Zeitschrift

Bildungspolitik




Heft 4/97

Hrsg.: LpB

 

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Inhaltsverzeichnis

 


Weiterbildung muß alle erreichen

Zauberformel LLL: Lebenslanges Lernen

Neue Perspektiven und neue Formen lebenslangen Lernens

Von Günther Dohmen


Prof. Dr Dr h.c. Günther Dohmen ist em. Professor für Erwachsenenbildung / Weiterbildung an der Universität Tübingen, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung in FrankfurtlM. und Vorsitzender der Konzertierten Aktion Weiterbildung beim Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie.

Die Herausforderungen der Zukunftssicherung erfordern in bislang nie gekanntem Ausmaß Weiterbildung, lebenslanges Lernen und zwar für alle. Das kann nicht nur, nicht einmal in der Hauptsache, in schulähnlichen Einrichtungen geleistet werden. Gefragt ist mehr denn je Selbstständigkeit, Kreativität, Selbststeuerung. Ein lernfreudiges gesellschaftliches Klima ist erforderlich, in der sich Lerngruppen aus eigener Initiative treffen und wo über Datennetze die gewünschten Informationen jederzeit verfügbar sind. Hinzu kommen muß Lernen "en passant", durch Angebote im Alltag, auch beim Einkaufsbummel, in Freizeitparks, im Zug.
Red.

Lebenslanges Lernen - aber wie?
Neue Perspektiven zur Entwicklung des lebenslangen Lernens

Wechselnde Lebens- und Arbeitsbedingungen und steigende Anforderungen der Informationsgesellschaft erfordern laufen de Wissensauffrischung und Weiterbildung, welche neben der Bewältigung der Arbeitssituation auch der persönlichen Lebensbewältigung dienen. Lebenslanges Lernen aller - LLL -, das Leitziel der Bildungspolitik der OECD-Länder, beinhaltet neben permanenter Wissensvermittlung, v.a. konstruktive Wissenserarbeitung und gezielte Wissensnutzung. Lebenslanges Lernen muß vor allem aus eigenem An trieb kommen und selbstgesteuert auf die individuellen Voraussetzungen und Bedürfnisse abgestimmt sein. Selbstgesteuertes Lernen kann durch die Unabhängigkeit von äußeren Vorgaben, die Flexibilisierung hemmender Gewohnheiten und das Lernen in der Gruppe entwickelt und gefördert werden. Die gezielte Nutzung und Verstärkung des informellen Alltags Lernens sowie die Entwicklung einer "Lerngesellschaft", einer lernfördernden Umwelt, soll "Lifelong Learning for All" realisieren helfen. Den traditionellen Bildungseinrichtungen der Jugendbildung wird zunehmend die Aufgabe der Übermittlung von Grundlagen für ein lebenslanges Lernen zukommen, welche durch Weiterbildungsinstitutionen für Erwachsene unterstützt und weitergeführt wird. Es ist Zeit für einen Lern-Aufbruch und die Mobilisierung bisher ungenutzter menschlicher Fähigkeiten, wenn Deutschland die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen erfolgreich bewältigen möchte.

Die bisherigen Bemühungen sind weitgehend gescheitert

Wir wissen wohl alle, daß unser in der Jugend erworbenes Wissen heute so schnell veraltet, daß wir unser Leben lang weiter lernen müssen, um in einer sich ständig wandelnden Umwelt zurechtzukommen. Auch die bildungspolitische Konsequenz scheint klar: Ausbau der Weiterbildungsmöglichkeiten, so daß jeder auch nach Ende seiner Schulpflicht laufend durch Teilnahme an entsprechenden Weiterbildungsveranstaltungen sein Wissen auffrischen und neue Kenntnisse erwerben kann. In diesem Zusammenhang ist der Ausbau der Weiterbildung zu einem vier ten Hauptbereich des Bildungswesens neben Schule, Hochschule und Berufsausbildung richtig und notwendig. Aber dies reicht nicht aus, um das "Lifelong Learning for All", auf das sich die 25 Erziehungsminister der OECD-Länder im Januar 1996 als Leitziel ihrer künftigen Bildungspolitik verständigt haben, unter den gegebenen Bedingungen voll in die Praxis umzusetzen. Denn die Bemühungen, eine breitere Schicht der bisher bi dungsfernen, schulfrustrierten Erwachse nen zur freiwilligen Teilnahme an organisierten Weiterbildungskursen zu bewegen, sind weitgehend gescheitert, und es würde auch der notwendigen Bildung zur Selbstständigkeit widersprechen, wenn man die Bürgerinnen und Bürger ihr Leben lang durch pädagogisch organisier te Betreuungsveranstaltungen schleusen wollte - ganz abgesehen davon, daß dies auch kaum mit der notwendigen öffentlichen Sparpolitik vereinbar wäre.

Damit stellt sich die Frage nach neuen Formen des LLL,

  • die das Lernen mehr oder weniger aller Bürgerinnen und Bürger einbeziehen, die ein selbständigeres Leben fördern und
  • die den sich vervielfachenden und praktisch nicht finanzierbaren Aufwand für eine lebenslange institutionalisierte Weiterbildung für alle vermeiden.

Aus dieser Diskussion haben sich neue Perspektiven für eine erweiterte Konzeption des LLL ergeben. Was sich dabei herauskristallisiert hat, geht vor allem in zwei Richtungen über das Konzept der laufenden Wissensauffrischung durch eine lebenslange Erziehung (lifelong education) hinaus:

1. Das LLL wird nicht nur auf permanente Wissensvermittlung, sondern verstärkt auf eine gezielte Vermittlung von Schlüsselkompetenzen für eine konstruktive Wissensverarbeitung und gezielte Wissensnutzung der Lernenden selbst zur aktuellen Lebensbewältigung bezogen.

2. Diese neue LLL-Konzeption versucht, vor allem drei Bereiche stärker in die Entwicklung eines "lebenslangen Lernens aller" einzubeziehen.

  • das selbstgesteuerte Lernen,
  • das informelle Lernen und
  • die Entwicklung einer "Lerngesellschaft" .

Neue Sichtweisen und neue Kompetenzen sind gefordert

Die gängigen Zeitanalysen weisen ziemlich übereinstimmend darauf hin, daß wir uns in einer kritischen Umbruchphase befinden:

  • wirtschaftlich wegen der zunehmen den globalen Marktkonkurrenz,
  • arbeitsmarktpolitisch infolge steigen der struktureller Arbeitslosigkeit,
  • ökologisch durch die fortschreitende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen,
  • gesellschaftspolitisch infolge der wach senden Kluft zwischen arm und reich, einer steigenden Kriminalität und eines schleichenden Vertrauensschwunds gegenüber "den" Politikern, sowie
  • in Lebenseinstellungen und Lebensstilen aufgrund geänderter Wertvorstellungen und Verhaltensmuster.

Und es wächst auch die Einsicht, daß wir diesen Herausforderungen mit unseren bisherigen Denk- und Deutungsmustern und unseren bisher entwickelten Kompetenzen nicht gewachsen sind. D.h. wir brauchen offensichtlich neue Sichtweisen und neue Kompetenzen.

Besonders wichtig erscheinen in dieser Situation bestimmte "Schlüsselkompetenzen", z.B. die Fähigkeit

  • zu mehr selbständigem Denken, Entscheiden, Handeln und Verantworten, - zum offenen, flexiblen Eingehen aufveränderte Situationen und Anforderungen,
  • zu mehr Sensibilität, Fairness und Kompromißbereitschaft in Interessenkonflikten und demokratischen Einigungsprozessen,
  • zum Denken und Handeln in weiteren, mehr auf die Zusammenhänge und das Wohl des Ganzen bezogenen Bewußtseins- und Verantwortungshorizonten und
  • zum innovativen Lernen, d.h. zu einer problemlösungskonzentrierten und kreativen Informations- und Erfahrungsverarbeitung.

Solche Schlüsselkompetenzen sind aber heute nicht nur für eine Führungsschicht wichtig. Sie werden von allen gebraucht, die mit entsprechenden Anforderungen in der Arbeits- und Lebensweit und in einer fast grenzenlosen "Informationsgesellschaft" konfrontiert werden.

In der Wirtschaft gibt es einen weitgehenden Konsens darüber, daß Deutschland sich nur durch hervorragende Qualität, Innovation und Zuverlässigkeit in Produktion und Service auf einem Billiglohn Weltmarkt wirtschaftlich behaupten kann. Das setzt schnelles, intelligentes Reagieren auf wechselnde Anforderungen und Bedarfskonstellationen durch selbständig operierende Teams vor Ort und deren zuverlässig-kompetenten Beratungs-, Wartungs-, Reparatur- und Produktanpassungsservice voraus. Diese überzeugende Leistungsqualität ist nicht erreichbar ohne eine ständige breite Entwicklung der entsprechenden fachlichen, technischen, wirtschaftlichen, organisatorischen und kommunikativen Kompetenzen auf allen - besonders auch den "unteren", kundennahen, anforderungsnahen - Ebenen eines Unternehmens, einer Institution, einer Gesellschaft.

Diese notwendige Kompetenzentwicklung setzt aber eine permanente Lernbereitschaft voraus. Und die beruht auf einer interessierten Offenheit und Bereitschaft, sich engagiert auf neue Anforderungen und ihre konstruktive Bewältigung einzulassen.

Die steigenden Anforderungen der "Informationsgesellschaft"

Es sind aber nicht nur die veränderten Anforderungen in der Arbeitswelt, es ist auch die wachsende allgemeine Informationsflut, die zu erweiterten Ansätzen für ein LLL aller Menschen zwingt: Die schnelle konstruktive Verarbeitung und praktische Umsetzung von Informationen und ihr Einbringen in neue Problemlösungen bis hin zu ihrer intelligenten Nutzung für gesellschaftliche und wirtschaftliche Neuentwicklungen und soziale "Erfindungen" - sind wahrscheinlich heute die Schlüsselkompetenzen, die für unser humanes Überleben am wichtigsten sind. Die konstruktive Verarbeitung der Informationen, mit denen heute mehr oder weniger alle Menschen lebenslang konfrontiert werden, ist aber im Grunde nichts anderes als ein lebenslanges "Lernen". Wir lernen, indem wir Informationen, Eindrücke, Begegnungen, Erfahrungen wahrnehmen, sie vergleichend auf frühere Erfahrungen und die aus ihnen gewonnenen Einsichten und Vorstellungen beziehen und danach ggf. unsere Verständnismuster und Verhaltensweisen verändern - so daß wir mit neuen Erfahrungen, Situationen und Herausforderungen besser fertig werden können.

Wenn dieses Lernen als lebenslanges Informationsverarbeiten und Erfahrungsauswerten zur besseren Lebensbewältigung nicht bei allen Menschen so weit wie möglich entwickelt wird, droht in der Informationsgesellschaft eine Spaltung in Informierte und Uninformierte, Wissende und Unwissende, und es wächst insgesamt die Kluft zwischen schnellem wirtschaftlichen, technischen, kulturellen, sozialen gesellschaftlichen Wandel und zurückbleibender menschlicher Steuerungs- und Gestaltungsfähigkeit.

Kompetenzentwicklung in Herausforderungssituationen

Lernen wird umso eher die notwendigen Kompetenzen entwickeln,

  • je mehr es in Situationen stattfindet, zu deren Bewältigung die betreffenden Kompetenzen benötigt und herausgefordert werden und
  • je mehr es ein konstruktives Lernen ist, das neue bzw. neu kombinierte Kenntnisse, Einsichten, Fähigkeiten, wie sie jeweils in konkreten Lebens-, Arbeits-, Problemzusammenhängen herausgefordert werden, selbst konstruktiv erarbeitet.

Daraus ergibt sich als Konsequenz,

  • daß das lebenslange Lernen künftig mehr als ein aufgaben- und problembezogenes, entscheidungs- und handlungsbezogenes und damit auch als ein ganzheitlicheres, fachwissenschaftliche Grenzen übergreifendes Lernen konzipiert werden muß und
  • daß dem Lernen in praktischen bzw. simulierten Herausforderungssituationen, Projektsituationen, Entscheidungssituationen usw. - neben dem fachsystematischeren Lernen - eine besondere Bedeutung zukommen muß.

Das heißt: es wird zur zentralen Aufgabe einer modernen Bildungspolitik, "das lebenslange Lernen aller" in einer sich wandelnden Lebens-, Arbeits- und Medienwelt so zu fördern und weiterzuentwickeln, daß es sich mehr auf akute Lebens-, Problem-, Handlungs- und Entscheidungssituationen der Menschen bezieht. Der gezielte Ausbau eines reflektierten Erfahrungslernens in der Auseinandersetzung mit praktischen (z.T. auch "virtuellen" und simulierten) Herausforderungssituationen ist eine noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeit, die Schlüsselkompetenzen, die wir zur kreativen Bewältigung akuter Probleme und Krisen brauchen, in dem notwendigen breiteren Maße zu entwickeln.

Das heißt nicht, daß die systematische Bildungsarbeit durch das ad hoc-Lernen in praktischen Lebens- und Arbeitssituationen verdrängt oder geschmälert werden soll. Es heißt aber,

  • daß die Bildungs- und Weiterbildungsarbeit sich künftig stärker auf ein situations-, aufgaben- und problembezogenes Lernen (auch mit Hilfe von medial repräsentierten Herausforderungssituationen) konzentrieren muß und
  • daß die schulisch-unterrichtsartig organisierte Bildungsarbeit durch eine breitere Belebung des Lernens in verschiedenen Lernsituationen und an den verschiedensten Lernorten in der gesamten Gesellschaft wesentlich ergänzt, unterstützt und erweitert werden muß.

Bei diesem stärker auf Probleme und Herausforderungssituationen bezogenen kompetenzentwickelnden Lernen soll es nicht einseitig nur um praktische Probleme der Berufswelt und des ökonomischen Konkurrenzkampfes gehen. Da in breiterem Maße alle menschlichen Begabungspotentiale für eine offene Zukunft entwickelt werden müssen, sind besonders auch soziale, kommunikative, kulturelle, künstlerische und ethische Kompetenzen und die Entwicklung von Sensibilität und Verantwortungsgefühl für menschliche Beziehungen, persönliche Sinnfindung und Gemeinwohl wichtig. Und auch diese humanen Schlüsselkompetenzen können besonders wirksam in der Auseinandersetzung mit praktischen und simulierten, (auch z.B. in Kunst und Literatur repräsentierten) Fällen, Problemen, Krisensituationen etc. entwickelt werden.

Selbständigkeit, Kreativität, Selbststeuerung

Eine Grundlage für die Entwicklung der jetzt besonders notwendigen Schlüsselkompetenzen ist das persönliche Streben nach selbständigem Denken und Urteilsbilden. Der Wille, sich als Person mit eigenem Denken und eigenem Gewissen zu behaupten und sich nicht zum Spielball unverstandener Wirkungszusammenhänge machen zu lassen, ist wohl das wichtigste Grundmotiv für ein LLL, das sich dann auch vor allem als Selbstlernen aus eigenem Wissens- und Erkenntnisdrang manifestiert. Wer die eigene Identitätsbildung und die Entwicklung der eigenen Kompetenzen zur Lebensmeisterung in einer kritischen Umbruchphase der modernen Welt selbst voranbringen will, der wird konsequenterweise auch seine dazu nötigen Lernprozesse so weit wie möglich selbst zu steuern versuchen. Das gilt insbesondere für das Weiterlernen Erwachsener. Ihre zu nehmende Selbständigkeit auch im Lernen muß ein Hauptziel aller Weiterbildungsbemühungen sein, denn sie zu mündigen, selbst denkenden und verantwortungsbewußt entscheidenden Bürgerinnen und Bürgern zu machen, ist ja ein grundlegendes pädagogisches Leitprinzip in unserem freiheitlich-demokratischen Kulturzusammenhang. Wenn man Kreativität als die Fähigkeit, etwas Neues zu denken und zu schaffen d.h. im wesentlichen als Innovationskompetenz versteht, dann können die Ziele, Inhalte und Methoden der Lernprozesse, die zur Entwicklung dieser Kompetenz führen sollen, nicht verbindlich vorgegeben werden. Wie soll dieses Lernen denn im Rahmen eines belehrenden Hinführens zu vorher bekannten Ergebnissen zur Entwicklung neuer Vorstellungen, Erkenntnisse und Problemlösungen führen?

Das vom Club of Rome geforderte innovative Lernen muß durch offene Problemkonfrontationen zu neuen Denkansätzen, zur Erschließung neuer Sinn- und Nutzungszusammenhänge und zu entsprechenden Veränderungen vertrauter Strukturen, Deutungsmuster und Verhaltensdispositionen und damit auch zum Aufbrechen eingefleischter Gewohnheiten angeregt werden. Ein kreativitätsentwickelndes Lernen kann deshalb nicht von alles schon wissenden Lehrern geleitet, geschweige denn in festgelegten Lernschritten gegängelt werden. Es muß von den zu eigenem kreativem Suchen und Denken herausgeforderten Lernern so weit wie möglich selbst gesteuert werden können.

Wir müssen uns dabei von der Vorstellung freimachen, Kreativität sei vor allem die Sache von Genies, Künstlern, Erfindern, Wissenschaftlern und anderen "Geistesheroen". Ansätze zur Kreativitätentwickeln sich in vielen alltäglichen Lernprozessen, wenn bei der Verarbeitung neuer Informationen und Anforderungen Verständnishorizonte erweitert, Einsichten ausdifferenziert und neue Vorstellungen und Deutungen entwickelt werden.

In einer pluralistisch-offenen Welt, in der es keine verbindlichen Weltanschauungen, Leitbilder und Lebensstilmuster mehr gibt, und in der niemand mehr den nöti gen Gesamtdurchblick und ein übergreifendes Problemlösungskonzept hat, muß jeder lernen, sich selbst zu orientieren und die Zusammenhänge, in denen er lebt, verständig und verantwortungsbewußt mitzugestalten. Jeder muß sich dazu natürlich auch gemeinsam mit anderen Lernern - einen Weg bahnen durch eine verwirrende Vielfalt von Informationen, Angeboten, Wegen, Ideologien, d.h. er muß lernen, sein Leben und sein Lernen selbst zu steuern, um sich als Person in seiner Welt zu behaupten. Wo das "Top down"-Dirigieren am Ende ist, gewinnen die "Bottom-up"-Initiativen eine überlebenswichtige Bedeutung.

Dies ist eine wesentliche pädagogische und gesellschaftliche Begründung dafür, daß ein zeitgemäßes LLL nicht als lebenslanges pädagogisches Geführt- und Betreutwerden, d.h. nicht als lebenslange Erziehung verstanden und ganz in von an deren organisierten Bildungsveranstaltungen praktiziert werden kann, sondern daß es zu einem wesentlichen Teil von den Lernern selbst gesteuert werden muß. Das "selbstgesteuerte Lernen" ist aber kein völlig autonomes Lernen. Lernen ist immer Verarbeiten von Eindrücken, Erfahrungen, Anregungen, die von außen kommen. Wichtig ist aber in diesem Andrang von außen eine geistige Selbständigkeit, die sich nicht als "Autonomie" abschließt bzw. überfordert, sondern sich im Selbst steuern des eigenen Lernens durch ein vielfältiges Netz von Lernanforderungen, Lerngelegenheiten und Lernangeboten behauptet. Das kann man sich so ähnlich vorstellen wie Autofahrer ihre Wagen durch ein vorhandenes Straßennetz steuern, d.h. über Fahrziel, Fahrzeit, Abstecher etc. selbst entscheiden, aber dabei die von anderen organisierten Wege, Verkehrsschilder, Tankstellen, Raststätten, Werk Stätten etc. nutzen.

Die Selbststeuerung des Lernens durch die einzelnen Lernen oder Lerngruppen nach ihren jeweiligen Interessen, Bedürfnissen und Voraussetzungen ist zugleich ein wichtiger Ansatz, um die notwendige Individualisierung des Lernens, die in fremd organisierten Kursangeboten für größere Gruppen kaum angemessen ermöglicht werden kann, zu erleichtern.

Wenn ich die Auswahl dessen, was ich lerne, die Art, wie ich Informationen verarbeite, und die Hilfen, die ich dafür in Anspruch nehme, im wesentlichen selbst steuere, dann kann ich mein Lernen jeweils selbst besser auf meine persönlichen Bedürfnisse und Voraussetzungen beziehen als wenn sich mein Lernen als Reaktion auf ein von anderen Belehrt- und Angeleitetwerden entwickelt.

Möglichkeiten und Ansätze zur Entwicklung des selbstgesteuerten Lernens

Wenn das selbstgesteuerte Lernen besonders als adäquate Form des Weiterlernens mündiger Erwachsener betont wird, dann stellt sich natürlich die kritische Frage: Ist die Umstellung auf ein stärker von den Lernern selbst gesteuertes Lernen nicht eine unangemessene Überforderung für die meisten Menschen?

Diese Frage ist m. E. heute weder durch theoretische Reflexionen noch durch auf den Status quo bezogene empirische Untersuchungen schlüssig zu beantworten. Wenn aber die Notwendigkeit von mehr selbstgesteuertem Lernen im Rahmen einer breiteren Umsetzung des lebenslangen Lernens eingesehen wird, dann soll ten wir uns zunächst einmal fragen: Wie kann das selbstgesteuerte Lernen in Zukunft besser entwickelt und gefördert werden?

Dazu gibt es wohl vor allem drei wichtige Ansätze:

  • Die stufenweise Hinführung zu einem immer unabhängiger werdenden Lernen,
  • die Flexibilisierung hemmender Gewohnheiten und
  • das gemeinsame Lernen in selbstorganisierten Lernergruppen.

Man kann das selbstgesteuerte Lernen lernen, indem man schrittweise unabhängigen von äußeren Vorgaben zu lernen versucht. Eine wichtige Stufe auf diesem Weg ist das Lernen, das sich zwar mit vorgegebenen Zielen und Inhalten bzwl. Materialien aber in eigener Zeiteinteilung und ortsunabhängig vollzieht - wie z.B. beim Fernstudium. Dies läßt sich dann bis zur völligen methodischen Unabhängigkeit weiterentwickeln, bei der die Lernen ihre gesamte Lernstrategie, einschließlich der Lernkontrolle, selbst bestimmen. Schließlich kann die Selbststeuerung sich auch auf die Ziele und die Inhalte des Lernens beziehen. D. h., die Lernen suchen sich nach selbstgesetzten Zielen die Inhalte, die methodischen Möglichkeiten, die Lernmaterialien und die Hilfsangebote aus und steuern so ihre Lernprozesse in einer vielfältigen Lernumwelt selbst.

Das ist allerdings wohl nicht in breiterem Umfang möglich

  • ohne die Entwicklung thematisch abgegrenzter Lernbausteine (Lernmodule), die von den Lernenden nach ihren Bedürfnissen selbst ausgewählt und kombiniert werden können,
  • und den Ausbau einer das Selbstlernen anregenden und erleichternden Lernerumwelt.

Je unabhängiger von direkter Belehrung und Erziehung das Lernen wird, desto freier und mündiger werden die lernen den Menschen - und desto mehr werden "Lehrer" zu Moderatoren, Organisatoren, Facilitatoren, Beratern, die selbstgesteuerte Lernprozesse unterstützend begleiten. Das notwendige innovative Lernen setzt Offenheit für Neues und Bereitschaft zum Ausbrechen aus alten Gewohnheiten vor aus. Das ist schwierig, weil es Verlust von vertrauter Sicherheit bedeutet. Gewohnheiten entlasten von immer neuen Überlegungen und Entscheidungen in den täglichen Lebensvollzügen. Es ist sicherer und bequemer, im gewohnten Bereich eingeschliffener Routinetätigkeiten zu bleiben als sich immer wieder für Neues zu öffnen, von sich aus neue Informationen zu verarbeiten und die eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu verändern. Das Festhalten an Gewohnheiten und verkrusteten Ordnungen kann aber das Weiterlernen aus eigener Initiative verhindern.

Eine Möglichkeit, Blockaden eines selbst gesteuerten Lernens durch erstarrende Gewohnheiten aufzubrechen, ist die Flexibilisierung dieser Gewohnheiten. Dazu muß das, "was wir doch schon immer so gemacht haben", immer wieder bewußt variiert werden - sei es spielerisch im "Durchspielen" verschiedener Annahmen und Möglichkeiten, sei es strategisch im gezielten Erproben von Verbesserungen. Dieses Auflockern von Gewohnheiten soll die nötigen Spielräume und den eigenen Gestaltungswillen öffnen für neues Lernen und für das bewußte Selbststeuern des eigenen Lernens - und des eigenen Lebens.

Ein immer wiederkehrendes Argument gegen das Selbstlernen weist auf die drohende Vereinzelung und Vereinsamung des individuellen Lernens hin. Gerade viele Lernerinnen, so wird gesagt, kommen z.B. nicht primär deshalb in die Volkshochschule, um etwas zu lernen, sondern wegen der Möglichkeit, andere Menschen zu treffen und mit ihnen zu kommunizieren. Selbstgesteuertes Lernen heißt aber nicht isoliertes Lernen. Die Zusammenarbeit und die wechselseitige Unterstützung in selbstorganisierten Lernergruppen ist sogar eine besonders erfolgreiche Form des selbstgesteuerten Lernens.

Wichtig ist dabei, daß es sich nicht um Gruppen handelt, die von überlegenen Experten geleitet werden, sondern daß sich Menschen mit gleichen Lerninteressen als gleichgestellte Partner zusammen finden, ihre Lernprozesse im offenen Gedankenaustausch selbst organisieren und die Hilfe von Experten nur jeweils gezielt bei Bedarf in Anspruch nehmen.

In der beruflichen Weiterbildung entwickeln sich dazu besonders die betrieblichen Arbeitsteams, "Qualitätszirkel" etc., die komplexe Produktionsprozesse bis zur Endkontrolle verantwortlich selbst steuern und laufend zu verbessern versuchen und die dabei auch die notwendigen gemeinsamen Lernprozesse selbst steuern.

Eine besondere Variante des selbstorganisierten Lernens in Teams können auch kleinere Lernpartnerschaften sein, in denen nach dem "Tandemprinzip" jeweils zwei Lernen zusammenarbeiten und sich wechselseitig motivierend und weiterhelfend in ihren je eigenen Lernprozessen unterstützen.

Grundsätzlich kann beim selbstgesteuerten Lernen in Teams jeder partiell zum Coach und Lernhelfer für seine Lernpartner werden.

"Alltagslernen" oder jeder lernt jeden Tag

Die Faune-Kommission hatte geschätzt, daß mehr als 70 % der menschlichen Lernprozesse außerhalb von organisierten Bildungsveranstaltungen stattfinden. Trotz dem haben sich die öffentliche Aufmerksamkeit und die Förderung durch Pädagogen und Bildungspolitiker bisher ziemlich einseitig auf das spektakulärere Lernen in schulartigen Bildungsinstitutionen konzentriert. Auch die meisten Menschen in Deutschland assoziieren heute noch "Lernen" primär mit lehrerabhängigem schulischem "Erledigungslernen".

Tatsächlich gibt es aber das "lebenslange Lernen für alle" bereits als "Alltagslernen", das alle Menschen immer schon ohne pädagogische Belehrung, Betreuung und Organisation praktizieren wenn sie nämlich versuchen, Informationen, Eindrücke, Begegnungen, Erfahrungen auf ihre bisher entwickelten Vorstellungen und Deutungsmuster zu beziehen und aus diesen Verarbeitungsprozessen Schlüsse und Verhaltenskonsequenzen zu ziehen. Das "lebenslange Lernen aller" braucht also nicht als etwas ganz Neues eingeführt zu werden. Es existiert schon als eine Art natürliches Selbstlernen in persönlichen Lebens-, Arbeits- und Medienzusammenhängen.

Die Anknüpfung an dieses allen bereits mehr oder weniger vertraute (aber oft gar nicht bewußte) informelle Lernen bietet deshalb eine noch kaum genutzte Chance, auch bisher nicht in unsere Bildungsveranstaltungen kommende Menschen und Gruppen zum kontinuierlicheren weiterführenden Lernen zu bewegen. Das informelle situative Lernen ist meist anlaßbezogen-zufällig-bruchstückhaft-unsystematisch. Es bedarf deshalb des zusammenhangsuchenden "Am Ball Bleibens" und Nachfassens. Es genügt nicht, sich jeweils von einem Lernanstoß zum nächsten treiben zu lassen. Wirksame Lernprozesse müssen konsequenter ziel bezogen gesteuert werden.

Es ist deshalb eine akute Herausforderung für jederman, diese vielfach unbewußten Lernprozesse im Alltag bewußt wahrzunehmen und zu steuern. Und es ist eine zentrale Herausforderung für alte Pädagogen, dieses informelle Lernen mehr oder weniger alter Menschen in praktischen Lebensvollzügen aufzugreifen, anzuerkennen, zu unterstützen und den Lernern zu helfen, es zu ergänzen und auf umfassendere Wirkungs- und Sinnzusammenhänge zu beziehen.

Dazu gilt es wohl zunächst einmal bewußt zu machen,

  • wie weit wir schon im Alltag mehr oder weniger selbstverständlich und selbst gesteuert lernen, um in unserer sich ständig ändernden Lebens- und Arbeitswelt zurechtzukommen, und
  • wie sehr es jetzt notwendig ist, dieses "natürliche" Selbstlernen weiterzuentwickeln, damit es ermöglicht, uns auch in größeren, komplexeren Zusammenhängen zurechtzufinden und in immer globaleren Wirkungskonstellationen und Herausforderungssituationen unsere Selbstbestimmung und Partizipationsmöglichkeit zu erhalten und gemeinsam eine friedliche Zukunft zu sichern.

Die Demokratisierung der Bildung bekommt dadurch eine neue Dimension: Neben dem Zugang aller zu einer grundlegenden schulischen Bildung und organisierten Weiterbildung wird die angemessene Erleichterung, Unterstützung und Weiterführung des informellen Selbstlernens aller Menschen in ihrer täglichen Arbeits-, Lebens- und Medienwelt wichtig für eine Sicherung gleicher Bildungschancen.

"Bildung aus dem Netz"

Die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien eröffnen neue Möglichkeiten

  • zur Erweiterung menschlicher (Sekundär-)Erfahrungsmöglichkeiten und da mit des Erfahrungslernens,
  • zum zeit-, orts- und lehrerunabhängigeren Lernen außerhalb von Bildungsinstitutionen,
  • zur unmittelbaren Unterstützung eines selbstgesteuerten Lernens "just in time" durch ad hoc abrufbare Informations- und Lernhilfen,
  • zur "virtuellen" Kommunikation mit Lernpartnern und Experten und
  • zum direkteren, weniger auf lineare Lehrgangsfolgen, sondern mehr auf Netzwerke mit vielfältigen Einstiegs-, Umstiegs- und Kombinations-Knoten punkten bezogenen Lernen.

Besonders das Einspielen von lebenspraktischen Lernherausforderungs-Situationen mit Hilfe von Video-Disketten, CD ROM etc. ist eine der wesentlichsten Möglichkeiten, ein lebensnäheres Lernen in reflektierender Auseinandersetzung mit (virtuellen) Erfahrungen zu entwickeln. Damit kann ein alter pädagogischer Traum verwirklicht werden: zu lernen in praktischen Anforderungssituationen und dabei doch die Grenzen der eigenen Primärerfahrungswelt fast beliebig zu überschreiten. Und dabei werden zu gleich die Abgrenzungen der Fachdisziplinen überwunden, und es wird ein Lernen in fachübergreifenden Lebensdimensionen und Problemzusammenhängen her ausgefordert und erleichtert.

Die über diese Multi-Media-Möglichkeiten hinausführenden Ansätze zur Nutzung der elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten im Internet bzw. World Wide Web sind z. Zt. wohl noch nicht so entwickelt, daß sie in breiterem Maße für das lebenslange Lernen genutzt werden können. Dies verstärkt die Gefahr, daß diese moderne Technologie nur von einer Minderheit der Gesamtbevölkerung genutzt werden kann und daß dies zu einer neuen Kluft zwischen Wissenden und Nichtwissenden, sich mit ihrem Fachjargon abhebenden Internet-Kundigen und sich als elektronische Analphabeten fühlenden Normalbürgern führt. Erst wenn die neuen Technologien so einfach zu bedienen sein werden wie heute ein Telefon oder .ein Auto, werden sie für breitere Bevölkerungskreise die nötigen Unterstützungen für ein selbstbestimmtres LLL, bringen.

Andererseits eröffnen sich mit dem freien Lernen in weltweiten Informations- und Kommunikationsnetzen faszinierende neue Dimensionen für das Selbstlernen: Der Lerner kann mit einer akuten Frage direkt in ein weites Informationsnetz hin eingehen und dann von jedem Punkt aus, der ihn interessiert, weitergehen. Er kann "just in time" die notwendigen Hilfen für sein Lernen in einem aktuellen Anforderungszusammenhang abrufen, und er kann dazu auch "virtuell" Experten her anholen, die für ein gerade verfolgtes Problem wichtige Hinweise geben können sofern es diese Experten gibt und sie im Netz abrufbar sind.

Daß es z. Zt. für die Unterstützung und Weiterführung des informellen Lernens mit Hilfe dieser technologischen Möglichkeiten noch nicht im nötigen Maß die er wünschte bedienungsfreundliche Hard Ware, lernfördernde Software und kompetente Beratung gibt, ist auch ein Symptom dafür, wie wichtig eine breitere Kreativitäts-, Flexibilitäts- und Kompetenzentwicklung bei uns ist.

Lernen muß gesellschaftlich angeregt und unterstützt werden

Die "Selbststeuerung" darf nicht zur Überforderung der Menschen werden. Eine selbständigere lernende Auseinandersetzung mit sich weitgehend ändern den Lebenssituationen kann in dem notwendigen breiteren Maße nur realisiert werden in einer lernfördernden Umwelt, die die nötigen Rahmenbedingungen, Lerngelegenheiten, Lernanreize, Ermutigungen, Belohnungen und Unterstützungen für das Selbstlernen und für kooperatives selbstorganisiertes Lernen bietet. D.h. dieses Lernen muß auch gesellschaftlich angeregt, erleichtert und unterstützt werden - und es muß sich lohnen. Das läuft vor allem auf die Entwicklung einer sogenannten "Lerngesellschaft" hinaus, deren Hauptkennzeichen besonders fördernde Rahmenbedingungen und Stützfaktoren für ein lebenslanges kompetenzentwickelndes Lernen möglichst aller Menschen und entsprechende Kompetenznutzungsmöglichkeiten in allen Lebensbereichen, Lebenslagen und Lebens altern sind.

Zur Realisierung einer modernen "Lerngesellschaft" müssen

  • interessante Lernmöglichkeiten in allen Lebensbereichen bewußt gemacht wer den,
  • Lerngelegenheiten in den verschiedensten Erfahrungs- und Tätigkeitszusammenhängen erschlossen werden und
  • entsprechende Lernprozesse bei Bedarf direkt und wirksam unterstützt wer den.

Lernen verbunden mit Freizeitaktivitäten

Das Hauptumsetzungsfeld ist dabei die Kommune. Im einzelnen ist dazu viel pädagogisch-didaktische und organisatorische Phantasie notwendig, aber es gibt auch schon interessante, anregende Umsetzungsbeispiele. Zum Beispiel zur Verbindung des Lernens mit anderen Lebenstätigkeiten - wie etwa dem Stadt- und Einkaufsbummel:

In dänischen Einkaufszentren gibt es z.B. "Lernläden", in denen man sich über Lernmöglichkeiten, Lernmaterialien, Lernhilfen orientieren, sie ansehen, ausprobieren, aber auch sich beraten lassen und adäquate Hardware und Software mit Kundenservice erwerben, leasen oder aus leihen kann.

In letzter Zeit sind auch in Kaufhäusern, Bibliotheken, Buchhandlungen, Schulen etc. sog "Lerninseln" entstanden, in denen Passanten sich unter fachkundiger Anleitung mit verschiedenen PC-Programmen vertraut machen und in lockeren Gesprächsgruppen über verschiedene Lerninteressen, Lernbiographien, Lernprobleme diskutieren können. Diese Lerninseln werden z.T. auch von Schülern und Studenten betreut unter dem Motto: Jung hilft Alt. Interessante Lernmöglichkeiten ergeben sich auch aus einer vertieft aufklärenden Verbraucherberatung. In einigen der Städte, die sich zur International Association of Educating Cities zusammengeschlossen haben (Barcelona, Göteburg, Genf und rund einhundert andere Städte) werden an interessanten Plätzen, Halte stellen, Gebäuden, Ausflugszielen etc. Informationstafeln, Abrufsäulen, Ratgebertelefone etc. eingerichtet, die auf aktuelle Lernmöglichkeiten, Ausstellungen, kulturelle Ereignisse, Feste usw. hinweisen und Orientierungsanstöße über interessante Gebäude, Entwicklungen, geschichtliche Hintergründe und über weitere Informationsmöglichkeiten geben.

Im Zusammenhang mit Reisen, Fahrten, Wanderungen gibt es eine Fülle von Möglichkeiten einer Verknüpfung mit Lernprozessen:

Es gibt Bahnhöfe, in deren Hallen und Warteräumen Videofilme über Verkehrsentwicklungen und -Probleme oder über besondere Reisemöglichkeiten, lohnende Reiseziele etc. gezeigt oder besondere Lernmärkte eingerichtet werden mit Informationsständen, freundlichen Berate rinnen, PC-Plätzen, meist auch mit Imbiß und Getränkeständen und Stehtischen zum Plaudern.

Es gibt z.T. auch schon besondere Bildungszüge und Internetzüge bzw. Lern und Internetabteile und -Plätze, auch Gruppenarbeitswaggons mit Kommunikations-Laptops. Vielleicht wird man künftig in solchen Zügen verschiedene Plätze auch nach thematischen Interessenschwerpunkten reservieren können, um interessante Lernmöglichkeiten und Lern Partner zu finden. Dazu gehören auch Wagens, die nur für Frauen reserviert sind und in denen Frauen spezifische Lern- und Laufbahnberatung, Stellenvermittlung für Wiedereinsteigerinnen, Aufklärung über geeignete Weiterbildungsmöglichkeiten, Kommunikations-, Selbstbewußtseins- und Konfliktberatungen etc erhalten und gleichinteressierte Gesprächspartnerinnen finden können.

Wichtige Lernanstöße werden bei Bahn-, Bus-, Schiffs und Flugreisen auch durch Ansagen oder Informationsblätter über die Landschaften, Städte, Länder durch die oder zu denen man fährt, gegeben. Einige Reiseunternehmen bieten auch besondere Background Tours an, bei denen z.B. Journalisten mitfahren, die aktuelle politische, wirtschaftliche, kulturelle oder auch kriminelle Hintergründe eines Landes, einer Stadt etc. recherchiert haben und dies interessierten Menschen unmittelbar vermitteln möchten.

Weit verbreitet sind auch die Lernmöglichkeiten in Cafes und Restaurants - von einfachen Informationen auf Kartonunterlagen für das Gedeck bis zu Ausstellungsvitrinen und PCs zur Internet-Nutzung. Da wird z.B. über die Geschichte und die wirtschaftlichen Hintergründe des Lokals, über Tee- und Kaffeeproduktion, Bierbrauen, naheliegende historische Gebäude, Brücken und Handelswege etc. in formiert und jeweils auf weiterführende Lernmöglichkeiten hingewiesen. Besonders zukunftsträchtig sind wahrscheinlich die Verbindungen von Freizeitaktivitäten und Lernmöglichkeiten, wie sie sich z.B. in Freizeitparks, Gesundheitsparks, Tierparks, Landschaftsparks, Spielparks, Ausstellungsparks etc. entwickeln. Hier kann man sich beliebig aufhalten, sich über interessante biologische, ökologische, kulturelle und politische Zusammenhänge in formieren, auch Speisen und Getränke verschiedener Länder versuchen und dabei etwas über deren kulturelle Hintergründe erfahren, virtuelle Videoreisen zu verschiedenen Städten, Ländern, Museen usw. machen oder bestimmte "Lernparcours" zum Bewußtmachen von Zusammenhängen zwischen den verschiedensten Alltagstätigkeiten und den dazu notwendigen Lernprozessen absolvieren. Dazu gehören auch besondere biologische oder ökologische Lernpfade und Wanderwege, Freilichtmuseen etc. meist auch mit einladenden Möglichkeiten zum geselligen Zusammensitzen und Abrufen weiterer Informationen. Gemein sam ist diesen Ansätzen, daß geistig nicht ganz ausgefüllte Zeiten des Wartens, Reisens, Essens, Einkaufsbummelns etc. durch Lernmöglichkeiten angereichert werden. Dazu kommen vielfältige Lernmöglichkeiten an Arbeitsplätzen, die durch job rotation, job-enrichment, learning by mutual coaching, "Qualitätszirkel", periodische Wechsel von Führungspositionen etc. zu Lernorten mit erweiterten Lernmöglichkeiten im Arbeitszusammenhang werden können.

Wichtige Stützpunkte für diese Lernverbände sind natürlich die Bildungseinrichtungen und Bildungsexperten, die aus ihren Institutionen herausgehen und das Lernen in den verschiedensten Lebenszusammenhängen erschließen und dazu z.B. Lernbörsen, Lernausstellungen, Lernberatungen, Infotheken, Lernfeste, Lernparcours etc. organisieren. Bei einem solchen "Lernparcours" können z.B. in einer Gemeinde oder einem Stadtteil die Anforderungen und Tätigkeiten im Alltag vorgestellt werden, für deren kompetente Bewältigung bestimmte Lernprozesse entwickelt werden müssen. Im täglichen öffentlichen Nah- und Fernverkehr, in Produktions- und Versorgungsbetrieben, Ämtern, Werkstätten, Krankenhäusern, Restaurants und in ganz normalen Haushalten, in Internet-Cafes und an vielen PC Plätzen und Infoständen, in Ausstellungsräumen mit praktischen Vorführungen und Übungen, in Gesprächsrunden und Forumsveranstaltungen können alltägliche Lernprozesse bewußt gemacht wer den.

Insbesondere die Volkshochschulen könnten in diesem Zusammenhang zu Zentren für die Bewußtmachung und Erschließung, aber dann auch die Unterstützung und Weiterführung aller Formen des Lernens und der menschlichen Kompetenzentwicklung in der Kommune werden. Dazu müssen die klassischen pädagogischen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter/ innen für Lehren, Unterrichtsplanung und Curriculumentwicklung ergänzt werden durch entsprechende Managementkompetenzen für die flexible und effektive Organisation von ad hoc Lernangeboten und Lernhilfen in allen Lebensbereichen.

Konsequenzen für die Schule

Im Zusammenhang einer weiteren, das selbstgesteuerte Lernen, das informelle Lernen und die Lerngesellschaft einbeziehenden Konzeption für die Umsetzung eines lebenslangen Lernens für alle verlieren die traditionellen Bildungsinstitutionen zwar eine Quasi-Monopolstellung bei der Förderung des menschlichen Lernens, ihnen kommen aber wesentliche - alte, veränderte und neue - Funktionen zu. Familienerziehung, Kindergarten, Vorschulerziehung und Jugendschulen wer den sich in Zukunft stärker auf die Vermittlung einer grundlegenden Bildung für ein lebenslanges Weiterlernen konzentrieren müssen. Statt einer breiten Fülle von schnell veraltendem Einzelwissen brauchen die lebenslang weiterlernenden Menschen mehr Vertrautwerden mit Grundstrukturen und Zusammenhängen, Denk- und Deutungsmustern, Sicht weisen und Auffassungsformen zur verständigen Verarbeitung akuter Situationen, Erfahrungen und Herausforderungen. Und vor altem müssen in der Jugend die natürliche Neugier der Kindheit und die Motivation zum Wissen- und Lernen wollen erhalten und gefördert werden. Versagensängste und Ausschlußerfahrungen führen zu einem Schulfrust, der zum allgemeinen Lernfrust werden kann. Für die Freude am Lernen sind Lernerfolgserfahrungen besonders wichtig.

In diesem Zusammenhang müssen die klassischen Einbahnstraßen des Bildungsaufstiegs und Berechtigungserwerbs (über Gymnasium, Abitur und Hochschu studium) in eine offene Vielfalt gleichwertiger Lernwege einbezogen werden. Die Bildungskommission Nordrhein-West falen hat in ihrer Denkschrift aus der modernen Konzeption des lebenslangen Lernens entsprechende Konsequenzen für die Schule der Zukunft gezogen:

Danach müssen sich Schulen und Bildungsinstitutionen in Zukunft stärker dar auf konzentrieren,

  • anwendungsbezogen-handlungsorientierte, auf relevante Lebenserfahrungen und Lebensprobleme bezogene Lernprozesse zu ermöglichen, anzuregen, zu unterstützen und zu beurteilen,
  • durch "aufforderungsstarke Lernsituationen" die Neugier zu wecken, vielfältige Möglichkeiten zu explorativer Eigentätigkeit zu bieten und "die Voraussetzungen für einen hohen Anteil von selbstregulierten Lernen" zu schaffen und
  • as neue pädagogische Konzept einer "reflektierten Selbststeuerung" des Lernens nicht mehr auf die traditionellen Schulfächer einzuengen, sondern auf relevantere fachübergreifende Dimensionen, Perspektiven, Grundsituationen zu beziehen, "in denen wir

Wirklichkeit erfahren, erkennen und gestalten".

Als wichtigste dieser neuen Lerndimensionen oder Lernzugänge zur Wirklichkeit werden von der Kommission vorgeschlagen: Identität und soziale Bindung, Tradition und Weltbilder, Natur und gestalten der Umgang mit ihr in Kultur, Kunst und Medien, Sprache und Kommunikation, Beruf, Arbeit und Wirtschaft, Demokratie und Partizipation sowie Ökologie.

Die Weiterbildungsinstitutionen müssen sich stärker am lebenslangen Lernen ausrichten

Was bedeutet eine Ausweitung der Lernentwicklung und Lernförderung Erwachsener, die derart über den klassischen Bereich der organisierten Weiterbildung hinaus fährt, für die Weiterbildungsinstitutionen? Sie werden sich - wie alle Bildungsinstitutionen - in Zukunft stärker auf die Fundierung, Unterstützung und Weiterführung des lebenslangen Lernens einstellen müssen. Die Weiterbildungseinrichtungen und Weiterbildungsmitarbeiter müssen sich dazu für die verschiedensten Formen des Lernens Erwachsener öffnen und sie mit zu entwickeln und zu unterstützen versuchen - und zwar nicht nur als Anknüpfungs- und Abholpunkte für die eigenen Lehrgänge, sondern auch als legitime eigene Formen menschlichen Lernens, für die in allen Lebens- und Tätigkeitsbereichen Lernanlässe, Lernmöglichkeiten und Hilfen zum Verstehen von Strukturen und Zusammenhängen erschlossen werden müssen. Gerade die Weiterbildungsinstitutionen haben jetzt die Chance, in einer breiteren kulturellen Lernbewegung zu Zentren für die Bewußtmachung und Erschließung und auch für die Unterstützung und Weiterführung der verschiedensten Formen des Lernens und der menschlichen Kompetenzentwicklung zu werden. Die offenen, nicht planmäßig organisierten Lernprozesse brauchen eine behutsame Unterstützung durch Weiterbildungsinstitutio nen und ihre Experten. Denn es darf nicht bei vielfältigen Lernanregungen bleiben, die von den "Kunden" immer nur angetippt werden, bis man zur nächsten Information bzw. zum nächsten "Hit" springt, sondern die jeweils erschlossenen Lernmöglichkeiten müssen auch zu kontinuierlicheren Lernprozessen führen, in denen die angerissenen Fragen und Probleme im Zusammenhang konzentriert weiter verfolgt werden können.

Diese Lebenshilfe-Funktion ist besonders wichtig für die Motivation zum lebenslangen Lernen. Ebenso wichtig wird es auch, daß der Zugang zu den vielfältigen Lernmöglichkeiten in einer sich entwickelnden Lerngesellschaft jedermann - auch den Bildungsbenachteiligten, technisch Un kundigen und Finanzschwachen - durch Informations-, Medien- und Beratungsdienste ermöglicht bzw. erleichtert wird.

Lernen kompakt und Lernen "en passant"

Es gibt in diesem Zusammenhang zwei wichtige Trends, auf die sich die Weiterbildungsinstitutionen einstellen müssen:

  • Auf der einen Seite wird das knappe konzentrierte Lernen in Kompaktveranstaltungen gefordert, d.h. ein plan mäßig organisiertes, zusammenhängendes, zeitlich komprimiertes Lernen mit möglichst direkter Vermittlung des Wesentlichsten, das unmittelbar praktisch verwertbar ist.
  • Auf der anderen Seite gibt es eine Tendenz zum Lernen als eine Art anregen des Lebenselixier in den verschiedensten Lebensbereichen und Tätigkeiten, ein stärker mit Erlebnis, Begegnung, Erkundung, Handlung und Unterhaltung verbundenes learning en passant, das man selbst je nach den eigenen Interessen mitnimmt bei der Arbeit, im Verkehr, beim Einkauf, in der Nachbarschaft, beim Theater-, Museums- Festbesuch oder beim Fernsehen und Internetsurfen.

Beide Tendenzen sind Herausforderungen für die Weiterbildungsinstitutionen. Der zweite Trend ist zweifellos die kompliziertere. Aber er bietet auch weitergehende Entwicklungschancen. Die traditionellen institutionellen Weiterbildungs-Lernorte können durch ihre Öffnung für das Lernen "draußen", für das Lernen an anderen, offeneren, virtuelleren Lernorten und durch ihr Engagement für die Entwicklung einer umfassenden gesellschaftlichen Lernkultur einen wesentlich erweiterten Verständnishorizont und Aktionsradius bekommen, der sie in neue Lerndimensionen, Erfahrungsfelder und Tätigkeitsbereiche führt - und der gerade dadurch auch ihr Überleben und ihre zeitgemäße Weiterentwicklung in schwierigen Zeiten, in denen die Teilnehmerzahlen an den traditionellen Semesterkursen und die öffentlichen Zuschüsse dafür zurückgehen, sichern kann.

Die Bildungsinstitutionen werden allgemein auch für ihre normale Aufgabe etwas profitieren von der Entwicklung einer umfassenderen Lerngesellschaft. Die Lehrer klagen ja immer wieder, sie würden von der Gesellschaft alleingelassen und müßten sich mit Schülern herum schlagen, die keinerlei "Lernlust" hätten, weil sie außerhalb der Schule zu allem an deren angeregt würden, nur nicht zum Lernen. Im Weiterbildungsbereich führt diese Lernunlust dazu, daß mehr als die Hälfte der Erwachsenen überhaupt nicht zur Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen zu bewegen ist.

Die breitere Entwicklung des "natürlichen" situativen Lernens innerhalb und außerhalb der Bildungsinstitutionen und die Förderung einer fernanregenden gesellschaftlichen Umwelt können hier eine wesentliche Unterstützung auch für das Lernen in den Bildungsinstitutionen bringen. Denn es geht ja vor allem darum, eine Gesamtatmosphäre zu schaffen, die das Lernen in all seinen Formen und an den verschiedensten Lernorten fördert.

Diese neue politisch-wirtschaftlich-kulturelle Lernbewegung setzt auf die wichtigste Ressource, die wir für die Selbstbehauptung in einer kritischen Umbruchphase haben: die Menschen und ihre Kompetenzen, ihre kreative Lebenskraft, ihren geistigen Selbstbehauptungs- und ihren sozialen Überlebenswillen. Die öffentliche Verantwortung für die Bildungsmöglichkeiten der Bürger und Bürgerinnen muß sich angesichts der erweiterten Konzeption eines lebenslangen Lernens aller in einer umfassenderen Lerngesellschaft auch entsprechend erweitern. D.h. sie muß sich in Zukunft sowohl auf die Förderung der Bildungsinstitutionen beziehen wie auf die Sicherung von Rahmenbedingungen, Zugangsmöglichkeiten für die Lernenden und Anerkennung der verschiedensten Lernwege und Lern formen.

Ein neuer Lernaufbruch ist erforderlich

Insgesamt gesehen laufen die hier skizzierten neuen Überlegungen und Perspektiven zur Verwirklichung der bildungspolitischen Leitvorstellung von einem konstruktiven "lebenslangen Lernen aller" darauf hinaus,

  • daß im Bereich der Erwachsenenbildung die Konzentration auf das pädagogisch organisierte Lernen in Bildungsinstitutionen mehr und mehr er weitert wird durch die Einbeziehung aller Formen des menschlichen Lernens, besonders auch des informellen Selbstlernens der Menschen in ihrer Lebens und Arbeitswelt,
  • daß das selbstgesteuerte Lernen auf der einen Seite und die organisierten Lernangebote auf der anderen Seite in ein neues fruchtbares Verhältnis zueinander gebracht werden,
  • daß zur Unterstützung des situativen Selbstbehauptungs- und Partizipationslernens der Menschen in einer sich rasch wandelnden Umwelt mehr offene modulare Lernmaterialien entwickelt und ad hoc abrufbare Lernhilfen bereit gestellt werden und
  • daß das lebenslange Lernen in all seinen Formen und Interessenrichtungen getragen wird von einer Lerngesellschaft, in der alle Einzelansätze synergetisch zusammenwirken und so etwas wie eine belebende politisch-sozial-kulturelle Lernbewegung auslösen, die alle Formen menschlichen Lernens selbstverständlich auch die planmäßigen Weiterbildungsveranstaltungen erfaßt, ihnen neuen Auftrieb gibt und zu einer neuen Kultur des menschlichen Lernens führt.

Wir brauchen jetzt einen neuen Lern Aufbruch, einfach weil es mehr und mehr zu einer Überlebensfrage für uns wird, ob sich die bisher noch brachliegen den menschlichen Kompetenzen durch ein vitaleres, umfassenderes und zugleich konzentrierteres und innovativeres Lernen in einer lernfördernden Umwelt in breiterem Maße entwickeln wer den.

Ohne diese breitere Mobilisierung gerade auch der kreativen Fähigkeiten werden wir eine sich zuspitzende kritische Gesamtsituation nicht auf eine humane, friedliche und auch nachfolgenden Generationen gegenüber solidarische Weise bewältigen können.