Zeitschrift

Zuwanderung
und Integration


 

Heft 4 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

 
  Zuwanderung und demographische Situation in Baden-Württemberg
 

Migranten in Baden-Württemberg

  Wolfgang Walla

 


Unter den deutschen Ländern hat Baden-Württemberg den höchsten Ausländeranteil, und die bundesweite regionale Verteilung zeigt, dass in diesem Bundesland die meisten Deutschen mit Migrationshintergrund leben. Wolfgang Walla präsentiert grundlegende Daten und Fakten zur Zuwanderung nach Baden-Württemberg. Der zeitliche Bogen erstreckt sich hierbei über die letzten 55 Jahre. Der Beitrag beschreibt zunächst die Wanderungsbewegungen nach 1945, die Vertriebene und Flüchtlinge in das Land führten, schildert die Anwerbung, Ankunft und karge Lebenssituation der ersten so genannten "Gastarbeiter", thematisiert die Dynamik der Ost-West-Wanderung nach 1989 und bilanziert schließlich das aktuelle Wanderungsverhalten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Analyse der Bildungsbereitschaft und des Bildungserfolgs von Menschen mit Migrationshintergrund. Die Ursachen für Bildungsunterschiede zwischen "Einheimischen" und Migranten sind reichlich komplex. Gleichwohl bestätigen sich die Ergebnisse der PISA-Studien und weiterer Untersuchungen auch für Baden-Württemberg: Bildungserfolg ist milieugebunden, hängt vom Erlernen der deutschen Sprache und einer gelingenden Integration ab. Deutlich wird ebenfalls, dass ausländische Arbeitnehmer weitaus stärker den Schwankungen des Arbeitsmarktes unterworfen sind: Wenn der Arbeitsmarkt dies erfordert, dann werden ausländische Arbeitnehmer(innen) früher und schneller arbeitslos als deutsche.

16 Millionen Zuwanderer in 55 Jahren

Carl Zuckmayer lässt den Harras, des "Teufels General", zu einem jungen Wehrmachtsoffizier sagen:

"… und jetzt stellen Sie sich doch mal ihre Ahnenreihe vor - seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann. Ein schwarzer Kerl. Braun wie eine reife Olive, der einem blonden Mädchen Latein beigebracht hat und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie. Der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. - Und dann kam ein griechischer Arzt, ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, (...) ein Magyar, (...) ein Pandur, (...) ein böhmischer Musikant - das alles hat am Rhein gelebt (…)".1

So gesehen dürfte jeder Baden-Württemberger irgendeinen Migrationshintergrund haben. Dabei muss man nicht zwei Jahrtausende zurückgehen, denn in den letzen sechs Jahrzehnten kamen zwar keine Landsknechte, Legionäre und Musikanten. Es kamen andere, denn schon immer zog es Menschen dorthin, wo sie meinten, dass es ihnen besser ginge. Die Beweggründe sind dabei vielschichtig: Die einen wollen Geld verdienen, andere ihr Leben oder das ihrer Familie in Sicherheit wissen und wieder andere wollen ihre Sprache oder Religion behalten dürfen. Wenn dem so ist, dann scheint es sich in Baden-Württemberg ganz gut leben zu lassen, denn zwischen 1950 und 2005 wurden etwa 16 Millionen in das Land Zuziehende gezählt, die Hälfte darunter kam aus dem Ausland oder der ehemaligen DDR. Im selben Zeitraum wurden dagegen nur knapp 13 Millionen Fortzüge gemeldet. So wurden im Laufe von 55 Jahren fast 29 Millionen Wanderungsfälle über die Landesgrenze registriert.

ABBILDUNG 1:

Vertriebene, Flüchtlinge, Sperrbrecher

Ein Ergebnis der Politik Hitlers und Stalins war die wohl größte Völkerwanderung, die Europa erlebte und noch erlebt. Eine große Gruppe unter den "Wandernden" waren Vertriebene und Flüchtlinge. Man bezeichnete 1950 damit "Personenkreise, die ihrer Heimat beraubt wurden oder sie aus Furcht verließen und so entwurzelt, besitzlos und hilfsbedürftig sind, dass sie einer sozialen Betreuung bedürfen". Für die Statistik galt: "Heimatvertriebene sind Personen mit Wohnsitz am 1.9.1939 in den deutschen Ostgebieten unter fremder Verwaltung, im Saargebiet oder im Ausland, letztere nur mit deutscher Muttersprache". Bei der Volkszählung 1950 wurden in Baden-Württemberg 862.000 Heimatvertriebene gezählt, das waren 13,5 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung. Drei Viertel von ihnen lebten im amerikanisch besetzten Württemberg-Baden, wo auf 100 "Einheimische" 20 Vertriebene kamen. Anders sah es im Süden des Landes aus. Dort kamen auf 100 Einheimische nur neun Vertriebene - und dies, obwohl diese Landesteile die geringsten Kriegsverwüstungen erlitten hatten. Die französische Besatzungsadministration hatte sich - wohl durchaus im Einverständnis mit den Verwaltungen von Baden und Südwürttemberg-Hohenzollern - geweigert, einen angemessenen Beitrag zur Lösung des Flüchtlingsproblems zu leisten. Das Land geriet dadurch insgesamt in den Ruf, nicht sehr flüchtlingsfreundlich zu sein.

Zu den acht Millionen Vertriebenen, die Aufnahme in der Bundesrepublik fanden, kamen noch vier Millionen Bürger aus der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. der Deutschen Demokratischen Republik. 3,4 Millionen flohen bis zum 12. August 1961 aus dem "Ulbricht-Staat". Dann errichtete dieser mit Unterstützung der Warschauer Paktstaaten die Berliner Mauer (45 km) und baute den deutschen Teil des "Eisernen Vorhangs" in einer Länge von 1.381 km fluchtsicher aus. Für ein Vierteljahrhundert schienen die Wanderungsströme aus der DDR zu versiegen. Ganz so verhielt es sich aber nicht: Seit dem Mauerbau schafften es 400.000 DDR-Bürger "ganz legal" in die damalige Bundesrepublik überzusiedeln oder abgeschoben zu werden. 220.000 flohen ohne vorherige Genehmigung, unter ihnen 40.000 Personen, die mit Mut, Fantasie und unter Gefahr für Leib und Leben in den Westen gelangten - im Amtsdeutsch "Sperrbrecher" genannt. Auch für diese Bevölkerungsgruppen lieferten die Zählungen Datenmaterial. 1961 wurden in Baden-Württemberg 416.000 Deutsche aus der SBZ gezählt, das waren 5,4 Prozent der Gesamtbevölkerung.

 

Die ersten "Gastarbeiter"

1950 waren im Land 57.000 Ausländer registriert. Es handelte sich um Kaufleute, Studenten, Personal im Gastgewerbe und eine nicht näher bezifferbare Zahl von im Dritten Reich verschleppten Personen (Displaced Persons), die nach dem Krieg aus verschiedenen Gründen nicht in ihre Heimatländer zurückkehren wollten. Im Zuge des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders zeichnete sich ein allgemeiner Arbeitskräftemangel ab, so dass die Bundesregierung bereits 1956 eine Vereinbarung mit Italien über die Anwerbung von Arbeitskräften schloss. 1960 folgten ähnliche Abkommen mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und Marokko und schließlich 1968 mit Jugoslawien. Die Gastarbeiter kamen zu Hunderttausenden in die Wirtschaftszentren des Landes, meist jüngere und überwiegend ledige Männer. Bis etwa 1973 verstand man die Ausländerbeschäftigung als ein vorübergehendes Phänomen der "Gastarbeiter"; Gäste, die zu dienen hatten und nicht zu bedienen waren. Die Männer schufteten auf dem Bau oder am Fließband. Sie schickten ihr Verdientes nach Hause, der Ehefrau oder der Mama, oder sie sparten für ein Haus in Kalabrien oder für eine Werkstatt in Katalonien. Selbst hausten sie in Bauhütten und billigsten Unterkünften, nicht selten mehrere in einem Raum. Des Kochens nicht immer mächtig, ernährten sie sich oft von Spaghetti; so wurden sie dann selbst genannt. Was Max Frisch bereits 1965 zu seinen schweizerischen Landsleuten sagte, galt auch für die Bundesrepublik und Baden-Württemberg: "Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr, man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen, (...) die in ihrem Land auf keinen grünen Zweig kommen, (...) die sich (hier) über menschenunwürdige Unterkünfte beschweren, die sparen und jährlich Milliarden heimschicken. Sie fallen auf, sie haben ein Auge auf Mädchen und Frauen, solange sie ihre nicht in die Fremde mitnehmen dürfen (...)". Später strebte man eine "Konsolidierung" an. Dafür gab es mehrere Gründe. Einer der wichtigsten war, dass viele Ausländer ihre Familien nachholten, was die Sozialkassen belastete und infrastrukturelle Probleme schuf. Vor allem aber sollte der durch die erste Ölkrise gestörte Arbeitsmarkt entlastet werden. Die Konsolidierungspolitik mündete schließlich am 23.11.1973 im schlichten Anwerbestopp der Regierung Brandt-Scheel. Konjunkturkrise und Anwerbestopp bewirkten, dass in Baden-Württemberg das Zuzugsvolumen von Ausländern auf ein Drittel sank. Der Zusammenbruch des Ostblocks und Bürgerkriege ließen die Zuwanderung um 1990 nochmals kräftig steigen, um sich nun ein wenig über 100.000 und die der Fortzüge knapp darunter einzupendeln.

ABBILDUNG 2:

Ab 1992: Personen aus Ländern Bosnien-Herzegowina, Jugoslawien, Kroatien, Mazedonien, Slowenien Quelle: Bundesverwaltungsamt (Ausländerzentralregister), Köln. 

ABBILDUNG 3:

1970 bis 1990: Ohne die Wanderungen mit der ehemaligen DDR bzw. den Ostgebieten des Deutschen Reichs. Ab 1991: Identisch mit den Wanderungen über die Grenze des Bundesgebiets. 

ABBILDUNG 4:

* Bis 1990 BRD, ab 1991 Deutschland
Quelle: Aussiedlerstatistik, Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2004.

Während viele Deutsche im und nach dem Krieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden, mussten andere bleiben. Sie wurden teilweise deportiert, russifiziert, polonisiert und gedrängt, ihre nationale, politische und weltanschauliche Identität dem herrschenden System anzupassen. Seit 1950 gelang über zwei Millionen von ihnen die Auswanderung in die ehemalige Bundesrepublik Deutschland. Mit dem Zerfall des sowjetischen Satellitensystems und den innenpolitischen Veränderungen in Zentral- und Osteuropa gewann die Ost-West-Wanderung erneut an Dynamik. Zwischen 1986 und 1989 kamen 700.000 Personen in den Westen.

 

Aussiedler: Repatriierung in ein unbekanntes Vaterland

Die eher urbanen, aus Polen zuziehenden Aussiedler bevorzugten die Stadtstaaten und Großstädte in Nordrhein-Westfalen und Hessen, die mehr ländlich geprägten Aussiedlerschichten aus der Sowjetunion die Länder Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Im Gegensatz zu den ersten Nachkriegsjahren nahm Baden-Württemberg diesmal überdurchschnittlich viele dieser Menschen auf. Zur demographischen Struktur der Aussiedler liegen nur wenige Daten vor. Altersstrukturen und konfessionelle Zugehörigkeit ähneln jener der Vertriebenen. Es kommen doppelt so viele Katholiken wie Protestanten, fast ein Zehntel zählt sich nicht zu den großen christlichen Kirchen.

Die Aussiedler sehen sich mit anderen Integrationsproblemen konfrontiert als früher die Vertriebenen. Sie wechseln von einer reglementierten und stark sozial orientierten Mangelwirtschaft in eine weit gehend anonyme und individualisierte Überflussgesellschaft, ohne sofort daran teilhaben zu können. Hinzu kommen nicht selten Sprach- und berufliche Ausbildungsprobleme.

 

Aktuelles Wanderungsverhalten

Seit einigen Jahren stammen die meisten Zuwanderer Baden-Württembergs aus den osteuropäischen Staaten sowie der Türkei, China und Indien. Zuwanderer aus der Ukraine und aus Russland verbleiben per Saldo am ehesten im Land. Bei letzteren handelt es sich häufig um nichtdeutsche Familienangehörigen von deutschstämmigen Aussiedlern aus der ehemaligen UdSSR.
Ganz anders verhält es sich mit Menschen aus den ehemaligen Herkunftsgebieten des mediterranen Südeuropas. Deren Wanderungseffekte sind auffallend negativ, das heißt, es gehen mehr als kommen (siehe Tabelle 1 B). Deutschlands und auch Baden-Württembergs Attraktivität ist für viele EU-Bürger gesunken, was letztlich ein Erfolg der Regionalpolitik der Europäischen Union darstellt. Deren Ziel ist es, in allen Mitgliedstaaten Lebens- und Einkommensverhältnisse zu schaffen, die eine Armuts- oder Erwerbswanderung unnötig macht. Legte die EU jahrzehntelang den Fokus auf die wirtschaftsschwachen Regionen im Süden und Westen, so verschiebt er sich derzeit auf den europäischen Osten und Südosten sowie aktuell - aber noch nicht effektiv - auf den Maghreb und auf das schwarze Westafrika.

In den letzten Jahren wächst der Wanderungsdruck auf die südlichen EU-Länder Spanien und Italien. Aus Nordafrika, Südamerika und Teilen des Orients versuchen Tausende Menschen in der EU ein Auskommen zu finden. Da nach dem Schengener Abkommen die übrigen EU-Länder nicht verpflichtet sind, Migranten aus einem sicheren Herkunftsland (das kann auch eine Zwischenstation sein) aufzunehmen, wurden und werden viele der dortigen Zuwanderer nachträglich "legitimiert". Viele sind damit EU-Bürger geworden, für die es derzeit kaum Wanderungsbeschränkungen gibt. Wie sich der südliche Wanderungsdruck auf die übrigen EU-Länder auswirken wird, ist derzeit noch offen. Eines scheint dennoch sicher zu sein: die Toleranz- und Integrationsfähigkeit insbesondere der frühen EU-Länder wird massiv auf die Probe gestellt werden.

TABELLE 1 A: 
WANDERUNGEN UND WANDERUNGSEFFEKTE ZWISCHEN BADEN-WÜRTTEMBERG UND DEM AUSLAND SEIT 2003

Staatsangehörigkeit  Zuzüge  Fortzüge  Saldo  Volumen  Wanderungseffekt

2003 

2004 

2005 

Insgesamt  108.021  99.985  8.036  208.006  5
Ukraine  2.312  1.184  1.128  3.496  32  29  21
Russische Föderation  4.221  2.677  1.544  6.898  22  19  20
China  2.988  2.295  693  5.283  13  5
Indien  1.877  1.324  553  3.201  17  7
Türkei  9.634  7.090  2.544  16.724  15  6  5

Volumen: Summe aus Zu- und Fortzügen; Saldo: Differenz aus Zu- und Fortzügen; Effekt: Saldo in % vom Volumen, der Effekt sagt wie viel von 100 Wandernden im Land bleiben. 

TABELLE 1 B: 
WANDERUNGEN UND WANDERUNGSEFFEKTE ZWISCHEN BADEN-WÜRTTEMBERG UND DEM AUSLAND SEIT 2003

Staatsangehörigkeit  Zuzüge  Fortzüge  Saldo  Volumen  Wanderungseffekt
2003  2004  2005 
Portugal  1.299  1.687  -388  2.986  -13  -20  -12
Griechenland  2.459  3.875  -1.416  6.334  -22  -30  -28
Italien  5.402  8.882  -3.480  14.284  -24  -31  -24

Volumen: Summe aus Zu- und Fortzügen; Saldo: Differenz aus Zu- und Fortzüge; Effekt: Saldo in % vom Volumen, der Effekt sagt wie viel von 100 Wandernden im Land bleiben. 

Migrationshintergrund - eine neue Datenquelle

Politik, Wissenschaft und Statistik haben ein enormes semantisches Problem, das Phänomen Migrant, Migrationshintergrund und Migrationserfahrung definitorisch in den Griff zu bekommen. Wie schwammig und wie neu diese Begriffe sind, zeigt sich auch in der Tatsache, dass sie in Meyers 25-bändigem "Großem Taschenlexikon" (Ausgabe 2001) noch nicht vorkommen. Die amtliche Statistik definiert seit dem Mikrozensus 2005 die Personengruppe mit Migrationshintergrund wie folgt:

 


1.  Ausländer
1.1  Zugewanderte Ausländer
  • Ausländer der 1. Generation
1.2  In Deutschland geborene Ausländer
  • Ausländer der 2. und 3. Generation

 

2.  Deutsche mit Migrationshintergrund
2.1  Zugewanderte Deutsche mit Migrationshintergrund
  • Zugewanderte Deutsche ohne Einbürgerung (Spätaussiedler)
  • Eingebürgerte mit eigener Migrationserfahrung

 

2.2  nicht zugewanderte Deutsche mit Migrationshintergrund
  • eingebürgerte nicht zugewanderte Ausländer
  • Kinder zugewanderter Spätaussiedler
  • Kinder zugewanderter oder in Deutschland geborener eingebürgerter ausländischer Eltern
  • Kinder ausländischer Eltern, die bei Geburt zusätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten haben (Jus soli)
  • Kinder mit einseitigem Migrationshintergrund, bei denen nur ein Elternteil Migrant oder in Deutschland geborener Eingebürgerter oder Ausländer ist.2

Personen ohne Migrationshintergrund werden im Weiteren vereinfachend auch "Einheimische" genannt, obwohl dieser Begriff - zugegebenermaßen - noch diffuser als "Migrant" ist.

Die in Zukunft wohl gebräuchliche Definition der Personen mit Migrationshintergrund muss als operative "Statistikdefinition" verstanden werden. Sie hat den großen Vorteil, dass sie überschneidungsfrei ist, das heißt eine Person kann nur zu einer der genannten Gruppen zählen. Sie hat aber auch den Nachteil, dass sie nur wenige Hinweise auf die kulturellen und ethnischen Hintergründe sowie die traditionsbestimmten Verhaltensweisen der so definierten Personengruppen gibt. Zieht zum Beispiel ein Kreuzlinger nach Konstanz oder ein elsässisch sprechender Wissembourger nach Karlsruhe oder ein Vorarlberger nach Vorderösterreich, so sind dies Personen mit Migrationshintergrund, obwohl sie in Kulturkreisen aufgewachsen sind, die den hiesigen ähnlich sind. Keinen Migrationshintergrund haben dagegen solche Personen, die von den friesischen Inseln oder aus der Lausitz oder gar als im Ausland geborene und dort aufgewachsene Kinder von Deutschen nach Baden-Württemberg kommen.3 

Nach obiger Definition gliedert sich die Bevölkerung Deutschlands und Baden-Württembergs wie in Tabelle 2 dargestellt.

TABELLE 2: 
BEVÖLKERUNG MIT ODER OHNE MIGRATIONSHINTERGRUND IN DEUTSCHLAND UND BADEN-WÜRTTEMBERG 2005

Von je 100 der gesamten Bevölkerung waren ….  Deutschland  Baden- Württemberg
Deutsche ohne Migrationshintergrund  81  75
Personen mit Migrationshintergrund  19  25
davon
Deutsche 
Ausländer 

10 

13
12
Von je 100 der Bevölkerung mit Migrationshintergrund waren …  Deutschland  Baden- Württemberg
Personen ohne eigene Migrationserfahrung  32  33
davon
Deutsche bei denen mindestens ein Elternteil Spätaussiedler, Eingebürgerter oder Ausländer ist 
18  17
Eingebürgerte 
Ausländer 

11 
3
13
Personen mit eigener Migrationserfahrung  68  67
davon
Deutsche Zuwanderer ohne Einbürgerte (Spätaussiedler) 
12  11
Eingebürgerte 
Ausländer 
20
36 
 21
35

Abweichungen in den Summen durch Rundungsdifferenzen Quelle: Mikrozensus 2005

 

Die nun gefundene Definition für ein Fünftel der Bundesbürger birgt die Gefahr der Pauschalisierung in sich, denn Migranten als homogene Gruppe gibt es nicht. Spanier haben sicher mehr mit Deutschen gemein als mit Ukrainern und letztere mehr mit Polen als mit Türken. An etlichen Stellen dieses Beitrags wird dies noch deutlich werden.

 

Regionale Verteilung der Migranten

In Deutschland hat nach obiger Definition jeder Fünfte und in Baden-Württemberg jeder Vierte familiäre Wurzeln außerhalb des Landes. Wie tief dies bei jenen Personen ohne Migrationserfahrung noch empfunden wird, muss offen bleiben. Abbildung 5 verdeutlicht die Nachwirkungen früheren Wanderungsgeschehens. Die ursprünglich und zum Teil auch heute noch eher gewerblich produzierenden alten Bundesländer (und die Stadtstaaten) haben die höchsten Ausländeranteile. Dies überrascht wenig, wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren doch gerade Arbeitskräfte für den (Wiederauf)Bau und für Fließbandarbeiten und das Gastgewerbe gesucht. Darüber hinaus deuten die Daten auf unterschiedliche Integrationsintensitäten hin. In den Stadtstaaten und in Stuttgart ist der Anteil der Ausländer an der Gesamtbevölkerung höher als jener der Deutschen mit Migrationshintergrund. Das mag an unterschiedlichen Einbürgerungspraktiken liegen; wahrscheinlicher ist, dass die ursprünglich aus den südlichen EU-Ländern und der Türkei stammenden Migranten und deren Nachkommen keinen Vorteil darin sehen, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben. Die einen, weil sie als EU-Bürger die gleichen Rechte haben wie Deutsche und die Türken, weil sie durch den Verlust der türkischen Staatsangehörigkeit, so sie die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben wollen, eher Nachteile in ihrem Ursprungsland erwarten müssen.

ABBILDUNG 5:

ABBILDUNG 6:

Von 100 Baden-Württembergern waren in den Regionen im Jahr 2005 …

ABBILDUNG 7:

ABBILDUNG 8:

ABBILDUNG 9:

Durchschnittliche Kinderzahl von 100 Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren in Baden-Württemberg 1990, 1995 und 1999 nach ausgewählten Staatsangehörigkeiten der Frauen

 

Ähnliches lässt sich auch aus der regionalen Verteilung der Migranten in Baden-Württemberg ablesen (Abbildung 6). Welche tieferen strukturellen Ursachen diesen Phänomenen und regionalen Verteilungsmustern zugrunde liegen, bleibt der weiteren Analyse der Mikrozensusergebnisse vorbehalten.

 

Geburtenverhalten der Nationalitäten gleicht sich an

Als um 1960 die Babyboomer zur Welt kamen, hatte das wenig mit wachsender Geburtenfreudigkeit der deutschen Frauen zu tun. Es fielen nämlich zwei andere, die Geburtenzahlen beeinflussenden Verhaltensweisen zusammen: (1.) Viele Frauen, die in den letzten Kriegsjahren und in der Nachkriegszeit auf Kinder verzichteten, holten dies Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre nach. (2.) Gleichzeitig wurde in der Bundesrepublik noch nie so früh geheiratet wie in jenen Jahren. Als die Antibabypille kam, wurde dieser die alleinige Schuld am folgenden Geburtenrückgang gegeben. Wenn letzteres zuträfe, hätten sich die Ausländerinnen wohl ähnlich verhalten. Dem war nicht so, wie die Abbildung 7 vereinfachend darstellt.

Ob und wie viele Kinder bei ihrer Geburt Deutsche oder Ausländer werden, ist von gesetzgeberischen und administrativen Einflüssen bestimmt. Bis Ende 1974 galt: wenn beide Elternteile ausländisch oder der Vater Ausländer oder die ledige Mutter Ausländerin waren, dann erwarb das Kind die Staatsangehörigkeit des Vaters bzw. der ledigen Mutter. Von 1975 bis zum 30. Juni 1993 galt: Wenn die Mutter deutsch und mit einem Ausländer verheiratet war, erwarb deren Kind die deutsche Staatsangehörigkeit. Vom 1. Juli 1993 bis Ende 1999 wurden alle Kinder, deren Eltern oder deren Vater oder deren Mutter Deutsche waren, auch Deutsche. Seit dem 1.1.2000 erhalten auch jene Kinder von Ausländern die deutsche Staatangehörigkeit, wenn mindestens ein Elternteil acht Jahre rechtmäßig in Deutschland lebte. Abbildung 8 verdeutlicht die Einflüsse der Gesetzgebung auf den numerischen Bestand der Ausländerkinder.

Besonders erklärungsbedürftig sind die Jahre um 1970. Im Jahr 1967, dem Jahr der ersten schweren Rezession in der Nachkriegszeit, mussten viele Ausländer und Ausländerinnen, die ihren Arbeitsplatz verloren hatten, in die Heimatländer zurückkehren. Das galt nicht für Schwangere. Da jede fünfte Ausländerin - wahrscheinlich nicht schwanger - das Land verließ, stieg die Geburtenrate (bezogen auf die verbliebenen Ausländerinnen) nur rechnerisch um ein Drittel. Mit einer gestiegenen Geburtenfreudigkeit hatte das damals also nichts zu tun, wie die weitere Entwicklung offenbart. In den folgenden Jahren der Hochkonjunktur brachten viele "Gastarbeiter" ihre oft jungen Frauen nach Deutschland mit. Von 1967 bis 1972 stieg die Zahl der Ausländerinnen in Baden-Württemberg um das Vierfache auf fast eine halbe Million, die Zahl der hier Geborenen aber nur um das Dreifache. Die immer stärker sinkende Geburtenfreudigkeit der Ausländerinnen deutete sich schon damals an.

1974 wurden in Baden-Württemberg von 100 ausländischen Frauen 270 Kinder geboren. Das waren fast doppelt so viele wie bei deutschen Frauen. 2003 brachten 100 ausländische Frauen im Alter von 15 bis unter 45 Jahren nur noch 172 Kinder zur Welt. Von Kindern, deren beide Elternteile Ausländer waren, erwarben im selben Jahr nach neuem Recht 52 Prozent die deutsche Staatsbürgerschaft durch Geburt im Inland. Die übrigen 48 Prozent blieben ausländische Staatsbürger, weil ihre Eltern die im neuen Recht verankerten Voraussetzungen nicht erfüllten oder die Möglichkeiten nicht in Anspruch nahmen.

Frauen und Familien mit Migrationshintergrund zeigen Differenzen im generativen Verhalten. So haben Türkinnen immer noch die höchste Geburtenhäufigkeit, aber selbst deren Geburtenrate ist im Laufe eines Jahrzehnts um rund ein Drittel gefallen. Die niedrigste Geburtenhäufigkeit unter den größten Nationalitätengruppen haben die Griechinnen. Schon in den 1980er-Jahren brachten sie im Durchschnitt deutlich weniger Kinder zur Welt als deutsche Frauen. Um 2000 lag die Geburtenrate der Griechinnen mit etwa 110 Kindern je 100 Frauen um fast ein Viertel unter der der deutschen Frauen. Die Geburtenentwicklung bei der ausländischen Bevölkerung und besonders der Geburtenrückgang bei den Türkinnen dürften sich fortgesetzt haben. Bemerkenswert ist das Geburtenverhalten der Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, das mit nachgeholten Geburten einem typischen Nachkriegsverhalten entspricht.

Das seit 2000 geltende neue Staatsangehörigkeitsrecht erschwert eine sichere Deutung der Geburtenentwicklung in der ausländischen und deutschen Bevölkerung. Die Tabelle gibt daher das Geburtenverhalten der ausländischen Frauen nicht exakt wieder, dennoch lässt sich aus den Geburtenzahlen die unterschiedliche Entwicklung der Geburtenraten erahnen.

TABELLE 3: 
LEBENDGEBORENE IN BADEN-WÜRTTEMBERG SEIT 1970 NACH STAATSANGEHÖRIGKEIT DER ELTERN, BEI IDENTISCHER STAATSANGEHÖRIGKEIT VON MUTTER UND VATER

Lebendgeborene in Baden-Württemberg seit 1970 nach Staatsangehörigkeit der Eltern, bei identischer Staatsangehörigkeit von Mutter und Vater
Jahr  Griechenland  Italien  Serbien und Montenegro  Türkei
1970  2.570  3.787  2.460  2.486
1980  993  3.598  2.964  7.191
1990  810  2.379  1.141  8.027
2000  739  1.625  1.830  5.744
2005  536  1.025  1.546  3.760

Quellen: StaLa Ba-Wü, Bundesverwaltungsamt, Ausländerzentralregister (AZR).

 

Für Ausländer die Hauptschule, für Deutsche das Gymnasium?

Die Zukunft einer Nation, einer Volkswirtschaft oder einer ethnischen Gruppe liegt in den Kindern - das wird allgemein, da zwingend logisch - so anerkannt. Weil dem so ist, sind eine hohe Bildungsbereitschaft und ein gut ausgebautes Bildungswesen die wichtigsten Voraussetzungen für den erfolgreichen Fortbestand eines Gemeinwesens. Im Familienbericht 20044 wird darauf näher eingegangen. Die dort dargestellten Ergebnisse der baden-württembergischen Bildungsstatistik sind teilweise ernüchternd.

ABBILDUNG 10:

Von je 100 ausländischer und deutscher Schüler besuchten im Schuljahr 2002/2003
… folgende Schularten in Baden-Württemberg

Während unter den Deutschen 42 Prozent der Schüler ein Gymnasium und 32 Prozent eine Realschule besuchten, sind es bei Serben und Montenegrinern (Jugoslawen), Türken, Italienern und Portugiesen gerade einmal ein Zehntel, die ein Gymnasium und zwei Zehntel, die eine Realschule besuchen. Auf den ersten Blick überrascht das; ruft man sich aber in Erinnerung, dass ein erheblicher Teil der ursprünglichen Migranten aus den armen, agrarisch geprägten Regionen der Ursprungsländer stammt, scheint diese Bildungszurückhaltung weniger verwunderlich. Ob eine Volksgruppe stark integriert ist, wie die Italiener, oder weniger stark, wie ein Großteil der Türken, scheint demnach kaum eine Rolle zu spielen. Auffallend sind die günstigen Quoten der Kroaten und Slowenen. Auf die Frage des Verfassers an einen slowenischen Bildungsstatistiker woran das liegen könne, kam die spontane Antwort: "Das haben wir Maria Theresia zu verdanken". Diese fast lapidare Antwort dokumentiert die Nachhaltigkeit von Bildungspolitik, denn gebildete Eltern wünschen sich für ihre Kinder mindestens das gleiche Bildungsniveau, das sie selbst erreicht haben. Unter diesem Gesichtspunkt müsste eine bildungspolitische Offensive für weniger bildungsbereite Gruppen zuerst bei den Eltern beginnen. Diesen müsste die Notwendigkeit einer höher qualifizierenden Ausbildung ihrer Söhne und ihrer Töchter (!) vermittelt werden. Dabei wäre vor allem auf die Beherrschung der deutschen Sprache der größte Wert zu legen, denn mangelnde Sprachkompetenz ist die größte Hürde für eine gute Bildungskarriere.

ABBILDUNG 11:

ABBILDUNG 12:

ABBILDUNG 13:

ABBILDUNG 14:

Entwicklung der Arbeitslosigkeit von Ausländern und Deutschen
im Vergleich zur Zahl der sozialbersicherungspflichtig Beschäftigten in Baden-Württemberg, seit 1980

Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg und Bundesagentur für Arbeit

 

Allgemein bildende Abschlüsse: Differenzen bei Jungen und Alten

In der öffentlichen Diskussion werden seit langem die Bildungsdifferenzen zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und "Einheimischen" beklagt. Der Mikrozensus 2005 bestätigt für Baden-Württemberg solche Differenzen, die allerdings recht komplex und unterschiedlich in Erscheinung treten.

Bei den über 60-Jährigen sind auf den ersten Blick bei weiterführenden Bildungsabschlüssen keine gravierenden Besonderheiten auszumachen. Jeweils ein Viertel der "Einheimischen" und der Migranten haben die Realschule oder das Gymnasium abgeschlossen oder eine Fachhochschulreife erlangt. Berücksichtigt man aber die feiner gegliederte Alterstruktur beider Personengruppen lassen sich doch größere Differenzen vermuten: Bei den Einheimischen ist der Anteil - vor allem weiblicher - Hochbetagter deutlich stärker ausgeprägt als bei der Vergleichsgruppe. Folglich müsste der Anteil der Einheimischen mit weiterführenden Bildungsabschlüssen deutlich niedriger liegen als bei den Migranten, da in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts insbesondere Frauen nur geringe Chancen hatten, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen. Ein weiterer - allerdings hier nicht belegbarer Grund - dürfte in der unterschiedlichen Wertigkeit und damit mangelnden Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse in Deutschland und in den Ursprungsländern liegen; letzteres gilt insbesondere für den Realschul- und Fachhochschulabschluss, die es in dieser Begrifflichkeit nur in Deutschland gibt. Bei der älteren Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund fällt der hohe Anteil jener auf, die überhaupt keinen allgemein bildenden Abschluss haben. Ohne weiteren Analysen des Mikrozensus vorgreifen zu wollen, darf angenommen werden, dass es sich hierbei um Männer und vor allem um Frauen aus den eher agrarisch strukturierten Gebieten Anatoliens und des mediterranen Raumes handelt.

Auffallend sind die Bildungsunterschiede bei den 20- bis 30-Jährigen Baden-Württembergern mit Migrationshintergrund. Der übliche Abschluss wird an einer Hauptschule erworben, bei den "Einheimischen" ist der gängige Abschluss das Abitur oder eine Fachhochschulreife. Das wäre wenig dramatisch, wenn es heute noch jene Masse von Arbeitsplätzen mit geringen Qualifikationsansprüchen gäbe, die einst von vielen der älteren Migranten besetzt wurden.

 

Berufsbildung: Auf den künftigen Arbeitsmarkt wenig vorbereitet

Was sich bei den allgemein bildenden Schulabschlüssen andeutet, setzt sich bei der beruflichen Ausbildung massiv fort. 36 Prozent der heute 30 bis 35-Jährigen mit Migrationshintergrund haben keinen beruflichen Abschluss, bei den "Einheimischen" sind es "nur" 8 Prozent.

Die Ursachen sind vielschichtig: An erster Stelle sind mangelhafte Deutschkenntnisse zu nennen. Untersuchungen, z.B. in Mannheim, haben offengelegt, dass die Deutschkenntnisse der dritten, hier geborenen Migrantengeneration sogar schlechter sind als jene der zweiten Generation. Ghetto-Bildung, Satellitenfernsehen und fehlende Integration in den Arbeitsmarkt sind die wesentlichsten Ursachen für diese kritische Entwicklung. Da Ghettos eine Tendenz zur Verdichtung und im ungünstigsten Falle zur Entwicklung von Parallelgesellschaften haben und heimatsprachliche Fernsehprogramme fast konkurrenzlos gegenüber fremdsprachlichen (deutschen) sind, bleibt als einzige Stellschraube für die heute 20 bis 30-Jährigen nur die Integration in den Arbeitsmarkt. Das setzt aber zunehmend höhere Qualifikationen voraus, die nicht vorhanden sind und erst geschaffen werden müssten. Dieser Circulus vitiosus scheint kaum lösbar zu sein, weshalb bereits von einer "verlorenen Generation" gesprochen wird. Die Entwicklungen in französischen Vorstädten zeigen mögliche Folgen. Die lapidare Feststellung "hier ist die Politik gefordert", scheint zu kurz gegriffen, da die Politik kaum Arbeitsplätze schaffen kann. Die dann folgende stereotype Forderung nach unternehmerfreundlichen Rahmenbedingungen greift ebenfalls zu kurz, wie die katastrophalen Entwicklungen südamerikanischer Volkswirtschaften belegen, nachdem dort auf Druck neoliberaler Ökonomen im "Washington Konsensus" die gewünschten Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Es nimmt daher nicht Wunder, dass in manchen Teilen der Welt bereits von den "apokalyptischen Reitern des Neoliberalismus" gesprochen wird. Die Forderung, die gestellt werden müsste wäre, den Wert von Arbeit an sich zu erhöhen ohne damit in erster Linie Produktivität und Gewinnerwartung zu verbinden. Mit 1-Euro-Jobs wurde dieser Weg beschritten.

 

Auch Bildung schützt Migranten nicht vor Arbeitslosigkeit

Der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Ausländer (am Arbeitsort) an der Wohnbevölkerung lag bis in die 1990er-Jahre über jener der deutschen Bevölkerung. Würde man zu den Ausländern und den Deutschen die nicht versicherungspflichtig Erwerbstätigen (insbesondere Selbstständige und Beamte) hinzurechnen, hätten sich die Anteilskurven bereits in den 1980er-Jahren geschnitten.

Wenn der Arbeitsmarkt dies erfordert, dann werden ausländische Arbeitnehmer früher und schneller arbeitslos als deutsche. Da sich die wirtschaftliche Entwicklung in den letzten Jahren durch stetige Zunahmen auszeichnete, muss angenommen werden, dass die Schwankungen bei der Zahl der Arbeitslosen kaum von der Konjunktur abhängig sind. Durch ein relativ hohes Lohniveau verursachte Arbeitsplatzverlagerungen in Billiglohnländer und zunehmende Qualifikationsansprüche an den verbleibenden Arbeitsplätzen scheinen die eigentlichen Ursachen zu sein.

Der Mikrozensus 2005 brachte ein fast tragisch einzuschätzendes Ergebnis zur Erwerbslosigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund. Dass solche ohne beruflichen Abschluss besondere Schwierigkeiten haben, überrascht wenig. Gründe können mangelnde Sprachkenntnis sein oder bereits die Tatsache, Migrant oder Nachfahre von Migranten zu sein. In dieser minder qualifizierten Gruppe sind die Unterschiede in der Erwerbslosenquote im Vergleich zu Personen ohne Migrationshintergrund zwar bemerkenswert, aber im Vergleich zu jenen mit höheren Abschlüssen am geringsten. Mit steigendem beruflichem Abschluss wächst die Diskrepanz der Erwerbslosenquoten zwischen solchen mit und ohne Migrationshintergrund. Eine Person mit Migrationshintergrund und einem Fachhochschul- bzw. Hochschulabschluss trägt ein viermal höheres Risiko erwerbslos zu sein als vergleichbare Personen ohne Migrationshintergrund, Ausländer sogar ein fünfmal höheres. Ob dies strukturelle Gründe hat, oder ob manche Abschlüsse vom Arbeitsmarkt nicht anerkannt werden, muss weiteren Untersuchungen des Mikrozensus vorbehalten bleiben.

TABELLE 4: 
VON JEWEILS 1000 ERWERBSPERSONEN MIT BZW. OHNE MIGRATIONSHINTERGRUND, DIE 2005 ERWERBSLOS WAREN, HATTEN … EINEN DER FOLGENDEN BERUFLICHEN SCHUL- ODER HOCHSCHULABSCHLÜSSE 

Migrationshintergrund

Fachhochschul- oder Hochschulabschluss 

Lehr- oder Anlernausbildung 

Ohne beruflichen Abschluss

Personen ohne Migrationshintergrund 

25 

53 

94

Personen mit Migrationshintergrund 

97 

115 

158

darunter Ausländer 

(123) 

137 

170

 

Und die Zukunft?

Eines scheint sicher: aus eigener Kraft wird keines der europäischen Länder den Bevölkerungsstand halten können. Die größten Verluste werden die neuen EU-Länder erdulden müssen, die somit als Arbeitskräftereservoir für die alten EU-Länder in Bälde ausfallen werden. Zudem stellt die Wanderung innerhalb der EU ein Nullsummenspiel dar - der Gewinn des einen Landes ist der Verlust des anderen. Um den Bevölkerungsstand einigermaßen zu halten, müssten Hunderte Millionen Migranten von außerhalb der EU aufgenommen werden. Das ist aussichtslos und von der Bevölkerung nicht gewünscht, ja sogar gefürchtet. Was bleibt, ist die Zusammenführung der hier lebenden Migranten und Einheimischen. Das bedeutet nicht Assimilation als "Verschmelzung der einen Gruppe in die andere" sondern Integration als die "Bildung von übergeordneten neuen Gesamtheiten".

 

Wolfgang Walla, geboren 1943, studierte in Tübingen und Regensburg Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Er leitet im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg die Abteilung "Informationsdienste, Veröffentlichungswesen, sozial- und regionalwissenschaftliche Analysen".

 

1 Zuckmayer, C. (1999): Des Teufels General. Drama in drei Akten. 30. Auflage, Frankfurt/M., S. 65.

2 Vgl. zu weiteren Detailinformationen: "Leben in Deutschland - Ergebnisse des Mikrozensus 2005". Hrsg. vom Statistischen Bundesamt. Berlin 2006, S. 73.

3 Ähnliche semantische Probleme gab es und gibt es bei der Definition von Vertriebenen und Flüchtlingen. Dazu ein individualisiertes Beispiel: Die Familie Graber aus Breslau hat fünf Söhne, Leopold - den Vertriebenen, Karl - den Flüchtling, Adolf - den Ausländer, Wotan - den Asylanten und schließlich den Nachzügler Konrad. Leopold wurde 1930 geboren, er machte bei den Großeltern in Oppeln in deren Textilfachgeschäft eine kaufmännische Lehre. Die Großeltern wollten nach dem Krieg in Oppeln bleiben, wurden aber 1946 enteignet und vertrieben. Heute ist Leopold Finanzbeamter in Duisburg - er zählt zu den Vertriebenen. Karl wurde zwei Jahre später geboren. Er floh mit den Eltern Anfang 1945 vor der Roten Armee nach Hof in Bayern. Die Eltern beantragten einen Vertriebenenausweis, den sie auch erhielten. Heute betreibt Karl eine Gastwirtschaft in der Nähe von Koblenz. Er ist sowohl Flüchtling als auch Vertriebener. Adolf, Jahrgang 1935, ging auf der Flucht verloren und wurde in einem Kinderheim in Wroclaw aufgezogen. Er machte dort eine sportliche Karriere als Fußballer. Nach einem "Freundschaftsspiel" im Westen kehrte er nicht mehr nach Polen zurück. Er heißt heute Dolfi Grabowski, besitzt noch einen polnischen Pass und arbeitet als Mechaniker in einer Automobilfabrik in Köln. Er ist der Ausländer. Wotan kam 1939 zur Welt. Das Kriegsende verbrachte er bei einer Tante in Glatz, die einen polnischen Offizier heiratete. Er durfte höhere Schulen besuchen, wurde Maschinenbauingenieur und Mitglied von Solidarnos?´c. 1986 beantragte er in Berlin als Asylant anerkannt zu werden. Nachdem sich die Eltern in Koblenz niedergelassen hatten, kam 1949 Konrad zur Welt. Er ist heute als höherer Beamter beim Regierungspräsidium in Karlsruhe unter anderem auch für die Winzer- und Heimatfeste Nordbadens zuständig. Obwohl "Originalwessi" zählt er zu den Vertriebenen, will davon aber nicht wissen. So oder so ähnlich sah es in vielen Familien aus, die aus dem Osten kamen. Auf die bundesrepublikanischen Verwaltungen kamen durch derartige Lebensläufe erhebliche Rechtsunsicherheiten und auf die amtliche Statistik enorme definitorische Probleme zu. Obwohl die Söhne dieselben Eltern haben und fast eine klassische Großfamilie darstellen, gelten für sie unterschiedliche Gesetze und zählen sie zu unterschiedlichen "statistischen Teilmassen". Leopold, Karl und Konrad wurden als Flüchtlinge bzw. Vertriebene gezählt; Dolfi findet sich im Ausländerzentralregister wieder und Wotan wird als Ausländer in der Asylantenstatistik erfasst.

4 Sozialministerium Baden-Württemberg (2004): Familienbericht 2004. Teil 2. Migration und Migrantenfamilien in Baden-Württemberg. Bearbeitet von der Familienwissenschaftlichen Forschungsstelle des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg.


 

 

 

 


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