|
Zeitschrift Nach der "Orangenen Revolution"
Heft 4 / 2005 Hrsg: LpB
|
![]() |
|
Einleitung |
|
|
Die "Orangene Revolution” in der Ukraine offenbarte eine bisher unbekannte Dynamik des demokratischen Aufbruchs und setzte deutliche Zeichen, dass der aus der Sowjetzeit geerbte Untertanengeist überwindbar ist – eine Botschaft, die auch die Menschen in den Nachbarländern Russland und Belarus erreicht hat. Ausgewiesene Ukrainekenner und eher nüchterne Universitätsprofessoren sprechen von einer Revolution, weil die friedliche Bürgerbewegung die geltende Ordnung aufheben und eine neue Ordnung schaffen konnte. Der Wahlsieg von Viktor Juschtschenko kommt einem Signal für den demokratischen Umbruch in Osteuropa gleich. Marzena Kloka lässt in dem einleitenden Beitrag des Heftes „Nach der ,Orangenen Revolution‘ – Ukraine, Belarus und Russland“ die Ereignisse dieser friedlichen Revolution noch einmal Revue passieren. Große Beachtung verdienen Künstler und
Persönlichkeiten aus dem zivilgesellschaftlichen Bereich, die
trotz offensichtlicher Verordnung zum Schweigen öffentlich
Partei für die demokratische Bürgerbewegung ergriffen und Viktor
Juschtschenko unterstützen. Dies gilt besonders für die
Mitglieder des ukrainischen PEN-Clubs. Anna-Halja Horbatsch, die
eine Reihe von Anthologien ukrainischer Prosa und Lyrik
übersetzte und veröffentlichte, schildert in ihrem Beitrag die
unterstützende Rolle der literarischen und intellektuellen Elite
der Ukraine. Erstmalig in deutscher Sprache veröffentlichte
Auszüge aus Verbandsorganen und Literaturzeitschriften sind ein
Beleg für den mutigen Beitrag zivilgesellschaftlicher Akteure
zum Gelingen der „Orangenen Revolution“. Es ist unbestritten, dass es eine historische Trennungslinie in der Ukraine gab und wohl noch immer gibt. Diese zwischen der russisch geprägten Ostukraine und den westlichen Regionen einschließlich des Zentrums verlaufende Trennlinie schlug sich im Abstimmungsverhalten der Wähler im Herbst und Winter 2004 nieder. Will man die unterschiedlichen Ausprägungen und Besonderheiten der ukrainischen Regionen verstehen, ist ein Blick auf die historischen Wurzeln unerlässlich. Die Sowjetisierung, der Einfluss verschiedener Kirchen, eine unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung und eine daraus resultierende ökonomische Disparität führten letztlich zur Entwicklung unterschiedlicher politischer Kulturen. Auf den ersten Blick hatte es den Anschein, dass die Ereignisse im Herbst und Winter 2004 diese Unterschiede verstärkt haben. Zeitweilig wurde im Wahlkampf gar mit dem Szenario einer Spaltung des Landes gedroht. Der Beitrag von Ernst Lüdemann zeigt jedoch, dass die vorhandenen Unterschiede und der „regionale Faktor“ im Wahlkampf zwar instrumentalisiert wurden, die Geschlossenheit des Landes aber stärker ist, als gemeinhin dargestellt. Tendenzen der Annäherung zwischen den Regionen sind durch die „Orangene Revolution“ eher noch verstärkt worden, dennoch wird die zukünftige Politik weiterhin von der Suche nach einer Lösung für das Zusammenleben und Zusammenwirken der Regionen bestimmt sein. Im Zuge des Transformationsprozesses war die Ukraine in den vergangenen Jahren gezwungen, zweigleisig zu fahren. Kennzeichnend für die Außenpolitik war die stete Suche nach einer Balance zwischen der EU und Russland. Seit dem Sieg der „Orangenen Revolution“ strebt die Ukraine einen Beitritt zur EU mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen an und räumt den Beziehungen zur EU offiziell den Vorrang ein. Gleichwohl besteht die schwierige Aufgabe der EU darin, der Ukraine eine unabhängige Politik und eine Annäherung an Europa zu ermöglichen, ohne dass darüber die politischen und ökonomischen Verbindungen zu Russland in Frage gestellt werden. Die jüngste politische Krise und die Absetzung der Regierung von Julia Timoschenko werden wohl keine großen Auswirkungen auf die außenpolitischen Prioritäten des Landes haben. Für die europäischen Aspirationen bleiben, so die Hauptthese des Beitrags von Juri Durkot, die innenpolitischen Entwicklungen und notwendigen Reformen entscheidend. Die „Orangene Revolution“ hat auch in den angrenzenden Ländern die Frage der demokratischen Mit- und Umgestaltung des politischen Systems auf die Tagesordnung gesetzt. Welche Auswirkungen hat der politische Umbruch in der Ukraine auf die Nachbarstaaten Russland und Belarus? „Alles um Belarus herum bewegt sich, nur Belarus bewegt sich nicht“ – so beschreibt Heinz Timmermann die Situation in Weißrussland. Für Präsident Lukaschenko hat der Machterhalt höchste Priorität. Trotz außenpolitischer Isolierung hält Lukaschenko unbeirrt an seinem innenpolitisch scharf autoritären Kurs fest. Die „Schaukelpolitik“ zwischen Ost und West zeitigt allerdings nicht die gewünschten Ergebnisse. Der Schulterschluss mit Putin will nicht so recht gelingen, und die Beziehungen zur EU gestalten sich mehr als schwierig. Heinz Timmermann analysiert zunächst die zentralen Ursachen für den Durchbruch und Wahlerfolg Lukaschenkos im Jahre 1994, zeigt die autoritären Mechanismen des Regimes auf und skizziert das geringe Potenzial oppositioneller Kräfte. Es hat den Anschein, dass ein Regimewandel in nächster Zeit eine Vision bleibt. Belarus wird unter Lukaschenko wohl weiterhin eine Zone von Unsicherheit, Unberechenbarkeit und möglichen Konflikten auf der Achse Russland-EU bleiben. Obwohl Lukaschenko am Modell der Kommandowirtschaft festhält, verwundert zunächst die in der offiziellen Statistik ausgewiesene Dynamik der Wirtschaft, die seit den 1990er-Jahren ein fortschreitendes Niveau verzeichnen kann. Belarus scheint demnach die Grundannahme, dass demokratische und marktwirtschaftliche Ordnungen für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand sorgen, zu widerlegen. Die Analyse von Hermann Clement zeigt aber deutlich, dass ein großer Teil des Wachstums letztlich auf administrativen Eingriffen des Staates beruht. Weiterhin könnten das Festhalten am Staatsinterventionismus und die Präferenzbeziehungen zu Russland eine Reihe von Wachstums- und Politikrisiken nach sich ziehen. Die Präsidentschaft Putins konnte anfänglich auf eine Reihe von Reformerfolgen zurückblicken. Inzwischen ist jedoch die schleichende autoritäre Transformation des russischen Staates unübersehbar geworden. Russlands Marsch in Richtung „straffer Staat“ ist in einem Stadium angelangt, in dem eine funktionierende Gewaltenteilung und parlamentarische Kontrollmechanismen ebenso wenig erkennbar sind wie eine öffentliche Kontrolle durch die russischen Medien. Die „Partei der Macht“, Edinaja Rossia, verfügt über eine Zweidrittelmehrheit in der Staatsduma und der Kreml kontrolliert den Föderationsrat. Auch die traditionellen Großverbände der Unternehmer und Arbeitnehmer sind in die „Machtvertikale“ der Kremlführung eingegliedert. Das Korruptionsgeflecht von käuflicher Staatsbürokratie und Oligarchen funktioniert wie eh und je. Putins Anspruch, die „Diktatur der Gesetze“ durchzusetzen, ist zur reinen Fiktion geworden. Dass der Vertrauensbonus von Putin aufgebraucht ist, zeigte sich Anfang des Jahres in massiven sozialen Protesten. Trotz dieser Proteste schlussfolgert Peter W. Schulze, dass gegenwärtig keine wirkungsvolle Opposition in Putins Russland vorhanden ist. Die von Putin forcierte politische Stabilisierung und ökonomische Modernisierung soll Russland als eigenständige und von westlichen Vorgaben möglichst unabhängige Großmacht auf die internationale Bühne zurückführen. Gegenwärtig weckt nicht nur die innenpolitische Entwicklung des Landes bei westlichen Beobachtern Bedenken. Im Westen wachsen auch die Sorgen über den außenpolitischen Kurs Russlands. Die Stimmung hat sich merklich verschlechtert. Dies gilt in gleichem Maße für die Einschätzung der Motive und des Vorgehens deutscher und westlicher Politik in Russland. Der Beitrag von Christian Wipperfürth legt ein Schwergewicht auf das Verständnis der Politik aus russischer Sicht. Er beschreibt die Entwicklung der russischen Außenpolitik seit 1991 und erläutert die Politik Russlands gegenüber den GUS-Nachbarn sowie das Verhältnis zu den USA, der EU und zu Deutschland. Gerade diese Innensicht erlaubt tiefere Einsichten in Motive und Hintergründe russischer Politik und eröffnet realistische Perspektiven einer zukünftigen Zusammenarbeit. Die „Orangene Revolution“ hat in der Ukraine die
Demokratie vorangebracht und der sich formierenden
Zivilgesellschaft zu mehr Selbstvertrauen verholfen. Gerhard
Simon geht in seiner Zusammenschau der spannenden Frage nach, ob
im GUS-Raum angesichts der Vorgänge in der Ukraine eine neue
Welle revolutionärer Umwälzungen zu erwarten ist. Ein knapper
Blick auf die Vorgänge in Kirgisistan und Georgien, in denen
Wahlfälschungen erstmalig zu politischen Konsequenzen führten,
und ein Vergleich mit den Vorgängen in der Ukraine zeigen, dass
Proteste gegen gefälschte Wahlen allein offenbar nicht
ausreichen. Zu den Erfolgsfaktoren der „Orangenen Revolution“
gehörten eine funktionierende Opposition gegen das autoritäre
Regime Kutschma, ein herausragender politischer Führer in
Gestalt von Viktor Juschtschenko und die nicht zu
unterschätzende Wirkung des demokratischen Nationalismus.
Gleichwohl mahnt Gerhard Simon angesichts des abrupten Endes des
„orangenen Projektes“ im September 2005 zu Vorsicht und
nüchterner Einschätzung. Denn das ukrainische Beispiel lehrt,
dass vom Sieg einer demokratischen Volksbewegung bis zur
Befestigung einer stabilen demokratischen Ordnung ein weiter Weg
zurückzulegen ist. Stuttgart / Heidelberg
|
|
Copyright © 2005 LpB Baden-Württemberg HOME |
Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de |