Zeitschrift

Antisemitismus heute

 

 

Heft 4/2013

Hrsg: LpB



 

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Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Antisemitismus heute


Antisemitismus ist in Deutschland bis heute weit verbreitet. Extremistische Gruppierungen zeigen öffentlich Hass und bedienen Vorurteile. Aber auch in der Mitte der Gesellschaft werden Klischees und Ressentiments gepflegt. Heute tritt Antisemitismus in altbekannten und zugleich in neuen Ausprägungen auf. Diese haben sich angesichts des Nahostkonflikts, im Zuge der Finanzkrise und der Globalisierungskritik und auch als Reaktion auf die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und der nationalsozialistischen Vergangenheit herausgebildet. Wie sind die Entwicklungen einzuordnen? Woran kann man sie im Alltag erkennen? Und was lässt sich dem Antisemitismus im alten und neuen Gewand entgegensetzen?

Aktuelle Forschungen belegen ein hohes Potenzial judenfeindlicher Ressentiments in der bundesdeutschen Bevölkerung. Trotz beständiger Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sind antisemitische Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft weiterhin präsent. Außerdem lassen sich bei der negativen Kommentierung von Israels Politik im Nahen Osten gelegentlich antijüdische Ressentiments ausmachen. Will man antisemitische Auffassungen und Handlungen analytisch erfassen und ihnen angemessen begegnen, so bedarf es einer klaren und trennscharfen Definition. Antisemitismus ist – so Armin Pfahl-Traughber – eine Sammelbezeichnung für die Feindschaft gegen Juden als Juden. Diese zunächst allgemein gehaltene Definition birgt verschiedene Spielarten des Antisemitismus in sich, die jeweils abstrakt und exemplarisch erläutert werden. Die präsentierte Typologie ist ein idealtypisches Modell. In der gesellschaftlichen Realität lassen sich nur wenige judenfeindliche Diskurse ausmachen, welche nur einer der definierten Formen von Antisemitismus zugeordnet werden können.

Antisemitismus ist beileibe keine Problematik von gestern! Kurt Möller definiert in seinem Beitrag eingangs verschiedene Formen von Antisemitismus. Diese präzise Beschreibung ermöglicht in Abgrenzung zu alltagssprachlichen Konnotationen eine differenzierte Erfassung antisemitischer Einstellungen. Auf dieser Grundlage werden Verbreitung, Ausmaße und Ausprägungen in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen skizziert. Obwohl Jugendliche im Vergleich zur bundesdeutschen Gesamtbevölkerung deutlich besser abschneiden, sind auch bei Jugendlichen antisemitische Einstellungen auszumachen. In einem dritten Schritt richtet sich das Augenmerk auf Ursachen und begünstigende Faktoren, die hinter diesem „alltäglichen Antisemitismus“ bei Jugendlichen stehen. Die Kenntnis dieser Ursachen und Begünstigungsfaktoren erlaubt abschließend die Formulierung pädagogischer Grundlinien, an denen sich ein angemessener pädagogischer Umgang mit der Problematik zu orientieren vermag.

Politische Bekämpfung, rechtliche Sanktionierung und moralische Ahndung sind legitime Strategien gegen Antisemitismus, bieten aber keine hinreichende Grundlage für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. Diese Strategien können sich gar als kontraproduktiv erweisen. Eine subjektorientierte, dialogische und akzeptierende Bildungsarbeit setzt vielmehr an den Adressaten, ihren Denkweisen und Wissensbeständen an. Nicht Moralisierung und Belehrung, sondern die argumentative Auseinandersetzung mit antisemitischen Stereotypen und Fragmenten ist ein wesentlicher Ansatzpunkt anti-antisemitischer Bildungsarbeit. Dies setzt – so Albert Scherr – einen sanktionsfreien Rahmen voraus, in dem Jugendliche ihre Vorurteile äußern und benennen dürfen. Darauf aufbauend können sie sich sachorientiert mit eben jenen Vorurteilen befassen und dabei durchschauen, was an diesen falsch ist, warum sie aber dennoch weit verbreitet sind. Eine solche Bildungspraxis ist prinzipiell ergebnisoffen. Sie will Prozesse der Selbstveränderung anregen und diese unterstützen, nicht erzwingen.

Die Bedeutung des Unterrichtsfaches Geschichte ist geschrumpft. Gleichwohl ist in der Öffentlichkeit ein breites historisches Interesse festzustellen. Historische Romane, Ausstellungen, Museen, Spielfilme und Dokumentationen transportieren und produzieren unablässig Geschichtsbilder. Diese Vorstellungen und Deutungen der Vergangenheit beeinflussen unser Gegenwartsverständnis und ermöglichen die Selbstverortung im Geschichtsprozess. Am Beispiel der Finkelstein-Debatte, die latente antisemitische Stimmungen bediente und revisionistische Ansichten salonfähig machte, zeigt Peter Steinbach, dass der Geschichtsunterricht den Umgang mit der Vergangenheit bzw. die Genese von Geschichtsbildern und deren (manipulierende) Wirkung thematisieren und bewusst machen muss. Darüber hinaus sind im Geschichtsunterricht lebensweltliche Zugänge gefragt. Denn die alltags- und regionalgeschichtliche Sicht bietet neben der Vermittlung zeitgeschichtlichen Wissens Gelegenheit zur kritischen Selbstbefragung. Eine solche Perspektive ermöglicht einen Brückenschlag zwischen der „großen Geschichte“ und den lebensweltlichen Erfahrungen. Diese selbstreflexive Dimension eröffnet die Möglichkeit, individuelle Einstellungen, Werte und Alltagspraktiken zu reflektieren.

Eine antisemitismuskritische Bildungsarbeit setzt geschützte Lernräume voraus, die eine Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen, Merkmalen und Funktionen von Antisemitismus ermöglichen. Eine weitere Voraussetzung für das Gelingen sind Pädagoginnen und Pädagogen, die einen wertschätzenden Umgang mit den Teilnehmenden pflegen und eine angstfreie Auseinandersetzung mit antisemitischen Argumentationsmustern anregen. Auf der inhaltlichen Ebene ist hierbei eine antisemitismuskritische Perspektive notwendig, die von Pädagogen und Pädagoginnen eine vorgängige Selbstreflexion abverlangt. Auf diesem Grundverständnis aufbauend formuliert Tami Ensinger mehrere Standards für eine Pädagogik gegen Antisemitismus: (1) Von Antisemitismus Betroffene müssen im Rahmen der Bildungsarbeit vor Verletzungen geschützt werden. (2) Zugleich gilt es, anti-antisemitische Argumentationen zu stärken und Antisemitismus stets Einhalt zu gebieten. (3) Im Zentrum der Bildungsarbeit steht die Dekonstruktion antisemitischer Stereotype und Vorurteile. (4) Angemessene Lernarrangements, die eine sachlich begründete Auseinandersetzung fokussieren, verzichten auf moralisierende und belehrende Akzente. Dies produziert bei Jugendlichen in aller Regel Abwehr.

Wie kann historisch-politische Bildungsarbeit antisemitischen Einstellungen wirksam begegnen? Solides historisches Wissen ist hierfür durchaus notwendig, reicht allein aber für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus nicht aus. Moralisierender und bloß belehrender Unterricht ebenso wenig. Will man bei Schülerinnen und Schülern den Aufbau einer eigenen historisch-politischen Urteilskompetenz fördern, ist eine angemessene didaktische Perspektive und Analyse dessen, was schulische und außerschulische Bildung bewirken soll, notwendig. Dies schließt notwendig das Nachdenken über didaktisch-methodische Zugänge mit ein. Patrick Siegele plädiert für multiperspektivische Herangehensweisen, die einer eindimensionalen Sicht entgegenwirken. Die jüdische Geschichte ist mehr als eine Verfolgungsgeschichte. Es gibt zahlreiche Beispiele einer friedlichen Koexistenz von Juden und Nicht-Juden, die es auch im Unterricht darzustellen gilt. Zudem darf sich außerschulische und schulische Bildungsarbeit nicht darauf beschränken, nur die jüdische Opferrolle zu thematisieren. Eine multiperspektivische Herangehensweise an die Geschichte der Shoah verlangt auch die Beschäftigung mit Tätern, Helfern und Zuschauern. Eine wesentliche Motivation erwächst zudem aus lebensweltorientierten, biografischen und lokalgeschichtlichen Ansätzen, die einen Brückenschlag zwischen der abstrakt anmutenden Geschichte und der konkreten Lebenswelt Jugendlicher ermöglichen.

In dem Beitrag von Jochen Müller stehen Erscheinungsformen und Motive von Antisemitismus und antisemitischen Positionen im Mittelpunkt, die unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen arabischer, türkischer und/oder muslimischer Herkunft anzutreffen sind. Eingangs werden einige Aspekte skizziert, die in den aktuellen öffentlichen Diskussionen über den Antisemitismus zuletzt eine Rolle gespielt haben. Diese Aspekte bieten den Hintergrund für die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Funktion antisemitische Behauptungen und Ressentiments für deutsche (bzw. in Deutschland lebende) Jugendliche und junge Erwachsene mit (muslimischem) Migrationshintergrund haben können – und für einige Optionen, wie ihnen pädagogisch begegnet werden kann. Dabei spielt der Nahostkonflikt bzw. dessen Rezeption oftmals eine zentrale Rolle – ihm kommt daher in dem Beitrag eine besondere Gewichtung zu.

Antisemitismus zeigt sich in all seinen Spielarten in allen gesellschaftlichen Milieus. Für die schulische und außer-schulische (politische) Bildung stellt sich die Frage, wie junge Menschen für antisemitische Vorurteile sensibilisiert werden können. Mehr noch: Wie ist in einer multiethnischen Gesellschaft Bildungsarbeit mit Jugendlichen machbar, die selbst diskriminiert werden oder mittelbar vom Nahostkonflikt betroffen sind? Gabriele Rohmann beschreibt das Modellprojekt New Faces, das Antworten auf eben diese Fragen sucht. New Faces beschreitet einen neuen Weg, indem es sich an jugendkulturellen Lifestyles orientiert. Es setzt bei dem an, was junge Menschen interessiert: bei Musik, Medien, Freizeit, Mode. Diese jugend- und subkulturellen Lifestyles bieten vielfältige Möglichkeiten, sich mit Vielfalt und Respekt, aber auch mit Ausgrenzung und Diskriminierung auseinanderzusetzen. Um der Spielart des sekundären Antisemitismus wirksam begegnen zu können, arbeitet New Faces mit deutsch-israelischen Teams. Die geschilderten Erfahrungen und Ergebnisse sind ein Beleg für kreative Wege, antisemitischen Vorurteilen und Klischees wirksam begegnen zu können.

Literarische Texte sind in unserer Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ eher die Ausnahme. Manchmal können literarische Texte allerdings mehr Schranken einreißen als jeder noch so gut gemeinte fachwissenschaftliche (oder didaktische) Impuls. Die Schriftstellerin Lena Gorelik, die 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland kam, erzählt, wie sie entspannt mit antisemitischen Klischees umgeht. Sie gehört der neuen Generation von Juden in Deutschland an, die sich über ihre Zukunft, nicht über ihre Vergangenheit definieren wollen. Für diese Generation ist die jüdische Identität längst nicht mehr nur an den Holocaust gekoppelt. Scherzhaft und nachdenklich führt sie antisemitische Klischees ad absurdum. In dem Teilkapitel „Auf der Suche nach Antisemiten“ zeigt sie antisemitische „Fettnäpfchen“ auf und plädiert dabei ironisch – zwischen den Zeilen jedoch überaus konstruktiv – für einen entkrampften deutsch-jüdischen Dialog.

Das vorliegende Heft dokumentiert die Beiträge der Fachtagung „Antisemitismus heute. Vorurteile im alten und neuen Gewand – was tun?“. Die Fachtagung wurde von mehreren Fachbereichen der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) gemeinsam konzipiert und durchgeführt, um das Thema aus einer interdisziplinären Perspektive zu beleuchten. Beteiligt waren die Fachbereiche Gedenkstättenarbeit, das Projekt Extremismusprävention sowie die Redaktionen der Zeitschriften „Der Bürger im Staat“ und „Politik & Unterricht“. Unterstützt wurde die Tagung zudem von der Baden-Württemberg Stiftung.

Zwei zentrale Ergebnisse dieser Tagung spiegeln sich auch in den Beiträgen des Heftes wider: (1) Die schulische und außerschulische politische Bildung orientiert sich noch immer zu sehr am „Dritten Reich“ und am Holocaust. Damit findet eine Fixierung auf besonders stark ausgeprägte und folgenreiche Formen des Antisemitismus statt. Stattdessen sollten sowohl eine historische Betrachtung bezogen auf die ideengeschichtlichen Kontinuitäten wie eine gegenwartsbezogene Orientierung hinsichtlich der aktuellen Formen des Antisemitismus einen stärkeren Stellenwert einnehmen. Es empfiehlt sich eine Art kritische Rekonstruktion von antisemitischen Diskursen, wobei Denkfehler und Manipulationstechniken aufgearbeitet werden können. Entsprechende Einsichten machen auch immun gegenüber Vorurteilen anderer Art und fördern ganz allgemein Methoden vernünftigen Argumentierens. (2) Bislang fand in Deutschland die antisemitische Orientierung von Migranten weniger Aufmerksamkeit, welche nach Studien – bezogen auf die antizionistische Variante – noch bedeutend höher als bei der deutschen Bevölkerung ist. Gleichzeitig dient diese Erkenntnis auch zu anti-muslimischer Agitation. Insofern bedarf es hier einer differenzierten Erforschung und Bewertung dieser Potenziale. Mit Blick auf eine bestimmte soziale Gruppe entsteht damit eine neue Herausforderung für die politische Bildung.

Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Ein besonderer Dank geht an Sarah Klemm, die mit der notwendigen wissenschaftlichen Genauigkeit und mit großer Umsicht die Texte redigiert hat. Dank gebührt nicht zuletzt dem Schwabenverlag und Ingrid Gerlach in der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.


Siegfried Frech



 

 


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