Zeitschrift Islam in Deutschland Eine islamische "Kirche" gibt es nicht Die Rolle von Imam und Organisation im Islam Strukturen islamischer Organisationen im Vergleich zu kirchlichen Strukturen
in Westeuropa |
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Eine kirchenähnliche Organisationsform ist dem Islam von Haus aus fremd. Vermittler zwischen Gott und dem Individuum benötigt er nicht, seine Lehre ist einfach, feste Riten gibt es nicht, die Verhaltensvorschriften sind von jedermann ohne Schwierigkeiten zu verstehen. Von daher gibt es keine Priester im christlichen Sinne und keine Hierarchie, die organisatorische Konsequenzen hätte. Eine Ausnahme stellen die Schiiten dar und vor allem die zahlreichen mystischen Orden und Bruderschaften mit ihrem Lehrer-Schüler-Verhältnis. Unter Einfluss westlicher Modelle haben sich allerdings international tätige Organisationen gebildet, im staatlichen Bereich und bei den islamistisch eingestellten "Muslimbrüdern". In Deutschland wie in Westeuropa allgemein fehlen bislang islamische Strukturen, die den staatlichen Strukturen kompatibel wären, wie das bei den christlichen Kirchen der Fall ist. Red. Die Übereinstimmung religiöser und staatlicher Strukturen im christlichen Europa Die Organisation des Islams als der zweiten großen Religionsgruppe1
in Deutschland nach dem Christentum zeigt eine Vielzahl interner und externe
Probleme auf, die für die Zukunft des Zusammenlebens von Muslimen und Mehrheitsgesellschaft
von großer Bedeutung sind. Dies ist aber nicht nur ein Phänomen,
das den Islam in Deutschland oder Europa betrifft, sondern die islamische Welt
in ihrer Gesamtheit tangiert. Diese Probleme beruhen vor allem auf den unterschiedlichen
Auffassungen des grundsätzlichen Verhältnisses von Gott und Menschen
im Christentum, das in seiner europäischen Form und Geschichte Kultur und
Politik in Deutschland geprägt hat, von den besonderen kulturellen und
politischen Bedingungen Europas, aber auch durch eine lange gemeinsame Geschichte
beeinflusst wurde. Da der Islam keine Vermittlungsinstanz braucht, ist ihm Hierarchisierung fremd Der Islam kennt diese Form der Hierarchisierung grundsätzlich nicht.3
Nach islamischem Verständnis ist der Mensch unmittelbar zu Gott. Die Beziehung
zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen bedarf keiner Vermittlungsinstanz
natürlicher Art.4 Lediglich die Engel werden als Vermittler der göttlichen
Botschaft an die Menschheit verstanden.5 Nach einer Auffassung, die auch heute
noch von vielen Muslimen vertreten wird, reichen der Koran, als das unerschaffene
Wort Gottes und das Vorbild des Propheten Muhammad aus, um dem Menschen den
rechten Weg zu weisen. Indem der Mensch sich diese beiden Quellen zur Richtschnur
seines Lebens macht, übernimmt er die Verantwortung für sein Leben
und sein Verhältnis zu Gott. Sie kann ihm nicht durch religiöse Funktionsträger
wie Priester, Zauberer, Wahrsager oder Schamanen abgenommen werden. Die theologischen
Grundtatsachen des Islams sind so einfach, dass ihre Kenntnis ohne aufwendige
Studien und geistige Übungen von jedem Muslim erlernt werden kann. Auch
die Tatsache, dass der Islam keine besonders komplex ausgebildeten Rituale kennt,
führt dazu, dass der einzelne Muslim ohne weitere Schwierigkeiten in der
Lage ist, die formalen Voraussetzungen für die Erfüllung seiner religiösen
Pflichten zu beherrschen. Es hat sich daher auch kein Lehramt herausgebildet.
Zu Recht spricht Harald Motzki von einer "Abkoppelung des islamischen Rechts
von der Legislative" und von einer "Privatisierung des Rechts".6 Die Rolle des Imam kann im Prinzip jeder übernehmen Dies lässt sich an einer Reihe von Beispielen verdeutlichen. Zu den bedeutenden Glaubenspflichten der Muslime gehört das tägliche Pflichtgebet (Salât), das jeder Gläubige in festgelegten Zeiträumen im Zustand ritueller Reinheit vollziehen muss. Es handelt sich dabei um zunächst ein Individualgebet, dessen Form genau festgelegt ist. Vorgeschrieben ist der Ablauf der einzelnen formelhaften Gebetsteile und die Einnahme bestimmter Körperhaltungen. Die islamische Tradition empfiehlt jedoch, dass die Muslime dieses Gebet in Gemeinschaft mit anderen Gläubigen durchführen sollten. Als Gemeinschaftsgebet verpflichtend ist das Freitagsgebet, das am Freitagmittag in der Hauptmoschee einer muslimischen Stadt praktiziert wird. An ihm sollten alle Muslime der Stadt teilnehmen. Immer wenn mehrere Muslime gemeinsam beten, sollte das Gebet durch einen Vorbeter (Imâm) geleitet werden. Dafür gibt es keine dogmatischen Gründe. Die islamischen Traditionen weisen vielmehr darauf hin, dass es die Funktion des Vorbeters ist, dafür zu sorgen, dass die Gemeinschaft der Betenden das Ritual gleichzeitig, gleichmäßig und in einer geordneten Form vollzieht. Die Aufgabe des Vorbeters kann von jedem Muslim übernommen werden, der dazu in der Lage ist. Er muss dafür lediglich den Ablauf des Gebets kennen und darf nicht über körperliche Gebrechen verfügen, die den korrekten Vollzug behindern oder unmöglich machen. Da die Gebetsformeln auf Arabisch rezitiert werden müssen, muss der Vorbeter sie in dieser Sprache auswendig kennen, wobei auch auf die korrekte Aussprache wert gelegt wird.10 Im Übrigen sind aber keine Voraussetzung zur Ausführung dieser rituellen Funktion notwendig. Allerdings können Frauen die Funktion des Imâm nur dann ausfüllen, wenn die Gemeinschaft der Betenden ausschließlich aus weiblichen Personen besteht. Daher wechselt diese Aufgabe in vielen Moscheegemeinden zwischen verschiedenen Personen und wird lediglich als Zeichen des besonderen Respektes, den eine Betergemeinschaft einer bestimmten Person entgegenbringt, gewertet.
Allerdings hat bei den Schiiten der Imam eine andere Bedeutung Im schiitischen Islam, dessen Anhänger ca. 18 % der Weltmuslimbevölkerung ausmachen, spielt der Imam-Begriff dagegen eine weitgehend andere Rolle. Natürlich werden auch hier die Vorbeter beim Gemeinschaftsgebet als Imam bezeichnet. Dieser Titel wird aber auch für die ersten Führer der schiitischen Gemeinde verwendet, die aufgrund ihrer genealogischen Nähe zum Propheten Muhammad über eine besondere Fähigkeit der Auslegung des Korans und der übrigen Quellen des islamischen Rechts verfügen. Ohne die Führung durch die Imame sind die Gläubigen nicht in der Lage, ihr Leben nach dem Willen Gottes zu führen. Das islamische Dogma wird im schiitischen Kontext daher um den Artikel der Unabdingbarkeit der Leitung der Gläubigen durch den Imam erweitert. Je nach der Tradition glauben die verschiedenen schiitischen Konfessionen an eine Kette von fünf, sieben oder zwölf Imamen. Die größte der Gruppen ist die sogen. Zwölfer-Schia. Die Schiiten erwarten die Rückkehr des in der Verborgenheit befindlichen Imam. Diese Heilserwartung hat in der Regel einen quietistischen Charakter. Sie kann aber unter speziellen Umständen in revolutionäre Aktionen umschlagen.11 Eine gewisse Zurückhaltung des Islam gegenüber dem Staat und seinen Institutionen Die kaum ausgebildeten formalen Strukturen des Islams mögen insofern
überraschen, als ja die auch unter Muslimen weit verbreitete Ansicht besteht,
dass Islam Religion und Staat zugleich seien oder sein sollten. Auch die Tatsache,
dass in islamischen Staaten islamisches Recht zur Anwendung kommen soll und
teilweise auch tatsächlich praktiziert wird, lässt Widerspruch zu
den vorausgehenden Ausführungen erwarten. Andererseits ist festzustellen,
dass vor allem fromme Muslime sich gegenüber den staatlichen Autoritäten,
denen sie sich gegenüber sahen, immer sehr distanziert verhalten haben,
weil sie ihre Legitimität in Frage stellten. So stellte denn das staatliche
System in der islamischen Welt zunächst kein Vorbild für die entsprechenden
religiösen Strukturen dar. So wie die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen
nach islamischem Verständnis ein persönliches Verhältnis ist,
haben Frühformen islamischer Organisationen stets von privaten Initiativen
ihren Ausgang genommen. Dies gilt beispielsweise für alle Formen traditioneller
islamischer Wissenschaften und Erziehung. Die Entwicklung von Korankommentierung,
der Sammlung von Prophetentraditionen, den weiteren islamischen Rechtsquellen
etc. sind immer auf die Initiative einzelner Muslime zurückzuführen.12
Staatlicher Einfluss führte zu einem "offiziellen" Islam, gegen den sich jedoch Widerstand bildete In einem komplexen politischen Vorgang, der hier nicht geschildert werden
kann, hatten die politischen Führungen der verschiedenen islamischen Staaten
seit den Reformbemühungen des 19. Jahrhunderts die Kontrolle der "Frommen
Stiftungen" übernommen und auf diese Weise eine staatliche Struktur für
religiöse Angelegenheiten geschaffen, die bis dahin nicht vorhanden gewesen
war.14 In einigen Fällen entstanden eigene Ministerien für religiöse
Angelegenheiten, in anderen wurden die entsprechenden Aufgaben den jeweiligen
Innenministerien oder dem Amt des Ministerpräsidenten zugeordnet. Diese
Machtübernahme im religiösen Bereich durch staatliche Stellen wurde
von den Vertretern der religiösen Autoritäten natürlich nicht
ohne Kritik hingenommen. Es war ihnen in der Regel aber nicht möglich,
sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. Diese Religionsämter kontrollieren
in vielen islamischen Staaten Bereiche des islamischen Lebens, die von staatlichen
finanziellen Leistungen abhängig sind. Dies gilt für die verschiedenen
Ausbildungsstätten des religiösen Personals und für die Bereiche
der religiösen Praxis, die bis dahin von den "frommen Stiftungen" finanziert
worden waren. Hier sind vor allem große Moscheen mit einem vielköpfigen
Stab an Vorbetern, Predigern, Ordnungskräften und Personal für Unterhalt
und Sauberkeit zu nennen. Auch die Sachmittel für den Unterhalt der Moscheen
stammen aus dem staatlichen Budget. Islamische Mystik mit dem Autoritätsverhältnis Lehrer-Schüler Religiöse Organisationen entwickelten sich im islamischen Kontext in einem erstaunlichen Zusammenhang, dem der Mystik. Seit dem frühen 8. Jahrhundert war in der islamischen Welt aus asketische Bewegungen heraus eine spezifisches Mystik entstanden. Ziel der Mystikerwar die "Vereinigung mit Gott", die unio mystica. Um diese zu erreichen, war nach der Auffassung der Mystiker ein Weg zu beschreiten, der zahlreiche Risiken in sich barg.16 Auf diesem Weg war nur voranzukommen, wenn man sich einem Meister anvertraute, der diesen Weg schon erfolgreich gegangen war. Aus dieser Situation entwickelte sich jeweils ein natürliches Autoritätsverhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Mit einem Anwachsen der Anhänger der islamischen Mystik ergaben sich dann zahlreiche derartige Beziehungen, die schließlich in hierarchisch organisierte Gemeinschaften mündeten, die in der westlichen Literatur als "Bruderschaften" oder "Orden" bezeichnet werden. Der arabische Name dieser Organisationen Tarîqa (p. turuq) bezieht sich auf den Weg, den die Mystiker auf ihrem Pfad der Gotteserkenntnis gehen müssen. Die Anhänger rekrutierten sich aus allen sozialen Schichten der islamischen Gesellschaften. Im Gegensatz zu manchen anders lautenden Feststellungen waren und sind auch Frauen Mitglieder dieser Gemeinschaften.17 Eine Fülle von Bruderschaften breitet sich aus Mit einer Popularisierung der mystischen Vorstellungen im Islam kam es seit
dem islamischen Mittelalter zu einer ungeheuren Ausbreitung dieser Orden, die
mehr und mehr an religiösem, aber auch politischem und wirtschaftliche
Einfluss gewannen. Manche Bruderschaften fanden lediglich eine regionale Anhängerschaft,
in der die lokalen und regionalen kulturellen Besonderheiten eine besondere
Rolle spielten, andere konnten sich über Großräume der islamischen
Welt verbreiten, wenn sie auch auf die spezifischen Bedingungen der einzelnen
Regionen Rücksicht nehmen mussten.18 Dabei sind es vor allem die älteren
Gruppen, die eine überregionale Verbreitung haben. Zu nennen sind hier
vor allem die Bruderschaften der Qâdiriyya oder die Rifâ'iyya.19
Jüngere Gründungen haben dagegen auf eine spezifische Kultur oder
Gesellschaft bezogene Bedeutung. So ist die Bruderschaft der Tîjâniyya
nahezu ausschließlich in Nord- und Westafrika verbreitet.20 Die Chistiyya
dagegen ist eine Bruderschaft, die auf den indischen Subkontinent und die indische
Diaspora beschränkt ist.21 Die aus dieser Rücksicht deutlich werdende
Flexibilität der Organisationen machte und macht ihre besondere Stärke
aus. Manche Bruderschaften lassen ihren Mitgliedern die Möglichkeit, zur
gleichen Zeit mehreren unterschiedlichen Gemeinschaften anzugehören. Andere
können als exklusivistisch bezeichnet werden. Sie untersagen ihren Angehörigen
den Kontakt zu anderen Bruderschaften. Die Flexibilität der Bruderschaften
kann sich auch auf neue soziale Verhältnisse und die aus diesen resultierenden
Bedürfnisse der Mitglieder beziehen. So entstand im Ägypten der 50er-Jahre
des 20. Jahrhunderts eine Mystikerorganisation, die sich mit ihren Angeboten
speziell an die wachsende Zahl der Staatsangestellten der unteren und mittleren
Ebene wandte. Auch in ihrer Organisationsstruktur glich sie sich den hoch bürokratischen
Verhältnissen des ägyptischen Staatsapparates an.22 Organisatorisch an westlichen Vorbildern orientiert: die "Muslimbrüder" Die organisatorischen Strukturen der mystischen Bruderschaften waren zunächst
Vorbild von reformerischen islamischen Organisationen, die sich seit der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Teilen der islamischen Welt
bildeten, aus denen sich wiederum radikale muslimische Organisationen entwickelten,
die mit auch dem Schlagwort "fundamentalistisch" bezeichnet werden. Die Organisation,
die die größten politischen und sozialen Erfolge zu verzeichnen hatte,
ist die der "Muslimbrüder" (Al-Ikhwân al-Muslimîn), die 1928
von dem ägyptischen Lehrer Hassan al-Bannâ gegründet worden
war. Das Ziel der Organisation war und ist es, der Säkularisierung und
Verwestlichung der islamischen Gesellschaften paroli zu bieten. Es gehört
zu den Treppenwitzen der nahöstlichen Ideologiegeschichte, dass al-Bannâ
seiner Organisation später eine Form gab, die auf westliche Vorbilder zurückgeht,
die des Vereins oder der Kooperation, Institute, die in der islamischen Rechtsgeschichte
weitgehend unbekannt sind. Die "Muslimbrüder" sind einerseits hierarchisch
organisiert in eine Zentrale, verschiedene Zentren, Unterabteilungen und kleinere
Einheiten, in denen sich die Verwaltungsstrukturen zunächst Ägyptens,
dann der anderen islamischen, vorwiegend arabischen Staaten, in denen die Gruppe
aktiv war, abbildeten.28 Daneben existieren verschiedene, in sich wiederum hierarchisch
aufgebaute funktionale Organisationen wie eine für Studenten, Arbeiter
oder Frauen. Vor allem die Studentenorganisationen sorgten für eine weite,
über die islamische Welt hinausgehende Verbreitung der Ideologie der "Muslimbrüder",
da solche Gruppen muslimischer Studenten auch an Universitäten westlicher
Länder entstanden. In den USA z. B. wurden entsprechende Gruppen zu den
Geburtsstätten von muslimischen Organisationen, die sich nach und nach
landesweite Bedeutung verschaffen konnten.29 Panislamismus: Anpassung an erfolgreiche westliche Organisationsmodelle Nicht nur islamisches Recht und theologische Dogmatik hatten sich dem Beginn des 19. Jahrhunderts der verstärkten Notwendigkeit gegenüber gesehen, auf einen durch den Westen ausgelösten, sich beschleunigenden kulturellen und sozialen Wandel zu reagieren. Auch die politischen Eliten der islamischen Welt sahen sich einer als überlegen empfundenen westlichen Macht gegenüber, die ihnen - fälschlicherweise - als einheitlich und kompakt erschien. Es entstand der Eindruck, dass die islamische Welt in eine Vielzahl von häufig verfeindeten Staaten zersplittert sei. Hierin wurde die besondere Schwäche der islamischen Welt gesehen. Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte es unter der Herrschaft des osmanischen Sultans Abdul Hamid II. Bemühungen zu einer Einigung der islamischen Welt unter der Führung des osmanischen Herrschers gegeben, der zu diesem Zweck seinen mit religiösen Vorstellungen verbundenen Titel Khalif in den Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt hatte. Diese Bewegung ging unter der Überschrift Panislamismus in die Darstellungen zur islamischen Ideologiegeschichte ein.33 Das Schlagwort von der "panislamischen Bewegung" hatte in der westlichen Öffentlichkeit noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts Reaktionen zur Folge, wie wir sie heute bei der Erwähnung des "islamischen Fundamentalismus" feststellen können. Zu einer ernst zu nehmenden politischen Kraft konnte sich dieser Panislamismus aber nicht entwickeln. Nach der Auflösung des Osmanischen Reiches und der Abschaffung des Kalifats durch die türkische Nationalversammlung in der Folge der osmanischen Niederlage im Ersten Weltkrieg entstand ein politisch-ideologisches Vakuum, das bis dahin durch den Kalifen in Istanbul gefüllt worden war.34 In der Folge gab es immer wieder vergebliche Anläufe, eine einheitliche, für die gesamte islamische Welt sprechende Organisation zu etablieren. Grund für diese Misserfolge war u. a. die Tatsache, dass der überwiegende Teil der islamischen Staaten bis zum Beginn der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts unter einer unterschiedlich direkten, aber immer deutlichen Bevormundung der großen westlichen Kolonialmächte stand. Die "Liga der islamischen Welt" als internationales Sprachrohr Erst mit dem Erfolg der antikolonialen Bewegung waren die Voraussetzungen
gegeben, eine Organisation aufzubauen, die als Sprachrohr der islamischen Welt
im internationalen Rahmen dienen konnte. Im Jahr 1962 wurde die Liga der islamischen
Welt gegründet, die sich inzwischen zur wichtigsten internationalen muslimischen
Organisation entwickeln konnte. Schon in einer ihrer ersten Verlautbarungen
macht die Liga ihre Ziele deutlich. Zu ihren Aufgaben gehört danach, "durch
Rechtsgutachten (Fatâwâ) und Rechtswissenschaft (Fiqh) die Basis
für eine wahrhaft islamische Herrschaft zu schaffen, durch Mission (Da'wa)
vor allem in Afrika islamische Präsenz zu schaffen, durch Publizistik eine
internationale islamische Öffentlichkeit zu schaffen und ,feindliche' Ideologien
zu bekämpfen, schließlich durch eine organisierte Kontrolle die Integrität
der Pilgerfahrt zu wahren".35 Im gleichen Jahr veröffentlichte die Organisation
eine Grundsatzerklärung, die für die weitere Politik der Liga bestimmend
geblieben ist. Der Text hat den folgenden Wortlaut: Die "Organisation der islamischen Konferenz" zur Wahrung gemeinsamer Interessen Während sich die Islamische Weltliga als religiöse und kulturelle
Organisation versteht, fehlte aus der Sicht mancher Muslime eine Organisation,
in der die islamischen Staaten ihre gemeinsamen Interessen gegenüber anderen
Zusammenschlüssen von Staaten einer Weltregion, wie der Europäischen
Union, oder gemeinsamen ideologischen Vorstellungen, wie dem Warschauer Pakt,
formulierten. Allerdings gibt es bekanntlich auch keinen Zusammenschluss katholischer
oder buddhistischer Staaten. Insofern ist die Gründung der Islamischen
Konferenzorganisation ein singulärer Vorgang geblieben. Auslösendes
Moment für die Gründung dieser Organisation war der Brand der al-Aqsâ-Moschee
in Jerusalem am 21. August 1969. Im Herbst dieses Jahres hatten die Könige
von Marokko und Saudi-Arabien zu einer ersten islamischen Gipfelkonferenz geladen.
Doch erst 1972 wurde auf einer Außenministerkonferenz der islamischen
Staaten in Djidda der Beschluss, die Organisation der islamischen Konferenz
(OIC) zu gründen, gefasst. Mitglied der Organisation kann jeder islamische
Staat werden. Es wurde allerdings vermieden zu definieren, was ein islamischer
Staat sei. So wurden nicht nur Staaten wie Libanon oder Senegal, sondern auch
Mozambique und die Republik Surinam aufgenommen. Der Indischen Union wurde dagegen
die Mitgliedschaft verwehrt, obwohl in Indien eine zahlenmäßig große
muslimische Minderheit lebt. Hier sei auf zwei für das Selbstverständnis
der Organisation wichtige Aussagen hingewiesen:
Effektive Organisationsformen für die europäischen Muslime fehlen nach wie vor Die spezifischen Organisationsformen des Islams genügten und genügen teilweise auch heute den Bedingungen, unter denen Muslime in Staaten und Gesellschaften mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit leben. Kompliziert wird die Situation, wenn sich die unstrukturierten Organisationsformen hierarchischen, teilweise hoch bürokratischen Strukturen gegenübersehen, wie sie für das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland bzw. Westeuropa kennzeichnend sind. Eine Mehrheit von Muslime in Deutschland ist mit der bisher üblichen Organisationsform des "eingetragenen Vereins" immer weniger zufrieden. Sie fordern eine Gleichbehandlung mit den großen christlichen Religionsgemeinschaften. Dies erscheint aber erst dann möglich, wenn die hier lebenden Muslime Strukturen entwickelt und für die muslimische Mehrheit in Deutschland akzeptabel gemacht haben, die mit den deutschen Verwaltungsstrukturen ausreichend kompatibel sind.
Fußnoten 1 Über die Anzahl der in Deutschland lebenden Muslime gibt es keine genauen Angaben; die Schätzungen schwanken zwischen 2,7 und 3,3 Millionen Personen. Regionale Schwerpunkte sind die Großräume um München und Hannover, das Rhein-Main-Gebiet, das Ruhrgebiet und Berlin. 2 S. dazu : Nicklas Luhmann: Funktion der Religion. Frankfurt/M. 1977 3 Eine Ausnahme bilden hier die verschiedenen Formen des schiitischen Islams, die eine besondere Form von "Klerus" entwickelt haben und daher in verschiedener Hinsicht moderner agieren können als der sunnitische Mehrheitsislam, s. dazu Meir Litvak: Shi´i Scholars of Nineteenth-Century Iraq. The `Ulama`of Najaf and Karbala´. Cambridge 1998 S. 21-44; Udo Steinbach: Der Islam in ausgewählten Staaten: Iran, in: Werner Ende/Udo Steinbach (Ed.): Der Islam in der Gegenwart. 4. Aufl. München 1996 S. 246-263; Ferhad Ibrahim: Konfessionalismus und Politik in der arabischen Welt. Die Schiiten im Irak. Münster 1997 S. 42-47; 259-265 4 Rudi Paret: Die Gottesvorstellung im Islam, in: Zeitschrift für Missions- und Religionswissenschaft 34 (1950) S. 81-91 5 Louis Gardet: Les anges en Islam, in: Studia Missionalia 21 (1972) S. 207-227; F. Jaadane: La place des anges dans la théologie cosmique musulmane, in: Studia Islamica 41 (1975) S. 23-61 6 Harald Motzki; Die Entstehung des Rechts, in: Albrecht Noth u. Jürgen Paul (Hg.): Der islamische Orient. Grundzüge seiner Geschichte. Würzburg 1998 S. 151-172, hier S. 165 7 S. dazu: Richard W. Bulliet: Conversion to Islam in the Medieval Period. An Essay in Quantitative History. Cambridge Maß. 1979 8 Zur Islamisierung im Allgemeinen s. immer noch T.W. Arnold: The Preaching of Islam. London 1935; in diesen Weltregionen s. J. Spencer Trimingham: The Influence of Islam upon Africa. Beirut 1968 S. 34-52; Annemarie Schimmel: Der Islam auf dem indischen Subkontinent. Darmstadt 1983 S. 5-30; J. C. van Leur: Indonesian Trade and Society. The Hague 1955; S. Q. Fatimi: Islam comes to Malaysia. Singapore 1963 9 Viele Muslime würden einer solchen Darstellung widersprechen, weil sie den Islam als eine einheitliche Lebensform begreifen. Die unterschiedlichen Ausprägungen der religiösen Praxis von Muslimen in den verschiedenen Kulturen können sie dennoch nicht leugnen; zur Gesamtproblematik s. Leif Manger (Ed.): Muslim Diversity. Local Islam in Global Contexts. Richmond 1999 10 Die Bemühungen einzelner Nationalisten in islamischen Staaten, das Arabische als Ritualsprache zu verdrängen, ist in der Regel nicht erfolgreich gewesen. 11 Yann Richard: Der verborgene Imam. Die Geschichte des Schiismus im Iran. Berlin 1983 S. 11-31; Heinz Halm: Die Schia. Darmstadt 1988 S. 41-47 12 George Makdisi: The Rise of Colleges. Institutions of Learning in Islam and the West. Edinburgh 1981; Jonathan Berkey: The Transmission of Knowledge in Medieval Cairo. A Social History of Islamic Education. Princeton 1992: 44-90 13 Ein guter Überblick über die Einrichtung der "frommen Stiftungen" als rechtliches Institut des Islamischen Rechts findet sich bei: Franz Kogelmann: islamische fromme Stiftungen und Staat. Der Wandel der Beziehungen zwischen einer religiösen Institution und dem marokkanischen Staat seit dem 19. Jahrhundert bis 1937. Würzburg 1997 S. 25-37 14 S. dafür z. B. A. Chris Eccel: Egypt, Islam and Social Change: Al-Azhar in Conflict and Accomodation. Berlin 1984 S. 73-78 15 S. dazu z.B. Bruce Brothwick: The Islamic Sermon as a Channel of Political Communication in Syria, Jordan and Egypt. Ann Arbor 1965 16 Zur Geschichte der islamischen Mystik s. vor allem Annemarie Schimmel: Mystical Dimentions of Islam. Chapel Hill 1975 17 Daisy Hilse Dwyer: Women, Sufism, and Decision-Making in Moroccan Islam, in: Lois Beck and Nickie Keddie (Ed.): Women in the Muslim World. Cambridge/Maß. 1978 S. 585-598; Elizabeth Fernea and Robert Fernea: Variation in Religious Observance among Muslim Women, in: Nikkie Keddie (Ed.): Scholars, Saints, and Sufis. Muslim Religious Institutions in the Middle East since 1500. Berkeley 1972 18 Als ein Beispiel unter vielen sei hier genannt: Abner Cohen: Customs and Politics in Urban Africa. A Study of Hausa Migrants in Yoruba Towns. London 1969 19 J. Spencer Trimingham: The Sufi Orders in Islam. Oxford 1971 S. 27-44 20 Jamil Abun-Nasr: The Tijaniya. London 1965 21 K. A. Nizami: Chishtiyya in: Encyclopaedia of Islam, vol. II. Leiden 1954 S. 49-56 22 Das beste Beispiel dafür ist: Michael Gilsenan: Saint and Sufi in Modern Egypt. An Essay in the Sociology of Religion. Oxford 1973 23 Cohen, wie oben 24 Z. B. L'Émir Abd El Kader. 1808-1883. Du fanatisme musulman au patriotisme Francais. Paris 1925 25 Rüdiger Seesemann: Ahmadu Bamba und die Entstehung der Murîdîya. Analyse religiöser und historischer Hintergründe. Berlin 1993 26 Martin van Bruinessen: The Origin and Development of Sufi Orders (Tarekat) in Indonesia, in: Studia Islamika; Indonesian Journal für Islamic Studies 1 (1994) S. 1-25 27 S. z. B. Klaus Kreiser: Notes sur le présent et le passé des ordres mystiques en Turquie, in: A. Popovic u. G. Veinstein (Ed.): Les ordres mystiques dans l'Islam. Cheminements et situation actuelle. Paris 1985 S. 49-61; Frederik de Jong: Les confréries mystiques musulmanes au Machreq arabe: centres de gravité, signes de déclin et de renaissance, in: A. Popovic u. G. Veinstein S. 205-243; Ali Merad: Ibn Badis. Commentateur du Coran. Paris 1971 S. 43-51 28 R. P. Mitchell: The Society of the Muslim Brothers. London 1969 S. 163ff.; Johanndes Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. Von den Wahlen 1947 bis zum Verbot unter Adîb al-Shîshaklî 1952. Freiburg 1980 S. 102ff. 29 Gutbi Mahdi Ahmed: Muslim Organizations in the United States, in: Yvonne Yazbeck Haddad (Ed.): The Muslims of America. New York 1991 S. 11-24 30 Johannes Reissner: Die militant-islamischen Gruppen, in: Werner Ende u. Udo Steinbach (Ed.): Der Islam in der Gegenwart. 4. Aufl. München 1996 S. 630-645, hier S. 633 31 Rainer Brunner: Annäherung und Distanz. Shia, Azhar und die islamische Ökumene im 20. Jahrhundert. Berlin 1996 S. 94 Anm. 25 32 Zu den radikalen islamischen Organisationen der Gegenwart s. z.B. Peter Heine: Religiös motivierter Terrorismus, in: Kai Hirschmann u. Peter Gerhard (Hg.): Terrorismus als weltweites Phänomen. Berlin 2000 S. 69-120 33 S. dazu vor allem: Reinhard Schulze: Islamischer Internationalismus im 20. Jahrhundert. Untersuchungen zur Geschichte der islamischen Weltliga. Leiden 1990 S. 17-182 34 Zum Vorgang s. z.B. Gotthard Jäschke: Der Islam in der Neuen Türkei, in: Die Welt des Islams 1 (1951) S. 1-174; zu den Reaktionen in der islamischen Welt s. z. B. Jamal Malik: Islam in Südasien, in: Albrecht Noth u. Jürgen Paul (Ed.): Der islamische Orient. Grundzüge seiner Geschichte. Würzburg 1998 S. 505-546; hier S. 525-528 35 Reinhard Schulze: Internationalismus S. 206 36 Mit diesem Ausdruck wird Bezug genommen auf die vorislamische Heidenzeit, die als Djahiliyya, Zeit der Unwissenheit, bezeichnet wird. Der Vorwurf, sich wie Heiden, also Nichtmuslime zu verhalten, richtet sich in diesem Kontext gegen die nationalen und sozialistischen Regime der islamischen Welt. Er kann in anderem Zusammenhang auch auf westliche Lebensformen und die westliche Politik gegenüber der islamischen Welt bezogen werden. 37 Shu'ûbiyya ist eine Bezeichnung für nationalistische Tendenzen. Sie stammt ursprünglich aus dem 8. Jahrhundert und bezog sich auf Versuche iranisch-stämmiger Muslime, mit ihren arabischen Glaubensbrüdern politisch und religiös gleichgestellt zu werden. 38 Schulze: Internationalismus S. 215f. 39 Peter Heine: Die Akademie für islamisches Recht (Fiqh), in: Rechtstheorie 16 S. 499-502 40 Zur OIC s. Ellinor Schöne: Islamische Solidarität,Geschichte, Politik, Ideologie der Islamischen Konferenz. Berlin 1997; Johannes Reissner: Internationale islamische Organisationen, in: Ende/Steinbach:Islam in der Gegenwart S. 700-704
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