Zeitschrift

Südamerika

 

 

Heft 4 2010

Hrsg: LpB



 

 
Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

 

Europa konkret – Wie die EU funktioniert

Die südamerikanischen Staaten haben einen beachtlichen Weg der politischen Transformation zurückgelegt. Die Demokratie hat in Südamerika – gerade mit Blick auf die historischen Erfahrungen – erstaunlich fest Fuß gefasst. Die sozialen und politischen Konfliktlinien sind dennoch weiterhin existent.

Die Staaten Südamerikas haben sich in den vergangenen Jahren in vielerlei Hinsicht politisch und wirtschaftlich auseinanderentwickelt. Was aber verbindet die Länder trotz aller Vielfalt? Neben der Zugehörigkeit zum romanischen Sprachraum ist es das Erbe der kolonialen Vergangenheit. Die heutige Staatenwelt und Sozialstruktur Südamerikas hat ihre Wurzeln in der Kolonialherrschaft. Im 19. Jahrhundert wurden die südamerikanischen Staaten politisch unabhängig, in der sozialen und gesellschaftlichen Struktur allerdings überdauerten die Hypotheken der Vergangenheit. Dies schließt die ungleiche materielle Teilhabe und Verteilung des volkswirtschaftlichen Ertrags mit ein. Auch ökonomisch sehen sich die südamerikanischen Staaten häufig mit vergleichbaren Entwicklungslinien und -prozessen sowie letztlich mit gleichartigen Herausforderungen konfrontiert.

Der Beitrag von Hans-Joachim König entfaltet die politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungslinien der südamerikanischen Staaten auf dem Weg ins 20. Jahrhundert. Die Etappen der staatlich-politischen Entwicklung weisen eine ähnliche zeitliche Abfolge und Gemeinsamkeiten auf. Obwohl sich die neuen Staaten nach der Abkehr von Spanien und Portugal dem modernen Europa zuwandten, gelang es ihnen zunächst nicht, eine eigene nationale Identität zu schaffen und eine Ordnungsmacht mit einer durchsetzungsfähigen (Zentral-)Regierung zu etablieren. Dies begünstigte in der Folge das Aufkommen autoritärer Herrschaftsformen. Die zweite Phase des Konsolidierungsprozesses – beginnend in der Jahrhundertmitte – stand für viele Staaten unter dem Zeichen des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus. Handels- und Bildungsbürgertum übernahmen die Staatsgewalt und forcierten die politische und wirtschaftliche Modernisierung. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts schließlich lässt sich eine Phase der autoritären Konsolidierung feststellen. Zum ersten Mal übernahm der Staat Ordnungsfunktionen zur Entwicklung des Landes. Im wirtschaftlichen Sektor wurden grundlegende Weichenstellungen vorgenommen. Der Export von Agrarprodukten und Rohstoffen sowie die Vernachlässigung der Binnenwirtschaft schufen neue wirtschaftliche Abhängigkeiten, verfestigten letztlich die Eigentums- und Besitzverhältnisse und verzögerten merklich den Übergang zu modernen Industriegesellschaften. Am Ende des 19. bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die meisten Staaten Südamerikas politisch konsolidiert; sie besaßen einen ausgesprochen oligarchischen, nicht-demokratischen und sozial streng hierarchischen Charakter.

Seit den 1980er und 1990er Jahren etablierten sich in vielen Staaten Südamerikas demokratische Regierungen. Trotzdem sind unsere Vorstellungen von Lateinamerika durch die Bilder von Revolutionären, Putschisten und Populisten geprägt. Nikolaus Werz entfaltet und erörtert diese drei Schlüsselbegriffe. So ist mit Blick auf den Begriff der Revolution zunächst zwischen angekündigten, scheinbaren und letztlich vier realen Revolutionen im 20. Jahrhundert zu unterscheiden. Revolutionen sind in Lateinamerika nicht zum Motor der Geschichte geworden. Trotz der demokratischen Konsolidierung in den vergangenen zwei Dekaden und der internationalen Ächtung ist der Staatsstreich in Einzelfällen immer noch ein Mittel der Politik. Der Populismus schließlich – die dritte Konstante – ist ungeachtet seiner verschiedenen Spielarten ein langlebiges Phänomen. Formen populistischer Demokratie sind in Südamerika gerade deshalb so häufig, weil die repräsentative Demokratie bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht wirklich populär ist.

Die soziale Ungleichheit in Südamerika ist mithin ein Erbe der kolonialen Vergangenheit des Kontinents. Die bis heute fortbestehende Ungleichheit, die gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen sowie nicht zuletzt die Kraft- und Mächteverhältnisse können auf dem Wege einer angemessenen Sozialstrukturanalyse erklärt und verständlich gemacht werden. Dieter Boris analysiert die grundlegenden ökonomischen Spannungs- und Spaltungslinien der südamerikanischen Gesellschaften. Für die Entwicklung der Sozialstrukturen werden vier Phasen der Differenzierung seit der Unabhängigkeit bis heute unterschieden:
(1) die Post-Unabhängigkeitsperiode (1825–1860/70);
(2) die Phase des „Export-Import-Systems“ (1870/80–1930);
(3) die Periode der „Importsubstituierenden Industrialisierung“ (1930–1980);
(4) die „neoliberale Phase“ (1982 bis etwa 2000). Entlang dieser vier Phasen wird die Lage gesellschaftlicher Gruppen und sozialer Klassen sowie deren Verhältnis zu den Grundachsen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Machtgefüges erörtert.

Dominierten in den 1970er Jahren in Südamerika noch Militärregime, können die 1980er Jahre als Jahrzehnt der Demokratisierung bezeichnet werden. Trotz all ihrer Schwächen und Probleme hat sich die Demokratie als vorherrschende Regierungsform durchgesetzt. Obwohl die Südamerikaner diese Staats- und Regierungsform bevorzugen, belegen Meinungsumfragen, dass nur eine Minderheit der südamerikanischen Bevölkerung mit der Funktionsweise der Demokratie zufrieden ist. Die Akzeptanz demokratischer Systeme wird in Südamerika vor allem daran gemessen wird, welchen Beitrag sie zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen leisten. Die Menschen erwarten von den Demokratien sozialen Fortschritt. Wilhelm Hofmeister zeigt die Grundzüge der Demokratisierung in den einzelnen Staaten Südamerikas auf. Er benennt die Besonderheiten der Demokratieentwicklung, zeigt aber auch die Schwäche demokratischer Regierungen angesichts sozialer und wirtschaftlicher Probleme, die die Wahl populistischer Politiker begünstigen und – so geschehen in Peru und Venezuela – zu autoritären Regressionen führen.

Indigene Bewegungen in Südamerika sind seit den 1990er Jahren ein nicht zu übergehender politischer Faktor geworden. In Mexiko, Guatemala und den Andenstaaten Ecuador, Bolivien und Kolumbien beschränken sich ihre Organisationen und Projekte nicht nur auf die Interessenvertretung eines sich als Indigene definierenden Teils der Bevölkerung. Ihr Aktionsradius hat sich ausgeweitet. Juliana Ströbele-Gregor zeigt, dass indigene Bewegungen als Sprachrohr der Unzufriedenen und Benachteiligten auftreten und in der Lage sind, ein breites soziales Protestpotential über die eigenen Reihen hinaus zu mobilisieren. Dabei bauen sie immer wirkmächtiger ihre Rolle als Bündnispartner jener gesellschaftlichen Kräfte aus, die für grundlegende Reformen oder alternative Gesellschaftsmodelle eintreten.

Blickt man auf Südamerika, so ist es nicht die zwischenstaatliche Sicherheit, die für Schlagzeilen sorgt. Im Fokus der Wahrnehmung stehen vielmehr Drogenhandel und organisiertes Verbrechen sowie die Kriminalität in den Großstädten, die Gewalt und Unsicherheit zur Alltagserfahrung werden lassen. Die Ausdrucksformen, die Gewalt annehmen kann, haben sich in den letzten zwei Dekaden in den Staaten Südamerikas verändert. Die Gewalt hat sich weitgehend entpolitisiert. An die Stelle klassischer Guerillakriege, staatlicher und parastaatlicher Unterdrückung oppositioneller Bewegungen ist nunmehr die Alltagsgewalt getreten. Gewalt und öffentliche (Un-)Sicherheit sind in Südamerika im Hinblick auf die Ursachen, Entwicklungen und die inner-regionalen Unterschiede höchst unter-schiedlich präsent. Anhand von Daten und konkreten Beispielen erörtert Sabine Kurtenbach, welche Formen Gewalt und Unsicherheit annehmen. Nach einem Überblick über die beteiligten Akteure werden Dynamiken und Ursachen der Gewalt systematisiert. Abschließend werden Ansatzpunkte und Möglichkeiten der Einhegung von Gewalt und zur Herstellung von Sicherheit dargelegt.

Lateinamerikas Alltagskultur wird – so Eva Karnofsky – von verschiedensten Faktoren geprägt. Über Staatsgrenzen hinweg gestaltet sich das Leben in der kalten, dünnen Luft der Anden anders als in heißen Küstenregionen, als im tropischen Regenwald des Amazonastieflandes oder in den grünen Weiten der Pampa. Die indigenen Völker, die bereits vor der spanischen und portugiesischen Kolonisation auf dem Kontinent siedelten, waren ebenso verschieden in ihren Sitten und Gebräuchen wie es Spanier und Portugiesen waren. Und auch die Struktur der Einwanderung in den Jahrhunderten nach der Kolonisierung war nicht homogen: Die Vorfahren von Brasiliens schwarzer Bevölkerung brachten andere Essgewohnheiten und andere Rhythmen mit als die russischen, japanischen oder niederländischen Einwanderer, als chinesische Immigranten in Peru, deutsche in Chile oder italienische Siedler in Argentinien oder Uruguay. Und nicht zuletzt drückt auch die politische und wirtschaftliche Entwicklung der einzelnen Länder der Populärkultur ihren Stempel auf. Eine Diktatur bringt zwangsläufig andere Lieder hervor als ein demokratisch regiertes Land, und Armut zwingt zu anderen Lebensgewohnheiten als Reichtum. Seit gut einem Jahrzehnt erlebt Südamerika einen beachtenswerten wirtschaftlichen Aufschwung, der Wohlstandszuwächse zeitigt. Gleichwohl ist Südamerika in ökonomischer Hinsicht ein heterogenes Gebilde aus großen und kleinen Volkswirtschaften, die unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Modellen und Ordnungsvorstellungen folgen. Aufgrund dieser Vielfalt trifft das Klischee eines Entwicklungslandes mit „typischen“ Strukturmerkmalen nur noch für einige wenige Länder zu. Hartmut Sangmeister erörtert den wirtschaftlichen Strukturwandel, die Heterogenität und die markanten Unterschiede in der ökonomischen Leistungsfähigkeit süd-amerikanischer Länder. Trotz regionaler Kooperationen, die zum Teil in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen, ist Südamerika von regionalem Freihandel und wirtschaftlicher Integration noch weit entfernt. Die Liberalisierung der Außenwirtschaft und die differenzierte Struktur der Exportpalette haben neue Märkte erschlossen. Die Ausfuhr von Energieträgern sowie von mineralischen und nicht-mineralischen Rohstoffen führten zu einer engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den aufstrebenden Wirtschaftsmächten China und Indien. Die ökonomische Inwertsetzung des vorhandenen Naturkapitals erfordert eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Reichtümer und ein effizientes Management der Umwelt. Zwar sind Natur- und Umweltschutz in mehreren Ländern verfassungsrechtlich verankert – aber zwischen Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit besteht häufig eine Kluft.

Die Initiative zur regionalen Infrastrukturintegration IIRSA ist ein gigantisches Unterfangen. Mehr als 500 einzelne Projekt in den Bereichen Energie, Transport und Kommunikation sollen die Einbindung Südamerikas in die Weltwirtschaft forcieren und die „regionale Integration“ des Halbkontinents fördern. Die Einzelprojekte entstehen entlang von zehn miteinander verbundenen Entwicklungs- und Infrastrukturachsen, die Südamerika von Nord nach Süd, von Ost nach West durchschneiden. Bettina Hoyer zeigt, dass dieses „pharaonische“ Projekt auf natürliche Ressourcen sowie auf soziale Folgekosten für die indigene Bevölkerung wenig Rücksicht nimmt. Für Umweltverträglichkeitsstudien und Untersuchungen darüber, welche Auswirkungen die Projekte auf die indigenen Völker haben, sind trotz immenser Investitionskosten keine Mittel vorgesehen.

Lateinamerika wurde als Akteur im internationalen System bisher eher gering eingeschätzt. Dominierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch europäische Mächte in Südamerika, etablierten sich nach dem Zweiten Weltkrieg die USA als Hegemonialmacht. Südamerika bewegte sich lange Zeit eher im „Windschatten“ der Weltpolitik. Mit Beginn und während es Kalten Krieges – zumal unter dem Eindruck der kubanischen Revolution (1959) und der Kuba-Krise (1962) – änderte sich dies gravierend. Zeitweilig gewann man den Eindruck, dass südamerikanische Staaten unter dem Einfluss der USA in die Rolle von Klientelstaaten gerieten. Erst in diesem Jahrhundert beginnt Südamerika – und dort vor allem Brasilien – als wichtiger Akteur in der internationalen Politik aufzutreten. Seit der Jahrtausendwende mehren sich die Anzeichen für eine Neuverortung und größeren Einfluss Südamerikas in der internationalen Politik. Wolf Grabendorff erörtert in seinem Beitrag die einzelnen Phasen sowie Epochen der südamerikanischen Außenpolitik. Die Darstellung berücksichtigt die Außenbeziehungen zu den USA, zur Europäischen Union (EU) und zu Deutschland sowie die interregionalen Integrationsversuche und Kooperationen in Südamerika selbst.

Alle Autorinnen und Autoren wollen mit ihren Beiträgen detaillierte Informationen vermitteln und Fakten bereitstellen, die für das Verständnis des komplexen Themas wichtig sind. Allen Autorinnen und Autoren sowie Herrn Wolf Grabendorff, der mit fachlichem Rat wesentlich zum Entstehen des Heftes beigetragen hat, sei an dieser Stelle gedankt. Dank gebührt auch dem Schwabenverlag für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech

 

 


Copyright ©   2010  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de