Zeitschrift

Nahrungskultur

Essen und Trinken im Wandel

 

Heft 4/ 2002

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Die Tischgemeinschaft vor dem Aus?
 

"Liebe geht durch den Magen"

  Mahlzeit und Familienglück im Wandel der Zeit

 

Von Kirsten Schlegel-Matthies

 

Prof. Dr. Kirsten Schlegel-Matthies lehrt Haushaltswissenschaft an der Universität- Gesamthochschule Paderborn. Zu ihren Veröffentlichungen gehören: „Im Haus und am Herd“: Der Wandel des Hausfrauenbildes und der Hausarbeit 1880 - 1930 (Verlag Steiner Stuttgart 1995); Ernährung als Schnittstelle von Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft – das Beispiel Fleisch, in: Hauswirtschaft und   Wissenschaft 3 (2001), S. 120–127.

 

Mahlzeit ist mehr als Nahrungsaufnahme, sie ist ein soziales und kommunikatives Ereignis, das die Familie am Tisch zusammen bringen soll. Doch die Verlagerung des Arbeitsplatzes außer Haus und der Rhythmus der modernen Berufsarbeit haben die Möglichkeiten zur gemeinsamen Mahlzeit am Mittag immer mehr zurückgedrängt. Die Verantwortlichkeit der Hausfrau für die Bereitung der Mahlzeit ließen zumindest in der bürgerlichen Familie das Essen zu einem Liebesbeweis werden: „Mit Liebe gekocht”, lautete denn auch ein eingängiger Slogan. Mit dem Wegfall von Hauspersonal, vor allem aber mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen war dieses Ideal immer schwerer zu verwirklichen. Die Nahrungsmittelindustrie sprang ein und lieferte Convenience-Produkte, angefangen vom Fleischextrakt und der Erbswurst bis hin zur Tiefkühlkost von heute. Der Kühlschrank und die Tiefkühltruhe sowie die modernen Haushaltsgeräte waren es, die unsere Küchen revolutionierten. Auch wenn zumeist längst nicht mehr gemeinsam zu Mittag gegessen werden kann, ist der soziale und kommunikative Aspekt der Mahlzeit erhalten geblieben, verlagert auf das Abendessen und vor allem auf das Wochenende. Red.

 

Verändert das „schnelle Essen“ das Familienleben?

„Die Industrialisierung sägt am Familientisch” überschreibt 
A. Furtmayr-Schuh sehr provokant ein Kapitel ihrer Ausführungen über Postmoderne Ernährung und sieht zugleich durch den Prozess der Industrialisierung und Verstädterung das Ende der häuslichen Mahlgemeinschaft gekommen. Im Haushalt sind ja auch tatsächlich in den letzten Jahren und Jahrzehnten neue Arbeitstechniken und veränderte Ernährungsgewohnheiten zu beobachten. Heute muss alles schnell gehen und gesund soll es trotzdem sein. Mit dem „schnellen Essen“ werden die gemeinsamen Berührungspunkte in derFamilie (zwangsläufig) verringert. Wird dadurch auch das Familienleben verändert? Wann sitzen alle Familienmitglieder noch miteinander am Tisch, wann wird noch gemeinsam gekocht? 

Durch die industrielle Verstädterung im 19. Jahrhundert änderten sich die alltägliche Ernährung und die Arbeit im Haushalt grundlegend. In den Städten trat an die Stelle der Subsistenzproduktion der vorindustriellen Agrargesellschaft als neue Form der Nahrungsmittelbeschaffung der Einkauf. „Der Prozess der Merkantilisierung der Nahrungsmittel” (Teuteberg 1972, S. 74) forderte eine genaue Kenntnis der günstigsten Einkaufsgelegenheiten und rationelle Planung dieser so wichtigen Arbeit. Dafür mussten sich die Hausfrauen völlig neue Kenntnisse über Beschaffenheit und Qualität der Produkte, Möglichkeiten der Vorratshaltung, Preiswürdigkeit usw. aneignen. Außerdem führten die zunehmende Verbreitung der Erkenntnisse der wissenschaftlichen Ernährungslehre über den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit sowie die steigende Dienstbotenknappheit dazu, dass das Kochen immer mehr von den Hausfrauen selbst übernommen wurde, denn sie trugen ja die Verantwortung für die Gesundheit ihrer Familie. 

Neben dem Einkauf der Lebensmittel gehörte auch die richtige Auswahl und Zusammensetzung sowie die Zubereitung der Speisen und Gerichte für die Mahlzeit zur täglichen Hausarbeit. Die tägliche Mahlzeitengestaltung stellte immer höhere Anforderungen an die Hausfrau, ohne dass zunächst Modernisierung und technische Weiterentwicklung der Küchenausstattung sowie des Küchengeräts zu einer Verminderung der hausfraulichen Arbeitsbelastung führten. Arbeitserleichternde und -sparende Haushaltsgeräte waren zwar bereits entwickelt, jedoch für die überwiegende Mehrzahl der Haushalte unerschwinglich. Gleichzeitig mit diesen Veränderungen wurde die Familienmahlzeit im 19. Jahrhundert zum Sinnbild der Familie schlechthin. 

Furtmayr-Schuhs „Verlustinterpretation“ ist nicht neu. Je nach Blickwinkel wurde und wird in den letzten 150 Jahren das Ende der Familienmahlzeit und damit der Familie überhaupt beklagt und entweder die Sozialisierung der Ernährung in Gemeinschaftsküchen (vor 1930) herbeigesehnt oder eine standardisierte Einheitsverpflegung nach amerikanischem Muster (Hamburger und Coca Cola) befürchtet. Wird über das gemeinsame Essen heute keine Gemeinschaft mehr hergestellt? Wie hat sich der Zusammenhang von Mahlzeit und Familienglück im 20. Jahrhundert gewandelt? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

 

Gemeinsam oder einsam essen?

Georg Simmel, einer der Begründer der Soziologie in Deutschland, hat in seiner Soziologie der Mahlzeit die Bedeutung der sozialen Funktion der Essensaufnahme verdeutlicht. Er hat darauf hingewiesen, dass sich Essen paradoxerweise egoistisch und gesellschaftlich zugleich vollzieht: 

„Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: daß sie essen und trinken müssen. Und gerade dieses ist eigentümlicherweise das Egoistischste, am unbedingtesten und unmittelbarsten auf das Individuum Beschränkte: was ich denke, kann ich andere wissen lassen; was ich sehe, kann ich sie sehen lassen; was ich rede, können Hunderte hören – aber was der Einzelne ißt, kann unter keinen Umständen ein anderer essen.“ Barlösius (1999, S. 168ff.) schließt daraus, dass die Nahrungsaufnahme Menschen eher trennt, als dass sie sie miteinander verbindet. Wir müssen uns zwar ernähren, aber wir müssen es nicht in Gemeinschaft tun. Andere physische Bedürfnisse wie Schlafen, Kleiden, Reinigung und Körperentleerung werden ja keinesfalls gemeinschaftlich befriedigt. 

Die Notwendigkeit des gemeinsamen Wirtschaftens, um die Nahrungsversorgung zu sichern, könnte Anlass dafür gewesen sein, gemeinsam zu speisen. Damit war – wie Barlösius ausführt – die „Gestaltung der Nahrungsaufnahme als soziale Situation an eine bestimmte Form der gesellschaftlichen Arbeitsteilung – die Hausgemeinschaft – gebunden“ (Barlösius 1999, S. 175), die nicht nur eine Konsum-, sondern auch eine Wirtschaftsgemeinschaft bildete. Mit der Auslagerung der Produktion aus dem Haushalt bleibt nach Barlösius dann die gemeinsame Mahlzeit als sozial üblich, aber nicht als funktional notwendig bestehen. Das idealisierte Leitbild der Familienmahlzeit des bürgerlichen 19. Jahrhunderts verweist darauf, dass die Wirtschaftsgemeinschaft des Hauses, in der in vorindustrieller Zeit jedes Haushaltsmitglied seinen Beitrag zur Sicherung des Daseins erbrachte, nun von der zweckfreien, auf Liebe basierenden Familiengemeinschaft abgelöst wurde. Die Familienmahlzeit wurde zum Symbol für das Ideal der bürgerlichen Familie schlechthin.

 

Kochen ist Liebe – Das traditionelle Leitbild der Familienmahlzeit

Das bürgerlich-städtische Mahlzeitenideal spiegelt sich in Abb.1 wider: Die Mutter trägt die von ihr (liebevoll) zubereitete Suppe auf, Kinder und Ehemann sitzen erwartungsvoll am Tisch. Das von der Mutter oder Ehefrau zubereitete Essen symbolisiert (ist ) die Liebe als Zeichen der Fürsorge und Sorge für die Familienangehörigen. Auch heute haben wir immer noch ganz bestimmte Erwartungen an eine warme (Familien-) Mahlzeit: Suppe, Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Nachtisch, frisch zubereitet und mit Liebe gekocht. Dieses Ideal wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in zahlreichen Kochbüchern und Haushaltsratgebern insbesondere den Frauen immer wieder gepredigt. In erster Linie sollte die liebende Ehefrau die Vorlieben und Abneigungen ihres Ehemannes berücksichtigen, denn er war der „Erwerber und Ernährer“ der Familie: 

„[Der] Weg zum Herzen des Mannes führt durch den Magen. Willst du daher deinen Gatten an das Haus, an dich fesseln, so bereite ihm Speisen, die ihm keine Seufzer an die verschwundene Junggesellenzeit entlocken, bei denen er nicht innerlich schwört, sich abends außerhalb des Hauses dafür zu entschädigen“ (Wedell 1897, vgl. Schlegel-Matthies 1995, S. 67). Der Zusammenhang zwischen Kochen und Familienglück wurde auch in den Ratgebern immer wieder als Norm formuliert und beschworen. Die Fähigkeit der Frau, einem „geheimen Wunsche des Mannes beim Mittagstisch entgegen zu kommen” (ebd.), wurde zum Garanten einer glücklichen Ehe erklärt. Dies betraf nicht nur die Auswahl der täglichen Kost, sondern auch die besondere Zubereitung derselben. Zugleich wurde diese Arbeit der Frau nicht mehr als Arbeit anerkannt, sie wurde nun definiert als Liebe. Unbezahlt, unsichtbar (für den Mann und die öffentliche Meinung) und ohne Dankbarkeit zu erwarten, sollte die Hausfrau die tägliche Arbeit in Küche und Keller erledigen und dabei immer das Behagen und „häusliche Glück“ des Mannes vor Augen haben. 

Zu den Mahlzeiten präsentierte die Hausfrau dem von der Arbeit müde heimkehrenden Manne die Kinder (ordentlich gekleidet und gesäubert). Kleinere Kinder wurden häufig schon in der Küche oder im Kinderzimmer abgefüttert. Ältere Kinder, die mit am Tisch sitzen durften, hatten die strengen Benimmregeln zu beachten, z. B. nicht ungefragt reden, nicht mit dem Stuhl kippeln, nicht schmatzen, nicht zu hastig oder gierig essen usw. Die gemeinsame Familienmahlzeit war häufig – zumindest für die Kinder – kein ungetrübtes Vergnügen. Heinrich Hoffmanns Geschichte vom Zappelphilipp zeigt, was passierte, wenn ein Kind die Regeln nicht befolgte. Haushaltsratgeber enthielten häufig Hinweise für die Frau, wie sie sich dem Manne gegenüber am Tisch zu verhalten habe. Keinesfalls sollte der Zorn des Ehegatten durch eine versalzene Suppe oder ein angebranntes Kotelett hervorgerufen werden. Für den Fall, dass dies doch einmal geschah, sollte die Frau sich vor Augen halten, dass sie schließlich von ihrem Mann wirtschaftlich abhängig war: 

„Denn die Küche und das Mittagsmahl des Hauses haben einen Nachbar, der beständig darnach trachtet, den Mann aus seinem häuslichen Kreise wegzulocken und somit das Geld, das für das ganze Haus bestimmt ist, für sich selber auszugeben. Das ist die Restauration [...] für jeden frauenlosen Mann ist sie eine Notwendigkeit, aber jede Frau, welche in ihrer Küche steht und kocht, sollte doch nicht vergessen, dass sie auch eine Gefahr werden kann – und sie wird es, wenn die Frau nur an die Ernährung und nicht an den Geschmack ihres Mannes denkt.” (Lorenz von Stein 1980, S. 153; vgl. Schlegel-Matthies 1995).

 

Familienmahlzeit 1939

Quelle: Eugenie Erlewein: Hauswirtschaftslehre der Neuzeit, Bd. 1, München 1939, S. 0.

 

Unterordnung auch unter den Geschmack des Mannes

Damit unterschied sich die Auswahl der Speisen und Gerichte im bürgerlichen Haushalt seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und bis weit nach der Mitte des 20. Jahrhunderts wesentlich von der Auswahl in vergangenen Jahrhunderten. Nicht mehr regionale Sitten und Gebräuche, ständische oder religiöse Normen, sondern der individuelle Geschmack besonders des Mannes bestimmte den Speisezettel. Diesem Geschmack ordneten sich die anderen Auswahlkriterien unter. Die Familienmahlzeit war letztlich auch ein Symbol für die Unterordnung von Frau und Kindern unter die Prärogative des Mannes. 

Die drei täglichen gemeinsamen Mahlzeiten (morgens, mittags und abends) wurden seit der Trennung von Erwerbsarbeitsplatz und Haushalt zum Symbol von Familie als Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft überhaupt. Idealerweise trafen sich die Familienangehörigen zu den Mahlzeiten zuhause, denn sie strukturierten den Tag und bildeten einen Raum frei von den Zwängen und Notwendigkeiten der Welt draußen. Diese Mahlzeitenordnung wurde im 20. Jahrhundert zum gesellschaftlichen Orientierungsmodell und war kulturell dominant (Barlösius 1999, S. 182), obwohl die Lebens- und Arbeitsbedingungen (z. B. Schichtarbeit, unterschiedliche Arbeits- und Schulzeiten) großer Bevölkerungsteile dieser Ordnung zuwiderliefen. Wenngleich das Mahlzeitenideal und der Zusammenhang von Mahlzeit und Familienglück im 20. Jahrhundert vielerorts bestehen blieb – z. B. in der Werbung für Nahrungsmittel – , so lassen sich doch einige Entwicklungslinien nachzeichnen, die mit den Stichworten veränderte Zeitstrukturen, Beschleunigung, Individualisierung, Auslagerung, Technisierung und Rationalisierung gekennzeichnet werden können.

 

Von Liebig's Fleischextrakt zu Knorr und Maggi: die Zunahme der Fertig- und Halbfertigprodukte

Bereits seit dem 19. Jahrhundert gab es eine Reihe von Fertig- und Halbfertigprodukten, die ebenfalls zu einer Zeitersparnis im Haushalt beitrugen. Erbswurst, Trockensuppen, Corned Beef und Margarine wurden zum festen Bestandteil des Küchenzettels vor allem in den unteren und mittleren Schichten der Bevölkerung. Liebig’s Fleischextrakt hatte bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Siegeszug in die Privatküchen begonnen. Sein Vorteil war die gute Lagerfähigkeit. Unter Zugabe von Wasser konnte er in Fleischbrühe zurückverwandelt werden und diente so in der gutbürgerlichen Privatküche als Grundlage für zahlreiche Suppen. Der Erfolg von Liebig’s Fleischextrakt liegt sicherlich auch darin begründet, dass er massiv beworben wurde. In einem Haushaltskalender der Liebig Compagnie aus dem Jahr 1901 heißt es: „Noch nie ist wohl Zeit so sehr Geld gewesen als am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, und zwar gilt dies jetzt auch für die Frauen.“ 

Je weniger im Laufe des 20. Jahrhunderts in den Haushalten der bürgerlichen Mittel- und Oberschichten Dienstboten für die alltägliche Hausarbeit verfügbar und bezahlbar waren, desto mehr waren die Frauen dieser Schichten gezwungen, die Arbeit des täglichen Kochens für die Familie selbst zu übernehmen. Die Frauen der unteren bürgerlichen Schichten und aus der Arbeiterschicht hatten diese Aufgabe ohnehin inne. Das Bestreben der Hausfrauen, zeitsparend und kostengünstig zu kochen, förderte die Verbreitung von vorbearbeiteten und kochfertigen Speisen. Während Liebig’s Fleischextrakt ab den 20er Jahren langsam aus den Regalen verschwand, gewannen die kochfertigen Trockensuppen von Knorr und Maggi immer mehr an Bedeutung. Bis heute sind sie in den Supermärkten zu finden und zählen zum selbstverständlichen Speisezettel am Familientisch. Die berühmte Knorr Erbswurst ist z. B. seit 1889 ein Verkaufsschlager und in leicht abgewandelter Rezeptur bis heute erhältlich. Die Vorteile dieses frühen Convenience-Produkts liegen vor allem in der schnellen und leichten Zubereitung.

 

Konserven waren zunächst zu teuer 

Konservendosen mit Gemüse, Fleisch und Würstchen waren seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ebenfalls auf dem Markt. Aufgrund ihres hohen Preises fanden sie aber noch keinen breiten Absatzmarkt. So kostete z. B. eine gewöhnliche Fleischkonserve im Jahr 1910 etwa den dreifachen Tageslohn eines Arbeiters. Für größere Verbraucherkreise aus allen Schichten spielte die Konserve erst nach dem 1. Weltkrieg eine größere Rolle. Für 1907 wird der durchschnittliche Verbrauch mit 0,6 Dosen pro Jahr und für 1913 mit 1,3 Dosen pro Jahr angegeben (Oikos 1992, S. 248). 

Heute finden sich in den Regalen der Supermärkte unzählige Produkte in verschiedenen Stadien der Verzehrsfertigkeit, die selbstverständliche Bestandteile der häuslichen Mahlzeiten sind. Die Auslagerung von Arbeiten für die Zubereitung von Speisen aus dem Haus in die industrielle Produktion verkürzt die Zubereitung der täglichen Mahlzeiten erheblich. Erleichtert wurde die Einführung von Convenience- Produkten durch die zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen und durch die sich verändernden Haushaltsformen (z. B. die Zunahme der Singlehaushalte), die neue Zielgruppen für Convenience- Produkte bildeten. In der Werbung für diese Fertigprodukte wird allerdings weiterhin der Zusammenhang zwischen Mahlzeit und Familienglück hergestellt. Die industriell gefertigten Speisen und Gerichte, die von der Hausfrau nur noch aufgewärmt und verfeinert werden müssen, versprechen immer gleiche Qualität bei immer gleichem Geschmack und rufen damit immer und überall Erinnerungen an den Familientisch wach, ohne dass dieser präsent sein muss.

 

Die Aufwertung des Abendessens

Die idealtypische familiäre Essgemeinschaft hat sich – zumindest wochentags – weitgehend aufgelöst. 1976 versammelten sich nur noch in 15 % aller Familien alle Familienmitglieder zu allen Mahlzeiten (Ernährungsbericht 1976, S. 415). Insbesondere das gemeinsame häusliche Mittagessen, die „Hauptmahlzeit“, findet so kaum noch statt. Kurze Mittagspausen und lange Wege zwischen Wohnung und Arbeitsplatz erlauben es den erwerbstätigen Haushaltsmitgliedern nicht, zum Mittagessen nach Haus zu gehen. Unterschiedliche Zeitrhythmen von erwerbstätigen Müttern und Vätern sowie schulpflichtigen Kindern erschweren es zunehmend, gemeinsame Zeiten am Familientisch zu finden: Es wird nacheinander und nicht miteinander gegessen. 

Zeitbalancen zwischen den unterschiedlichen Zeitrhythmen zu finden, wird schwieriger und muss auf den Abend oder das Wochenende verlegt werden. Gemeinsame Familienmahlzeiten finden nun hauptsächlich am Abend, am Wochenende oder zu besonderen Gelegenheiten (Weihnachten, Geburtstage etc.) statt. Der Ernährungsbericht von 1976 stellte dazu fest, dass ca. 75 % der Haushalte am Wochenende „wie in alten Zeiten alle drei Mahlzeiten“ gemeinsam einnehmen (S. 415). Zugleich wird das Abendbrot zur Hautmahlzeit aufgewertet, denn es ist die Mahlzeit, die von 50% aller Haushalte gemeinsam eingenommen wird. „Als Hauptmahlzeit wird diejenige Mahlzeit angesehen, an der alle teilnehmen können. Warum? Nach der Erwerbsarbeit, Schule, Freizeitaktivitäten schafft das Abendbrot den Rahmen für familial gemeinsam erlebte Zeit.“ (Barlösius 1999, S. 184).

Auch im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind Familienmitglieder zu unterschiedlichen Zeiten heimgekommen, musste Essen aufbewahrt und aufgewärmt werden, aber in den letzten Jahrzehnten sind es nicht mehr nur die Frauen und Mütter, die das Essen zubereiten, aufwärmen und darüber den Familienzusammenhang herstellen. Zunehmend ermöglichen Gefrierschrank und Mikrowelle, zahlreiche Bringdienste wie Pizzaservice usw., Convenience Food wie z. B. „Heiße Tasse“ etc. es den Familienmitgliedern jederzeit und unabhängig vom Familientisch eine „Mahlzeit“ einzunehmen. Durch die zahlreichen Fertig- und Halbfertigprodukte einerseits und zeitsparende Küchengeräte wie Mikrowelle und Dampfdrucktopf andererseits hat sich auch die Zubereitungszeit verkürzt. Außerdem ist die Zubereitung einer solchen Mahlzeit nicht mehr an einen direkten zeitlichen Zusammenhang mit dem Verzehr gebunden und muss auch nicht im Haushalt durch die Hausfrau erfolgen.

 

Mit Liebe gekocht

So die Erwartung an die bürgerliche Hausfrau. Auch der Rückgriff auf Vorfabrikat – Convenience- Angebote – soll der Liebe keinen Abbruch tun. Darauf hebt auch einer der ersten Anbieter von Convenience- Produkten ab, die deutschschweizerische Maggi AG in Singen am Hohentwiel, unterstützt durch die Werbung.

 

Rationalisierungsvorschläge: das Ein-Küchen-Haus?

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde insbesondere die enorme Arbeitsbelastung der dienstbotenlosen Hausfrau des bürgerlichen Mittelstandes ein Thema, mit dem sich Reformerinnen und Reformer befassten. Um der Überlastung der Hausfrauen zu begegnen, wurden zwei gegensätzliche Reformvorschläge diskutiert:

  1. die Schaffung von hauswirtschaftliche Großbetrieben, sog. Einküchenhäusern; und 

  2. die Reform des privaten Kleinhaushalts durch Rationalisierung und Technisierung. 

Zunächst stand von 1918 bis 1921 die Einrichtung von hauswirtschaftlichen Großbetrieben im Mittelpunkt des Interesses. Schon der Krieg hatte die Verstaatlichung wichtiger Versorgungsleistungen, besonders die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln forciert. 1917 gab es sogar Vorschläge zur Zentralisation der städtischen Hauswirtschaft durch Kochzentralen und Speisehäuser, die jedoch nicht realisiert wurden. Argumente für die Einrichtung hauswirtschaftlicher Großbetriebe sah man in der unrentablen Hauswirtschaft des privaten Haushalts gegeben: z. B. den Mehraufwand an Kosten durch den Kleineinkauf, den Mehraufwand an Brennmaterial durch das Heizen zahlreicher kleiner Öfen, die Vergeudung von Nahrungsmitteln durch verhältnismäßig mehr Abfälle und den Mehraufwand an Zeit. Ein immer wiederkehrendes Argument gegen den Einzelhaushalt und für den Großbetrieb war die Verschwendung von Arbeitskraft: 

„In tausenden von Wohnungen steht heut wie ehedem Tag für Tag eine Frau am Herd. Tausend Herdfeuer müssen brennen und auf jedem Feuer wird eine aus Fleisch und Gemüse bestehende Mahlzeit hergerichtet. Tausend Frauen bemühen sich täglich von neuem, das individuelle Kotelette nach dem Geschmack ihres Gatten zuzubereiten, und immer wieder auf dem Weg ‘über den Magen’ um seine Liebe zu werben. Diese Kräftevergeudung in einer Zeit, die jeder Kraft die beste Verwendung, vollste Ausnutzung zu sichern sucht!” (Alice Salomon 1909, vgl. Schlegel- Matthies 1996, S. 334).

 

Oder Rationalisierung und Technisierung des privaten Kleinhaushalts?

Gegner des Einküchenhauses befürchteten die Auflösung der Familie oder eine Nivellierung des individuellen Geschmacks, weil die Mahlzeiten nicht mehr exklusiv von der Hausfrau je nach dem Geschmack der Familie hergestellt wurden. Ab 1924 wurde dieser Reformweg deshalb nicht weiter verfolgt, stattdessen sollte nun der private Kleinhaushalt rationalisiert werden, um die Hausfrau von ihrer Überlastung zu befreien. Eine durchgängige Rationalisierung aller materiellen Hausarbeiten mittels eines möglichst sparsamen und effektiven Einsatzes von Geld, Zeit, Kraft, Material und Technik, damit sich die Hausfrau auf ihre eigentlichen immateriellen Aufgaben konzentrieren könne, war das Ziel. 

Ausgehend von der amerikanischen Rationalisierungsbewegung erreichte die Rationalisierungsforderung auch die Architektur und die Bauproduktion. Die etwa 2,6 Millionen neuen Wohnungen, die nach dem Ersten Weltkrieg gebaut wurden, waren z. B. mit fließendem Wasser, Gas und Elektrizität ausgestattet. Ihre Grundrisse waren funktionell geplant, s dass sie eine Übernahme des Scientific Management erst ermöglichten (Frevert 1986, S. 171) 

Der Stellenwert der Küche wandelte sich durch die Rationalisierungsbewegung völlig. Die althergebrachte Wohnküche in der die Mahlzeit nicht nur zubereitet, sondern auch verzehrt wurde, wurde zur reinen Koch- und Arbeitsküche. 

Innenleben und Aufbau der Küchenmöbel wurden nach wissenschaftlichen Kriterien gestaltet, auch das Gebrauchsgerät und die technische Einrichtung der Küche mussten nun den Anforderungen der rationellen Hauswirtschaft angepasst werden. Im neuen Haushalt sollte die Arbeit möglichst rasch und mühelos erledig werden. 

Die Vielzahl der neuen Küchengeräte und -gerätschaften führte seit der Mitte der zwanziger Jahre zu ersten Versuchen auch diese Geräte zu normen. Statt hunderterlei ähnlicher, aber doch verschiedener Typen, Formen und Größen eines Küchengeräts sollten jene Typen bestimmt werden, die sich erfahrungsgemäß am besten bewährt hatten und beim Kauf am häufigsten verlangt wurden. Die uns heute so vertrauten Einbauküchen mit ihren Normmaßen haben hier ebenso ihren Ursprung wie die zahlreichen elektrischen und gasbetriebenen Küchengeräte. 

Die Technisierung der Haushalte spielte in den deutschen Konzepten zur Rationalisierung zu jener Zeit anders als in den Vereinigten Staaten eine eher untergeordnete Rolle, da für die überwiegende Mehrzahl der Hausfrauen elektrische oder gasbetriebene Küchengeräte in Anschaffung und Unterhalt noch zu teuer waren. Dennoch veränderte sich mit dem elektrischen oder gasbetriebenen Kühlschrank langfristig – besonders nach dem Zweiten Weltkrieg – das Einkaufsverhalten, denn nun mussten frische Lebensmittel nicht mehr täglich eingekauft werden.

 

Kühlschrank und Tiefkühltruhe revolutionierten die deutsche Küche

Erst in den 50er und 60er Jahren mit dem Wirtschaftswunder erreichte die Ausstattung der deutschen Haushalte den heute üblichen Standard und führte zu einer weiteren Veränderung hinsichtlich Vorratshaltung, Einkauf und Zubereitung der Mahlzeiten. Häusliche Vorratshaltung durch „Einwecken“ oder „Einrexen“ von Obst und Gemüse erfreute sich seit Ende des 19. Jahrhunderts wachsender Beliebtheit. Jedoch boten die seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts angebotenen Tiefkühlprodukte einen ganz anderen Reiz. Besonders beliebt und erfolgreich waren in den 50er Jahren Markenbrathähnchen und seit Beginn der 60er Jahre Fischstäbchen.

Eine schnellere Zubereitung und hohe geschmackliche Qualität sowie die Unabhängigkeit von saisonalen Ernte-Rhythmen erleichterten die Einführung der Tiefkühlkost ebenso wie die weitere Verbreitung der häuslichen Gefriergeräte. Ganze Mahlzeiten konnten zudem von der Hausfrau vorgekocht, eingefroren und bei Bedarf wieder aufgetaut und erhitzt werden. Liebe wird für einen bestimmten Zeitraum gefroren und zu anderer Zeit wieder abgerufen, denn noch immer geht Liebe durch den Magen. Die Werbung für Tiefkühlgerichte zielte anfangs auf die berufstätige Hausfrau oder auf Singles, die auf eine schmackhafte Mahlzeit nicht verzichten wollten. Die Werbekampagnen der Elektrizitätswirtschaft versprachen Zeitersparnissee bis zu 70 % , die sonst normalerweise für das Kochen einzuplanen seien. Einen Boom erlebten die Tiefkühlprodukte besonders seit den 80er Jahren. 1990 war nahezu jede vierte gekaufte Packung ein Fertiggericht oder eine Tiefkühlpizza, die in einem der inzwischen haushaltsüblichen Gefriergeräte bis zum Verzehr gelagert werden konnten. 

Verspeiste noch 1956 jeder Deutsche 150 Gramm Tiefgekühltes pro Jahr, so waren es 1990 bereits 15 Kilogramm. Einen nicht geringen Anteil nehmen davon die tiefgekühlten Kartoffelprodukte ein (Pommes Frites, Kroketten), deren Zubereitung im Haushalt nun mühelos im Backofen gelingt. 

Das beständig wachsende Sortiment tiefgekühlter Lebensmittel in den unterschiedlichen Stadien der Verzehrsfertigkeit korrespondiert mit der technischen Ausstattung der Haushalte: Mikrowelle und/oder Backofen ermöglichen eine schnelle und kinderleichte Zubereitung. So können heute selbst Zehnjährige ein Fertiggericht in die Mikrowelle oder eine Pizza in den Backofen schieben und sich allein mit einer warmen Mahlzeit versorgen.

 

Tab. 1: Verbreitung elektrischer Geräte in Privathaushalten mit elektrischem Anschluss

Berlin 1928 Süddeutsche Industriestadt 1938

Bügeleisen   56,0 %

85,4 %

Staubsauger   27,5 % 36,0 %
Waschmaschine   0,5 % 1,4 %
Kühlschränke  0,2 %  0,7 %
Kochplatten  0,8 %  4,7 %

Quelle: Heßler 2001, S. 61

 

Tab. 2 Verbreitung ausgewählter Küchengeräte in privaten Haushalten seit 1962 in %

1962/63  1973  1983 1988  1993
Kühlschrank 52 93  79 78 74
Gefriergerät/Kühl-     
Gefrierkombination
3 28 69 70 80
Mikrowelle  12 41

Quelle: Heßler 2001, S. 62

 

Mahlzeit = Familienzeit?

Von außen an die Familienmitglieder herangetragene Zeitzwänge wie rigide Schul- und Arbeitszeiten, gesellschaftliche Verpflichtungen und Freizeitpläne, die Berufstätigkeit der Frauen, aber auch der Wandel von Rollenverständnis und Aufgabenteilung im Haushalt, von Haushaltsund Lebensformen und nicht zuletzt das Fernsehen haben Mahlzeiten im Kern verändert. 

Kinder, die sich nach der Schule eine Pizza aufbacken, Singles, die ein Tiefkühlfertiggericht in der Mikrowelle erhitzen, erwerbstätige Familienmitglieder, die nach der Arbeit ihren Teller mit dem warmen Essen zu unterschiedlichen Zeiten aufwärmen – sie alle essen häufig allein. Gegessen wird vor dem Fernseher (vgl. Abb. 2), mit einer Zeitung oder einem Buch am Tisch, während das Radio läuft. Die Zahl der Singlehaushalte nimmt stetig zu, während die Zahl der Familienhaushalte weiter abnimmt. Das Angebot an Außer-Haus-Verpflegung wächst beständig. Nahezu überall, zu allen Tageszeiten und in allen Preiskategorien kann man heute eine warme Mahlzeit einnehmen. Imbissbuden, Fast-Food-Ketten, Gasthäuser, Bistros, Cafes, einfache und Spitzenrestaurants, aber auch Großküchen und Kantinen bieten den Essenden ein breites Angebot, aus dem sie nur noch wählen müssen.

 

„Fernsehmahlzeiten“
sind so alt wie das Fernsehen selbst.

 

Die Kenntnisse über Nahrung und ihre Zubereitung haben in erschreckendem Maße abgenommen

Dieses Angebot wird ebenso wie das Angebot an Convenience-Produkten in hohem Maße von den Familien und Haushalten angenommen, weil es Zeit spart und nur wenige Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Küche benötigt werden. Der Historiker Uwe Spiekermann (Spiekermann 2000) bezeichnete – bezogen auf die Nahrungszubereitung – Männer als „Trendsetter aus Inkompetenz“. Aber auch junge Frauen holen in diesem Bereich immer mehr auf, sie sehen ihre Lebensaufgabe eben nicht in einem Dasein als Hausfrau und Mutter und verfügen deshalb kaum über entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten. Neuere Untersuchungen in Schulen der Sekundarstufe I haben ein erschreckendes Maß an Unkenntnis und Unvermögen bei der alltäglichen Nahrungszubereitung festgestellt. Angesichts der Risiken, die heute mit der Ernährung vielfach verbunden sind, und der steigenden Zahl von Lebensmittelskandalen wird es andererseits immer wichtiger, dass Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, in der Lage sind, sich alltäglich gesund, schmackhaft und bedarfsgerecht zu ernähren. 

Gemeinsames Essen, die gemeinsame Mahlzeit hat nicht an Bedeutung verloren, jedoch ist der Kontext ein anderer geworden. Die Benimmvorschriften bei Tisch sind längst gelockert, denn wer allein isst, muss nicht auf die Etikette achten. Aber auch am Familientisch dürfen Kinder mit den Fingern essen, müssen sie nicht mehr den Teller leer essen und gerade Sitzhaltung ist auch kein Erziehungsziel mehr. Die gemeinsamen Gespräche am Familientisch werden von mehr als der Hälfte der Kinder und Jugendlichen als besonders positiv bewertet, zu diesem Ergebnis kam eine noch nicht veröffentlichte Untersuchung an der PH Heidelberg (Bartsch, Methfessel, Basel 2002, Vortragsmitschrift). 

Die Geschmacksvorlieben des Mannes bestimmen kaum noch die familiären Mahlzeiten. Heute ordnen sich die Speisezettel eher den Wünschen und Vorlieben der Kinder unter. Sie bestimmen größtenteils, was wann auf den Tisch kommt, und verweisen mit ihrem Essverhalten auf die Trends der Zukunft: Hunger wird gestillt, wenn er verspürt wird, nur noch wenige warten auf die Mahlzeit in der Familie. Snacking ist die Alternative.

 

Nach wie vor soll Mahlzeit Gemeinschaft schaffen

Aber nach der Untersuchung von Bartsch und Methfessel (2002) nehmen in Berli fast 50 % der Kinder und Jugendlichen mindestens einmal täglich eine Mahlzeit in der Familie ein. Zwar ist die Familie nicht bei allen Mahlzeiten vollständig, aber doch zumindest mit einem Elternteil und Kind bzw. Kindern. Insbesondere Mütter versuchen die Familienmahlzeit zur Familienzeit zu machen und den kommunikativen Aspekt der Mahlzeit hervorzuheben. Sie setzen sich zu den unterschiedlichen Essenszeiten zu ihren Kinder und oder Ehemännern dazu, auch wenn sie selbst längst gegessen haben. 

Familien- bzw. Haushaltsmitglieder essen heute vielleicht nicht alle das gleiche Gericht, so kann die Tochter einen kalorienarmen Salat bevorzugen, der Sohn und die Mutter essen eine Tiefkühlpizza und der Vater den aufgewärmten Eintopf vom Vortag, aber sie sitzen am gleichen Tisch und genießen ihre Mahlzeit als soziale Zeit. 

Immer beliebter bei großstädtischen Singles wird das über das Internet organisierte running dinner, eine Veranstaltung, bei der man sich mit Fremden zum gemeinsamen Kochen und zur gemeinsamen Mahlzeit trifft.

Der Ernährungsbericht 1976 hatte festgestellt, dass die „Mahlzeit als Integrations-, Kommunikations- und Erziehungszentrum weitgehend ihre Funktion verloren hat“ (S. 453) und Gleiches beklagte auch Furtmayr-Schuh mit der Formulierun „Die Industrialisierung sägt am Familientisch“. Doch das Gegenteil scheint offenbar der Fall zu sein: Familien, Lebensgemeinschaften und Haushalte nutzen Mahlzeiten, um Gemeinschaft zu schaffen. „Sie setzen sich nicht unbedingt an den Tisch, weil sie Hunger haben, sondern weil sie miteinander kommunizieren wollen“ (Barlösius 1999, S. 185).

 

Literaturhinweise

Barlösius, Eva: Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung, Weinheim und München 1999 Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hg.): 

Ernährungsbericht 1976, Frankfurt/Main 1976

Frevert, Ute: Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt/Main 1986

Furtmayr-Schuh, Annelies: Postmoderne Ernährung.

Food-Design statt Esskultur. Die moderne Nahrungsmittelproduktion und ihre verhängnisvollen Folgen, Stuttgart 1993

Heßler, Martina: „Mrs. Modern Woman”. Zur Sozial und Kulturgeschichte der Haushaltstechnisierung, Frankfurt, New York 2001 Andritzky, Michael (Hg.): 

Oikos. Von der Feuerstelle zur Mikrowelle. Haushalt und Wohnen im Wandel, Giessen 1992 

Schlegel-Matthies, Kirsten: „Im Haus und am Herd”: Der Wandel des Hausfrauenbildes und der Hausarbeit 1880–1930, Diss. phil. Münster 1991. Stuttgart 1995 

Schlegel-Matthies, Kirsten: „Die Küche als Werkstatt der Hausfrau.” Bestrebungen zur Rationalisierung der Hausarbeit nach dem Ersten Weltkrieg, in: Ernährung in Deutschland nach der Wende: Veränderungen in Haushalt, Beruf und Gemeinschaftsverpflegung. 14. und 15. wissenschaftliche Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten e. V., hg. v. Thomas Kutsch u. Sigrid Weggemann, Bonn 1996, S. 333–358 

Teuteberg, Hans J.: Studien zur Volksernährung unter sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Aspekten, in: Ders. u. Günther Wiegelmann: Der Wandel der Nahrungsgewohnheiten unter dem Einfluss der Industrialisierung, Göttingen 1972

 

 


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