Zeitschrift

Zuwanderung
und Integration


 

Heft 4 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

 
  Das Thema Migration in deutschen Massenmedien
 

Medienberichterstattung - Abbau oder Verstärkung von Vorurteilen?

  Christoph Butterwegge

 


In der aktuellen Debatte über Zuwanderung spielen Massenmedien deshalb eine entscheidende Rolle, weil sie das Bewusstsein ihrer Rezipienten und damit den öffentlichen Diskurs prägen. Medien filtern Informationen, bereiten sie auf und beeinflussen durch die Art und Weise der Darstellung in nicht unerheblichem Maße die öffentliche Wahrnehmung. Im Laufe der letzten Jahre kamen Studien zu dem Ergebnis, dass Medien häufig in einer skandalträchtigen und diffamierenden Weise über Migrantinnen und Migranten berichten und so
wesentlich zu einem Negativimage beitragen. Sensationslüsterne Schlagzeilen und Stereotype haben Nachrichten-wert, nicht das alltägliche friedliche Zusammenleben von Zugewanderten und Deutschen. Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehkonsumenten übernehmen diese transportierten Zerrbilder zumeist unhinterfragt. Dies prägt letztlich auch die Haltung im Hinblick auf Modelle des Zusammenlebens zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen. Die von Christoph Butterwegge erörterten Beispiele, deren Inhaltsanalyse und die dabei zutage tretenden Sprachbilder zeigen mehr denn je, dass eine seriöse Berichterstattung anzumahnen ist, die sich dem journalistischen Ethos verpflichtet fühlt und elementare Persönlichkeitsrechte achtet.

Massenmedien sind geistige Katalysatoren

Massenmedien filtern für die Meinungsbildung wichtige Informationen und beeinflussen auf diese Weise das Bewusstsein der Menschen, für die sich die gesellschaftliche Realität zunehmend über die Medienrezeption erschließt. In der Migrationsberichterstattung wirken die Massenmedien mithin als geistige Katalysatoren: Journalistinnen und Journalisten bringen Vorurteile gegenüber Ausländern, Klischees im Hinblick auf (bestimmte Gruppen von) Migranten und Stereotype, mit denen diese belegt werden, nicht unbedingt selbst hervor, tragen aber zu ihrer Bestätigung und Verfestigung in den Köpfen von Zeitungslesern, Fernsehzuschauerinnen und Radiohörern bei, während sie nur selten Aufklärung betreiben und durch Hintergrundberichte notwendige Kenntnisse über das komplexe Wanderungsgeschehen in der Welt von heute (Stichwort "Globalisierung") vermitteln.

 

Negativberichterstattung anstatt seriösem Journalismus

Aus den Zeitungen und anderen Medien ist selten Positives über Ausländerinnen und Ausländer zu erfahren. Mord und Totschlag, Diebstahl, (Banden-)Raub und (Asyl-)Betrug sind Delikte, über die im Zusammenhang mit ethnischen Minderheiten häufig berichtet wird. Ein angelsächsisches Bonmot ("Only bad news are good news") abwandelnd, kann man konstatieren: Nur böse Ausländer sind für deutsche Medien gute Ausländer! Georg Ruhrmann (1999, S. 102) spricht denn auch von einem "Negativsyndrom", das die Mainstream-Berichterstattung kennzeichne: "Folgen weltweiter Migrationsprozesse und das Entstehen multikultureller Tendenzen werden in einer Semantik der Gefahren präsentiert. Die vorhandenen und zukünftigen sozialen Veränderungen werden nicht als entscheid- und gestaltbar, sondern als katastrophal und schicksalhaft dargestellt."

Ohne den "Volkszorn" gegen Asylsuchende schürende Berichte wären rassistische Übergriffe wie im sächsischen Hoyerswerda (September 1991) und in Rostock-Lichtenhagen (August 1992) kaum vor laufenden Fernsehkameras mit Applaus bedacht worden. Im deutschen Mediendiskurs dominierten aber seit 1989/90 Kollektivsymbole wie "brechende Dämme" und das "volle Boot", die (neo)rassistischen Positionen entsprechen (vgl. Gerhard 1992, S. 171). "Asylantenfluten" ergossen sich über Deutschland, das als "Wohlstandsinsel" galt. Nicht nur durch ständige Benutzung der Flutmetaphorik, sondern auch mittels "Killwörtern" (Jürgen Link) wie "Scheinasylanten" oder "Wirtschaftsflüchtlinge" wurde die Stimmung angeheizt.

Obwohl die Asylbewerberzahlen nach der Grundgesetzänderung im Mai 1993 stark zurückgingen, setzten Journalistinnen und Journalisten ihre Negativberichterstattung über ausländische Flüchtlinge fort. Im so genannten Bremer Kurdenskandal wurden zu Beginn des Jahres 2000 ca. 500 angeblich aus der Türkei stammende Asylbewerber von der Polizei und der Lokalpresse bezichtigt, sich in betrügerischer Absicht als staatenlose Libanesen ausgegeben sowie Aufenthaltsrechte und Sozialleistungen erschlichen zu haben (vgl. hierzu: Butterwegge/Hentges 2001, S. 88 ff.; Butterwegge/Hentges 2004, S. 84 ff.). Missbrauchsvorwürfe, die sich aus rassistischen Klischees speisen, geben diesen neue Nahrung, sodass man durchaus von einem Teufelskreis sprechen kann, den zu durchbrechen selbst linksliberalen Journalistinnen und Journalisten nicht leicht fällt.


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MEDIEN KONZENTRIEREN SICH AUF DAS KOPFTUCH ALS SYMBOL FÜR ISLAMISMUS UND SEINE UNTERDRÜCKUNG DER FRAU. FERESTHA LUDIN, MUSLIMISCHE LEHRERIN UND BESCHWERDEFÜHRERIN IM KOPFTUCHSTREIT, WIRD VOR DER URTEILSVERKÜNDUNG IM BUNDESVERFASSUNGSGERICHT ZUM OBJEKT JOURNALISTISCHER BEGIERDE. 

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"Ausländerkriminalität" schürt die Kriminalitätsfurcht

Seit der emotional aufgeladenen Asyldiskussion zu Beginn der 1990er-Jahre wird die Kriminalitätsfurcht einer Mehrheitsgesellschaft auf die ethnischen Minderheiten projiziert. Flüchtlinge wurden zu "Betrügern", "Sozialschmarotzern" und "Störenfrieden" gestempelt, die durch ihr Hiersein oder ihr Verhalten den Wohlstand und das friedliche Zusammenleben in der Bundesrepublik Deutschland gefährden. Dabei gab es vor allem in der Boulevardpresse reihenweise "Dramatisierungen, Skandalisierungen, Exotisierungen, Sensationierungen, Verzerrungen und Falschmeldungen", die Bernd Scheffer (1997, S. 33) als "Manipulationen" bezeichnet.

Für Margret Jäger, Gabriele Cleve, Ina Ruth und Siegfried Jäger (1998, S. 13) weist schon der Begriff "Ausländerkriminalität" auf die rassistische Struktur sowohl des hiesigen Einwanderungs- wie auch des dazu parallel verlaufenden Kriminalitätsdiskurses hin: "Dieser Terminus legt den Schluß nahe, dass Kriminalität, wenn sie von Ausländern begangen wird, ursächlich mit ihrem Status als Ausländer zu tun habe." Deutsche werden überwiegend als "Einzeltäter" dargestellt, wohingegen Migrantinnen und Migranten eher im Kollektiv auftauchen, auch wenn nicht immer explizit von "ausländischen Banden" die Rede ist (vgl. dazu: Jäger u.a. 1998).

Ein gutes Beispiel für dieses duale Darstellungsmuster lieferte die rheinische Boulevardzeitung Express am 21. Oktober 1999: Ihr Aufmacher auf Seite 1 lautete: "Balkan-Bande hops genommen. Danke, Polizei! - Hunderte Einbrüche in und um Köln aufgeklärt", während ein "Burgenkönig vor Gericht: Wie oft hat er betrogen?" überschriebener Artikel vergleichsweise klein war und erst auf Seite 28 stand, obwohl es dabei um einen Schaden in Millionenhöhe ging. Über mehrere Jahre hinweg waren junge Taschendiebe aus Südosteuropa ein Top-Thema der Boulevardpresse, die das Ausländerbild der Deutschen maßgeblich prägt. Am 9. November 1999 machte der Kölner Express beispielsweise mit der Schlagzeile "Passen Sie auf! Klau-Kinder in der Stadt" auf, am 22. August 2002 veröffentlichte er unter der Überschrift "Die Klau-Kids von Köln. Sie haben Hunderte von Menschen überfallen und beklaut. Und sie laufen frei herum" nach Art eines Fahndungsaufrufs die Bilder von 53 überwiegend dunkelhäutig aussehenden Jugendlichen. Rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland griff die Bild-Zeitung das Thema erneut auf. Unter dem Titel "WM-Alarm: Klau-Kids wieder da!" berichtete sie am 25. April 2006 über Banden kleiner Trickdiebe "aus Süd- und Lateinamerika und Osteuropa", die es auf Touristen in der Kölner City abgesehen hätten.

Problematisch ist schon die Nennung der nichtdeutschen Herkunft von Tatverdächtigen und Straftätern in Berichten über Verbrechen, weil dadurch der Eindruck vermittelt bzw. bestärkt wird, die Amoralität eines Gesetzesbrechers hänge mit dessen Abstammung oder ethnischer Herkunft zusammen (vgl. Topitsch 1997, S. 136). Dies gilt auch, wenn Namen abgekürzt werden, daraus jedoch die nichtdeutsche Herkunft der (mutmaßlichen) Täter ersichtlich ist. Besonders perfide erscheint da ein "Polizeischutz für bedrohten Hauptschüler.

15-Jähriger von Mitschüler beleidigt und geschlagen" überschriebener Artikel im Lokalteil des Berliner Tagesspiegels (vom 9.5.2006), der Schlägereien im Umfeld einer Schöneberger Schule behandelt und nicht nur die Tatsache hervorhebt, dass "weit mehr als die Hälfte" der Beteiligten einen Migrationshintergrund haben, sondern den Hauptbeschuldigten auch "Masel Al-Q." nennt, was zusammen mit dem Hinweis, dass "alle Schülernamen geändert" wurden, eigentlich nur bedeuten kann, dass der Verfasser die sich aufdrängende Assoziation zu Al Qaida gewollt oder vielleicht sogar als witzig empfunden hat.

Freilich bedarf es gar keiner Schlagzeile wie "Tod im Gemüseladen: Türke erschoss Libanesen" (Weser-Kurier vom 22.5.1999, S. 1), um rassistische Klischees zu reproduzieren oder entsprechende Einstellungsmuster zu stimulieren. Schon eine nüchterne und scheinbar "objektive" Polizeistatistik zur Ausländerkriminalität enthält - sofern sie weder kommentiert noch richtig interpretiert wird - die heimliche Botschaft, Menschen anderer Nationalität bzw. Herkunft seien aufgrund ihrer biologischen und/oder kulturellen Disposition für Straftaten anfälliger.

 

Migranten werden als "Sozialparasiten" Stigmatisiert

Wer staatliche Hilfe braucht, Fördermaßnahmen oder finanzielle Unterstützung in Anspruch nehmen muss, wird von den meisten Journalistinnen und Journalisten entweder ignoriert oder gar als "Wohlfahrtsimmigrant", "Asylschmarotzer" bzw. "Sozialparasit" denunziert, was ausgezeichnet in das mediale Bild von der "Krise des Sozialstaates" (vgl. hierzu: Butterwegge 2005, S. 97 ff.) passt. Am 17. Oktober 2005 berichtete die Bild-Zeitung unter Berufung auf einen "Report" des Hauses von Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement über Fälle des Leistungsmissbrauchs, der die betroffenen Langzeitarbeitslosen mit "Parasiten" in Verbindung bringt und sich gegen Missbrauch, "Abzocke" und Selbstbedienung im Sozialstaat wendet, unter dem Aufmacher "Die üblen Tricks der Hartz-IV-Schmarotzer! ... und wir müssen zahlen". In dem Artikel des größten deutschen Boulevardblatts heißt es: "Bei Hartz IV wird gnadenlos abgezockt." Unter den fünf "schlimmsten Fällen", die das Boulevardblatt aufführte, waren "eine Hartz-IV-Empfängerin aus Tunesien", die "schon längst wieder in ihrer Heimat" lebte, sowie "ein Libanese", der als "bei seinen Landsleuten bekannter Sänger" nicht nur "gegen Honorar ständig bei Festen und Hochzeiten" auftrete, sondern auch "ein BMW-Cabriolet" fahre und "sogar einen Manager" habe. Damit erweckte man den Eindruck, als seien Migrantinnen und Migranten überrepräsentiert und als handle es sich bei den "Abzockern" nicht um zum Teil kuriose Ausnahmen, sondern nur um die Spitze eines Eisberges. Am 7. November 2005 ergänzte der Spiegel unter der Überschrift "Missbrauch bei Türken?" und Berufung auf die Bundesagentur für Arbeit, vermutlich beziehe eine "große Zahl türkischer Arbeitsloser", die nennenswertes Vermögen im Heimatland hätten, ohne es anzugeben, rechtswidrig Arbeitslosengeld II.


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SERIÖSE BERICHTERSTATTUNG VERZICHTET AUF DAS SPIEL MIT VORURTEILEN UND FÜHLT SICH DEM JOURNALISTISCHEN ETHOS SOWIE DER ACHTUNG DER MENSCHENRECHTE VERPFLICHTET.

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Hysterie und Islamophobie nach dem 11. September


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SENSATIONSLÜSTERNE SCHLAGZEILEN UND STEREOTYPEN HABEN NACHRICHTENWERT, NICHT DAS ALLTÄGLICHE FRIEDLICHE ZUSAMMENLEBEN VON ZUGEWANDERTEN UND DEUTSCHEN. IN DRAMATISIERENDER ABSICHT VERWENDETE SPRACHBILDER ZEIGEN MEHR DENN JE, DASS EINE SERIÖSE BERICHTERSTATTUNG ANZUMAHNEN IST.

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Seit den Attentaten auf das Word Trade Center und das Pentagon verdunkelte sich nicht nur das Islambild deutscher Medien (vgl. Ates? 2006), sondern feierte auch die Deutung der Weltpolitik als "Kampf der Kulturen" (Samuel P. Huntington) bzw. "Krieg der Zivilisationen" (Bassam Tibi) fröhliche Urständ. Der damalige Zeit-Mitherausgeber und Chefredakteur Josef Joffe schrieb für die am 13. September 2001 erscheinende Ausgabe, welche für das Blatt ungewohnt reißerisch und mit roten Lettern "Krieg gegen die USA" verkündete, einen Leitartikel unter dem Titel "Die Zielscheibe: unsere Zivilisation. Terror total und global". Dort hieß es: "In dieser Woche scheint der Harvard-Politologe Samuel Huntington mit seinem viel gescholtenen Kampf der Kulturen (1995) auf schrecklichste Weise Recht zu bekommen."

Osama bin Laden und Al Qaida wurden zu Chiffren, welche die Feindschaft gegenüber der westlichen Zivilisation symbolisieren. Terrorismus, Fundamentalismus und Islamismus avancierten in vielen Medien zu einer gleichermaßen allgegenwärtigen wie omnipotenten Gefahr, der man gemeinsam mit US-Präsident George W. Bush in kriegerischer Manier entgegentrat, wobei sich der Einwanderungs- und der Kriminalitätsdiskurs wieder verschränkten. Teilweise gab es sogar einen Rückfall in Zerrbilder, die während der Asyldiskussion in den frühen 1990er-Jahren dominiert hatten. Genannt sei hier nur das stern-Titelbild vom 27. September 2001, wo ein dunkelhäutiger Mann mit Vollbart und Sonnenbrille zu sehen ist, in deren Gläsern sich unter der Überschrift "Terror-Gefahr in Deutschland. Geheimdienste warnen vor Anschlägen radikaler Muslime" die brennenden Türme des World Trade Center spiegeln, sowie das Titelbild eines Spiegel special (2/2003) zum Thema "Allahs blutiges Land. Der Islam und der Nahe Osten", wo von verschleierten Musliminnen über einen bärtigen Fanatiker mit bluttriefendem Krummdolch bis zum flammenden Inferno über Juden alle Stereotype bedient werden.

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 wurde der lange erhoffte und seinerzeit wahrscheinlich mögliche Paradigmenwechsel in der arbeitsmarktbezogenen Migrationspolitik durch einen autoritären Sicherheitsdiskurs konterkariert (vgl. dazu: Reißlandt 2003, S. 132ff.). Der zumindest vorübergehend liberale Zeitgeist wandelte sich wieder, weil fortan auch der "Schläfer" das Zerrbild des muslimischen Migranten bestimmte und sich die Zuwanderungsdebatte dadurch fast ins Gegenteil verkehrte: "Ihr Ausgangspunkt war die Hoffnung auf willkommene Zuwanderer, die der deutschen Gesellschaft dabei helfen, einige ihrer eklatantesten Schwächen auszugleichen. Nun dreht sich alles darum, dem Zuwanderer, der den Terror ins Land trägt, den Weg zu versperren." (Geis 2004) Migrantinnen und Migranten wurden noch stärker mit (Gewalt-) Kriminalität, Emotionalität und Irrationalität, Rückständigkeit und Unberechenbarkeit, wenn nicht gar religiösem Fundamentalismus und politisch-ideologischem Fanatismus in Verbindung gebracht. "Wiederholte Verweise auf ‚kriminelle Ausländer' oder ‚islamische Terroristen' delegitimieren Migranten, behindern ihre Integration im Sinne der Akzeptanz in der deutschen Mehrheitsgesellschaft (‚Ingroup') und legen Maßnahmen gegen sie nahe." (Weber-Menges 2005, S. 136)

Demgegenüber vertritt Eberhard Seidel (2003, S. 1354) die Auffassung, ein in Deutschland "bislang unbekanntes zivilgesellschaftliches Klima" habe die nach den Terroranschlägen in New York und Washington D.C. allgemein befürchteten antiislamischen Ressentiments unter Kontrolle gehalten und die Einbindung selbst der Boulevardpresse in den neuen zivilgesellschaftlichen Konsens bewirkt, was er mit einem Zitat aus der Bild-Zeitung vom 16. September 2001 belegt: "Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist ein Kampf der Kulturen. Das Allerletzte sind Mit-Christen, die nun zum Feldzug gegen den Islam blasen und den weltweiten Schock nutzen, um auf den Flammen des Infernos ihr heuchlerisches Süppchen zu kochen."

Ob das größte deutsche Boulevardblatt diese mahnenden und warnenden Worte eines seiner Redakteure in der Folgezeit wirklich beherzigte, ist eine Frage, die hier nicht mit letzter Sicherheit beantwortet werden kann. Matthias Junge (2005, S. 316) hat andere Tageszeitungen (Die Welt, FAZ und Frankfurter Rundschau) im Hinblick auf Ursachenzuschreibungen für den 11. September 2001 unmittelbar nach dem Ereignis analysiert und kritisiert eine Vernachlässigung ökonomischer und politischer Zusammenhänge: "Die Frage nach der Weltordnung tritt seit dem 11. September in den ausgewählten Zeitungen zuvörderst als Frage nach der Regulation von Kulturdifferenzen auf." Noch lange nach den Attentaten dominierten in deutschen Massenmedien die Bilder der brennenden Zwillingstürme, militärische Metaphern und eine martialische Sprache.

 

Wenn "uns" die Türken auf der Tasche liegen…

Genau ein Jahr und einen Tag nach den Terroranschlägen veröffentlichte Hans-Ulrich Wehler in der Zeit (vom 12.9.2002) einen Gastbeitrag, dessen Titel "Das Türkenproblem. Der Westen braucht die Türkei - etwa als Frontstaat gegen den Irak. Aber in die EU darf das muslimische Land niemals" die antiislamische Stoßrichtung der Diskussion darüber deutlich erkennen ließ. Auch rassistische Untertöne waren nicht zu überhören, wenn der Bielefelder Historiker schrieb: "Nach geografischer Lage, historischer Vergangenheit, Religion, Kultur, Mentalität ist die Türkei kein Teil Europas. Weshalb sollte man 65 Millionen muslimischen Anatoliern die Freizügigkeit gewähren, sich auf unabsehbare Zeit mit einem kostspieligen Versorgungsfall belasten?"

Giovanni di Lorenzo, neuer Chefredakteur der Zeit, setzte diese Art der Kommentierung fort, als er in der Ausgabe vom 30. September 2004 unter dem Titel "Drinnen vor der Tür. Auch nach drei Generationen sind die Türken in Deutschland nicht angekommen" über deren anhaltende Erfolglosigkeit klagte. "Es muss", hieß es da, "erlaubt sein, auf eine Form der Einwanderung zu schauen, die der Volkswirtschaft heute wenig bringt und den Steuerzahlern schwer nachvollziehbare Belastungen abverlangt." Von einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen eingezahlten Sozialversicherungsbeiträgen und ausgezahlten Leistungen könne nicht die Rede sein, und "zu viele Türken" frönten der auch unter Deutschen grassierenden Unsitte, den Sozialstaat hemmungslos auszubeuten. Verstärkt werde diese Neigung durch den gerade unter Mitgliedern der dritten Generation beobachtbaren "Rückzug in eine türkische Parallelwelt". Detailliert wurde den Türken vorgerechnet, was sie die Deutschen kosteten, und hieraus der Schluss gezogen, dass diese Form der Einwanderung weder länger finanzierbar noch Integration möglich sei.

 

… und ihre Frauen Kopftücher tragen (lassen)

Was der geplante EU-Beitritt der Türkei für die Außenpolitik bedeutete, war das Kopftuch an Schulen für die Innenpolitik. Sabine Schiffer (2005, S. 26) moniert, dass sich die Medien auf den Schleier und das Kopftuch als Symbole für den Islamismus und seine Unterdrückung der Frau konzentrieren und diese Kleidungsstücke benutzt hätten, um Fremdheit zu markieren: "Seit dem 11. September ist eine Zunahme an expliziten Schuldzuweisungen gegenüber Muslimen für verschiedenste Untaten auszumachen." Tatsächlich kulminierten im so genannten Kopftuch-Streit die weitgehend ungeklärten Fragen nach der Haltung zum Islam wie zur Religion allgemein und nach der Einstellung zur Migration wie zum weiblichen Geschlecht (vgl. Oestreich 2005).

Als der mit den Namen von Osama bin Laden und Al Qaida verbundene Bombenterror mit den Anschlägen auf Vorortzüge in Madrid am 11. März 2004 sowie auf die U-Bahn und einen Bus in London am 7. Juli 2005 auch Europa traf, wurde das politische und mediale Klima rauer. In der kampagnenartigen Berichterstattung über "Zwangsverheiratungen" von Mädchen und Frauen, die oftmals zusammen mit eng befreundeten Familien "arrangierte Ehen" sind und schon während der 1970er-Jahre skandalisiert wurden (vgl. Beck-Gernsheim 2006, S. 33f.), sowie über "Ehrenmorde" blieben (kultur)rassistische Untertöne daher nicht aus. Als die Kurdin Hatun Sürücü am 7. Februar 2005 in Berlin erschossen wurde, beschäftigte das Thema nicht nur die lokalen Medien wochenlang. So berichtete die Süddeutsche Zeitung am 26. Februar 2005 unter dem Titel "In den Fängen einer türkischen Familie. Muslimische Dorfmoral in der Berliner Moderne: Schon wieder haben türkische Männer eine Frau mit dem Tod bestraft. Die Geschichte eines brutalen Zusammenpralls der Kulturen" darüber. Nachdem das Landgericht Berlin am 13. April 2006 den jüngsten Sohn der Familie Sürücü zu 9 Jahren und 3 Monaten Jugendstrafe verurteilt, seine beiden gleichfalls angeklagten älteren Brüder jedoch mangels Beweisen freigesprochen hatte, flammte die Debatte erneut auf. So berichtete ein "Migration: Verbrechen im Namen der Ehre" überschriebener Spiegel-Artikel (vom 24.4.2006), die Forderungen nach Ausweisungen und schärferen Gesetzen würden lauter, wobei er die Stimmung durch solche Formulierungen wie "die gesamte Sippe", "archaisch strukturierte Kurden", "selbstgewählte Isolation" oder "die gnadenlose Gewalt, die von jungen, meist muslimischen Migranten ausgeht" und die Feststellung, "dass die Parallelwelt vornehmlich türkischer Einwanderer immer undurchdringlicher wird", weiter anheizte.

Schahrzad Farrokhzad (2006, S. 75) arbeitet vier Konstruktionsvarianten der islamischen Frau in Medien und Öffentlichkeit heraus, die nebeneinander existieren, aber unterschiedlich beurteilt werden: die exotische Orientalin, die Kopftuchtürkin, die moderne Türkin und die Fundamentalistin. "Auffällig ist, dass die türkische Frau im Mittelpunkt des medialen Interesses steht - was im Alltagsdiskurs zur Folge hat, dass viele der in Deutschland lebenden orientalisch aussehenden und/oder kopftuchtragenden Frauen aufgrund ihrer phänotypischen Merkmale für Türkinnen gehalten werden."

 

Zwischen "deutscher Leitkultur" und multikultureller Wirklichkeit

Medien liefern nicht nur (Zerr-)Bilder von Zuwanderern und ethnischen Minderheiten, die das Denken und Handeln der Einheimischen beeinflussen, sondern prägen auch deren Haltung im Hinblick auf die Modelle eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalität, Herkunft, Kultur und Religion, indem sie Möglichkeiten und Grenzen der Integration ausloten und öffentliche Debatten darüber führen. Besonders das in der Bundesrepublik seit den 1980er-Jahren diskutierte Konzept einer "multikulturellen Gesellschaft" wurde auch von Journalistinnen und Journalisten kommentiert, (fehl)interpretiert und wiederholt überzogen, aber nie überzeugend kritisiert.

In seiner Titelgeschichte "Deutsche und Ausländer: Gefährlich fremd" vom 14. April 1997 erklärte der Spiegel die multikulturelle Gesellschaft für gescheitert. Auf dem Titelbild des Hamburger Nachrichtenmagazins schwenkte eine Frau mit dunklem Teint und geschwollener Halsschlagader eine rote (türkische) Fahne. Daneben saßen Mädchen mit Kopftüchern auf endlos lang wirkenden Bankreihen einer Koranschule. Unter der Fahne trieb eine dunkelhäutig-maskuline, mit Messern und Nunchakus bewaffnete Jugendgang ihr Unwesen. Zu dieser an Manipulation grenzenden Fotomontage bemerkt Mark Terkessidis (2003, S. 244): "In einem Akt perfider journalistischer Zuspitzung fasste der Spiegel das hegemoniale Angstphantasma über ‚Ausländer' zusammen: Fanatismus, Fundamentalismus, Kriminalität, Gewalt."

Wenngleich manche Zeitungen und Zeitschriften, die das Thema sofort danach aufgriffen, sehr viel differenzierter als der Spiegel urteilten (vgl. Sarigöz 1999), bestimmte dieser als Leitmedium das politische Klima der Bundesrepublik. Man rückte von einem liberalen Konzept der Migrations-, Integrations- und Minderheitenpolitik ab, dem das Dogma der Nachkriegszeit gegenüberstand, die Bundesrepublik sei kein Einwanderungsland und dürfe es auch nicht werden. Seriöse bürgerliche Presseorgane polemisierten nunmehr häufiger gegen das Konzept der "multikulturellen Gesellschaft", mit dem man (Ausländer-)Kriminalität, Bandenkriege und Chaos in Verbindung brachte.

Dagegen setzte der damalige Berliner Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) im Sommer 1998 die gut zwei Jahre später von seinem Parteifreund und damaligen Chef der Unionsfraktion im Bundestag Friedrich Merz aufgegriffene Forderung, Zuwanderer müssten sich der "deutschen Leitkultur" fügen. Hierüber entbrannte in den Medien eine längere Kontroverse, bei der es um die "nationale Identität" ging. In diesem Zusammenhang fungierten Vertreter demokratischer Parteien wiederholt als Stichwortgeber rechtsextremer Publikationsorgane, die sich gern auf Stellungnahmen und Positionen bürgerlicher Kreise berufen, um ihre Reputation zu erhöhen (vgl. Hentges 2002, S. 113 f.).

In der Diskussion über das angebliche "Scheitern der multikulturellen Gesellschaft" und die Forderung nach einem Treueid für Zuwanderer, die nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh am 2. November 2004 wieder aufflammte, feierte die "deutsche", häufiger auch die "christlich-abendländische" oder "freiheitliche demokratische" Leitkultur fröhliche Urständ. Die liberale Zeit überschrieb den von Leon de Winter verfassten Leitartikel eines Dossiers, das am 18. November 2004 erschien, zum Thema "Vor den Trümmern des großen Traums. Warum selbst in den Niederlanden, dem Mutterland der Toleranz, die islamischen Vorstellungen von Respekt und Ehre mit westlichen Werten nicht harmonieren können", womit aus Sicht der Blattmacher klar war, dass "Multikultur" keine Zukunft mehr hatte.

Im Feuilleton der FAZ (vom 23.11.2004) sprach Lorenz Jäger vom "Bankrott des Multikulturalismus" und mutmaßte, die Ermordung Theo van Goghs werde womöglich eines Tages mit dem Fall der Berliner Mauer verglichen, denn nunmehr sei "eine weitere Lebenslüge der deutschen Linken geplatzt und der Katzenjammer entsprechend groß", was zwei Wege eröffne: "Der eine ist der Übergang zur Wirklichkeit. Wird er nicht eingeschlagen, dann bleibt nur eine weitere Drehung der multikulturellen Schraube: Dann wird der Staat seinen therapeutischen Charakter noch einmal steigern und für die Unwilligen unter der Mehrheitsbevölkerung neue Erziehungs- und Toleranzprogramme auflegen. Er wird dann ein jakobinischer Tugendstaat, und die Freiheit bleibt auf der Strecke." Dagegen relativierte Mark Siemons an selbiger Stelle, gescheitert sei nur die "Milchmädchenrechnung der Monokultur", und wies auf Kanada hin, wo die meisten Einwanderer nicht nur in den Arbeitsmarkt integriert, sondern auch von der dortigen Gesellschaft "als Gewinn für ihr eigenes Wohlergehen gewollt und gewünscht" seien: "Wie selbstverständlich gehört zur kanadischen Leitkultur die kulturelle Verschiedenheit."

 

"Parallelgesellschaft" avanciert zum Modebegriff

"Parallelgesellschaft" avancierte nach dem Mord an van Gogh zu einem Mode- und dem Konträrbegriff zur "multikulturellen Gesellschaft", der eine umfassende Drohkulisse aufbaut und düstere Entwicklungsperspektiven ahnen lässt. Er gilt als Chiffre für kulturelle Entfremdung, Integrationsverweigerung und Selbstabschottung. Erol Yildiz (2006) zeigt, wie insbesondere von türkischen Migrantinnen und Migranten bewohnte Stadtviertel im Rahmen eines medialen Ghettodiskurses als "Parallelwelt" bzw. "Gegengesellschaft" konstruiert werden.

Albrecht von Lucke (2005, S. 10) erkannte darin einen "diskursiven Dammbruch", dass die außenpolitische Frontstellung gegenüber dem Islamismus und Terrorismus nunmehr voll auf die Innenpolitik und deren Streitpunkte durchschlug: "Deutschland ist im Krieg gegen die Feinde der Freiheit, und die Heimatfront steht in Berlin-Kreuzberg." Mit der Diskussion über "Parallelgesellschaften", die in einem "Die Schlacht um Europa" überschriebenen Artikel von Gilles Kepel in der Welt am Sonntag vom 21. November 2004 und im Titelblatt der am Tag darauf erschienenen Ausgabe des Münchener Nachrichtenmagazins Focus "Unheimliche Gäste. Die Gegenwelt der Muslime in Deutschland" gipfelte, sah von Lucke wieder die Gedankenwelt und die militante Rhetorik eines Carl Schmitt heraufziehen: "In all diesen Szenarien taucht (...) ein altbekanntes Muster auf, das die Bundesrepublik spätestens nach Beendigung des Kalten Krieges überwunden glaubte, nämlich die Zurichtung der Gesellschaft nach den Prinzipien von Freund und Feind."

Nach der vorgezogenen Bundestagswahl am 18. September 2005 flammte die "Leitkultur"-Debatte erneut auf. Norbert Lammert (CDU) erklärte unmittelbar nach seiner Wahl zum Nachfolger Wolfgang Thierses als neuer Parlamentspräsident gegenüber der Zeit (vom 20.10.2005), dieser Begriff sei "reflexartig" abgelehnt worden, verdiene es aber, wieder aufgegriffen zu werden: "Dass es in jeder Gesellschaft Überzeugungen geben muss, die möglichst breit verankert sind, ist eine Binsenweisheit. Kein politisches System kann seine innere Legitimation ohne solche gemeinsam getragenen Überzeugungen aufrechterhalten - schon gar nicht in schwierigen Zeiten wie heute, in denen nicht Wohlstandszuwächse verteilt, sondern Ansprüche eingesammelt werden müssen."

Lammert kritisierte ausdrücklich die Wortkombination "deutsche Leitkultur", verband Letztere mit einer "Revitalisierung des Glaubens" im Sinne christlicher Religionsgemeinschaften und hob hervor, dass jede Gesellschaft nicht nur eine Rechtsordnung brauche, sondern sich auch "über ihre Grundlagen, ihre Herkunft, ihre Orientierungen" verständigen müsse: "Wir machen bei uns die Erfahrung, dass sich neben der Rechtsordnung, deren Geltung kein Mensch bestreitet, Verhaltensmuster halten, die ihrerseits kulturell begründet sind. Wenn sich die Gesellschaft nicht regelmäßig ihrer Grundlagen vergewissert, läuft sie Gefahr, dass sich auch die Rechtsordnung auflöst." (Rheinischer Merkur vom 24.11.2005) Indem Lammert die Religion (statt der Nation) zum zentralen Ab- bzw. Ausgrenzungskriterium machte, löste er das Problem einer Dominanzkultur, die sich über den Wertehorizont der Zuwanderer erhaben dünkt, nicht. Mit dem von ihm benutzten "Kulturkreis"-Begriff wird vielmehr Fremdheit konstruiert bzw. assoziiert und vor allem die nichteuropäische Migration negativ etikettiert bzw. abqualifiziert.

 

Deutschpflicht und Schulkrawalle

Im Frühjahr 2006 machten zwei Berliner Schulen in den Massenmedien regelrecht Furore. Die von Lehrerinnen, Lehrern, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern der Weddinger Hoover-Realschule vereinbarte und in die Hausordnung aufgenommene Deutschpflicht auf dem Schulhof und bei Klassenfahrten galt den meisten darüber berichtenden Journalistinnen und Journalisten als Musterbeispiel gelungener Integration und zivilgesellschaftlichen Engagements (vgl. Man spricht Deutsch. Eine Realschule in Berlin bemüht sich um Integration. Nun ist die Empörung groß, in: Die Zeit vom 26.1.2006). Dass die Mutter-, Familien- bzw. Herkunftssprachen von Migranten und deren Nachkommen, die hierzulande selten als ethnische Minderheiten gelten, besser gefördert als "verboten" werden sollten, ging angesichts der gleichzeitig stattfindenden Diskussion über Einbürgerungstests, wie sie Baden-Württemberg und Hessen befürworteten, völlig unter. Der 16-jährige Schülersprecher Asad Suleman, dessen Eltern aus Pakistan stammen, gelangte mit seinem Bekenntnis zur deutschen Sprache in alle großen Tageszeitungen der Republik und wurde sogar in die ARD-Talkshow von Sabine Christiansen eingeladen (vgl. Deutschstunden, in: Die Zeit vom 2.2.2006).

Noch mehr Aufmerksamkeit erregte die Gewalttätigkeit, welche das Kollegium der Rütli-Hauptschule in einem Schreiben an die Senatsbehörde beklagte, das der Lokalpresse zugespielt wurde (vgl. Krawalle an der Hauptschule Neukölln: Kollegium fordert die Auflösung der "Rütli"; Hauptstadt knallhart. Notruf aus Neukölln, in: Der Tagesspiegel vom 30.3.2006). Auch in überregionalen Medien wurde die Brutalität vieler Schüler fast ausnahmslos mit einem hohen Anteil von Jugendlichen türkischer bzw. arabischer Herkunft "erklärt", der soziale Hintergrund aber häufig vernachlässigt. Selbst wenn Journalist(inn)en dieses Problem wie in dem Spiegel-Artikel "Die verlorene Welt" (vom 3.4.2006) als Ursache erkannten und benannten, verdunkelten sie es durch einseitige Zuschreibungen ("Streitigkeiten zwischen ethnischen Gruppen sind besonders typisch"). Reporter, Kamerateams und Fotografen belagerten tagelang die in der Boulevardpresse als "Terrorschule" bezeichnete Einrichtung, hetzten "hinter arabischen und türkischen Halbwüchsigen her" und zahlten teilweise über 100 Euro für "gestellte Gangster-Gesten", wie die Zeit (vom 6.4.2006) in einem Dossier "Ist die Rütli noch zu retten?" berichtete.

Das Münchner Nachrichtenmagazin Focus machte die Vorfälle an der Rütli-Hauptschule am 10. April 2006 zum Aufhänger seiner Titelgeschichte "Die Multikulti-Lüge. Wie die Integration in Deutschland scheitert. Kommt jetzt die Wende in der Ausländerpolitik?" Unter einem "Außer Kontrolle" betitelten Foto, auf dem Rütli-Schüler mit Steinen auf Reporter und Kamerateams werfen, hieß es: "Die Integration muslimischer Einwanderer ist gescheitert. Die Multikulti-Ideologie weicht einem nüchternen Blick auf die Chancen und Gefahren einer unumkehrbaren Migration".

 

Prof. Dr. Christoph Butterwegge, geb. 1951, leitet seit 1998 die Abteilung für Politikwissenschaft und ist Mitglied der Forschungsstelle für interkulturelle Studien (FiSt) an der Universität zu Köln. Gemeinsam mit Gudrun Hentges hat er die beiden im VS - Verlag für Sozialwissenschaften erschienenen Bücher "Massenmedien, Migration und Integration" (2. Aufl. Wiesbaden 2006) und "Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung" (3. Aufl. Wiesbaden 2006) herausgegeben.

 

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