Zeitschrift

Die neuen Kriege


 

Heft 4/2004

Hrsg: LpB

 



 

  

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Vorwort

 

Die neuen Kriege

– nur wenige wissenschaftliche Fachbegriffe wurden so schnell von einer breiten Öffentlichkeit aufgegriffen wie der von den „neuen Kriegen“. Der von Mary Kaldor in einer Studie über die Kriege im ehemaligen Jugoslawien verwendete Begriff, als Gegenüberstellung zu den „alten“ zwischenstaatlichen Kriegen gemeint, verdankt seine Karriere im deutschsprachigen Raum nicht zuletzt dem im September 2002 erschienenen Buch „Die neuen Kriege“ von Herfried Münkler. Ihm kommt das Verdienst zu, eine wissenschaftliche Kontroverse über Begriffe, Typen und Erklärungsansätze des Krieges unter veränderten (welt)politischen Rahmenbedingungen auf den Weg gebracht zu haben. Schon bald nach Erscheinen des Buches entwickelte sich eine kontroverse Debatte über den Gestaltwandel kriegerischer Gewalt, die sich auch in dieser Ausgabe der Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ widerspiegelt.

Die Debatte über die „neuen Kriege“ ist ein Indiz für den Formenwandel bewaffneter Gewalt. Es gibt Aspekte kriegerischer Auseinandersetzungen, die in den Kriegen zu Zeiten des Ost-West-Konflikts weniger deutlich in Erscheinung traten.

Der erste Golfkrieg, die Zerfallskriege Jugoslawiens und vor allem die Kriege in Afrika offenbarten eine neue Erscheinungsform und bis dahin unbekannte Grammatik des Krieges. Neben zentral geführten Kampfverbänden gibt es in Kriegen und Konflikten der letzten Jahre vermehrt dezentral und auf eigene Rechnung operierende Gewaltakteure. Die Finanzierung der Kriege erfolgt einerseits durch Plünderung und Ausbeutung der lokalen Bevölkerung und in
verstärktem Maße durch die Erpressung von Hilfsorganisationen. Andererseits erfolgt die Ressourcen- und Geldbeschaffung über Märkte, auf denen die Trennlinien zwischen legalen, informellen und kriminellen Sektoren der Ökonomie verwischt werden. Allen diesen Kriegen ist gemeinsam, dass die jeweiligen Kriegswirtschaften in hohem Maße in die globale Waren und Finanzzirkulation eingebunden sind. Die Gewaltakteure, die auf eben diesen Gewaltmärkten tätig sind, verfolgen eher ökonomische
Motive als ideologische Interessen.

Der Formenwandel des Krieges hat gravierende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Durch brutale Exzesse der Gewaltanwendung wird sie in das Kriegsgeschehen einbezogen. Die eindeutige Trennlinie zwischen Zivilisten und Kombattanten löst sich auf. Dazu gehört unter anderem die systematische Zwangsrekrutierung von Kindern und Jugendlichen.

Der Wandel der Kriegsformen, die Ökonomie der neuen Kriege und die Missachtung von völkerrechtlichen und humanitären Grundsätzen werfen – auch und gerade vor dem Hintergrund gescheiterter UN-Operationen – Fragen nach den Reaktionsmöglichkeiten der internationalen Staatengemeinschaft und nach angemessenen Formen humanitärer Hilfe auf.

Die neuen Kriege spielen sich an den Rändern der Wohlstandszonen, hauptsächlich in der so genannten Dritten Welt, ab. Unsere Wahrnehmung aktueller Kriege und Konflikte wird daher entscheidend von den Medien geprägt. Unter dem Zwang hoher Einschaltquoten folgt die Kriegsberichterstattung häufig den medialen Spielregeln einer dramatischen Inszenierung.

Krieg wird publikumswirksam als „Abenteuer für das Auge“ inszeniert, bedient somit vorschnell Interessen und weckt Emotionen. Die mediale Darstellung des weltweiten Kriegsgeschehens provoziert stets die Frage, wie es um das Verhältnis von Information, Inszenierung und Zensur in der Berichterstattung bestellt ist. Trotz dieser offensichtlichen Kennzeichen ist die These vom Wandel der Kriegsformen in der Konflikt- und Friedensforschung umstritten. Der mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes verknüpfte Gestaltwandel des Krieges ist – einigen Konflikt- und Friedensforschern zufolge – keineswegs so deutlich, wie unterstellt wird. Ist dieser Gestaltwandel also im Grunde ein altes Thema: die Anpassung des „Chamäleon Krieg“ (Clausewitz) an veränderte politische, soziale und ökonomische Bedingungen? Kritische Stimmen mahnen deshalb auch an, dass die gegenwärtige Debatte über die neuen Kriege den Blick auf notwendige Diskussionen über Konflikt- und Krisenprävention verstellt. Konflikt- und Friedensforschung sollte sich nicht nur um den Formenwandel kriegerischer Gewalt kümmern, sondern auch für friedens- und sicherheitspolitische Konsequenzen sensibilisieren.

Die Autorinnen und Autoren wollen mit ihren Beiträgen detaillierte Informationen vermitteln, zur Versachlichung der Diskussion beitragen und Fakten bereitstellen, die für das Verständnis des komplexen Themas wichtig sind. Allen Autorinnen und Autoren sowie meinem Kollegen Peter Trummer, der mit fachlichem Rat zum Entstehen dieses Heftes beigetragen hat, sei an dieser Stelle gedankt. Dank gebührt auch dem Schwabenverlag für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech


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