Zeitschrift

Nahrungskultur

Essen und Trinken im Wandel

 

Heft 4/ 2002

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

  Im Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit
 

Säuglingsernährung und Stillpropaganda

  Ein Beitrag zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitsfürsorge

 

Von Jörg Vögele  

 

Dr. Jörg Vögele ist Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte und stellvertretender Direktor am Institut für Geschichte der Medizin sowie Mitglied der Abteilung Wirtschaftsgeschichte des Historischen Seminars der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; Fellow der Universität Liverpool (Department of Economic and Social History; 1994–2000). Vormalige Lehrtätigkeit an den Universitäten Konstanz, Liverpool und Prag. Hauptarbeitsgebiete sind Sozialgeschichte der Neuzeit in europäisch vergleichender Perspektive; Sozial- und Kulturgeschichte von Urbanisierung und Globalisierung; Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Deutschlands und Englands im 19. und 20. Jahrhundert; Bevölkerungs-, Umwelt- und Wissenschaftsgeschichte.

 

Der deutliche Anstieg der Lebenserwartung während der letzten 150 Jahre ist im wesentlichen auf einen dramatischen Rückgang der Säuglingssterblichkeit zurückzuführen. Wurde der Tod eines Säuglings traditionell als unabwendbares Schicksal angesehen, so änderte sich dies gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Angesichts sinkender Geburtenraten wurden vielfältige Anstrengungen unternommen, die Säuglingssterblichkeit zu reduzieren. Als entscheidender Ansatzpunkt galt die Ernährungsweise der Säuglinge. Hauptziel der entstehenden Säuglingsfürsorge wurden deshalb sowohl die Bereitstellung adäquater tierischer Milch als vor allem auch die Hebung der geringen Stillquoten. Mit Stillpropaganda und Stillprämien sollten die Mütter zum Stillen ihrer Säuglinge angehalten werden. Organisatorische Probleme, der starke Zwangscharakter der Maßnahmen und vor allem die vollkommene Verkennung der lebensweltlichen Verhältnisse in den unteren Schichten beschieden der Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg allerdings nur begrenzten Erfolg. Gleichwohl wurden systematische Strategien der Säuglingsfürsorge erarbeitet, die schließlich zu weiten Teilen in die Weimarer Sozialpolitik einflossen und bis heute das Herzstück kommunaler Programme zur Verbesserung der Situation der Säuglinge in der Dritten Welt bilden.

 

Verdoppelung der Lebenserwartung 

in den letzten 150 Jahren In den letzten 150 Jahren hat sich in Westeuropa die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt mehr als verdoppelt. Betrug sie etwa bei der Gründung des Deutschen Reiches bei Männern rund 36 Jahre und bei Frauen rund 39 Jahre, so hat sie sich mittlerweile auf etwa 74 Jahre bei Männern und 80 Jahre bei Frauen erhöht. Dies ist zu einem entscheidenden Maß auf den drastischen Rückgang der Säuglingssterblichkeit zurückzuführen. Erreichte im Kaiserreich in manchen Jahren nur jeder dritte Säugling eines Geburtsjahrganges das Erwachsenenalter, so liegt die Säuglingssterblichkeit heute bei 6,7 von 1 000 Lebendgeborenen, und die Lebenserwartung der Säuglinge ist weitaus höher als die der Einjährigen und Älteren. Eine entscheidende Trendwende in der Entwicklung der Säuglingssterblichkeit setzte um die Wende zum 20. Jahrhundert ein (Abbildung 1).

 

Abb. 1: Die Entwicklung der Säuglingssterblichkeit in Deutschland, 1816–1996
Preußen 1816–1900, Reichsgebiet 1901–1938, bis 1989 westl. Bundesgebiet, ab 1990 ges. Bundesgebiet

 

Quellen: F. Rothenbacher, Zur Entwicklung der Gesundheitsverhältnisse in Deutschland seit der Industrialisierung, in: E. Wiegand und W. Zapf (Hgg.), Wandel der Lebensbedingungen in Deutschland. Wohlfahrtsentwicklung seit der Industrialisierung, Frankfurt a. M. 1982, S. 335–424; Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1978–1998.

 

Die Vorzüge der Muttermilch sind nicht nur ernährungsphysiologischer Natur 

Entsprechende Erklärungsversuche führen unterschiedliche Ursachen an. Als Schlüsselvariablen für Höhe und Entwicklung der Säuglingssterblichkeit gelten die Legitimität der Säuglinge, die Kinderzahl pro Familie, Umweltbedingungen und Lebensstandard, Bildungsgrad der Eltern und vor allem die vorherrschenden Ernährungspraktiken.1 Konkret geht es dabei um die Frage, wieviele Frauen ihre Säuglinge stillten und wann der Übergang zu künstlicher Ernährung erfolgte. Künstliche Ernährung war mit einer hohen Säuglingssterblichkeit verbunden, Stillen dagegen mit niedrigen Sterbeziffern, denn es vermindert die Risiken einer Mangelernährung und bietet einen gewissen Schutz vor akuten Infektionskrankheiten. Muttermilch ist nicht nur ernährungsphysiologisch ideal, sondern überträgt auch Immunstoffe der Mutter und ist zudem relativ steril. Dagegen fördert künstliche Ernährung das Infektionsrisiko, besonders wenn die Nahrung mit Milch oder Wasser zubereitet, oder, wie es in manchen Gegenden Brauch war, von Erwachsenen vorgekaut wurde. Berüchtigt waren insbesondere der sogenannte Mehlbrei oder auch Zuckerwasser, die beide häufig morgens zubereitet und drei bis viermal am Tag aufgewärmt wurden. Aus den ländlichen Gebieten Süddeutschlands wurden auch Praktiken berichtet, bei denen der Schnuller mit zerkleinertem oder vorgekautem Zwieback und Zucker gefüllt, manchmal zusätzlich in Bier getaucht, oder sogar mit einer Beigabe von Mohnsamenabsud oder Opium zur Beruhigung angereichert wurde. Beklagt wurde von den Fachleuten ferner die weitverbreitete Verwendung von Branntwein, um Säuglinge und Kinder zu ‚ernähren´. 

In Deutschland weisen zeitgenössische lokale Erhebungen darauf hin, dass die Stillhäufigkeit mit steigendem Einkommen tendenziell abnahm und insbesondere in den oberen Schichten wenig verbreitet war. Wesentlich markanter jedoch waren die starken regionalen Unterschiede hinsichtlich der Stillquoten. In den östlichen bzw. südöstlichen Gebieten des Deutschen Reiches ging die hohe Säuglingssterblichkeit mit dem Nichtstillen der Säuglinge in diesen Regionen einher. Alarmierend war, dass die Stillquoten insbesondere in den Städten im Kaiserreich rückläufig waren.2 Um nur ein Beispiel zu nennen: In Köln stillten 1902 lediglich 40 Prozent aller Frauen ihre Kinder, die Mütter dieser Frauen jedoch hatten noch zu über 90 Prozent gestillt. 

Entsprechend waren ernährungsbedingte Magen-Darm-Erkrankungen die Haupttodesursache unter den Säuglingen im 19. Jahrhundert 
(Abbildung 2). Diese machten beispielsweise in preußischen Städten im Jahr 1877 nahezu 73 Prozent aller Sterbefälle im ersten Lebensjahr aus, im Jahr 1905 immerhin noch 57 Prozent. Nach lokalen Erhebungen in Barmen, Berlin, Essen, Hannover und Köln lag die Sterblichkeit der künstlich ernährten Säuglinge drei- bis siebenmal so hoch wie die der gestillten. Reichsweit wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschätzt, dass die Sterblichkeit der „Flaschenkinder“ bis zu siebenmal höher war als diejenige der „Brustkinder“. Selbst unter ungünstigsten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen starben weniger „Brustkinder“ als in guten wirtschaftlichen Verhältnissen lebende künstlich ernährte Säuglinge (Abbildung 3). Selbstverständlich änderte sich im Laufe der Zeit die Gewichtung der einzelnen Faktoren. Während das Stillen im 19. Jahrhundert von immenser Bedeutung war und andere sozioökonomische Faktoren, wie etwa das Haushaltseinkommen, aufwiegen konnte, hat heutzutage die Ernährungsfrage zumindest auf die Sterblichkeit der Säuglinge in den Industrienationen keinen signifikanten Einfluss mehr.

 

Abb. 2: Säugling, der an den Folgen von Fehlernährung leidet (1904)

Quelle: Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

 

Abb. 3: Säuglingssterblichkeit im Regierungsbezirk Düsseldorf nach Ernährungsweise und Jahreseinkommen der Väter, ca. 1905

Quelle: M. Baum, Lebensbedingungen und Sterblichkeit der Säuglinge im Kreise Grevenbroich, in: Zeitschrift für Säuglingsfürsorge 6 (1912), S. 197–208 und 309–316.

 

In Sorge um die wirtschaftliche und militärische Zukunft der Nation

Während die hohe Säuglingssterblichkeit traditionell als nicht abzuwendendes Schicksal verstanden worden war, gaben sinkende Geburtenraten gegen Ende des 19. Jahrhunderts Anlass zu Befürchtungen über die wirtschaftliche und militärische Zukunft der Nation. Insbesondere der direkte Vergleich mit England und Frankreich löste in Wissenschaft und Politik hektische Aktivitäten aus. 

So wurde in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts von städtischer Seite der systematische Ausbau der sanitären und hygienischen Infrastruktur forciert. Schwerpunkte bildeten die zentrale Wasserversorgung und die Kanalisation. Weitere Maßnahmen der kommunalen Leistungsverwaltung umfassten die Desinfektion, die Lebensmittelkontrolle und – speziell zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit die kommunale Milchversorgung.

 

Eine Kommunale Aufgabe: Milchversorgung
und Milchdepots

Die Versorgung mit adäquater Milch wurde als eine zentrale städtische Aufgabe definiert. Als wirkungsvolles Mittel galt die technische Behandlung der Tiermilch, insbesondere der Kuhmilch, nach den damaligen Erkenntnissen der Wissenschaft, also die Sterilisierung und Pasteurisierung der Milch. Der Verkauf so behandelter Milch begann in Deutschland in den späten 1880er Jahren. Nach dem Vorbild der in Frankreich entstandenen Goutte de Lait-Bewegung etablierten sich auch in Deutschland ab den 1890er Jahren städtische Milchdepots. Die Zahl der Ausschankstellen erreichte 1913 ihren Höchststand: In 85 Städten existierten 258 Ausschankstellen, die 1913 insgesamt 4,93 Millionen Liter Milch umsetzten.

Dennoch blieb der Erfolg dieser Milchausschankstellen relativ begrenzt. Dazu ein Beispiel: Die 1913 in ganz Deutschland umgesetzten 4,93 Millionen Liter entsprechen etwa der Menge, die allein die Stadt Düsseldorf im gleichen Jahr in ca. sechs Wochen benötigte. Ein entscheidender Grund für die Probleme der großstädtischen Milchversorgung ist darin zu sehen, dass sie eine Import-Versorgung war. Die Viehzucht innerhalb der Stadtgrenzen nahm mit zunehmender Industrialisierung stetig ab. Lange Transportwege und ungenügende Transportmittel aus den Produktionsstandorten führten – insbesondere in den heißen Sommermonaten – zu einer starken Beeinträchtigung der Milchqualität. So waren beispielsweise für  die Milchversorgung der Stadt Düsseldorf Importe aus Standorten von bis zu 80 km Entfernung nötig. 

Da Milch nicht unter das Nahrungsmittelgesetz von 1879 fiel und selbst im Jahr 1900 nur drei Städte (Berlin, Dresden, München) spezielle Regulative zur „Kindermilch“ hatten, blieb ihre Qualität ein ständiges Problem.3 Deshalb wurde teilweise sterilisierte Milch in braunen oder grünen Flaschen verkauft, um selbst eine visuelle Qualitätsprüfung der Milch anhand ihrer Farbe zu verhindern. Da eine vollständige Sterilisierung der Milch sehr kostspielig war, wurde dieses Verfahren zudem kaum praktiziert. Mit einem Preis von 50–60 Pfennigen pro Liter war diese Milch mehr als doppelt so teuer als herkömmlich verkaufte Milch und folgerichtig nur eine Alternative für wohlhabendere Kreise der Bevölkerung. Und selbst gegen diese geringen Mengen qualitativ hochwertiger Milch wurde seitens der Nahrungsmittelindustrie protestiert. Sie versuchte ihrerseits, künstliche Milchersatzprodukte auf den Markt zu bringen und tat dies mit einem aufwendigen Werbefeldzug. Häufig als „Ärztlicher Ratgeber“ getarnt, wurde dabei auch auf eine angebliche Heilwirkung von „Kindermehl“ bei Durchfallerkrankungen hingewiesen.

 

Der Gedanke einer institutionellen Säuglingsfürsorge

Angesichts der Probleme stellten sich Medizinalbeamte und Ärzte zunehmend gegen die Milchküchen und propagierten eine Massenbewegung, deren zentrales Anliegen es sein sollte, die Mütter verstärkt zum Stillen zu bewegen. Zunächst nur unter Fachleuten diskutiert, wurde der Gedanke an eine institutionelle Säuglingsfürsorge zunehmend populär. Mit großem Enthusiasmus wurde dieser Ansatz in Angriff genommen. Wie in anderen westeuropäischen Ländern setzte auch in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Gründungswelle von Säuglingsfürsorgestellen ein.4 In Deutschland erzielte ein diesbezüglicher Aufruf der Kaiserin an den Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins große gesellschaftliche Breitenwirkung. Initiativen gingen sowohl von nationaler als auch lokaler Seite aus; als erfolgversprechende Handlungsebene wurde jedoch die Gemeinde angesehen. Vielerorts wurden Säuglingsfürsorgestellen von Seiten der Kommunen, oftmals angeschlossen an die städtischen Milchdepots, oder von bürgerlichen Vereinen, die von den städtischen Behörden unterstützt wurden, ins Leben gerufen. Als Musteranstalten mit Vorbildcharakter galten dabei der 1907 in Düsseldorf gegründete Verein für Säuglingsfürsorge und das Kaiserin Auguste Victoria-Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reiche, das 1908 in Berlin unter dem Protektorat der Kaiserin eingerichtet worden war.5

 

Marie Baum und das Düsseldorfer Beispiel

Um einen genaueren Einblick in die Arbeit und Organisation einer solchen Fürsorgestelle zu gewinnen, sei auf das Düsseldorfer Beispiel zurückgegriffen. Die Initiative zur Gründung eines Vereins zur Säuglingsfürsorge ging dort von Arthur Schlossmann, dem Direktor der Düsseldorfer Kinderklinik, aus. Nach intensiven, hauptsächlich finanzielle Aspekte betreffenden Verhandlungen mit Vertretern von Staat und Gemeinde wurde der Verein für Säuglingsfürsorge im Regierungsbezirk Düsseldorf e.V. am 7. November 1907 gegründet. Schlossmann wurde zum Vorsitzenden gewählt. Mitglieder waren alle Landkreise und kreisfreien Städte des Regierungsbezirks, die zusammen einen Beitrag von 20.000 Mark pro Jahr zu erbringen hatten. 6 Bereits am Ende des ersten Geschäftsjahres hatte der Verein 350 Mitglieder aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen, darunter neben Vertretern von Staat, Städten und Landkreisen zahlreiche Wirtschaftsunternehmen, Vereine sowie Privatpersonen aus Politik und Wirtschaft. Auf diese Art und Weise erhielt der Verein eine solide finanzielle Basis und gewann politisches Gewicht. Bereits im zweiten Jahr des Bestehens wurde Marie Baum, eine promovierte Chemikerin und frühere Fabrikinspektorin, als Geschäftsführerin eingestellt, und das Management wurde professionell.7

 

Aufgabe des Vereins war laut Satzung

„… die Säuglingssterblichkeit im Regierungsbezirk zu bekämpfen und für die physische Kraft des heranwachsenden Geschlechts, vornehmlich in den arbeitenden und minderbemittelten Klassen, von dessen Anbeginn zu sorgen.“8 Um die hohe Säuglingssterblichkeit in Deutschland erfolgreich bekämpfen zu können, war es notwendig, ihre Ursachen und Determinanten zu bestimmen. Dazu wurden detaillierte Erhebungen und Analysen durchgeführt. Rasch wurden die geringen Stillquoten in Deutschland zusammen mit der häufig mangelhaften Qualität der künstlichen Säuglingsnahrung als ein Schlüsselfaktor für die Höhe und Entwicklung der Säuglingssterblichkeit identifiziert.

 

Aufklärung und Belehrung

Hauptziel der Säuglingsfürsorgebewegung wurde es deshalb, einerseits adäquate tierische Milch bereitzustellen und andererseits vor allem die Stillquoten zu erhöhen. Durch Stillpropaganda, worunter man Aufklärung, Erziehung und Kontrolle der Mütter verstand, sollten diese zum Stillen ihrer Säuglinge angehalten werden.9 In zeitgenössischen Worten formuliert, hieß es: 

„Da es leider nicht in menschlicher Macht steht, die traurigen sozialen Verhältnisse vieler Tausende in den Großstädten zu beseitigen, so wird sich die Säuglingsfürsorge zunächst darauf beschränken müssen, […] dass den Kindern die Mutterbrust erschlossen wird, oder, wo dieses aus irgendwelchen Ursachen nicht angängig ist, dass ihnen für die künstliche Ernährung eine einwandfreie Milch gesichert wird.“10 

Konkretes Ziel des Düsseldorfer Vereins war es, Ausbildungs-, Informations- und Zentralstelle der Säuglingsfürsorge zu sein. Für Hebammen, Kinderpflegerinnen und Ärzte sollten Weiterbildungskurse angeboten werden. Der Verein half bei der Einrichtung von Mütter- und Säuglingsberatungsstellen mit Anschubförderungen und unterhielt selbst solche Einrichtungen. Weiterhin gab er materielle Beihilfen zum Bau von Wöchnerinnenheimen und Säuglingskrippen. Aufklärung und Belehrung wurden als wichtige Aufgaben angesehen. Zunächst kümmerte man sich um Zieh- und uneheliche Kinder, wobei ehrenamtliche oder von der Stadt angestellte Pflegerinnen mit der „Aufsicht“ und „Überwachung“ betraut werden sollten.

 

Stillpropaganda

Weil so aber nur ein kleiner Teil der potenziell gefährdeten Säuglinge in die Maßnahmen einbezogen werden konnte, wurde die offene Fürsorge für eheliche Kinder aus armen Familien zunehmend als wichtiger angesehen. Zentrales Element war in diesen Fällen die Stillpropaganda, bevorzugtes Mittel waren hier Stillprämien, ergänzt durch Merkblätter, Aufklärungsbroschüren, kostenlose ärztliche Beratung und Hausbesuche durch Pflegerinnen. In den Städten des Regierungsbezirks wurden regelmäßige Kurse abgehalten; zusätzlich wurden zwei Lehrerinnen angestellt, deren Wanderlehrkurse die ländlichen Gebiete abdecken sollten. Mit Illustrationen, Photographien und sogar Filmen wurde die körperliche Entwicklung des Säuglings populär dargestellt, auf die schädlichen Folgen der künstlichen Ernährung hingewiesen und das Stillen als adäquate Säuglingsernährung propagiert (Abbildung 4). Die Bewegung gewann in Deutschland rasch an Popularität, im Jahr 1907 existierten bereits 101 solcher Fürsorgestellen, von denen 17 auch Hausbesuche unternahmen. Für 1911/12 wurden 99 Säuglingsfürsorgestellen in 45 Städten registriert. An der Spitze stand Köln mit 13 solcher Einrichtungen, gefolgt von Berlin mit 7, Charlottenburg und Nürnberg mit je 6, Essen und Magdeburg mit je 5, Aachen, Breslau, Frankfurt am Main, Leipzig und Posen mit je vier und 33 Städte mit je einer Fürsorgestelle. Düsseldorf, Gotha, Kattowitz, Kiel, Mühlhausen i. E., Rostock und Zwickau hatten eine Fürsorge, die zunächst nur zur Überwachung der Zieh- und unehelichen Kinder diente, später aber auch auf eheliche Kinder aus armen Familien ausgedehnt wurde.

 

Abb. 4: Stillpropaganda
Quelle: GE-SO-LEI. Grosse Ausstellung in Düsseldorf 1926 für Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge und Leibesübungen. Zusammengestellt und bearbeitet von Dr. med. Marta Fraenkel, Bd. 2, Düsseldorf 1927, S. 684

 

Stillprämien

Herzstück der Bewegung war, wie bereits erwähnt, die Stillpropaganda, unterstützt durch sogenannte Stillprämien. Nach französischem Vorbild wurden seit 1904 (in München) zunehmend systematisch Stillprämien für Familien mit weniger als 900–1.200 Mark Einkommen ausbezahlt. Für gewöhnlich wurde die Prämie für drei bis sechs Monate gewährt. Die Höhe der Zuschüsse war sehr unterschiedlich, in den zehn größten deutschen Städten reichte sie von 0,25 Mark pro Woche in Frankfurt am Main bis zu fünf Mark in Düsseldorf. Auch die Dauer der Unterstützung war von Stadt zu Stadt anders geregelt: In München wurde nur wenige Wochen gezahlt, in Frankfurt am Main sollte die Unterstützung dagegen die gesamte Stillzeit währen. Insgesamt wurden die Ausgaben der Gemeinden in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auf etwa 900.000 Mark jährlich geschätzt. 

Neben dem finanziellen Anreiz wollte man den bedürftigen Müttern auch durch die Art der Verfahrensabwicklung entgegenkommen. Um den Charakter einer Armenunterstützung zu vermeiden, sollten Armenpfleger und die zuständige Bezirkskommission möglichst nicht eingeschaltet werden. Es genügte deshalb vielerorts – zumindest theoretisch – auf Antrag ein Gutachten des Fürsorgearztes, eines anderen zuständigen Arztes oder der Hebamme, die die antragstellende Frau entbunden hatte.

Obwohl die verschiedensten gesellschaftlichen Kräfte in der Bewegung gebündelt werden konnten – Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung waren ebenso aktiv wie Mitglieder des Vaterländischen Frauenvereins -, blieb die Säuglingsfürsorge nicht unumstritten, lief sie doch, nach Meinung vieler Zeitgenossen, sozialdarwinistischen Überlegungen einer Auslese der Widerstandsfähigsten entgegen. Auch unter den niedergelassenen Ärzten regte sich Kritik. Sie opponierten gegen die Einrichtungen, da sie Einkommenseinbußen befürchteten. Entsprechend waren sie häufig nicht geneigt, ihre in Frage kommenden Patientinnen über das Angebot der Säuglingsfürsorgestellen zu informieren oder die Mütter an diese Einrichtungen zu überweisen. Dies ging soweit, dass ein Teil von ihnen sich gegen die Stillkampagnen aussprach und zusammen mit der Nahrungsmittelindustrie für deren künstliche Produkte warb. 

Weit schwerer jedoch wogen finanzielle und organisatorische Probleme. Vielerorts waren die Fürsorgestellen nicht so solvent wie der Düsseldorfer Verein, sondern sowohl personell als auch finanziell chronisch unterversorgt. In Frankfurt am Main etwa standen bis 1910 lediglich insgesamt 2.000 Mark pro Jahr als Stillprämien zur Verfügung. Waren diese aufgebraucht, wurde die Tätigkeit eingestellt. Langfristige Kontakte zu Müttern konnten bei diesem geringen Betrag nicht aufgebaut und grundlegende Verhaltensänderungen wohl kaum erzielt werden. Dies wurde verstärkt durch die Tatsache, dass die Fürsorgeärzte die Behandlung erkrankter Säuglinge ablehnten und die Mütter auf den Armenarzt oder die Poliklinik verwiesen. Spezielle Säuglingsheime galten insbesondere für kleinere Gemeinden als unerschwinglich im Unterhalt. Wurden solche Einrichtungen trotzdem geführt, so richteten sie aufgrund von fehlendem kostspieligem Fachpersonal häufig mehr Schaden als Nutzen an.

 

Oft umständliche Verfahren

Auch gestalteten sich die Verfahren in der Praxis wesentlich mühevoller als von der Bewegung intendiert. Obwohl beim Antragsverfahren auf Stillprämien versucht wurde, die Verbindung mit der Armenfürsorge zu vermeiden, mussten die Mütter lange bürokratische Verfahren mit verletzenden und diskriminierenden Untersuchungen und Vorgehensweisen über sich ergehen lassen. Die Vorschriften und Regeln, um Stillprämien zu erhalten, waren streng. Für München wird berichtet: 

„Die Stillprämien werden bei uns in der Weise verabreicht, dass der stillenden Mutter zunächst einärztliches Zeugnis ausgestellt wird, in dem die Ernährung des Säuglings durch die mütterliche Brust bestätigt wird. Dann setzen behördliche Nachforschungen über die Würdigkeit der Eltern oder der Mutter in materieller und sittlicher Hinsicht ein; schließlich nach Wochen erfolgt die Genehmigung zur Auszahlung einer bestimmten Summe (zwischen 12 und 24 M.) oder eine schlichte und nicht motivierte Abweisung der Bittstellerin. Die Prämien werden dann in Wochenraten von je 2 M., in der Regel nur für die Stillzeit vom Termin der Genehmigung an, nicht aber für die bereits zurückliegenden Stillwochen, vom Leiter der Beratungsstelle ausgezahlt.“11 

Der Autor berichtet weiter, dass viele Frauen bereits in der Karenzzeit abgestillt hätten, bevor der endgültige Bescheid der Behörde eintraf. Trotzdem hielt man an diesem umständlichen Verfahren fest, die Stillprämien wurden nicht, wie mancherorts vorgeschlagen, über die Krankenkassen abgewickelt. Hier wurde argumentiert, dass der Mutter- und Säuglingsschutz nicht Aufgabe der Krankenkassen, sondern „Pflicht der Gesellschaft und des Staates“ sei. Auch wo die Verantwortlichen sich um eine Straffung des Verfahrens bemühten, schob die Verwaltung einen Riegel vor.

 

Kontrollbesuche

War der Anspruch auf Stillprämien positiv beschieden worden, setzten periodische Kontrollen ein: Die Mütter hatten ihr Einverständnis zu unangemeldeten Hausbesuchen zu geben, bei denen Größe, Ordnung und Zustand der Wohnung sowie die Berufe der Eltern und das Familieneinkommen erfasst wurden. In der Fürsorgebewegung sprach man in diesem Zusammenhang häufig von „Überwachung“ und „Kontrolle“. Diesen Kontrollbesuchen standen nicht nur die Mütter, sondern die gesamte Familie ablehnend gegenüber. Offensichtlich hatten sie Vorbehalte, Fremden Einblick in ihre Privatsphäre zu gewähren und sich regelmäßig kontrollieren zu lassen. Auch Sinn und Zweck dieser Besuche wurden nicht immer eingesehen. So wollte eine Großmutter der leitenden Schwester einer Säuglingsfürsorgestelle in Charlottenburg den Einlass verwehren mit den Worten: 

„Meiner Tochter, was die Mutter ist, geht es sehr gut, und wenn Sie von der Stadt kontrollieren kommen, so ist das nicht nötig, wir wollen nichts von der Stadt haben, wir ernähren das Kind selber, und ich habe 14 Kinder groß gezogen, davon sind bloß 7 gestorben, also können Sie sich denken, dass ich das versteh’“.12 Zusätzlich mussten die Mütter garantieren, sich wöchentlich oder andernorts zumindest vierzehntägig in der Fürsorgestelle einzufinden. Um schließlich die Stillprämie ausbezahlt zu bekommen, galt es für die Mütter nachzuweisen, dass sie tatsächlich selbst stillten. Dazu mussten sie dies mancherorts in diskriminierender Weise vor dem anwesenden Personal in der Säuglingsfürsorgestelle demonstrieren, in anderen Städten, wie etwa in Nürnberg, mussten sie den Stuhl ihres Kindes bzw. die gebrauchten Windeln mit in die Fürsorgestelle bringen.

 

Wie erfolgreich waren diese Maßnahmen denn?

Trotz dieser Schwierigkeiten überliefern die zeitgenössischen Quellen häufig positive Einschätzungen über den Effekt dieser Maßnahmen auf die Überlebenschancen der Säuglinge. Auch Historiker übernehmen diese Urteile in der Regel. Dabei gab es bereits damals vereinzelte kritische  Stimmen, sogar unter den einschlägigen Fachleuten. So wurde noch 1927 beklagt, dass viele Mütter trotz Stillprämien und Hausbesuchen nicht an die Beratungsstellen gebunden werden konnten und dass die gemeldeten Erfassungsquoten der Fürsorgestellen von 60 bis 80 Prozent mit äußerster Vorsicht zu betrachten sind. Denn die genannten Zahlen bezogen sich auf den einmaligen Kontakt und geben keinen Hinweis auf die Dauererfassung, d. h. , diese Erhebungen besitzen keinerlei Aussagekraft, was die Anzahl und Intensität der Kontakte sowie die längerfristige Anbindung an die Fürsorgestellen angeht. 

Andere lokale Erhebungen vor dem Ersten Weltkrieg sprechen noch von einer wesentlich geringeren Quote. In Leipzig beispielsweise wurden von den 55.776 Lebendgeborenen während der Jahre 1907–1910 nur 3.301, also etwa 5,9 Prozent, erfasst. Insgesamt spricht das Quellenmaterial für einen eher begrenzten Erfolg solcher Maßnahmen. Angaben aus den Fürsorgestellen in Berlin, Breslau, Karlsruhe, Köln, Leipzig und München legen nahe, dass weder Stillhäufigkeit noch Stilldauer substantiell gesteigert wurden. Insbesondere ledige Mütter entzogen sich offensichtlich jeder Verhaltensänderung. Für München konnte gezeigt werden, dass fast 90 Prozent der Mütter, die eine Stillprämie erhielten, bereits bei früher geborenen Kindern stillten, als es noch keine derartige Unterstützung gab. Eben so wenig wurde die Stilldauer durch die Prämie beeinflusst. Und sobald die Prämien ausblieben, beendeten die Mütter den Kontakt mit den Fürsorgestellen.

 

Weitgehende Unkenntnis der Lebensbedingungen in der Unterschicht

Entscheidende Gründe dafür dürften weniger in organisatorischen Mängeln gelegen haben als vielmehr darin begründet sein – und hierin liegt eine wichtige politische Implikation für moderne Kampagnen –, dass der Ansatz auf einer weitgehenden Unkenntnis der Lebensbedingungen in den unteren Schichten beruhte und somit im System falsch angelegt war. Denn selbst wenn die Mütter diese neuen Einrichtungen und die damit verbundenen neuen Wertvorstellungen akzeptierten oder übernehmen wollten, konnten sie deren Potential nicht ausschöpfen. Für Berlin beispielsweise wurden die Kosten für den Lebensunterhalt einer alleinstehenden, in Heimarbeit tätigen Mutter auf mindestens 1,80–2,00 Mark täglich geschätzt. Eine Stillprämie von 1,40–2,80 Mark pro Woche konnte dies keinesfalls ausgleichen. In anderen Städten wurden teilweise noch wesentlich geringere Beträge ausgezahlt, in Frankfurt am Main etwa zahlten die entsprechenden Stellen lediglich 50 Pfennige halbmonatlich aus. 

Dazu kommt, dass ein Besuch der Mutter in der Fürsorgestelle der Großstadt häufig Zeit, Beschwernis und Unkosten erforderte. Dies gilt besonders dann, wenn sich die Mütter, wie in Leipzig, wöchentlich melden und sowohl die ärztliche Sprechstunde als auch anschließend mit einem dort ausgestellten Bon die Stadtkasse aufsuchen mussten. Die Wege zu den Dienststellen waren weit und konnten oft nur mit teuren öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden, die den Anreiz der insgesamt bescheidenen Stillprämien zunichte machte. Waren weitere Kinder vorhanden, mussten diese unbeaufsichtigt zu Hause gelassen oder mitgenommen werden.

 

Unzureichende häusliche Verhältnisse

Für den Fall, dass ganz oder teilweise auf künstliche Ernährung zurückgegriffen wurde, scheiterte die angemessene Behandlung der Milch häufig an den fehlenden häuslichen Einrichtungen. In den kleinen, oft überfüllten Arbeiterwohnungen gab es keine entsprechend kühle Lagerungsmöglichkeit für die Säuglingsmilch. Die Kochmöglichkeiten waren zu beschränkt, um die Milch erhitzen oder die Flaschen gründlich reinigen zu können. Selbst wenn die technischen Möglichkeiten gegeben waren, so erwiesen sich die von Pädiatern empfohlenen Verfahren, bei denen die Milch zunächst gekocht, dann in Eiswasser gekühlt und anschließend sofort in einer sogenannten Isolaflasche aufbewahrt oder besser nach Rationen in Flaschen abgefüllt werden sollte, als zu umständlich und zeitaufwendig. Grundsätzlich waren die Mütter mit einer Vielzahl von Aufgaben vollkommen überlastet und durch ein minimales Familienbudget in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt. 

Gerade die angesprochene Zielgruppe, ledige und verheiratete Mütter der ärmsten Bevölkerungsschichten, wurden damit nicht erreicht. Obwohl die Bewegung darauf drängte, die Fürsorge auf weitere Risikogruppen – insbesondere auf die Mütter selbst – auszudehnen, gelang das in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg nicht; hier blieben – im Gegensatz zu den romanischen Ländern – Speiseanstalten für stillende Mütter als selbständige Einrichtungen nahezu unbekannt, Stillkrippen und Stillstuben gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts lediglich in 21 Städten. Im Regierungsbezirk Düsseldorf scheiterten die Bemühungen Marie Baums, Stillkrippen in Industriebetrieben einzurichten, häufig an Widerständen der zuständigen Stellen.

 

Mutterschutz und Schwangerenfürsorge galten längst nicht für alle

Insgesamt waren Mutterschutz und Schwangerenfürsorge dürftig.13 In der Reichsgewerbeordnung von 1878 wurde eine dreiwöchige Mutterschutzfrist festgeschrieben, die 1891 auf sechs Wochen und 1910 auf acht Wochen erweitert wurde. Nach Paragraph 137 durften Fabrikarbeiterinnen sowie im Handel und Kleingewerbe tätige Frauen vor und nach der Entbindung insgesamt acht Wochen lang nicht beschäftigt werden, wovon mindestens sechs nach der Entbindung liegen mussten. Nach einem Urteil des preußischen Oberverwaltungsgerichts von 1896 galt diese Regelung sowohl für verheiratete als auch für ledige Wöchnerinnen. Da das Mutterschaftsgeld wie das Krankengeld aber lediglich dem halben Tagelohn entsprach und zudem nicht für den gesamten Zeitraum gezahlt wurde, kehrten die Mütter nach der Geburt so früh wie möglich in die Fabriken zurück.14 Für andere arbeitende Frauen, wie etwa Heimarbeiterinnen, Landarbeiterinnen sowie Dienstboten, gab es schließlich keinerlei gesetzliche Regelung. Dabei waren es in den Städten gerade die verheirateten Frauen, die häufig in der Heimarbeit tätig und die somit von diesen Leistungen ausgeschlossen waren. Erst 1930 wurde die Familienhilfe der gesetzlichen Krankenkassen obligatorisch; den vollen Lohnausgleich für Hochschwangere und Wöchnerinnen führten schließlich die Nationalsozialisten im Jahr 1942 ein.15

 

Kindernahrung musste sich ihren Platz suchen und behaupten, auch angesichts einer Propaganda für Muttermilch und langes Stillen. Aufwendige Reklame war von Nöten, wie hier auf einem Plakat von Hellmut Eichroth für ein Produkt der Heilbronner Firma Knorr. 

 

Erst die Kriegsjahre brachten eine deutliche Erhöhung der Stillquote 

Die Skepsis über die Breitenwirkung der Stillkampagnen wird auch von demographischer und epidemiologischer Seite unterstützt. Im Durchschnitt der Städte mit über 15.000 Einwohnern ging die Sterblichkeit an Erkrankungen der Verdauungsorgane zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark zurück.16 Dennoch blieben die klimatisch bedingten Schwankungen zunächst bestehen. Der kalte Sommer des Jahres 1902 führte zu einer niedrigen Säuglingssterblichkeit, während der extrem heiße Sommer des Jahres 1911 europaweit überdurchschnittlich vielen Säuglingen das Leben kostete. Dies war Anlass für Arthur Schlossmann, nahezu resignierend die Arbeit der Säuglingsfürsorge im Regierungsbezirk Düsseldorf zu bilanzieren:

„Hat denn all das, was man in den letzten Zeiten für die Säuglinge getan hat, versagt? Müssen wir mutlos die Hände in den Schoß sinken lassen und uns sagen: alle Arbeit war umsonst, und alle Arbeit wird auch wohl umsonst sein. […] Es war eben falsch zu meinen, dass in so kurzer Zeit unsere Kampfesstellung gegen die Säuglingssterblichkeit gefestigt genug sein würde, um siegreich zu bestehen auch in den heißen Zeiten.“17

Typisch waren in der Tat die ausgeprägten saisonalen Schwankungen der Säuglingssterblichkeit innerhalb eines Jahres. Abbildung 5 zeigt den Sommergipfel für die fünf Großstädte Berlin, Hamburg, München, Dresden und Leipzig in den Jahren 1898 bis 1902. Nach lokalen Untersuchungen waren insbesondere die künstlich ernährten Säuglinge davon betroffen, während das Stillen einen gewissen Schutz in den heißen Sommermonaten bieten konnte. 

Erst die Kriegsjahre brachten einen substantiellen Anstieg der Stillquoten in deutschen Städten mit einem anschließenden Sinken der Säuglingssterblichkeit.18 In der Stadt München, die lange Zeit extrem niedrige Stillquoten verzeichnete, ergab eine Untersuchung des Bezirksverbands, dass in den Jahren 1916–1919 etwa 70 Prozent (von 30.000 Säuglingen) gestillt wurden. Die durchschnittliche Stilldauer betrug bei ehelich geborenen Säuglingen 18 und bei unehelichen 10 Wochen. Selbst nach dem Krieg blieben die Stillquoten auf einem relativ hohen Niveau. In diesen Jahren verschwand auch der für die inadäquate Säuglingsernährung typische Sommergipfel.

 

Abbildung 5: Saisonale Verteilung der Säuglingssterblichkeit in ausgewählten Großstädten, 1898–1902 und 1926–1928 (in Prozent)
Quelle: F. Prinzing, Handbuch der medizinischen Statistik, Jena 1930/31(2), S. 402.

 

Trotz allem langfristig erfolgreich

So sehr sie auch in Einzelfällen erfolgreich gewesen sein mögen, kann den Fürsorgestellen in der Kaiserzeit – epidemiologisch gesehen – mithin keine durchschlagende praktische Wirkung zugeschrieben werden. Viele Stellen hatten finanzielle Schwierigkeiten und sahen sich zudem starken gesellschaftlichen Widerständen ausgesetzt, die beispielsweise von niedergelassenen Ärzten oder von Industriebetrieben kamen. So blieben viele, heute als notwendig angesehene Einrichtungen – wie etwa die Stillkrippen – weitgehend auf der Strecke. Beim Kernstück der Bewegung, den Stillkampagnen, wirkten die Kontrollmechanismen eher kontraproduktiv, vor allem aber liefen viele Elemente den Lebensbedingungen der angesprochenen Zielgruppen völlig entgegen, so dass jene selbst bei gutem Willen nicht übernommen werden konnten. Erst in den Jahren des Ersten Weltkriegs ging diese Sommer-Spitze zurück. Angesichts des desolaten Zustands der Milchversorgung besonders in den Kriegsjahren ist dies allerdings wohl eher auf eine in den Notzeiten einsetzende Trendwende im Stillverhalten der Mütter zurückzuführen, die die Stillquoten langfristig wieder ansteigen ließ. 

Gleichwohl leistete die Säuglingsfürsorgebewegung langfristig einen wesentlichen Beitrag zur Senkung der Säuglingssterblichkeit. So wurden in dieser Zeit wesentliche Determinanten der Säuglingssterblichkeit herausgearbeitet und die hohen Sterbeziffern als weitgehend soziales Problem erkannt. Gleichzeitig wurden systematische Strategien der Säuglingsfürsorge erarbeitet, die schließlich zu weiten Teilen in die Weimarer Sozialpolitik einflossen. In diesem Sinne wurde die Basis für das kontinuierliche Sinken der Säuglingssterblichkeit im Verlauf des 20. Jahrhunderts gelegt und mithin ein Beitrag für die gegenwärtig so hoch wie nie zuvor liegende Lebenserwartung für Säuglinge geleistet. Die Förderung des Stillens schließlich ist bis heute Herzstück gesundheitsfürsorgerischer Programme zur Verbesserung der Situation der Säuglinge in der Dritten Welt.

 

Anmerkungen 

1 A. E. Imhof (Hg.), Lebenserwartungen in Deutschland, Norwegen und Schweden im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 1994; H. J. Kintner, The Determinants of Infant Mortality in Germany from 1871 to 1933, unveröffentlichte Diss.phil., Michigan 1982; R. Spree, Der Rückzug des Todes. Der epidemiologische Übergang in Deutschland während des 19. und 20. Jahrhunderts, Konstanz 1992; J. Vögele, Sozialgeschichte städtischer Gesundheitsverhältnisse während der Urbanisierung, Berlin 2001. 

2 J. Vögele, Urbanization, Infant Mortality and Public Health in Imperial Germany, in: C. A. Corsini und P. P. Viazzo (Hgg.), The Decline of Infant and Child Mortality in Europe, UNICEF, Den Haag 1997, S. 109–127. 

3 Vgl. dazu H. J. Teuteberg, Food adulteration and the beginnings of uniform food legislation in late nineteenth- century Germany, in: J. Burnett und D. J. Oddy (Hgg.), The Origins and Development of Food Policies in Europe, London 1994, S. 146–160. 

4 J. Vögele, Urban Mortality Change in England and Germany, 1870–1913, Liverpool 1998. Zu den Anfängen staatlicher Säuglingsfürsorgepolitik sehr kurz: E. R. Dickinson, The Politics of German Child Welfare from the Empire to the Federal Republic, Cambridge (Mass.) 1996, S. 50–56. 

5 Zum Kaiserin Auguste Victoria-Haus vgl. P. Weindling, Health, Race and German Politics between Natio-nal Unification and Nazism, 1870–1945, Cambridge 1989, S. 206–209; E. Schnabel, Soziale Hygiene zwischen Sozialer Reform und Sozialer Biologie. Fritz Rott (1878–1959) und die Säuglingsfürsorge in Deutschland, Husum 1995; S. Stöckel, Säuglingsfürsorge zwischen sozialer Hygiene und Eugenik. Das Beispiel Berlins im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Berlin 1996. 

6 W. Woelk, Von der Gesundheitsfürsorge zur Wohlfahrtspflege: Gesundheitsfürsorge im rheinisch-westfälischen Industriegebiet am Beispiel des Vereins für Säuglingsfürsorge im Regierungsbezirk Düsseldorf, in: J. Vögele und W. Woelk (Hgg.), Stadt, Krankheit und Tod. Geschichte der städtischen Gesundheitsverhältnisse während der Epidemiologischen Transition (vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert), Berlin 2000, S. 339–359. 

7 Die Säuglingsfürsorge forcierte ein neues Berufsbild für Frauen, die Fürsorgerin. Vgl. dazu S. Fehlemann, „Etwas wirklich können, das gibt eine ganz andere Weltanschauung“ (Helene Lange). Soziale Fürsorge und bürgerliche Frauenbewegung im Regierungsbezirk Düsseldorf zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, in: Düsseldorfer Jahrbuch 69 (1998), S. 237–261. 

8 StA Düsseldorf III 1238. 

9 U. Frevert, The Civilizing Tendency of Hygiene. Working- Class Women under Medical Control in Imperial Germany, in: J. C. Fout (Hg.), German Women in the Nineteenth Century. A Social History, New York 1984, S. 320–344. 

10 F. Nesemann, Die Entwicklung der Säuglingsfürsorge und deren Stand 1907, in: DVÖG 40 (1908), S. 450–482. 

11 Uffenheimer, Zwei Jahre offene Säuglingsfürsorge, in: Münchener Medizinische Wochenschrift 58 (1911), S. 308–311 und 361–364. 

12 Amtliche Nachrichten der Charlottenburger Armenverwaltung 16 (1912), Heft 7, S. 1–3. 

13 Th. Kulawik, Wohlfahrtsstaat und Mutterschaft. Schweden und Deutschland 1870–1912, Frankfurt a. M. 1999. 

14 Vgl. dazu auch M. Ellerkamp, Industriearbeit, Krankheit und Geschlecht. Zu den sozialen Kosten der Industrialisierung: Bremer Textilarbeiterinnen 1870–1914, Göttingen 1991, S. 176–181. 

15 A. Gräfin zu Castell Rüdenhausen, Die „gewonnenen Jahre“. Lebensverlängerung und soziale Hygiene, in: A. Nitschke et al. (Hgg.), Jahrhundertwende. Der Aufbruch in die Moderne, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg 1990, 147–175. 

16 Vögele, Sozialgeschichte, S. 302–305. 

17 A. Schlossmann, Was lehrt uns der heiße Sommer 1911, in: Zeitschrift für Mutter und Kind 4 (1911), Heft 2, S. 2. 

18 Für England sind die Auswirkungen des Krieges auf die Entwicklung der Säuglingssterblichkeit umstritten. Für die gegensätzlichen Positionen siehe Dwork, War is Good for Babies und Other Young Children. A History of the Infant and Child Welfare Movement in England 1898–1918, London 1987 und J. Winter et al., The Impact of the Great War on Infant Mortality in London, in: Annales de démographie historique 1993, S. 329–353.

 

 


Copyright ©   2002  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de