Zeitschrift 

Der Sozialstaat in der Diskussion

 

Heft 4 / 2003

Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis

  Mögliche Entwicklungstrends und Konsequenzen für die soziale Sicherung
 

Zur Reform des Sozialstaats

Von Werner Sesselmeier

Prof. Dr. Werner Sesselmeier lehrt und forscht am Institut für Volkswirtschaftslehre der Technischen Universität Darmstadt. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Arbeitsmarkttheorie und Arbeitsmarktpolitik, Auswirkungen von Migration und demographischem Wandel auf die sozialen Sicherungssysteme, Verzahnung von Steuer- und Sozialsystem sowie Beschäftigungswirkungen des Steuer- und Transfersystems. Werner Sesselmeier ist federführender Herausgeber der Zeitschrift "Sozialer Fortschritt".

Die Orientierung der sozialen Sicherungssysteme am althergebrachten Bild der Arbeitswelt ist hinfällig. Um den gravierenden Strukturwandel verstehen zu können, erörtert Werner Sesselmeier zunächst anhand von vier Säulen die Grundzüge des Sozialstaats. Gerade diese vier Säulen bröckeln seit geraumer Zeit. Der gegenwärtig zu beobachtende Strukturwandel führt dazu, dass die Voraussetzungen der sozialen Sicherung nicht mehr im gewohnten Ausmaß erfüllt sind. Fünf zu konstatierende Trends haben nachhaltige Auswirkungen auf die Struktur und zukünftige Finanzierung der sozialen Sicherung. In der gegenwärtigen Debatte um die Reform der sozialen Sicherungssysteme muss nicht nur über eine Neujustierung der finanziellen Belastungen zwischen Individuum und Staat nachgedacht werden. Die beschäftigungspolitische Bedeutung der Lohnnebenkosten und die daraus sich ergebende Lohnschere legen als Konsequenz die Senkung der hohen Lohnnebenkosten nahe. 
Red
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Der Umbau des Sozialstaats ist nicht einfach

Der Sozialstaat dient der Absicherung der Bürger gegenüber den Unbilden einer marktwirtschaftlichen Ordnung. Insbesondere in Zeiten des Wandels unterstützt die soziale Sicherung die Risikobereitschaft der Individuen, da sie wissen, dass sie im Falle des Nichterfolgs abgesichert sind. Hieraus ergibt sich allerdings ein Wahrnehmungsproblem, weil die Organisation der sozialen Sicherung selbst aufgrund des ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels geändert werden muss, wenn sie denn ihren Auftrag erfüllen will. Dies wiederum verursacht Ängste in der Bevölkerung, da sich diese nicht sicher sein kann über die Konsequenzen des Umbaus, der immer auch von einigen als Abbau wahrgenommen werden wird. Daneben ist der Umbau auch nicht einfach zu bewerkstelligen, da dieser Begriff schon impliziert, dass ein spezifisches System der sozialen Sicherung bereits vorhanden ist. Daraus ergeben sich Pfadabhängigkeiten1 in Folge rechtlicher Verpflichtungen und historisch gegebener Entwicklungslinien, die zur Akzeptanz des Sozialstaats beigetragen haben (vgl. hierzu Metzler 2003).

Der gegenwärtig bereits stattfindende und sich weiterhin abzeichnende Strukturwandel erfordert nun beides: Sicherheit für die Bürger und Anpassung der Sicherungssysteme selbst, um diese Sicherheit weiterhin erhalten zu können. Die dahinter stehende Aufgabe ist somit eine Neujustierung der Arbeitsteilung zwischen Staat und Individuum. Es ist zu klären, wer in welchem Umfang welche Vorsorgeleistungen tragen soll und wie das daraus resultierende Gesamtpaket aussehen könnte. Zuvor jedoch müssen die Trends skizziert und deren Auswirkungen auf den deutschen Sozialstaat herausgearbeitet werden. Dazu ist es zunächst notwendig den deutschen Sozialstaat in seinen Grundzügen darzustellen.

 

Die vier Säulen des deutschen Sozialstaates

Der deutsche Sozialstaat beruht auf einer weithin akzeptierten Dreiteilung entlang der drei Begriffe Versicherung, Versorgung und Fürsorge. Fürsorge beinhaltet dabei eine gesellschaftliche Umverteilung, d.h. den wohlhabenden Gruppen nimmt der Staat etwas, um es den fürsorgebedürftigen Gruppen zu geben Die soziale Sicherung steht damit in einem Spannungsfeld zwischen Verteilung und Versicherung: Zum einen soll sie verteilungspolitisch nicht gewünschte Ergebnisse zumindest abschwächen, und zum anderen schützt der Wohlfahrtsstaat die Erwerbstätigen vor nicht oder zu gering versicherten Risiken. Bei letzterem spielen die Sozialversicherungen von der Gesetzlichen Rentenversicherung über die Gesetzliche Krankenversicherung und die gesetzliche Pflegeversicherung bis hin zur Arbeitslosenversicherung die zentrale Rolle. Von den Leistungen dieser Sozialversicherungen grenzt man soziale Transfers - Sozialhilfe, Wohngeld, Bafög, Kindergeld, Erziehungsgeld - dadurch ab, dass sie nicht dem Versicherungsprinzip folgen und sich nicht aus Beiträgen finanzieren. Soziale Transfers leistet der Staat an Bedürftige oder Gruppen, für die der Staat eine besondere Verpflichtung zur Fürsorge hat. Sie werden aus Steuermitteln finanziert. Darüber hinaus sind gerade diese Transfers im Gegensatz zu denen der Sozialversicherungen direkt lenkende, umverteilungswirksame Instrumente.

Insgesamt erscheint der deutsche Sozialstaat aufgrund seines Schwerpunkts bei der sozialen Sicherung als ein Sozialversicherungsstaat. Dieses Modell basiert auf der von Otto von Bismarck geschaffenen Sozialgesetzgebung in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Seitdem haben sich nicht nur die Lebensverhältnisse drastisch geändert, sondern auch die Bedingungen des Wirtschaftens sind andere geworden. Um zu verdeutlichen, wie groß der Anpassungsbedarf der Sozialversicherungen an die heutigen Bedingungen ist, dürfte ein Blick auf die Randbedingungen hilfreich sein, unter denen das System der Sozialversicherungen einmal entwickelt worden ist. Wir bezeichnen diese Randbedingungen als die vier Säulen des Sozialstaates.

 

Das Normalarbeitsverhältnis als erste Säule

Von zentraler Bedeutung ist das so genannte Normalarbeitsverhältnis: Es umfasst eine auf Dauer und Kontinuität angelegte, abhängige Beschäftigung in einem Vollzeitarbeitsverhältnis. Der Arbeitnehmer ist dabei in das System arbeits- und sozialrechtlicher Bestimmungen eingebunden und qualifiziert sich über die abhängige Beschäftigung zur Mitgliedschaft in den Sozialversicherungen. Das Normalarbeitsverhältnis bestimmte 1970 noch mit 84 Prozent aller Erwerbstätigkeiten das Bild. 1995 war der Anteil schon auf 68 Prozent gesunken. Stark angestiegen ist im selben Zeitraum die Teilzeitbeschäftigung von sechs Prozent auf 23 Prozent. Problematisch ist dies vor allem dann, wenn die Teilzeitbeschäftigung nur in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis besteht, weil dann nur ein minimaler Sozialversicherungsschutz besteht.

 

Die Ein-Verdiener-Familie als zweite Säule

Die zweite Säule des Wohlfahrtsstaates deutscher Prägung ist die Ein-Verdiener- Familie: Parallel zum Normalarbeitsverhältnis ist das Bild von der Ein-Verdiener-Familie für die Sozialversicherungen prägend. Dieses Bild beinhaltet die traditionelle Sichtweise, dass der Mann die Familie ernährt, während die Frau die Hausarbeit verrichtet. Dieses Rollenverständnis zeigt sich deutlich in den abgeleiteten Ansprüchen in der Gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung, bei denen die Frau über den Mann "mitversichert" ist. Sie zeigt sich im Übrigen sogar noch im Steuerrecht, welches das zweite Gehalt mit hohen Grenzsteuersätzen belastet, so dass verheiratete Frauen mit einem erwerbstätigen Ehemann nur einen geringen Anreiz erhalten, selbst erwerbstätig zu sein. Entscheiden sie sich dennoch dafür, entfällt ein relativ großer Teil des Lohnes auf die Steuer sowie die Sozialversicherungskassen, denn jetzt entfällt die Mitversicherung über den Ehemann.

 

Das Prinzip der Lebensstandardsicherung als dritte Säule

Die dritte Säule ist das Prinzip der Lebensstandardsicherung. Für die deutschen Arbeitnehmer ist die Sicherung des Lebensstandards in Phasen der Erwerbslosigkeit wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder dem altersbedingten Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt von großer Bedeutung. Kommt es zu einem Lohnausfall soll die bisherige relative Position innerhalb der Gesellschaft gesichert sein. Dieses Prinzip beinhaltet jedoch nicht eine Mindestsicherung in dem Sinne, dass man nicht unter ein bestimmtes Niveau fallen kann - eine solche Mindestsicherung entsteht erst durch die steuerfinanzierte Sozialhilfe. Die beitragsfinanzierte Sozialversicherungen konservieren folglich die durch den Arbeitsmarkt bedingten Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Arbeitnehmern. Anders ausgedrückt übernimmt der Staat die Aufgabe der Aufrechterhaltung des sozialen Status der Bürger.

 

Die Annahme der Vollbeschäftigung als vierte Säule

Die vierte Säule des deutschen Wohlfahrtsstaates ist häufig vernachlässigt, aber für die Funktionsfähigkeit nicht weniger bedeutend: die Vollbeschäftigung. Die Sozialversicherungen, und hier insbesondere die Arbeitslosen- und Rentenversicherung, fußen implizit auf der Annahme der Vollbeschäftigung. Auf der Finanzierungsseite erkennt man dies nicht zuletzt am Umlageverfahren, das alle in einem Jahr eingezahlten Beiträge auch im selben Zeitraum verausgabt. Implizit geht das System also davon aus, dass immer genügend einzahlende Erwerbstätige vorhanden sind. Folglich berücksichtigt es auch nur den Fall vorübergehender konjunktureller Arbeitslosigkeit, aber nicht eine treppenförmig ansteigende Arbeitslosigkeit, wie sie Deutschland seit etwa 1970 erfährt. Deren Kennzeichen ist also, dass sie mit jedem Aufschwung nicht mehr auf das vorherige Niveau sinkt.

Aus dieser Beobachtung erschließt sich, dass unser soziales Sicherungssystem auf Voraussetzungen beruht, die seit geraumer Zeit nicht mehr erfüllt werden. Oder anders formuliert: Die vier Säulen, auf denen das deutsche System der Sozialversicherungen ruht, und die durch die Stichworte Normalarbeitsverhältnis, Ein-Verdiener-Haushalt, Lebensstandardsicherung und Vollbeschäftigung umrissen sind, bröckeln. An ihnen nagt kein "Zahn der Zeit", sondern eine Reihe von Trends führt zu einem gravierenden gesellschaftlichen Strukturwandel, in dem die Voraussetzungen der sozialen Sicherung nicht mehr im gewohnten Ausmaß erfüllt sind.

 

Seit etwa 1970 ist die Annahme der Vollbeschäftigung nicht mehr stimmig. Das Foto zeigt Wartende vor dem Arbeitsamt Nord in Berlin. 

Foto: dpa

 

Die fünf Trends des Strukturwandels

Der sich vollziehende Strukturwandel findet in unterschiedlichen Dimensionen und verschiedenen Teilsystemen der Gesellschaft statt, wenn auch nicht voneinander unabhängig. Dabei sind folgende Trends beobachtbar: An unseren Arbeitsplätzen findet eine Informatisierung der Arbeit statt. Damit einher geht, dass Arbeitsprozesse neu aufgeteilt werden können, und folglich eine neue nationale und internationale Arbeitsteilung entsteht. Auf nationaler Ebene stellen wir fest, dass die volkswirtschaftliche Wertschöpfung verstärkt im Dienstleistungssektor stattfindet und nicht mehr im produzierenden Gewerbe. Diese Veränderung bezeichnen wir als dienstleistungsorientierter Strukturwandel. Die sich verändernde internationale Arbeitsteilung bezeichnen wir hingegen als Globalisierung. Doch abgesehen von der veränderten Wertschöpfung und Arbeitsteilung unterliegt unsere Gesellschaft noch einer weiteren auffälligen Änderung: Die deutsche Bevölkerung schrumpft, weil immer weniger Kinder geboren werden. Da gleichzeitig die Lebenserwartung weiterhin steigt, altert die gesamte Gesellschaft. Das bedeutet nicht nur, dass wir insgesamt ein höheres Durchschnittsalter haben werden, sondern auch weniger Erwerbstätige im Verhältnis zu Rentnern zur Verfügung stehen. Die Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung ist kaum kurzfristig aufzuhalten, sondern lässt sich allenfalls - wenn überhaupt - langfristig auffangen. Schließlich unterliegt die Erwerbsbeteiligung einem erheblichen Wandel und es lässt sich eine Heterogenisierung der Lebensstile beobachten. Im Folgenden stehen diese fünf Trends - dienstleistungsorientierter Strukturwandel, Informatisierung der Arbeit, Globalisierung, Schrumpfung und Alterung der Gesellschaft sowie der Wandel der Erwerbstätigkeit - im Mittelpunkt (vgl. hierzu und zum Folgendem ausführlich Althammer 2002; Reiners 2002; Rürup/Sesselmeier 2001). Sie zeigen, auf welche Weise und in welchem Ausmaß die sozialen Sicherungssysteme betroffen sind.

 

Dienstleistungsorientierter Strukturwandel

Traditionell teilt man die Wirtschaft in drei große Sektoren ein: den Agrarsektor mit Land- und Forstwirtschaft (primärer Sektor), den industriellen Sektor mit dem produzierenden Gewerbe (sekundärer Sektor) und den Dienstleistungssektor (tertiärer Sektor). Der dienstleistungsorientierte Strukturwandel führte dazu, dass im Gegensatz zum primären und sekundären Sektor der tertiäre Sektor über die letzten fünfzig Jahre hinweg an Bedeutung gewann. Der Anteil des tertiären Sektors an der Wertschöpfung erhöhte sich seit 1950 von 39,6 auf 62 Prozent im Jahr 2000 und der Anteil der Erwerbstätigen stieg auf 63,3 Prozent im Jahr 1998. 

Eine Erklärung für diese Entwicklungen lautet, dass die Zunahme des Dienstleistungsbereichs keineswegs unabhängig von der Entwicklung des sekundären Sektors vonstatten geht, sondern in vielfacher Weise an dessen Wachstum gekoppelt ist. In diesem Kontext wird auch belegt, dass ein Zusammenhang zwischen dem Wachstum der beiden Sektoren besteht. Das Wachstum produktionsnaher Dienstleistungen trägt damit das Wachstum der Dienstleistungsbranche insgesamt. Das bedeutet, dass der dienstleistungsorientierte Strukturwandel als Ausdruck einer fortschreitenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu interpretieren ist. Diese Erkenntnis ist von zentraler Bedeutung für die Frage, wie viel Industrie Deutschland denn braucht, um prosperieren zu können. Offenbar geht es nicht ohne Industrie, weil ein großer Anteil der Dienstleistungen eng an die industrielle Fertigung gebunden ist. Im Gefolge des dienstleistungsorientierten Strukturwandels muss die Frage der industriellen Standortpolitik weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig müssen Arbeitsplätze für einfache Dienstleistungen gefördert werden, um die einfachen Arbeitsplätze, die in der Industrie wegfallen, zu kompensieren.

 

Informatisierung der Arbeit

Die Informatisierung der Arbeit beschreibt die Durchdringung praktisch aller Arbeitsfelder durch die Anwendung EDV-gestützter Techniken. Heute werden bereits mehr als 50 Prozent der Arbeitsplätze durch Informations- und Kommunikationstechniken deutlich geprägt und dieser Einfluss nimmt weiter zu. Unterteilt man die Wirtschaft in vier Sektoren statt nur in die drei traditionellen, nämlich Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen und einen neuen "Informationssektor", dann zeigt sich im prognostizierten Anstieg der Beschäftigten auf 55 Prozent im Jahr 2010, welche Bedeutung dieser Trend in den Industrieländern erhält. Die Informatisierung der Arbeitsplätze stellt zugleich höhere Anforderungen an die Qualifikation der Arbeitnehmer. Es gibt zukünftig immer weniger Arbeitnehmer, die sich entsprechenden EDV-gestützen Anwendungen entziehen können. Auf lange Sicht müssen vermutlich drei Viertel aller Arbeitnehmer den Umgang mit elektronischer Datenverarbeitung lernen. Das umfasst auch bisher eher gering Qualifizierte.

 

Globalisierung, Welthandel und wachsende Arbeitsteilung

Der Begriff der Globalisierung beschreibt eine alle Länder dieser Erde erfassende ökonomische Verflechtung der Wirtschaftssubjekte durch Waren- und Dienstleistungsströme sowie Kapitalverflechtungen. Je stärker die Wirtschaften miteinander verflochten sind, desto größer ist das Handelsvolumen. Ein guter Indikator für das Maß an Globalisierung ist folglich der Anstieg des Welthandelsvolumens, das von 1990 bis 2000 um rund 80 Prozent zugenommen hat.

Das steigende Welthandelsvolumen beruht auf einer wachsenden Arbeitsteilung. Mit zunehmender Arbeitsteilung können sich Produzenten stärker spezialisieren. Handelt man die Produkte frei, führt dies dazu, dass die Produzenten Größenvorteile besser nutzen können und eine Marktabschottung schwierig ist. Freier Handel verhindert die Bildung von lokalen oder regionalen Monopolen. Wettbewerb und Welthandel führen so zu einer kostengünstigeren Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen. Ein wachsendes Welthandelsvolumen bringt auf diese Weise Vorteile für die Konsumenten.

Neben diesem Vorteil verbinden sich aber auch viele Befürchtungen mit dieser Entwicklung. So könnte sich der Wettbewerb als ruinös erweisen, weil ein Land mit relativ hohen Sozial- und Umweltstandards als Standort nicht mit Ländern konkurrieren kann, bei denen kein Geld für Umweltschutz oder soziale Sicherung aufzuwenden ist. Empirisch zeigen sich jedoch keine Anzeichen für eine derartige Entwicklung: Tatsächlich entwickeln sich die Länder besonders gut, die sich - mit angemessener Vorsicht - dem Welthandel öffnen, während geschlossene Wirtschaften eher ein geringeres Wirtschaftswachstum aufweisen (vgl. Dollar/Kraay 2001).

Wirtschaftliche Globalisierung wurde erst durch die Verdrängung des Sozialismus durch die Marktwirtschaft und die wegfallenden Mobilitätsschranken für Güter, Kapital und Technologie sowie sinkende Kommunikations- und Transportkosten ermöglicht und beschleunigt. Diese Entwicklung fördert die Dispositionsfreiheit von Unternehmen hinsichtlich des weltweiten Einsatzes von Produktionsfaktoren und führt zu einer ausdifferenzierten Arbeitsteilung. Das bedeutet jedoch nicht, dass Länder mit hoher sozialer Sicherheit und hohen Umweltstandards nicht auch als Standorte gut geeignet wären. Allerdings müssen Leistungen und Gegenleistungen in angemessenem Verhältnis stehen. Die zunehmende Globalisierung der Weltwirtschaft verursacht nicht nur eine intensivere Kapitalverflechtung und einen stärkeren Warenverkehr, sondern auch neue und in diesem Umfang bisher unbekannte Wanderungsströme wie beispielsweise Werkvertragsarbeitnehmer oder EU-Selbstständige. Diese Gruppen unterscheiden sich von den traditionellen Gastarbeitern insofern, als sie nicht bei einem deutschen Arbeitgeber beschäftigt sind, sondern im Rahmen eines deutschen Subauftrages von ausländischen Unternehmen abgestellt und daher bei diesen beschäftigt oder manchmal auch selbstständig sind. Folglich unterliegen sie auch nicht der deutschen Sozialversicherungspflicht. Schätzungsweise entgehen den Sozialversicherungen durch die nicht sozialversicherungspflichtigen Werkvertragsarbeitnehmer jährlich Millionenbeträge in dreistelliger Höhe.

Ein dritter, für die Entkoppelung von Erwerbsarbeit und sozialer Sicherung relevanter Aspekt der Globalisierung ist in der Europäischen Währungsunion zu sehen. Durch den damit verbundenen Wegfall des Wechselkurspuffers und der Geldpolitik sowie einer durch die Maastricht-Kriterien eng begrenzten Fiskalpolitik kommt der Arbeitsmarkt- und Lohnflexibilität eine herausragende Rolle zu. Die Lohnflexibilität wird in beitragsfinanzierten Sozialversicherungssystemen aber dadurch behindert, dass diese Beiträge einem gesetzlich vorgeschriebenen Fixkostenanteil entsprechen. Des Weiteren verzerren sie die relativen Preise zugunsten des Kapitals bzw. - bezogen auf den Lohnwettbewerb zwischen verschiedenen EWU-Ländern - die relativen Löhne zugunsten der Arbeitnehmer aus stärker steuerfinanzierten Systemen.

 

Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung

Der vierte wesentliche Trend ist die Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung. Jede demographische Entwicklung eines Landes ist durch drei Parameter bestimmt: Migration, Fertilität und Mortalität. Betrachtet man die Ergebnisse der zehnten koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2003, so wird die Konsequenz insbesondere von Fertilität und Mortalität sein, dass der Anteil der unter 20-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von heute 21,3 innerhalb der nächsten 50 Jahre auf 16 Prozent fällt und der Anteil der über 60-jährigen von heute gut 23 Prozent sich auf 37 Prozent erhöht.

Im Zuge dieser Strukturverschiebung ist in der wahrscheinlichsten Prognose davon auszugehen, dass innerhalb der nächsten 50 Jahre die deutsche Wohnbevölkerung in Abhängigkeit von der Nettozuwanderung (200 000 Personen jährlich) von derzeit 82 Millionen auf 75 Millionen schrumpfen wird. 

Dieses Muster der Bevölkerungsentwicklung ist - mit Ausnahme Irlands - in allen entwickelten Industriestaaten zu beobachten und beruht auf einer für Industrieländer typischen Entwicklung: Die Zahl der Lebendgeborenen je Frau fällt und die Lebenserwartung steigt mit dem Entwicklungsniveau, also mit dem materiellen Wohlstand eines Landes (vgl. zu Ursachen und Folgen der Demographie Schimany 2003).

 

Deutschlands Bevölkerung wird in den kommenden Jahren dramatisch sinken. Der Rückgang der Einwohnerzahl bleibt nicht ohne schwer wiegende Auswirkungen auf die Gesellschaft, vor allem auf die sozialen Sicherungssysteme. Das zahlenmäßige Verhältnis zwischen älteren und jüngeren Menschen verschiebt sich weiter drastisch zu Lasten der jüngeren Leute. Heute stellen die Älteren knapp ein Viertel der Bevölkerung. Im Jahr 2050 wird mehr als jeder dritte Bürger 60 Jahre und älter sein.

Quelle: Globus-Infografik

 

Wandel der Erwerbsbeteiligung und Lebensstile

Als fünfter und letzter Trend hat der Wandel der Erwerbsbeteiligung und die heterogenisierung der Lebensstile dazu geführt, dass die Normalfamilie kaum noch als gesellschaftlich vorherrschend gelten kann. Die "traditionelle" Familie, bei welcher der Ehemann mit seinem Erwerbseinkommen die materielle Versorgung von Ehepaaren mit und ohne Kinder sicherstellt und die Ehefrau als Hausfrau allein für die private Sphäre der Familie, d.h. für den Haushalt und für die Kinderbetreuung zuständig ist, geriet schon seit den 60er-Jahren unter Druck. Wichtige Einflussfaktoren waren zum Beispiel die Studentenbewegung oder die Verbreitung der Antibabypille und der damit gewonnene Spielraum für die Lebensplanung von Frauen. Dies hatte eine stark steigende Frauenerwerbsbeteiligung zur Folge, bei der sich die Teilzeitbeschäftigung zur typischen Erwerbsform von Frauen mit Kindern etablierte. Zusätzlich zu dieser Entwicklung gibt es in Deutschland momentan eine zunehmende Individualisierungstendenz.

Die eben beschriebenen Entwicklungen der Sozialstruktur Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wurden von einer Steigerung des Lebensstandards begleitet und vorangetrieben. Dieser vermehrte Wohlstand bildete die Vorraussetzung für den so genannten Wertewandel der Nachkriegsgenerationen. Dieser Wandel wird in der Sozialpsychologie als eine tendenzielle Abnahme traditioneller und materialistischer Werte (Ordnung, Pflicht, Sparsamkeit) beschrieben, bei einer tendenziellen Zunahme postmaterialistischer Werte (Selbstverwirklichung, Hedonismus). Der gestiegene Lebensstandard, höhere räumliche Mobilität, qualifizierte Bildungsabschlüsse von Männern und Frauen und die abnehmende Verbindlichkeit traditioneller Werte bilden dabei die Grundlage für eine zunehmende Individualisierung der Lebensgestaltung.

 

Die Folgen für den deutschen Sozialstaat

Die skizzierten Trends wirken auf die Säulen des deutschen Modells des Wohlfahrtsstaates, weil das Sozialversicherungssystem auf dem Normalarbeitsverhältnis im industriellen Sektor fußt, wohingegen die gegenwärtige und zukünftige Dynamik im Dienstleistungsbereich vor allem in so genannten atypischen Arbeitsverhältnissen liegt: Teilzeitarbeit, geringfügige Arbeitsverhältnisse, Neue Selbstständigkeit und Werkvertragsarbeitnehmer, befristete Arbeitsverhältnisse und Arbeitnehmerüberlassung bestimmen zukünftig den Arbeitsmarkt. Zwar sank nicht die absolute Anzahl an Normalarbeitsverhältnissen, wohl aber der relative Anteil dieser Beschäftigungsform an allen Beschäftigungsverhältnissen (vgl. Wagner 2000).

Die neuen Arbeitsformen passen immer weniger in das dreiteilige Schema: Ausbildung - Erwerbsarbeit - Ruhestand. In Folge dessen ist die typische Erwerbsbiographie nicht mehr geradlinig, sondern fragmentiert. Durch die immer stärkere Zunahme der Flexibilisierung der Arbeitszeit und der Arbeitsformen unterscheidet sich auch die "weibliche" immer weniger von der "männlichen" Erwerbsbiografie. Das erhöht die Integrationschancen der Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Zusätzlicher Effekt der Fragmentierung der Erwerbsbiografien ist die Auswirkung von gelegentlichen Zeiten der Arbeitslosigkeit auf den zukünftigen Erwerbsverlauf, denn mit Arbeitslosigkeit ist immer ein gewisses Risiko verbunden, keinen Wiedereinstieg in das Berufsleben zu finden. Jede Arbeitslosigkeit führt auch, wenn sie eine gewisse Zeitspanne überschreitet, zu einer Entwertung des Humankapitals. Das Wissen und die Fähigkeiten eines Arbeitslosen verlieren schnell an Wert, wenn sie nicht regelmäßig aktualisiert und erprobt sind. Mit dem Abbau von Hierarchiestufen, mit neuen Formen der Arbeitsorganisation und mit zunehmender Informatisierung verlieren bereits erlernte Hard Skills (d.h. Fachwissen, Ausbildungsinhalte, Methodenkenntnisse) und gelegentlich auch Soft Skills (d.h. das Wissen um den Umgang mit Menschen und Entscheidungen) schnell an Relevanz. An denselben Arbeitsplätzen können innerhalb weniger Jahre ganz verschiedene Anforderungsprofile entstehen. Besonders an die älteren Erwerbstätigen stellt dies hohe Anforderungen, aber auch den heute schon schlecht qualifizierten Arbeitskräften fällt es immer schwerer, sich das erforderliche Wissen anzueignen. Eine neue Bildungspolitik und lebenslanges Lernen müssten einer Abwertung des Wissens entgegen wirken.

Diese skizzierten Veränderungen wirken nun in zweierlei Hinsicht auf den Sozial(versicherungs)staat. Zum einen bedingen die Trends eine konzeptionelle Änderung der sozialen Sicherung, da deren Pfeiler nicht mehr zur heutigen Arbeitswelt passen. Zum anderen führt die spezifische Beitragsfinanzierung zu Verwerfungen bezogen auf den Faktor Arbeit, die einen eher kurzfristigen Handlungsdruck erzeugen. Beides soll kurz dargestellt werden.

 

Organisation der sozialen Sicherung

Insgesamt führt diese Entwicklung der Heterogenisierung der Arbeitsverhältnisse dazu, dass sich die an einem althergebrachten Bild der Arbeitswelt orientierenden sozialen Sicherungssysteme veralten. Dies macht eine Neuausrichtung der Sozial-, der Steuer- und auch der Bildungspolitik erforderlich.

Die typischen Charakteristika des Sozialversicherungssystems sind der Versichertenkreis, der im internationalen Vergleich mit der Berücksichtigung nur der abhängig Beschäftigten einen sehr engen Zuschnitt hat, die nominell paritätische Beitragsfinanzierung und die Lebensstandardsicherung bei den Leistungen (vgl. hierfür auch den internationalen Vergleich bei Schmid 2002). Diese drei Kennzeichen der deutschen Sozialversicherungen geraten durch die beschriebenen Trends unter Veränderungsdruck. Bei der Anpassung der Sozialversicherungen ist zu beachten, dass kaum eine Größe isoliert von den beiden anderen zu verändern ist, sondern dass Interdependenzen zwischen diesen Stellgrößen bestehen. Alleine der Wandel der Erwerbsformen bringt Änderungen bei allen drei Größen mit sich: Die Vielfalt der Erwerbsformen jenseits der abhängigen Beschäftigung erfordert eine Ausweitung des Versichertenkreises auf alle Erwerbstätigen, damit die Wahl der Erwerbsform nicht durch die jeweilig damit verbundene Absicherungsform verzerrt wird, wie es derzeit der Fall ist. Mit der Abkehr von den abhängig Beschäftigten als einziger Versicherungsgruppe muss jedoch zumindest eine Relativierung der Lohnzentrierung der Sozialversicherungen erfolgen, da ja zumindest ein Teil dieser anderen Gruppen keinen Lohn aus abhängiger Beschäftigung erzielt. Die Beschäftigungsverhältnisse dieser neuen Gruppen basieren schließlich nicht auf Arbeitsverträgen, sondern auf Werk- oder Dienstverträgen. Damit gerät die paritätische Beitragsfinanzierung ins Rutschen. Schließlich entfällt mit dem Bedeutungsverlust des Lohnes aus abhängiger Beschäftigung auch die Basis für die Lebensstandardsicherung. Stattdessen müssen alle Arten der Einkommenserzielung berücksichtigt oder Pauschalbeträge erhoben werden. Werden außerdem die Erwerbsverläufe perforierter als bisher, dann rückt für die Versicherten auch eher die Frage der Mindestsicherung, welche bisher die steuerfinanzierten Sozialleistungen abdecken, in den Mittelpunkt des Interesses.

Die Frage nach dem Sicherungsniveau führt uns direkt zur Aufgabenteilung zwischen Staat und Individuum. Die Ausdehnung des Versichertenkreises erfordert aufgrund der Heterogenität dieser Versicherten eine andere Aufgabenteilung als die traditionelle. Der Versicherungszwang ist aus ökonomischer Sicht zur Vermeidung adverser Selektion notwendig. Als adverse Selektion bezeichnet man das Phänomen, das bei freiwilligen Versicherungen nur diejenigen sich versichern lassen, die sich als "schlechtes Risiko" einschätzen. Die Versicherungen versammeln, wenn adverse Selektion auftritt, alle schlechten Risiken, während die "guten Risiken" unversichert bleiben. Adverse Selektion lässt sich durch eine gesetzliche Zwangsversicherung ausschließen. Ein weiteres Problem von Versicherungen tritt auf, wenn die Gruppe der Versicherten, welche die Sozialversicherung in Anspruch nimmt, zu groß und zu heterogen ist, weil daraus Probleme moralischen Risikos entstehen: Die Versicherten verhalten sich nicht mehr vertragskonform und Versicherungsbetrug nimmt zu. Diesem Problem begegnet man am besten, in dem man Leistungen und Gegenleistungen enger verknüpft. Daraus folgt, dass sowohl das Versicherungsprinzip als auch das Prinzip von Leistung und Gegenleistung (Äquivalenzprinzip) zu stärken ist. Das heißt, dass die Vergrößerung des Versichertenkreises mit einer Gruppenbildung eben dieses Kreises einhergehen muss. Dies kann die Sozialversicherung im bisherigen Zuschnitt allerdings nicht schaffen. Vielmehr sollte sie eine Grundsicherung für den gesamten Versichertenkreis darstellen, zu dem individuelle Vorsorgemaßnahmen hinzukommen. Die gesetzliche Pflichtversicherung sollte durch eine private Versicherungspflicht ergänzt werden. 

Eine Lebensstandardsicherung allein durch die Säule der gesetzlichen Sozialversicherungen erscheint somit ebenfalls nicht mehr möglich. Vielmehr ist die Einrichtung eines mehrsäuligen Sicherungssystems aus öffentlichen und privaten Pfeilern notwendig, die gemeinsam für diese Lebensstandardsicherung sorgen. Damit überträgt der Staat auch wieder ein Stück Verantwortung zurück auf die Individuen.

 

Finanzierung der sozialen Sicherung

Die Finanzierung der Sozialversicherungen über Beiträge hat starke Auswirkungen auf die Lohnkosten. Betrachtet man zunächst die gesamten Lohnkosten, also die Stundenlöhne zuzüglich der Lohnnebenkosten, die unter anderem die Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialversicherungen, das Entgelt für arbeitsfreie Tage oder das Weihnachts- und Urlaubsgeld enthalten, so jubelte das Institut der deutschen Wirtschaft bezogen auf Westdeutschland vor kurzem: "Endlich nur Vize-Weltmeister". Das hieß, dass Westdeutschland im internationalen Vergleich bei den Arbeitskosten mit 26,36 Euro je Arbeiterstunde im Verarbeitenden Gewerbe an zweiter Stelle liegt, nur übertroffen von Norwegen, wohingegen alle wichtigen Konkurrenzländer geringere Arbeitskosten aufweisen. Unterscheidet man zwischen Direktlohn und Lohnnebenkosten, so zeigt sich, dass diese mit 11,62 Euro für die Arbeitsstunde im Verarbeitenden Gewerbe Westdeutschlands die im internationalen Vergleich höchsten Lohnnebenkosten darstellen und damit knapp 80 Prozent des Bruttostundenlohns von 14,74 Euro ausmachen. Betrachtet man auf der einen Seite somit die gesamten Arbeitskosten für die Unternehmen und auf der anderen Seite die Nettolöhne der Arbeitnehmer, so zeigt sich das Problem der Lohnnebenkosten ganz deutlich. Für das westdeutsche Produzierende Gewerbe stieg die Quote der Lohnnebenkosten als prozentualer Anteil des Direktentgelts von 55,6 Prozent für das Jahr 1972 auf 81,2 Prozent im Jahr 2001 an. Im produzierenden Gewerbe Ostdeutschlands betrug sie 2001 immerhin 68,3 Prozent. Im westdeutschen Dienstleistungssektor reichte 2001 die Bandbreite der Lohnnebenkosten von rund 69 Prozent im Groß- und Einzelhandel bis zu über 100 Prozent im Kredit- und Versicherungsgewerbe. Demgegenüber fiel der Nettomonatsverdienst vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer im Produzierenden Gewerbe, Handel, Kredit- und Versicherungsgewerbe Westdeutschlands von 69,5 im Jahr 1990 auf 65,3 Prozent für den Oktober 2001 bei den Männern und bei den Frauen von 67,1 Prozent auf 62,1 Prozent im gleichen Zeitraum. Das heißt also, 1 Euro Bruttolohn bedeutet für die Arbeitnehmer im Schnitt einen Nettoverdienst von 0,65 Euro und Gesamtarbeitskosten für die Arbeitgeber von 1,80 Euro. Damit wird zum einen deutlich, wie stark der Faktor Arbeit durch Abgaben belastet wird und zum anderen, welches Verteilungsproblem sich daraus bei Lohnverhandlungen ergibt. Denn Arbeitgeber und Arbeitnehmer verhandeln zwar über die Bruttolöhne, interessant sind für beide Seiten aber zwei andere Größen: die Arbeitgeber orientieren sich an den gesamten Bruttolohnkosten und die Arbeitnehmer an den Nettolöhnen. Die Schere zwischen diesen beiden Größen klafft nun immer weiter auseinander und die Finanzierung unseres sozialen Sicherungssystems führt nun gerade bei hoher und lang anhaltender Arbeitslosigkeit zu einer weiteren Öffnung dieser Schere. Die Höhe dieser Abgabenschere führt aber auch zu einer Verschärfung des Verteilungskampfes zwischen den Arbeitsmarktparteien, da eine Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge zum einen die Arbeitskosten der Unternehmen erhöht und zum anderen die verfügbaren Einkommen der Haushalte senkt.

Tatsächlich zeigt sich für Deutschland, dass der tendenziell steigende Verlauf der Lohnschere in erster Linie auf die zunehmende Sozialabgabenbelastung zurückzuführen ist. Diese stiegen von 1970 bis heute (2003) in der Gesetzlichen Krankenversicherung von durchschnittlich 8,2 auf 14,4 Prozent, in der Gesetzlichen Rentenversicherung von 17 auf 19,5 Prozent und in der Arbeitslosenversicherung von 1,3 auf 6,5 Prozent. Schließlich schlägt die 1995 eingeführte Pflegeversicherung mit 1,7 Prozent zu Buche. Insgesamt stiegen die Beiträge in gut 30 Jahren um 15,6 Prozent und trugen damit in entscheidender Weise zur Öffnung der Schere zwischen den Bruttolohnkosten und dem Nettolohn bei. Diese Lohn- oder Abgabenschere stieg von einem Wert von gut 1,5 im Jahre 1970 auf aktuell 1,9.

 

Beschäftigungspolitische Bedeutung der Lohnschere  

Die Lohnnebenkosten und die daraus resultierende Lohnschere haben nun eine durchaus beträchtliche beschäftigungspolitische Relevanz und zwar in mehreren Dimensionen: Der Anstieg der Lohnnebenkosten setzt einen Rückgang von Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot in Gang, was zu steigender Arbeitslosigkeit und/oder zu steigendem Transfervolumen führt, welche wiederum mit steigenden Lohnnebenkosten finanziert werden müssen. Dieser Kreislauf ist zwar grundsätzlich auch bei einem steuerfinanzierten Sozialsystem denkbar, doch ist er wegen der breiteren Bemessungsgrundlage und der zum Teil verzögerten Steuererhebung nicht so ausgeprägt wie bei den lohnzentrierten und zeitnah erhobenen Beiträgen zu den Sozialversicherungen.

In Folge der Lohnzentrierung und der Beitragsbemessungsgrenzen haben Lohnnebenkosten regressive Tendenzen, die nicht nur verteilungspolitisch unerwünscht sind, sondern auch aus einer Flucht aus der Beitragspflicht in so genannte Nicht-Normalarbeitsverhältnisse münden. Dass die absolute Zahl der Normalarbeitsverhältnisse nicht gesunken ist, sondern nur deren relativer Anteil an allen Arbeitsverhältnissen, relativiert das Problem nicht, sondern verdeutlicht nur, dass die Dynamik im Bereich der Nicht-Normalarbeitsverhältnisse zu verzeichnen ist.

Die hohe Abgabenbelastung führt gerade im haushalts- und handswerksnahen Dienstleistungsbereich zu einer verstärkten Ausbreitung der Schattenwirtschaft. Uns fehlt nicht, wie oft beklagt wird, der Sektor der einfachen Dienstleistungen, uns fehlt der offizielle Sektor der einfachen Dienstleistungen. Gerade in diesem Bereich einfacherer Dienstleistungen, die nur wenig Vorkenntnisse erfordern, besteht eine wesentlich elastischere Preiselastizität der Nachfrage, die dazu führt, dass die Make-or-buy-Entscheidung zu Lasten der offiziellen Anbieter und zu Gunsten der Eigenarbeit oder der Schwarzarbeit ausfällt. "Die Anreizproblematik wird plastischer, wenn man sich klarmacht, dass ein regulärer Beschäftigter vier bis fünf Stunden arbeiten muss, um aus seinem Nettoverdienst eine Handwerkerstunde bezahlen zu können" (Schneider/Enste 2000, 121). Intuitiv zeigt sich dies auch an der überaus hohen Dichte von Baumärkten. 

In engem Zusammenhang mit diesem Punkt steht die schwache Beschäftigung gering qualifizierter Arbeitnehmer in Folge der überproportional hohen Abgabenbelastung oberhalb der Geringfügigkeitsgrenze. Der beim Überschreiten dieser Grenze eintretende Grenzsteuersatz von über 100 % ist wiederum weniger der Einkommensteuer als vielmehr den Beiträgen zu den Sozialversicherungen anzulasten. Hier zeigen sich im internationalen Vergleich eindeutige Zusammenhänge: Zum einen besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der Steuer- und Abgabenbelastung eines Geringverdieners mit der Arbeitslosenquote von Geringqualifizierten und zum anderen zeigen sich negative Korrelationen sowohl zwischen der Steuer- und Abgabenbelastung eines Geringverdieners und der Beschäftigungsquote in Handel und Gastgewerbe als auch zwischen der Steuer- und Abgabenbelastung eines Durchschnittsverdieners und der Beschäftigungsquote im privaten Dienstleistungssektor (vgl. Eichhorst u.a. 2001, 270).

Schließlich schlagen auch positive Entwicklungen in anderen Bereichen sich über die Lohnnebenkosten negativ auf dem Arbeitsmarkt nieder. Führt beispielsweise der medizinisch-technische Fortschritt zu Preis- und damit Kostensteigerungen im Gesundheitswesen, aber eben auch zu besseren Ergebnissen in der Behandlung von Kranken, so ist das innerhalb des Gesundheitswesens zunächst positiv zu bewerten. Über die Koppelung der Finanzierung der Gesundheitsleistungen an den Löhnen schlägt sich der medizinisch- technische Fortschritt beschäftigungspolitisch jedoch negativ nieder - und das in allen Branchen.

 

Senkung der Lohnnebenkosten als Konsequenz

Die Konsequenzen für die Politik liegen somit auf der Hand - die Lohnnebenkosten müssen abgesenkt werden. Aktuelle Analysen wie die von Kachelrieß (2003) zeigen denn auch sehr positive beschäftigungspolitische Implikationen einer Senkung der Sozialversicherungsbeiträge und damit der Lohnnebenkosten. Unter Beachtung der Maastrichter Verschuldungskriterien, was eine Ausgabenkürzung parallel zu den Beitragssenkungen impliziert, könnte eine Absenkung der Sozialversicherungsbeiträge heute um jeweils drei Prozent zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit um gut 550 000 Personen bis Ende 2006 führen. Eine Reduktion um jeweils fünf Prozent würde zu einem Abbau von knapp einer Million führen. Würden nur die Arbeitgeberbeiträge um dann sechs Prozent bzw. 10 Prozent abgesenkt, so wären die Beschäftigungseffekte auf Grund der stärkeren Elastizität der Arbeitsnachfrage sogar noch höher und lägen bei einer guten Million bzw. knapp 1,7 Millionen Personen.

Mit Kompensationen der Beitragssenkungen durch Steuererhöhungen könnten zwar die parallelen Ausgabensenkungen verhindert werden. Allerdings zeigen die vorliegenden Studien, dass kompensierende Steuererhöhungen keine nachhaltige Beschäftigungswirkungen haben (für eine Zusammenfassung siehe Sesselmeier 1999).

Diese rein rechnerische Analyse ist das eine, die andere Frage ist die nach dem "wie". Wo soll man bei der Entkoppelung von Löhnen und Sozialversicherungen ansetzen? Hier bieten sich zwei Strategien an: Ein Abbau versicherungsfremder Leistungen in den jeweiligen Sozialversicherungen, wie es seit Jahren in der Diskussion ist. Die damit verbundenen Einsparpotenziale bei den Sozialversicherungen und damit auch die Spielräume zum Senken der Lohnnebenkosten sollten nicht unterschätzt werden. Aktuelle Analysen von Schmähl (2003) - getrennt nach den Sozialversicherungszweigen - für Ende der 90er-Jahre zeigen denn auch ein Gesamtvolumen an Fehlfinanzierung von damals nahezu 150 Milliarden DM bzw. rund 76 Milliarden Euro. Würde dieser Betrag bzw. die dahinterstehenden Umverteilungsaufgaben aus der Beitragsfinanzierung oder sogar aus den Sozialversicherungen ausgegliedert, könnten die Beiträge um gut acht Prozent niedriger liegen als gegenwärtig und damit mit rund 34 Prozent weit unter die magische 40%-Linie fallen. 

Die zweite Strategie ist dann wieder die Etablierung mehrsäuliger Sicherungssysteme, wie es mit der Reform der Alterssicherung in Angriff genommen wurde, mit der Folge einer tendenziellen Grundsicherung in den gesetzlichen Säulen.

 

Schlussbemerkungen

Die verschiedenen Trends erfordern eine Anpassung des Sozialstaats an die neuen Umweltbedingungen. Diesem Anpassungsprozess stehen alle Wohlfahrtsstaaten gegenüber, allerdings scheint es so, als ob der deutsche Sozial(versicherungs)staat kontinentaleuropäischen Typs größere Anpassungsprobleme hat als andere Wohlfahrtsstaatstypen. 

Wie das Problem der Gegenfinanzierung versicherungsfremder Leistungen zeigte, kann dies nur aufschiebenden Charakter haben, da eine alternative Finanzierung die positiven Effekte einer Beitragssenkung mittelfristig wieder relativiert. Darüber hinaus bleiben von einer solchen Maßnahme die konzeptionellen Probleme des deutschen Systems der sozialen Sicherung unberührt. Es führt somit kein Weg an dessen Neuausrichtung vorbei, die in Folge der Pfadabhängigkeit von Systemen natürlich kein vollkommen neuer Wurf sein kann, sondern immer eine Veränderung des bestehenden Systems bedeutet. Die aktuelle Frage ist sicherlich die nach der Verortung der für einen Sozialstaat typischen Umverteilungsmomente. Die damit verbundene Diskussion um Effizienz und Gerechtigkeit institutioneller Arrangements sollte sich dabei mehr auf die Chancen als auf die Risiken konzentrieren, denn durch einen Umbau könnten auf längere Sicht Wachstumskräfte freigesetzt und damit alle zu Gewinnern werden.

 

Literatur

Althammer, J.: Erwerbsarbeit in der Krise? Zur Entwicklung und Struktur der Beschäftigung im Kontext von Arbeitsmarkt, gesellschaftlicher Partizipation und technischem Fortschritt. Berlin 2002

Dollar, D./Kraay, A.: Trade, Growth and poverty. World Bank policy research working paper No. 2615. 2001

Eichhorst, W. u.a.: Benchmarking Deutschland. Berlin 2001

Kachelrieß, M.: Senkung der Sozialbeiträge reduziert die Arbeitslosigkeit. (2003)

Metzler, G.: Der deutsche Sozialstaat. Vom bismarckschen Erfolgsmodell zum Pflegefall. Stuttgart 2003

Reiners, A.: Langfristige ökonomische Veränderungen und ihre gesellschaftlichen Wirkungen. Zur Markierung wohlfahrtsstaatlicher Perspektiven in fortgeschrittenen Industriegesellschaften. Berlin 2002

Rürup, B./Sesselmeier, W.: Wirtschafts- und Arbeitswelt. In: Korte, K.-R./Weidenfeld, W. (Hrsg.): Deutschland- Trendbuch. Fakten und Orientierungen, Opladen 2002, S. 247-288

Schimany, P.: Die Alterung der Gesellschaft. Ursachen und Folgen des demographischen Umbruchs. Frankfurt am Main/New York 2003

Schmähl, W.: Senkung der Lohnnebenkosten in Deutschland - Optionen und Potentiale. In: Sozialer Fortschritt, 4/2003, S. 83-90

Schmid, J.: Wohlfahrtsstaaten im Vergleich. Soziale Sicherung in Europa: Organisation, Finanzierung, Leistungen und Probleme. Opladen 2002

Schneider,F./Enste, D.: Schattenwirtschaft. München/ Wien 2000

Sesselmeier, W.: Inzidenzanalyse einer Umfinanzierung des sozialen Sicherungssystems. Darmstadt Discussion Papers on Public Economics No. 1. Technische Universität Darmstadt 1999

Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050. Wiesbaden 2003

Wagner, G.: Erwerbsarbeit sollte Zukunft haben. In: Kocka, J./Offe, C. (Hrsg.): Geschichte und Zukunft der Arbeit. Frankfurt am Main/New York, S. 215-233

 

Anmerkungen

1 Der Begriff der "Pfadabhängigkeit der Entwicklung" erklärt das Beharrungsvermögen aufgrund historischer Entwicklungslinien und deren Bedeutung für aktuelle Problemlagen. Das Konzept der Pfadabhängigkeit wurde ursprünglich in der Technikgeschichte angewandt. Es erklärt den Befund, dass sich bestimmte technische Entwicklungen auch trotz massiver Einwände als irreversibel erwiesen. Übertragen auf die Sozialstaatspolitik bedeutet dies, dass einmal beschrittene Wege, Strukturen und Organisationsprinzipien selten verlassen werden, weil die Kosten einer Kehrtwende sehr hoch wären (vgl. Metzler 2003, S. 200f



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