Zeitschrift

Bildungspolitik




Heft 4/97

Hrsg.: LpB

 

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Inhaltsverzeichnis

 


Trends die sich heute schon abzeichnen

Welche Anforderungen stellt der Wirtschaftsstandort Deutschland?

Von Winfried Schlaffke



Prof. Dr. Winfried Schlaffke ist Stellvertretender Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln und Leiter von deren Bildungsabteilung.

Die Wirtschafts- und Arbeitswelt ist von einem beispiellosen Strukturwandel er griffen, für den Stichworte wie technologische Entwicklungssprünge, Globalisierung, Ausweitung des Dienstleistungsbereichs, Abkehr vom Taylorismus, steigen de Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit stehen. Um die Herausforderungen dieses Strukturwandels erfolgreich bestehen zu können, muß das Bildungssystem, nicht zuletzt also die Schule(n), das notwendige Rüstzeug liefern, das bei leibe nicht nur in Wissen besteht. Red.

Wandel wie nie zuvor

Der Strukturwandel hat in dramatischer Weise Politik und Gesellschaft, Technik und Wirtschaft erfaßt. Soviel grundlegenden Wandel in so kurzer Zeit scheint es nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gegeben zu haben. Zu nennen sind

- der einschneidende (wett-)politische Wandel (Fall der Sowjetunion, Wachsen der EU, deutsche Einheit);

- die technologischen Entwicklungssprünge (Mikroelektronik, Digitalisierung, I- und K-Technik, Mikrosystemtechnik, Biotechnik, Bionik, Laser, neue Werkstoffe, Umwelttechnik, Hochgeschwindigkeitsverkehr);

- die wirtschaftlichen Veränderungen (Wettbewerb der Triade, Erfolg der Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas, Anschlußsuche der früheren Ostblockländer als Niedriglohnländer und Wettbewerber auf hohem qualitativen Niveau);

- die einschneidenden Veränderungen auf Arbeitsmärkten und Arbeitsplätzen (Auswanderung von Arbeitsplätzen ins nahe und ferne Ausland, veränderte Betriebsorganisation);

- der sich beschleunigende Marsch in die Dienstleistungsgesellschaft,

- die globalen ökologischen Veränderungen (Klimaverschiebungen, zunehmen de Verknappung von gesundem Boden, reiner Luft und Trinkwasser).

- Verschiebungen in den Werthaltungen, Lebensauffassungen und Zielsetzungen weiter Kreise der Gesellschaft.

Bildung muß auf solche Veränderungen reagieren und das notwendige Rüstzeug bieten, das Leben unter den Bedingungen der Zeit meistern zu können. Zugleich ist Bildung auch selbst ein Motor für Fort schritt und Wandel.

Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft: die Bildungsaufgaben

Mit Bildung, also mit Wissen und Können, Fertigkeiten und Fähigkeiten, mit Wertbewußtsein und Handlungskraft, soll der Mensch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewältigen. Schule und Unter richt müssen für Anpassungsfähigkeit, aber auch für Innovationskraft sorgen, damit der sich entwickelnde Mensch die Spannungsfelder aushält, in denen er sich bewegen muß, die ihn herausfordern und zugleich begrenzen: Geburt und Tod, Tag und Nacht, Berge und Täler, Aufstiege und Abstiege, Erfolge und Mißerfolge. Wenn man es gesellschaftspolitisch be trachtet, geht es um die Spannungsfelder - von Freiheit und Bindung,

- von Individualität und Kollektivität, - von Eigennutz und Gemeinwohl. Bildung muß dem Menschen das Rüstzeug geben, diese Spannungen nicht nur passiv zu ertragen, sondern auch aktiv zu gestalten. Grundsätzlich lassen sich die zentralen Bildungsaufgaben in drei Punkten zusammenfassen:

1. Sicherung des Qualifikationsbedarfs Bildung muß dafür sorgen, den eingetretenen wirtschaftlich-technischen und gesellschaftlich-sozialen Wandel verkraften zu können. Unsere Bodenschätze und Rohstoffe lassen sich nicht vermehren, wohl aber Wissen und Können, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Schulbildung muß die Basis, das tragfähige Fundament für eine lebenslange Lernbereitschaft schaffen.

2. Entwicklung von Kreativität und Innovationskraft

Bildung muß sich zunehmend als Antriebsaggregat bewähren und zum Innovationsträger werden. Sie muß dem einzelnen nicht nur Mut und Kraft geben, aufgetretenen Wandel zu meistern, sondern muß ihn aktiv, initiativ und kreativ werden lassen. Somit gehört zu den Auf gaben und Zielen der Bildung nicht nur die Förderung und Erweiterung von Fähigkeiten und Kenntnissen, sondern es müssen auch Gestaltungsfähigkeit, Handlungsnormen und Werthaltungen vermittelt werden.

3. Förderung von Selbstverantwortung und Gemeinsinn

Bildung ist sowohl dem einzelnen wie auch der Gesellschaft verpflichtet, sie muß zur Selbstfindung, Selbsterfüllung und Standortfindung beitragen. Sie soll helfen, die Wissens- und Informationsflut zu

bewältigen und bei der Fülle widerstreitender Meinungen vom bloßen Vorurteil zu begründetem Urteil zu gelangen. Bildung soll den einzelnen befähigen, seinen Standort in der Gesellschaft zu finden und seine Persönlichkeit zu behaupten. Der einzelne muß zunächst einmal sich selbst helfen und mit Selbstvertrauen sein Leben meistern können, um auch der Gesellschaft dienen zu können.

Persönlichkeitsbildung oder Schulen haben auch einen Erziehungsauftrag

Solide Fachqualifikation, Handlungsfähigkeit und personale Kompetenzen sind Grundpfeiler für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Sie haben eine weitaus höhere Bedeutung als vielfältige flüchtige Kenntnisse oder frühes Spezialwissen und -können. Schulen müssen den hohen Rang, der Erziehung neben der Wissensvermittlung zukommt, bei der Wahrnehmung ihres Bildungsauftrages weitaus stärker als bisher beachten, Zuverlässigkeit und Selbstdisziplin, Ordnung und Pünktlichkeit, Leistungsfreude und Durchhaltevermögen, Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft sind nicht irgendwelche Tugenden von sekundärer Bedeutung, sondern wichtige personale Kompetenzen, ohne die soziales Zusammenleben auf Dauer nicht funktionieren kann. Solide Bildungsfundamente und persona le Kompetenzen sind zugleich die Voraussetzung für die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, denn er soll verantwortlich bleiben für das, was er erreicht oder nicht erreicht. Nicht der Staat, Behör den oder Ämter haben das Leben des Bürgers zu steuern, sondern ihm müssen durch Bildung die Chancen gesichert wer den, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Allerdings muß der Staat oder das Gemeinwesen dem Menschen dort helfen, wo er nicht in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen, weil er noch nicht oder nicht mehr leisten kann, oder weil er allein nicht erfolgreich gegen die Gefährdungen ankämpfen kann, die beispielsweise aus Technik und Strukturwandel erwach sen.

Die wirtschaftlich-technischen Entwicklungen sind dem Verständnis der Zeit immer vorausgeeilt, denn das Bildungswesen kann immer nur mit Zeitverzug auf Neuerungen reagieren. Die "Rückständigkeit" des Bildungswesens muß in unseren Zeiten steigen, da die immer raschere Entwicklung von Forschungsergebnissen zur Anwendung für immer kürzer werdende Innovationszyklen sorgt. Doch trotz Informations- und Wissensexplosion ist das zentrale Problem unserer Zeit nicht die Vermittlung der notwendigen Basis- und Fachqualifikationen, sondern die Bewältigung des Erziehungsauftrages. Es ist nämlich vor allem eine Frage der Persönlichkeit, den großen Herausforderungen unserer Zeit nicht mit Angst und Weinerlichkeit, mit Vermeidungsstreben und Beharrungsträgheit zu begegnen, sondern sie als Chance für eine positive Zukunftsgestaltung anzunehmen. Die wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen mit ihren Chancen und Risiken kennt der Durchschnittsbürger im allgemeinen nur aus zweiter Hand. Primäreinsichten und Erfahrungen fehlen. Deshalb ist die Zusammenarbeit von Schulen und Unternehmen, die in vielen Regionen intensiv ge pflegt wird, besonders hilfreich.

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Die Globalisierung nutzen

Das jetzige und auch künftige Wirtschaftsleben wird durch folgende Trends bestimmt, die weder aufhaltbar noch umkehrbar erscheinen:

Die Megatrends sind:
- Globalisierung,
- zunehmende Konkurrenz auf den Hochtechnologiemärkten,
- Tertiarisierung (Wachsen des Dienstleistungssektors),
- Abkehr vom Taylorismus,
- Steigende Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit.

Die auf nur eine Nation beschränkte Herstellung von Gütern und anspruchsvollen Dienstleistungen verliert zunehmend an Bedeutung. Allenfalls ein Drittel der "deutschen" Autos ist wirklich in Deutsch land hergestellt worden. Aber selbst dort, wo das made in Germany noch zutrifft und die Autos in München, Stuttgart oder Wolfsburg vom Band laufen, sind vorher Zulieferungen von Einzelteilen aus aller Welt erfolgt. Unternehmen forschen, entwickeln und produzieren heute in den Ländern, die ihnen die besten Voraussetzungen bieten, und sie nutzen ihre dortige Präsenz für die Markterschließung. Sie arbeiten zugleich mit zunehmend weltweit vernetzten Systemen: Da liefert das Ingenieurbüro in Sankt Petersburg (die Ingenieurstunde kostet dort weniger als eine DM) die ersten Entwürfe. Da sind die Computer von Projektteams in Stuttgart, Frankfurt oder Hamburg mit denen in Kalkutta, Kualalumpur oder Singapur vernetzt. Wenn der Mond in einem Land kommt und die Rechner abgeschaltet werden, scheint die Sonne auf der anderen Seite der Erdkugel, und ein frisches Team nimmt die Arbeit am gleichen Projekt auf. Der Globus ist zum vernetzten Dorf geworden. Wer die überall in der Welt vorhandenen Potentiale schnell und wohlkoordiniert nutzt, der hat optimale Chancen für seine Produkte. Wer aber zu spät kommt und gar noch zu teuer ist, den bestraft der Markt, und der ist nicht zimperlich.

Den steigenden Wettbewerb bestehen

Deutschland verliert ständig Weltmarkt anteile, obwohl es noch ausgeprägte Wettbewerbsstärken in den klassischen Bereichen

- Maschinenbau,
- Fahrzeugbau,
- Chemie,
- Pharmazeutik,
- Energie- und Umwelttechnik hat.

Doch diese Technologien beherrschen in zwischen viele Nationen in aller Welt. Mit neuen Freihandelszonen und technischen Sprüngen nach vorn hat sich der Wettbewerb innerhalb der Triade - Nordamerika, Japan, Europa - verschärft. Die vier kleinen Tiger sind durch Verzicht und Bienenfleiß, durch Mut zur Innovation und zum Risiko längst ausgewachsene Tiger geworden.

Singapur oder Malaysia, Südkorea oder Hongkong greifen unmittelbar ins Wirtschaftsgeschehen ein. Ihr Anteil am Welthandel ist inzwischen genauso groß geworden wie der von Japan oder der Bundesrepublik Deutschland. Und unmittel bar hinter Deutschlands Grenzen - in Polen, Ungarn, der Tschechischen Republik - wird allenfalls noch ein Achtel des bei uns üblichen Lohnes gezahlt, obwohl dort die Bildungsstandards und das technische Niveau hoch sind.

Das Hochlohn- und Wohlfahrtsland Deutschland braucht also eine sehr hohe Wertschöpfung, um seine Kostenlasten stemmen zu können. Die Bitdungs- und Forschungsleistung von heute schafft die Technologien von morgen und die Produktionsprozesse und Produkte von über morgen. Es reicht nicht aus, den alten Stand der Bitdungs- und Forschungsinvestitionen zu halten, denn heute muß auf vielen Gebieten aufwendiger, intensiver und interdisziplinärer gearbeitet werden. Neue Erkenntnisse auf unterschiedlichen, aber vernetzten Forschungsfeldern schaffen Fortschritt in der Entwicklung neuer Technologien.

Bei etwa 90 Prozent aller Hightech-Produkte erfolgt die hohe Wertschöpfung über Mikrochips und Informations- und Kommunikationstechnik. Doch in diesem Bereich müssen wir zunehmend einkaufen. Folglich ist beispielsweise der Hightech-Anteil am Export der USA dreimal so hoch wie der von Deutschland. "Wir setzen zu wenig auf die Spitzentechnik, mit der die Produkte von morgen gemacht werden", ist das Fazit des Bundesforschungsministers. Auf wichtigen Produktionsfeldern von heute und morgen neue Materialien, Mikroelektronik, Photonik, Software, Molekularelektronik, Supraleitung, Biotechnologie - hat Deutsch land eine schwache Wettbewerbsposition gegenüber Japan und USA.

Doch nicht nur die Hightech-Bilanz ist defizitär, sondern auch der Zahlungsverkehr für Ingenieurleistungen, Patente und Lizenzen ist negativ. Den ausländischen Unternehmen gelingt es immer besser, Wissen zum Exportartikel zu machen. Die USA als Spitzenreiter haben im Jahre 1994 Nutzungsrechte an Patenten und Lizenzen im Werte von 22.400 Millionen Dollar verkauft, aber nur für 5.670 Millionen Dollar Forschungsleistungen eingekauft. Großeinkäufer ist dagegen Deutschland. Seit Mitte der 80er Jahre hat sich mit steigen dem Tempo der Einkauf von technologischen Dienstleistungen aller Art verdreifacht. Das gilt ganz besonders für Spitzentechnologien. Hier ist die Patentstatistik erschreckend ungünstig.

Den Zug zu den Dienstleistungen nicht verpassen

Nicht nur auf dem Feld der Schlüsseltechnologien hat Deutschland deutliche Mühe, den Anschluß zu halten, sondern es besteht auch Anlaß zur Sorge, daß der Dienstleistungszug, der immer schneller in die Zukunft fährt, verpaßt wird. Der Entwicklungsprozeß hat sich wie eine Lawine entwickelt, erst langsam, dann immer schneller und größer: Im 19. Jahrhundert waren noch 80 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt, nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Regionen noch über 50 Prozent, um für die Ernährung der Bevölkerung zu sorgen. Heute er ledigen diese Aufgabe gerade mal 2 bis 5 Prozent. 1970 war im sekundären Sektor- also vornehmlich in der Industrie, im Bau und im Handwerk - noch fast die Hälfte der Erwerbstätigen beschäftigt. Heute sind das gerade noch 37 Prozent. Der Anteil der im Dienstleistungssektor Beschäftigten ist seit 1970 von 43 auf 60 Prozent gestiegen.

Doch die statistischen Angaben geben nicht die reale Situation wieder, denn auch innerhalb der Industrie nimmt der Dienstleistungsanteil beständig zu. Nur noch knapp ein Fünftel der Beschäftigten ist mit der direkten Herstellung von Produkten befaßt. Alle übrigen sorgen durch ihre Dienstleistungen dafür, daß Produkte geplant, konzipiert, verkauft und gewartet werden. Der tertiäre Sektor wächst also nicht nur in den Bereichen Handel, Banken, Versicherungen, Vermietungen, Transport, Verkehr etc., sondern auch auf den Gebieten Bildung und Beratung, Software-Entwicklung und Datenbanknutzung, Leasing und Kommunikation, und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb der Industrieunternehmen.

Schlüsseltechnologien

beeinflussen die wirtschaftliche Entwicklung (Wachstum/Arbeitsplatz) und den sozio-strukturellen Wandel

zum Beispiel:

 

Mikroelektronik... Informations- und
Kommunikationstechnik
Biotechniken
...mit den Anwendungsfeldern:
industrielle Automation,
Datenverarbeitung,
Bürotechnik,
technische Kommunikation,
elektronische Bauelemente,
Unterhaltungselek-tronik.
im Berufsleben
wird der Computer
zu einem selbstverständlichen
Werkzeug.
Per Computer kann sich der Fachmann aber
auch Unterlagen
aus den ungezählten
themenspezifischen
und allgemein
zugänglichen
Datenbanken verschaffen
– beispielsweise
auch über Internet.
Ohne diese Hilfe
würden sich sogar
Experten kaum
mehr in der Menge
der Fachinformationen
zurechtfinden.
...werden in vielen
Bereichen angewandt,
besonders bei der Herstellung
von Nahrungsmitteln
oder bei der
Produktion von
Antibiotika.
neue Werkstoffe Sensortechnik Lasertechnik
wie Keramik, Polymere,
Hochleistungsverbund-werkstoffe.
Sie werden immer
häufiger in Industriezweigen
wie Kfz-Herstellung,
Maschinenbau,
Elektroindustrie
und Chemie verwendet.
 
wird bei der Herstellung
vieler Produkte
des täglichen
Lebens, zum
Beispiel von elektronischen
Bauteilen,
elektrischen
Haushaltsgeräten
oder in der Fabrikund
Büroautomation,
eingesetzt.
bietet ein breites
Spektrum von
Anwendungsbereichen,
zum Beispiel
industrielle
Materialbearbeitung
(Schweißen,
Schneiden von
Metallen), Meßund
Prüftechnik.

In allen reifen Industrieländern ist der tertiäre Sektor seit einem Vierteljahrhundert die treibende Kraft für den Beschäftigungsaufbau nicht einfacher, sondern gerade höherwertiger Arbeitsplätze. Die Wertschöpfung löst sich mehr und mehr vom Materialverbrauch ab. Sie ist zunehmend Ergebnis organisatorischer, planen der, kontrollierender, verwaltender, beratender, lehrender und gestaltender Aktivitäten.

Während die Zuwächse im deutschen Dienstleistungsbereich eher mager ausfallen, bieten die USA ein Beispiel für eine dynamische Entwicklung. 1992 kamen hier auf 1.000 Einwohner 334 professionelle Dienstleister, in Westdeutschland waren es nur 259. Das Institut der deut scheu Wirtschaft Köln hat in einer Modellrechnung ermittelt, daß rein rechnerisch in Deutschland rund 6,5 Millionen Menschen zusätzlich auf Dienstleistungsarbeitsplätzen tätig sein müßten, um die Dienstedichte der USA zu erreichen. Solche Rechenmodelle können natürlich niemals vollständig in die Realität umgesetzt werden, aber sie sind ein Indikator für die vorhandenen Defizite. Sie zeigen, daß es Deutschland sehr schwer fällt, seine Industriekultur mit der Dienstleistungskultur zu einer neuen fruchtbaren Symbiose zu verbinden.

Eine effizientere Betriebsorganisation muß geschaffen werden

Ein engagiertes und wettbewerbsfreudiges Eindringen in die Hightech-Märkte und die Entwicklung vor allem gehobener Dienstleistungsangebote - Bildung und Beratung, Software- und Datenbankentwicklung, Telekommunikation und Multi media, Gesundheitspflege und Betreuung, Kredite, Versicherungen und Immobilien - schaffen also neue Arbeitsplätze. Doch um im internationalen Angebotswettbewerb der preisgünstigen Produkte und Dienstleistungen mithalten zu können, muß die Leistungsfähigkeit der Unternehmen steigen.

Für die Weltmarktkonkurrenz sind die Unternehmen

  • zu wenig kostengünstig, - zu wenig dezentralisiert,
  • zu wenig bereit, günstig Leistungsangebote vom Markt zu kaufen,
  • zu wenig flexibel (ob Arbeitszeit, ob Genehmigungsverfahren, ob Tarifvereinbarungen),
  • zu wenig kundenorientiert,
  • zu wenig dynamisch im Management,
  • zu wenig fähig, neue (z.B. südostasiatische oder südamerikanische) Märkte zu erobern,
  • zu wenig innovativ,
  • zu wenig risikofreudig.

Um diese Schwächen zu beseitigen, haben die Unternehmen ihre Produktionskonzepte grundlegend verändert. Mit neuen Betriebsorganisationen, die Abschied von starren Hierarchien und extrem vorangetriebener Arbeitsteiligkeit nehmen, soll die Motivation der Mitarbeiter und damit die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden. Schlank und fit, dynamisch und innovativ sollen die Unternehmen wer den.

Steigerung von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit

  • durch Abflachung der Hierarchien und Ausdünnen der Stäbe und Verwaltungen;
  • durch Beschränkung der Unternehmensaktivität auf das Wesentliche;
  • durch organisatorische Dezentralisierung und Verantwortungsverlagerung auf ganzheitlich arbeitende kleine Einheiten;
  • durch Ausnutzung der Mitarbeiterpotentiale und ihre Höherqualifikation;
  • durch höchste Qualitätsstandards und Kundennähe.

Das verlangt neue Qualifikations- und Kommunikationsverfahren. Arbeitsbereicherung, Arbeitserweiterung, Zunahme der Dispositionsspielräume sind Begriffe, die den Trend der Zukunft umreißen.

Der Qualifikationsbedarf verschiebt sich nach oben, ein anhaltender Trend zu höheren Qualifikationen ist nicht zu über sehen, denn die neu erwachsene Gestaltungsfreiheit, auch die Eigenständigkeit in der Arbeitsorganisation und Qualitätskontrolle, verlangt solides Fachwissen und ein hohes Maß von Organisation und Koordination, von Planung und Disposition.

Mehr Fach- und Personalkompetenz, mehr Kreativität, Kommunikations- und Organisationsfähigkeit werden überall dort in besonderem Maße gebraucht

  • wo dezentralisiert und mit immer flexiblerer Fertigung gearbeitet wird,
  • wo immer kürzere Innovationszyklen herrschen,
  • wo Massenproduktionen und Großserienfertigung schwinden,
  • wo die Individualisierung und Differenzierung des Produktangebotes und maßgeschneiderte Lösungen verlangt werden,
  • wo Produkte nicht mehr für, sondern mit den Kunden entwickelt werden.

Mehr Eigenverantwortlichkeit ermöglichen

Selbstverantwortetes Handeln der Mitarbeiter und Beachtung höchster Qualitätsmaßstäbe sind zwei wichtige Schlüssel zum Unternehmenserfolg. Qualität läßt sich nicht anordnen, nicht bürokratisch mit Formularen und Anweisungen, ISO Normen und Kontrollen erzwingen, sondern sie kann nur erreicht werden durch motivierte und qualifizierte Mitarbeiter unter einer geeigneten Führung und Organisation. Qualität hat viel mit Freude an der Arbeitsaufgabe und mit Kundenorientierung zu tun. Qualität verlangt Kompetenz und das Streben danach, dazuzulernen und besser zu werden. Qualität er wächst auch aus Zuverlässigkeit und aus der Verpflichtung gegenüber anderen Menschen.

Selbstverantwortetes Handeln ist in einer Gesellschaft, die von der Wiege bis zur Bahre sozial abgesichert sein will, unzureichend ausgeprägt. Der drastische Rück gang der Selbständigkeit in der Bundesrepublik Deutschland von 20 Prozent in den 50er und 60er Jahren auf jetzt 8 Prozent ist ein Warnsignal dafür, daß in unserer Gesellschaft die bequemeren, die kürzeren und die Wohlausgestatteten Wege immer begehrter werden.

Doch es geht bei weitem nicht nur um den Mangel an Nachwuchsunternehmern, vielmehr gilt es danach zu streben, jeden einzelnen Arbeitnehmer zum Mitunternehmer und Mitverantworter zu machen. Dieses Ziel trägt revolutionäre Züge. Doch der Trend zum "angestellten Unternehmer" scheint unaufhaltsam an Dynamik zu gewinnen. Ob es sich um Zulieferer, Berater oder Mitarbeiter handelt, künftig zählen nicht mehr abgediente Arbeitszeiten oder Überstunden. Es geht nicht mehr darum, zu festverabredeten Zeiten seine Pflichtstunden im Unternehmen abzudienen, sondern es wird immer wichtiger, ein Arbeitsergebnis in vereinbarter Qualität zum vereinbarten Termin abzuliefern.

Grundwissen oder je unruhiger die Zeiten, desto solider muß Bildung sein

Es kann kein Zweifel bestehen: An dem Umfang und der Dynamik des Wandels mit seinen vielfältigen neuen Anforderungen können die Schulen nicht vorbeigehen. Doch mit blindem Reformismus und Aktionismus ist nichts gewonnen. Zwar muß das Bildungswesen offen für Neues sein, es muß die Neugier auf Neues bestärken, zugleich aber muß für Stetigkeit und Stabilität gesorgt werden. Gerade wenn die Zeiten turbulent sind, muß sich Bildung als sichere und stabile Brücke bewähren, die sich aus der Vergangenheit in die Gegenwart spannt und zugleich den Weg in die Zukunft weist. Je unruhiger die Zeiten sind, um so solider muß Bildung sein. Sie soll ja das Fundament schaffen, um ständig neue Anforderungen, Entwicklungen und Veränderungen geistig und moralisch bewältigen zu können. Trotz der Informationsexplosion und trotz der Veralterungsdynamik von Forschung und Wissen bleiben die Grundlagen von Natur- und Geisteswissenschaften unverändert bestehen. Der Lehrsatz des Pythagoras ist seit zweieinhalb Jahrtausenden so gültig und bedenkenswert wie Platons Überlegungen über Staat und Wertewelt. Die beste Vorbereitung auf die Zukunft wird durch eine solide Grundbildung er reicht. Wissen, Können und Wertmaßstäbe müssen die notwendigen Ressourcen bieten, die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Bildung ist kein abgeschlossenes Ergebnis, sondern ein lebenslanger Prozeß. Dennoch müssen sich die Bildungsbausteine stets zu einem erweiterbaren Mosaik mit klaren Konturen und Profilen zusammenfügen. Im Bildungsverlauf darf keine Beliebigkeit herrschen. Wenn Unterricht eine bloße Aufeinander folge isolierter Stoffe und Inhalte ist, ohne daß Zusammenhänge hergestellt oder Sinnfragen beantwortet werden, dann ist das Bildungsziel nicht erreicht. Allgemeinbildung muß Übersichtswissen, strukturell es Denken und Wertmaßstäbe in einem Gesamtkonzept vereinigen. Die Fundamente müssen äußerst tragfähig ausgelegt sein, wenn man ein komplexes Bildungsgebäude mit immer neuen Stock werken und Gängen im Laufe eines langen Lebens darauf errichten will. Wichtige Kernfächer dürfen nicht abwählbar sein, und die Bildungsinhalte sind nicht beliebig gestaltbar. Die Beherrschung der Kulturtechniken hat eine unvermindert hohe und zentrale Bedeutung. Über die Rechtschreibung findet man zu Sprachsicherheit, Sprachverständnis und Kommunikationsfähigkeit; über die Beherrschung der Grund- und gehobenen Rechenarten - von Addition über Bruch-, Prozent- und Exponentialaufgaben zu Algebra und Geometrie - kommt man zum rechnerisch-logischen Denkvermögen, zu Planungs- und Organisationsvermögen. Die Kulturtechniken zu beherrschen heißt also, auch über geistige Beweglichkeit, sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit zu verfügen und Fleiß, Über Sicht, Ordnung, Sicherheit und Zuverlässigkeit zu haben.

In allen Schularten muß mehr Wert auf eine vertiefte Allgemeinbildung, vornehmlich auf die Muttersprache, die Mathematik, eine Naturwissenschaft und auf wenigstens eine beherrschte Fremdsprache gelegt werden. Die Bedeutung der musischen Fächer darf keineswegs unter schätzt werden. Phantasiefähigkeit und Gestaltungskraft, Spieltrieb und Kreativität sind nicht nur hohe Güter der persönlichen Lebensgestaltung und Lebensfreude, sondern auch die Basis für Innovationen. Kunst und Design, Musik und Sport sind heute nicht nur wichtige Produktionsfaktoren geworden, sondern selbsttragende wichtige Wirtschaftsbereiche.

Die größten Fortschritte in Forschung und Entwicklung sind heute durch Interdisziplinarität zu erzielen. Wissen darf daher nicht spezialistisch, isoliert bleiben. Voraussetzung für komplexes oder interdisziplinäres Denken ist, daß ich das notwendige fachliche Rüstzeug beherrsche. Team arbeit zu treiben, heißt zunächst einmal, selbst Fachmann zu sein und dann die Denkmuster der Partner zu verstehen. Es wäre ein großer Irrtum zu meinen, daß Teamfähigkeit und Interdisziplinarität nur zu erreichen sind, wenn das Curriculum aufgelöst wird, um so fächerübergreifende Diskussionsforen zu schaffen. Völlig unverständlicherweise werden in bildungspolitischen Diskussionen Gegensätze aufgebaut zwischen Fachunterricht und offenem fächerübergreifenden Unterricht mit Projekt- oder Gruppenarbeit.

Gebraucht wird ein multifunktionaler Unterricht, der

  • Wissen durch Verstehen und Lernen,
  • Können durch praktisches Üben,
  • verantwortetes Handeln (wollen) durch Zielbewußtsein und Wertmaßstäbe vermittelt und fördert:

Die zentrale Bedeutung der Schlüsselqualifikationen

Soziales Zusammenleben, aber vor allem auch erfolgreiches leistungsorientiertes Arbeiten ist ohne Werthaltungen nicht denkbar. Ein Verbundsystem aus Wissen und Können, Fertigkeiten und Fähigkeiten, sozialen Kompetenzen und Handlungsorientierungen pflegen wir heute Schlüsselqualifikationen zu nennen. Sie sind besonders wichtig, weil sie als über greifende, überfachliche Qualifikationen nicht schnell veralten. Sie sind die wichtigen, niemals rosten dürfenden Fähigkeiten zu logischem Denken, zu kooperativem Verhalten, zu Verstehen und Verarbeiten von Informationen, zu Kreativität und Gestaltung.

Befragungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln haben ergeben, welche Lebens- und Arbeitstugenden und welche berufsrelevanten Verhaltensweisen Ausbilder für wichtig halten:

  • Fleiß, Lern- und Leistungsbereitschaft; Urteils-, Kritik- und Selbstkritikfähigkeit; Selbständigkeit und Verantwortungsbewußtsein; Initiative und Engagement;
  • Flexibilität des Denkens, Problemlösungs-, Kommunikations- und Teamfähigkeit;
  • Ehrlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Gründlichkeit, Pünktlichkeit und Selbstdisziplin;
  • Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Verläßlichkeit und Höflichkeit. "Soziales Lernen" vollzieht sich in Familie, Schule und Beruf, aber auch im Freizeitleben. Führen und Wachsenlassen, Fordern und Fördern müssen in der Bitdungs- und Erziehungsarbeit zu einer gelungenen Symbiose kommen.

Die Sozialforscher und Pädagogen haben in den letzten Jahrzehnten Aufgaben, Ziele und Begrifflichkeit modernen Lernens inzwischen neugefaßt und systematisiert:

  • Inhaltlich-fachliches Lernen (wissen, verstehen, erkennen, urteilen),
  • methodisch-strategisches Lernen (exzerpieren, nachschlagen, strukturieren, organisieren ...),
  • sozial-kommunikatives Lernen (zuhören, kooperieren, integrieren, argumentieren ...),
  • affektives Lernen (Selbstvertrauen entwickeln, Spaß an einer Methode oder an einem Thema haben, Identifikation, Engagement entwickeln, Werthaltungen aufbauen),

sollen zu einem motivierenden Gesamtkonzept vereint werden. Möglichkeiten und Methoden dazu sind: offener Unter richt, Projekt- und Gruppenarbeit, Plan spiele und weitere Formen eigenverantwortlichen Lernens.

Gebraucht wird ein Bildungsverbundsystem - bestehend aus:

  1. Fachwissen
    (Breite, Tiefe und interdisziplinäres Verstehen),
     
  2. Kognitiven Schlüsselqualifikationen (Problemlösungs- und Transferfähigkeit, Methodensicherheit und Zeitmanagement, Urteils und Kritikfähigkeit),
     
  3. Sozialen und personalen Schlüsselqualifikationen (Kommunikations- und Teamfähigkeit, Konfliktmanagement und Motivation, Durchsetzungs- und Entscheidungsfähigkeit).

Neue Lehr- und Lernformen

Der lange Weg zu Wissen, Können und verantwortetem Handeln verlangt viel Arbeit, Leistungswillen und Selbstdisziplin. Da solche Anstrengungen im allgemeinen wenig beliebt sind, entstanden seit Menschengedenken immer neue Träume von einem Bildungsschlaraffenland. Doch dies bleibt unerreichbar. Auch den "technologischen Nürnberger Trichter" gibt es nicht, aber die Informations- und Kommunikationstechnologien können ganz neue Wege des Arbeitens, Lehrens und Lernens eröffnen.

Heute sind Datenautobahnen, Internet und Multimedia mit der zugehörigen Technik an jedem Ort und zu beliebiger Zeit zu nutzen. Die Erstellung einer riesigen Palette von Hard- und Software hat eine Informationswirtschaft entstehen lassen, die zu der weltweit größten Wachstumsbranche mit mehr als 3 Billionen DM Umsatz jährlich geführt hat und deren Wachstumsraten auf 7 bis 15 Prozent geschätzt werden. Schon heute sind 60 Prozent aller Arbeitsplätze durch Kommunikations- und Informationstechnologien geprägt.

  • Mit der Überwindung nationaler Grenzen im Zuge der Globalisierung,
  • mit Telearbeit, die eine weitere Dezentralisierung und Flexibilisierung erlaubt,
  • mit elektronischen Bestell-, Ab rechnungs- und Zahlungsverfahren zwischen Unternehmen, Zulieferern und Kunden entstehen neue Möglichkeiten und Gestaltungsformen des Wirtschaftens.

Auch für den Unterricht bietet die heutige Informationstechnologie eine Fülle von effizienten Anwendungsfeldern. Selbst wenn neue Lernmethoden und -techniken in bestimmten Phasen ihrer Entwicklung zuweilen überschätzt wurden (Programmierter Unterricht, Sprachlabore), ist die wachsende Bedeutung neuer Medien für die schulische und berufliche Bildung unbestritten. Erfreulicherweise haben Bund und Länder, Initiativgruppen und Unter nehmen eine ganze Reihe von Initiativen - z.B. Schulen ans Netz - Verständigung weltweit (NRW), Aktives Lernen - Multi media für eine bessere Bildung (Berliner Memorandum) - entwickelt, die den Schülern (neben ihren vielseitig betriebenen Computerhobbies) grundlegendes Wissen und Können verschaffen

  • in Computeranwendung,
  • in Informationsbeschaffung,
  • in Aufbau und Funktion von Computersystemen.

Es genügt aber nicht, nur über technische und instrumentelle Fähigkeiten im Um gang mit dem Werkzeug Computer zu verfügen, sondern es werden auch Kompetenzen zur Informationsbewältigung, zur Bewertung der Informationen, zur Transferfähigkeit gebraucht.

Die neuen Methoden und Medien bleiben nur Hilfsmittel

Multimedia hat gerade in der beruflichen Bildung seine Bewährungsproben bestanden. Begriffe wie CBT (Computer-Basedtraining) oder auch CUL (computerunterstütztes Lernen), Online- oder Telelearning sind zu inzwischen wohlevaluierten Selbstverständlichkeiten in der Berufsbildung vieler Unternehmen geworden.

Multimedia mit den Verknüpfungsmöglichkeiten von verschiedenen Techniken und Instrumenten, Datenbanken und Lernprogrammen, Kommunikations- und Informationsformen sorgen für

  • aktives Lernen und Motivationsförderung,
  • die Beliebigkeit von Ort und Zeit des Lernens,
  • die Individualisierungsmöglichkeit des Lerntempos und der Lernintensität,
  • die individuelle Auswahl der Informationsmöglichkeiten, - neue Wege der Selbstqualifikation,
  • die Verknüpfung von Theorie und Praxis, von Information und Kommunikation,
  • verbessertes Teamlernen und Erfahrungsaustausch bei Recherchen.

Das hohe Maß an Selbständigkeit und Selbstverantwortung scheint das persönliche Lerninteresse wachsen zu lassen und Kreativität zu befördern. Es versteht sich von selbst, daß es bereits Visionäre gibt (Lewis J. Perelman, "School's out - Hyperilearning, the new Technology and the End of Education", 0.0. 1995), die Schule und Lehrer für so überflüssig halten wie Pferd und Kutsche im 20. Jahrhundert. Doch wie Buch und Bild, Radio und Fernsehen nützliche ergänzende Hilfsmittel der pädagogischen Arbeit sind, wird auch Multimedia immer nur ein Hilfsmittel bleiben, das aber am rechten Ort und zu rechter Zeit in einem durchdachten pädagogischen Gesamtkonzept für neue Impulse und mehr Effizienz sorgen kann.

Die Faszinationskraft, ja Magie des Computers macht junge Menschen für multimediales Lernen besonders aufgeschlossen. Die Instrumente und Programme, die der Multimediaverbund bietet, können wirkungsvoll dazu beitragen, das heute geforderte sehr hohe Qualifikations- und Kompetenzniveau zu erreichen. Methoden oder Medien bleiben aber immer nur Hilfsmittel, die in ein umfassendes inhaltliches Konzept eingeordnet werden müssen.

Nicht Gleichheit zu fördern, sondern Begabungen zu entfalten, ist die Aufgabe

Schule soll wissbegierig machen, soll als positives Erlebnis empfunden werden, soll Spaß machen. Doch Bildung ist kein reiner Spaß, sondern verlangt viel Einsatz und Durchhaltevermögen - Qualitäten, die heute vielerorts vermißt werden. So wird gerne darüber Klage geführt, daß es heute an der rechten Motivation der Schüler fehle. Das Modewort Motivation

taucht heute in allen Lebensbereichen auf; Motivation gilt als Zauberschlüssel. Mit der richtigen Motivation scheint jedes Ziel erreichbar zu sein. Motivation dient aber auch als beliebter Sündenbock. Konnte ein Ziel nicht erreicht werden, wird die Ursache darin gesucht, daß falsch-, über-, unter-, entmotiviert wurde. Die Gutachten zur Schulreform sind heute voller Erklärungen, die die Ursachen von Demotivation und Gleichgültigkeit der Schüler erläutern. Mangelnde Elternbetreuung, Schwierigkeiten im sozialen Umfeld oder Reizüberflutung werden ebenso zur Begründung der vorhandenen Lernunlust angeführt wie fehlende Möglichkeiten, sich seine Interessensgebiete nach Begabung, Neigung oder Aktualität selbst aussuchen zu können.

Seltener sind die Einsichten, daß Schüler durch falsche bildungspolitische Weichenstellungen in unangemessenen Bildungszügen fahren, die sie entweder überfordern oder unterfordern. Beides ist absolut schädlich für die Leistungsmotivation. Das Bildungssystem muß unterschiedliche, vielfältig differenzierte Unterrichtsprofile anbieten. Die Vielfalt des Lebens mit Fort und Rückschritten entsteht, weil der Mensch kein gleichschaltbares Neutrum ist, sondern ein Wesen voller ungleicher Anlagen, Wünsche, Emotionen, Rationalitäten und Irrationalitäten.

Jedes Individuum ist absolut einmalig. Nicht zwei Personen auf dieser Welt haben die gleichen Fingerabdrücke. Das Bildungssystem ist nicht dazu da, um für Gleichheit zu sorgen, sondern die Begabungen des einzelnen zu pflegen und bestmöglich zu entfalten. Die so entstehenden Ungleichheiten sorgen für Vielfalt und Fülle, aber auch für Kreativität und Wettbewerbsfähigkeit.

Wie läßt sich die Leistungsmotivation fördern?

Die Lernpsychologie zeigt deutlich, daß zur Leistungsmotivation der Schüler das Führen und das Wachsenlassen, das Fordern und das Fördern, das Begeistern für anspruchsvolle Ziele, aber auch die richtige Selbsterkenntnis und Selbsteinschätzung gehören. Eine Fülle von empirischen Untersuchungen hat bewiesen, daß Lernmotivationen vor allem dann auf Dauer gestärkt werden,

  • wenn der Initiator eines Motivationsprozesses persönliche Glaubwürdigkeit, Begeisterungsfähigkeit und fachliche Kompetenz besitzt; wenn Identifikation mit der Aufgabe erreicht ist, weil die Sinnhaftigkeit deutlich ist;
  • wenn das Niveau nicht zu hoch, aber auch nicht zu niedrig ist;
  • wenn Leistungsverweigerung als eine Bedrohung für die Gruppe oder für den einzelnen erlebt wird; wenn Beachtung und - Lob vorherrschen, schlechte Leistungen aber deutlich getadelt werden;
  • wenn Selbständigkeit, Selbstverantwortung und Zielbewußtsein vorhanden sind;
  • wenn die Fähigkeit zur realistischen Einschätzung der eigenen Möglichkeiten besteht und ein klarer Orientierungshorizont und Zukunftsperspektiven vorhanden sind.

Wirtschaft und Gesellschaft werden sich erst dann wieder erfolgreich entwickeln, wenn das Prinzip der Subsidiarität Gültigkeit erlangt. Die kleinen Einheiten (das Individuum, die Familie, die Schule, der Be trieb) müssen mehr Verantwortung über nehmen. Die Probleme unserer Zeit - Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit, Alkoholismus und Drogen, Kriminalität und Gewalt - sind nicht nur durch anonyme Mächte verschuldet (die Politik, die Gesellschaft, die Wirtschaft), sondern jeder muß sich auch selbst für Erfolge und Mißerfolge verantworten.

Zukunftsperspektiven: ein unerwartet positives Jugendprofil

Das erfreuliche Phänomen in dieser Welt des Umbruchs ist die Bereitschaft einer großen Mehrheit der Jugendlichen, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Versucht man die Mosaiksteine aus der Vielzahl vorliegender Erhebungen über Lebenseinstellungen und Ziele von Jugendlichen zu einem charakteristischen Gesamtbild zu ordnen, ergibt sich als Durchschnittskonstrukt ein unerwartet positives Jugendprofil: Arbeit und Beruf sind für die Mehrzahl der Jugendlichen mehr Freude und Herausforderung als Last und Frust. Angestrebt wird eine gesunde Mischung aus attraktivem Beruf und erfülltem Freizeitleben, aus Leistung und Lebenslust, aus Eigennutz und Gemeinsinn. Man ist bereit zu leisten, damit man sich selbst - aber durchaus auch für andere - etwas leisten kann.

Besonders auffällig und beeindruckend ist der Wille der jungen Erwerbstätigen in Ostdeutschland, sich umschulen oder weiterbilden zu lassen, beruflich mobil zu sein, sich generell den Herausforderungen der neuen Wirtschafts- und Gesellschafts-Ordnung zu stellen.

Es ist die Aufgabe der alten Generation, der Leistungsbereitschaft und dem Engagement der Jugend Betätigungsfelder zu geben, sie zu beteiligen, ihnen Zukunftschancen einzuräumen. Zukunftsvisionen, zugkräftige Ideen brauchen dabei nicht erfunden werden. Sie sind da, sie müssen nur mit Tatkraft und Zielbewußtsein, mit Leben erfüllt werden.

  • Da ist das Ziel eines grenzenlosen Europa vom Nordkap bis Sizilien, für alle offen, sozial, friedenssichernd und wettbewerbsfähig.
  • Da ist die Chance, mit Produktinnovationen - ob Digitalisierung, Elektronik oder Hochgeschwindigkeitsverkehr, ob Bio- und Kerntechnik, ob Miniaturisierung und Bionik, ob Laser, neue Werkstoffe oder Umwelttechnik, Millionen neuer Arbeitsplätze in Produktion und Dienstleistungen zu schaffen. Was mit Innovationen von der Dampfmaschine über Eisenbahn und Auto bis zur Mikroelektronik gelang, sollte auch zukünftig möglich sein.
  • Da entsteht eine neue und spannende Betriebsorganisation, in der die eng spezialisierte Einzelarbeit durch Gruppenarbeit ersetzt wird, in der hochqualifizierte Kräfte in Eigenverantwortung planen, organisieren, produzieren und die Qualitätskontrolle übernehmen.

Politisch und sozial, wirtschaftlich und technisch hat es nie so große Chancen ge geben wie heute. Ergreifen wir sie mit unserer Jugend, die "zum Bohren harter Bretter" durchaus bereit ist, wenn sie in Bildung und Arbeit die Chancen findet, die sie verdient.

Im Wintersemester 1995/96 waren an deutschen Hochschulen mehr als 1,8 Millionen Studierende Deutsche und Ausländer - eingeschrieben. Das am stärksten besetzte Studienfach war Betriebswirtschaftslehre (BWL), das auch bei den Studenten auf Platz eins liegt. Die Studentinnen waren stärker an Sprachen als an Wirtschaft interessiert. Während die sprachlichen Studienfächer hauptsächlich von Frauen belegt wurden, bleiben technische Studienfächer wie Maschinenbau und Elektrotechnik fest in Männerhand: Mit fünf bzw. vier Prozent sind Studentinnen in den Hörsälen eher die Ausnahme. Überhaupt sind Frauen an den Hochschulen insgesamt in der Minderheit: 1995/96 waren 58 Prozent aller Studierenden männlich. Globus