Zeitschrift

Deutschland Ost -
Deutschland West

Die Wende: auch ein radikaler lebensgeschichtlicher Einschnitt

Opfer, Verliererinnen, ungleiche Schwestern?



 

Inhaltsverzeichnis

 

Zur Situation der Frauen in Ost- und Westdeutschland nach der Vereinigung

Von Beate Rosenzweig  

Dr. Beate Rosenzweig ist Studienleiterin am Studienhaus Wiesneck - Institut für politische Bildung Baden-Württemberg e.V. und Lehrbeauftragte am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg.

Sind die Frauen in den Neuen Bundesländern die eigentlichen Verliererinnen der deutschen Vereinigung? Ganz offensichtlich sind sie stärker von der Arbeitslosigkeit betroffen als Männer, was u. a. damit zusammenhängt, dass Branchen mit hohem Frauenanteil wie etwa die Textilindustrie sich als weniger lebensfähig erwiesen haben. Hinzu kommt, dass die Erwerbsquote von Frauen in der ehemaligen DDR deutlich höher war als im Westen. Der Wunsch nach Erwerbsfähigkeit ist entsprechend hoch geblieben. Frauen in Deutschland Ost unterscheiden sich von Frauen in Deutschland West immer noch darin, dass Vollerwerbstätigkeit in ihrer Lebensplanung, verbunden mit gleichzeitiger Mutterschaft, eine stärkere Rolle spielt. Gegen das traditionelle "westdeutsche Familienmodell" mit dem Mann als Haupternährer und der Frau als Zuverdienerin mit familienbedingten Auszeiten und Teilzeitbeschäftigung sind die Frauen in Deutschland Ost bislang weitgehend resistent geblieben.  
Red.


Von der deutschen Vereinigung stärker betroffen

"Frauen sind die Verliererinnen der Einheit", dieses Diktum war spätestens zwei Jahre nach der deutschen Vereinigung quer durch alle politischen Lager zu hören. Selbst diejenigen, die ansonsten die Erfolge des Vereinigungsprozesses oder genauer des System- und Strukturwandels in den neuen Bundesländern hervorhoben, kamen um die Erkenntnis nicht herum, dass die Frauen in den neuen Bundesländern die Hauptlast der Veränderungen zu tragen hatten. Kaum ein Thema des deutschen Vereinigungsprozesses wurde zunächst so ausgiebig erforscht und bei kaum einem anderen herrschte in der Beurteilung scheinbar so weitgehend Einigkeit. Im Zuge des ökonomischen Transformationsprozesses waren und sind Frauen noch wesentlich stärker als ihre männlichen Kollegen von Arbeitslosigkeit und Armut bedroht und betroffen. Für viele Frauen folgte auf die von ihnen mehrheitlich begrüßte deutsche Einheit die Konfrontation mit dem Verlust des Arbeitsplatzes und damit einhergehend wichtiger sozialer Kontakte, mit beruflicher Dequalifizierung, mit dem Abbau von Kinderbetreuungseinrichtungen und dem Verlust sozialer Sicherheit. Sie erlebten, dass das in der DDR propagierte und von ihnen praktizierte Frauenleitbild einer vollzeiterwerbstätigen Mutter nicht der gängigen Praxis des westdeutschen Markt- und Gesellschaftsmodells entsprach. Kurz, Frauen in den neuen Bundesländern erfuhren in noch größerem Ausmaß als Männer das Jahr 1990 als einen massiven Einschnitt in ihr Erwerbs- und Privatleben.
Heute, zehn Jahre nach der Vereinigung, ist es zwar in Öffentlichkeit und Forschung ruhiger geworden um die ostdeutschen Frauen, ihre Situation hat sich jedoch noch keineswegs entspannt: Sie stellen nach wie vor den überwiegenden Teil der Arbeitslosen, sind stärker von Langzeitarbeitslosigkeit bedroht als Männer und müssen sich in vielen Fällen mit prekären Beschäftigungsverhältnissen zufriedengeben.

Der Rückgriff auf die Opfer- und Verliererinnenthese reicht nicht länger aus

Zur Erklärung dieser anhaltenden geschlechtsspezifischen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt reicht allerdings, wie neuere feministische Forschungen zeigen, der Rückgriff auf die Opfer- und Verliererinnenthese nicht länger aus.1 Diese greift erstens zu kurz, weil sie die Frauen, ganz in traditionell patriarchalischer Manier, pauschal als Opfer abstempelt. Sie haben entweder das Glück oder Pech gehabt, ein trockenes (Arbeits-)Plätzchen im Zuge der Umstrukturierung zu ergattern, oder nicht. Schicksal, Glück oder Pech, die dieser These zugrunde liegenden Kriterien, verweisen Frauen in den Status der Passivität. Sie können von den Eruptionen im Zuge der Transformationsprozesses bestenfalls überrollt oder beflügelt werden, all dies ohne ihr Zutun. Den komplexen und differenten Lebens- und Berufslagen von Frauen und ihren vielfältigen, individuellen und kollektiven Anstrengungen, die "Wende" in ihrem persönlichen Leben zu bearbeiten, wird dies keineswegs gerecht. Frauen und Männer waren und sind nicht nur Opfer, sondern auch Akteure der "Wende" und des gesellschaftlichen Wandels. Das so genannte "Glück" auf dem Arbeitsmarkt hängt neben strukturellen Gegebenheiten auch von handfesten persönlichen Startvoraussetzungen und Anpassungsanstrengungen ab. Die ostdeutschen Frauen haben dies in den letzten zehn Jahren eindrücklich unter Beweis gestellt. Der vielfach prognostizierte Rückzug von Frauen aus dem Arbeitsleben hat nicht stattgefunden. Im Gegenteil, die ostdeutschen Frauen sind, vor allem aus Gründen der Existenzsicherung, auch weiterhin in hohem Maße erwerbsorientiert.
Zweitens verstellt die Opferperspektive den Blick auf die zehn Jahre nach der Wiedervereinigung virulente Frage nach dem langfristigen Strukturwandel der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Bieten die strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarktes, verbunden mit dem Umbau des Sozialstaates, auch in Zukunft Chancen für die Verwirklichung eines gleichberechtigten Geschlechtermodells, oder führen die sich verschärfende Konkurrenz um immer knapper werdende Arbeitsplätze und der Abbau sozialer Sicherung unweigerlich auch zu einer Ausgrenzung von Frauen und damit zu einer "Retraditionalisierung" der Geschlechterrollen? Ist die in den letzten zehn Jahren in den neuen Bundesländern zu beobachtende Verdrängung von Frauen aus dem Arbeitsmarkt als ein Effekt eines längerfristigen Transformationsprozesses zu werten und damit in Zukunft auch für Westdeutschland zu erwarten?2 Eine eindeutige Antwort auf diese Fragen steht es bislang noch aus. Sie wird wesentlich davon abhängen, ob sich Frauen und Männer in Ost- und Westdeutschland für ein verändertes, gleichberechtigtes Geschlechtermodell engagieren oder nicht. Der Rückblick auf zehn Jahre deutsche Vereinigung und die damit verbundenen Veränderungen für die Frauen stimmt indes wenig optimistisch. Er lässt vielmehr eindeutige Rückschlüsse auf geschlechtsspezifische Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt und auf das immer noch vorherrschende traditionelle Geschlechtermodell zu. Das für die Umstrukturierung in Ostdeutschland beispielhafte westdeutsche Modell basiert nach wie vor auf einer eindeutigen Geschlechterhierarchie zuungunsten der Frauen. Diese begrenzt die privaten und beruflichen Entscheidungsfreiheiten von Frauen und Männern in Ost- und Westdeutschland bis heute nachhaltig.
Im Folgenden sollen zunächst die Veränderungen für die ostdeutschen Frauen auf dem Arbeitsmarkt seit der Wende dargestellt und aufgezeigt werden, welche Unterschiede es nach wie vor zwischen den ost- und westdeutschen Frauen in Bezug auf Erwerbstätigkeit und Familie gibt. In einem zweiten Schritt wird dann nach den Gründen für diese anhaltenden Differenzen sowie nach den Bearbeitungs- und Anpassungsstrategien von Frauen in Ostdeutschland gefragt. Die Frage, ob sich in Zukunft die Lebens- und Erwerbslagen von Frauen in Ost- und Westdeutschland stärker angleichen werden und damit aus den ungleichen Schwestern in Ost- und Westdeutschland in Zukunft möglicherweise Zwillinge werden, soll abschließend thesenhaft diskutiert werden. 

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Deutlich höhere Arbeitslosigkeit bei den Frauen in den neuen Bundesländern

Für die überwiegende Mehrheit der Frauen in den neuen Bundesländern brachte die "Wende" sehr schnell einen radikalen lebensgeschichtlichen Einschnitt mit sich. Die Umstrukturierung von der Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft bedeutete für viele das Ende ihrer bis dahin selbstverständlichen Einbindung in das Berufsleben. Erstmals in ihrer (Lebens-)Geschichte wurden Frauen wie Männer mit dem Problem der offenen Arbeitslosigkeit konfrontiert. Die Beschäftigungseinbrüche im Zuge des ökonomischen Strukturwandels wirkten sich für die Frauen noch dramatischer aus als für die Männer. Waren sie zunächst bis Mitte 1990 aufgrund vermehrter Entlassungen in den Männerdomänen, wie Militär-, Staats- und Parteiapparat, proportional genauso stark von Arbeitslosigkeit betroffen wie die Männer, so änderte sich dieses Bild schon im Herbst 1990. Vor allem Wirtschaftszweige mit traditionell hohem Frauenanteil, wie beispielsweise die Textil- und Bekleidungsindustrie, oder die Leicht- und Lebensmittelindustrie erwiesen sich im Zuge der Strukturkrise als nicht überlebensfähig. Die Konsequenz war ein überproportionaler Anstieg der Frauenerwerbslosigkeit. In der Textilindustrie, in der zu DDR-Zeiten zwei Drittel der Beschäftigten Frauen waren, ging beispielsweise zwischen Herbst 1989 und Ende 1990 jeder 3. Arbeitsplatz verloren. Im April 1991 kamen insgesamt auf eine offene Stelle 37 Arbeitslose, während in der Textil- und Bekleidungsbranche das Verhältnis bei 1:231 lag.3 Der stetige Anstieg der Frauenarbeitslosigkeit erreichte im Jahre 1994 mit einer Quote von 21,5% (Männer 10,9%) seinen ersten Höhepunkt.4 Bis 1995 blieb die Arbeitslosenquote der Frauen annähernd doppelt so hoch wie die der Männer. Erst seit 1998 ist ein langsamer Rückgang zu beobachten. Nach wie vor liegt aber die Arbeitslosenquote der ostdeutschen Frauen noch erheblich über der der Männer (1999: Männer 15,5%, Frauen 20%).
Dies entspricht nicht dem westdeutschen Bild. Zwar nahm auch hier die Frauenarbeitslosigkeit zwischen 1991 und 1997 zu, sie stieg nicht so stark an wie die der Männer. 1999 sind in den alten Bundesländern bei beiden Geschlechtern annähernd gleiche Arbeitslosenquoten zu verzeichnen (Männer 9,9%, Frauen 9,8%). Dies liegt u.a. auch daran, dass sich westdeutsche Frauen weniger arbeitslos melden und einen Ausstieg aus dem Erwerbsleben tendenziell eher in ihre Lebensplanung miteinbeziehen können als ostdeutsche Frauen. Allerdings lässt sich auch in den alten Ländern in letzter Zeit das beobachten, was in den neuen Ländern schon zum Alltag gehört: die Arbeitslosigkeit von Frauen wird spürbar langsamer abgebaut als die der Männer. Setzte sich dieses Muster fort, so spräche das für eine zunehmende Geschlechterkonkurrenz auch um geringer bezahlte und weniger qualifizierte Arbeiten. In beiden Teilen Deutschlands können Männer nach wie vor ihre Arbeitslosigkeit schneller beenden als Frauen. Am längsten dauert die Arbeitslosigkeit für die ostdeutschen Frauen. Sie liegt durchschnittlich bei 36 Wochen, während die der ostdeutschen Männer mit 24,6 Wochen deutlich darunter liegt. Die Vergleichszahlen in den alten Bundesländern folgen einem ähnlichen Muster: Frauen sind im Durchschnitt 30,8 Wochen ohne Arbeit, Männer dagegen 27,8 Wochen.5 Besonders betroffen von Arbeitslosigkeit sind in West- und Ostdeutschland ältere Frauen, Frauen ohne Ausbildung und allein erziehende Frauen mit Kindern.6

Nach wie vor ist der Wunsch nach Arbeit bei den ostdeutschen Frauen höher

Die hohe Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern hat bis heute nicht zu einem, teilweise auch offen herbeigewünschten Rückzug der Frauen vom Arbeitsmarkt geführt.7 Zwar ging aufgrund der hohen Beschäftigungseinbrüche die Erwerbsbeteiligung der ostdeutschen Frauen insgesamt zurück, ihre Erwerbsquote, das heißt die Zahl derer, die arbeitslos gemeldet oder erwerbstätig ist, liegt mit 74% jedoch noch deutlich über der der Frauen in den alten Bundesländern (55,3%). Diese hohe Zahl darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die aktive Beschäftigung bei den ostdeutschen Frauen spürbar abgenommen hat. Betrachtet man die Zahl derer, die tatsächlich erwerbstätig sind, so kann man nahezu von einer Angleichung des Frauenanteils an den Erwerbstätigen in beiden Teilen Deutschlands seit 1991 sprechen. Trotz anfänglich rückläufiger Zahlen verbleibt die Erwerbsbeteiligung von ostdeutschen Frauen insgesamt auf konstant hohem Niveau, während gleichzeitig die Erwerbsquote der westdeutschen Frauen kontinuierlich ansteigt. Mit einem Rückzug der Frauen in Ost und West vom Arbeitsmarkt ist somit auch in Zukunft nicht zu rechnen, im Gegenteil, alle Prognosen deuten auf eine weitere Zunahme der Frauenerwerbsarbeit hin.8


Ein erster kritischer Blick in den Westen:
Was bringt der Fall der Mauer den Frauen? Foto: dpa-Bildarchiv 

Männer konnten sich wesentlich besser am Arbeitsmarkt behaupten

Die Frage muss deshalb lauten, ob Frauen im Konkurrenzkampf um die knapper werdende Ressource Arbeit zunehmend ihren männlichen Mitkonkurrenten unterliegen, oder in unterwertige Beschäftigungen abgedrängt werden. Die Verdrängung von Frauen aus dem ostdeutschen Arbeitsmarkt deutet ebenso in diese Richtung, wie die seit der Vereinigung zu beobachtenden frauenspezifischen Dequalifizierungsprozesse. So hat sich der Anteil der Frauen an der Facharbeiterschaft nach der Wende halbiert, ihr Anteil an den höheren Angestelltenpositionen ist ebenfalls drastisch gesunken.9 Wie aus einer Längsschnittsuntersuchung der Erwerbsverläufe von Frauen und Männern zwischen 1990 und 1994 hervorgeht, hatte die Wende für Frauen stärker als für Männer beruflich dequalifizierende Konsequenzen. Männer konnten sich wesentlich besser am Arbeitsmarkt behaupten als Frauen. Insbesondere bei den geringer bewerteten Tätigkeiten mussten Frauen überdurchschnittliche Verluste hinnehmen. Frauen in qualifizierten Tätigkeiten konnten zwar in diesem Zeitraum ihren Berufsstatus noch häufiger erhalten als Männer, hingegen vollzogen Männer in weit größerem Umfang einen beruflichen Aufstieg.10 Auch bei einem Arbeitsplatzwechsel mussten Frauen öfter als Männer Verschlechterungen in Kauf nehmen. Dies bezieht sich auf die Art der Tätigkeit, die Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten sowie auf die Sicherheit des Arbeitsplatzes.11 Die Abdrängungs- und Schließungsprozesse zeigten sich in den neuen Bundesländern insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor. Beschäftigungsgewinne gab es hier nahezu ausschließlich für Männer. So ging der Frauenanteil im Verarbeitenden Gewerbe von 32% 1991 auf 21% 1997 zurück.12 Auch im Dienstleistungsbereich, in dem heute sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland der überwiegende Teil der Frauen beschäftigt ist, konnten sich Männer in den neuen Bundesländern besser durchsetzen als Frauen.

Je besser die Berufsausbildung, desto günstiger die Aussichten - auch bei Frauen

In Westdeutschland ist demgegenüber in den letzten Jahren eine umgekehrte Entwicklung auszumachen. Hier konnten Frauen von den Beschäftigungsgewinnen im Dienstleistungssektor, insbesondere im Handel und Gastgewerbe, stärker profitierten als Männer.13 In beiden Teilen Deutschlands gilt: je besser die Berufsausbildung der Frauen, um so günstiger sind die Aussichten auf einen Arbeitsplatz. So konnten in Ost- und Westdeutschland in den letzten Jahren eine zunehmende Zahl von gut ausgebildeten Akademikerinnen einen Arbeitsplatz finden, jedoch oftmals durch die Aufnahme einer unterwertigen Beschäftigung. "Das Risiko unterwertig beschäftigt zu werden, ist bei Frauen nicht nur deutlich größer als bei Männern, sondern es nahm", so das Ergebnis einer Studie der Technischen Universität Berlin, "im Zeitverlauf noch zu."14
Die geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes zeigt sich u.a. auch am unterschiedlichen Arbeitsvolumen. Die hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen in Ost und West hat nicht in gleichem Maße zu einer Zunahme des Arbeitsvolumens geführt. So ist die Zahl der vollzeiterwerbstätigen Frauen in Ost- und Westdeutschland rückläufig. Während in Westdeutschland die Teilzeitquote bei den Frauen auf 40% angestiegen ist, liegt sie derzeit in Ostdeutschland bei 22%. Damit spielt Teilzeitarbeit in Ostdeutschland immer noch eine deutlich untergeordnete Rolle. Für die Mehrheit der ostdeutschen Frauen hat eine Vollzeitarbeitsstelle nach wie vor einen höheren Stellenwert. Die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Frauen arbeitet nach eigenen Angaben nur deshalb teilzeit, weil ein Vollzeitarbeitsplatz fehlt. Wie aus einer Längsschnittsuntersuchung über die Arbeitszeitpräferenzen in Ost- und Westdeutschland hervorgeht, bevorzugen die Frauen in beiden Teilen Deutschlands bis heute unterschiedliche Erwerbsmodelle. Während in Westdeutschland über 30% der befragten Frauen einer Teilzeitarbeit von einer bis dreißig Stunden pro Woche nachgehen wollen, liegt dieser Anteil bei den ostdeutschen Frauen bei nur 10%. Die überwiegende Mehrzahl wünscht sich hier eine Vollzeitarbeitsstelle zwischen 35 und 40 Stunden.15 Das für Westdeutschland lange Zeit typische Modell des männlichen Alleinernährers und der allenfalls hinzuverdienenden Ehefrau entspricht nach wie vor weder den Wünschen noch den existenziellen Bedürfnissen der ostdeutschen Frauen. Auch für Westdeutschland wird dieses Modell zunehmend brüchig. Inzwischen sind auch hier immer mehr Familien auf den "Zuverdienst" der Frauen angewiesen. Die überwiegend von Frauen ausgeübte Teilzeitarbeit - die Teilzeitquoten liegen bei Männern im Westen bei 4,5% im Osten bei 3,3%16 - besitzt jedoch nach wie vor gravierende Nachteile. Teilzeitarbeit ist in den meisten Fällen immer noch mit geringer qualifizierter Arbeit gleichzusetzen, die weder die Existenz oder eine ausreichende Altersvorsorge sichert. Die Abhängigkeit der Frauen von einem männlichen "Haupternährer" und die Reproduktion eines traditionellen Geschlechtermodells bleiben damit erhalten. Frauen behalten die Hauptverantwortung für Familie, Haushalt und Kinder. Die Zunahme von Teilzeitangeboten, von denen Frauen in erster Linie profitieren, ist somit nicht uneingeschränkt positiv zu bewerten, insbesondere auch dann nicht, wenn Teilzeitbeschäftigung immer häufiger mit "geringfügiger Beschäftigung" gleichzusetzen ist. In Ost- und Westdeutschland stellen Frauen heute den überwiegenden Teil (75%) der geringfügig Beschäftigten.

Der hohe Stellenwert der Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Fasst man die Ergebnisse der Arbeitsmarktentwicklung für die Frauen zehn Jahre nach der Wende zusammen, so lassen sich neben strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen Ost- und Westdeutschland auch erhebliche Unterschiede ausmachen. In beiden Teilen Deutschlands ist der Arbeitsmarkt nach wie vor geschlechtsspezifisch segregiert, das heißt Frauen sind, was Arbeits-, Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten angeht, eindeutig benachteiligt. Diese Benachteiligungen treffen jedoch nicht auf alle Frauen in gleichem Maße zu. Vielmehr schwächen sie sich insbesondere mit dem Anstieg der beruflichen Qualifikation deutlich ab.
In Ost- und Westdeutschland folgen die Erwerbsverläufe von Frauen auch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung unterschiedlichen Mustern. So haben sich die ostdeutschen Frauen gegen die Übernahme des traditionellen westlichen Familienmodells eines vollzeiterwerbstätigen Mannes und einer teilzeiterwerbstätigen Frau bis heute gesperrt. Trotz aller Schwierigkeiten und Benachteiligungen im Transformationsprozess präferieren sie nach wie vor das zu DDR-Zeiten dominante Modell einer kontinuierlichen Vollzeiterwerbstätigkeit bei gleichzeitiger Mutterschaft. Nur ein Viertel der Ostdeutschen - gegenüber der Hälfte der Westdeutschen - hält es für besser "wenn der Mann voll im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert."17 Das anfänglich von westdeutscher Seite erwartete "Befreiungsgefühl" der ostdeutschen Frauen im Sinne eines "frei sein von Erwerbsarbeit" hat sich nicht eingestellt. Die Frauen reklamieren vielmehr, deutlich stärker noch als ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen, für sich das Recht, sich für Familie und Beruf gleichzeitig entscheiden zu können. Dies wird auch an den bis heute unterschiedlichen Einstellungen zur Kindererziehung deutlich. Während über 60% der westdeutschen Frauen und Männer meinen, eine außerhäusliche Betreuung schade der Entwicklung des Kindes, sind im Osten Deutschlands nur 39% der Männer und 40% der Frauen dieser Ansicht.18 Dementsprechend ist die Versorgungsquote mit Kinderkrippen und Schulhorten in den neuen Bundesländer trotz massivem Abbau der staatlich finanzierten Kinderbetreuungseinrichtungen heute noch 20-mal so hoch wie im Westen.19 Dass sich die Frauen in Ostdeutschland dennoch mehr Sorgen um die Zukunft der Kinderbetreuung machen als die westdeutschen Frauen verweist einerseits auf ihre schon gemachten schlechten Erfahrungen und andererseits auf den anhaltend hohen Stellenwert einer Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der persönlichen Lebensplanung.

Gleichstellungsvorsprung in der DDR?

Die unterschiedliche Bedeutung, die der Frauenerwerbsarbeit in den neuen Bundesländern zukommt, lässt sich als ein "Erfolg" der DDR-Frauenpolitik werten. In konsequenter Umsetzung der klassischen sozialistischen Emanzipationstheorie, die die Frauenfrage als Teil der sozialen Frage definiert, hatte die DDR von Anfang auf die Gleichberechtigung der Frauen im Erwerbsleben gesetzt. Der auch von westdeutschen Sozialwissenschaftlern konstatierte "Gleichstellungsvorsprung der DDR" basierte auf einer staatlichen Frauenpolitik, die die Erwerbsarbeit von Frauen einforderte und gleichzeitig die Vereinbarkeit von Familie und Beruf förderte.
Die Befreiung der Frau "durch und in der befreiten Arbeit" war eng verknüpft mit bevölkerungs- und arbeitsmarktpolitischen Erwägungen. Als Folge des Zweiten Weltkrieges und der bis zum Bau der Mauer 1961 anhaltenden Fluchtbewegung bestand ein erheblicher Arbeitskräftemangel, der nur durch die verstärkte Integration von Frauen in den Produktionsprozess ausgeglichen werden konnte. Durch die gezielte Förderung von Frauen im Beruf stieg die weibliche Erwerbsquote von 52,5% im Jahre 1955 auf 91,2 % 1989 an.20 Die gleiche Erwerbsbeteiligung beider Geschlechter bedeutete jedoch auch zu DDR-Zeiten kein Aufbrechen der traditionellen geschlechtsspezifischen Gliederung des Arbeitsmarktes. Die im Juli 1990 von Gunnar Winkler herausgegebene Studie "Frauenreport `90" lieferte erstmals umfassendes Datenmaterial zur Beschäftigungs- und Lohnstruktur in der DDR. Die Daten, die regelmäßig in der DDR erhoben worden waren und unveröffentlicht blieben, belegen die anhaltende geschlechtsspezifische Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt. So arbeitete die Mehrzahl der in der Industrie beschäftigten Frauen in den traditionell frauendominierten Zweigen der Leicht- und Textilindustrie. 60% der Arbeit für un- bzw. angelernte Arbeiter wurden von Frauen ausgeführt, ein wesentlicher Grund für die überproportionalen Entlassungen nach der Wende.21 In den traditionell männlich bestimmten Wirtschaftsbereichen, wie dem Handwerk oder der Bauwirtschaft, blieben Frauen, trotz anderslautender Verlautbarungen, unterrepräsentiert. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede spiegelten sich auch in den starken Lohn- und Einkommensdifferenzierungen wider. Das in der DDR-Verfassung in Art. 24 garantierte Recht auf "gleichen Lohn bei gleicher Arbeitsleistung" wurde durch die Überrepräsentanz von Frauen in den Leichtlohngruppen de facto ausgehöhlt. So arbeiteten in den unteren Lohngruppen (500-800 Mark monatlich) bis zu 77% Frauen, während der Frauenanteil in den höheren Lohngruppen kontinuierlich abnahm und in der Gruppe der Spitzenverdiener (1700 Mark und mehr) nur noch 15,7% betrug.22 Der quantitativen Angleichung folgte keine qualitative Gleichberechtigung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt. Das patriarchale Sozialisationskonzept, propagandistisch von der SED ad acta gelegt, lebte sowohl im Erwerbsleben als auch in noch stärkerem Maße im Familienbereich vor.
In der Familienpolitik der SED wurde die grundlegende Problematik von Familie und Beruf von Anfang an einseitig auf die Frauen verlagert. Die weitgehende Übertragung der Kindererziehung auf staatliche und gesellschaftliche Einrichtungen sowie die Schaffung von Dienstleistungsbetrieben für anfallende Hausarbeiten sollten die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbstätigkeit gewährleisten. Zur Entlastung erwerbstätiger Mütter wurden zahlreiche familienpolitische Maßnahmen ergriffen. Finanzielle Fördermaßnahmen für Familien und arbeitszeitliche Regelungen für Mütter standen im Vordergrund. Anfang der 70er-Jahre wurde für Mütter von drei und mehr Kindern die 40-Stunden-Woche eingeführt, die staatliche Geburtshilfe auf 1000 Mark angehoben und die Gewährung von zinslosen Darlehen an junge Ehepaare erweitert.23 Die Mütter- und Familienschutzregelungen wurden bis Ende der 80er-Jahre kontinuierlich ausgebaut. Parallel zu diesen familienpolitischen Leistungen, die zum Teil auch als Gegenmaßnahmen zur staatlichen Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs seit März 1972 zu bewerten sind, erfolgte der Aufbau eines flächendeckenden Netzes von Kinderkrippen, Kindergärten und Schulhorten. Bis 1989 konnten 80,2% aller Kinder der entsprechenden Altersgruppe einen Krippenplatz in Anspruch nehmen. Alle Kinder, deren Eltern es wünschten, konnten darüber hinaus in Ganztageskindergärten betreut werden.24

Ein Aufbrechen traditioneller Rollenzuweisungen?

Die weitgehende Vergesellschaftung und Kollektivierung der Kindererziehung führte allerdings nicht zu einem Aufbrechen der traditionellen Rollenzuweisungen. Trotz der weitgehenden Integration von Frauen in den Erwerbsprozess blieben die traditionellen Familienstrukturen und die geschlechtsspezifische Aufgabenverteilung erhalten. Die erste, 1992 vom Bundesministerium für Frauen und Jugend in Auftrag gegebene vergleichende Umfrage zur Gleichberechtigung in Deutschland belegte eindrücklich die eindeutige Akzeptanz traditioneller Rollenvorstellungen im Osten wie im Westen Deutschlands. Die Haushaltsführung blieb und bleibt bis heute weiterhin die Domäne der Frauen.25 Diese Rollenverteilung änderte sich in der DDR trotz Berufstätigkeit der Frauen nicht. Die einseitige staatliche Propagierung des homogenisierten Ideals einer vollzeiterwerbstätigen Mutter, oder wie dies Christiane Ochs einmal formuliert hat, "der unbegrenzt belastungsfähigen Multifunktionsfrau"26 ließ die traditionellen Rollenbilder weitgehend unangetastet. Während der Tätigkeitsbereich der Frauen erweitert wurde, blieb der Aktionsradius der Männer auf die Erwerbsarbeit beschränkt. In dieser Hinsicht lassen sich stärkere Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen den Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern im Osten und im Westen Deutschlands auch nach vierzigjähriger "geteilter" Sozialisation feststellen.
Dennoch, und dies zeigt sich bis heute an den unterschiedlichen Einstellungen der Frauen in Ost und West zu Erwerbsarbeit und Kindererziehung, bedingte die DDR-Frauenpolitik mit ihrer starken Betonung der Erwerbstätigkeit ein verändertes Selbstverständnis der ostdeutschen Frauen. Die lebenslange Berufstätigkeit ist ein fester Bestandteil ihrer Lebensplanung geblieben. Sie bedeutet für die ostdeutschen Frauen nicht nur Existenzsicherung und finanzielle Unabhängigkeit von ihrem Mann, sondern auch Selbstbestätigung und Lebenssinn. Dies hat sich in den letzten zehn Jahren nicht verändert, im Gegenteil die hohe Qualifikations- und Mobilitätsbereitschaft der ostdeutschen Frauen hat eindrücklich unter Beweis gestellt, dass sie bereit sind, ihre angestammte Erwerbsposition auch unter widrigen Bedingungen zu verteidigen. Die Soziologin Hildegard Maria Nickel spricht in diesem Zusammenhang von der "Widerständigkeit" der ostdeutschen Frauen gegen ihre Abdrängung vom Arbeitsmarkt.27

Unterschiedliche frauenpolitische Standpunkte

Die Hoffnung vieler ostdeutscher Frauen, ihre Lebens- und Berufsvorstellungen unter den Bedingungen einer freiheitlichen gesellschaftlichen und politischen Ordnung kontinuierlich weiter umsetzen zu können, hat sich in vielen Fällen nicht erfüllt. Auch die Hoffnung, zumindest Elemente der sozialistischen Geschlechterordnung in das neue Gesellschaftssystem überführen zu können, erwies sich als Illusion. Die Übertragung des westdeutschen Modells erfolgte weitgehend ungebrochen, das heißt auch die von westdeutschen Frauen als positiv eingestuften "Errungenschaften der DDR-Frauenpolitik" konnten nicht in das vereinte Deutschland hinübergerettet werden. Für viele ostdeutsche aber auch westdeutsche Frauen folgte auf die Anfangseuphorie eine Phase der Ernüchterung und des Befremdens. Dies umso mehr als der erhoffte gegenseitige Austausch und eine wechselseitige Bestärkung zwischen Ost- und Westfrauen weitgehend ausblieben. Zu unterschiedlich waren die frauen- und gesellschaftspolitischen Erfahrungen und die damit verbundenen Lebensentwürfe und frauenpolitischen Strategien. Nicht Solidarität und gemeinsames frauenpolitisches Handeln bestimmten den Annäherungsprozess zwischen ost- und westdeutschen Frauen, sondern eher "Wahrnehmungs- und Kommunikationsblockaden". "So urteilten Westfrauen über Ostfrauen: ,DDR-Frauen sind selbstbewusst. Sie sind emanzipiert, aber in feministischer Hinsicht unterentwickelt'", während Ostfrauen Westfrauen oftmals vorwarfen, sich "arrogant, besserwisserisch und anmaßend" zu verhalten.28 Aus der unterschiedlichen politischen Sozialisation, geprägt durch "von oben verordnete Emanzipation" einerseits und eine "von unten" kontrovers geführten Debatte um Gleichberechtigung andererseits, resultieren bis heute unterschiedliche frauenpolitische Standpunkte. So fordern die ostdeutschen Frauen deutlich stärker als die westdeutschen staatliche Initiativen zur Verwirklichung der Gleichberechtigung.29 Dies deckt sich mit der in Ostdeutschland ohnehin stärker ausgeprägten Auffassung, dass soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherung zentrale Aufgabenfelder staatlichen Handelns sind. Die Unzufriedenheit mit den politischen Strukturen und dem Stand der Gleichberechtigung ist dementsprechend ausgeprägt. Der jüngsten Umfrage im Auftrag des Bundesfrauenministeriums zufolge sind 67 % der Ostdeutschen und 61% der Westdeutschen der Meinung, dass für die Gleichberechtigung der Frau noch einiges getan werden muss.30

Defizite in der Gleichstellung werden vor allem von den Frauen wahrgenommen

Nur 14% der ostdeutschen Frauen und 16% der westdeutschen sind der Auffassung, dass die Gleichstellung von Frauen bereits verwirklicht ist. Die ost- und die westdeutschen Frauen beurteilen den Stand der Gleichberechtigung wesentlich kritischer als die männlichen Befragten in Ost und West. Die größten Defizite werden nach wie vor im Bereich der Erwerbsarbeit beklagt. Nur 21% der Bevölkerung glauben, dass Frauen im Erwerbsleben die gleichen Chancen haben wie ihre männlichen Mitbewerber.31 Dementsprechend legt die überwältigende Mehrheit der Frauen den größten Wert auf die Gleichstellung bei Löhnen und Gehältern, bei der Berufswahl und den Aufstiegschancen.32 Gleichen sich in diesen Frage die Einschätzung der Mehrheit der Frauen in Ost und West weitgehend, so gibt es bei den frauenpolitischen Initiativen zur Umsetzung der Vereinbarkeit von "Familie und Beruf" nach wie vor Unterschiede. Nur 47% der ostdeutschen Frauen, im Gegensatz zu 58% der westdeutschen, wünschen sich die Möglichkeit, längere Zeit aus dem Beruf aussteigen zu können. Auch die Erleichterung von Teilzeitarbeit wird nur von 40% der ostdeutschen Frauen als adäquates Mittel gutgeheißen.33

Unzufriedenheit mit der Vertretung ihrer Interessen

Die Mehrheit der Frauen ist mit der Vertretung ihrer Interessen in der Politik unzufrieden. Nur eine Minderheit von 15% ist der Meinung, dass frauenspezifische Interessen in der Politik Berücksichtigung finden.34 Obschon der Politik gerade in Fragen der Arbeits- und Sozialpolitik große Handlungsmöglichkeiten zugesprochen werden, ist das politische Interesse und die Bereitschaft zu politischem Engagement bei den Frauen nur gering ausgeprägt. Nur 32 % der ost- und 36 % der westdeutschen Frauen gaben an, sich politisch zu interessieren.35 Während das politische Interesse in Westdeutschland innerhalb der letzten fünf Jahre bei Frauen und Männern wieder leicht angestiegen ist, hat es in Ostdeutschland weiter abgenommen. Die Unzufriedenheit mit dem politischen System ist insbesondere bei den jüngeren ostdeutschen Frauen sehr ausgeprägt. Bei den heute 25-Jährigen liegt der Anteil der "Systemzufriedenen", wie einer "Sächsischen Längsschnittsuntersuchung" zu entnehmen ist, bei nur 12 %.36 Besonders kritisch werden die Möglichkeiten politischer Mitgestaltung und die Verwirklichung einer "Chancengerechtigkeit" zwischen Ost und West und auch zwischen Frauen und Männern wahrgenommen.
Die konstatierte Unzufriedenheit hat bislang nicht zu einem breiteren (frauen-) politischen Engagement vonseiten der ostdeutschen Frauen geführt. Vielmehr dominieren individuelle Verarbeitungsstrategien, politische Passivität und Distanz zum politischen System.37 Letztere könnte in Zukunft insbesondere dann noch zunehmen, wenn junge ostdeutsche Frauen feststellen sollten, dass sie die von ihnen überwiegend präferierte "doppelte Lebensplanung" von Familie und Beruf nicht verwirklichen können.38 Der mehrheitlichen Bejahung der politischen Einheit und den mittlerweile selbstverständlich gewordenen gesellschaftlichen und politischen Freiheiten stünde dann die Erfahrung strukturbedingter Benachteiligungen entgegen, die insbesondere die persönlichen Entscheidungsspielräume von Frauen erheblich einschränken. Die Politik ist hier gefordert, die Ängste und Hoffnungen der jungen Frauen ernst zu nehmen und konsequent die Verwirklichung von Chancengleichheit voranzubringen. Andernfalls könnte sie vor allem bei den ostdeutschen Frauen in eine zunehmende Legitimationskrise geraten.


Fazit: Die Ungleichheit zwischen den "Schwestern" wird eher noch zunehmen

Auch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung haben sich die Lebenswelten und -wirklichkeiten von Frauen in Ost- und Westdeutschland noch nicht angeglichen. Nach wie vor favorisiert die Mehrheit der ostdeutschen Frauen den zu Zeiten der DDR alternativlos herrschenden Lebensentwurf einer vollzeiterwerbstätigen Mutter. Die im Vergleich zu Westdeutschland noch immer höhere Erwerbsquote der Frauen, die größere Erwerbsbeteiligung von jüngeren Müttern mit Kindern sowie die Tatsache, dass mehr ostdeutsche Frauen die Haupternährer ihrer Familien sind, verweisen auf ein Festhalten an diesem Modell.39 Die Frage bleibt jedoch, ob das "Beharrungsvermögen" der ostdeutschen Frauen auch in Zukunft den Transformationsprozessen des Arbeitsmarktes standhält. Das "Modell Ost" ist durch die beschriebenen Abdrängungsprozesse von Frauen aus gesicherten Beschäftigungsverhältnissen und die Verschlechterung der strukturellen Bedingungen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bereits heute starkem Druck ausgesetzt.
Gleichzeitig erodiert aber auch das sogenannte "Modell West" eines männlichen Vollzeiternährers und einer weiblichen Hausfrau und Mutter.40 Ein Zurück zu den "traditionellen Geschlechterarrangements" erscheint somit den realen Verhältnissen nicht mehr angemessen. Unter dem Druck des Arbeitsmarktes werden sich die Geschlechterverhältnisse in Zukunft weiter ausdifferenzieren. Schon bestehende Unterschiede und Hierarchien zwischen Frauen und auch zwischen Männern werden sich noch verstärken. Eine rein geschlechterdualistische Analyse der gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen muss folglich zunehmend komplexeren Betrachtungsweisen weichen. So wird es für eine Minderheit gut qualifizierter Frauen in Zukunft gute Aufstiegs- und Karrierechancen geben, während gleichzeitig niedrig qualifizierte Frauen in der Gefahr stehen, in ungesicherte sog. low jobs abgedrängt zu werden. Beispiele hierfür gibt es in Ostdeutschland seit der Wende hinreichend. Diese Gefahr besteht angesichts der weitergehenden Erosion des traditionellen "Normalarbeitsverhältnisses" allerdings auch für Männer. Auch sie finden sich zunehmend in unbefristeten und prekären Beschäftigungsverhältnissen wieder. In der feministischen Forschung wird des halb auch von einer "Feminisierung des Normalarbeitsverhältnisses"41 gesprochen. Eine gut situierte Karrierefrau hat somit möglicherweise weniger gemeinsam mit einer gering qualifizierten Frau im primären Dienstleistungssektor als mit ihrem männliche Managerkollegen. Die Ungleichheit zwischen den "Schwestern" wird sich dementsprechend in Zukunft weiter ausdifferenzieren.
Trotz der zunehmenden Komplexität der Geschlechter- und Arbeitsbeziehungen besitzt die Kategorie Geschlecht jedoch nach wie vor eine zentrale "Platzanweiserfunktion" 42 in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Die ostdeutschen Frauen mussten dies in den letzten zehn Jahren oftmals auf schmerzhafte Weise erfahren. Dass sich dies in Zukunft ändert, setzt vor allem eines voraus: Eine konsequent auf eine geschlechtergerechte Umverteilung von Erwerbs- und Familienarbeit ausgerichtete Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Diese einzufordern, verlangt nach gemeinsamer Anstrengung von Frauen und Männern in beiden Teilen Deutschlands.

Literaturhinweise

 1 Vgl. Hildegard Maria Nickel (1997): Der Transformationsprozess in Ost- und Westdeutschland und seine Folgen für das Geschlechterverhältnis. In: APuZ 51 (1997), S. 20-29. Vgl. auch dies. (1995): Frauen im Umbruch der Gesellschaft. Die zweifache Transformation in Deutschland und ihre ambivalenten Folgen. In: APuZ 36-37 (1995), S. 23-33 und dies.(1999): Industriegesellschaft am Ende - Arbeit abgeschafft? Frauen und der Geschlechterkampf um Erwerbsarbeit. In: StolzWillig, Brigitte/Veil, Mechthild (Hg.)(1999): Es rettet uns kein höh'res Wesen. Feministische Perspektiven der Arbeitsgesellschaft, Hamburg, S. 9-28.

 2 Vgl. Ingrid Kurz-Scherf (1995): Backlash? Oder: Feministische Perspektiven jenseits der Arbeitsmarktgesellschaft. In: Jansen, Mechthild M. u.a.(1995) (Hg.): Frauen in der Defensive. Zur backlash-Debatte in Deutschland, Münster, S. 130-156.

 3 Vgl. Frederike Maier (1991): Erwerbstätigkeit von Frauen. Geschlechtsspezifische Umbrüche im Arbeitsmarkt und Beschäftigungssystem. In: Westphal, Andreas/Herr, Hans-Jörg/Heine, Michael u.a. (Hg.) (1991): Wirtschaftspolitische Konsequenzen der deutschen Vereinigung, Frankfurt am Main, S. 295-318, hier S. 308.

 4 Bundesanstalt für Arbeit (2000) (Hg.): Arbeitsmarkt für Frauen. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen im Überblick, Sonderdruck aus den Amtlichen Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeit 4/2000, 385-420, hier S. 419.

 5 Ebd. S. 401f.

 6 Allerdings ist die Zahl der Frauen ohne Ausbildung in Ostdeutschland verschwindend gering, während im Westen 1998 immerhin noch 18% der erwerbstätigen Frauen ohne Ausbildung waren, Arbeitsmarkt für Frauen, a.a.O., S. 396.

 7 Stellvertretend für die Auffassung, Frauen in Ostdeutschland würden sich allmählich vom Arbeitsmarkt zurückziehen, sei hier eine Prognose des Instituts der Deutschen Wirtschaft von Mai 1997 wiedergegeben. Nach einer Meldung in der Badischen Zeitung vertrat des Institut der Deutschen Wirtschaft die Auffassung, die höhere Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern sei vor allem dadurch zu erklären, dass Frauen in Ostdeutschland eher auf den Arbeitsmarkt strömten als ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen. "Dieser Arbeitseifer werde angesichts schlechter Chancen im Erwerbsleben voraussichtlich", so die Prognose des Kölner Instituts, "bald nachlassen." Und, "so manches Problem könnte sich so ,von allein' lösen." Badische Zeitung vom 9. Mai 1997, WIR 1.

 8 Vgl. Gerhard Engelbrech/Jungkunst, Maria (1999): Die Zukunft der Frauenbeschäftigung. In: IAB Werkstattbericht, Nr. 20, 31.12.1999, S. 22. Vgl auch Arbeitsmarkt für Frauen, a.a.O., S.389f. und Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (1996): Erwerbstätigkeit von Frauen in Ost- und Westdeutschland weiterhin von steigender Bedeutung. In: DIW Wochenbericht 63 (1996), S. 461-469.

 9 Vgl. Ingrid Kurz-Scherf (1995): Krise der Arbeitsmarktgesellschaft - Patriarchale Blockaden. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 8 (1995), S. 975-984, hier S. 978.

10 Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (1995): Aspekte der Arbeitsmarktentwicklung in Ostdeutschland. Berufliche Aufstiege vorwiegend von Männern verwirklicht, öffentlicher Dienst bislang wichtiger Stabilisator für Beschäftigung von Frauen. In: DIW Wochenbericht 62 (1995), S. 405.

11 Vgl. Elke Holst/Schupp, Jürgen (1995): Zur Erwerbsorientierung von Frauen nach der deutschen Vereinigung - Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern notwendig. In: DIW Vierteljahresheft 1/64 (1995), S. 61.

12 Arbeitsmarkt für Frauen, a.a.O., S. 393.

13 Ebd.

14 Ebd., S. 397.

15 Vgl. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (1998): Arbeitszeitpräferenzen in West- und Ostdeutschland 1997. Potenzial für Verkürzung der Arbeitszeit gesunken. In: DIW Wochenbericht 65 (1998), S. 667-677, hier S. 675f.

16 Arbeitsmarkt für Frauen, a.a.O., S. 389.

17 Statistisches Bundesamt (Hg.) (1997): Datenreport 1997. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn, S. 451

18 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.) (1996): Gleichberechtigung von Frauen und Männern - Wirklichkeit und Einstellungen in der Bevölkerung 1996, Stuttgart, S. 25.

19 Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2000): Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Ein neues Steuerungsmodell sozialer Dienstleistungen. In: DIW Wochenbericht 67 (2000), S. 271.

20 Gunnar Winkler (Hg.) (1990): Frauenreport '90, 2. Auflage, Berlin, S. 63, diese Zahlen umfassen auch Lehrlinge und Studierende.

21 Ebd., S. 67.

22 Ebd., S. 88.

23 Ebd., S. 138ff.

24 Ebd., S. 143f.

25 Vgl. Christine Eifler (1998): Die deutsche Einheit und die Differenz weiblicher Lebensentwürfe. In: APuZ 41-42 (1998), S. 38ff.

26 Christine Ochs (1990): "Nicht alles, was die Partei der Frau zusammenbraute, gehört gleich in den Gully der Vereinigung". Frauen in der DDR. In: WSI-Mitteilungen 5/1990, S. 302.

27 Hildegard Maria Nickel: Der Transformationsprozess in Ost- und Westdeutschland und seine Folgen für das Geschlechterverhältnis. In. APuZ 51 (1997), S. 23f.

28 Christine Eifler (1998): Die deutsche Einheit und die Differenz weiblicher Lebensentwürfe. In: ApuZ 41-42 (1998), S. 37. Vgl auch Rohnstock, Katrin (1994)(Hg.): Stiefschwestern. Was Ost-Frauen und West-Frauen voneinander denken, Frankfurt am Main.

29 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.) (1996): Gleichberechtigung von Frauen und Männern - Wirklichkeit und Einstellungen in der Bevölkerung 1996, Stuttgart, S.73.

30 Institut für Demoskopie Allensbach (2000): Fraueninteressen und Frauenpolitik. Eine Repräsentativbefragung zu den Interessen von Frauen und ihre Erwartungen an die Politik, Allensbach, S. 5.

31 Ebd., S. 8.

32 Ebd., S. 18.

33 Ebd.

34 Ebd., S. 34.

35 Ebd., S. 47.

36 Förster, Peter (1999): Die 25-Jährigen auf dem langen Weg in das vereinte Deutschland. Ergebnisse einer seit 1987 laufenden Längsschnittstudie bei jungen Ostdeutschen. In: APuZ 43-44 (1999), S. 25

37 Vgl. Manuela Badur (1999): Junge Frauen in Ostdeutschland. Individualisierungsprozesse im Zuge der deutschen Einigung. In: APuZ 12 (1999), S. 27-33. Vgl. auch Angelika Puhlmann (1998): Arbeitslosigkeit und berufliche Neuorientierungen von Frauen in Ostdeutschland: Berufsbiografien und berufliche Qualifizierung im Umbruch, hg. vom Bundesinstitut für Berufsbildung, Bielefeld.

38 Hübner, Conchita/Gerdes, Johann/Genschow, Barbara (1998): Lebensplanung von Mädchen und jungen Frauen in Mecklenburg-Vorpommern. Studie im Auftrag der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Rostock.

39 Nickel (1999), a.a.O., S. 16.

40 Ebd.

41 Ebd.

42 Ebd., S. 22.

 


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