Zeitschrift

Islam in Deutschland

Vorwort

Heft 4 /2001

Hrsg: LpB



Inhaltsverzeichnis

 

 

Islam in Deutschland

ist längst zu einer festen Größe geworden: vor allem durch die Zuwanderung von "Gastarbeitern" aus der Türkei, einschließlich deren Familien, aber auch durch Asylsuchende, Studierende und Hochschulabsolventen aus allen Teilen der islamischen Welt. Ein beachtlicher Teil ist bereits in Deutschland geboren, nicht wenige sind deutsche Staatsbürger. Die meisten leben hier wie andere Menschen auch, fühlen sich zugehörig.

Dennoch: Das Bild Deutschlands hat sich verändert, wie jeder feststellen kann, der durch die Einkaufsstraßen flaniert, Parkanlagen aufsucht, im Supermarkt einkauft. Vereinzelt sind bereits Moscheen und Minarette sichtbar, wenn auch zumeist an den Rand geschoben, in die Gewerbegebiete. Mehr noch: Es gibt ganze Stadtviertel, in denen Menschen islamischen Glaubens, zumeist türkischer Abstammung, konzentriert wohnen, am bekanntesten ist Berlin-Kreuzberg. Frauen und Mädchen in traditionell islamischer Kleidung, insbesondere mit Kopftuch, begegnen uns überall. Wenn auch mit deutlichem Abstand: Der Islam ist nach den christlichen Kirchen zur zweitstärksten Religion in Deutschland geworden.

Diese sichtbaren Veränderungen im Alltag haben in Deutschland zu Verunsicherungen geführt. Identitätsfragen werden gestellt, Fragen auch nach Absonderung und nach Integration. In manchen Straßen fühlen sich Deutsche gelegentlich nicht mehr zu Hause. Ängste werden spürbar, manchmal deutlich artikuliert, leider auch gelegentlich geschürt. Eine deutliche Zuspitzung haben die bislang eher verdeckten Ängste erfahren durch die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon: Waren es doch islamistische Terroristen, die diese Verbrechen begangen haben, unter Berufung auf ihre Religion.

Seitdem - und das ist durchaus ein positives Zeichen - ist das Interesse für den Islam bei uns so hoch wie nie zuvor. Endlich! Wir müssen feststellen, wie wenig wir über die Religion des Islam wissen, über seine Lehren und seine Entwicklung, seine verschiedenen Richtungen, die Organisationsformen, die sich deutlich von den christlichen Kirchen unterscheiden, speziell auch über die Gruppen und Gruppierungen bei uns, von denen wir nur selten wissen, wie sie einzustufen, wie zu bewerten sind. Fragen stellen sich, wie die verschiedenen Ausprägungen des Islam mit der Werteordnung unseres Grundgesetzes vereinbar sind, inwieweit der Islam die für uns unabdingbare Toleranz kennt und in welchem Ausmaß Islam und Demokratie vereinbar sind.

Von hoher symbolischer Bedeutung hat sich das Tragen von Kopftüchern durch Frauen und Mädchen erwiesen. Haben wir es hier mit einem Indiz zu tun für eine spezielle Auffassung von der Rolle der Frau, die sich nicht mit den Grundwerten unserer Verfassung verträgt? Ist es ein Identitätsmerkmal für bestimmte Gruppen mit besonders ausgeprägter religiöser Bindung oder ein Zeichen von Diskriminierung auf Grund des Geschlechts? Mit welchen praktischen Konsequenzen: darüber hinwegsehen, tolerieren oder deutlich Grenzen ziehen, im Namen des Grundgesetzes?

Für die Politik und das Alltagshandeln von Verwaltung stellen sich zudem eine Fülle praktischer Fragen und Rechtsprobleme, die mehr sind als rein rechtliche Fragen, für die vielmehr der Rat von Experten erforderlich ist, die sowohl mit dem Islam als auch dem Recht vertraut sind. Das betrifft die Teilnahme von Mädchen am Sportunterricht genauso wie das Tragen von Kopftüchern in der Schule, den islamischen Religionsunterricht, aber auch das Schlachten von Tieren.

Die Bundesrepublik Deutschland kennt keine Staatsreligion, auch wenn das Grundgesetz sowie die Länderverfassungen sich in ihren Präambeln ausdrücklich auf Gott berufen, von den Verfassungsvätern und Verfassungsmüttern den Zeitumständen entsprechend sicherlich im christlichen Sinne verstanden. Genauso wenig jedoch definiert sich die Bundesrepublik Deutschland als laizistischer Staat, mit strikter Trennung von Kirche und Staat. Das Verhältnis beider ist als Partnerschaft konzipiert, mit vielfältigen Formen der Kooperation und der daraus folgenden Rechtsbeziehungen. Ein Ergebnis dessen ist auch, dass Religionsunterricht ordentliches Schulfach ist, gemeinsam von Kirche und Staat getragen. Eine Beschränkung auf die christlichen Religionen gibt es dabei nicht. Einem islamischen Religionsunterricht steht bislang allerdings im Wege, dass es auf islamischer Seite keine Organisationsstrukturen gibt, die den christlichen vergleichbar und mit den staatlichen Strukturen kompatibel wären, bislang jedenfalls.

Integration ist keine Einbahnstraße: Der Hilfe, dem verständnisvollen Entgegenkommen muss die Integrationsbereitschaft entsprechen. Diese fängt beim Erlernen der deutschen Sprache an. Entsprechende Angebote müssen gemacht werden, nicht nur, aber auch von Staats wegen, auch von der politischen Bildung, und diese Angebote dürfen nicht als unverbindlich gelten.

Nach den Anschlägen des 11. September 2001 stehen die Beziehungen zwischen den Religionen unter dem Schreckgespenst des Terrorismus. Mancher mag da an den "Kampf der Kulturen" denken, der im Grunde als Krieg der Religionen erscheint. Daran ist allenfalls richtig, dass Religionen mehr sind als unterschiedliche Dogmensammlungen, nämlich Kulturen, die das gesamte Leben der Menschen bestimmen, auch wenn sie längst formal die Mitgliedschaft aufgekündigt haben. Nicht übersehen werden darf, dass Religionen in unterschiedlichen Kulturbereichen eine völlig andersartige Entwicklung durchgemacht haben, mit oft sehr unterschiedlichen historischen Erfahrungen, manchmal auch zeitversetzt: Man denke nur

an die einschneidende Erfahrung der Aufklärung in Westeuropa. Unterschiedliche Kulturen mögen aufeinander prallen, vielleicht dabei auch Reibungen erzeugen. Doch ein Kampf ist nicht zwangsläufig. Vielmehr muss alles getan werden, ihn zu vermeiden. Es geht um fruchtbare Begegnung, nicht um Kampf und Sieg.

Natürlich gibt es islamistisch motivierten Extremismus, ja offensichtlich auch Terrorismus, der sich auf den Koran beruft. Doch er weist nur eine geringe Anzahl von Anhängern auf. Er muss bekämpft werden - wie jede andere Gruppe auch, die sich offensiv gegen die Grundordnung unserer Verfassung wendet. Wichtig ist dabei selbstverständlich, Ursachen und Denkmuster zu verstehen, um helfend einschreiten zu können. Doch wenn es sein muss, ist die Härte des Gesetzes gefragt. Denn auch wenn sich Deutschland verändert: die Grundprinzipien unserer Verfassung erheben dauerhaften Anspruch.

 

Hans-Georg Wehling

 

 


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