Zeitschrift Deutschland Ost - Die Wende: auch ein radikaler lebensgeschichtlicher Einschnitt Opfer, Verliererinnen, ungleiche Schwestern? |
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Zur Situation der Frauen in Ost- und Westdeutschland nach der Vereinigung Von Beate Rosenzweig Dr. Beate Rosenzweig ist Studienleiterin am Studienhaus Wiesneck - Institut für politische Bildung Baden-Württemberg e.V. und Lehrbeauftragte am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg. Sind die Frauen in den Neuen Bundesländern die
eigentlichen Verliererinnen der deutschen Vereinigung? Ganz
offensichtlich sind sie stärker von der Arbeitslosigkeit
betroffen als Männer, was u. a. damit zusammenhängt,
dass Branchen mit hohem Frauenanteil wie etwa die Textilindustrie
sich als weniger lebensfähig erwiesen haben. Hinzu
kommt, dass die Erwerbsquote von Frauen in der ehemaligen
DDR deutlich höher war als im Westen. Der Wunsch nach
Erwerbsfähigkeit ist entsprechend hoch geblieben. Frauen
in Deutschland Ost unterscheiden sich von Frauen in Deutschland
West immer noch darin, dass Vollerwerbstätigkeit in
ihrer Lebensplanung, verbunden mit gleichzeitiger Mutterschaft,
eine stärkere Rolle spielt. Gegen das traditionelle
"westdeutsche Familienmodell" mit dem Mann als Haupternährer
und der Frau als Zuverdienerin mit familienbedingten Auszeiten
und Teilzeitbeschäftigung sind die Frauen in Deutschland
Ost bislang weitgehend resistent geblieben. Von der deutschen Vereinigung stärker betroffen "Frauen sind die Verliererinnen der Einheit", dieses
Diktum war spätestens zwei Jahre nach der deutschen
Vereinigung quer durch alle politischen Lager zu hören.
Selbst diejenigen, die ansonsten die Erfolge des Vereinigungsprozesses
oder genauer des System- und Strukturwandels in den neuen
Bundesländern hervorhoben, kamen um die Erkenntnis
nicht herum, dass die Frauen in den neuen Bundesländern
die Hauptlast der Veränderungen zu tragen hatten. Kaum
ein Thema des deutschen Vereinigungsprozesses wurde zunächst
so ausgiebig erforscht und bei kaum einem anderen herrschte
in der Beurteilung scheinbar so weitgehend Einigkeit. Im
Zuge des ökonomischen Transformationsprozesses waren
und sind Frauen noch wesentlich stärker als ihre männlichen
Kollegen von Arbeitslosigkeit und Armut bedroht und betroffen.
Für viele Frauen folgte auf die von ihnen mehrheitlich
begrüßte deutsche Einheit die Konfrontation mit
dem Verlust des Arbeitsplatzes und damit einhergehend wichtiger
sozialer Kontakte, mit beruflicher Dequalifizierung, mit
dem Abbau von Kinderbetreuungseinrichtungen und dem Verlust
sozialer Sicherheit. Sie erlebten, dass das in der DDR propagierte
und von ihnen praktizierte Frauenleitbild einer vollzeiterwerbstätigen
Mutter nicht der gängigen Praxis des westdeutschen
Markt- und Gesellschaftsmodells entsprach. Kurz, Frauen
in den neuen Bundesländern erfuhren in noch größerem
Ausmaß als Männer das Jahr 1990 als einen massiven
Einschnitt in ihr Erwerbs- und Privatleben. Der Rückgriff auf die Opfer- und Verliererinnenthese reicht nicht länger aus Zur Erklärung dieser anhaltenden geschlechtsspezifischen
Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt reicht allerdings, wie
neuere feministische Forschungen zeigen, der Rückgriff
auf die Opfer- und Verliererinnenthese nicht länger
aus.1 Diese greift erstens zu kurz, weil sie
die Frauen, ganz in traditionell patriarchalischer Manier,
pauschal als Opfer abstempelt. Sie haben entweder das Glück
oder Pech gehabt, ein trockenes (Arbeits-)Plätzchen
im Zuge der Umstrukturierung zu ergattern, oder nicht. Schicksal,
Glück oder Pech, die dieser These zugrunde liegenden
Kriterien, verweisen Frauen in den Status der Passivität.
Sie können von den Eruptionen im Zuge der Transformationsprozesses
bestenfalls überrollt oder beflügelt werden, all
dies ohne ihr Zutun. Den komplexen und differenten Lebens-
und Berufslagen von Frauen und ihren vielfältigen,
individuellen und kollektiven Anstrengungen, die "Wende"
in ihrem persönlichen Leben zu bearbeiten, wird dies
keineswegs gerecht. Frauen und Männer waren und sind
nicht nur Opfer, sondern auch Akteure der "Wende" und des
gesellschaftlichen Wandels. Das so genannte "Glück"
auf dem Arbeitsmarkt hängt neben strukturellen Gegebenheiten
auch von handfesten persönlichen Startvoraussetzungen
und Anpassungsanstrengungen ab. Die ostdeutschen Frauen
haben dies in den letzten zehn Jahren eindrücklich
unter Beweis gestellt. Der vielfach prognostizierte Rückzug
von Frauen aus dem Arbeitsleben hat nicht stattgefunden.
Im Gegenteil, die ostdeutschen Frauen sind, vor allem aus
Gründen der Existenzsicherung, auch weiterhin in hohem
Maße erwerbsorientiert.
Deutlich höhere Arbeitslosigkeit bei den Frauen in den neuen Bundesländern Für die überwiegende Mehrheit der Frauen in
den neuen Bundesländern brachte die "Wende" sehr schnell
einen radikalen lebensgeschichtlichen Einschnitt mit sich.
Die Umstrukturierung von der Planwirtschaft zur sozialen
Marktwirtschaft bedeutete für viele das Ende ihrer
bis dahin selbstverständlichen Einbindung in das Berufsleben.
Erstmals in ihrer (Lebens-)Geschichte wurden Frauen wie
Männer mit dem Problem der offenen Arbeitslosigkeit
konfrontiert. Die Beschäftigungseinbrüche im Zuge
des ökonomischen Strukturwandels wirkten sich für
die Frauen noch dramatischer aus als für die Männer.
Waren sie zunächst bis Mitte 1990 aufgrund vermehrter
Entlassungen in den Männerdomänen, wie Militär-,
Staats- und Parteiapparat, proportional genauso stark von
Arbeitslosigkeit betroffen wie die Männer, so änderte
sich dieses Bild schon im Herbst 1990. Vor allem Wirtschaftszweige
mit traditionell hohem Frauenanteil, wie beispielsweise
die Textil- und Bekleidungsindustrie, oder die Leicht- und
Lebensmittelindustrie erwiesen sich im Zuge der Strukturkrise
als nicht überlebensfähig. Die Konsequenz war
ein überproportionaler Anstieg der Frauenerwerbslosigkeit.
In der Textilindustrie, in der zu DDR-Zeiten zwei Drittel
der Beschäftigten Frauen waren, ging beispielsweise
zwischen Herbst 1989 und Ende 1990 jeder 3. Arbeitsplatz
verloren. Im April 1991 kamen insgesamt auf eine offene
Stelle 37 Arbeitslose, während in der Textil- und Bekleidungsbranche
das Verhältnis bei 1:231 lag.3 Der stetige
Anstieg der Frauenarbeitslosigkeit erreichte im Jahre 1994
mit einer Quote von 21,5% (Männer 10,9%) seinen ersten
Höhepunkt.4 Bis 1995 blieb die Arbeitslosenquote der
Frauen annähernd doppelt so hoch wie die der Männer.
Erst seit 1998 ist ein langsamer Rückgang zu beobachten.
Nach wie vor liegt aber die Arbeitslosenquote der ostdeutschen
Frauen noch erheblich über der der Männer (1999:
Männer 15,5%, Frauen 20%). Nach wie vor ist der Wunsch nach Arbeit bei den ostdeutschen Frauen höher Die hohe Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern hat bis heute nicht zu einem, teilweise auch offen herbeigewünschten Rückzug der Frauen vom Arbeitsmarkt geführt.7 Zwar ging aufgrund der hohen Beschäftigungseinbrüche die Erwerbsbeteiligung der ostdeutschen Frauen insgesamt zurück, ihre Erwerbsquote, das heißt die Zahl derer, die arbeitslos gemeldet oder erwerbstätig ist, liegt mit 74% jedoch noch deutlich über der der Frauen in den alten Bundesländern (55,3%). Diese hohe Zahl darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die aktive Beschäftigung bei den ostdeutschen Frauen spürbar abgenommen hat. Betrachtet man die Zahl derer, die tatsächlich erwerbstätig sind, so kann man nahezu von einer Angleichung des Frauenanteils an den Erwerbstätigen in beiden Teilen Deutschlands seit 1991 sprechen. Trotz anfänglich rückläufiger Zahlen verbleibt die Erwerbsbeteiligung von ostdeutschen Frauen insgesamt auf konstant hohem Niveau, während gleichzeitig die Erwerbsquote der westdeutschen Frauen kontinuierlich ansteigt. Mit einem Rückzug der Frauen in Ost und West vom Arbeitsmarkt ist somit auch in Zukunft nicht zu rechnen, im Gegenteil, alle Prognosen deuten auf eine weitere Zunahme der Frauenerwerbsarbeit hin.8
Männer konnten sich wesentlich besser am Arbeitsmarkt behaupten Die Frage muss deshalb lauten, ob Frauen im Konkurrenzkampf um die knapper werdende Ressource Arbeit zunehmend ihren männlichen Mitkonkurrenten unterliegen, oder in unterwertige Beschäftigungen abgedrängt werden. Die Verdrängung von Frauen aus dem ostdeutschen Arbeitsmarkt deutet ebenso in diese Richtung, wie die seit der Vereinigung zu beobachtenden frauenspezifischen Dequalifizierungsprozesse. So hat sich der Anteil der Frauen an der Facharbeiterschaft nach der Wende halbiert, ihr Anteil an den höheren Angestelltenpositionen ist ebenfalls drastisch gesunken.9 Wie aus einer Längsschnittsuntersuchung der Erwerbsverläufe von Frauen und Männern zwischen 1990 und 1994 hervorgeht, hatte die Wende für Frauen stärker als für Männer beruflich dequalifizierende Konsequenzen. Männer konnten sich wesentlich besser am Arbeitsmarkt behaupten als Frauen. Insbesondere bei den geringer bewerteten Tätigkeiten mussten Frauen überdurchschnittliche Verluste hinnehmen. Frauen in qualifizierten Tätigkeiten konnten zwar in diesem Zeitraum ihren Berufsstatus noch häufiger erhalten als Männer, hingegen vollzogen Männer in weit größerem Umfang einen beruflichen Aufstieg.10 Auch bei einem Arbeitsplatzwechsel mussten Frauen öfter als Männer Verschlechterungen in Kauf nehmen. Dies bezieht sich auf die Art der Tätigkeit, die Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten sowie auf die Sicherheit des Arbeitsplatzes.11 Die Abdrängungs- und Schließungsprozesse zeigten sich in den neuen Bundesländern insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor. Beschäftigungsgewinne gab es hier nahezu ausschließlich für Männer. So ging der Frauenanteil im Verarbeitenden Gewerbe von 32% 1991 auf 21% 1997 zurück.12 Auch im Dienstleistungsbereich, in dem heute sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland der überwiegende Teil der Frauen beschäftigt ist, konnten sich Männer in den neuen Bundesländern besser durchsetzen als Frauen. Je besser die Berufsausbildung, desto günstiger die Aussichten - auch bei Frauen In Westdeutschland ist demgegenüber in den letzten
Jahren eine umgekehrte Entwicklung auszumachen. Hier konnten
Frauen von den Beschäftigungsgewinnen im Dienstleistungssektor,
insbesondere im Handel und Gastgewerbe, stärker profitierten
als Männer.13 In beiden Teilen Deutschlands
gilt: je besser die Berufsausbildung der Frauen, um so günstiger
sind die Aussichten auf einen Arbeitsplatz. So konnten in
Ost- und Westdeutschland in den letzten Jahren eine zunehmende
Zahl von gut ausgebildeten Akademikerinnen einen Arbeitsplatz
finden, jedoch oftmals durch die Aufnahme einer unterwertigen
Beschäftigung. "Das Risiko unterwertig beschäftigt
zu werden, ist bei Frauen nicht nur deutlich größer
als bei Männern, sondern es nahm", so das Ergebnis
einer Studie der Technischen Universität Berlin, "im
Zeitverlauf noch zu."14 Der hohe Stellenwert der Vereinbarkeit von Familie und Beruf Fasst man die Ergebnisse der Arbeitsmarktentwicklung
für die Frauen zehn Jahre nach der Wende zusammen,
so lassen sich neben strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen
Ost- und Westdeutschland auch erhebliche Unterschiede ausmachen.
In beiden Teilen Deutschlands ist der Arbeitsmarkt nach
wie vor geschlechtsspezifisch segregiert, das heißt
Frauen sind, was Arbeits-, Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten
angeht, eindeutig benachteiligt. Diese Benachteiligungen
treffen jedoch nicht auf alle Frauen in gleichem Maße
zu. Vielmehr schwächen sie sich insbesondere mit dem
Anstieg der beruflichen Qualifikation deutlich ab. Gleichstellungsvorsprung in der DDR? Die unterschiedliche Bedeutung, die der Frauenerwerbsarbeit
in den neuen Bundesländern zukommt, lässt sich
als ein "Erfolg" der DDR-Frauenpolitik werten. In konsequenter
Umsetzung der klassischen sozialistischen Emanzipationstheorie,
die die Frauenfrage als Teil der sozialen Frage definiert,
hatte die DDR von Anfang auf die Gleichberechtigung der
Frauen im Erwerbsleben gesetzt. Der auch von westdeutschen
Sozialwissenschaftlern konstatierte "Gleichstellungsvorsprung
der DDR" basierte auf einer staatlichen Frauenpolitik, die
die Erwerbsarbeit von Frauen einforderte und gleichzeitig
die Vereinbarkeit von Familie und Beruf förderte. Ein Aufbrechen traditioneller Rollenzuweisungen? Die weitgehende Vergesellschaftung und Kollektivierung
der Kindererziehung führte allerdings nicht zu einem
Aufbrechen der traditionellen Rollenzuweisungen. Trotz der
weitgehenden Integration von Frauen in den Erwerbsprozess
blieben die traditionellen Familienstrukturen und die geschlechtsspezifische
Aufgabenverteilung erhalten. Die erste, 1992 vom
Bundesministerium
für Frauen und Jugend in Auftrag gegebene vergleichende
Umfrage zur Gleichberechtigung in Deutschland belegte eindrücklich
die eindeutige Akzeptanz traditioneller Rollenvorstellungen
im Osten wie im Westen Deutschlands. Die Haushaltsführung
blieb und bleibt bis heute weiterhin die Domäne der
Frauen.25 Diese Rollenverteilung änderte
sich in der DDR trotz Berufstätigkeit der Frauen nicht.
Die einseitige staatliche Propagierung des homogenisierten
Ideals einer vollzeiterwerbstätigen Mutter, oder wie
dies Christiane Ochs einmal formuliert hat, "der
unbegrenzt belastungsfähigen Multifunktionsfrau"26
ließ die traditionellen Rollenbilder weitgehend unangetastet.
Während der Tätigkeitsbereich der Frauen erweitert
wurde, blieb der Aktionsradius der Männer auf die Erwerbsarbeit
beschränkt. In dieser Hinsicht lassen sich stärkere
Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen den Lebenswirklichkeiten
von Frauen und Männern im Osten und im Westen Deutschlands
auch nach vierzigjähriger "geteilter" Sozialisation
feststellen.
Unterschiedliche frauenpolitische Standpunkte Die Hoffnung vieler ostdeutscher Frauen, ihre Lebens- und Berufsvorstellungen unter den Bedingungen einer freiheitlichen gesellschaftlichen und politischen Ordnung kontinuierlich weiter umsetzen zu können, hat sich in vielen Fällen nicht erfüllt. Auch die Hoffnung, zumindest Elemente der sozialistischen Geschlechterordnung in das neue Gesellschaftssystem überführen zu können, erwies sich als Illusion. Die Übertragung des westdeutschen Modells erfolgte weitgehend ungebrochen, das heißt auch die von westdeutschen Frauen als positiv eingestuften "Errungenschaften der DDR-Frauenpolitik" konnten nicht in das vereinte Deutschland hinübergerettet werden. Für viele ostdeutsche aber auch westdeutsche Frauen folgte auf die Anfangseuphorie eine Phase der Ernüchterung und des Befremdens. Dies umso mehr als der erhoffte gegenseitige Austausch und eine wechselseitige Bestärkung zwischen Ost- und Westfrauen weitgehend ausblieben. Zu unterschiedlich waren die frauen- und gesellschaftspolitischen Erfahrungen und die damit verbundenen Lebensentwürfe und frauenpolitischen Strategien. Nicht Solidarität und gemeinsames frauenpolitisches Handeln bestimmten den Annäherungsprozess zwischen ost- und westdeutschen Frauen, sondern eher "Wahrnehmungs- und Kommunikationsblockaden". "So urteilten Westfrauen über Ostfrauen: ,DDR-Frauen sind selbstbewusst. Sie sind emanzipiert, aber in feministischer Hinsicht unterentwickelt'", während Ostfrauen Westfrauen oftmals vorwarfen, sich "arrogant, besserwisserisch und anmaßend" zu verhalten.28 Aus der unterschiedlichen politischen Sozialisation, geprägt durch "von oben verordnete Emanzipation" einerseits und eine "von unten" kontrovers geführten Debatte um Gleichberechtigung andererseits, resultieren bis heute unterschiedliche frauenpolitische Standpunkte. So fordern die ostdeutschen Frauen deutlich stärker als die westdeutschen staatliche Initiativen zur Verwirklichung der Gleichberechtigung.29 Dies deckt sich mit der in Ostdeutschland ohnehin stärker ausgeprägten Auffassung, dass soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherung zentrale Aufgabenfelder staatlichen Handelns sind. Die Unzufriedenheit mit den politischen Strukturen und dem Stand der Gleichberechtigung ist dementsprechend ausgeprägt. Der jüngsten Umfrage im Auftrag des Bundesfrauenministeriums zufolge sind 67 % der Ostdeutschen und 61% der Westdeutschen der Meinung, dass für die Gleichberechtigung der Frau noch einiges getan werden muss.30 Defizite in der Gleichstellung werden vor allem von den Frauen wahrgenommen Nur 14% der ostdeutschen Frauen und 16% der westdeutschen sind der Auffassung, dass die Gleichstellung von Frauen bereits verwirklicht ist. Die ost- und die westdeutschen Frauen beurteilen den Stand der Gleichberechtigung wesentlich kritischer als die männlichen Befragten in Ost und West. Die größten Defizite werden nach wie vor im Bereich der Erwerbsarbeit beklagt. Nur 21% der Bevölkerung glauben, dass Frauen im Erwerbsleben die gleichen Chancen haben wie ihre männlichen Mitbewerber.31 Dementsprechend legt die überwältigende Mehrheit der Frauen den größten Wert auf die Gleichstellung bei Löhnen und Gehältern, bei der Berufswahl und den Aufstiegschancen.32 Gleichen sich in diesen Frage die Einschätzung der Mehrheit der Frauen in Ost und West weitgehend, so gibt es bei den frauenpolitischen Initiativen zur Umsetzung der Vereinbarkeit von "Familie und Beruf" nach wie vor Unterschiede. Nur 47% der ostdeutschen Frauen, im Gegensatz zu 58% der westdeutschen, wünschen sich die Möglichkeit, längere Zeit aus dem Beruf aussteigen zu können. Auch die Erleichterung von Teilzeitarbeit wird nur von 40% der ostdeutschen Frauen als adäquates Mittel gutgeheißen.33 Unzufriedenheit mit der Vertretung ihrer Interessen Die Mehrheit der Frauen ist mit der Vertretung ihrer
Interessen in der Politik unzufrieden. Nur eine Minderheit
von 15% ist der Meinung, dass frauenspezifische Interessen
in der Politik Berücksichtigung finden.34
Obschon der Politik gerade in Fragen der Arbeits- und Sozialpolitik
große Handlungsmöglichkeiten zugesprochen werden,
ist das politische Interesse und die Bereitschaft zu politischem
Engagement bei den Frauen nur gering ausgeprägt. Nur
32 % der ost- und 36 % der westdeutschen Frauen gaben an,
sich politisch zu interessieren.35 Während
das politische Interesse in Westdeutschland innerhalb der
letzten fünf Jahre bei Frauen und Männern wieder
leicht angestiegen ist, hat es in Ostdeutschland weiter
abgenommen. Die Unzufriedenheit mit dem politischen System
ist insbesondere bei den jüngeren ostdeutschen Frauen
sehr ausgeprägt. Bei den heute 25-Jährigen liegt
der Anteil der "Systemzufriedenen", wie einer "Sächsischen
Längsschnittsuntersuchung" zu entnehmen ist, bei nur
12 %.36 Besonders kritisch werden die Möglichkeiten
politischer Mitgestaltung und die Verwirklichung einer "Chancengerechtigkeit"
zwischen Ost und West und auch zwischen Frauen und Männern
wahrgenommen.
Fazit: Die Ungleichheit zwischen den "Schwestern" wird eher noch zunehmen Auch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung haben sich
die Lebenswelten und -wirklichkeiten von Frauen in Ost-
und Westdeutschland noch nicht angeglichen. Nach wie vor
favorisiert die Mehrheit der ostdeutschen Frauen den zu
Zeiten der DDR alternativlos herrschenden Lebensentwurf
einer vollzeiterwerbstätigen Mutter. Die im Vergleich
zu Westdeutschland noch immer höhere Erwerbsquote der
Frauen, die größere Erwerbsbeteiligung von jüngeren
Müttern mit Kindern sowie die Tatsache, dass mehr ostdeutsche
Frauen die Haupternährer ihrer Familien sind, verweisen
auf ein Festhalten an diesem Modell.39 Die Frage
bleibt jedoch, ob das "Beharrungsvermögen" der ostdeutschen
Frauen auch in Zukunft den Transformationsprozessen des
Arbeitsmarktes standhält. Das "Modell Ost" ist durch
die beschriebenen Abdrängungsprozesse von Frauen aus
gesicherten Beschäftigungsverhältnissen und die
Verschlechterung der strukturellen Bedingungen der Vereinbarkeit
von Beruf und Familie bereits heute starkem Druck ausgesetzt.
Literaturhinweise 1 Vgl. Hildegard Maria Nickel (1997): Der Transformationsprozess in Ost- und Westdeutschland und seine Folgen für das Geschlechterverhältnis. In: APuZ 51 (1997), S. 20-29. Vgl. auch dies. (1995): Frauen im Umbruch der Gesellschaft. Die zweifache Transformation in Deutschland und ihre ambivalenten Folgen. In: APuZ 36-37 (1995), S. 23-33 und dies.(1999): Industriegesellschaft am Ende - Arbeit abgeschafft? Frauen und der Geschlechterkampf um Erwerbsarbeit. In: StolzWillig, Brigitte/Veil, Mechthild (Hg.)(1999): Es rettet uns kein höh'res Wesen. Feministische Perspektiven der Arbeitsgesellschaft, Hamburg, S. 9-28. 2 Vgl. Ingrid Kurz-Scherf (1995): Backlash? Oder: Feministische Perspektiven jenseits der Arbeitsmarktgesellschaft. In: Jansen, Mechthild M. u.a.(1995) (Hg.): Frauen in der Defensive. Zur backlash-Debatte in Deutschland, Münster, S. 130-156. 3 Vgl. Frederike Maier (1991): Erwerbstätigkeit von Frauen. Geschlechtsspezifische Umbrüche im Arbeitsmarkt und Beschäftigungssystem. In: Westphal, Andreas/Herr, Hans-Jörg/Heine, Michael u.a. (Hg.) (1991): Wirtschaftspolitische Konsequenzen der deutschen Vereinigung, Frankfurt am Main, S. 295-318, hier S. 308. 4 Bundesanstalt für Arbeit (2000) (Hg.): Arbeitsmarkt für Frauen. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen im Überblick, Sonderdruck aus den Amtlichen Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeit 4/2000, 385-420, hier S. 419. 5 Ebd. S. 401f. 6 Allerdings ist die Zahl der Frauen ohne Ausbildung in Ostdeutschland verschwindend gering, während im Westen 1998 immerhin noch 18% der erwerbstätigen Frauen ohne Ausbildung waren, Arbeitsmarkt für Frauen, a.a.O., S. 396. 7 Stellvertretend für die Auffassung, Frauen in Ostdeutschland würden sich allmählich vom Arbeitsmarkt zurückziehen, sei hier eine Prognose des Instituts der Deutschen Wirtschaft von Mai 1997 wiedergegeben. Nach einer Meldung in der Badischen Zeitung vertrat des Institut der Deutschen Wirtschaft die Auffassung, die höhere Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern sei vor allem dadurch zu erklären, dass Frauen in Ostdeutschland eher auf den Arbeitsmarkt strömten als ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen. "Dieser Arbeitseifer werde angesichts schlechter Chancen im Erwerbsleben voraussichtlich", so die Prognose des Kölner Instituts, "bald nachlassen." Und, "so manches Problem könnte sich so ,von allein' lösen." Badische Zeitung vom 9. Mai 1997, WIR 1. 8 Vgl. Gerhard Engelbrech/Jungkunst, Maria (1999): Die Zukunft der Frauenbeschäftigung. In: IAB Werkstattbericht, Nr. 20, 31.12.1999, S. 22. Vgl auch Arbeitsmarkt für Frauen, a.a.O., S.389f. und Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (1996): Erwerbstätigkeit von Frauen in Ost- und Westdeutschland weiterhin von steigender Bedeutung. In: DIW Wochenbericht 63 (1996), S. 461-469. 9 Vgl. Ingrid Kurz-Scherf (1995): Krise der Arbeitsmarktgesellschaft - Patriarchale Blockaden. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 8 (1995), S. 975-984, hier S. 978. 10 Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (1995): Aspekte der Arbeitsmarktentwicklung in Ostdeutschland. Berufliche Aufstiege vorwiegend von Männern verwirklicht, öffentlicher Dienst bislang wichtiger Stabilisator für Beschäftigung von Frauen. In: DIW Wochenbericht 62 (1995), S. 405. 11 Vgl. Elke Holst/Schupp, Jürgen (1995): Zur Erwerbsorientierung von Frauen nach der deutschen Vereinigung - Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern notwendig. In: DIW Vierteljahresheft 1/64 (1995), S. 61. 12 Arbeitsmarkt für Frauen, a.a.O., S. 393. 13 Ebd. 14 Ebd., S. 397. 15 Vgl. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (1998): Arbeitszeitpräferenzen in West- und Ostdeutschland 1997. Potenzial für Verkürzung der Arbeitszeit gesunken. In: DIW Wochenbericht 65 (1998), S. 667-677, hier S. 675f. 16 Arbeitsmarkt für Frauen, a.a.O., S. 389. 17 Statistisches Bundesamt (Hg.) (1997): Datenreport 1997. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn, S. 451 18 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.) (1996): Gleichberechtigung von Frauen und Männern - Wirklichkeit und Einstellungen in der Bevölkerung 1996, Stuttgart, S. 25. 19 Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2000): Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Ein neues Steuerungsmodell sozialer Dienstleistungen. In: DIW Wochenbericht 67 (2000), S. 271. 20 Gunnar Winkler (Hg.) (1990): Frauenreport '90, 2. Auflage, Berlin, S. 63, diese Zahlen umfassen auch Lehrlinge und Studierende. 21 Ebd., S. 67. 22 Ebd., S. 88. 23 Ebd., S. 138ff. 24 Ebd., S. 143f. 25 Vgl. Christine Eifler (1998): Die deutsche Einheit und die Differenz weiblicher Lebensentwürfe. In: APuZ 41-42 (1998), S. 38ff. 26 Christine Ochs (1990): "Nicht alles, was die Partei der Frau zusammenbraute, gehört gleich in den Gully der Vereinigung". Frauen in der DDR. In: WSI-Mitteilungen 5/1990, S. 302. 27 Hildegard Maria Nickel: Der Transformationsprozess in Ost- und Westdeutschland und seine Folgen für das Geschlechterverhältnis. In. APuZ 51 (1997), S. 23f. 28 Christine Eifler (1998): Die deutsche Einheit und die Differenz weiblicher Lebensentwürfe. In: ApuZ 41-42 (1998), S. 37. Vgl auch Rohnstock, Katrin (1994)(Hg.): Stiefschwestern. Was Ost-Frauen und West-Frauen voneinander denken, Frankfurt am Main. 29 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.) (1996): Gleichberechtigung von Frauen und Männern - Wirklichkeit und Einstellungen in der Bevölkerung 1996, Stuttgart, S.73. 30 Institut für Demoskopie Allensbach (2000): Fraueninteressen und Frauenpolitik. Eine Repräsentativbefragung zu den Interessen von Frauen und ihre Erwartungen an die Politik, Allensbach, S. 5. 31 Ebd., S. 8. 32 Ebd., S. 18. 33 Ebd. 34 Ebd., S. 34. 35 Ebd., S. 47. 36 Förster, Peter (1999): Die 25-Jährigen auf dem langen Weg in das vereinte Deutschland. Ergebnisse einer seit 1987 laufenden Längsschnittstudie bei jungen Ostdeutschen. In: APuZ 43-44 (1999), S. 25 37 Vgl. Manuela Badur (1999): Junge Frauen in Ostdeutschland. Individualisierungsprozesse im Zuge der deutschen Einigung. In: APuZ 12 (1999), S. 27-33. Vgl. auch Angelika Puhlmann (1998): Arbeitslosigkeit und berufliche Neuorientierungen von Frauen in Ostdeutschland: Berufsbiografien und berufliche Qualifizierung im Umbruch, hg. vom Bundesinstitut für Berufsbildung, Bielefeld. 38 Hübner, Conchita/Gerdes, Johann/Genschow, Barbara (1998): Lebensplanung von Mädchen und jungen Frauen in Mecklenburg-Vorpommern. Studie im Auftrag der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Rostock. 39 Nickel (1999), a.a.O., S. 16. 40 Ebd. 41 Ebd. 42 Ebd., S. 22.
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