Zeitschrift

Zuwanderung
und Integration


 

Heft 4 2006

Hrsg: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

 
  "Parallelgesellschaften" erleichtern den Übergang in die Mehrheitsgesellschaft
 

Mangelt es an "Parallelgesellschaften"?

  Matthias Micus / Franz Walter

 


Mit dem emotional aufgeladenen Begriff "Parallelgesellschaft" verbindet sich das apokalyptische Bild einer unkontrollierbaren, das Gewaltmonopol des Staates nicht akzeptierenden, zumeist islamischen Bedrohung. Weitaus nüchterner ist die rationale Definition des Begriffs: "Parallelgesellschaften" entwickeln sich in einer ethnisch, sozial und weltanschaulich homogenen (Minderheiten-) Gruppe auf freiwilliger Basis in mehr oder weniger deutlicher Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft. Solche Segregationen sind für die kulturelle und soziale Selbstbehauptung nicht unwichtig, weil sie die Identität stabilisieren und die Integration in die Aufnahmegesellschaft erleichtern. Matthias Micus und Franz Walter schildern diesen Prozess gelingender Integration am Beispiel der so genannten "Ruhrpolen" und der parteipolitischen Milieus. Gefährdungen für eine demokratisch verfasste Gesellschaft ergeben sich stets dann, wenn "Parallelgesellschaften" den Dialog verweigern und ihre eigenen Werte absolut setzen. Diese Abgrenzung kann als Reflex auf Gegebenheiten der Aufnahmegesellschaft gedeutet werden: Mangelnde Teilhabe- und Erfolgschancen, sich dramatisch verschlechternde Integrationsbedingungen und eine nur "partielle Integration" lassen in jüngster Zeit die Empörung gerade der dritten Einwanderergeneration wachsen. Die zu beobachtende neue "Kultur der Armut" lässt eher auf ei-
nen Mangel an parallelgesellschaftlichen Strukturen, die eine Brücke zur Mehrheitsgesellschaft schlagen könnten, schließen.

Eine Metapher als Bedrohungsszenario

Seit einigen Jahren erfreut sich die Metapher von der "Parallelgesellschaft" einer hohen Talkshow-Aufmerksamkeit, wobei sich ihre negative Konnotation im Wesentlichen aus drei Aspekten speist. Bemüht wurde sie zum einen stets dann, wenn es darum ging, schwer verständliche, zumeist verstörende, immer aber fremdkulturelle Ereignisse und Handlungsmotivationen zu erklären. Im Begriff der "Parallelgesellschaft" fand die Öffentlichkeit eine Antwort auf die Fragen, warum sich ein unkontrollierter Mob in den Pariser Vororten tagelang Straßenschlachten mit der französischen Ordnungsmacht lieferte, weshalb Londoner Jugendliche Flugzeuge in die Luft zu sprengen planten und in Deutschland zwei junge Männer Kofferbomben-Attentate auf Zugreisende verüben wollten. Die "Parallelgesellschaft" fungiert auf diese Weise als Generalbeschreibung für rückständiges Denken, integrationsresistente Einstellungen und ausländische Gesetzlosigkeit - speziell in Deutschland, aber auch ganz allgemein in Westeuropa. Wer von "Parallelgesellschaft" spricht, meint daher erstens etwas Bedrohliches - wo parallelgesellschaftliche Strukturen gewähnt werden, lauern Gefahren: Nicht zuletzt die Gefahr der Desintegration.

Zweitens galt Medien und Politik von Anfang an der Islam als Hauptquelle gesellschaftlicher Spaltungsprozesse, verbindet sich die Debatte über "Parallelgesellschaften" in Deutschland untrennbar mit der Rolle der Muslime. Insofern konsequent richtet sich der Blick auf die türkischen Gemeinden, entbrannte in der Vergangenheit wiederholt - von Duisburg bis Berlin - Streit um den Bau neuer Moscheen und avancierte das Kopftuch zur Chiffre. Diese Vermengung des parallelgesellschaftlichen Bedrohungspotenzials mit dem islamischen Glauben findet seine Begründung in der Gleichsetzung des internationalen Terrorismus mit dem islamischen Fundamentalismus und der Tatsache, dass es radikale Muslime sind, die spätestens seit dem Jahr 2001 die Furcht vor dem Fremden in der westlichen Welt nähren. Vor allem die Korrelation von kultureller und kirchlicher Heterogenität erscheint daher als Problem; eine starke religiöse Gläubigkeit gilt als wichtigstes Integrationshemmnis. Zur Symbolgestalt des Bösen wurde in diesem Zusammenhang der "home-grown terrorist", der unauffällige, scheinbar integrierte, im Westen geborene, hier aufgewachsene und ausgebildete Moslem, der irgendwann seine Maske herunterreißt und gegen die Welt kämpft, deren Teil er bis dahin zu sein schien.1

Und drittens schließlich werden "Parallelgesellschaften" in Deutschland auch deshalb mit einer solchen Ablehnung betrachtet, weil sie in einem fundamentalen Widerspruch zum nationalen Selbstverständnis und zur gesellschaftspolitischen Generallinie des Landes stehen. Im Unterschied zu Frankreich und den angelsächsischen Ländern, die sich traditionell als "Staatsnationen" verstehen, als Willensgemeinschaften, deren Mitglieder ihre Zugehörigkeit durch das Bekenntnis zu den politischen Grundwerten ausdrücken, basiert die deutsche "Kulturnation" ihrem Selbstverständnis nach bis heute - und trotz des reformierten Staatsangehörigkeitsrechtes - wesentlich auf der Herkunft ihrer Angehörigen, das heißt einer homogenen ethnischen Abstammung und gemeinsam geteilten Kultur. Eine gewisse Gleichförmigkeit herzustellen und allzu gravierende Unterschiede zu beseitigen, wurde daher in Deutschland beständig auf verschiedene Weise versucht, insbesondere über einen umverteilenden Sozialstaat auf der einen sowie eine aktive staatliche Wohnungspolitik auf der anderen Seite, die mit Belegungsquoten und Zuzugssperren eine gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung herzustellen versuchte.2 Anders als etwa in den USA fürchteten deutsche Behörden segregierte Wohnquartiere mit einem hohen Ausländeranteil bisher "wie der Teufel das Weihwasser"3. Sichtbare ethnische Konzentrationen, "Parallelgesellschaften" zumal, müssen einem solchen Denken geradezu zwangsläufig als bedrohlich erscheinen.

In der politischen und medialen Öffentlichkeit besteht also eine nahezu einhellige Ablehnung von "Parallelgesellschaften". Darüber hinaus aber ist das vorherrschende Bild über dieses Phänomen eher diffus, an Präzision hat der Begriff durch die vielstimmige Debatte der letzten Zeit nicht gewonnen. Im Gegenteil, er verkam zur Phrase und - indem Taten Einzelner für ein gesamtes Bevölkerungssegment verallgemeinert wurden - zu einer Legitimationsformel ethnozentristischen Denkens. Insofern stellt sich die Frage, wodurch sich eine "Parallelgesellschaft" auszeichnet, was unter ihr genau zu verstehen sei.

 

Was meint der Begriff "Parallelgesellschaft"?

Einer Definition des Politikwissenschaftlers Thomas Meyer folgend, lassen sich parallelgesellschaftliche Strukturen durch das Vorhandensein von fünf charakteristischen Indikatoren identifizieren: eine weit gehende ethnisch-kulturelle oder kulturell-religiöse Homogenität; eine annähernd vollständige lebensweltliche und zivilgesellschaftliche Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft; eine nahezu komplette Verdoppelung der mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen; eine formal freiwillige Segregation; und eine zumeist auch siedlungsräumliche Segregation.4

"Parallelgesellschaften" begründen sich demzufolge in einer ethnisch, sozial und weltanschaulich homogenen Gruppe, die sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt fühlt. Alternativ zu den etablierten Institutionen, die ihren Mitgliedern verschlossen stehen, verfügen sie über ein dichtes Netz separater Organisationen, Vergemeinschaftungen und Zusammenkünfte, das praktisch alle Ansprüche abdeckt, eine weit gehend autarke Alltagsgestaltung ermöglicht und Rückhalt gegenüber einer feindseligen Umgebung bietet. Zumeist aus der Defensive heraus entstanden, als Kompensation für zuvor erfahrene Ausschlüsse und Diskriminierungen, entwickeln "Parallelgesellschaften" starke Identitäten im Inneren und markante Abgrenzungen nach außen. Die interne Solidarität wird durch gemeinschaftsstiftende Rituale und Symbole im Alltag bekräftigt sowie durch ein kompaktes Fundament stringenter Werte, Weltdeutungen und Orientierungen abgestützt. Wiewohl in Reaktion auf Ausgrenzungserfahrungen aufgebaut und insofern durchaus auf Momente zumindest indirekten Zwanges zurückführbar, gründet das ausdifferenzierte Organisationsnetzwerk einer "Parallelgesellschaft" aber letztlich auf freiwilliger Selbstabgrenzung, auf einem spezifischen Stolz und Sendungsbewusstsein, die sich in einem umfassenden Engagement, intensivem Einsatz und wechselseitigen Hilfestellungen niederschlagen.

Nicht zuletzt die Freiwilligkeit der Selbstorganisation unterscheidet "Parallelgesellschaften" von Ghettobildungen, bei denen räumliche Integration und soziale Organisierung durch Zwang zusammenfallen, und verbindet sie mit "ethnischen Kolonien". Der Begriff der "ethnischen Kolonie" deckt sich dabei faktisch mit dem der "Parallelgesellschaft", wenn er die "auf der Basis von Selbstorganisation entstandenen Beziehungsstrukturen unter Einwanderern in einer bestimmten räumlichen Einheit"5 bezeichnet. Er rekurriert bloß - wie der Name schon sagt - stärker auf Segregationsprozesse bei Einwanderergruppen, derweil sein Pendant auch Separationen ethnisch gleicher Gesellschaftsgruppen einschließt. Beide Begriffe aber bezeichnen Gruppen, die sich abkapseln und Distanz von der Mehrheitsgesellschaft halten, die Binnenkommunikation pflegen und Außenkontakte meiden. Gleichermaßen auch kennzeichnen sie somit, zumindest aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive, Phänomene der Spaltung.

 

Gefährden "Parallelgesellschaften" das Gemeinwesen?

Eben diese Eigenschaft kann "Parallelgesellschaften" wie "ethnische Kolonien" zu einer Gefahr für liberale Demokratien werden lassen - und insofern ist der Furor in der Debatte über parallelgesellschaftliche Separatstrukturen durchaus nachvollziehbar. Demokratien brauchen ein gewisses Reservoir gemeinsam geteilter Werte, Normen und Orientierungen. Sie benötigen einen Sockel an Vertrauen und Kooperation als Voraussetzung für gesellschaftliche Solidarität. Ein Konglomerat verschiedener Gesellschaften in einer Demokratie dagegen - ein Zustand, der zumindest der Tendenz nach in "Parallelgesellschaften" angelegt ist - vermag die soziale, kulturelle und funktionale Integration des gesamten Gemeinwesens zu gefährden.

Das gilt zumal für moderne Gesellschaften, deren Strukturen sich in der Vergangenheit immer weiter ausdifferenzierten und deren Anfälligkeit für desintegrative Tendenzen daher gestiegen ist. Gesellschaftlichen Zusammenhalt herzustellen fällt vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Pluralisierungs- und Individualisierungsprozesse zunehmend schwer. Traditionen und Konventionen verlieren an Verbindlichkeit, Zugehörigkeiten werden auf Zeit geknüpft und bei Bedarf unsentimental gekündigt, der Einzelne kann seinen Lebensplan unabhängig von Anderen selbstbestimmt erstellen. Großkollektive schrumpfen zu kleinteiligen Kontaktnetzen, massenhaft geteilte Klassenlagen vervielfachen sich zu individuellen Lebensstilen. Gleichzeitig verschärfen sich im Zuge der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung soziale Ungleichheiten und Ausgrenzungen.

Gelingender Integration bedürfen Gesellschaften gegenwärtig insofern stärker als zuvor. Sie ist je-doch zugleich prekärer denn je. Als entscheidendes Kriterium für Integration gilt dabei die prinzipiell gleiche Verteilung gesellschaftlicher Positionen und Ressourcen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen. Systematische Unterschiede beispielsweise zwischen Migranten und Einheimischen im Hinblick auf die Erwerbsbeteiligung, auf Berufspositionen, Bildungsabschlüsse, Einkommen und Wohnqualitäten deuten dagegen auf Schwierigkeiten beim Integrationsprozess hin, zumindest aber auf dessen Unabgeschlossenheit.

 

Stimmt das FeindBild von der "türkischen Parallelgesellschaft"?

Betrachtet man nun die Situation der türkischen Zuwanderer, so springen die Differenzen zu den Einheimischen, aber ebenso zu anderen Einwanderergruppen, unmittelbar ins Auge.6 Türken weisen nicht nur eine dreimal höhere Arbeitslosenquote auf als Deutsche, sie sind auch ungefähr doppelt so oft erwerbslos wie beispielsweise Spanier.

Wenn Türken arbeitslos sind, dann zudem länger als Einheimische, befördert werden sie seltener, degradiert häufiger. Weit überdurchschnittlich erwerben ihre Kinder niedere Bildungsabschlüsse, besonders stark überrepräsentiert sind sie unter Sonderschülern und Schulabbrechern, ein Abitur dagegen macht bloß ein einstelliger Prozentsatz. Ungleich verteilt sind auch die Einkommen. Insbesondere Türken sind von Armut betroffen und auf Sozialleistungen angewiesen, die sie aber aus Angst, ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren, oft nicht beantragen. Ebenso benachteiligt sind sie auf dem Wohnungsmarkt, wo sie für schlechter ausgestattete Wohnungen unverhältnismäßig hohe Mieten zahlen.

Brisanter noch im Hinblick auf die Debatte über "Parallelgesellschaften" sind Indikatoren, welche die verbreitete Einschätzung, große Teile der türkischen Einwohner igelten sich ein und lebten in einer abgekoppelten Eigenwelt, zu bestätigen scheinen. Vergleiche zwischen Zuwanderergruppen ergaben, dass die Option, in das Herkunftsland zurückzukehren, mit sozialräumlicher Segregation korreliert und die Integration in die Aufnahmegesellschaft erschwert.7 Gerade Türken äußern aber beständig die stärksten Rückkehrwünsche in ihre Heimat. Auch die desintegrative Wirkung ausgeprägter Frömmigkeit kann recht plausibel aus der Annahme, dass Religiosität eine symbolische Grenze zwischen Einwanderern und Aufnahmegesellschaft errichte und dadurch den Aufbau interethnischer Freundschaften behindere, abgeleitet und durch empirische Ergebnisse, denen zufolge Türken religiöser als andere Migrantengruppen sind und gleichzeitig in ihren Sozialkontakten sehr weit gehend auf die eigene Familie, Angehörige der gleichen Ethnie und ihr Wohnquartier orientieren, sich also stärker auf Bezugspersonen gleicher Nationalität begrenzen, untermauert werden.8 Die Religiosität der Türken ist in den letzten Jahren zudem messbar angewachsen, die Zahl der Moscheebesucher gestiegen.

Freilich, so eindeutig sind die Ergebnisse nicht, bei näherem Hinsehen ergeben sich vielmehr Widersprüche. So suchen seit dem Jahr 2000 zwar mehr Türken islamische Gotteshäuser auf, parallel dazu allerdings pflegt auch eine zunehmende Zahl von ihnen interkulturelle Freundschaften zu Deutschen.9 Letztlich dürfte wohl nur ein sehr kleiner Teil der Türken übrig bleiben, der nach formalen Kriterien als segregiert gelten kann. Ob man überhaupt von einer türkischen "Parallelgesellschaft" in Deutschland sprechen kann, wird schließlich durch den Befund infrage gestellt, dass die organisatorische Einbindung bei Türken insgesamt geringer ist und Vereinsmitgliedschaften seltener sind als unter gleichaltrigen Einheimischen. Mitglieder von "Parallelgesellschaften" aber zeichnen sich gerade durch ihren Organisationspatriotismus, durch ihre vielfältige Einbindung in das subkulturelle Vereinswesen aus. Die Erklärung dafür liegt in der organisatorischen Verdichtung parallelgesellschaftlicher Strukturen auf der einen, der Diskriminierung und der Notwendigkeit zu Zusammenschluss, Solidarität und Gemeinschaftspflege auf der anderen Seite.

Ganz unabhängig davon ist nicht einmal gewiss, dass aus der ethnischen Segregation Nachteile entstehen und ob eine stärkere Einbindung in parallelgesellschaftliche Strukturen für die türkische Bevölkerung nicht vielleicht sogar von Vorteil wäre. Ethnisch homogene Netzwerke jedenfalls sind per se keineswegs ressourcenärmer als sozialstrukturell identische, doch volksgruppenübergreifende Beziehungsgeflechte. Eher im Gegenteil, zeichnen sie sich doch durch bessere Zugänge zum Arbeitsmarkt, mehr Informationsmöglichkeiten und insgesamt umfangreichere Beziehungen aus.10 Außerdem vermag das Feindbild "Parallelgesellschaft" nicht den Sachverhalt zu erklären, warum sich gerade in der dritten Generation der türkischen Migranten fundamentalistische Neigungen verbreiten, warum gerade sie Unzufriedenheit und Gefühle des Fremdseins äußern - jene also, deren Integration verglichen mit ihren Eltern nach Indikatoren wie Sprachkenntnis, Bildung und Lebensstil erheblich fortgeschritten zu sein scheint. Vor allem aber sind in ethnischen Vereinen organisierte Einwanderer nachweislich sehr viel kontaktfreudiger und offener im Umgang mit der Aufnahmegesellschaft - und insofern integrationsbereiter - als Migranten ohne Vereinsmitgliedschaft.11

 

"Binnenintegration" als Schritt in die Mehrheitsgesellschaft

Der Ambivalenz ihres Forschungsgegenstandes angemessen fällt das Urteil der Stadt- und Migrationsforschung über "Parallelgesellschaften" daher wesentlich differenzierter aus, als es die öffentlich, in Politik und Medien geäußerten Ansichten vermuten lassen könnten. Bereits in den 1920er-Jahren begründete eine Gruppe Chicagoer Wissenschaftler um Ezra Park mit ihren Untersuchungen über die Integration von Einwanderern in die USA am Beispiel Chicagos das "sozialökologische Modell", welches der (anfänglichen) räumlichen Konzentration von Migranten positive Funktionen zuschrieb. Kern ihres Modells war die Annahme, die Integration beziehungsweise Assimilation von Einwanderern erfolge generell in einem vierstufigen Prozess. In einer ersten Phase suchen die Neuankömmlinge zunächst ganz gezielt die Nähe ihrer Landsleute, um die mit der Einwanderung verbundenen Risiken und Unsicherheiten zu reduzieren. Das homogene Einwandererquartier gewährt Schutz vor einer unbekannten Umwelt, es bietet Orientierung, indem die kulturelle Spannung zwischen alter sowie neuer Heimat geglättet wird und vermittelt auf schonende Weise die elementaren Normen und Verhaltensweisen des Aufnahmelandes, deren Beachtung für sozialen Aufstieg zwingend notwendig ist. An diese Phase schließt sich eine kurze Periode der Positionskonflikte mit den Einheimischen an, die aber, nachdem der Migrant akzeptiert hat, sich zunächst unten einzuordnen und sich dann sukzessive hocharbeiten zu müssen, schon bald durch einen Zustand der Anpassung, die Akkomodationsphase, abgelöst wird. Auf die Anpassung folgt dann schließlich - scheinbar zwangsläufig und unvermeidlich - das Endstadium des Integrationsprozesses, die Assimilation der Zuwanderer, die vollständige Angleichung der Lebensverhältnisse, Einstellungen, Orientierungen.12

Das "sozialökologische Modell" übte in der Folgezeit einen lang anhaltenden, weit reichenden Einfluss auf die Migrationssoziologie aus und prägt bis heute die Urteile auch deutscher Wissenschaftler über sozialräumliche "Parallelgesellschaften". Unter Bezugnahme auf Vertreter der so genannten "Chicagoer Schule" entwickelte beispielsweise Friedrich Heckmann sein Konzept der "ethnischen Kolonie".13 Ähnlich dem amerikanischen Vorbild schrieb auch er Konzentrationsprozessen von Einwanderern in einer ihnen fremden Umgebung positive Wirkungen zu, von der Stabilisierung des alltäglichen Lebensbereiches über die Lösung von Anpassungsproblemen und die Verringerung von Unsicherheiten bis hin zur Pflege der nationalkulturellen Identität. Etwa zeitgleich mit Heckmann, aber ebenfalls durch Rückgriff auf die nordamerikanischen Sozialökologen, formulierte Georg Ellwert Anfang der 1980er-Jahre das Modell der "Binnenintegration". Und ähnlich wie Heckmann und zuvor schon die Chicagoer sah auch er in der Binnenintegration einen ersten Schritt zur Integration der Einwanderer in die Mehrheitsgesellschaft, indem aus der Migration resultierende Unsicherheiten abgemildert, die Ausbildung einer neuen Identität unterstützt, Selbstbewusstsein vermittelt und die Orientierung in einem gewandelten Umfeld erleichtert würde.14

In einer Gesamtansicht der Forschungsergebnisse kristallisieren sich so eine ganze Reihe Funktionen und Leistungen heraus, mit denen "Parallelgesellschaften" ihren Mitgliedern das Leben in einer oftmals feindlichen, stets aber fremden Umgebung erleichtern. So machen sie den Neuankömmlingen den Wechsel in eine radikal anders geprägte Ordnung erträglicher, indem sie Vertrautes bieten und auf diese Weise die kulturellen Differenzen zwischen Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft überbrücken. "Parallelgesellschaften" stellen Institutionen und Gelegenheiten bereit, durch die Solidarität praktiziert und Bedürftigen Unterstützung zuteil werden kann. Über ihr Organisationswesen aktivieren sie ihre Angehörigen und vermitteln auch mehrheitsgesellschaftlich wichtige Kompetenzen. Nach außen, in die Mehrheitsgesellschaft hinein artikulieren sie die Interessen ihrer Mitglieder, versuchen, Diskriminierungen abzubauen und Unterstützung für die Anliegen der Minderheit zu gewinnen.

 

Beitrag zur Persönlichkeitsstabilisierung

Die wohl bedeutendste Funktion von "Parallelgesellschaften" aber betrifft ihren Beitrag zur Persönlichkeitsstabilisierung. Dadurch dass sie ihren Mitgliedern Orte der Geselligkeit und Vergemeinschaftung bieten, indem sie Identifikationsangebote unterbreiten und den Anpassungsdruck abfedern, der auf den Zuwanderern lastet, reduzieren sie die destruktive Kraft als "negative Individualität" bezeichneter sozialer Halt- und Schutzlosigkeit. Nur dadurch, durch die im Binnenleben erfahrene Anerkennung und die sozialen Sicherheiten, die "Parallelgesellschaften" bieten, können ihre Mitglieder Zutrauen in ihre Fähigkeiten entwickeln, dessen sie bedürfen, wollen sie in der Mehrheitsgesellschaft bestehen und vor den ersten Widerständen nicht gleich verzagt und resigniert einknicken.

Gerade in letzterem übrigens ähneln "Parallelgesellschaften" stark kirchlichen Institutionen. Auch religiösem Glauben wird die Wirkung zugeschrieben, Gemeinschaft zu stiften, Halt und Orientierung zu vermitteln, Selbstzweifel zu kalmieren und weltliche Ausgrenzungserfahrungen durch die Einbettung in eine parallele, transzendentale Ordnung erträglicher zu machen. Insofern dürfte es kein Zufall sein, dass religiöse Vereinigungen in "Parallelgesellschaften" einen zentralen Platz einnehmen und in ihren Aktivitäten über den engen religiösen Bereich zumeist weit hinausgehen. Verständlich dürfte dann auch sein, warum selbst dezidiert kirchenferne Separatkulturen oftmals religiöse Züge aufweisen und sich Ersatzreligionen schaffen, beispielsweise in Form einer visionären Ideologie. Die Verbindung von "Parallelgesellschaft" und Glauben ist also eher die Regel als die Ausnahme und durch beider Beitrag zur Persönlichkeitsstabilisierung im Übrigen keinesfalls generell integrationshemmend.

 

Abgrenzung kann sich zur "Mobilitätsfalle" entwickeln

Binnenintegration - bei "Parallelgesellschaften" eben- so wie bei Religionen - setzt freilich die Abgrenzung nach außen geradezu voraus. Vergemeinschaftenden Strukturen ist stets die Tendenz zur Abschottung inhärent. Es konnte daher nicht ausbleiben, dass Kritik am sozialökologischen Ansatz der Chicagoer Schule aufkam und ihre Funktionsbestimmung von "Parallelgesellschaften" infrage gestellt wurde. Dezidiert sind solche Bedenken von Hartmut Esser vorgetragen worden. Seiner Ansicht nach verstärken kulturell und sozial abgegrenzte Lebenswelten letztlich die Differenzen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen. Einerseits erhöht sich durch ihre Zusammenballung die Sichtbarkeit der Minderheit, deren Folgen eine Verstärkung der Bedrohungsgefühle bei der Mehrheitsgesellschaft und als Reaktion darauf eine noch forciertere Ausgrenzung sind. Aus der Perspektive der Minderheit vergrößert sich andererseits durch die sozialräumliche Verdichtung und die Möglichkeit, praktisch alle Bedürfnisse innerhalb der parallelgesellschaftlichen Subkultur befriedigen zu können, die Neigung, unter sich zu bleiben und Beziehungen zu anderen Gesellschaftsgruppen gar nicht mehr anzustreben. Kontakte zwischen Minderheit und Mehrheit kommen dann kaum noch zustande, wären aber die Voraussetzung dafür, sich gegenseitig kennen zu lernen, eventuell Freundschaften zu knüpfen, jedenfalls aber Vorurteile abzubauen. Darüber hinaus verhindert die Distanzierung von der Mehrheitsgesellschaft den Erwerb für einen sozialen Aufstieg elementarer Fähigkeiten, Kenntnisse und Beziehungen, verweist die Betroffenen insofern stets auf die "Parallelgesellschaft" zurück, deren Positionshierarchie aber begrenzt ist und die für ihre Mitglieder daher eine "Mobilitätsfalle" darstellt.15

Die Differenzen zwischen den jeweiligen Forschungsrichtungen sind freilich nicht so tief, wie es scheinen mag, sie heben sich auf einer übergeordneten Ebene vielmehr auf. Auch Wissenschaftler in der Tradition der Chicagoer Schule sehen die Gefahren, die aus einer introvertierten Selbstgenügsamkeit von "Parallelgesellschaften" herrühren. Sie gehen gleichfalls davon aus, dass eine sture Binnenperspektive Kontakte zur umgebenden Umwelt verhindern und soziale Mobilität begrenzen kann. Mangelnde Kontakte aber begünstigen Ressentiments und schwächen die Bereitschaft, sich auf die Anforderungen der Mehrheitsgesellschaft einzulassen. Begrenzte Mobilität wiederum meint ethnische Unterschichtung, bedeutet also nichts anderes als die oben erwähnte "Mobilitätsfalle".

Esser seinerseits gesteht ethnischen Kolonien zumindest für die erste, anomiearme Anpassung von Migranten an ihre neue Umgebung eine nützliche Rolle zu. Gegen die Neigung von Einwanderern, nach ihrer Ankunft die Nähe zu ihresgleichen zu suchen und vertraute Nachbarschaften zu bevorzugen, hat er zeitlich befristet durchaus nichts einzuwenden. Problematische Folgen zeitigt für ihn erst die Verstetigung parallelgesellschaftlicher Strukturen und innerethnischer Kontaktkreise. Diese Einschätzung aber deckt sich mit dem Gesellschaftsbild der Chicagoer Sozialforscher, die der räumlichen Konzentration von Migranten ebenfalls nur temporär Vorzüge zusprechen. "Parallelgesellschaften" verstehen sie als Auffanglager für Neuankömmlinge, als Brückenköpfe zur neuen Heimat, deren Zweck erfüllt ist, wenn ihre Mitglieder den transkulturellen Umbruch verdaut haben und sich eigenständig zurechtfinden können. Dauerhafte Absonderung lehnen sie mit dem bekannten Argument ab, die Integration in die Mehrheitsgesellschaft werde dadurch erschwert. Verwundern muss das nicht, entwickelten die Gründerväter der Chicagoer Schule doch das sozialökologische Modell auf der Grundlage ihrer Annahmen über soziale Ungleichheit, wobei sie die residentielle Segregation als Abbild gesellschaftlicher Distanzen betrachteten und die Nivellierung sozialer Unterschiede als wünschenswert ansahen. Langfristig befürworten daher auch die Sozialökologen eine Auflösung von Koloniestrukturen und die Gleichverteilung der sozialen Gruppen im Raum, letztlich also gleichmäßig gemischte Wohnquartiere.16

 

Sind die Prämissen der Migrationsforschung plausibel?

Wiewohl differenzierter argumentierend als die politisch-medialen Wortführer des öffentlichen Diskurses, gelangt die Forschung über "Parallelgesellschaften" folglich zu relativ einheitlichen Schlussfolgerungen. "Parallelgesellschaften" sind ihr bloß das kleinere Übel im Vergleich zu ungefiltert aufeinander stoßenden kulturellen Differenzen. Wenn der kulturelle Graben zwischen alter und neuer Heimat nur schmal, ohne Zwischeninstanzen überbrückbar und eine unmittelbare Integration der Migranten in die Mehrheitsgesellschaft infolgedessen möglich ist, dann sind separate Strukturen auch im Interesse der Zuwanderer abzulehnen, da die Netzwerke der Einheimischen ressourcenreicher und leistungsfähiger und die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten hier umfangreicher sind. Außerdem gefährden nach allgemeiner Einschätzung "Parallelgesellschaften" ihre integrativen Funktionen, wenn sie sich hermetisch von der Mehrheitsgesellschaft abschotten, ihre eigenen Werte und Ziele absolut setzen und fundamentalistische Ziele propagieren. Notwendig sind daher die prinzipielle Offenheit ihrer Infrastrukturen und eine generelle Bereitschaft zur kulturellen Grenzüberschreitung. Da sich mit ihnen aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive zudem eine Spaltung der Bevölkerung verbindet, ist ihr dauerhafter Fortbestand abzulehnen, weil dadurch der soziale Zusammenhalt unterminiert würde. Eine Verstetigung von "Parallelgesellschaften" ist demnach wünschenswert nur vor dem Hintergrund eines kontinuierlichen Zuwandererstroms und permanenten Austausches ihrer Mitglieder. Schließlich wird aber von Park über Heckmann bis Esser unisono davon ausgegangen, eben diese Eigenschaft - der dynamische Charakter parallelgesellschaftlicher Vergemeinschaftung - würde dadurch garantiert, dass die Integration von Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft gesetzesmäßig und mit Blick auf die verschiedenen Integrationsdimensionen gleichgerichtet erfolge. Der Integrationsprozess, heißt das, endet zwangsläufig mit der Assimilation, Fortschritte bei der sozialstrukturellen und sozialkulturellen Integration - also die gleichberechtigte Teilhabe an Bildungs-, Berufs- und Erwerbschancen auf der einen, der Erwerb von Sprachkenntnissen sowie die Übernahme dominanter Denk- und Verhaltensmuster auf der anderen Seite - seien eng miteinander verknüpft.

Hier stellt sich bei aller Plausibilität dann jedoch die Frage, ob der dominante Fokus der Migrationsforschung auf die amerikanische Einwanderungsgesellschaft nicht vielleicht zu verzerrten Ergebnissen führt - zu Ergebnissen jedenfalls, die für Deutschland nicht so ohne weiteres verallgemeinerbar sind. Eine kurze Skizze der klassischen deutschen "Parallelgesellschaften", der polnischen Zuwanderergemeinschaft und der parteipolitischen Milieus, soll hierauf eine Antwort geben.

 

Die Zuwanderergemeinschaft der "Ruhrpolen"

Die polnischen Landarbeiter, die, beginnend mit den 1870er-Jahren, aus den preußischen Ostprovinzen angeworben wurden, um in den Großzechen des Ruhrbergbaus zu arbeiten, ähnelten in ihren Motiven durchaus den Gastarbeitern ein knappes Jahrhundert später. In den Westen gingen sie anfänglich als Arbeitskräfte, um Geld zu verdienen. Mit dem Ersparten wollten sie später Eigentum in ihrer Heimat erwerben, in die sie nach einiger Zeit zurückzukehren beabsichtigten. Und auch die Reaktionen der Einheimischen waren miteinander vergleichbar. Spätestens seit die Einwanderung in den 1890ern massenhafte Ausmaße annahm, wurden die Ostelbier an ihren Arbeitsplätzen mit Skepsis beäugt, als Lohndrücker verachtet und mit Schimpfworten wie "Hergelaufene" und "Pollacken" belegt. Misstrauen und Vorurteile kursierten, Angst vor Überfremdung machte sich breit, Besorgnisse ob der hohen Kriminalitätsrate der Zuwanderer beschlichen auch offizielle Stellen und in der Öffentlichkeit entstand das Stereotyp des grobschlächtigen, rauflustigen, verschlagenen Polen.17

In dieser Situation wurden die Grundlagen der polnischen Eigenwelt gelegt. Die ersten polnischen Vereine bildeten sich und in den zecheneigenen Wohnanlagen entstanden polnische Kolonien. Den Annahmen der Sozialökologen entsprechend, fußte diese Entwicklung zunächst ausschließlich auf Sicherheits- und Orientierungsbedürfnissen der Zuwandernden. Die Vereine erfüllten Auffangfunktionen in einer gänzlich fremden Umgebung und dienten dazu, Bedürfnisse nach Entspannung, Kurzweil, Geselligkeit zu befriedigen. Die ethnisch homogene Konzentration in Zechenkolonien wiederum entwickelte sich aus der Suche nach Vertrautem. Dabei war die räumliche Abschottung schon im ausgehenden 19. Jahrhundert umstritten, sie wurde verdächtigt, "polnische Enklaven auf deutschem Boden" herauszubilden. Auch mochten die homogenen Nachbarschaften das Erlernen der deutschen Sprache hemmen und ethnische Rückzugstendenzen fördern. Insgesamt aber überwogen für beide Seiten - Polen wie Aufnahmegesellschaft - die Vorteile. Nicht bloß, dass die Zechenwohnungen Möglichkeiten zu Gartenbau und Viehhaltung boten, die Neuankömmlinge also ihre vertraute Beschäftigung zumindest als Nebenerwerb fortsetzen konnten. Die Wohnsituation verminderte vielmehr die Anpassungsprobleme an die industriellen Arbeitsbedingungen, den Hauptgrund für die hohe Zahl von Arbeitsplatzwechseln gerade bei den Osteinwanderern, förderte dadurch die Sesshaftigkeit und biographische Kontinuität. Die segregierten Zechenkolonien erleichterten die Gewöhnung der Arbeiter an ihre neue Umgebung, vereinfachten analog dazu ihre Integration und wirkten, da Entwurzelung radikalisiert, Stetigkeit aber mit Bindungen, Sicherheiten und Sozialkontakten einhergeht, auch politisch mäßigend.18

Freilich reichte der Nutzen sozialräumlicher Verdichtung für die Polen noch ein ganzes Stück weiter - weiter auch als in der Migrationssoziologie gemeinhin angenommen. Das lässt sich durch einen Vergleich der verschiedenen Einwanderergruppen aus den Ostprovinzen, namentlich der Gegenüberstellung von Masuren und "ethnischen" Polen aus der Provinz Posen, veranschaulichen. Ein autonomes Organisationsnetz knüpften nur die Posener Polen, während die Masuren historisch eine politisch-konfessionelle Sonderentwicklung durchlaufen hatten, der dominanten Kultur im Aufnahmeland aufgrund ihrer evangelischen Konfession und der monarchisch-preußischen Gesinnung vergleichsweise nahe standen und sich direkt in die mehrheitsgesellschaftlichen Netzwerke zu integrieren suchten. Dennoch waren die Integrationsbemühungen der Posener auf struktureller Ebene erfolgreicher - obschon sie einer besonders intensiven polizeilichen Überwachung ausgesetzt waren und im Unterschied zu den Masuren als "Reichsfeinde" galten. Innerhalb der Bergwerkshierarchie stiegen sie gleichwohl schneller und nachhaltiger auf, ihnen gelang auch der Wechsel in einen anderen, prestigeträchtigeren Industriezweig häufiger als den Masuren. Zwar blieb auch für die ethnischen Polen die Zugehörigkeit zur Unterschicht erst einmal bestimmend. Zu verwundern braucht das allerdings nicht, waren sie doch als ungelernte Landarbeiter in ein industrialisiertes Gebiet migriert. Als "Mobilitätsfalle" jedenfalls erwies sich die parallelgesellschaftliche Subintegration für die Polen keineswegs.

Freilich lässt sich die Aussage, die Posener seien integrierter als die Masuren gewesen, nicht umstandslos auf alle Dimensionen der Integration verallgemeinern. Einerseits nahmen sie zwar neben einer größeren sozialen Aufwärtsmobilität über ihre Organisationsanbindung auch an den öffentlichen Angelegenheiten einen stärkeren Anteil als jene. Überhaupt zeichneten sie sich durch eine steigende politische Mobilisierungsbereitschaft und wachsende Wahlbeteiligungen aus - allesamt Faktoren der Zugehörigkeit zur Aufnahmegesellschaft. Im Hinblick auf andere Indikatoren dagegen, Mischehen und Namensänderungen zum Beispiel, wiesen die Masuren Vorteile auf. Auch das lässt sich aus der Einbindung in eine "Parallelgesellschaft" bei den Posenern erklären, mit einer segregierteren Wohnweise und intensiveren Bindungen an die eigenethnische Gruppe. Es zeigt sich hier aber vor allem, dass Integration auf den unterschiedlichen Ebenen bisweilen durchaus ungleichzeitig, womöglich gar gegenläufig, jedenfalls nicht zwangsläufig parallel verläuft.

 

Die Säulen der polnischen "Parallelgesellschaft"

Die verbreitete Annahme einer eher schädlichen Wirkung parallelgesellschaftlicher Separation auf den sozialen Zusammenhalt schließlich wurde auch im Hinblick auf die Polenwanderung vertreten. Dabei lässt sich am Beispiel der polnischen Bergarbeitergewerkschaft "Zjednoczenie Zawodowe Polskie" (ZZP) exemplarisch zeigen, dass "Parallelgesellschaften" nicht nur insofern eine integrative Funktion ausüben können, als sie die basale Grundlage, gleichermaßen den Startpunkt eines assimilatorischen Prozesses bilden. Wobei ihre Rolle dieser Interpretation zufolge darin besteht, die Migranten aus ihrer kulturellen Schockstarre zu lösen und aufnahmefähig für Veränderungen zu machen, während die eigentliche soziale Integration dann aber jenseits ihrer Strukturen im Rahmen der Mehrheitsgesellschaft stattfindet. Oberflächlich betrachtet förderte nun das 1902 gegründete ZZP tatsächlich die Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung, richtete es sich doch auch an diejenigen polnischen Arbeiter, die bereits in einer sozialdemokratischen, katholischen oder liberalen Bergarbeitergewerkschaft organisiert waren. In Wirklichkeit aber trug es zur Stärkung der Einheit der Bergarbeiter bei, da es weite Teile der polnischen Zuwanderer ansprach, die von den etablierten Verbänden nicht erreicht wurden, sei es, weil polnische Interessen in den deutschen Gewerkschaftsorganisationen bewusst übergangen wurden oder schlicht die notwendigen Kenntnisse über die spezifischen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zuwanderer fehlten. Indem das ZZP diese Arbeitergruppen aufklärte, organisierte und für gemeinsame Protestkundgebungen mit den deutschen Bergarbeitergewerkschaften mobilisierte, dadurch dass es Stimmungen kanalisierte und Unmut in organisierte Aktionen lenkte, reduzierte es die Möglichkeiten der Bergwerksdirektoren, Polen und Deutsche gegeneinander auszuspielen. Auf diese Weise entzog es unbeholfenen und ziellosen "wilden" Streiks polnischer Bergleute die Grundlage und stärkte die gesamte Bergarbeiterbewegung. Interethnische Einigkeit herzustellen erforderte in der Gewerkschaftsarbeit nicht die vorherige Auflösung der parallelgesellschaftlichen Eigenorganisationen beziehungsweise die Distanzierung der Beteiligten von ihr, sondern entstand gerade aufgrund der Existenz des ZZP, ihrer Gründung und ihres Wirkens.

Die Bildung einer polnischen Gewerkschaftsorganisation fiel dabei nicht zufällig in eine Zeit, die durch Konflikte zwischen Deutschen und Polen in den preußischen "Ostmarken" geprägt war und die Vergiftung des Klimas auch im Ruhrgebiet infolge dieser Konflikte sowie zunehmende Spannungen zwischen Einheimischen und Ruhrpolen sah. In zwei Dekaden entstanden um die Jahrhundertwende herum die Säulen der polnischen "Parallelgesellschaft", beginnend 1890 mit der Herausgabe der ersten polnischen Zeitung, dem "Wiarus Polski". Später wurden dann fast zeitgleich das ZZP sowie eine polnische Volksbank gegründet und 1913 schließlich alle bestehenden polnischen Vereine unter einer Dachorganisation zusammengefasst. Zu diesem Zeitpunkt gab es im Ruhrgebiet 875 polnische Vereine mit mehr als 80.000 Mitgliedern. Ohne fundamentalistische Energien wäre diese Verdichtung der polnischen Subkultur nicht denkbar gewesen. Die polarisierte Frontstellung zwischen Einheimischen und Zugewanderten leitete auf polnischer Seite einen Prozess ein, der als "sekundäre Minderheitsbildung" bezeichnet wird und in dessen Verlauf aus Landarbeitern ohne klare politische Vorstellungen nationalbewusste Polen wurden, die im ruhrpolnischen Organisationssystem ein Instrument zur Erhaltung nationaler Identität sahen und sich dezidiert von der Aufnahmegesellschaft abgrenzten. Religiöse Vereine nahmen zunehmend politische Züge an, Turnvereine setzten sich die Erhöhung nationaler Kampfkraft zum Ziel und die Gesangsvereine intonierten jetzt statt religiöser Choräle vornehmlich polnische Folklore. "Erst die mit der Masseneinwanderung (in den 1890er Jahren) ursächlich zusammenhängende verstärkte Diskriminierung in der Öffentlichkeit und die Verschärfung staatlicher Unterdrückungsmaßnahmen", schlussfolgert Christoph Kleßmann, "schufen aus einer Vielzahl zusammenhangloser, verstreuter Immigrantengruppen eine sich ihrer Stellung und Herkunft bewusste Minderheit."19 Doch indem sich der fundamentalistische Impetus in intensiviertes Organisationsengagement umsetzte, verstärkte paradoxer Weise gerade die politische und soziale Bewusstwerdung ethnisch-kultureller Differenzen die Bindungen der Polen an die neue Heimat und beschleunigte ihre Integration. Im Unterschied zu den Prämissen der Sozialökologen machte insofern nicht zuletzt die organisationsproduktive Kraft von schroffen Konflikten und rigider wechselseitiger Abgrenzung die Eingliederung der Ruhrpolen in das deutsche Gemeinwesen zu einer Erfolgsgeschichte.

 

Verhärtete Fronten führen zu Solidargemeinschaften

Gleiches gilt im Übrigen für die innergesellschaftlichen Parallelwelten der katholischen und sozialistischen Bevölkerungsteile. Auch ihre subkulturellen Separatstrukturen nährten sich aus kämpferischen Auseinandersetzungen, auch ihre "Parallelgesellschaften" konstituierten sich in einer Phase polarisierter Agitation auf der einen, nachdrücklicher Selbstabschottung auf der anderen Seite. Die Katholiken formierten sich zum Milieu, als einerseits die konservativ-liberalen Eliten ihre Attacken gegen die katholische Kirche verschärften und ihre Existenzberechtigung durch anti-jesuitische Kampagnen und den Feldzug gegen die konfessionelle Schulaufsicht im ohnehin protestantisch imprägnierten Kaiserreich in Zweifel zogen. Sie schufen ihr ausgedehntes Vereinsnetz, als sich andererseits die päpstliche Kritik an den bürgerlichen Freiheiten dogmatisierte und der papstgläubige, ultramontane Katholizismus zum unversöhnlichen Gegner von Aufklärung, Toleranz und Liberalismus, kurz: der Moderne wurde.

Der sozialdemokratische Organisationspatriotismus entfaltete sich ebenfalls in einer Zeit verhärteter Frontstellungen. Auch ihre eigenweltliche Formierung spielte sich vor dem Hintergrund des Wandels der SPD von einer rückwärtsgewandten, ständestaatlichen Gerechtigkeitsvorstellungen anhängenden, letztlich konservativen Interessenvertretung von Arbeitergesellen und Heimgewerbetreibenden zu einer marxistisch inspirierten, systemüberwindenden, zumindest theoretisch und verbal revolutionären Partei des Industrieproletariates ab. Die Grundlagen der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft lagen in den so weit reichenden wie dauerhaften Ausgrenzungen von Sozialdemokraten aus den mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen, wurzelnd in den Jahren des Sozialistengesetzes, als die SPD verboten war und ihre Anhänger verfolgt wurden.
Es war insofern bei den Katholiken und Sozialdemokraten nicht anders als bei den Ruhrpolen eben dieses aus Unversöhnlichkeiten, wechselseitiger Ablehnung und fundamentalistischer Absonderung entstandene Organisationswesen, durch das sie a la longue mit der Mehrheitsgesellschaft versöhnt wurden, das sie an den bestehenden Staat heranführte und ihnen demokratische Werte vermittelte. Indem die sozialdemokratischen und katholischen "Parallelgesellschaften" ihren Mitgliedern soziale Aufstiegsmöglichkeiten boten, sie sukzessive entmarginalisierte, ihnen Selbstvertrauen und Machtbewusstsein vermittelte, wurde die Integration der einstigen Parias in die Gesellschaft vorangetrieben, ja mutmaßlich überhaupt erst möglich gemacht.

 

Teilhabechancen und Integrationswilligkeit

Bloß, wie kommt es dann, dass gegenwärtig die Integrationskraft der westlichen Demokratien durch Zuwanderung überfordert zu werden droht? Warum erscheinen gerade räumliche Konzentrationen von Bevölkerungsteilen mit Migrationshintergrund als Problem, warum auch geht von fundamentalistischen Einstellungen aktuell eine solche Gefahr aus? Wieso, ganz konkret, rebellieren in den französischen Vororten Jugendliche maghrebinischer Abstammung und neigen russlanddeutsche Aussiedler in Deutschland auffallend häufig zu abweichendem Verhalten? Und schließlich: Weshalb breiten sich Unzufriedenheit, Frust und Gewaltbereitschaft insbesondere in der dritten Generation der Einwanderer aus, die hier geboren und in die Schule gegangen sind, welche die deutsche Sprache sprechen und - außer vielleicht vom Hörensagen - keine Kenntnisse über ihr Herkunftsland besitzen, geschweige denn, dass sie irgendwelche Kontakte in die Heimat ihrer Vorfahren pflegten?

Eine Antwort könnte in der Differenzierung von sozialräumlicher Segregation nach ihrem ursächlichen Zustandekommen und der Unterscheidung von gesellschaftlichen Angeboten und subjektiven Leistungen als Voraussetzung gelingender Integration gefunden werden. Soziale Integration ist ein zweiseitiger Prozess, sie hängt von der strukturellen Offenheit der Aufnahmegesellschaft ebenso ab wie von den individuellen Anstrengungen der Zugewanderten. Von den Migranten kann erwartet werden, die neue Sprache zu erlernen, sie müssen sich auf die mehrheitsgesellschaftlichen Spielregeln einlassen, Werte, Normen und dominante Verhaltensmuster internalisieren. Die Gesellschaft ihrerseits muss strukturelle Teilhabechancen eröffnen und Integrationswilligen Angebote unterbreiten. Migranten dürfen nicht systematisch vom Arbeitsmarkt ferngehalten oder aus bestimmten Berufspositionen ausgeschlossen werden, im Bildungssystem muss unabhängig von sozialem Status und ethnischer Zugehörigkeit Chancengleichheit herrschen und auch der Wohnungsmarkt muss prinzipiell offen sein.

Die strukturelle Integration der Migranten in die Aufnahmegesellschaft ist deshalb besonders wichtig, weil sie das Fundament aller anderen Integrationsdimensionen bildet. Die Integrationsprozesse können stocken, die Einbindung in die Aufnahmegesellschaft kann unvollständig bleiben, schon gar nicht muss die Gewöhnung von Zuwanderern an die neue Umgebung zwangsläufig mit ihrer Assimilation enden. Aber ohne die strukturelle Integration in den Wohnungs-, Arbeits- und Ausbildungsmarkt lassen sich interethnische Kontakte schwerer knüpfen, verzögert sich das Erlernen der Amtssprache, verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Migranten auf die Kultur der Aufnahmegesellschaft einlassen und mit ihrer neuen Heimat identifizieren. Nur dann auch, wenn den Zugewanderten diese Angebote gemacht werden, kann Segregation freiwillig, als freie Entscheidung der Migranten, erfolgen, ansonsten wird sie durch Diskriminierung, Benachteiligung, Ausschluss erzwungen.

 

Verschlechterung der Integrationsbedingungen

Gerade dafür aber, dass die gesellschaftlichen Teilmärkte Migranten immer weniger offen stehen und sie zunehmend gegen ihren Willen ausgegrenzt werden, sprechen die Entwicklungen seit den 1980er-Jahren. Räumlich wurden sie aus den kleinräumigen, verwinkelten Zentren mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten in die großflächig angelegten und nicht selten als Schlafstädte konzipierten, dadurch zumeist monofunktionalen Hochhaussiedlungen am Stadtrand abgedrängt. Zwar bedeuteten die neuen Wohnungen an sich gegenüber den altstädtischen Behausungen zunächst einmal keine Verschlechterung. Der Nachteil dieser Großwohnanlagen bestand aber in ihrer Anonymität und Monostruktur, die bei den Bewohnern zu Isolierung und Vereinsamung führte, den Schwund von Sozialkompetenz zur Folge hatte und sie ihrer Möglichkeiten zur Selbsthilfe beraubte, indem sich eigenethnische Infrastrukturen in diesem Umfeld nicht ausbilden konnten.

Auch in den integrationssensiblen Bereichen Arbeit und Ausbildung hat sich die Distanz zwischen Zuwanderern und Einheimischen verbreitert und die Diskriminierung verstärkt. Dabei waren gerade Ausbildung und Arbeit in der Vergangenheit zentrale Integrationsmotoren, bei den Ruhrpolen nicht anders als im Falle der heterogenen Einwandererströme in die USA. Durch eine Ausbildung können auch schlechte Schüler wieder Selbstvertrauen und Zukunftshoffnung schöpfen, und derweil Ausländer in Deutschland sich politisch nicht beteiligen und an Wahlen nicht teilnehmen durften, bestanden auf der Betriebsebene sehr wohl Partizipationsgelegenheiten. Hier durften sie den Betriebsrat mitwählen, Betriebsräte sogar selbst auch werden; hier lernten sie demokratische Verfahrensweisen und die Regeln der betrieblichen Mitbestimmung kennen. Nicht zufällig schließlich bahnen sich Mischehen zumeist am Arbeitsplatz an - wird doch bei der Arbeit nicht nur Lohn verdient, sondern oftmals auch die Grundlage inter-ethnischer Kontakte gelegt. Doch gerade in diesen Bereichen verschlechterte sich in der Vergangenheit die Situation der Zuwanderer zusehends. Seit den 1970er-Jahren sind sie von Entlassungswellen stets am stärksten betroffen gewesen, ihr Anteil an den Beschäftigten sank in der Vergangenheit daher trotz steigender Migrantenzahlen, und auch unter den Lehrlingen schrumpfte der Prozentsatz der Migrantenkinder von acht auf 4,4 Prozent drastisch.20


Bild kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden
 

DIE GEWALT ESKALIERTE ERNEUT IN DEN FRANZÖSISCHEN VORSTÄDTEN: MANGELNDE TEILHABE- UND ERFOLGSCHANCEN, SICH DRAMATISCH VERSCHLECHTERNDE INTEGRATIONSBEDINGUNGEN UND EINE NUR „PARTIELLE INTEGRATION“ LASSEN IN JÜNGSTER ZEIT DIE EMPÖRUNG DER DRITTEN EINWANDERERGENERATION WACHSEN. 

picture alliance / dpa

Empörung speist sich aus "partieller Integration"

Die Verschlechterung der strukturellen Integrationsbedingungen erklärt nun freilich noch nicht, warum gerade die Angehörigen der dritten Einwanderergeneration besonders anfällig für fundamentalistisches Gedankengut sind, weshalb sie vor allem ihre Lage als unerträglich empfinden. Seine Begründung dürfte dieser Sachverhalt weniger in den schlechten oder gar verschlechterten strukturellen Integrationsbedingungen an sich finden. Explosiv wird der Ausschluss der Migrantenkinder aus den verschiedenen gesellschaftlichen Teilhabeformen erst durch den Widerspruch zwischen sozialer sowie ökonomischer Diskriminierung auf der einen und kulturell-normativer Assimilation auf der anderen Seite. Es ist gerade diese "partielle Integration", aus der sich die Empörung speist.

Das lässt sich am Beispiel der Vorstadtkrawalle in Frankreich exemplarisch zeigen. Die rebellierenden Vorstadtjugendlichen rechneten sich, wiewohl zumeist Kinder von Immigranten, keiner kulturellen Minderheit zu, sie waren vielmehr kulturell angepasst, hatten die republikanischen Werte verinnerlicht, insbesondere die prinzipielle Gleichheit jedes französischen Staatsbürgers, und teilten auch die Konsumwünsche des durchschnittlichen französischen Jugendlichen. Doch gerade die kulturelle und mentale Integration der Vorstadtjugend in das französische Staatswesen, letztlich erst ihr Wunsch dazuzugehören, ließ sie die Zurückweisung durch die Mehrheitsgesellschaft mit unverminderter Härte spüren und machte ihr die faktisch bestehende Diskriminierung umso schmerzlicher bewusst. Just der Widerspruch zwischen einer Gesellschaft, die sich in Sonntagsreden und öffentlichen Bekenntnissen stets und zuerst demokratischen Modellen verpflichtet weiß, und der tatsächlichen sozialen Ausgrenzung, die im Rassismus, in Arbeitslosigkeit und schulischer Benachteiligung zum Ausdruck kommt, mobilisierte die randalierenden Jugendlichen.21

Im Ausmaß geringer, von der Tendenz her aber ähnlich zeigt sich diese Schärfung des Ausgrenzungsbewusstseins und Ungerechtigkeitsempfinden in Deutschland bei den Aussiedlern, die wie die Nachfahren der nordafrikanischen Einwanderer in Frankreich rechtlich den Einheimischen gleichgestellt sind, deren Hoffnungen am Arbeitsmarkt aber systematisch enttäuscht wurden. Gleichermaßen auch verschärft die "partielle Integration" bei den Türken der dritten Generation das Leiden an ihrem Schicksal, da sie zwar tendenziell integrierter sind als ihre Eltern, aufgrund wesentlich höherer Ansprüche die gesellschaftliche Behandlung subjektiv aber als eher noch diskriminierender wahrnehmen. Das Gefühl, von Benachteiligung betroffen zu sein, jedenfalls nimmt seit einigen Jahren sogar noch zu.

Von gesellschaftlicher Seite behindert vor dem Hintergrund gestiegener Partizipationserwartungen folglich insbesondere der ökonomische Ausschluss die Integration von Zuwanderern. Die französischen Aufstände beispielsweise waren wesentlich materiell motiviert, kaum aber - wie zumeist unterstellt - ethnisch, religiös oder weltanschaulich. Auslöser waren die verschärften sozialen Probleme in den Banlieues, die hohe Arbeitslosigkeit, verbreitete Armut, allgegenwärtige Perspektivlosigkeit. Die Ursache der Krawalle lag in der Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft, der vertieften Kluft zwischen großen Teilen der Migranten und dem Rest der Gesellschaft sowie der zunehmenden Kumulation sozialer Probleme in den segregierten Quartieren, weshalb sich die Wut der Randalierer auch vorzugsweise an Symbolen staatlicher Präsenz und Prestigeobjekten der Mittelschichtkultur - Schulen, öffentliche Gebäude, Bibliotheken, Kindergärten einerseits, Autos andererseits - abreagierte. Durch die Vermittlung von Sprachkenntnissen und die Zuerkennung der Staatsangehörigkeit, in Deutschland als zentrale Integrationsfaktoren angesehen, jedenfalls hätten sich die Ausschreitungen nicht besänftigen lassen - beides besitzen die maghrebinischen Vorstadtjugendlichen längst.

 

Fehlen kollektive Strukturen, droht Wurzellosigkeit

Doch kann zweifellos nicht nur die Aufnahmegesellschaft die Integration von Migranten fördern oder blockieren. Die Zuwanderer selbst können ebenfalls mehr oder weniger integrationsgewillt sein und tragen insofern selbst zum Erfolg oder Misslingen des Eingliederungsprozesses bei. Betrachtet man nun aber ihre aktuelle Situation, blickt man auf die Bedingungen subjektiver Integrationsbereitschaft und inspiziert sie auf der Folie der historischen Beispiele für eine gelungene Integration, dann fällt nicht ein Übermaß, sondern das Fehlen parallelgesellschaftlicher Strukturen auf. Auch in diesem Punkt bieten die Pariser Vorstadtbezirke wieder nur ein besonders drastisches, gleichwohl aber verallgemeinerbares Beispiel. In dem so genannten "Roten Gürtel" ballte sich früher die französische Arbeiterschaft, politisch dominierte hier traditionell die Kommunistische Partei. Kennzeichnend für die heutigen Problemquartiere war seinerzeit ein sozial-kulturelles Gefüge aus einer mehrheitlichen Beschäftigung der Männer in der Industrie, einer dominanten Kultur der Arbeit und vor allem einem festen Klassenbewusstsein. Dieses Klassenbewusstsein als Kern des Selbstverständnisses der Vorstadtbewohner lieferte eine suggestive Deutung der gesellschaftlichen Schichtung sowie der eigenen sozialen Stellung; in ihm artikulierte sich der Stolz der Arbeiter als Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums; vor allem aber erzeugte es Gefühle der wechselseitigen Solidarität und schuf so die Voraussetzung für organisiertes, kollektives Handeln. Als Grundlage und Handlungsbegründung unterlag das Klassenbewusstsein auch dem dichten Netz politisch-gewerkschaftlicher Organisationen, das die Banlieues umspannte und die Anbindung ihrer Bewohner an die Mehrheitsgesellschaft sicherstellte.

Die klassischen Organisationsnetze und Kollektivverbände der Arbeiterbewegung sind jedoch längst verschwunden. Erst verschwand die Arbeit, später folgten die Arbeiter. Die Leistungen, die nicht zuletzt von den Gewerkschaften früher bei der Integration auch der Einwanderer erbracht wurden, überfordern sie heute. Der Niedergang der traditionellen Großkollektive hat der Vorstadtbevölkerung ihre Zukunftsgewissheit genommen, er hat sie ihres Selbstwertgefühles beraubt und sie gleichsam ort- und wurzellos zurückgelassen. Der Zorn ist geblieben, Ausgrenzungsprozesse haben sich eher noch verschärft, aber die Unzufriedenheit aus den Banlieues artikuliert sich nicht mehr vernehmlich und strukturiert. Was früher die Organisationen der Arbeiterbewegung bündelten, kanalisierten und in den politischen Prozess einspeisten, das entlädt sich heute eruptiv und ungehemmt, ohne Koordination und Disziplin in blinder Zerstörungswut. Von "Auflösungserscheinungen" sprach zuletzt der französische Soziologe Jean-Pierre Le Goff.22

Ethnische Organisationen jedenfalls sind nicht an die Stelle der Arbeiterassoziationen getreten, insbesondere türkische Zusammenschlüsse konnten die entstandene Lücke nirgendwo schließen. Dieser Sachverhalt mag zum Teil auf kulturelle Prägungen zurückzuführen sein, auf eine bei großen Teilen der Türken verinnerlichte Skepsis gegenüber Selbstorganisationen und eine bereitwillige Hinnahme zentraler Vorgaben, d.h. eine ausgeprägte Autoritätsgläubigkeit. Wiederum bezogen auf die Türken in Deutschland hat er aber auch damit zu tun, dass es bei den Muslimen keinen allgemein akzeptierten Ansprechpartner für den deutschen Staat gibt, also nicht einmal eine zentrale Interessenvertretung in den für Türken so wichtigen Religionsfragen existiert. Eine schlagkräftige bundesweite Pressure-Group, eine unumstrittene, die Gesamtheit der türkischen Migranten repräsentierende Interessenvertretung, die ihre Anliegen mit Nachdruck in die Öffentlichkeit einspeisen und eine parlamentarische Repräsentation sicherstellen würde, gibt es nicht. Die Vorbeter der allermeisten Moscheen, die Imame, die unter den türkischen Gläubigen über eine hohe Autorität verfügen und als bevorzugte Ansprechpartner fungieren, werden zudem in der Türkei ausgebildet und kommen in der Regel erst spät nach Deutschland. Sie sind damit in dieser Gesellschaft selbst fremd, sprechen oft nicht einmal die deutsche Sprache, können ihre Gemeinde darum nur schwerlich nach außen vertreten und ihren Rat suchenden Glaubensbrüdern bei Problemen keine sinnvollen Hilfestellungen geben. Die religiösen Gemeinschaften erreichen daher mit ihren zumeist mäßigenden Appellen insbesondere die Jugendlichen zunehmend schwerer und zeigen sich machtlos gegenüber der individuellen Konstruktion des eigenen Glaubens vermittels zweifelhafter Versatzstücke aus Internet-Seiten, arabischen Satellitensendern und den Lehren windiger Wanderprediger, deren Ergebnis dann oftmals ein aggressiv anti-westlicher Islamismus ist.

 

Die neue "Kultur der Armut"

Der Verlust organisatorischer Einbindungen ebenso wie sozialer Kompetenzen wird noch beschleunigt durch den Auszug der Mittelschichten aus den einstmaligen Arbeiterquartieren. In den letzten Jahren haben sich die unteren und mittleren Lagen zunehmend voneinander abgekoppelt. Spätestens wenn ihre Kinder ins schulpflichtige Alter kommen, ziehen diejenigen, die es sich leisten können, aus den Problemvierteln weg. Mit den Angehörigen der sozialen Mitte geht nun aber die vormalige Trägerschicht des Organisationswesens verloren, diejenigen, die zuvor durch ihr Engagement die Vereine geprägt haben, die Sinn zu stiften und den Zusammenschlüssen dadurch eine auch politische Bedeutung zu geben vermochten und als Kommunikatoren gesprächsfähig in Richtung der Mehrheitsgesellschaft waren. Zurückgelassen wird eine sozial homogene Unterschicht ohne Selbstbewusstsein, erst recht die nötige Sozialkompetenz, ja selbst Zusammengehörigkeitsgefühl. Übrig bleibt ein neues Unten, das sich dauerhaft ausgeschlossen wähnt, mit der Zukunft Hoffnungen nicht mehr verbindet und von der Restgesellschaft durch eine tiefe lebensweltliche Kluft getrennt ist. Diese Restgesellschaft wird von den Unterschichten bloß noch als bevormundend und entmündigend wahrgenommen, auch soziale Hilfsdienste empfinden die Betroffenen nur als zusätzliches Moment ihrer Demütigung und Gängelung. In den segregierten Unterschichtsquartieren breitet sich folgerichtig eine "Kultur der Armut" aus, die einseitig konsumorientiert ist, Tugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit und Ordnung dagegen kaum noch Bedeutung beimisst. Eigene, subjektive Identitäten auszubilden sind die Zurückgelassenen zunehmend unfähig, Vorstellungen eines positiven Selbst, wie Didier Lapeyronnie es nennt, besitzen sie nicht.23 Aus Mangel an Alternativen übernehmen sie vielmehr die Negatividentifikationen aus den Reihen der Mehrheitsgesellschaft, messen sie sich an den Maßstäben der sozial Arrivierten, wodurch ihr Leben als vollständiges Scheitern erscheint. Ein Aufstieg aus den Armutsquartieren ist aufgrund dessen unwahrscheinlich, die Möglichkeit, aufstiegswichtige Ressourcen zu akkumulieren, durch den Zwang zu sozialer Uniformität noch zusätzlich eingeschränkt.

Gegenwärtig zeichnet sich die Situation der Migranten durch ein kulturelles Vakuum, das Fehlen sozialer Maßstäbe, aktivierender Einbindungen und intermediärer Strukturen sowie einen Mangel an politischer Repräsentation aus. Nicht zuletzt das Fehlen organisationsgestützter Vergemeinschaftung lässt die periodisch aufflackernden Proteste so ziellos und unkontrolliert, dadurch aber auch so Furcht einflößend sein. "Parallelgesellschaften" vermittelten dagegen - wie wir am Beispiel der Ruhrpolen und der deutschen Parteimilieus gesehen haben - Sinn, Identität und Selbstbewusstsein. Sie kanalisierten Frustrationen, verschafften den Forderungen ihrer Anhänger Gehör und boten alternative Bildungs- und Aufstiegswege zu den verschlossenen Mehrheitsinstitutionen. Über ihre vielfache Anbindung an die etablierten Regelwerke und Verfahrenswege, auch über ökonomische Austauschprozesse und die Unmöglichkeit, wechselseitige Kontakte gänzlich zu vermeiden, protegierten sie letztlich die Integration von Minderheiten in die Gesamtgesellschaft. Für diese Rolle jedoch, die sie bei der Heranführung benachteiligter, orientierungsloser, Hilfe suchender Bevölkerungsteile an die Mehrheitsgesellschaft spielten, gibt es momentan keinen Ersatz. Das Problem in Deutschland sind daher nicht etwa verfestigte "Parallelgesellschaften", in denen Minderheiten eine fremdartige Kultur pflegen würden. Schwierigkeiten erwachsen aktuell vielmehr gerade aus dem Mangel an parallelgesellschaftlichen Strukturen, aus der gesellschaftlichen Ausgrenzung der Unterschicht einerseits und ihrem Mangel an kultureller Identität andererseits. Das aber verbindet einen Großteil der Migranten mit deutschen Arbeitslosen und Sozialleistungsbeziehern.

Prof. Dr. Franz Walter ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Zum Thema "Parallelgesellschaften, Integration und Desintegration in sozial, ethnisch und religiös gespaltenen Gesellschaften" sind in Göttingen Planungen für ein größeres Forschungsprojekt in Vorbereitung. Bei Kiepenheuer & Witsch ist von Franz Walter zuletzt das Buch "Träume von Jamaika" erschienen.

 

Matthias Micus ist Mitarbeiter von Franz Walter an der AG Parteienforschung der Universität Göttingen.2005 erschien von ihm "Die Enkel Willy Brandts. Aufstieg und Politikstil einer SPD-Generation" im Campus-Verlag.

1 Vgl. Bittner, Jochen: Zeitzünder im Kopf. In: Die Zeit, 24.8.2006.

2 Vgl. Alpheis, Hannes: Erschwert die ethnische Konzentration die Eingliederung? In: Esser, Hartmut/Friedrichs, Jürgen (Hrsg.): Generation und Identität. Theoretische und empirische Beiträge zur Migrationssoziologie. Opladen 1990, S. 147-184, hier: S. 149f.

3 Häußermann, Hartmut: Zuwanderung und die Zukunft der Stadt. In: Heitmeyer, Wilhelm u.a. (Hrsg.): Krise der Städte. Frankfurt a. M. 1998, S. 145-175, hier: S. 147.

4 Vgl. Meyer, Thomas: Parallelgesellschaft und Demokratie. In: ders./Weill, Reinhard (Hrsg.): Die Bürgergesellschaft. Perspektiven für Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation. Bonn 2002, S. 343-372.

5 Heckmann, Friedrich: Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Soziologie inter-ethnischer Beziehungen. Stuttgart 1992, S. 97.

6 Vgl. für die folgenden Angaben: Bremer, Peter/Gestring, Norbert: Migranten - ausgegrenzt? In: Häußermann, Hartmut u.a. (Hrsg.): An den Rändern der Städte. Frankfurt a.M. 2004, S. 258-285.

7 Vgl. Friedrichs, Jürgen: Vor neuen ethnisch-kulturellen Konflikten? Neuere Befunde der Stadtsoziologie zum Verhältnis von Einheimischen und Zugewanderten in Deutschland. In: Heitmeyer, Wilhelm u.a. (Hrsg.): Krise der Städte. Frankfurt a.M. 1998, S. 233-265, hier: S. 248ff.

8 Vgl. Fuhse, Jan: Religion in der Migration. Ein Blick auf das Einwanderungsland Deutschland. In: Vorgänge, 1/2006, S. 54-62, hier: S. 59f.

9 Vgl. hierzu und im Folgenden Halm Dirk/Sauer, Martina: Parallelgesellschaft und ethnische Schichtung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 1-2/2006, S. 18-24.

10 Vgl. Janßen, Andrea/Polat, Ayca: Soziale Netzwerke türkischer Migrantinnen und Migranten. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 1-2/2006, S. 11-17, hier: S. 15.
11 Vgl. Fijalkowski, Jürgen/Gillmeister, Helmut: Ausländervereine - ein Forschungsbericht. Über die Funktion von Eigenorganisationen für die Integration heterogener Zuwanderer in eine Aufnahmegesellschaft am Beispiel Berlin. Berlin 1997, S. 225ff.

12 Vgl. Treibel, Annette: Migranten in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht. Weinheim 1999.

13 Vgl. Heckmann, Friedrich: Die Bundesrepublik: Ein Einwanderungsland? Zur Soziologie der Gastarbeiterbevölkerung als Einwandererminorität. Stuttgart 1981.

14 Vgl. Elwert, Georg: Probleme der Ausländerintegration. Gesellschaftliche Integration durch Binnenintegration. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 4/1982, S. 696-716.

15 Vgl. Esser, Hartmut: Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Darmstadt 1980.

16 Vgl. Dangschat, Jens: Sag´ mir wo Du wohnst, und ich sag´ Dir, wer Du bist. Zum aktuellen Stand der deutschen Segregationsforschung. In: Prokla, 4/1997, S. 619-647.

17 Vgl. Kleßmann, Christoph: Integration und Subkultur nationaler Minderheiten: das Beispiel der "Ruhrpolen" 1870-1939. In: Bade, Klaus J. (Hrsg.): Auswanderer - Wanderarbeiter - Gastarbeiter. Bevölkerung, Arbeitsmarkt und Wanderung in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ostfildern 1984, S. 486-505, hier: S. 502.

18 Vgl. Kleßmann, Christoph: Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet: Soziale Lage und gewerkschaftliche Organisation. In: Mommsen, Hans/Borsdorf, Ulrich (Hrsg.): Glück auf, Kameraden! Die Bergarbeiter und ihre Organisationen in Deutschland. Köln 1979, S. 109-130.

19 Kleßmann, Christoph: Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870-1945. Soziale Integration und nationale Subkultur einer Minderheit in der deutschen Industriegesellschaft. Göttingen 1978, S.188.

20 Vgl. Tenbrock, Christian: Kollege Immigrant. In: Die Zeit, 28.09.2006.

21 Vgl. Dubet, Francois: Die Logik der Jugendgewalt. Das Beispiel der französischen Vorstädte. In: Trotha, Trutz von (Hrsg.): Soziologie der Gewalt. Opladen 1997, S. 220-234, hier: S. 226.

22 Zit. in Wiegel, Michaela: Kein Lumpenpack. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2006.

23 Vgl. Lapeyronnie, Didier: Die Ordnung des Formlosen. In: Mittelweg 36, 3/2001, S. 79-92.


 

 

 

 


Copyright ©   2007  LpB Baden-Württemberg HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de