Zeitschrift

 

 

Wasser
 

 

 

Heft 4/2018

Hrsg: LpB



 

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Inhaltsverzeichnis
 

  

Einleitung

Wassser


Wasser ist für viele Menschen ein selbstverständliches Gut. Gerade weil Wasser allgegenwärtig erscheint, wird es in seiner Bedeutung unterschätzt. Expertinnen und Experten konstatieren gar eine „Wasserblindheit“ (Terje Tvedt). Prognosen zufolge wird die Nachfrage nach Wasser in den kommenden Jahrzehnten in weltweitem Maßstab ansteigen. Der Druck auf die knappe Ressource nimmt zu. Der lebenswichtige Rohstoff hat eine enorme ökonomische Bedeutung und birgt erhebliches politisches (Konflikt-)Potential in sich. Neben Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und ökonomischer Entwicklung bestimmt das Klima immer mehr über das zur Verfügung stehende Wasser. Der Klimawandel lässt Wasserangebot und Wassernachfrage weiter auseinanderklaffen. Trotz aller Unsicherheiten, die Klimaszenarien innewohnen, resultieren aus all diesen Prognosen kontroverse Fragen: In welchem Ausmaß schmilzt das Wasser an den Polen und Gebirgsregionen dieser Erde? Sind massive Überschwemmungen Vorboten künftiger Extremwetterlagen? Oder wird es weniger Niederschläge geben? Werden sich Regionen der Erde in eine Wüste verwandeln? Wie wird sich die „Macht der Geographie“ (Tim Marshall) auswirken? Werden Konkurrenzdenken und Konflikte um das Wasser zunehmen? Oder führen Interessenkonflikte um die knappe Ressource zu grenzüberschreitenden und friedlichen Regelungen? Dies führt letztlich zu der Frage, wem das Wasser eigentlich gehört. Ist es ein öffentliches Gut oder ein unveräußerliches Recht?

Eine ausreichende Wasserversorgung berührt Fragen der Quantität und Qualität. Sucht man nach Wegen aus der Wasserkrise, ist nachhaltiges Wassermanagement unerlässlich. 2015 haben sich im Rahmen der UN-Generalversammlung 193 Staaten auf 17 „Nachhaltige Entwicklungsziele“ geeinigt. Diese sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) justierten die im Jahr 2000 formulierten Millenniumsziele neu. Die 2015 vereinbarten Ziele verbinden soziale, ökologische und ökonomische Dimensionen von Nachhaltigkeit und verknüpfen die Bekämpfung von Armut mit dem Schutz natürlicher Lebensgrundlagen. Eines dieser Ziele (SDG 6) will die Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser sowie die Sanitärversorgung für alle Menschen weltweit gewährleisten. Denn noch immer haben Millionen Menschen keinen Zugang zu einer elementaren Trinkwasserversorgung. Mehr als die Hälfte aller Menschen (4,5 Milliarden) müssen ohne eine angemessene sanitäre Einrichtung auskommen.

Das Sustainable Development Goal 6 ist eine Antwort auf die globale Wasserkrise und fordert deshalb u. a. die Steigerung der Wasseraufbereitung und Wasserwiederverwendung. Bloße Technik reicht allerdings nicht aus. Notwendig sind „Investitionen in Köpfe“, d. h. der Norden muss für Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen in den Ländern des globalen Südens Sorge tragen. Thomas Kluge mahnt abschließend an, dass die Sustainable Development Goals um eine Definition nachhaltiger Grundwasserbewirtschaftung ergänzt werden müssten.

Im vergangenen Jahrhundert hat sich die Weltbevölkerung verdreifacht, der Wasserverbrauch hingegen ist um das Achtfache gestiegen und wächst weiter. Laut den Vereinten Nationen haben 2,1 Milliarden Menschen immer noch keinen Zugang zu einer sicheren Trinkwasserversorgung. Angesichts dieser Zahlen ist die Vermutung naheliegend, dass gewaltsame Auseinandersetzungen um Wasser immer wahrscheinlicher werden. Für das Verständnis und letztlich die Lösung von Wasserkonflikten sind neben objektiven Daten politische, soziale und auch symbolische Aspekte wichtig. Christiane Fröhlich diskutiert zunächst den Mythos internationaler Wasserkonflikte und skizziert sodann die Problematik auf substaatlicher Ebene am Beispiel der Situation im Jordanbecken. Empfehlungen für den zukünftigen Umgang mit Wasserkonflikten runden den Beitrag ab.

Menschen, die vor Umweltkatastrophen ausweichen mussten, kann man als „Wasserflüchtlinge“ oder „Wasservertriebene“ bezeichnen. Hierbei lassen sich jedoch regionale Schwerpunkte ausmachen: Betroffen sind vor allem Menschen in Asien, zumeist Angehörige armer Gesellschaften. Jochen Oltmer diskutiert die Folgen und Auswirkungen von Überschwemmungen, Wasserknappheit, Dürren und Staudammprojekten auf das globale Migrationsgeschehen. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass der reiche Norden der Welt als Hauptverursacher des Klimawandels nur in geringem Maße von der umweltbedingten Migration betroffen ist. Die weitaus größte Zahl der „Wasserflüchtlinge“ konzentriert sich auf der südlichen Erdhalbkugel. Prognosen von Klimaforschern zufolge ist mit einer Zunahme von Katastrophenvertriebenen zu rechnen. Insofern ist es nur folgerichtig, dass Hilfsorganisationen eine Erweiterung der Genfer Flüchtlingskonvention fordern. Wenn Überschwemmungen, extreme Wetterereignisse und Dürren Menschen zur Migration veranlassen, muss darüber nachgedacht werden, auf welche Art und Weise sie von wem Unterstützung benötigen.

Allen internationalen Verpflichtungen und Anstrengungen zum Trotz ist die Grundversorgung mit Wasser und sanitären Standards in weltweitem Maßstab ein weiterhin unerfülltes Menschenrecht (vgl. auch den Beitrag von Thomas Kluge). Es fehlt schlicht am politischen Willen, notwendige Maßnahmen und Investitionen zu tätigen. Auch die von der Weltbank seit Mitte der 1990er Jahre verfolgte Entwicklungsideologie der Wasserprivatisierung, die – so die liberalisierungsfreudige Annahme – effizienter, letztlich billiger sei und eine bessere Trinkwasserversorgung vor allem für Arme garantiere, hat sich als Holzweg erwiesen. Die Privatisierung der Wasserversorgung ist vielmehr ein Angriff auf die letzte Allmende – das globale Trinkwasser. Ernüchterung stellt sich bei den allermeisten Verbrauchern in einkommensstarken Ländern allerspätestens dann ein, wenn sich die Wasserpreise erhöhen. Petra Dobner entkräftet dieses vorschnelle Argument, indem sie den Vorgang der Wassergewinnung und -reinigung und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Preisbildung erörtert. Abschließend werden drei Maßnahmen skizziert, mit denen jeder Verbraucher einen eigenen Beitrag zur Wasserpolitik leisten kann.

Virtuelles Wasser, das in Produkte und Dienstleistungen einfließt, ist nicht unmittelbar zu sehen. Auf dieser Basis funktioniert das Konzept des virtuellen Wasserfußabdrucks, das eine genaue Bilanzierung des Wasserverbrauchs für die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen ermöglicht. Deutschlands virtueller Wasserfußabdruck beträgt etwa 160 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Pro Person entspricht dies einem durchschnittlichen Verbrauch von knapp 5.300 Liter Wasser am Tag. Das Konzept des virtuellen Fußabdrucks liefert uns ein hervorragendes Instrument, um lokale und globale Wasserströme zu überwachen und sowohl Ineffizienzen als auch drohende Übernutzungen von Wasserkörpern zu identifizieren. Es macht sichtbar, dass fast alle Länder der Welt als Nettoimporteure von virtuellem Wasser über ihre Verhältnisse leben. Deutschland importiert etwa die Hälfte seines Wasserverbrauchs als virtuelles Wasser. Helge Swars skizziert die ungleiche Verteilung und Nutzung der endlichen Ressource Wasser an zahlreichen Beispielen und diskutiert konkrete Maßnahmen, um dem Wasserstress wirksam begegnen zu können.

Baumwolle und Palmöl sind landwirtschaftliche Importprodukte, die unter hohem Wasseraufwand hergestellt werden. Einige Hersteller dieser Agrarprodukte verpflichten sich, Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten, um Zugang zu europäischen Märkten zu bekommen und den Ansprüchen umweltbewusster Verbraucherinnen und Verbraucher zu entsprechen. Laura Kemper, Wibke Müller und Lena Partzsch gehen der Frage nach, ob solche freiwilligen Selbstverpflichtungen zu einem nachhaltigen Umgang mit Wasser führen. Mit einem eigens entwickelten Analyseraster werden die Standards mehrerer Initiativen und der EU zur Zertifizierung von Baumwolle und Palmöl untersucht. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, fällt das Ergebnis eher ernüchternd aus. Viele Unternehmen sind nicht gewillt, Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten, die über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgehen. Eine Verschärfung der Wasserproblematik ist absehbar; strengere Vorgaben durch die EU und Mindeststandards sind naheliegend.

Integriertes Wasserressourcen-Management (IWRM) ist ein international anerkanntes Leitbild zur Überwindung von Nutzungskonflikten und zeichnet sich durch die ganzheitliche Betrachtung von ökologischen und gesellschaftlichen Aspekten einer gerechten Wasserbewirtschaftung sowie die partizipative Umsetzung von Wasserproblemen aus. Doch wie funktioniert dieses komplexe Vorhaben in der Praxis? Lena Horlemann und Shahrooz Mohajeri erläutern dies an zwei Umsetzungsbeispielen. Sie diskutieren zunächst drei integrative IWRM-Elemente am Beispiel der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, die die grenzüberschreitende Harmonisierung der europäischen Wasserpolitik fokussiert. Die Einzelschritte des im Iran beheimateten Projekts „IWRM Zayandeh Rud“ zeigen Rahmenbedingungen und Erfolgsfaktoren sowie Hemmschuhe bei der Implementierung von IWRM-Prozessen.

Ist Privatisierung ein Garant für eine effiziente, bessere (und billigere) Trinkwasserversorgung? Zwei Beiträge diskutieren am Beispiel Berlins die folgenreiche Entscheidung, Wasserbetriebe zu privatisieren. Dem Wasser-Volksentscheid des Jahres 2011 (vgl. auch den Beitrag von Ulrike von Wiesenau und Karl Goebler) war die (Teil-)Privatisierung der Berliner Wasserbetriebe in den 1990er Jahren vorausgegangen. Versuche, die strukturelle Schwäche des Berliner Haushalts mit der Veräußerung von Landesvermögen zu sanieren, waren von Beginn an umstritten. Gerlinde Schermer schildert das intransparente Procedere der (Teil-)Privatisierung der Wasserbetriebe und die finanziellen Details des Public-Private-Partnership-Vertrags. Zu den Folgen der Privatisierung zählen u. a. merklich gestiegene Wasserpreise, unzureichende Investitionen sowie eine ungleiche Gewinnverteilung zwischen öffentlichen und privaten Partnern. Der Widerspruch zwischen dem Gewinnstreben von privaten Unternehmen und einer am Gemeinwohl orientierten öffentlichen Daseinsvorsorge war das ausschlaggebende Motiv für den Wasser-Volksentscheid.

Durch einen Volksentscheid, initiiert von der Bürgerinitiative Berliner Wassertisch, wurde im Februar 2011 ein Gesetzentwurf zur Offenlegung der Teilprivatisierungsverträge bei den Berliner Wasserbetrieben (BWB) angenommen. Der Volksentscheid war ein deutliches Signal für demokratische Transparenz und gegen Privatisierungen im Bereich der Daseinsvorsorge. Damit sich der Betrieb der BWB künftig am Gemeinwohl orientiert statt an privatwirtschaftlichen Kriterien, formulierte die Bürgerinitiative Berliner Wassertisch eine Wassercharta und gründete den Berliner Wasserrat, ein für interessierte Bürgerinnen und Bürger offen stehendes Gremium der Partizipation. Ulrike von Wiesenau und Karl Goebler schildern den Weg von der Teilprivatisierung der BWB, den Volksentscheid selbst und die Rekommunalisierung der BWB bis hin zur Gründung des Berliner Wasserrats und dessen Integration in ein aktuelles Partizipationsmodell.

Wasser ist aber weit mehr als ein bloßes Produktionsmittel. Wasser hat in jeder Kultur und Religion eine zentrale Bedeutung. Diese untrennbare Verbindung zwischen Mensch und Wasser spiegelt sich in kulturellen Praxen und in der Literatur wider. Die literarischen Texte, die Hartmut Böhme vorstellt und interpretiert, zeigen die zwei Gesichter des Wassers: Es kann lebenssteigernd und frei, doch auch abgründig und gefährlich, gar tödlich sein. Das Verlockende und die tödliche Dynamik, das Doppelgesicht von Eros und Tod zeigen sich beispielsweise in der Figur der Wasser-Frau. Die „Eroberung“ des Wassers und die Entdeckung der Meere haben literarische Entsprechungen. So spiegelt die „Odyssee“ von Homer den stets von Angst begleiteten Übergang von territorialen zu marinen Herrschaftsformen wider. Angst nicht zuletzt deswegen, weil Schifffahrt stets mit der Gefahr des Schiffbruchs und Untergangs verbunden ist. Menschen waren der zerstörerischen Kraft des Wassers nicht nur in früheren Zeiten ausgesetzt. Die Flutkatastrophen der letzten Jahre sind ein deutlicher Beleg dafür, dass heutige Generationen weiterhin mit Naturgewalten konfrontiert sind. Das Verderben, das durch Wasser über Menschen kommen kann, zeigt sich aber nicht nur in Katastrophen. Inmitten des Ozeans werden Individuen auf sich selbst zurückgeworfen, indem ihnen „in einer Nussschale auf dem Wasser“ die Gefährlichkeit des Meeres und seine gewaltige Raumdimension bewusst werden.

Allen Autorinnen und Autoren, die mit ihren Beiträgen aufschlussreiche Informationen und Einsichten vermitteln, sei an dieser Stelle gedankt. Dank gebührt auch dem Schwabenverlag und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Druckvorstufe für die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.

Siegfried Frech

 

 


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