Zeitschrift

Bürgerschaftliches Engagement

 

Heft 4 2007

Hrsg: LpB

   

  Inhaltsverzeichnis

 

Bürgerschaftliches Engagement

Die Begriffe Bürgergesellschaft, Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement sind zu Lieblingskindern der Publizistik und Politikwissenschaft avanciert. Bürgerschaftliches Engagement meint das gesamte Spektrum ehrenamtlicher, freiwilliger und auf Selbsthilfe zielender Aktivitäten im sozialen Sektor ebenso wie die vielfältigen Formen des politischen Engagements in Bürgerinitiativen, sozialen Bewegungen und Nicht-Regierungs-Organisationen. Der Begriff bezeichnet nicht nur ehrenamtliches Engagement, sondern umfasst eine Vielfalt von mitgliedschaftlichen, gemeinwohlorientierten sowie unkonventionellen politischen Aktivitäten. Es sind eben nicht mehr nur die traditionellen Organisationen (Parteien, Gewerkschaften, Kirchen), die man als Vehikel für Partizipation und Interessenvertretung nutzt, sondern gesellschaftspolitische Gruppierungen, in denen sich aktive und selbstbewusster gewordene Bürgerinnen und Bürger engagieren.

In der aktuellen (fach-)wissenschaftlichen Debatte über bürgerschaftliches Engagement lassen sich vier Stränge unterscheiden:  

  • Der demokratietheoretische Diskussionsstrang erörtert verschiedene Formen und Ansätze bürgerschaftlichen Engagements und fragt nach dem Reformpotential dieser Aktivitäten, d.h. wie zum Beispiel direktdemokratische Elemente (Bürgerbegehren, Volksentscheide) eine repräsentative Demokratie ergänzen können.  
  • Der wohlfahrtsstaatliche Strang analysiert unter dem Leitgedanken der Reform und Modernisierung des Staates, wie Bürgerinnen und Bürger sowie Dritte Sektor-Organisationen in die Erstellung öffentlicher Leistungen eingebunden werden können. Angesichts der Krise des Sozialstaats wird ein "neuer Bürgersinn", eine neue Verantwortlichkeit gefordert, welche soziale Dienstleistungen unter direkter Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern erbringt.  
  • Der politisch-ethische Diskussionsstrang stellt die Frage nach den zivilethischen Grundlagen gemeinwohlorientierter Handlungen, nach Wertgrundlagen, Einstellungs- und Verhaltensmustern, ohne die ein demokratisches Gemeinwesen kaum funktionieren kann.  
  • Der verwaltungswissenschaftliche Diskurs schließlich fragt nach Möglichkeiten der Einbindung bürgerschaftlichen Engagements in die öffentliche Leistungserstellung und nach Konzepten öffentlich-privater Partnerschaften.

Zivilgesellschaft ist ein Modebegriff mit einer bemerkenswerten historischen Tradition. Der Terminus wurde durch die Bürgerrechtsbewegungen vor 30 Jahren in Osteuropa erneut publik, sodann im englischen Sprachraum aufgegriffen und erfreut sich seit geraumer Zeit in der deutschen Sprache eines geradezu inflationären Gebrauchs. Der Begriff allerdings ist unscharf und schwammig. Was verbirgt sich hinter ihm? Woher kommt er? Jeannette Behringer erörtert in ihrem Beitrag die historische Genese des Begriffs und plädiert für ein dynamisches Verständnis von "Zivilgesellschaft". Erst die Unterscheidung in einen demokratietheoretischen, wohlfahrtsstaatlichen und schließlich politisch- ethischen Diskussionsstrang führt zu einer Präzisierung des Begriffs. Nur so gewinnt der im zivilgesellschaftlichen Kontext verwendete Begriff des bürgerschaftlichen Engagements an Kontur. Der Überblick über die Ausprägungen und verschiedenen Formen bürgerschaftlichen Engagements belegt, dass ein demokratisches Gemeinwesen dieses soziale Kapital benötigt, aber auch Sorge für angemessene Bildungsprozesse tragen muss, die bürgerschaftliche Kompetenzen vermitteln. Diese Vermittlungsaufgabe ist ein Kernbereich politischer Bildung.

Der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements ist mit den Arbeiten der Enquete- Kommission zur "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" folgenreich entfaltet worden. Ansgar Klein erläutert zunächst das grundlegende Begriffsverständnis, skizziert im Anschluss daran Leitidee und Agenda einer auf die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements ausgerichteten zivilgesellschaftlichen Reformpolitik. Abschließend werden Anhaltspunkte dafür aufgeführt, dass sich "Engagementpolitik" als ein neues Politikfeld konstituiert hat. Wenn bürgerschaftlichem Engagement in unserer Gesellschaft ein zentraler Stellenwert zukommt, bedarf es der politischen Anerkennung und einer intensiven Förderung sowie Unterstützung. Es geht aber noch um mehr. Der Umbau des Sozialsystems wird zukünftig auf eine Aufgabenteilung zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft angewiesen sein. Genau hier konstatiert Ansgar Klein noch einen blinden Fleck und rät dringend zur Verknüpfung engagementpolitischer Fragen mit aktuellen Reformthemen (Bildung, Pflege und Gesundheit, demographischer Wandel usw.).

Freiwilliges Engagement wird in psychologischer Perspektive als "wertbezogene, dienstbereite Initiative" beschrieben, d.h. eine vom Geist oder der Mentalität des Erhalts getragene Handlungsbereitschaft, eine anthropologische Ressource des Sorgens um sich und andere. Wertbezogene Initiativen werden deshalb als Genugtuung erlebt. Die wichtigste Sozialisationsinstanz, in der sich die "Geburt" der freiwilligen und wertbezogenen Initiative vollzieht, ist die Familie. Elterliches Engagement ist die Urform der wertbezogenen, dienstbereiten Initiative und führt unter günstigen Bedingungen bei Kindern zu einem grundlegenden (Selbst-) Sicherheits- und Vertrauensgefühl. Wer Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten erworben hat und Zuversicht an den Tag legt, lernt, Wirkung auszuüben und ist eher bereit, sich freiwillig zu engagieren. Der Beitrag von Brigitte Boothe über die Psychologie des freiwilligen Engagements zeigt aber auch, dass Ambivalenzen dann entstehen, wenn dieses Engagement durch Autorität(en) eingefordert oder in den Dienst fragwürdiger Motive gestellt wird.

Bürgerengagement wird in der Schweiz mit dem Begriff Freiwilligenarbeit bzw. bénevolat in der Romandie oder volontariato in der italienischsprachigen Schweiz bezeichnet. In der schweizerischen Tradition meint Freiwilligkeit im Gegensatz zu verpflichtenden Aufgaben (z.B. den Milizdienst) das Engagement für die Angelegenheiten des Gemeinwesens und dessen Gemeinwohl. Bei der Freiwilligkeit handelt es sich daher stets um ein Angebot des Einzelnen an die Res publica. Der föderalistische Staatsaufbau, das liberale Staatsverständnis und die starke Betonung der Gemeindeautonomie sind ausschlaggebende Gründe für ein differenziertes Bild freiwilligen und gemeinnützigen Engagements. Herbert Ammann vermittelt zunächst einen differenzierten Überblick über Ausmaß und Ausprägung der formellen und informellen Freiwilligenarbeit und zeigt an vielfältigen Beispielen, dass sich Freiwilligkeit und Zivilgesellschaft in der Schweiz nicht als Alternative zum Staat verstehen, sondern als Ergänzung, allenfalls als Korrektur.

Für Österreich kann ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Parteienverdrossenheit, sinkender Wahlbeteiligung und der wachsenden Inanspruchnahme direkt-demokratischer Instrumente konstatiert werden. Seit den 1980er-Jahren steigt die Zahl der mit Erfolg durchgeführten Volksbegehren in Österreich stetig an. Sieglinde Rosenberger und Gilg Seeber erörtern die Frage, ob mit der wachsenden Zahl der Volksbegehren tatsächlich ein höheres Maß an direkter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in politischen Entscheidungsprozessen sowie eine Stärkung der Zivilgesellschaft einhergehen. Nach der Skizzierung des politischen und rechtlichen Rahmens werden am Beispiel von drei Volksbegehren die politischen Kontexte, Organisationsstrukturen, Netzwerke und Kooperationsformen geschildert. Wenngleich politische Parteien oder parteinahe Organisationen das Instrument des Volksbegehrens ebenfalls für sich entdeckt haben, stellen Sieglinde Rosenberger und Gilg Seeber eine Zunahme politischer Beteiligungsmöglichkeiten von Bürgerinnen und Bürgern fest, weil eine erhebliche Anzahl von Volksbegehren auf Initiativen der Zivilgesellschaft zurückgehen, somit auf ein vermehrtes politisches Engagement sowie die Entstehung zivilgesellschaftlicher Strukturen schließen lassen.

Im Hinblick auf bürgerschaftliches Engagement hat Baden-Württemberg im Ländervergleich seit Jahren eine unangefochtene Spitzenstellung inne. Diese „Erfolgsbilanz“ gilt ebenfalls für die in Baden-Württemberg stark verbreiteten Gemeinschaftsaktivitäten. Obwohl sich diese Aktivitäten noch immer auf das Hauptfeld „Sport und Bewegung“ konzentrieren, steigt die Übernahme von Aufgaben in sozialen und kulturellen Bereichen stetig an. Ein solches Engagement bedarf Maßnahmen der aufeinander abgestimmten Unterstützung und Förderung. Robert Hahn erörtert unter den Stichworten „ermöglichender Staat“ und „Netzwerkbildung“ die drei wesentlichen Säulen, von denen die Engagementlandschaft in Baden-Württemberg getragen wird. Das Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, ein breites Qualifizierungsangebot für engagierte Bürgerinnen und Bürger, eine ausgesprochene Anerkennungskultur und schließlich die Strukturförderung im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements schaffen Vorbilder, Anregungen und Räume, in denen Verantwortungsübernahme für andere und eigene freiwillige Aktivitäten geprobt und eingeübt werden können.

Carsten Lenk und Carolin Rölle schildern in ihrem Beitrag die Voraussetzungen und Bedingungen für bürgerschaftliches Engagement vor dem Hintergrund anderer gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Gegebenheiten, indem sie die russische Transformationsgesellschaft in den Blick nehmen. Am Fallbeispiel des Theodor- Heuss-Kollegs der Robert Bosch Stiftung wird nach den wesentlichen Variablen für Bürgerengagement gefragt. Das Theodor-Heuss-Kolleg ist ein Stipendienprogramm, an dem russische Kollegiaten gemeinsam mit anderen jungen Menschen bürgerschaftliches Engagement im Rahmen konkreter Projekte erproben. Das Kolleg will damit einen Mehrwert für die Entwicklung der Zivilgesellschaft in den jeweiligen Herkunftsländern schaffen. Ausgewählte empirische Ergebnisse einer Forschungsarbeit zeigen die Wertgrundlagen, Motive und Einstellungen der russischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die auf den ersten Blick ähnliche Ziele wie jugendliche Engagierte in Deutschland verfolgen. Passagen aus Interviews verdeutlichen jedoch die widrigen Bedingungen und Schwierigkeiten, unter denen sich in Putins „gelenkter Demokratie“ zivilgesellschaftliches Engagement vollzieht.

Auf bundes- und landespolitischer Ebene wird auf die Karte des bürgerschaftlichen Engagements gesetzt. Vorreiter war und ist das Land Baden-Württemberg. Das 1999 gegründete Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement unterstützt, fördert und begleitet die vielfältigen Formen bürgerschaftlichen Engagements in Baden- Württemberg und will nicht zuletzt die kommunale Gemeinschaft im Sinne einer gemeinsam wahrgenommenen Verantwortung stärken. Thomas Klie präzisiert in seinem Beitrag zunächst den unscharfen Begriff des bürgerschaftlichen Engagements. Er plädiert für ein Verständnis von Bürgerengagement, das nur im zivilgesellschaftlichen Kontext angemessen zu verstehen ist. Nimmt man den Begriff der Zivilgesellschaft, der mehrere Bedeutungsebenen umfasst, als Bezugsrahmen für unterschiedliche Engagementformen, wird ein verändertes Staats- und Rollenverständnis für verschiedenste Akteure (Politik, Verbände, Unternehmen und Verwaltung) einsichtig. Auch die Zukunftsfähigkeit von Städten und Gemeinden wird von einer neuen Qualität der Mitgestaltung und Mitverantwortung der Bürgerinnen und Bürger abhängen. Das Leitbild der Bürgerkommune bietet hierzu ein tragfähiges Modell, das kommunale Handlungsfelder und Akteure dialogisch verbinden, das Gemeinwohl mehren und die Mitverantwortung der Bürgerinnen und Bürger fördern kann.

Corporate Citizenship bezeichnet ein Leitbild, das Unternehmen nicht in ihrer marktwirtschaftlichen Rolle zwischen Gewinnstreben und Produktion definiert, sondern die Frage stellt, wie sich Wirtschaftsunternehmen im Verhältnis zu ihrem gesellschaftlichen Umfeld definieren und welche gesellschaftliche Verantwortung sie wahrnehmen. Dabei hat sich inzwischen ein reichhaltiges Instrumentarium für Unternehmen herausgebildet, das vor allem die Bereitstellung von Geldmitteln und den Einsatz von Personalressourcen sowie Sachmittelspenden umfasst. Diese unternehmerische Haltung hat in Deutschland einerseits historische Traditionen, erklärt sich aber mehr noch aus der internationalen Debatte über die Zukunftsfähigkeit unseres Planeten. Spektakuläre Umweltkatastrophen, die Wirtschaftsunternehmen anzulasten sind, bringen stets das fragile ökologische Gleichgewicht ins öffentliche Bewusstsein, lösen Empörung auf Seiten der Konsumenten aber auch Prozesse das Nachdenkens in Wirtschaftsunternehmen aus. Nicht zuletzt die Macht der Verbraucherinnen und Verbraucher hat zu einem veränderten Rollenverständnis der Unternehmen geführt, die sich zunehmend als Träger sozialer Verantwortung sehen und als zivilgesellschaftliche Akteure respektiert werden wollen.

Die Dichotomisierung in eine öffentlichmännliche Sphäre und eine Sphäre des Häuslichen, Privaten und Weiblichen ist mehr als ein bloßes historisches Relikt. Sie charakterisiert eine wesentliche Hürde, die Frauen auf dem Weg in die politische Öffentlichkeit und Teilhabe überwinden mussten. Der Grad der Frauenbeteiligung und das politische Engagement von Frauen kann nur auf der Folie „nachholender“ Partizipation betrachtet werden. Gertraud Diendorfer und Petra Mayrhofer erörtern die aktuelle Ausprägung gesellschaftlichen Engagements von Frauen und fragen, inwieweit sich dieses vom männlichen Bürgerengagement abhebt. Auf der Grundlage empirischer Studien zur Partizipationsforschung wird das Engagement von Frauen analysiert: Welche Motive haben Frauen und in welchen Bereichen engagieren sie sich, wo liegen die geschlechtsspezifischen Unterschiede? Quantitativ zeigt sich, dass sich in aller Regel mehr Männer als Frauen in der Bürgergesellschaft engagieren. Es gibt also nach wie vor strukturelle Ungleichheiten in der Verteilung von Erwerbsarbeit und Familien- und Betreuungsarbeit, die sich in politischen und bürgerschaftlichen Beteiligungsformen niederschlagen.

Alle Autorinnen und Autoren wollen mit ihren Beiträgen detaillierte Informationen vermitteln und Fakten bereitstellen, die für das Verständnis des komplexen Themas wichtig sind. Ihnen sowie meiner Kollegin Frau Dr. Jeannette Behringer, die mit fachlichem Rat wesentlich zum Entstehen dieses Heftes beigetragen hat, sei an dieser Stelle gedankt. Dank gebührt auch dem Schwabenverlag für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit202

Siegfried Frech

 


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