Zeitschrift

Armut

 

 

Heft 4/2012

Hrsg: LpB



 

 
Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Armut


In Deutschland, einem zweifelsohne wohlhabenden Land, leben Menschen in Armut – und dies nicht nur nach Meinung von Wohlfahrtsorganisationen. Die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung konstatieren Einkommensarmut und eine steigende Anzahl derer, die von Armutsrisiken betroffen sind. Armut ist jedoch ein relativer Begriff und stets eine Frage des Vergleichs, mithin der Bewertung und der Definition. Die Definition von Armut ist letztlich politisch-normativer Natur. Dies hat zur Folge, dass die wissenschaftlichen und politischen Debatten um die Existenz und das Ausmaß von Armut kontrovers verlaufen. (Dies spiegelt sich im Übrigen auch in den Beiträgen dieser Ausgabe der Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ wider.)

Der Boulevard und die Feuilletons malen nur allzu gerne das Schreckgespenst der klassen- und schichtenübergreifenden Verarmung, gar Prekarisierung und das Bild der „Ausplünderung der Mittelschicht“ – so der Journalist Marc Beise – an die Wand. Verbirgt sich dahinter das sattsam bekannte „Klagen auf hohem Niveau“ oder lassen sich Belege für einen solchen Trend finden? Ist Armut ein Phänomen, das immer mehr Milieus betrifft? Nimmt das Armutsrisiko in der Bundesrepublik Deutschland kontinuierlich zu? Welche sozialen Gruppen sind besonders von Armutsrisiken betroffen? Ist Deutschland auf dem Weg zu einer „Konkurrenzgesellschaft“ (Stephan Lessenich/Frank Nullmeier)?

Angesichts der Frage, wie das Phänomen der relativen Armut in Wohlstandsgesellschaften einzuschätzen ist, scheiden sich die Geister. In dem einführenden Beitrag von Stefan Hradil werden die kontroversen Positionen des Armutsdiskurses dargestellt, eingeordnet und beurteilt. Weiter werden die Ursachen und die Verbreitung relativer Armut sowie mögliche Entwicklungstendenzen erörtert. Überaus aktuell ist die Debatte über die so genannte Unterschicht. Hradil unterteilt die Auffassungen zu diesem Diskurs in vier Stufen wachsender Radikalität:

  1. Eine Sichtweise verneint die Existenz einer deutschen Unterschicht.
  2. Vertreter einer anderen Ansicht hingegen diagnostizieren eine zunehmende Resignation innerhalb der armen Bevölkerung.
  3. Eine dritte, politisch durchaus brisante Auffassung geht davon aus, dass sich innerhalb der armen Bevölkerung aufgrund der schlechten Lebensbedingungen ein eigenes System von Denk- und Verhaltensweisen herausgebildet hat.
  4. Ein besonders radikaler und vielfach kritisierter vierter Standpunkt gibt der Unterschicht die Schuld an ihrer Situation und unterstellt ihr einen Mangel an Disziplin. Kritische Stimmen weisen allerdings darauf hin, dass viele Aspekte dieser Debatte eigentlich an die Mittelschicht adressiert sind, um so sozialpolitische Leistungskürzungen zu legitimieren und die Angst vor dem sozialen Abstieg zu schüren.

Ernst-Ulrich Huster erörtert die politischen Debatten und wissenschaftlichen Analysen, die sich – von 1945 bis heute –auf das Thema Armut konzentrierten bzw. sich mit dieser zentralen Fragestellung sozialer Gerechtigkeit auseinandersetzen. Nachdem die Notlagen des Zweiten Weltkriegs überwunden waren, setzte nach der Währungsreform 1948 eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung ein. Das Wirtschaftswunder ließ Einkommen, Vermögen und Wohlstand anwachsen und kam zunächst auch dem Lebensstandard wirtschaftlich eher schwacher Schichten zugute. Gleichwohl hatte das viel gepriesene Wirtschaftswunder zwei Gesichter: Den Gewinnern des Wirtschaftswunders, oftmals durch „verdeckte Startchancen“ und beachtlichen Kapitalbesitz begünstigt, stand die breite Bevölkerung gegenüber. Trotz staatlicher Sozial- und Wohlfahrtspolitik offenbarte sich spätestens seit Mitte der 1970er-Jahre, dass hinter der Fassade der wirtschaftlich starken Bundesrepublik soziale Gruppen existierten, deren materielle und soziokulturelle Teilhabe an der bundes-deutschen Gesellschaft relativ stark eingeschränkt war. Der gestiegene Wohlstand hatte die sozialen Ungleichheiten nicht beseitigt. Die „neue soziale Frage“, die seinerzeit in Öffentlichkeit und Politik eher randständig diskutiert wurde, stieß allerdings zusehends auf wissenschaftliches Interesse. Der ökonomische Strukturwandel und die ab den 1970er-Jahren ansteigende Arbeitslosigkeit lösten angesichts merklich gestiegener Armut eine politische und wissenschaftliche Debatte über die verschiedenen Facetten einer „neuen Armut“ aus. Durch die im Zuge der Wiedervereinigung nach oben schnellenden Arbeitslosenzahlen wurde in den 1990er-Jahren Armut als Massenphänomen schließlich unüber-sehbar. Die Sozialstruktur ist im wiedervereinigten Deutschland durch eine schroffe soziale Polarisierung gekennzeichnet: Nur zehn Prozent der deutschen Bevölkerung besitzen mehr als 60 Prozent aller Vermögenswerte.

Durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise noch verstärkt, erleben wir in den westlichen Gesellschaften derzeit eine Ausbreitung sozialer Unsicherheit. Den Sozialwissenschaften fällt es jedoch schwer, das Neue an dieser Entwicklung präzise zu erfassen und analytisch zu durchdringen. Klaus Dörre skizziert in seinem Beitrag ein Deutungsangebot, das die soziale Frage, wie sie sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellt, als Prekarisierungsprozess begreift. Eine finanzkapitalistische Landnahme hat unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse und mit ihnen eine historisch neue, diskriminierende Form der Prekarität hervorgebracht. Ursachen sind die staatliche Arbeitsmarktpolitik, die Feminisierung der Erwerbsarbeit und die damit einhergehende Auflösung des Ein-Ernährer-Familienmodells. Obwohl kein klar abgrenzbares Prekariat existiert, gibt es unterschiedliche Ausprägungen von Prekarität, die immer mehr um sich greifen und den sozialen Zusammenhalt gefährden. Ein erster Schritt zur Verbesserung dieser Situation ist – so die Schlussfolgerung – die Beendigung des „ideologischen Krieges“ gegen vermeintlich leistungsunwillige „Unterschichten“.

Martin Karlsson und Sarah Okoampah gehen in ihrem Beitrag auf die aktuellen Ergebnisse der gesundheitsökonomischen Forschung ein, die sich mit dem Zusammenhang von Armut und Gesundheit beschäftigt. Eine Vielzahl von Studien kommt zu dem Ergebnis, dass der sozioökonomische Status und der Gesundheitszustand einer Person über komplexe Mechanismen eng miteinander verknüpft sind. So hängt bereits die Gesundheit von kleinen Kindern stark vom sozioökonomischen Status der Eltern ab. Besonders während der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit können geringes Einkommen, niedrige Bildung und fehlendes Gesundheitsbewusstsein der Eltern die Kindesgesundheit langfristig beeinträchtigen. Da sich ein schlechter Gesundheitszustand auf die schulische und berufliche Leistungsfähigkeit der Heranwachsenden auswirkt, bedingt er wiederum einen eher niedrigen sozioökonomischen Status. Auf diese Weise vererbt sich die soziale Armut der Eltern auf die Kinder weiter. Um diesen Teufelskreis nachhaltig zu bekämpfen, rät das Autorenteam zur intensiven Förderung der Gesundheit schwangerer Frauen und kleiner Kinder, zur Stärkung des Bildungserwerbs der Schichten mit niedrigem sozioökonomischem Status und zu besserer gesundheitlicher Aufklärung.

Nicht zuletzt durch die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung wurde die wachsende Armut von Kindern und Jugendlichen in Deutschland offenkundig. Christoph Butterwegge macht die Ursachen für die „Infantilisierung“ der Armut auf drei Ebenen fest:

  1. Das „Normalarbeitsverhältnis“ wurde von unsicheren bzw. prekären Arbeitsverhältnissen, die oftmals kein ausreichendes Einkommen garantieren, abgelöst.
  2. Parallel zur „Normalfamilie“ entwickelten sich neue Lebensformen (Ein-Elternteil-Familien und Patchwork-Familien), die Kindern tendenziell weniger finanzielle und soziale Sicherheit gewährleisten.
  3. Verstärkt wird diese materielle Unsicherheit durch den Rückbau wohlfahrtsstaatlicher Leistungen. Bedenklich stimmt in der aktuellen Debatte um Kinderarmut allerdings, dass der gesellschaftliche und politische Handlungsrahmen aus dem Blick gerät. Armut wird häufig – allzu gern auch in der Medienberichterstattung und im bürgerlichen Feuilleton – als individuelles und subjektives Schicksal apostrophiert, gar mit der „Bildungsferne“ erklärt oder auf Sozialisationsdefizite der von Armut Betroffenen reduziert. Sozialpolitisch angemessene Lösungen zeitigen jedoch nur dann Wirkung, wenn die strukturellen Ursachen von Kinderarmut hinreichend bedacht werden.

Das Phänomen der Altersarmut konnte in der Bundesrepublik Deutschland zum Ende des letzten Jahrhunderts aufgrund der Erfolge der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung als weitgehend besiegt angesehen werden. Heute entwickelt sich Armut im Alter erneut zu einem ernstzunehmenden gesellschaftlichen Problem. Dies, so argumentieren Claudia Vogel und Harald Künemund in ihrem Beitrag, hängt zum einen mit einem Paradigmenwechsel in der Alterssicherung zusammen, in dessen Folge der privaten Altersvorsorge eine viel größere Bedeutung zukommt. Die Möglichkeiten hierzu sind sozial ungleich verteilt, so dass finanziell schlechter gestellte Personen zunehmend armutsgefährdet sind. Schon heute ist mehr als jeder zehnte Deutsche über 65 armutsgefähr-et – Tendenz steigend. Um auf dieses Problem zu reagieren, empfiehlt das Autorenteam, den vollzogenen Paradigmenwechsel in der Alterssicherung noch einmal gründlich zu überdenken und Alternativen zu diskutieren, statt mit zu kurz greifenden Reformen neue Probleme herbeizuführen.

Anna Eckert und Andreas Willisch untersuchen in ihrem Beitrag die Veränderungen der individuellen Lebensführung in Zeiten des Umbruchs. Sie gehen dabei der Frage nach, wie sich Umbruchsprozesse auf die alltägliche Lebensführung auswirken. Dabei geht es insbesondere um den Umgang mit Arbeitslosigkeit oder prekären Arbeitsbedingungen. Als Beispiel dient die norddeutsche Kleinstadt Wittenberge, in der 1991 und 1992 etwa 6.000 Angestellte aufgrund der Schließung dreier industrieller Betriebe ihre Arbeit verloren. Die Betroffenen schlugen infolgedessen ganz unter-schiedliche Wege ein, um sich selbst zu helfen und ihr Leben neu zu ordnen. Der erste Weg ist der mehrerer Nebenjobs, wie ihn die 56-jährige Doris Vogel, ehemalige Lackiererin, geht. Sie verdient mithilfe verschiedener kleinerer Jobs etwas zu ihren Arbeitsgeld II-Bezügen dazu, ohne je ganz die Hoffnung auf eine „richtige“, unbefristete Stelle aufzugeben. Der 46-jährige Horst Kramer entschied sich dagegen für das Gemeinschaftsprinzip. Regelmäßige Treffen mit Nachbarn strukturieren seinen Tag und sind eine Quelle für Selbstbewusstsein und gesellschaftliche Teilhabe. Das dritte Prinzip schließlich ist das der körperlichen Reinheit, bei dem sich alles darum dreht, dass der Körper gesund und leistungsfähig bleibt. Alle Lebensführungsmodelle beruhen auf Selbsthilfe, dienen der Strukturierung des prekären Alltags und bieten ein Stück weit Sicherheit.

Das am weitesten verbreitete Konzept zur Messung von Armut ist das der relativen Einkommensarmut, bei dem ab einem Nettoeinkommen von weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Durchschnitts (Median) von einem erhöhten Armutsrisiko ausgegangen wird. Eine Messung unter Verwendung dieses Konzepts bildet vor allem kurzfristige Veränderungen der Armutsrisikoquote ab. Langfristige Entwicklungstrends bleiben so jedoch unberücksichtigt. Olaf Groh-Samberg analysiert in seinem Beitrag die empirischen Ergebnisse einer präziseren Armutsmessung, die nicht nur die Haushaltsnettoeinkommen, sondern zusätzlich auch Lebensstandards misst und außerdem auf einen längeren Zeitraum angelegt ist. Dieses multidimensionale und längsschnittliche Messinstrument ist empirisch aufwändiger, aber auch differenzierter. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die generell ansteigende Armut in Deutschland nicht etwa darauf zurückzuführen ist, dass immer mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft in die Armut absteigen. Es wird vielmehr immer schwieriger, aus der Armut herauszukommen. Sie verfestigt sich am unteren Rand der Gesellschaft. Auf diesen bisher missachteten Trend muss – so das Fazit – sozialpolitisch mit Weitsicht reagiert werden.

Armut ist nicht nur auf die Bundesrepublik Deutschland begrenzt. Roland Verwiebe erörtert die konzeptionellen Grundlagen der Armutsforschung und stellt drei verschiedene Ansätze vor, mit denen Armut wissenschaftlich erfasst werden kann. Vor diesem Hintergrund werden die Armutsrisiken in Deutschland mit denen in anderen Mitgliedsländern der Europäischen Union verglichen. In der Zusammenschau wird deutlich, dass sich die Armutsrisiken in den EU-Staaten unterschiedlich entwickelt haben. Aktuell verfügt mehr als ein Viertel der europäischen Bevölkerung über ein Einkommen, welches nur ein Leben unterhalb der Armutsgrenze ermöglicht. Besonders in den osteuropäischen Ländern ist das Armutsrisiko in den vergangenen Jahren merklich angestiegen. Auch für Deutschland bestätigt sich im Übrigen ein langfristiger Trend des Wachstums von Bevölkerungsgruppen, die von Armut bedroht sind. Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass neben Alleinerziehenden, Familien mit drei und mehr Kindern und älteren Menschen vor allem Arbeits-lose das höchste Armutsrisiko aller betrachteten sozialen Gruppen aufweisen. Wenngleich Deutschland eine eher positive Position im europäischen Vergleich einnimmt, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es kaum ein europäisches Land gibt, in dem die Situation der Erwerbslosen und gering Qualifizierten so schlecht ist wie in der Bundesrepublik Deutschland.

Wissenschaftliche und politische Diskurse über eine angemessene Armuts- und Sozialpolitik verlaufen in aller Regel kontrovers. Die Debatte um das Grundeinkommen ist nur ein Beleg für diese Kontroversität. Die Idee des Grundeinkommens mag den einen gerecht, den anderen hingegen ungerecht erscheinen. Michael Opielka verdeutlicht am Beispiel des garantierten Grundeinkommens, dass eine auf Inklusion zielende Sozialpolitik nicht so einfach zu formulieren ist. Ein Grundeinkommen ist keine schlichte Sozialtechnologie, sondern eine Idee, welche die Komplexität der Gesellschaft und das Gefüge ihrer Teilsysteme (Wirtschaft, Politik, Gemeinschaft und Legitimation) bedenken muss. Versteht man die Idee des Grundeinkommens als Recht auf ein existenzsicherndes Einkommen, das jedes Mitglied einer Gesellschaft unabhängig von Leistung und Herkunft beanspruchen kann, so berührt dies die Frage der Gerechtigkeit als Grundnorm des Politischen. Je nach dem zugrunde gelegten Gerechtigkeitsprinzip – Leistung, Gleichheit, Bedarf, Teilhabe – ergeben sich unterschiedliche Facetten der Bewertung und Nuancen der Begründung für die Idee des Grundeinkommens.

Dank gebührt allen Autorinnen und Autoren, die in ihren Beiträgen aufschlussreiche Informationen und Einsichten vermitteln, die für ein besseres Verständnis der komplexen – und letztlich kontroversen – Thematik wichtig sind und so den wissenschaftlichen Diskurs intensivieren.
Ein herzlicher Dank geht an Sarah Klemm, die mit der notwendigen wissenschaftlichen Genauigkeit und mit großer Umsicht die Texte erfasst, redigiert und druckreif gemacht hat. Dank gebührt nicht zuletzt dem Schwabenverlag und Frau Gertrud Graf in der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech

 

 


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