Zeitschrift

Nahrungskultur

Essen und Trinken im Wandel

 

Heft 4/ 2002

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Elend und Alkoholkonsum hängen nicht unmittelbar zusammen
 

Der Mythos vom Elendstrinken

  Die Realität der frühen Fabrikarbeiterschaft im Raum Aachen 1750–1850

 

Von Gunther Hirschfelder

 

Priv.-Doz. Dr. Gunther Hirschfelder, Historiker und Volkskundler, vertritt den Lehrstuhl für Volkskunde an der Universiät Bonn.

 

Zwischen 1750 und 1850 veränderte die Welt ihr Gesicht grundlegend: Das Agrarzeitalter wurde vom Industriezeitalter abgelöst. In den frühen Fabriken schufteten die Arbeiter unter unmenschlichen Bedingungen. Gängiger Forschungsmeinung zufolge tranken sie Unmengen an Alkohol, um das Elend ertragen zu können. Die Realität ist freilich vielschichtiger. Red.

 

Ein Topos bis heute – und die Realität?

Man schrieb das Jahr 1825, als der Arzt Dr. Hoepffner, als Stadtphysikus zuständig für das Aachener Gesundheitswesen, die „allzugroße Lebenslust“ und den „bei den Fabrikarbeiten hier allgemeinen übermäßigen Genuss berauschender Getränke“ beklagte – das sei für die Gesundheit überaus schädlich. Dr. Hoepffner vertrat eine damals gängige Meinung. So wandte sich der Aachener Polizeidirektor im November 1843 erbost an den Bürgermeister des frühindustriellen Stadtteils Burtscheid: 

„Bei dem Schankwirth Fürstenberg soll sich häufig, besonders an Sonnabenden und Sonntagen abends, eine Menge schlechten Gesindels einfinden, bis spät in die Nacht zechen und dann in betrunkenem Zustande die Ruhe und Sicherheit der Gegend zwischen Burtscheid und Aachen bedeutend gefährden.“ 

Auch hier könnte es sich bei dem vermeintlichen Gesindel um raubeinige Fabrikarbeiter gehandelt haben; denn als Friedrich Engels, gemeinsam mit Karl Marx Begründer des Sozialismus, 1839 seine polemische Skizze des Wuppertaler Raumes entwarf, meinte er damit die frühindustriellen Regionen schlechthin: „Besonders Sonnabend und Sonntag und abends um elf Uhr“ würden zahlreiche Betrunkene aus den Kneipen strömen: 

„Die Gründe dieses Treibens liegen auf der Hand. Zuvörderst trägt das Fabrikarbeiten sehr viel dazu bei. Die Weber, die einzelne Stühle in ihren Häusern haben, sitzen vom Morgen bis in die Nacht gebückt und lassen sich dabei vom heißen Ofen das Rückenmark ausdörren. Was von diesen Leuten dem Mystizismus nicht in die Hände gerät, verfällt ins Branntweintrinken.“ 

Von derart sittenlosem Verhalten wurden in der Zeit, als die Fabriken erfunden wurden und neue Verhaltensregeln erst definiert werden mussten, sogar junge Frauen angesteckt. Was der zuständige Landrat über das Industriestädchen Eupen schrieb, galt auch für das nahe gelegene Aachen: „Hier in der Stadt kommt es z. B. sehr häufig vor, dass schon Mädchen von 17–18 Jahren (Fabrikarbeiterinnen) in den Viktualienläden einen Schnaps trinken, und je älter sie werden, desto mehr Schnäpse haben sie nötig, so dass sie zuletzt trotz einem Karrenbinder saufen können.“ 

Schilderungen wie diese sind keine Seltenheit, und die einseitige Sichtweise der Zeitgenossen hat die landläufige Meinung ebenso wie Vorurteile von Wissenschaftlern bis heute geprägt. So gehen weite Bereich der modernen Forschung davon aus, dass die Arbeiter in den frühen deutschen Fabriken außerordentlich viel Branntwein tranken, dass sie den Schnaps von den Fabrikanten sogar regelrecht verabreicht bekamen. Einer jüngeren Studie zufolge „brauchte der Arbeiter seinen Dusel, um die Arbeit überhaupt durchstehen zu können. Je nach Arbeitsplatz gab es verschiedenen Gründe, zur Flasche zu greifen“. Fabrikarbeit sei „ohne Rauschmittel nicht durchzustehen“ gewesen. 

Das klingt zunächst plausibel; aber ein Blick auf die Situation in der Gegenwart zeigt auch, dass Elend und Alkohol- bzw. Drogenproblematik nicht immer unmittelbar zusammenhängen. Im Folgenden sollen die eingangs zitierten Quellen kritisch hinterfragt werden. Dazu muss die soziale Realität der Gewerberegion in und um das rheinische Aachen geschildert werden. Zuvor ist aber die Frage zu beantworten, warum gerade der Aachener Raum des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts im Zentrum unserer Beobachtung steht.

 

Die Frühindustrialisierung – eine Zeit dramatischen Wandels, auch in den Ernährungsgewohnheiten

Im Verlauf der Geschichte gab es immer Wandel; manchmal zwar behäbig, so dass man fast von Stagnation sprechen kann; aber immer wieder auch rasant. Solche Phasen beschleunigten Wandels sind für historische Analysen von besonderem Interesse, denn an ihnen lassen sich generelle Strukturen von Kultur und Gesellschaft besonders gut ablesen, und schließlich leben wir heute am Ende des Industriezeitalters ebenfalls in einer Zeit großer Umbrüche. 

Dramatischen Wandel erlebte auch die Zeit zwischen 1750 und 1850, denn seit der Mitte des 18. Jahrhunderts waren weite Bereiche der europäischen Gesellschaften einem Veränderungsprozess unterworfen, dessen Dynamik schließlich zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Gestaltwandel führte. Dieser Wandel sparte kaum einen Lebensbereich aus. In vielen europäischen Regionen arbeiteten, argumentierten, aßen und wohnten die Menschen um 1850 grundsätzlich anders als um 1750. Es gab zwar auch soziale und geografische Inseln und Reliktgebiete, in denen der Puls der Zeit langsamer schlug, aber in einigen Innovationszentren wie Aachen, dem Süden Sachsens oder dem Tal der Wupper vollzogen sich die Veränderungen in deutlich kürzerer Zeit. Das betraf vor allem die ökonomischen Rahmenbedingungen. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts erlebte die Wirtschaft in einigen europäischen Regionen ein beschleunigtes Wachstum, das im 19. Jahrhundert schließlich zur Ausbreitung des fabrikindustriellen Systems und damit zur Industrialisierung führte. Diese Prozesse werden auch als Protoindustrialisierung und als Industrielle Revolution bezeichnet. 

Im Verlauf dieses Prozesses wandelten sich auch die Ernährungsgewohnheiten. Jetzt wurde in weiten Teilen Mitteleuropas der Schritt von der frühneuzeitlichen Brei- zur späteren Broternährung vollzogen, Kartoffel und Kaffee eroberten die Speisepläne breiter Bevölkerungskreise. Schließlich handelte es sich sowohl in Bezug auf Alltags- als auch auf Festspeisen um eine Phase breiter Popularisierung früher oberschichtlicher oder seltener Speiseelemente. Das betrifft auch den Branntwein, der zuvor nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, jetzt aber zum Massengut wurde.

 

Aachen – Motor des Fortschritts im Westen Deutschlands

Die Industrialisierung war kein flächendeckendes Phänomen, sondern sie ging von wenigen Innovationszentren aus. Unter diesen Zentren spielte Aachen auch im europäischen Maßstab eine Führungsrolle. 

Die alte Reichsstadt Aachen war verkehrsgeografisch günstig positioniert, und die naturräumlichen Voraussetzungen waren gut. Aachen wurde von einer der wichtigsten europäischen Verkehrsadern gestreift und lag im Zentrum einer Region, in der seit dem Mittelalter Wolltuche für den Export hergestellt wurden. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts weitete sich diese Produktion stark aus. Weite Bereiche des südlich von Aachen gelegenen Mittelgebirges, der Eifel, wurden von diesen protoindustriellen Prozessen durchdrungen. Im 18. Jahrhundert bildeten die Tuch- und die Nadelherstellung sowie das Kur- und Badewesen die wichtigsten Wirtschaftszweige. Die Ökonomie der Stadt war zünftisch geprägt und in einen festgefügten, engen Rahmen gepresst. Im Zuge der Ausweitung des Verlagssystems wuchs die Verflechtung der Stadtwirtschaft mit der ihres zunftfreien Hinterlandes. In der zweiten Jahrhunderthälfte erfasste eine schwere wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Krise die alte Stadt. Während die Armut zum beherrschenden sozialen Problem wurde, ergaben sich in den Zentren, die an der Peripherie der Region lagen, neue Möglichkeiten, zu Wohlstand zu gelangen. 

In den 1790er Jahren wurde Aachen von französischen Truppen besetzt, bald faktisch und schließlich auch formal in den französischen Staat eingegliedert. Nach dem Ende des französischen Intermezzos fielen Aachen und das ganze Rheinland 1815 an Preußen. In den Jahren vor 1820 erlebte das Rheinland schwere Agrar- und Wirtschaftskrisen, die aber rasch überwunden werden konnten. Bis zur Mitte der 1830er Jahre machte der Übergang zur industriellen Produktion erhebliche Fortschritte. Zollverein und bessere Exportchancen führten in der Folgezeit zu einem regelrechten Wirtschaftsboom, den auch die Unruhen und die revolutionären Ereignisse nicht nachhaltig stören konnten. Gleichzeitig führten die frühindustriellen Produktionsverhältnisse und die enormen sozialen Schwankungen und Unsicherheiten zu einer Ausweitung der Armut und zum Phänomen des Pauperismus, das einer ganzen Epoche ihren Namen gab. 

Das zweite Viertel des 19. Jahrhunderts war in der Region Aachen von einem Nebeneinander verschiedener Produktions- und Lebensverhältnisse gekennzeichnet. Während die frühen Fabriken gut verdienende Facharbeiter beschäftigten und Frauen und Kinder hemmungslos ausbeuteten, waren weite Bereiche des ländlichen Textilgewerbes noch der vorindustriellen Heimarbeit verhaftet. Sie standen zunächst ebenso im Schatten der Neuerungen des Industriezeitalters wie die Mehrzahl der Bauern und Landarbeiter. 

Im deutschen und im kontinentaleuropäischen Vergleich verliefen die aufgezeigten Prozesse in der Region Aachen atemberaubend schnell. In kaum einem Raum waren die gewerbliche Durchdringung im 18. Jahrhundert so intensiv und die Wachstumsraten so hoch. Keine Gegend des deutschsprachigen Raumes hatte zwischen 1770 und 1840 innerhalb der Spanne von nur einem Menschenleben einen derartig tiefgreifenden und alle Lebensbereiche berührenden Wandel erlebt.

 

Ein hoher Stellenwert alkoholischer Getränke bereits in Handwerk und Manufaktur

Obgleich der Aachener Raum ein zentrales frühindustrielles Zentrum war, arbeiteten zunächst nur wenige Menschen in eigentlichen Fabriken, also in geschlossenen Werkstätten mit arbeitsteiliger Produktion und zentralen Kraftmaschinen. Vielmehr war das traditionelle Handwerk, auf dessen Stärkte der Reichtum vieler Städte seit dem Mittelalter beruhte, noch lange vorherrschend. Erst seit dem späten 18. Jahrhundert entwickelten sich erste Handwerksbetriebe zu Fabriken im engeren Sinn. Um die Verhaltensweisen der fabrikindustriellen Welt verstehen zu können, bedarf es daher zunächst einer Analyse des handwerklichen Bereichs. 

Wie in den meisten deutschen Städten prägte auch in Aachen das Zunftsystem die Struktur des Handwerks seit dem späten Mittelalter. Auch darüber hinaus waren die Zünfte bedeutend, denn ihnen kamen vielfältige religiöse, wirtschaftliche, soziale und politische Funktionen zu. Diverse Quellenzeugnisse zeigen, dass die Mitglieder der meisten Zünfte regelmäßig alkoholische Getränke konsumierten, und dass diese Getränke auch eine entscheidende Rolle im System der sozialen Beziehungen und der Kommunikation spielten. Das lag nicht zuletzt daran, dass dem Genuss alkoholischer Getränke ein hoher Stellenwert eingeräumt wurde, und dass gemeinsames Trinken zu den wichtigsten Freizeitbeschäftigungen gehörte, denn die Städte waren arm an öffentliche Plätzen, und oft bot die Gaststube den einzigen Raum, der frei zugänglich war und der Licht, Wärme und Schutz vor dem Wetter bot. 

Im Handwerk spielten die Aufnahme in eine Zunft und die Meisterfeiern eine herausragende Rolle. Wer etwa in die Vereinigung der Bäcker oder der Mützenmacher aufgenommen werden wollte, musste im 17. und im 18. Jahrhundert genügend Getränke bereit stellen, damit die Kollegen eine angemessene und „zünftige“ Feier veranstalten konnten. 

Der Wein war zunächst das wichtigste Getränk. Da es im Verlauf der Frühneuzeit (1500–1800) deutlich kühler wurde, ging der Weinanbau in Mitteleuropa zurück und der Preis für den Wein stieg. Vor allem die Gesellen konnten sich den teuren Wein jetzt oft nicht mehr leisten. Daher trat das billigere Bier nun häufig an die Stelle des Weins. 

Das Sozialleben der Handwerker ist in den überlieferten Zeugnissen meist nur schwer zu rekonstruieren, aber die Quellen, die über die Trinkgewohnheiten berichten, erlauben doch einige Rückschlüsse. Sie zeugen von der tiefen Kluft, die Meister und Gesellen trennte. So wissen wir, dass die Funktionsträger der Handwerkerzusammenschlüsse feierliche Anlässe in den Zunfthäusern begingen, die sich um den Aachener Markt gruppierten, während die Gesellen sich in den Kneipen treffen mussten.

Alkoholische Getränke spielten auch bei der Entlohnung eine wichtige Rolle. Das zeigt ein Beschluss der Aachener Stadtverwaltung aus dem Jahr 1656, der festlegte, „wie viel einem arbeiter täglich an geldt und da man ihme auch bier od broedt dar Zu geben müße, wie viel man also an geldt, Bier und broedt ihme reichen solle“. 

Für ihre Arbeit sollten die Handwerker also sowohl Bier also auch Bargeld erhalten. Zwei Tage darauf legte ein Edikt fest, „daß ein Jeder handtwerckers Meister ahn taglohn haben solle, 12 Mark und 2 kannen bier ein knecht aber 10 Mark und gleichfalls 2 kannen Bier“. 

Derartige Regelungen waren weit verbreitet. Dass die angegebenen Mengen – 1656 betrug der Tageslohn für einen Meister über 13 Liter – am Arbeitsplatz getrunken wurden, ist jedoch unwahrscheinlich. Warum schrieb man also derartige Mengen an Bier fest? Die Wirtschaft war unsicher, Inflation und schwankende Konjunktur verhinderten stabile Lohnverhältnisse, und eine Naturalisierung der Lohnzahlungen hatte den Vorteil, inflationsunabhängig zu sein. In Zeiten steigender Preise brauchten die Löhne dann nicht nachverhandelt zu werden. In den Quellen wird auch nicht immer ersichtlich, ob das erwähnte Bier überhaupt ausgeschenkt wurde. Wie beim bekannteren trockenen Weinkauf konnte es sich bei Naturalabgaben gelegentlich auch um reine Rechnungseinheiten handeln.

Dennoch steht fest, dass vor der Industrialisierung zumindest in einigen Handwerksbetrieben regelmäßig Alkohol getrunken wurde. Vor allem bei besonders staubigen Tätigkeiten, so die landläufige Meinung, waren alkoholische Getränke unbedingt erforderlich. So erhielten jene Arbeiter, die 1743 in rheinischen Hilden im Zuge des Kirchenneubaus Kalkgruben aushoben, pro Tag neben Bargeld (zwölf Stüber) einen „pint Brandewein im Wert von 3 Stübern und sechs maaßen Bier im Wert von 2 Stübern pro Maaß“; obgleich das Bier leicht war, handelte es sich doch um erhebliche Alkoholmengen! In einigen Bereichen kam es zur Ausbildung von Akkordlöhnen. So forderten die Aachener Scherergesellen wenig später „eine Kann oder Maaß Bier fur Jede scher, wie gewohnt“. Der Stadtrat, der den Streit mit den Meistern zu schlichten hatte, fand diese Forderung angemessen und bestimmte zwei Wochen darauf: 

„Nicht weniger solle in Betref des Sceeren- Schleifens einem Knecht von jeder scheere eine Stund an Lohn und ein Maas Bier entrichtet werden.“ In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts treten die Verhältnisse deutlicher zutage. Die Wirtschaft gewann an Dynamik, aber Phasen steilen Aufschwungs wurden auch immer wieder von schwerwiegenden Krisen abgelöst. So gab es jetzt längere Phasen, in denen bis zu einem Drittel der Meister arbeitslos waren und sich damit in einer unbestimmten Position zwischen Handwerk und arbeitsloser städtischer Unterschicht befanden. Das hatte zur Folge, dass in guten Jahren gerne und viel getrunken wurde, während die Gläser in schlechten Zeiten oft leer blieben.

 

Zweierlei Maß

Die Obrigkeiten legten bei der Bewertung des Verhaltens der Untertanen zweierlei Maß an. Ein Schriftwechsel des Jahres 1772 macht deutlich, welcher Teil der arbeitenden Bevölkerung vor allem kritisiert wurde: Am 23. April beklagte Kaiser Joseph II., sein Dekret werde immer wieder missachtet. Er drohte Strafen an, auch in Aachen, und zwar „ins besondere gegen die Gesellen, so den Missbrauch des so genannten blauen Montags hartnäckig fortsetzen wollten.“ Kaiser und Stadtrat wurden noch deutlicher und untersagten ausdrücklich 

„die an vielen Orten fortdauernde Haltung der so genannten blauen Montage, wo sich die Handwerksgesellen der Arbeit eigenmächtig entziehen, und auch die willigen Arbeiter mit Widerspruch der Meisterschaft davon abhalten, so dass an den Orten, wo dergleichen Unfug nicht gestattet wird, oft ein Mangel an Handwerksgeselle erscheinet.“

 Der „Blaue Montag“ war aber immer nur eine vorübergehende Erscheinung. Tatsächlich vertranken einige junge, ledige und gutverdienende Gesellen ihren wöchentlich ausgezahlten Lohn manchmal bis in den Montag hinein, aber von einem durchgängigen Muster kann keine Rede sein. Der Grund ist vor allem in den hohen Preisen zu sehen. Oft musste fast der ganze Lohn aufgewendet werden, um überhaupt satt zu werden. Daher blieb jeglicher Alkoholkonsum für viele ein seltener Luxus. 

Den hohen Preis und die hohe kulturelle Wertigkeit des Alkoholkonsums belegt schließlich die Rolle, die das Trinken in den Aachener Zunftunruhen des Jahres 1760 spielte. Als die Gesellen aus Protest ihre Arbeit niederlegten, ließen sie sich mit Bier und Schnaps bestechen, um an die Werkbänke zurückzukehren. 

Belege liegen ebenfalls für die gutverdienenden und hochspezialisierten Nadelhersteller vor. Ihre Zunft unterhielt in Aachen eine Unterstützungskasse, die allerdings bei Verletzungen oder Krankheit nur dann half, wenn Trunkenheit als Ursache ausgeschlossen werden konnte. Dieser Passus ist Beweis, dass solche Unregelmäßigkeiten in Betracht kamen und zum Teil auch gängige Praxis waren. 

Den wenigen Quellen, die von trinkenden oder gar betrunkenen Handwerkern berichten, steht eine Praxis gegenüber, die viele Handwerker zum Verzicht verurteilte. Über die Manufakturarbeiter Stolbergs berichtete Carl Georg Theodor Kortum am Ende des 18. Jahrhunderts: 

„Sie genießen die ganze Woche hindurch nur kalte, schlechte Speise, die sie sich von Hause mitbringen, und trinken Wasser.“ Über die Schmiede und die übrigen Metallhandwerker schrieb der Arzt: 

„Man bedenke, dass die Leute durch die Glut des Schmelzfeueres während dem Giessen erhitzt und über und über von Schweisse triefend, an den Brunnen zu laufen pflegen, und eine Menge kaltes Wasser hineinstürzen um sich abzukühlen.“ 

Vor allem in Krisenjahren wie etwa 1794 war an den Kauf teurer Getränke nicht zu denken. „Saure Milch, ganz dünner Kaffee“, etwas anderes gab es für die Stolberger Metallhandwerker und ihre Familien laut Kortum nicht.

Letztlich traten im breit gefächerten Handwerk der Region Aachen in reichsstädtischer Zeit lediglich Handwerker aus Wachstumsbranchen mit guten Verdienstmöglichkeiten bezüglich ihrer Trinkgewohnheiten in den Vordergrund. Es ist davon auszugehen, dass die Tuchschererund die Nadlergesellen eine eigenständige und spezifisch ausgeprägte Trinkkultur entwickelten, die ihrer Identität und dem großen Selbstbewusstsein ihrer Branche entsprach.

 

Wovon war der hohe Alkoholkonsum abhängig?

Die Jahre um 1800 brachten weiten Teilen Europas Brüche, wie sie tiefer kaum hätten sein können. Ähnlich wie an der Wende zum 21. Jahrhundert wandelten sich die wirtschaftlichen und die politischen Rahmenbedingungen im Zuge der französischen Revolution und der Industrialisierung grundlegend. Zunächst blieb allerdings das alte Handwerk noch viel wichtiger. Wiederum sind es die Trinkgewohnheiten, die den Alltag der Werktätigen in dieser Umbruchszeit beleuchten. 1820 berichtete ein Beobachter aus dem ebenfalls frühindustriellen Zentrum Siegen: 

„Der Hammerschmied, der Hüttenarbeiter, der begüterte Bauersmann trinkt, außer Bier, auch gewöhnlich Kaffee, Brantwein, … während der Bergmann, der Handwerker und der ärmere Bauersmann sich glücklich fühlen, wöchentlich einigemal Bier trinken zu können.“ 

Bei den traditionellen Handwerkern der Region Aachen nahmen hinsichtlich der Trinkgewohnheiten lediglich die Gerber eine Sonderrolle ein. 1844 lehnte der Landrat von Malmedy den Branntweinverkauf auf Kredit grundsätzlich ab, bemerkte aber, dass „die sehr zahlreich vorhandenen Gerbereiarbeiter, die auf den Branntweingenuss fast angewiesen sind, des Creditirens wirklich bedürfen“. Der Streit um den Ausschank an die Gerber beschäftigte die Behörden über Jahre hinweg, was darauf hindeutet, dass im Ledergewerbe tatsächlich verhältnismäßig viel getrunken wurde. Dabei dürften sowohl die permanente Geruchsbelästigung und die hohe Feuchtigkeit bei der Arbeit als auch das hohe Lohnniveau der Gerber eine Rolle gespielt haben. Zwar berichteten die Gemeinnützigen und unterhaltenden Rheinischen Provinzialblätter 1832 und 1833 wiederholt von trunksüchtigen Schreinern, Schustern, Sattlern oder Buchbindern, aber diese Belege sind regional weit gestreut und dürften eher auf die thematische Vorliebe eines Redakteurs als auf eine besondere Häufung zurückzuführen sein. Die starke Konjunkturabhängigkeit, der auch die Trinkgewohnheiten im Bereich des alten Handwerks unterlagen, illustriert ein Schreiben, das der Geilenkirchener Landrat 1844 an die Regierung Aachen richtete: 

„Es kommen Fälle vor, wo Trunkenbolde, denen die Wirthe wegen mangelnden Geldes ferner nicht mehr borgen wollten, eine Zeitlang vom Genusse des Branntweins sich fern halten; so bald sie aber Gelegenheit haben, irgendwo neuen Credit zu finden, wird ihre Trinklust wieder erwacht und sie sind dort die beständigen Kunden. Häufig ist dies der Fall bei Handwerkern, die im Winter wenig oder gar keinen Verdienst haben. Sie borgen schon auf den künftigen Verdienst.“ 

Bei der Erforschung der Lebensverhältnisse an der Schwelle zum Industriezeitalter wurde das so genannte Trucksystem in der Vergangenheit intensiv diskutiert. Dabei erhielten Handwerker und Arbeiter den Lohn als Naturalabgaben. Aber nicht, um ihn in unsicheren Zeiten stabil zu halten, sondern um die Menschen zusätzlich auszubeuten, denn beim Trucksystem, das in England durchaus gebräuchlich war, mussten die Arbeiter die Ware zu überhöhten Preisen bei ihren Arbeitgebern kaufen. Dieses System habe, so die Forschung, vor allem dem steigenden Branntweinkonsum Vorschub geleistet. Zumindest in der Region Aachen lassen sich dieser Trend und das damit verbundene Trinken am handwerklichen Arbeitsplatz allerdings nicht beobachten. Der Landrat von Geilenkirchen bestätigte 1847 sogar, „dass der zu Linnich wohnende Kaufmann Johann Reiner Franken an die in seinen beiden Mühlen zu Brachelen … beschäftigten 50–60 Arbeiter keinen Branntwein verabreicht, und den Arbeitern sogar der Genuss des Branntweins durch den Miethvertrag untersagt ist“. Selbst für die Bauhandwerker finden sich keine Belege, die auf regelmäßigen Konsum auf der Baustelle hindeuten. Lediglich „nach Vollendung eines Gebäudes“ wurden im Regierungsbezirk Aachen üblicherweise viele „Gläser und Flaschen“ geleert.

 

„Der Trinker in seinem Heim“ist diese Illustration in einem populären Gesundheitsbuch betitelt, da erstmals 1901 erschien und viele Auflagen erlebt hat. Die Trostlosigkeit des Trinkerdaseins sollte mit diesem Bild vermittelt werden. Wobei offen bleibt, ob der Alkoholismus zur Trostlosigkeit führt oder umgekehrt Armut und trostlose Existenz zum Alkohol greifen lässt. Denn eine Flasche sieht man auf dem Bild eigentlich nicht. Der Alkoholismus der „feinen Leute“ jedenfalls brachte keine solchen warnenden und abschreckenden Bilder hervor.

Aus: Anna Fischer-Dückelmann: „Die Frau als Hausärztin“

 

Trinken innerhalb fester Regeln

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Handwerk das städtischen Leben der Stadt Aachen im 18. Jahrhundert maßgebliche prägte und dass das Handwerk auch in der frühindustriellen ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine maßgebliche Rolle spielte. Im alltäglichen Leben der Handwerker nahm das gemeinsame und gesellige Leben einen wichtigen Platz ein. Es war eine männlich dominierte Welt, in welcher der Alltag nach festgelegten Regeln verlief. Die individuellen Spielräume blieben gering: Ein Zimmermannsgeselle war an seiner Kleidung zu erkennen, er verkehrte vornehmlich mit anderen Zimmerleuten, und rund um die Uhr wurde von ihm verlangt, sich wie ein Zimmermann zu benehmen. Handwerker tranken gerne und meist möglichst viel. Dabei verhielten sie sich in der Regel so, wie es die Zeitgenossen erwarteten. Die Meister blieben häufig unter sich, und es war unter ihrem Stand, in der Freizeit mit Gesellen zu verkehren. Während die Gesellen häufig Bier tranken, grenzten sich die Meister ab, indem sie den teureren Wein bevorzugten. Es war vor allem der hohe Preis des Alkohols, der verhinderte, dass es häufiger zu Ausschreitungen kam, denn regelmäßigen Genuss größerer Alkoholmengen konnten sich nur wenige spezialisierte und gut verdienende Handwerker leisten. 

In den Werkstätten wurde während der Arbeit nur selten Alkohol getrunken; lediglich einzelnen Berufsgruppen wurde regelmäßiges Trinken während der Arbeit zugestanden. 

Besonders auffällig wird die Stellung der Handwerker in der Gesellschaft, wenn man einen Blick auf das Verhältnis zwischen Alkoholkonsum und Gewaltanwendung wirft. Die Aachener Handwerker waren auch noch in der frühindustriellen Zeit fest in das Sozialleben integriert, sie nahmen einen klar definierten Platz in der Gesellschaft ein und waren einem jeweils spezifischen Verhaltenskodex unterworfen. Gewalthandlungen, die etwa im Rahmen von Wirtshausschlägereien auftraten, folgten einem festgelegten Muster. Diese Muster sah etwa vor, keine Gewalt gegen Schwächere anzuwenden oder niemanden ernsthaft zu verletzen. Zudem verliefen solche Schlägereien im öffentlichen Raum und damit unter öffentlicher Kontrolle, was Eskalationen verhinderte. Der geregelte Konfliktablauf rührte nicht zuletzt daher, dass Handwerker zwar gerne tranken, dass Zustände totaler Narkotisierung aber dennoch kaum auftraten, da die soziale Gruppe solches Verhalten nicht geduldet hätte.

 

Die Fabrik: die neue Werkstatt

In den Jahren um 1800 kam eine völlig neue Form der Werkstatt in den deutschen Westen, und dort zuerst in die kapitalstarke protoindustrielle Stadt Aachen. Es handelte sich um die Fabrik, die allerdings Jahrzehnte brauchte, um zur vorherrschenden Form zu werden. Während die Anzahl der Aachener, die in der Stadt vor 1825 in geschlossenen Fabrikbetriebenen arbeiteten, im Bereich weniger Hundert lag, stieg sie in den 30er Jahren, lag aber immer noch deutlich unter 2.000, wovon etwa 20% Kinder unter 14 Jahren und knapp die Hälfte Frauen waren. Bis zum Ende der 40er Jahren ist dann ein Anstieg auf über 10.000 zu verzeichnen, von denen die meisten in der Textilindustrie arbeiteten. 

Dort liefen mehrere Produktionsprozesse parallel nebeneinander ab und erforderten von den Beschäftigten unterschiedlichste Qualifikationen. Der Gemengelage der Produktionsabläufe entsprach eine differenzierte Berufsstruktur. Während hochspezialisierte Spinner oder Färber schon früh gut verdienten und oft in zentralen Betrieben arbeiteten, waren viele Weber auch in den 1840er Jahren noch zu Hause beschäftigt. Sie waren der Willkür der Verleger und den Unbillen des Marktes besonders stark ausgesetzt. Im landwirtschaftlichen Nebengewerbe, aber auch am traditionellen und verhältnismäßig einfach zu bedienenden Webstuhl halfen Frauen und ältere Kinder. In Einzelfällen mag es vorgekommen sein, dass der Mann sich „Weber“ nannte und die Arbeit seiner Familie organisierte, aber Frau und Kinder die eigentlichen Weber waren. Wer diesbezüglich geschickt war und fleißige Angehörige hatte, konnte ebenso zu bescheidenem Wohlstand kommen wie junge, alleinstehende Weber. 

In den Fabriken arbeiteten also sowohl ausgebeutete, schlecht verdienende und unterernährte Kinder und Frauen als auch Facharbeiter, die sich hoher Löhne und hohen Ansehens erfreuten. 

Die Forschung, darauf wurde bereits hingewiesen, geht vielfach davon aus, dass in der frühen deutschen Fabrik außerordentlich viel Branntwein getrunken wurde, um das Elend der schweren Arbeit ertragen zu können. Werfen wir also zunächst einen Blick auf das Trinken in den Fabriken, und dann auf die Berufsspezifika der Arbeiter.

 

Sinnlose Betäubung oder maßvoller Genuss?

Der Alkoholkonsum in den Fabriken Zunächst zur Frage, ob in den Fabriken selbst getrunken wurde. Als die Aachener Behörden zwischen 1817 und 1824 mehrere Stellungnahmen zur Situation der „Uebelstände“ in den Fabriken vorlegten, erwähnten sie dort die alkoholischen Getränke mit keinem Wort. Das Fehlen von Belegen in diesen Unterlagen rührt möglicherweise von einer toleranten Sichtweise der Behörden her, die vermeintlich vernünftigen Konsum im Zusammenhang mit Missständen nicht für erwähnenswert erachteten. Als 1823 die Güter der Firma Eichelmann in Aachen versteigert wurden, standen neben zahlreichen Webstühlen und Kämmen auch „eiserne Braukessel“ zum Verkauf, zumindest vages Indiz für von dem Betrieb betriebene Heimbrauerei. Schließlich gab es industrielle Großbrauereien erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und es ist durchaus wahrscheinlich, dass Werkstätten ebenso ihr eigenes Bier brauten, wie es in den Gaststätten und Privathaushalten vielfach üblich war. 

Zweifellos war die Arbeit in den frühen Fabriken anstrengend, viel Durst musste gestillt werden; wie groß die Anteile von Alkoholika bzw. Wasser waren, ist wegen der dünnen Quellendecke nicht zu ermitteln. 1825 heißt es in einem Bericht über den westfälischen Regierungsbezirk Arnsberg, vor allem in den Drahtfabriken seien die Arbeitsverhältnisse wegen der Menge an Eisenstaub und der großen Hitze unmenschlich. Der „Genuss von Flüssigkeiten“ sei besonders wichtig, es würden „die Arbeiter aber nur alkoholische Flüssigkeiten zu trinken“ pflegen.

 

Prestige-Trinken?

In der Rheinprovinz verfuhren viele Betriebe wie die Firma Oberempt im Wuppertal, deren Reglement für die Spinnerei 1836 „jedem Arbeiter das Branntweintrinken, besonders aber das Tabakrauchen, wie alles Hin- und Herlaufen, so auch das Singen und Plaudern unanständiger Sachen“ verbot. Diese Ordnungen waren aber sehr uneinheitlich. Während die Viersener Baumwollspinner- und -weberei Berger & Co. 1842 bestimmte, niemand dürfe „Bier und Branntwein mitbringen … oder während der Arbeit trinken“, schränkte Paragraf elf der Fabrikordnung der Cromforder Firma Brügelmann zwei Jahre darauf ein: „Geistige Getränke dürfen nicht in die Fabrik gebracht werden, ausgenommen mit besonderer Erlaubniss des Spinnmeisters, wenn dieser es in einzelnen Fällen für nöthig hält.“ 

Offenbar war es in einigen Fabriken zunächst durchaus üblich gewesen, während der Arbeit Schnaps zu trinken. In solchen Fällen handelte es sich aber nicht um versteckte Suchttrinker oder um Arbeiter, die mit dem Alkohol ihr Elend betäuben wollten. Vielmehr war das hohe gesellschaftliche Ansehen des Branntweins für das gelegentliche Schnapstrinken in den frühen Fabriken verantwortlich. Diskussionen über die Schädlichkeit des Alkohols wurden zwar geführt, verliefen aber kontrovers, und kaum jemand fand es bedenklich, wenn der Meister am Vormittag ein Glas Schnaps trank, sofern er sich nicht auffällig betrank.

 

Die amerikanisch-englische Mäßigkeitsbewegung schwappt auch nach Deutschland

Die unkritische Einstellung zum Alkoholkonsum änderte sich erst seit den 1840er Jahren, als die Ideen der amerikanischenglischen Mäßigkeitsbewegung auch in Deutschland rezipiert wurden. So meldete ein Die Enthaltsamkeitssache in der Rheinprovinz betitelten Artikel, der 1845 im Rheinischen Beobachter erschien, in vielen Betrieben werde nun deutlich weniger getrunken, weil „mehrere Fabrikbesitzer ihren Arbeitern keinen Branntwein mehr zum Frühstück verabreichen“. Ob es seine solche Praxis jedoch in Aachen jemals gegeben hatte, ist fraglich: Seit den 1830er Jahren bemühte sich das preußische Innenministerium in Berlin, gegen jene Missstände vorzugehen, die aus dem Betrieb von Schankwirtschaften durch Fabrikanten erwachsen waren. Ein umfangreicher Briefwechsel, den Berlin in dieser Angelegenheit mit den Aachener Behörden führte, macht nämlich deutlich, dass es dort niemals derartige Zustände gegeben hatte, und dass lediglich wenige abseits gelegene Fabriken ihren Arbeitern Getränke verkauften. 

Was bleibt als Fazit, wenn wir das Trinken in den Aachener Fabriken des zeitigen 19. Jahrhunderts betrachten? Die frühindustrielle Fabrik der Region Aachen war offenbar kein Ort, an dem übermäßiger Alkoholkonsum weit verbreitet war und gefördert wurde. In der Mehrzahl der Betriebe wurden die von der preußischen Regierung vorgegebenen Normen durchgesetzt. Möglicherweise tranken einige Arbeiter auch im Betrieb ihr mitgebrachtes Bier, soweit es die Lohnverhältnisse zuließen. Eine Abhängigkeit von den Arbeitsbedingungen ist zu vermuten, sicher bestand sie von der geografischen Lage. In den frühen Textilfabriken des städtischen Bereichs wurde kaum getrunken, während in abgelegenen Eisenhütten nach Ansicht fast aller Betroffener Bier und Branntwein in Maßen kaum schaden konnten. Ähnliche Verhältnisse dürften beispielsweise auch in den Glashütten geherrscht haben. Der Industrialisierungsschub der 1840er Jahre erschwerte den Behörden den Überblick. Den Fabriken direkt angeschlossene Kneipen begannen eine – wenn auch marginale – Rolle zu spielen. Zu beachten ist schließlich, dass die unteren Behörden die Intentionen der Regierung zuweilen nicht erkannten und die Normen, die sie durchzusetzen hatten, unterschiedlich auslegten.

 

Mit Heimat und Bodenständigkeit 
werben Brauereien seit eh und je.

 

 

Ein enger Zusammenhang zwischen qualifizierter Fabrikarbeit und Alkoholkonsum

Die frühe Aachener Arbeiterschaft war heterogen strukturiert. Viele waren und blieben arm, und Alkoholkonsum und regelmäßiger Wirtshausbesuch waren zu teuer. Dennoch treten immer wieder Arbeiter in Erscheinung, die offenbar doch über die Stränge schlagen konnten. Am 12. November 1827 gab der Aachener Nachtwächter an, gestern sei ihm „auf seiner Runde in der hiesigen Hauptstraße ein Trunkenbold von Achen kommend lärmend“ entgegen geschritten, „laut ausrufend: ich scheiße auf die ganze Polizei“. Es habe sich um einen jungen Fabrikweber Breyer gehandelt. 

Woher hatte der junge Mann das Geld? Warum konnte er immer wieder in die Wirtschaft gehen und verlor trotz der ständigen Entgleisungen seine Arbeitsstelle nicht? Am Ende der französischen Zeit konnte sich ein Weber von seinem Tageslohn noch vier Kilogramm Brot kaufen, sein Auskommen war gut. In der preußischen Zeit sanken die Einkommen der Weber kontinuierlich. Dennoch verfügte zumindest Breyer über genügend Geld, um regelmäßig über die Stränge zu schlagen, und auch weitere Quellen weisen darauf hin, dass die Weber in den Aachener Wirtshäusern die mit Abstand größte Besuchergruppe bildeten. Zudem gaben sie auch mehr aus als andere und gerieten wegen ihrer Trunkenheit eher in Konflikt mit den Gesetzen. Am 24. Juni 1817 beispielsweise beschwerte sich der Wirt Adam Knops beim Burtscheider Bürgermeister „und erklärte, dass Daniel Schlösser, Jacob Schlösser, und Leonard Kraus, Weber von hier, gestern Nachmittag gegen sechs Uhr in seinem Hause unanständigen Excesse getrieben“ und versucht hätten, „den Wirth zur Thür hinaus zu schmeißen“. 

Die ökonomische Situation der Weber, die unseren Quellen zufolge bis zu diesem Zeitpunkt offenbar noch gut oder zumindest befriedigend gewesen war, verschlechterte sich in den folgenden Jahren deutlich. Als sich die Mechanisierung beschleunigte, konnten sie sich den Wirtshausbesuch nicht mehr leisten. So steht den vielfach belegten Zechgelagen der Weber der 1820er Jahre ein Schweigen der Quellen nach 1830 gegenüber: Wer nun den Sprung vom heimischen Webstuhl in die besser bezahlten und höher qualifizierten Stellen nicht geschafft hatte, der war, wenn er verantwortungsvoll haushaltete, weitgehend zur Abstinenz verurteilt.

In den 40er Jahren wurde die Situation vieler Weber hoffnungslos. Zu jenen, die sich aufgaben, gehörte Franz Dauzenberg. Im Dezember 1843 schrieb der Burtscheider Bürgermeister über ihn: 

„Nachdem der hier wohnende Weber Franz Dauzenberg durch fast ununterbrochenes Brandtweintrinken so weit gesunken, dass er außer Stande kam, für sich und seine beiden unerwachsenen Kinder mehr Brod zu schaffen und jedes Mal bei seiner Trunkenheit die Straßen durchzog und ungebührliche anstößige Äußerungen machte und dadurch den ärgerlichsten Straßen- Auflauf verursachte, habe ich ihn … inhaftieren lassen.“ 

Trotz längeren Aufenthalten in Besserungsanstalten wurde Dauzenberg immer wieder rückfällig, vertrank auch das Geld seines Vaters, „wobei er nach ausgeschlafenem Rausch immer Besserung versprochen, aber nichts gehalten hat“, bis er nach diversen Eskapaden im Mai 1847 aus den Quellen verschwindet. Weber wie Dauzenberg waren Opfer des Pauperismus. Nur wegen ihres Alkoholmissbrauchs ist ihr Schicksal überliefert. 

Früher als andere Textilfachkräfte arbeiteten die Wollspinner in den Fabriken, aber die Polizeiakten erwähnen sie nur selten. Möglicherweise spielten mentale Gründe eine Rolle: Während die Situation sich für die Weber laufend verschlechterte, sicherte eine weniger schnelle Entwicklung der Spinntechnik in Kombination mit dem Wirtschaftsaufschwung die Einkommen der Spinner und führte zu Überstunden, hohen Löhnen und guten Zukunftsaussichten. Andere Berufe der Branche werden nur am Rande erwähnt, so dass die Trinkgewohnheiten ihrer Vertreter im Dunkeln bleiben. 

Letztlich besaß die polemische Skizze des Wuppertaler Raumes, die Friedrich Engels 1839 entwarf, auch für Aachen ein Stück Gültigkeit. Tatsächlich bestand ein enger Zusammenhang zwischen qualifizierter Fabrikarbeit und Alkoholkonsum. Aber es waren eher die gutverdienenden Facharbeiter, die regelmäßig tranken, während die schlechtbezahlten Hilfskräfte – das erkannte Engels nicht – in der Regel vom Wirtshausbesuch ausgeschlossen blieben, obgleich auch von ihnen einige dem Alkohol verfielen, ihr Handeln dann aber sozial und ordnungspolitisch geächtet wurde, weil sie ihre Fürsorgepflichten vernachlässigten.

 

Trinkgenuss ohne Alkohol? 
Wie die Reklame zeigt, sind die Versuche so neu nicht, alkoholfreies Bier herzustellen, das auch wirklich nach Bier schmeckt.

 

Ein Zeichen der Emanzipation?

Abschließend sei auf eine Sonderentwicklung hingewiesen, die in engem Zusammenhang mit der Industrialisierung steht. Wir haben gesehen, dass extreme Rauschzustände bei der Arbeiterschaft aus den verschiedensten Gründen nur selten waren, das Schlagwort vom Elendstrinken also Topos bleibt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Menschen meist nach denjenigen Verhaltensnormen handeln, die sie kulturell erlernt haben: Tradiertes Wissen wird so lange in soziale Realität umgesetzt, wie es die Zustände erlauben. Da die frühen Fabrikarbeiter oft aus der Handwerkerschaft stammten, handelten sie in der Fabrik auch wie Handwerker. Wir haben aber auch gesehen, dass die Fabriken viele Frauen beschäftigten, die keinen solchen Hintergrund hatten. Vor allem die jungen Mädchen, die wegen ihrer Leistungsfähigkeit oft über recht viel Geld verfügten, waren nun in einer Situation, in der sie auf keine Vorbilder zurückgreifen konnten. Diese Fabrikmädchen schufen eine eigene, spezifische Alkoholkultur, die auch den gemäßigteren Konsum einer selbstbewussten, völlig neuen Vorreitergeneration implizierte. Der eigenständige und neue Alkoholgebrauch steht dabei für einen neuen Lebensstil, der weite Bereiche des täglichen Lebens betraf, u.a. wohl auch die Beziehungen der Geschlechter zueinander. Die schon in der Zeit der ersten Fabriken selbständig trinkenden Frauen spielten dabei die Rolle echter Emanzipationspioniere. Dem Eingangszitat, dem zufolge einige „Mädchen von 17–18 Jahren (Fabrikarbeiterinnen)“ wie „Karrenbinder saufen“ konnten, kommt demnach eine große Realitätsnähe zu.

 

Es waren keineswegs die Arbeiter, die am meisten tranken

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Trinkgewohnheiten den unterschiedlichen Entwicklungssträngen der beruflichen Differenzierung der Region Aachen folgten, identitätsbildende Funktion hatten und auf diese Weise instrumentalisiert wurden. 

In reichsstädtischer Zeit traten vor allem Fachkräfte aus dem Nadel- und dem Textilgewerbe in den Vordergrund, die über gute Verdienstaussichten und Zukunftsperspektiven verfügten. Die bereits im 18. Jahrhundert starke Konjunkturabhängigkeit betraf u.a. die Bauern, während die Trinkgewohnheiten der Mitglieder der Stadtverwaltung offenbar geringeren Schwankungen ausgesetzt waren. 

Die Trends des 18. setzten sich im 19. Jahrhundert fort; aber es gab auch Ausnahmen. So scheinen die Gerber, obgleich hinsichtlich ihres Einkommen eher im Mittelfeld rangierend, mehr als andere getrunken zu haben. Das Beispiel der Weber hat gezeigt, dass eine günstige Wirtschaftsentwicklung zur Genese einer eigenen Trinkkultur führen konnte. Diese musste dann jedoch unter dem ökonomischen Druck der 1830er Jahren wieder aufgegeben werden. Diejenigen, deren Berufsfeld durch die Industrialisierung gesellschaftlich aufgewertet wurde, gingen oft und gerne ins Wirtshaus, tranken dort aber nicht übermäßig und wurden auch kaum verhaltensauffällig. Das traf vor allem für die Berufe zu, deren Einkommenssituation sich verbesserte, also vor allem für die Spinner und die Scherer, unter denen im Zeitalter des Pauperismus eine ausgesprochen gute und gesellige Stimmung geherrscht zu haben scheint. Eine Sonderrolle spielten auch die frühen Fabrikarbeiterinnen, die ihrem Anspruch auf soziale Rechte durch eine Trinkkultur Ausdruck verliehen, die sich an männlichen Vorbildern orientierte. Im gesamtgesellschaftlichen Kontext muss beachtet werden, dass es keinesfalls Handwerker oder Arbeiter waren, die in vor- oder frühindustrieller Zeit am meisten tranken; die absolute Spitzenstellung hatten in dieser Hinsicht wohlhabende männliche Kaufleute und Wohlstandbürger mittleren Alters inne. 

Die eingangs zur Diskussion gestellte These, dass „der Arbeiter seinen Dusel“ brauchte, „um die Arbeit überhaupt durchstehen zu können“ und auch am Arbeitsplatz zur Flasche griff, trifft für die Region Aachen keinesfalls zu.

 

Mal ein Bier, eine Flasche Wein oder ein Gläschen Schnaps: Die Europäer sind keine Kostverächter, wenn es um den Konsum alkoholischer Getränke geht. In reinen Alkohol umgerechnet liegt der Pro-Kopf-Verbrauch in zahlreichen Ländern bei über zehn Liter im Jahr. Der Statistik des Bundesverbandes der Deutschen Spirituosen-Industrie (BSI) zufolge liegen die Deutschen mit 10,5 Liter gleichauf mit den Franzosen. Allerdings ist Alkohol nicht gleich Alkohol: In den Mittelmeerländern wird viel Wein getrunken, in Deutschland dagegen vor allem Bier. Die Skandinavier konsumieren vergleichsweise wenig „geistige Getränke“, was sich vor allem durch die hohen Steuersätze auf Alkohol erklären lässt.

Globus

 

Literaturhinweise:

Ebeling, Dietrich, Mager, Wolfgang (Hgg.): Protoindustrie in der Region. Europäische Gewerbelandschaften vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, Bielefeld 1997 Erdmann, Claudia: Aachen im Jahre 1812. Wirtschaftsund sozialräumliche Differenzierung einer frühindustriellen Stadt, Stuttgart 1986

Herres, Jürgen: „Die geringeren Klassen und der Mittelstand“ gehen „täglich mehr der Verarmung entgegen“. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 98/99 1992/93, Teil 2, S. 381–446 

Hirschfelder, Gunther: Europäische Esskultur. Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute, Frankfurt/New York 2001 

Hirschfelder, Gunther: Alkoholkonsum am Beginn des Industriezeitalters. Vergleichende Studien zum gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. Band 2: Die Region Aachen 1700 bis 1850. Köln/Weimar/Wien 2003 (im Druck). In dieser Publikation finden sich alle Nachweise für die in diesem Text zitierten Quellen. 

Hirschfelder, Gunther: Fruchtwein und Schnaps, Bürgertochter und Fabrikmädchen. Weiblicher Alkoholkonsum als Indikator des Rollenverständnisses an der Schwelle zum Industriezeitalter. In: Christel Köhle-Hezinger u.a. (Hg.), Männlich. Weiblich. Zur Bedeutung der Kategorie Geschlecht in der Kultur, Münster/New York/München/Berlin 1999, S. 282–294

 

 


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