. Jg., S. 369-393. 7 Ulrich Eith (Anm. 5) S. 85-89. 8 Jürgen W. Falter, Markus Klein (1994): Die Wähler der PDS bei der Bundestagswahl 1994. Zwischen Ideologie, Nostalgie und Protest, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 44. Jg., B 51-52, S. 22-34; Gero Neugebauer, Richard Stöss (1996): Die PDS. Geschichte Organisation, Wähler, Konkurrenten, Opladen, S. 238-252; dies. (1999): Nach der Bundestagswahl 1998: Die PDS in stabiler Seitenlage?, in: Oskar Niedermayer (Hg.): Die Parteien nach der Bundestagswahl 1998, Opladen, S. 119-140. 9 Oscar W. Gabriel, Oskar Niedermayer (1997): Entwicklung und Sozialstruktur der Parteimitgliedschaften, in: dies., Richard Stöss (Hg.): Parteiendemokratie in Deutschland, Bonn, S. 281-282. 10 Hubertus Knabe (1990): Politische Opposition in der DDR. Ursprünge, Programmatik, Perspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 40. Jg., B 1-2, S. 21-32. 11 Ulrich Eith (1999): Parteien, in: Werner Weidenfeld, Karl-Rudolf Korte (Hg.): Handbuch zur deutschen Einheit, 1949 - 1989 - 1999, Bonn, S. 617-631. 12 Forschungsgruppe Wahlen (1998): Wahl in Sachsen-Anhalt. Eine Analyse der Landtagswahl vom 26. April 1998, Mannheim, 55-57. 13 Kai Arzheimer, Jürgen W. Falter (1998): "Annäherung durch Wandel?" Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 1998 in Ost-West-Perspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 48. Jg., B 52, S. 33-43; Uwe W. Gehring, Jürgen R. Winkler (1997): Parteiidentifikation, Kandidaten-und Issueorientierungen als Determinanten des Wahlverhaltens in Ost- und Westdeutschland, in: Oscar W. Gabriel (Hg.): Politische Orientierungen und Verhaltensweisen im vereinigten Deutschland, Opladen, S. 473-506. 14 Oscar W. Gabriel (1996): Politische Orientierungen und Verhaltensweisen, in: Max Kaase u.a.: Politisches System, Opladen, bes. S. 253-278; Ulrich Rosar (1998): Policy-Orientierung und Systemlegitimität 1991-1995. Die Bedeutung der politischen Agenda für das Vertrauen in rechtsstaatliche und demokratische Institutionen, in: Heiner Meulemann (Hg.): Werte und nationale Identität im vereinten Deutschland, Opladen, S. 129-154. 15 Markus Klein (1998): Was bleibt von der friedlichen Revo-lution? Plebiszitäre Orientierungen im vereinten Deutschland, in: Heiner Meulemann (Anm. 14), S. 155-176. 16 Karl Schmitt (2000): Wählt der Osten anders? Eine Zwischenbilanz nach der deutschen Vereinigung, in: Gerd Mielke, Ulrich Eith (Hg.): Gesellschaftliche Konflikte und Parteiensysteme, Opladen (i. E.). 17 Dieter Oberndörfer, Gerd Mielke, Ulrich Eith (1998): Der Befreiungsschlag. Eine Analyse der Bundestagswahl vom 27. September 1998, in: Frankfurter Rundschau Nr. 229 v. 2.10.1998, S. 12; andere Aspekte betonen Oscar W. Gabriel, Frank Brettschneider (1998): Die Bundestagswahl 1998. Ein Plebiszit gegen Kanzler Kohl?; Hans Rattinger, Jürgen Maier (1998): Der Einfluss der Wirtschaftslage auf die Wahlentscheidung bei den Bundestagswahlen 1994 und 1998, jeweils in: Aus Politik und Zeitgeschichte 48. Jg., B 52; Kai Arzheimer, Jürgen W. Falter (Anm. 13). 18 Forschungsgruppe Wahlen (1998): Bundestagswahl 1998. Eine Analyse der Wahl vom 27. September 1998, Mannheim, 71-78. 19 Edeltraud Roller (1997): Sozialpolitische Orientierungen nach der deutschen Vereinigung, in: Oscar W. Gabriel (Anm. 13), S. 115-146; Heinz-Herbert Noll (1998): Wahrnehmung und Rechtfertigung sozialer Ungleichheit 1991-1996, in: Heiner Meulemann (Anm. 14), S. 61-84. 20 Ulrich Eith, Gerd Mielke (2000): Die soziale Frage als "neue" Konfliktlinie? Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat und zur sozialen Gerechtigkeit und Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 1998, in: Hans Rattinger u.a. (Hg.): Die Republik auf dem Weg zur Normalität? Wahlverhalten und politische Einstellungen nach acht Jahren Einheit, Opladen (i. E.). 21 Zu den Landtagswahlen Karl Schmitt (Brandenburg, Thüringen), Eckhard Jesse (Sachsen), Jürgen R. Winkler (Saarland), Oskar Niedermayer, Richard Stöss (Berlin), Rüdiger Schmitt-Beck (Hessen) und Reinhold Roth (Bremen) in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 31. Jg., Heft 1/2000; Dieter Oberndörfer, Gerd Mielke, Ulrich Eith (2000): Der Kampf um die nächste Bundestagswahl hat begonnen. Das Ergebnis in Nordrhein-Westfalen eröffnet Perspektiven jenseits von Misstrauen und Lagergrenzen, in: Frankfurter Rundschau Nr. 116 v. 19.5.2000, S. 9.
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