Zeitschrift

Über den Kirchturmshorizont hinaus:
überlokale Zusammenarbeit

Wirtschaftsförderung als Standortdialog

Roland Sturm


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Inhalt


Mehr als "Absiedlungsverhinderungspolitik"

Die Anforderungen an eine erfolgreiche regionale Wirtschaftsförderungspolitik

Prof. Dr. Roland Sturm lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Ein entscheidendes Argument für die Schaffung leistungsfähiger Regionen ist die Verstärkung von wirtschaftlichen Standortvorteilen angesichts eines sich verschärfenden Wettbewerbs, nicht nur im Rahmen der Globalisierung, sondern bereits schon im Kontext des europäischen Integrationsprozesses. Von daher gehört Wirtschaftsförderung zu den zentralen Aufgaben einer Region. Zielvorstellung ist die "lernende" Region, die sich im internationalen Wettbewerb zurecht findet, die Standortvorteile erkennt und optimal vermarktet. Dazu ist die Kooperation aller Beteiligten vonnöten. Die Institutionen der Region verstehen sich dabei als Dienstleister. Auch die Sozialwissenschaften haben hier ihren Stellenwert, wie beispielsweise die TransRegioCooperation an der Universität Erlangen-Nürnberg zeigt.
Red.


Wenig Klarheit über die Wirksamkeit

Die Literaturfülle sowohl zum Thema "Standortpolitik" als auch zum Thema "Wirtschaftsförderung" ist kaum noch zu übersehen. Quantität hat hier aber leider oft wenig mit Qualität zu tun. Ermüdend und wenig erhellend sind zum einen die vielfachen Redundanzen, wenn es um Strategieempfehlungen für die Wirtschaftsförderung geht, und zum anderen die Beschwörung richtiger, aber an sich noch nicht weiterführender Zusammenhänge, wie der Feststellung, daß der Konsens der Akteure vor Ort nicht nur Voraussetzung für den Standortdialog ist, sondern eine wichtige Ressource mit eigenem Gewicht, um auf dem Wege der Selbstverpflichtung das weitergehende Engagement der Akteure vor Ort abzusichern.

Es soll hier nicht der Eindruck vermittelt werden, als sollte die Standortdiskussion in der Zukunft - im Unterschied zur bisherigen Praxis - umstandslos an völlig neuen Ideen festgemacht werden. Aber es ist erforderlich, auf zwei grundsätzliche Probleme hinzuweisen, denen die Publikationen zu Standortfragen häufig ausweichen. Die eine Schwierigkeit besteht in unserem relativ geringen Wissen sowohl über die Wirksamkeit der diskutierten Strategien als auch über die Wechselwirkung von Einzelstrategien und über deren überörtliche Übertragbarkeit. Die vergleichende Evaluierung der lokalen und regionalen Standortpolitik ist ebenso schwach entwickelt wie die Berücksichtigung regional-kultureller Unterschiede als Rahmenbedingungen für die Standortpolitik.1 Daß letztere bedeutsam sein können, wurde bisher am deutlichsten von Putnam u.a.2 für das Entwicklungsgefälle zwischen Nord- und Süditalien nachgewiesen. Fortschritte in Evaluierungsbemühungen wurden vor allem da gemacht, wo die regionalen Fördermittel in den Ländern im Wettbewerb der regionalen und örtlichen Antragsteller vergeben werden.3

Eine dramatische Verschärfung der Standortkonkurrenz durch die europäische Integration

Eine weitere, immer gravierender werdende Schwierigkeit für lokale und regionale Strategien der Wirtschaftsförderung ist der zunehmende Bedeutungsverlust der kommunalen und der lokalen Ebene als Initiatoren wirtschaftlicher Prozesse. In letzter Zeit ist durch spektakuläre Firmenfusionen die weltweite Ausrichtung großer Industrieunternehmen wieder ins Gedächtnis gerufen worden. Neu ist das Phänomen der, wie es in den siebziger Jahren hieß, "multinationalen Konzerne" aber nicht. Das Kräfteverhältnis Kommune - Weltunternehmen war immer eindeutig bestimmbar. Neu ist aber für die lokale und regionale Ebene eine andere Entwicklung, nämlich die beschleunigte europäische Wirtschaftsintegration mit ihren weitgehenden Folgen für lokale und regionale Handlungsparameter, Folgen, die noch nicht alle Akteure vor Ort in ihrer Tragweite begriffen haben. Die Stichworte Binnenmarkt, Euro und Osterweiterung der EU stehen für eine dramatische Verschärfung der Standortkonkurrenz in erster Linie um kleine und mittlere Betriebe, nicht nur im Hinblick auf die Ansiedelung neuer Betriebe, sondern auch und in der Zukunft immer stärker im Hinblick auf die Verteidigung des Bestandes dieser Betriebe vor Ort. Standortpolitik bleibt also auch im erweiterten europäischen Rahmen, wie es gelegentlich genannt wurde, "Absiedlungsverhinderungspolitik"4. Lokale und regionale Wirtschaftsförderungsstrategien, die ihre Schwerpunkte ohne Berücksichtigung der Strategien internationaler, nationaler oder regionaler Konkurrenten setzen wollen, sind deshalb in der großen Gefahr, den kommenden Herausforderungen nicht gewachsen zu sein.

Die europäische Ebene interveniert zudem

Hinzu kommt die Neudefinition lokaler und regionaler Handlungsräume durch die Intervention der europäischen Ebene, die von der Subventionskontrolle5 bis hin zur Auswahl zu subventionierender Fördergebiete reicht. Hier werden die Definitionen von Rahmenbedingungen immer konkreter. So sollen beispielsweise die Strukturfondsmittel (Ziel 2) nach den Plänen der Agenda 2000 im Zeitraum 2000 bis 2006 u.a. auch für dicht besiedelte städtische Gebiete fließen, wenn sie mit Problemen wie einer stark verbreiteten Armut, einer hohen Kriminalitätsrate oder einem niedrigen Bildungsstand konfrontiert sind. Ohne entsprechende Kapazitäten in der Region, die Veränderungen dieser Qualität reflektieren und sich auf Dauer mit hoher Konzentration der EU-Programmentwicklung widmen, ist effiziente regionale Standortpolitik nicht mehr möglich.

Weshalb zu wenig ausländische Direktinvestitionen?

In der Diskussion um den Standort Deutschland wurde immer wieder bemängelt, es fehle in Deutschland die Fähigkeit, ausländische Direktinvestitionen mindestens in dem Umfange einzuwerben, in dem solche Investitionen von deutschen Firmen im Ausland getätigt werden. Insbesondere in Ostdeutschland wurde das zurückhaltende Engagement ausländischer Investoren als Mangel empfunden. Die Gründe für das solcherart charakterisiertes "Versagen" in der Standortpolitik wurden meist in der Wirtschafts- und Sozialverfassung Deutschlands gesehen (z.B. nicht ausreichende Flexibilität des Arbeitsmarktes, Überregulierung, Überbesteuerung).

Solche Parameter sind auf regionaler Ebene kaum neu zu justieren. Dennoch ist unbestritten, daß ein verstärktes Engagement ausländischer Firmen in den deutschen Regionen höchst willkommen wäre. Erfahrungen aus dem Ausland lehren uns jedoch, daß diese die einheimischen Investitionen nicht völlig verdrängen bzw. ersetzen sollten. So wurde z.B. Wales lange Zeit als Paradebeispiel der segensreichen Wirkungen ausländischer Direktinvestitionen genannt, da es hier gelang, eine alte Industrieregion nach dem Niedergang von Kohle, Stahl und Schiffbau zu revitalisieren. Obwohl Wales nur einen Bevölkerungsanteil von 5% des Vereinigten Königreichs stellt, flossen 20% der dortigen ausländischen Direktinvestitionen nach Wales. Der Preis des Erfolgs war allerdings auch eine Einbindung der Region in den internationalen Wettlauf um niedrige Löhne und niedrige Steuern sowie die mangelnde Fähigkeit, einer eventuellen Krise der Weltwirtschaft aus eigener Kraft zu trotzen, wie inzwischen auch vom Wales-Ministerium eingeräumt wird.6

In der deutschen Situation ist nur eine Strategie denkbar, die die Internationalisierung der Standorte mit der Entwicklung der endogenen Standortmöglichkeiten koppelt. Die Frage, die sich aus der Sicht der Regionen stellt, ist, ob diese Koppelung durch ein Nebeneinander von regionalen Initiativen zur Entwicklung der produktiven Potentiale vor Ort und Standortwerbung zur Ansiedlung internationaler Unternehmen stattfinden soll oder ob es noch einen anderen Weg gibt, der die Regionen stärker in den Internationalisierungsprozeß einbindet und diesen aber deutlicher nach regionalen Interessen ausrichtet. Ein Kriterium könnte die Kompatibilität des Profils der Region mit dem Profil der Neuansiedler sein.

Die "lernende" Region als Zielvorstellung

Voraussetzung für die Orientierung der regionalen Entwicklung am regionalen Interesse ist die Etablierung bis hin zur Institutionalisierung eines regionalen Standortdialoges, der den Austausch zwischen den relevanten regionalen Akteuren organisiert. Der erste Schritt ist hier die regionale Selbstorganisation.7 Regionen konstituieren sich als spezifische und flexible Interaktionszusammenhänge. Die Akteure, die sich als Träger regionaler innovationszentrierter Wirtschafts- und Industriepolitik zusammenfinden, vernetzen sich zielbezogen. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, daß es kein allgemeingültiges Muster für diese Vernetzung gibt. Sie variiert vielmehr mit dem regionalen Aufgabenbestand und den regionalen Kontextbedingungen, sowohl inhaltlich als auch im Hinblick auf ihre institutionelle "Verdichtung".8 Gewisse Variationen gibt es auch hinsichtlich der Inklusion oder Exklusion bestimmter Akteure. Fehlt eine Universität vor Ort, so spielt die Wissenschaft eine geringere Rolle; sind die Gewerkschaften, wie in Nordrhein-Westfalen, in einer starken Position, findet man sie auch in lokalem und regionalem Rahmen als Mitgestalter. Lokale Banken, v.a. die Sparkassen, mögen Finanzierer sein, Projekte können aber auch auf öffentlichen Mitteln beruhen. Politik sowie regionale Wirtschaft und ihre Organisationen sind unabdingbar Beteiligte am regional-ökonomischen Diskurs. Die sozialwissenschaftliche Begriffsbildung hat eine Einordnung dieser Diskurse in die Korporatismusdebatte vorgeschlagen und unterscheidet zwischen selektivem und alle Gruppen vor Ort beteiligendem integrativen Korporatismus auf der Mesoebene.9 Sehr erhellend ist diese Umbenennung des regionalen Diskurses nicht, auch wenn sie auf den aus demokratietheoretischer Perspektive eventuell strittigen Tatbestand verweist, daß eine auf der Ebene von lokalen Verwaltungen, Unternehmen und Interessengruppen aufgebaute Interaktionsbeziehung zugunsten von Effizienz und Handlungsfähigkeit in der Regel auf die Bestellung der Diskursteilnehmer unmittelbar durch Wahlen verzichtet.

Die Notwendigkeit regionaler Konzertierung

Solche erstmals schon Ende der achtziger Jahre entwickelten Konzepte, die die Notwendigkeit der regionalen Konzertierung betonen, dürften heute, zumindest was ihre praktische Relevanz betrifft, unumstritten sein, wie nicht zuletzt das Aufblühen des Regionalmarketing nahelegt, das ja ohne einen wie auch immer gearteten Konstitutierungsprozeß einer Region nicht möglich wäre, auch wenn die Existenz substanzärmeren Wildwuchses durch Imitation in diesem Bereich wegen der fehlenden empirischen Aufarbeitung der Regionalmarketing-Initiativen nicht ausgeschlossen werden kann10. Wer nach umfassenderen gesellschaftspolitischen Begründungen für den Standortdialog sucht11, kann sich auf Ansätze in der Kommunitarismusliteratur berufen oder noch spezifisch ökonomischer auf die Ideen von Michael Schluter und David Lee12, die in einem im englischsprachigen Raum weit beachteten Taschenbuch Thesen zu einer relational market economy und sogar einer relational democracy entwickelten, deren Kern der regionale Dialog ist. Die Vorteile des Standortdialogs wurden von Heinze13 so zusammengefaßt:

- "Zugewinn an Partizipation der relevanten Kräfte und Interessen;

- Zusammenführung von Ressourcen und Detailinformationen;

- bessere Konzertierung und Abstimmung der einzelnen Maßnahmen:

- dadurch höhere Effektivität und Effizienz (Bündelungseffekte)

- verbesserte Transparenz;

- erhöhte Legitimation der einzelnen Maßnahmen;

- Einbindung der beteiligten Akteure in konsensfähige gemeinsame Perspektiven."

Ein funktionierender Standortdialog mobilisiert die regionalen Ressourcen optimal, weil er Motivation erzeugt, die durch die Verfahren der Konsensbildung auf Dauer erhalten werden kann. Sind solche Konsensbildungsmechanismen stärker institutionalisiert, z.B. in der Form einer Entwicklungsgesellschaft, fällt unter Umständen auch die gemeinsame Entscheidungsfindung leichter. Sind die Repräsentanten regionaler Interessen in solchen Entscheidungsprozessen demokratisch legitimiert, verbessert sich die Chance, allgemeine Akzeptanz für die eingeschlagene Richtung der regionalen Zusammenarbeit zu finden.

Innovationen möglich machen

Dynamisch und damit konkurrenzfähig wird eine dialogorientierte Standortpolitik aber erst, wenn es ihr gelingt, die Diskursstrukturen vor Ort in einer Weise offen zu halten, die garantiert, daß der örtliche Status quo weiterentwickelt wird. Imagekampagnen nach dem Motto: "Wir sind bereits die Größten" führen weder dazu, daß die Firmen in der Region ihre Lage realistisch einschätzen, noch dazu, daß ein regionales Profil erkennbar wird, das jene potentiellen auswärtigen Investoren überzeugt, die sich nicht bereits von der großspurigen Imagewerbung abschrecken lassen. Kern des Offenhaltens der Dialogfähigkeit einer Region ist der Erhalt bzw. die Weiterentwicklung ihrer Lernfähigkeit, sowohl was die wissenschaftlich-technische Basis regionaler Produktionsstrukturen angeht als auch im Hinblick auf die Fähigkeit der Anpassung regionaler Entwicklungsstrategien angesichts sich rasch verändernder Rahmenbedingungen für die regionale Standortpolitik. Als einer der ersten Praktiker im deutschen Sprachraum hat Heinz Kruse auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht und bemerkt: "Entscheidend für die regionale Leistungsfähigkeit ist die Fähigkeit regionaler Strukturen, Neues in Form von Produkten und Produktionsprozessen in einem flexiblen Anpassungsprozeß möglich zu machen."14

Inzwischen wurden in der wissenschaftlichen Diskussion seine Anregungen und die anderer Praktiker vertieft bis hin zur Entwicklung von Modellen Regionaler Innovationssysteme.15

Die Möglichkeit der regionalen Steuerung von Forschungs- und Technologieinvestitionen wird inzwischen aber auch stärker differenziert gesehen und entsprechend vorsichtiger beurteilt.16 Es steht fest, daß technologischer Fortschritt nicht abstrakt postuliert und staatlich übertragen werden kann. Die häufig zu lesende Forderung, Bestandsentwicklung müsse "der Umsetzung neuer technischer Erkenntnisse und von Innovationen in den Betrieben der Region"17 dienen, ist zu pauschal. Regionale Impulse werden, was niemanden überraschen sollte, von der Industrie interessengeleitet und nach einzelbetrieblicher Rationalität umgesetzt. Die Kooperationsformen und die Kooperationstiefe im regionalen Kontext variieren mit der einzelbetrieblichen Fördersensibilität. Die Region kann sich hier nur als Dienstleister verstehen und bestenfalls versuchen, durch die flexible Anpassung dieser Dienstleistungsfunktion einen Beitrag zur Verbesserung der wissenschaftlich-technischen Komponente des Standortdialogs zu leisten.

Wenn der Markt nicht mehr an den nationalen Grenzen endet

Den begrenzten Möglichkeiten der Region hinsichtlich der direkten Verbesserung der Wissensbasis des Standortdialogs stehen ihre weit größeren Möglichkeiten des strategischen Einsatzes der innerhalb der Region aufgebauten Kooperationsbeziehungen gegenüber, die den Zugang zu neuen Ideen und neuen Märkten für die Dialogpartner erleichtern können. Für alle Regionen gilt es, sich zu vergegenwärtigen, daß der wirtschaftlich leicht zugängliche, weil weitgehend vereinheitlichte und mit einer gemeinsamen Währung versehene, Markt nicht an nationalen Grenzen endet. Aber auch für das Erschließen anderer Märkte außerhalb der Region kann die regionale Wirtschaftszusammenarbeit als Katalysator wirken. Hier werden noch längst nicht alle Möglichkeiten genutzt.

Die Bedeutung des sozial- und geisteswissenschaftlichen Wissenstransfers: das Beispiel TransRegioCooperation

Ein in diesem Zusammenhang weiterführender und weiter zu führender Gedanke ist die Ergänzung des naturwissenschaftlich-technologischen Wissenstransfers von den Universitäten zu den Betrieben durch den sozial- und geisteswissenschaftlichen Wissenstransfer zur Erhöhung der nationalen und internationalen Strategiefähigkeit der "lernenden" Region. Zu eben diesem Zwecke wurde an der Universität Erlangen-Nürnberg die Forschungs- und Beratungsstelle TransRegioCooperation eingerichtet18, die sich nicht nur als Ideengeber, sondern auch als Service-Stelle für die Erweiterung des Standortdialogs begreift. Konkret wird diese Servicefunktion unter anderem:

a) in der Antragstellung bzw. in der Hilfestellung für die Antragstellung für zusätzliche der Region zugute kommende Mittel. Viele Regionen benötigen vor allem Hilfe in denjenigen Fällen, in denen z.B. die EU als potentieller Geldgeber bzw. Adressat von Anträgen in Frage kommt, Hilfe, wegen Sprachproblemen, dem fehlenden Überblick über Programmangebote oder wegen der fehlenden Bereitschaft der Repräsentanten der Region, in Brüssel selbst vorzusprechen.

b) in der Vernetzung unterschiedlicher nicht-naturwissenschaftlicher Wissensfelder, z.B. juristischer Fragen des Wettbewerbsrechts mit ökonomischen Fragen der Wettbewerbsordnung und politikwissenschaftlicher Fragen zum Stande und den Erfolgsaussichten von Gesetzgebung bzw. den diese eventuell blockierenden Interessenkonstellationen. Hinzu kommt das Einbeziehen jüngster Forschungsergebnisse bzw. vergleichender Erhebungen, z.B. zu den Erfahrungen mit der Standortpolitik in anderen Regionen, in die Beratungsleistung.

c) in der internationalen Kommunikationskompetenz, d.h. zum Beispiel Hilfestellung bei der Überwindung von Sprachbarrieren im Kontext der Anbahnung von regionalen Wirtschaftskontakten mit dem Ausland, einschließlich des Suchens und Vermittelns von strategischen Kontaktpersonen. Für einige der Projekte der TransRegioCooperation wurden beispielsweise solche Kontakte mit ungarischen Regionen geknüpft.

d) in der auslandskundlichen Kompetenz, d.h. die Serviceleistung umfaßt auch die nötigen Informationen über das ausländische Regierungssystem, einschließlich der Kompetenzverteilung von Regierung und Verwaltung und der verfassungsrechtlichen Stellung von Regionen und Kommunen und einschließlich der Charakterisierung der vorherrschenden Wirtschaftsphilosophie im Partnerland und der politisch-kulturellen Rahmenbedingungen regionaler Kooperation sowie von Prognosen über die Verläßlichkeit der Vertragspartner bzw. über die Stabilität von Regierungen und Regierungssystemen.

Die Notwendigkeit der transregionalen Kooperation

Serviceleistungen knüpfen an Regionalprofilen an, die in den kooperierenden Regionen zu erstellen sind. Auszugehen ist dabei von den zentralen Kompetenzfeldern der jeweiligen Regionen. Schon in der Phase des Dialogs einer Region mit sich selbst, also der konsensbildenden Selbstorganisation, bietet die Suche nach regionalen Kompetenzfeldern den Ausgangspunkt für regionale Strategien zur Bestandspflege und strategischen Planung19. In der "transregionalen" Kooperation gilt es, interregional möglichst kompatible Kompetenzfelder ausfindig zu machen. Der Standortdialog wird so in seinem Kern nicht verändert, aber ausgeweitet. Dies bedeutet, auch die oft etwas voreilige Flucht von regionalen Wirtschaftsförderern in die bequeme Nische vor Ort unter der Überschrift "Entwicklung des endogenen Potentials", ist so nicht mehr haltbar. Gerade in der interregionalen, einschließlich der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bieten sich wichtige zusätzliche Möglichkeiten, den Standortdialog durch die Einbeziehung neuer Dialogpartner zu erweitern und die Regionalentwicklung voranzubringen.

Der geistes- und sozialwissenschaftliche Wissenstransfer und die Vermittlung des interregionalen Dialogs im Hinblick auf kompatible Kompetenzfelder bedeutet für TransRegioCooperation die Wahrnehmung der Rolle des Katalysators. Dies geschieht nicht in Konkurrenz zu den "geborenen" Vertretern regionaler Interessen, wie der Industrie- und Handelskammern oder den städtischen Ämtern für Wirtschaft, sondern auf der Grundlage der von diesen geäußerten Erwartungen. Vor allem aber nimmt TransRegioCooperation eine Querschnittsfunktion wahr, die außerhalb des Erwartungshorizonts liegt, der sich mit der Routine regionaler Wirtschaftsförderung verbindet. Nur nebenbei sei bemerkt, daß die praktische Erfahrung zeigt, daß es oft erst Organisationsformen mit Querschnittscharakter sind, denen es gelingt, örtliche Kooperationspartner zusammenzubringen, die nach ihrem eigenen Anspruch schon längst Dialogpartner sein sollten.

Zentral sind Information und Lernfähigkeit

Der Standortdialog kann also kein von der Außenwelt abgeschlossener Kommunikationsprozeß bleiben. So wichtig es ist, in der Region Konsens und Dialogfähigkeit herzustellen, so richtig ist aber auch, daß diese Errungenschaft nur Ertrag abwirft, wenn sie strategisch eingesetzt wird. Damit ist nicht die nächste regionale Imagekampagne gemeint, zumal in der Literatur inzwischen unverblümt davon gesprochen wird, daß "im Ergebnis Aktionen zum Standortmarketing in den meisten Fällen allenfalls der Befriedigung lokaler Eitelkeiten dienen, als tatsächlich eine Betriebsansiedelung zu fördern".20 Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit zur Dynamisierung des Dialogs vor Ort durch regionale Lernfähigkeit, sei es mit der Hilfe von Katalysatoren, wie beispielhaft am Modell der TransRegioCooperation dargestellt, sei es durch eigene Flexibilität, die die regionalen Handlungsparameter im europäischen Raum immer neu justiert und bei optimaler Informiertheit immer aufs Neue den regionalen Konsensbedarf absichert.

Der Standortdialog ist, wenn er zustande kommt, ein Erfolg, er ist aber kein Selbstzweck. Seinen Zweck erfüllt er nur dann, wenn sich durch ihn die regionale Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Dies geschieht nicht, wenn die Regionen ihren Handlungsrahmen nur regional definieren. Eine "Internationalisierung", mindestens aber eine radikale "Europäisierung" des Koordinatensystems der regionalen Wirtschaftsentwicklung ist dringend geboten. Möglich wird die lernende Region aber nur, wenn "Information" für die und in der Region einen ebenso großen Stellenwert gewinnt, wie dies zuletzt den Versuchen zur regionalen Konsenssuche zugeschrieben wurde. Es wurde argumentiert, daß bereits "mit der Schwerpunktverlagerung von der Neuansiedelungs- zur Bestandspflege-Strategie" in der regionalen Wirtschaftsförderung, "die Anforderungen an die Informationsgrundlagen der Wirtschaftsförderung beträchtlich gestiegen"21 seien. Noch viel mehr gilt dies heute im Zeitalter der Regionalkonkurrenz in der EU bzw. auf dem europäischen Binnenmarkt. Der geistes- und sozialwissenschaftliche Wissenstransfer ist hier eine Ressource, die im oben erwähnten Sinne genutzt werden könnte, aber bisher weitgehend brach liegt.

Anmerkungen

1) Vgl. Meinhard Miegel: Wirtschafts- und arbeitskulturelle Unterschiede in Deutschland, Gütersloh 1991.

2) Robert D. Putnam: Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy, Princeton 1993.

3) Vgl. z.B. Martin Gornig/ Kathleen Toepel: Evaluierung wettbewerbsorientierter Fördermodelle. Das Regionalprogrammm für strukturschwache ländliche Räume in Schleswig-Holstein, Berlin 1998.

4) Ulf Hahne: Neuere Entwicklungen in der Regionalförderung, in: Rudolf Ridinger/ Manfred Steinröx (Hrsg.): Regionale Wirtschaftsförderung in der Praxis, Köln 1995, S. 20.

5) Ausführlicher: Frank Nägele: Die "graue Eminenz" der regionalen Wirtschaftspolitik. Zur regionalpolitischen Bedeutung der EG-Beihilfenkontrolle in der Bundesrepublik Deutschland, in: Staatswissenschaften und Staatspraxis 1997, S. 109-130.

6) Financial Times, 16./17.5.1998, S. 4.

7) Roland Sturm: Regionalisierung der Wirtschafts- und Industriepolitik als strategische Option?, in: Politische Studien 48 (352) 1997, S. 138ff.

8) Helge-Lothar Batt: Kooperative regionale Industriepolitik, Frankfurt am Main etc. 1994.

9) Wolfgang Krumbein: Industriepolitik: Die Chance einer Integration von Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, in: Ulrich Jürgens/ Wolfgang Krumbein (Hrsg.): Industriepolitische Strategien. Bundesländer im Vergleich, Berlin 1991, S. 34-56.

10) Michael Richter: Regionalisierung und interkommunale Zusammenarbeit. Wirtschaftsregionen als Instrumente kommunaler Wirtschaftsförderung, Wiesbaden 1997, S. 107.

11) Vgl. auch Roland Sturm; Die Industriepolitik der Bundesländer und die europäische Integration, Baden-Baden 1991, S. 144ff.

12) Michael Schluter/ David Lee: The R Factor, London etc. 1993.

13) Rolf G. Heinze/ Helmut Voelzkow: Kommunalpolitik und Verbände. Inszenierter Korporatismus auf lokaler und regionaler Ebene?, in: Hubert Heinelt/ Hellmut Wollmann (Hrsg.): Brennpunkt Stadt, Basel etc. 1991, S. 198.

14) Heinz Kruse: Reform durch Regionalisierung. Eine politische Antwort auf die Umstrukturierung der Wirtschaft, Frankfurt am Main/ New York 1990.

15) Vgl. z.B. Philip Cooke/ Gerd Schienstock: Structural Competitiveness and Learning Regions. Paper Prepared for the Workshop "Economic Performance Outcomes in Europe: the Role of National Institutions and Forms of Economic Organisation", WZB Berlin 1997.

16) Roland Sturm: Kooperative Steuerung auf dem Gebiet der Technologiepolitik, in: Rüdiger Voigt (Hrsg.): Der kooperative Staat, Baden-Baden 1995, S. 257-296.

17) Hahne, a.a.O., S.21.

18) Lehrstuhl Prof. Dr. Roland Sturm, Leiter: Dr. Edmund Ortwein.

19) Beispielhaft: Godehard Neumann: Regionales Change-Management, in: WSI-Mitteilungen 49 (12) 1996, S. 758.

20) Manfred Steinröx: Kommunale Wirtschaftsförderung. Etikettenschwindel oder Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung, in: Rudolf Ridinger/ Manfred Steinröx (Hrsg.): Regionale Wirtschaftsförderung in der Praxis, Köln 1995, S. 90.

21) Johann Welsch: Kommunale Wirtschaftsförderung zwischen Ansiedlungskonkurrenz und Beschäftigungspolitik, in: WSI-Mitteilungen 39(11) 1986, S. 722.

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