Zeitschrift

Bildungspolitik




Heft 4/97

Hrsg.: LpB

 

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Inhaltsverzeichnis

 


Ein Standortvorteil für Deutschland

Das duale System der Berufsausbildung

Leistungsfähigkeit und Reformbedarf

Von Regina Görner


Regina Görner ist als Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zuständig für Bildungsfragen.

Das dusle System der Berufsausbildung, das die Lernorte Schule und Betrieb mit einander verzahnt, hat sich bewährt und gilt als Standortvorteil für Deutschland im internationalen Wettbewerb. In Gefahr gerät es, wenn nicht mehr ausreichend Betriebe Ausbildungsplätze anbieten, weil sie sich allzu stark an aktuellen und betriebsbezogenen Kosten-Nutzen-Rechnungen orientieren. Doch das dusle System lebt davon, daß über den aktuellen und einzelbetrieblichen Bedarf hinaus ausgebildet wird. Der Staat ist hier her ausgefordert zu kompensieren. Auflagen fruchten nichts, staatliche Subventionierung würde nur mißbraucht. Vielmehr muß es zu Ausgleichszahlungen kommen zwischen Betrieben und Verwaltungen, die ausbilden, und solchen, die es nicht tun. Darüber hinaus besteht Reformbedarf, daß stärker als bisher Grundqualifikationen und Grundkenntnisse vermittelt werden. Im übrigen macht das dusle System auch für den Hochschulbereich durchaus Sinn. Red.

Zweifellos beispielhaft

Internationale Bildungsexperten sind sich einig: Das System der dualen Berufsausbildung in Deutschland ist beispielhaft und besonders leistungsfähig. Eine OECD-Untersuchung hält es sogar für den größten Standortvorteil, über den die deutsche Wirtschaft verfügt. Solche positiven Urteile haben ihren Grund. In der Tat ist das dusle System besonders leistungsfähig: Es hat besser als andere Ausbildungssysteme vermocht, einen hohen Qualitätsstandard der beruflichen Qualifikation in der gesamten Wirtschaft zu garantieren und zudem jedes Jahr Hunderttausenden von Jugendlichen einen weitgehend problemlosen Übergang vom Bitdungs- ins Beschäftigungssystem eröffnet.

Die unverzichtbaren Grundelemente der dualen Berufsausbildung

Ob dies allerdings auch in der Zukunft gewährleistet sein wird, erscheint zumindest fraglich. Angesichts der gewandelten Herausforderungen in der Arbeitswelt der Zukunft könnte das dusle System als hoffnungslos überholt erscheinen, aber das Gegenteil ist der Fall. Seine Grundprinzipien waren noch nie so aktuell wie heute:

Das duale System ist auf Beruflichkeit angelegt. Es vermittelt Berufe, nicht nur das, was an einem einzelnen konkreten Arbeitsplatz gebraucht wird. Folglich sind im dualen System Ausgebildete für wachsende oder veränderte Anforderungen besonders gut gerüstet. Anpassungsqualifizierung kann schnell und mitunter eigenverantwortlich bewältigt werden. Die breit angelegte Erstausbildung ist deshalb auch eine gute Voraussetzung für die in Zukunft immer wichtiger werdende Weiterbildung.

Beruflichkeit bedeutet aber auch, daß Inhalte vermittelt werden, die über enge Fachkenntnisse hinausgehen. Dual Ausgebildete sollen in ihren Berufsbereichen den Überblick haben, Zusammenhänge erkennen und auch weitgehend selbständig gestalten können. Sie üben in ihrer Ausbildung Einstellungen und Haltungen ein, die an modernen Arbeitsplätzen oft wichtiger sind als einzelne Fachkenntnisse: Eigenverantwortlichkeit, Teamfähigkeit, Kreativität usw.

Das duale System als regulierte Struktur mit allgemein anerkannten Abschlüssen stellt ein einzigartiges Instrument der Qualitätssicherung dar. Standardisierte und überprüfte Inhalte von Qualifikation kann jeder voraussetzen, der Personal mit einem Facharbeiter oder Gesellenbrief einstellt. Diese Transparenz nützt den Arbeitgebern, aber sie verbessert auch die Arbeitsmarktchancen der Beschäftigten.

Das duale System wird im Konsens von Arbeitgeber- und Gewerkschaftsseite geordnet. Es wird nicht am grünen Tisch geplant. Damit ist eine große Nähe der Lerninhalte zu dem tatsächlichen Bedarf im Arbeitsleben sicher gestellt.

Die verschiedenen Berufe werden nach einheitlichen Grundsätzen gestaltet, so daß sie vergleichbare Qualifikationen garantieren. Die Verwertbarkeit bestimmter Inhalte ist damit auch über die Berufsgrenzen hinweg gegeben. Angesichts sich rasch verändernder Strukturen in Wirtschaft und Arbeitswelt stellt auch dies die notwendige Flexibilität sicher.

Zum dualen System gehört unabdingbar das Prinzip der beiden Lernorte Be trieb und Berufsschule. Was in der betrieblichen Wirklichkeit an tatsächlichen Arbeitsplätzen vermittelt werden kann, ist unverzichtbar, aber es reicht nicht aus: Die Berufsschule muß die Verallgemeinerung dessen sicherstellen, was im Unternehmen im Einzelfall vermittelt wurde. Durch die wachsende Spezialisierung vieler Betriebe, durch die immer stärkere Konzentration auf Kernaufgaben, können mehr und mehr Unternehmen nur noch Aus schnitte aus dem Spektrum der Berufsbilder vermitteln. Dadurch steigt die Bedeutung der Berufsschule, aber auch der Bedarf für überbetriebliche Unterweisung bzw. Verbundsysteme in der Berufsausbildung.

Doch die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe hat deutlich nachgelassen

Diese Grundelemente der Dualen Ausbildung müssen auch für die Zukunft erhalten werden, denn sie werden gerade angesichts der Herausforderungen der Zukunft gebraucht, stärker wahrscheinlich als jemals in der Vergangenheit. Aber selbstverständlich gibt es auch Veränderungsbedarf.

Für jeden Außenstehenden offenkundig ist die Tatsache, daß die quantitative Leistungsfähigkeit des Systems - allen Jugendlichen, die einen betrieblichen Ausbildungsplatz suchen, diesen auch anbieten zu können - nicht mehr gegeben ist. Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe hat deutlich nachgelassen. 1985 kamen in den deutschen Unternehmen auf 100 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte noch 8,67 Auszubildende. Zehn Jahre später waren es nur noch 5,6. Die Ausbildungsbereitschaft ist also weit stärker zurückgegangen als das Angebot an Arbeitsplätzen, und es gibt deshalb auch wenig Hoffnung, daß sich mit dem Anziehen der Konjunktur daran Wesentliches ändern könnte. Gleichzeitig strömen bis etwa zum Jahr 2007 geburtenstärkere Jahrgänge auf den Ausbildungsmarkt. Anders als in den frühen 80er Jahren ist die Wirtschaft aber nicht mehr bereit, diese zusätzliche Nachfrage durch deutlich verstärkte Ausbildungsanstrengungen aufzufangen.

Im Gegenteil: Trotz des großen Drucks der Öffentlichkeit, einer Vielzahl von Einzelmaßnahmen und selbst tarifvertraglicher Ausbildungsverpflichtungen stagniert das Lehrstellenangebot weiter. 3 % Rückgang hat auch das Ausbildungsjahr 1997 zu verzeichnen.

Eine veränderte Interessenlage der Unternehmen

Deshalb muß die Frage gestellt werden, ob die Wirtschaft das dusle System als Leitsystem der beruflichen Bildung überhaupt noch will. An verbalen Bekundungen dazu fehlt es zwar nicht. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Die dramatischen Veränderungen, die in den letzten Jahren in den Betrieben stattgefunden haben - ich nenne nur die Stichworte: Kostenorientierung, veränderte Arbeitsorganisation, Konzentration auf Kernaufgaben, Tertiarisierung - führen augenscheinlich zu gewandelten Ansprüchen der Unternehmer an die Qualifizierung der Mitarbeiter.

Immer mehr Betriebe sind nicht mehr an der Sicherstellung einer breiten Berufsausbildung interessiert. Arbeitgeber wollen nur noch für die Qualifikation zahlen, die sie aktuell benötigen. Hochqualifiziertes Personal wird gern genommen - am liebsten natürlich kostenlos: vom Arbeitsmarkt, aus den Universitäten und Hoch schulen oder außerbetrieblichen Einrichtungen.

Dies bedeutet keine Absage an betriebliche Ausbildung, aber eben nur noch betriebliche, maßgerecht für einzelne Arbeitsplätze, dicht angepaßt an die Bedarfslage des einzelnen Unternehmens. Aber das ist natürlich keine duale Ausbildung mehr.

Der Nutzen des dualen Systems scheint für mehr und mehr Betriebe fraglich zu wer den. Durch hohe Spezialisierung gewinnen Betriebsinhaber den Eindruck, daß in der Ausbildung viele Dinge vermittelt werden, die in ihren Unternehmen überhaupt nicht benötigt werden. Dies ist in der Tat so, und dies ist im dualen System durchaus gewollt. Solch eine Ausbildung "auf Vorrat", die auch auf künftige Anforderungen vorbereitet, war akzeptiert, so lange Arbeitgeber davon ausgehen konnten, daß sie diese Qualifikation ihrer Mitarbeiter eines Tages doch noch würden nutzen können. Angesichts der häufigeren Fluktuation von Beschäftigten geht diese Rechnung nicht mehr auf - und sie geht schon gar nicht auf, wenn über den Eigenbedarf des Betriebes hinaus ausgebildet wird. Genau in diesem Bereich sind bezeichnenderweise auch die wesentlichen Verluste an Lehrstellen im dualen System zu verzeichnen. Überbedarfausbildung ist im dualen System aber unverzichtbar.

Die überwiegende Zahl der Betriebe in diesem Land hatte und hat nämlich entweder nicht die Absicht oder auch nicht die erforderlichen Rahmenbedingungen, den eigenen Nachwuchs selbst auszubilden. Diese mehr als 60 % der Unternehmen waren schon immer auf die Ausbildungsanstrengungen anderer angewiesen.

Die Selbststeuerungsmechanismen funktionieren nicht mehr

Wenn diese aber ihre Ausbildungsanstrengungen streng am Eigenbedarf messen, führt das notwendig zu volkswirtschaftlich widersinnigen Ergebnissen. Wenn der Fachkräftebedarf der deutschen Wirtschaft auch künftig gedeckt werden soll, bleiben nur zwei Lösungswege: Mehr Unternehmen als bisher müssen ausbilden und/oder die bisherigen Ausbildungsbetriebe müssen wieder vermehrt über den Eigenbedarf hinaus ausbilden.

Eine feste Ausbildungsquote hält der DGB nicht für die richtige Lösung. Der Grundsatz der einzelbetrieblichen Entscheidung als Steuerungsinstrument des Ausbildungsmarktes macht durchaus Sinn. Wollte man die Entscheidung über das Angebot von Ausbildungsplätzen gänzlich von den Betrieben abkoppeln, müßte man in Kauf nehmen, daß Ausbildung und Arbeitskräftebedarf notorisch auseinander klaffen. Damit wäre eine erhebliche Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen verbunden. Daran kann niemand ein Interesse haben. Wenn wir eine hohe Qualität der Ausbildung sicherstellen wollen, macht es auch gar keinen Sinn, diejenigen, die nicht ausbilden können oder wollen, zum Ausbilden zu zwingen. Aus bilden sollen die, die über die erforderliche Kompetenz verfügen.

Daß die ausbildungsbereiten und -fähigen Betriebe die dafür erforderlichen Kosten jedoch allein tragen sollen, ist nicht vermittelbar. Betriebe können im Kostenwettbewerb nicht bestehen, wenn sie Lasten zu tragen haben, denen sich Konkurrenten entziehen können, indem sie nicht ausbilden. - Hier liegt das Problem.

Die Selbststeuerungsmechanismen, die das System über Jahrzehnte hinweg immer wieder einigermaßen stabilisiert haben, funktionieren unter den Bedingungen moderner Unternehmensphilosophien und verschärfter Wettbewerbssituationen nicht mehr.

Somit ist der Staat herausgefordert, die Ausfälle zu kompensieren

In einer Sozialen Marktwirtschaft ist der Staat in dieser Situation zum Handeln her ausgefordert. Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat dies in einer Entscheidung von 1980 ganz klar hervorgehoben: "Wenn der Staat ... den Arbeitgebern die praxisbezogene Berufsausbildung der Jugendlichen überläßt, so muß er erwarten, daß die ... Arbeitgeber diese Aufgabe ... so erfüllen, daß grundsätzlich alle ausbildungswilligen Jugendlichen die Chance erhalten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Das gilt auch dann, wenn das freie Spiel der Kräfte zur Erfüllung der übernommenen Aufgabe nicht mehr aus reichen sollte."

An diesem Punkt stehen wir.

Folglich hat der Staat die Pflicht, die Aus fälle im Lehrstellenangebot zu kompensieren. Dazu gibt es grundsätzlich drei Wege: Erstens könnte der Staat selbst die Ausbildung übernehmen. Dagegen sprechen nicht nur fiskalische Gründe, sondern auch der Qualitätsverlust, der durch den Verzicht auf den zweiten Lernort entstünde. Eine zweite Möglichkeit bestünde darin, die Betriebe zu subventionieren, um zusätzliche Ausbildungsplatzangebote zu erhalten. Dagegen sprechen nicht nur ordnungspolitische Erwägungen, sondern auch die Erfahrung: Solche Subventionen lösen das Problem nicht, sie reduzieren lediglich die Bereitschaft der Unternehmen, Ausbildung auf eigene Kosten anzubieten. In der Erwartung auf öffentliche Unterstützung stellt man die eigene Ausbildungsentscheidung so lange zurück, bis die Subventionen bereitgestellt werden. Die Entwicklung in den neuen Bundesländern ist von genau diesem Circulus vitiosus geprägt. Im Endeffekt landet man irgend wann bei einer staatlichen Vollfinanzierung der betrieblichen Berufsausbildung. Das kann überhaupt keinen Sinn machen.

Ein gesetzlicher Lastenausgleich ist vonnöten

Der dritte und sinnvolle Weg besteht darin, die Verantwortung verbindlich

dahin zu verweisen, wo sie hingehört: in die Wirtschaft selbst. Freiwillige Lösungen wären aus ordnungspolitischen Überlegungen natürlich vorzuziehen. Aber diesen Weg wollte die Wirtschaft in den vergangenen Jahren nicht gehen, und ihre Spitzenverbände lassen keine Gelegenheit aus zu betonen, daß sie solche freiwilligen Lösungen auch für die Zukunft nicht wollen. Deshalb brauchen wir einen gesetzlichen Lastenausgleich zwischen aus bildenden und nicht ausbildenden Betrieben, der alle Unternehmen und Verwaltungen, die von qualifiziertem Fachpersonal profitieren, an den Kosten dieser Qualifikation gleichmäßig beteiligt.

Der DGB hat dazu ein Umlageverfahren zwischen allen Betrieben und Verwaltungen vorgeschlagen, das wieder mehr Be triebe veranlassen soll, ihren Nachwuchs über eigene Ausbildung zu rekrutieren, und anderen ermöglichen soll, über den Eigenbedarf hinaus Lehrstellen anzubieten.

Umlagesysteme in der beruflichen Bildung haben sich bewährt. In Dänemark haben Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam die Initiative ergriffen; der Staat stellt die gesetzlichen Rahmenbedingungen sicher und beteiligt sich zu einem Teil an den Kosten.

Immer wieder wird eingewandt, eine entsprechende Abgabe müsse dazu führen, daß sich Betriebe aus der Ausbildung zurückziehen. Dafür gibt es einen klaren Gegenbeweis: In der deutschen Bauwirt Schaft gibt es seit mehr als 20 Jahren ein tarifvertraglich gesichertes Umlageverfahren, das in dieser Zeit ein breites Lehrstellenangebot teilweise genau gegen den Trend in anderen Branchen sichergestellt hat.

Das heutige DGB-Modell unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von Ausbildungsabgabemodellen der 70er Jahre: Es ist eindeutig auf die Bereitstellung betrieblicher Ausbildungsplätze ausgerichtet und verzichtet auf komplizierte bürokratische und zentralistische Veranlagungs- und Verteilungsmechanismen.

Ich hätte mir gewünscht, darüber eine Vereinbarung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden treffen zu können. Die Arbeitgeberverbände haben diesen Vorschlag allerdings rundheraus abgelehnt.

Denn eine verminderte Berufsausbildung können wir uns nicht leisten

Der Hauptgrund für die ablehnende Haltung ist darin zu sehen, daß die Wiederherstellung eines funktionsfähigen dualen Ausbildungssystems von der Wirtschaft nicht gewünscht wird, weil sie glaubt, ihrem einzelbetrieblichen Bedarf auch mit ungeregelten, betrieblichen Anlernverfahren Rechnung tragen zu können. Nur damit sind die Bedarfe dieser Gesellschaft nicht gedeckt. Und die Bedarfe der jungen Menschen schon gar nicht. Faktisch ist der Staat schon jetzt gezwungen, die mangelnde Ausbildungsbereitschaft der Betriebe irgendwie zu kompensieren, sei es dadurch, daß er sein Angebot an vollzeitschulischer Ausbildung erhöht, oder dadurch, daß er allerhand Warteschleifen bereit hält - angefangen vom längeren Verbleib in den allgemeinbilden den Schulen über Verlegenheitsstudien bis hin zu Berufsvorbereitungsjahren.

Das Land Niedersachsen hat deshalb z.B. seit 1990 seine Aufwendungen für die Erstausbildung um volle 50 % steigern müssen. Die Betriebe haben ihren Auf wand entsprechend um ein Drittel reduziert. Vermutlich ist die Situation in manchen anderen Bundesländern ähnlich oder wird es mit einer gewissen Zeitverzögerung noch werden.

Angesichts der Probleme in den öffentlichen Haushalten sind diesen Entwicklungen aber enge Grenzen gesetzt. Schon in diesem Jahr dürfte es zu einer großen Zahl gänzlich unversorgter Jugendlicher kommen, die weder einen betrieblichen oder schulischen Ausbildungsplatz erhalten werden noch in eine Warteschleife hineinkommen. Wenn die gesetzliche Umlagelösung weiter verzögert wird, werden wir folglich eine Dequalifizierung in dieser Gesellschaft erleben, die wir mit Blick auf die internationale Standortkonkurrenz keinesfalls zulassen dürfen.

Reformbedarf besteht allerdings

Der entschiedene Einsatz der Gewerkschaften zum Erhalt des dualen Systems ist kein Plädoyer für den Verzicht auf Reformen. Im Gegenteil: Wir haben Veränderungsbedarf wegen der Herausforderungen einer zukünftigen Arbeitswelt, aber diesem Bedarf können wir innerhalb des Systems und unter Ausnutzung seiner Vorzüge für Wirtschaft wie Arbeitnehmer Rechnung tragen:

  1. Wir müssen die Kooperation der Lern orte Betrieb und Berufsschule auf eine neue Grundlage stellen. Bisher operieren beide noch viel zu oft unverbunden nebeneinander her. Lehrpläne und Ausbildungspläne müßten aber aufeinander bezogen, ja, miteinander verzahnt sein, damit gute Lernergebnisse in möglichst kurzer Zeit erzielt werden können.
    Dazu muß es endlich eine obligatorische Abstimmung zwischen beiden Lernorten geben. Eine Untersuchung des Bundesinstituts für berufliche Bildung (Bißß) hat ergeben, daß die Kontakte bisher auf Krisenmanagement beschränkt sind: Man redet erst miteinander, wenn die Dinge komplett verfahren sind. Das kann nicht so bleiben.
     
  2. Die Berufsbezogenheit der Berufsschule muß deutlicher herausgearbeitet werden. Wenn Deutschunterricht z.B. in der Berufsschule mit Blick auf die konkreten Herausforderungen, die sich in den Berufen selbst ergeben, stattfindet, ist er nämlich auch für Abiturien ten keineswegs mehr überflüssig. Oder Sport: Auch hier ist Berufsbezogenheit vonnöten. Der Sportunterricht muß sich nämlich mit den spezifischen körperlichen Belastungen in bestimmten Berufen auseinandersetzen. Das kann nicht im Fitneßstudio oder im Turnverein erfolgen. Mit Blick auf Kranken stände und Berufsunfähigkeit wäre dies auch unter ökonomischen Gesichtspunkten dringend erforderlich.
    Für das Tischlerhandwerk sind jetzt entsprechende Voraussetzungen erarbeitet worden. Das brauchen wir auch für andere Berufe.
     
  3. Wenn es Aufgabe der Berufsschule sein soll, die Defizite auszugleichen, die durch die starke Spezialisierung der Be triebe hervorgerufen werden, dann stellt sich natürlich die Frage, ob die Berufsschule das überhaupt leisten kann. Die veralteten technischen Anlagen in den Schulen sind seit langem Anlaß zur Klage. Forderungen nach Auflegung finanzieller Sonderprogramme sind angesichts der Lage der öffentlichen Haushalte aussichtslos. Aber es gibt andere Lösungswege: Es kann in einer Zeit ständiger technologischer Neuerungen nicht sinnvoll sein, hochkomplizierte Maschinenparks allein für die schulische Nutzung vorzuhalten. Warum ist es eigentlich nicht möglich, den Berufsschulunterricht an der in den Betrieben vorhandenen Technik durchzuführen, natürlich in Verantwortung der Berufsschule, aber eben an einem anderen Platz? Natürlich würde das auch Kosten verursachen, aber die wären entscheidend geringer als das ewige Hinterherhecheln bei der technischen Ausstattung. Heutzutage können vielerorts die Berufsschulen noch nicht einmal die Einrichtungen der überbetrieblichen Unterweisung im Handwerk nutzen. Hier gibt es Veränderungsbedarf.
     
  4. Daß wir im Bereich der Weiterbildung von Berufsschullehrern und Ausbildern noch viel zu tun haben, sei hier nur stichwortartig erwähnt.

Eine stärkere Ausrichtung auf Grundqualifikationen und Grundkenntnisse

Auch wenn der Grundsatz der Beruflichkeit in der Ausbildung unverzichtbar ist, stellt sich dennoch die Frage, ob die Berufsbilder, die wir anbieten, den Herausforderungen der Zukunft noch entsprechen.

Hier sehe ich dringenden Reformbedarf. Wir sind dabei in der Vergangenheit den Weg einer immer stärker aus differenzierten Berufslandschaft gegangen. Sobald sich irgendwo eine technologische Veränderung gezeigt hat, haben wir dazu einen neuen Beruf konstruiert. "Heiteres Berufebasteln" nennt man dies in Expertenkreisen.

Im Extrem endet das bei der Konstruktion des betriebseigenen Berufs - und das sind natürlich keine Berufe mehr. Immer mehr Großbetriebe treten mit der Anforderung nach einem maßgeschneiderten Ausbildungsberuf an Landesregierungen heran. Diese sind oftmals geneigt nachzugeben. Aber das ist natürlich das Ende des dualen Systems, zu dem notwendig die breite Verwertbarkeit der beruflichen Qualifikation gehört, über den Bereich eines noch so großen Betriebes hinaus.

Je stärker man die Berufe aber an einzelnen Arbeitsplätzen ausrichtet, desto rascher müssen sie immer wieder an den neuesten Stand der Technik angepaßt werden. Die Ordnungspolitik hetzt derzeit den Entwicklungen hinterher. Bei einer Gesamtzahl von 364 existierenden Ausbildungsordnungen sind derzeit beinahe 100 überarbeitet oder neu gestaltet. Allein im letzten Jahr konnten 21 Verfahren abgeschlossen werden; in diesem Jahr sollen 49 weitere fertig sein. Das Reformkarussell dreht sich also unaufhörlich.

Die Sozialpartner haben sich mit der Bundesregierung vor zwei Jahren auf eine Beschleunigung der Ordnungsverfahren geeinigt. Das funktioniert auch. Aber letztlich ist das Reformkonzept hier auf einem Irrweg. Wir müßten uns endlich dazu entschließen, Berufe zu entwickeln, die nicht mehr so stark technologie- und einzeltätigkeitsabhängig sind, sondern auf Grundqualifikationen und Grundkenntnisse ausgerichtet werden. Das heißt: Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Grundberufe, die dann aber Spezialisierungsmöglichkeiten in Form von Ausdifferenzierung in Fachrichtungen oder spätere Weiterbildung vorsehen. Wir haben dies gerade bei den neugeordneten I- und K-Berufen (Information und Kommunikation) praktiziert. Hier entstand ein Komplex von vier neuen Ausbildungsberufen mit mehreren Fachrichtungen. Sowohl Auszubildende als auch Betriebe erhalten damit eine Auswahlmöglichkeit entsprechend dem Qualifikationsbedarf und den betrieblichen Einsatzfeldern.

Alle vier Berufe verfügen über gemeinsame Kernqualifikationen. Dazu kommen berufliche Fachinhalte, die den unterschiedlichen Geschäftsfeldern und Produktionspaletten/Dienstleistungen Rechnung tragen. Dabei haben einen hohen Stellenwert Projekt- und Teamkompetenz, betriebswirtschaftliche Kompetenz, Fachenglisch, Kundenorientierung.

Gefragt ist also eine flexibel und breit angelegte Ausbildung

Gefragt ist also eine möglichst flexibel und breit angelegte Ausbildung, die vielseitig verwertbare Grundlagen legt. Wolf gang Breitmeier von der IHK Stuttgart hat ein ähnlich gestaltetes Modell vorgelegt, dessen Grundzüge kurz dargelegt werden sollen.

Im ersten und zweiten Jahr der Ausbildung werden Kernkompetenzen vermittelt und danach Wahlpflichtbausteine an geboten, deren Inhalte entweder aus der gleichen Berufsrichtung wie die Kernkompetenzen stammen oder aus anderen gewerblichen und kaufmännischen Berufen bzw. aus der Weiterbildung. Das Modell läßt eine Differenzierung nach der Neigung des Auszubildenden, aber auch nach dem Bedarf des Betriebes zu und erhöht damit die Chance, daß auch Betriebe mit schmalerer Produktpalette Ausbildung betreiben können. Die Ausbildung nach diesem Modell ist auf eine Gesamtqualifikation gerichtet, im Unterschied zur sogenannten Stufenausbildung, die ja einen Abschluß auf jeder Stufe vorsieht. Ähnliche Überlegungen gibt es im Modell der Kernberufe, das Prof. Rauner aus Bremen vorgelegt hat. Auch in der Automobilindustrie sind mittlerweile Modelle vorgeschlagen, die von vergleichbaren Grundansätzen ausgehen.

Das alles bedeutet: Weniger Berufsbilder, die dafür breiter angelegt sind, zugleich aber höhere Differenzierungspotentiale bieten. Darauf aufbauend müssen dann Fort- und Weiterbildungselemente angeboten werden.

Wir tragen dem Grundgedanken dualer Berufsausbildung noch in viel zu wenigen Feldern Rechnung. Was für Kraftfahrzeugmechaniker und Friseure gilt, kann für Pflegekräfte und die vielen vollzeitschulisch ausgebildeten Assistentenberufe nicht falsch sein: Auch sie würden von einer wirklichen betrieblichen Komponente profitieren, nicht nur was den Über gang an der zweiten Schwelle betrifft. Wir haben der Bundesregierung bereits vor geschlagen, einen Pflegeberuf nach BBiG zu regeln, und das wird sicher nicht unser letzter Vorschlag in dieser Art sein.

Duale Systeme machen auch für den Hochschulbereich Sinn

Duale Systeme machen auch für den Hochschulbereich Sinn. Entscheidend ist dabei allerdings, daß wir auch hier nicht wieder nur betriebsspezifisch aus gebildete Absolventen bekommen, sondern daß die Verallgemeinerung der Lerninhalte und damit auch die breite Verwertbarkeit im Anschluß an einen dualen Studienabschluß sicher gestellt ist.

Auch duale Ausbildungen im Anschluß an ein Studium sind vorstellbar. Es gibt gerade in den sogenannten Zukunftsbranchen Tätigkeiten, die ein abgeschlossenes Studium voraussetzen, damit aber noch keinen berufsqualifizierenden Abschluß sicherstellen. Was heute z.B. in der Touristik- oder der Medienbranche an betrieblichen Qualifikationen vermittelt wird, ist außer halb des Unternehmens, in dem man sie erworben hat, praktisch nicht zu verwerten. Auch hier müßte die Verallgemeinerung der Qualifikation sicher gestellt und auch in einem anerkannten Abschluß zertifiziert werden. Das müssen natürlich keine dreijährigen Ausbildungen sein.

Was tun mit den Jugendlichen, die keine Ausbildung abschließen?

All diese Reformansätze machen aber nur Sinn, wenn wir weiter am Berufsprinzip festhalten.

Dies gilt im übrigen auch für das immer wieder hochgespielte Problem der Jugendlichen, die keine Ausbildung ab schließen. Gerade für diese Gruppe ist die Sicherung eines ausreichenden Angebotes an Lehrstellen von entscheidender Bedeutung, denn sie müssen im Wettbewerb der vielen Bewerber um die wenigen Lehrstellen als erste den Kürzeren ziehen. Mit neuen Schmalspurberufen, die für diese Zielgruppe in letzter Zeit immer wieder gefordert werden, ist ihnen nicht geholfen. Mit gezielter Förderung können sie den Abschluß in einem voll qualifizierenden Ausbildungsgang dagegen durchaus erreichen. Das breite Spektrum von Berufen im dualen System bietet ja nicht nur theoretisch Hochbegabten etwas. Auch die praktisch veranlagten Jugendlichen finden hier passende Berufsbilder.

Selbst zweijährige Berufe zählen längst zum vorhandenen Angebot. Die etwa 40 bereits zugelassenen Ausbildungsordnungen dieser Art werden in der Praxis aber so gut wie nicht mehr in Anspruch genommen. In einer Arbeitsumwelt, in der nur auf olympiareife Mannschaften gesetzt wird, mag sich kaum jemand mehr die Mühe machen mit Jugendlichen, die sich mit dem Lernen schwer tun. Daß diese Mühe sich aber durchaus lohnt, zeigt die hohe Zahl behinderter oder benachteiligter Jugendlicher, die bei entsprechender Betreuung vollqualifizierende Ausbildungsabschlüsse erreichen. Sie brauchen nicht kürzere Ausbildungsgänge, sondern längere. Das Berufsbildungsgesetz liefert dafür schon jetzt die erforderlichen Handhaben. Handlungsbedarf besteht aber bei einer besseren Verzahnung der unterschiedlichen Fördermöglichkeiten. Die Bund Länder-Kommission für Bildungsplanung erarbeitet dafür derzeit einen Vorschlag.

Ende 1996 gab es rund 1,59 Millionen besetzte Ausbildungsplätze in Deutschland - gut 750000 weniger als Ende 1991. Größte Ausbilder sind Industrie, Handel und Dienstleistungsbereich mit zusammen 707000 Lehrlingen. Im Vergleich zu 1991 ist die Zahl der Lehrstellen allerdings kräftig zurückgegangen, und zwar um fast 20 Prozent. Noch größer war der Abbau von Ausbildungsplätzen im öffentlichen Dienst; hier ergab sich ein Minus von fast einem Viertel innerhalb von fünf Jahren. Auch in der Landwirtschaft war ein Rückgang von über zehn Prozent zu verzeichnen. Wesentlich mehr Ausbildungsplätze als früher stellen das Hand werk und die Freien Berufe zur Verfügung. Die Zahl der Handwerkslehrlinge erhöhte sich von 527300 im Jahr 1991 auf 626000 (plus 18,7 Prozent). Und bei den Freiberuflern ergab sich ein Zu wachs von 11,6 Prozent- von 143750 im Jahr 1991 auf 160400 im Jahr 1996. Globus