Zeitschrift

Nahrungskultur

Essen und Trinken im Wandel

 

Heft 4/ 2002

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis


Nahrungskultur

Foto: dpa-Fotoreport

Essen und Trinken sind menschliche Grundbedürfnisse. Wie das Tier, wie alle Lebewesen ist der Mensch auf die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit angewiesen, wenn er existieren will.

Doch menschliche Existenz geht über das bloße Vegetieren hinaus. Anders als die ihn umgebende Tier- und Pflanzenwelt kann der Mensch seine Nahrungsaufnahme gestalten, kann er sein Essen zubereiten, kochen, braten, würzen. Und er nimmt nicht nur Wasser auf, sondern produziert für seinen Konsum Wein, Bier, Branntwein, bereitet Kaffee, Tee, Schokolade als Heißgetränke und vieles andere mehr. Und auch nicht nur, um satt zu werden und seinen Durst zu stillen. In kaum einem anderen Bereich unterscheidet sich der Mensch so sehr vom Tier wie in der Nahrungsaufnahme. Essen und Trinken macht ihn zum Kulturwesen, denn alles, was gestaltbar ist und gestaltet werden kann, ist Kultur.

Kultur heißt notwendigerweise immer auch Veränderung, entlang sich ändernden Möglichkeiten, mehr noch entlang sich ändernden Wert- und Geschmacksvorstellungen - im Bereich der Nahrungskultur sogar sehr wörtlich zu verstehen. Auch das unterscheidet den Menschen vom Tier, das sich zwar auf sich ändernde Umwelten einstellen kann, die gestalterische Kraft des Geschmackswandels jedoch nicht kennt. Mit der Veränderung des Geschmacks, mit dem Wandel der Essens- und Trinkgewohnheiten wird die Nahrungsaufnahme zu einem historischen Phänomen. So kann es Kulturgeschichten des Essens und Trinkens geben, wie ein Blick in Bibliotheken und Buchhandlungen bereits zeigt.

Besonders einschneidend für breiteste Bevölkerungsschichten, ja für uns alle war das Aufkommen der Industriegesellschaft und der mit ihr verbundenen Mobilität sowie der Neuorganisation der Arbeit. Diese so genannte Industrielle Revolution stellt die bislang deutlichste Zäsur unserer Geschichte dar, auch in der Geschichte der Nahrungsmittelproduktion, in der Kultur von Essen und Trinken. Die Bedeutung dieser Zäsur sichtbar zu machen, ist eine wichtige Aufgabe dieses Heftes der Zeitschrift “Der Bürger im Staat”.

Gewaltige Versorgungsprobleme mussten im Zuge der sich bildenden mobilen Industriegesellschaft gelöst werden. Die Revolutionierung der Landwirtschaft, auch mit Hilfe moderner technischer Methoden und Industrieerzeugnisse wie Kunstdünger, sowie die industrielle Produktion von Nahrung haben nicht nur dazu geführt, die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung zu sichern, sondern gar zu einer Überflussproduktion. Das brachte auch einen Wandel des Schönheitsideals mit sich: Ist Korpulenz in Mangelgesellschaften ein Ausweis von Wohlhabenheit, ein Statussymbol, so deutet sie in der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, die zur Wohlstandsgesellschaft geworden ist, auf mangelnde Disziplin und fehlendes Gesundheitsbewusstsein hin.

Wenn die Nahrungsgrundlage absolut als gesichert gilt, gerät auch die Qualität der Nahrung zunehmend ins Blickfeld. Nicht nur auf die Gesundheit der Ernährungsweisen wird zunehmend geachtet, auch auf die Qualität und Gesundheit der Nahrungsmittel selbst. Lebensmittelskandale geraten nicht zuletzt deswegen so stark in die Schlagzeilen, weil wir höhere Ansprüche an unsere Nahrungsmittel stellen und auf mögliche gesundheitliche Gefahren sehr viel sensibler achten - nicht zuletzt auch, weil wir es uns leisten können. Damit ist die Pflege der Nahrungskultur zu einem Aufgabenfeld der Politik geworden - nicht nur, wie bisher schon, als Sicherung der Ernährungsbasis und der damit verbundenen Erhaltung leistungsfähiger landwirtschaftlicher Produktionsstrukturen, auch nicht nur als Verbraucherschutz im

Sinne der überkommenen Nahrungsmittelkontrolle, sondern im Sinne einer qualitativ hochwertigen Nahrungsmittelproduktion, die zudem unsere natürlichen Umweltpotenziale schont, in Verantwortung vor künftigen Generationen.

Historische Zäsuren deutlich zu machen, gehört zu den Aufgaben politischer Bildung, im Sinne einer historisch-politischen Bildung. Nicht als Selbstzweck, sondern um die Relativität gegenwärtiger Verhältnisse erkennbar werden zu lassen - und damit auch die Potenziale zu wecken für ein Denken über eine vielfach als Selbstverständlich angesehene Gegenwart hinaus, im Sinne der Gestaltung unserer Zukunft.

Zu danken haben wir dem Münsteraner Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Hans-Jürgen Teuteberg, der wie kaum ein anderer sich der Geschichte der Nahrungskultur in Deutschland gewidmet hat. Er stand uns bei der Realisierung dieses Heftes der Zeitschrift “Der Bürger im Staat” engagiert zur Seite. Die Autorinnen und Autoren dieses Heftes kommen zum großen Teil aus seiner Schule, nicht zufällig.

Hans-Georg Wehling

 

 


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